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Stierblutjahre

Die Boheme des Ostens

(1)
Zwischen Distanz, Skepsis und Hedonismus: »Die Boheme des Ostens«.
Ein neues Meisterwerk der brillanten Feuilletonistin Jutta Voigt: Klug und unterhaltsam erzählt sie von der Sehnsucht nach einem anderen Leben in der DDR. Künstler, Bohemiens, am realexistierenden Sozialismus Gescheiterte – sie alle suchten das richtige Sein außerhalb der Kontrolle des falschen Systems.
„Ein wunderbares Buch, sehnsüchtig, unverlogen, offen und diskret. Und schön!“ Christoph Dieckmann, DIE ZEIT.
Im Mittelpunkt des neuen Buches von Jutta Voigt steht eine Boheme, die ein elementares Interesse verfolgte: das andere Leben. In den frühen DDR-Jahren mit rebellischem Elitebewusstsein und Aufbruchspathos, zunehmend kritisch und reformerisch in den Siebzigern, distanziert bis gleichgültig in den Achtzigern. Die Künstler – von Brecht bis Müller, von Hacks bis Wawerzinek, von Berlau bis Krug, von Thalbach bis Schlesinger – wollten nur eins: als Individuen existieren, unkontrolliert sie selber sein dürfen. Besonders in den zerfallenden Mietshäusern des Prenzlauer Berg in Berlin, aber auch in Leipzig, in Dresden-Loschwitz und in der Altstadt von Halle entwickelte sich eine subkulturelle Szene zwischen Distanz, Skepsis und Hedonismus. Jutta Voigt wird in diesem Meisterwerk zur Chronistin derer, die das richtige Leben suchten. Radikal, humorvoll, oft betrunken und immer leidenschaftlich.
„Wo hört das Journalistische auf und fängt das Literarische an? Fließende Übergänge gibt es allenfalls bei den großen Namen wie Tucholsky, Kisch und Djuna Barnes – auf diese Empore gehört auch der Name Jutta Voigt.“ NDR
„Ein Bohemien ist ein Mensch, der aus der großen Verzweiflung heraus, mit der Masse der Mitmenschen innerlich nie Fühlung gewinnen zu können, ... drauf losgeht ins Leben, mit dem Zufall experimentiert, mit dem Augenblick Fangball spielt und der allzeit gegenwärtigen Ewigkeit sich verschwistert.“ Erich Mühsam.
Rezension
" [...] in diesem lebensprallen Buch [sind] Geschichten bewahrt [...] " Christina Onnasch, Thüringer Allgemeine, 15.10.16 " Dieser selbstverliebten DDR-Elite zu folgen, hat [...] einigen kulturgeschichtlichen Reiz. " Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung, 20.10.16 " Jutta Voigt beschwört die Erinnerungen [...]. " Theater der Zeit, Oktober 2016 " [...] ein literarisch anmutendes Zeugnis einer vergangenen Zeit. Liebevoll und wehmütig. " Maurice Wojach, Märkische Allgemeine, 04.11.2016
Portrait
Jutta Voigt, geboren in Berlin, Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität, Redakteurin, Essayistin und Kolumnistin bei den Wochenzeitungen Sonntag, Freitag, Wochenpost und Zeit. 2000 Theodor-Wolff-Preis.
Bei Aufbau erschienen: „Der Geschmack des Ostens. Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR“, „Westbesuch. Vom Leben in den Zeiten der Sehnsucht“. Zuletzt: „Spätvorstellung. Von den Abenteuern des Älterwerdens“. Neu im Aufbau Verlag erscheinen 2016 von Jutta Voigt: „Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens“ und „Verzweiflung und Verbrechen. Menschen vor Gericht“
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Beschreibung

Produktdetails


Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 272
Erscheinungsdatum 17.10.2016
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-351-03611-9
Verlag Aufbau
Maße (L/B/H) 221/136/27 mm
Gewicht 407
Abbildungen 13 Fotos mitlaufend
Auflage 2. Auflage
Verkaufsrang 5.847
Buch (gebundene Ausgabe)
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STIERBLUTJAHRE - Jutta Voigts lesenswerter Rückblick auf die Boheme des Ostens zwischen Aufbruch und Resignation
von j.h. aus Berlin am 25.10.2016

