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Gedichte. Dramen. Prosa. Briefe

Hrsg. v. Jörg Drews

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Produktdetails


Einband Taschenbuch
Herausgeber Jörg Drews
Seitenzahl 242
Erscheinungsdatum 1997
Serie Reclam Universal-Bibliothek 9929
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-15-009929-2
Verlag Philipp Reclam Jun.
Maße (L/B/H) 151/98/13 mm
Gewicht 114
Abbildungen schwarzweisse Fotos
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„Niemand war von so vorgetriebenem Expressionismus in der Literatur“ (Döblin 1915)
von Zitronenblau am 11.08.2012

„august stramm hat für mich in der dichtung eine ähnlich zentrale bedeutung wie arnold schönberg in der musik und wassily kandinsky in der bildenden kunst.“ Dieses Zitat von Gerhard Rühm zeugt nicht nur von einem höchsten Respekt, es räumt Stramm einen geradezu olympischen Platz ein unter den modernen Dichtern.... „august stramm hat für mich in der dichtung eine ähnlich zentrale bedeutung wie arnold schönberg in der musik und wassily kandinsky in der bildenden kunst.“ Dieses Zitat von Gerhard Rühm zeugt nicht nur von einem höchsten Respekt, es räumt Stramm einen geradezu olympischen Platz ein unter den modernen Dichtern. Inwieweit Rühm hier nicht zu viel des Lobes rühmt, sei an dieser Stelle dahin gestellt. Stramms (1874 – 1915) schmales Werk wird in der vorliegenden Reclam-Ausgabe vorgestellt. Allem Werke voran referiert der Dichterkollege auf das lyrische Werk Stramms, auf das ich nun eingehen möchte. Das Be- bzw. Auszeichnende seiner Lyrik ist relativ schnell festgemacht. Beginnen wir mit der Form der Gedichte, so erkennen wir eine Verknappung des Verses. Er wird soweit reduziert, dass stellenweise kein Versmaß, d.h. Einsilbigkeit vorliegt. Nur selten zeigt sich ein mehrhebiger Versfuß (oftmals jambisch, trochäisch im Wechsel, mit Mühe auch Daktylen). Doch erlaube ich mir die These, dass das Aufsuchen der Versfüße vergebene Müh ist eingedenk der von Stramm bewusst evozierten Sprunghaftigkeit, Ökonomie und vor allem der formal expressiven Verneinung eines poetischen Ordnungsprinzips. Zugleich aber zerfällt die agrammatische Lyrik nicht ins Chaotische sondern wird – wie ich meine – seriell. Ich metaphorisiere: Wortfließband. Die Wörter selbst nun sind Verwandlungen. Nomen wird zu Verb („Denken schicksalt“, „Sträucher blättern raschlig“). Dinge werden anthropomorphisiert („Wolken greifen fest das Haar“). Interpunktion gibt es so gut wie keine, wenn überhaupt ein Punkt am Ende des Poems, ansonsten Ausrufezeichen. Teilweise reduzieren sich Gedichte nur noch zu (Ein-)Wortkettenfolgen („Weltwehe“, „Die Menschheit“, bes. „Urtod“). Ohne stark in eine Interpretation einsteigen zu wollen, wird diesem Stil das Maschinenhafte vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs zugeschrieben. Das ist durchaus diskutabel. Jedoch sehe ich hier in erster Linie eine neue Ästhetik des Wortes. Die Reduktion des Ausdrucks auf das Wort macht es unglaublich Affekt geladen. Es kontaminiert in Ding und Bewegung, ja Handlung als Wahrgenommenes. Insgesamt aber ist die Form Stramms innovativ, der Inhalt zum Teil durch die thematisierte Erfahrung einer neuen Dimension des Krieges („Tropfblut“), der das Weltbild beherrscht, sodass selbst die Liebesgedichte (übrigens das „Du“ hat eine ganz besondere Stellung im Werk Stramms, s. das wirklich sehr gute Gedicht „Wunder“) sich jeglicher Ornamentik und formal-ästhetischer Großzügigkeit entziehen. Die abgebildeten Briefe in dieser Ausgabe sind der zweite Höhepunkt: „Eine Kerze, Ofen, Sessel, Tisch. Alles Konform der Neuzeit. Die Kultur des 20. Jahrhunderts. Und oben drauf klatscht es ununterbrochen! Klack! Klack! Scht.summ! Das ist die Ethik des 20. Jahrhunderts. Und neben mir aus der Wand ringeln sich einige Regenwürmer. Das ist die Ästhetik des 20. Jahrhunderts.“ Expressionistischer Lyrismus, Benn antizipierend, zeigt sich in „Über mir im Strauch singt eine Nachtigall durch Brandgeruch und Leichenmoder...“ Schlussendlich würde ich Stramm wohl eher nicht jene rühmliche von Rühm attestierte Stellung einräumen. Mag er der erste dieser „seriellen“ Wortkaskadedichtungen sein, die nebenbei auch Arno Schmidt (!!!?!!!) so sehr bewundert, doch vermag die Brechung mit der Tradition in mir nicht jenen Zauber beschwören, den ein „echtes“ Gedicht innehat. Vor Stramms kühnen Innovationen aber ziehe ich meinen Hut.

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