Betrachtet man Berlin heute, ist die exzentrische Stimmung des Aufbruchs nach dem Mauerfall nur noch in wenigen und inzwischen eher kommerziellen Ansätzen sichtbar. "Im Tresor, im Tacheles, im Eschloraque, im Oxymoron, in Hunderten stillgelegter Fabriketagen und Clubwohnungen zertanzte die Partyboheme die Engstirnigkeit der Provinz, die Spießigkeit der Eltern und... Betrachtet man Berlin heute, ist die exzentrische Stimmung des Aufbruchs nach dem Mauerfall nur noch in wenigen und inzwischen eher kommerziellen Ansätzen sichtbar. "Im Tresor, im Tacheles, im Eschloraque, im Oxymoron, in Hunderten stillgelegter Fabriketagen und Clubwohnungen zertanzte die Partyboheme die Engstirnigkeit der Provinz, die Spießigkeit der Eltern und die alltäglichen Forderungen des gewöhnlichen Kapitalismus: Geld verdienen, Pflicht erfüllen, Karriere machen. ... Die Jedermann-Boheme wuchs über sich hinaus, um nach ein paar Jahren, zurückgestutzt auf ihr angeborenes Maß, ein gewöhnliches Leben zu bevorzugen. Im Hintergrund des Undergrounds lauerte schon der Verrat, der Goldrausch." (S. 13f.) Der Prenzlauer Berg ist nach Luxussanierung mittlerweile vor allem schwäbisch gentrifiziert. Die Erinnerungen an Zeiten der fröhlichen Anarchie verblassen mehr und mehr. Ebenso erging es schon nach 1990 der Boheme des Ostens, die mit dem Treiben der jungen Wilden wenig anfangen konnte. In der Kneipe "Der Lampion" unweit vom Kollwitzplatz fand sie bis 2003 eine Art Resterampe, wo Erinnerungen gepflegt wurden. "Winziger Lampion - Zufluchtsort für aus dem Nest gefallene Vögel, die niemals flügge hatten werden müssen. Die Welt war freier geworden und kälter, in märchenhaftem Leuchten sendete der Lampion seine Botschaft der verlorenen Illusionen." (S. 21) Erinnerungen, die in immer hektischeren Zeitläufen weiter verblassten und irgendwann wohl eher zur Legende werden. Jutta Voigt (*1941) erzählt in STIERBLUTJAHRE (benannt nach dem legendären ungarischen Rotwein) teils aus eigenem Erleben einen Teil der Geschichte der DDR-Boheme, die es nach heutiger Geschichtsschreibung scheinbar gar nicht gab. Es waren keine Widerstandskämpfer, Dissidenten oder Staatsfeinde, sondern Menschen, die sich innerhalb des Systems ihre Freiräume schufen, ohne dabei das große Ganze in Frage zu stellen. Es begann schon in den 1950-er Jahren in und um Brechts Berliner Ensemble, den Künstler-Klub "Die Möwe" oder "Das Pressecafé". Madleen (Jutta Voigts zweiter Vorname) erlebt hier einiges, wobei Selbstverwirklichung schon mit existenzialistischer Kleidung beginnt. Wir begegnen Ekkehard Schall, Barbara Schall, Wolfgang Kohlhaase, Armin Mueller-Stahl, Manfred Krug, Heiner Müller oder Wolf Kaiser. Das berüchtigte 11. Plenum des ZK der SED und dessen geistiger Mauerbau wird mehr als Zäsur wahrgenommen als der physische im Jahr 1961. Eine kurze Zeit der Liberalisierung ab 1970 endet spätestens mit der Biermann-Ausbürgerung 1976, die innerhalb der Künstler-Boheme spürbar für eine unsichtbare Front sorgte. Die Boheme der 1980-er Jahre mit Punks wie Sven Marquardt oder Robert Paris war dann schon mehr Gegenkultur. Als Journalistin und Filmkritikerin bei der gelegentlich als "Hort der Konterrevolution" betrachteten Wochenzeitschrift des DDR-Kulturbundes DER SONNTAG erlebte Jutta Vogt von 1966-1990 vor allem die Berliner Boheme. Das Material wird abgerundet durch aus Gesprächen gewonnenes Material über die Subkultur in Leipzig und Dresden. In "Zeitansage" betitelten intimen Selbstaussagen lässt sie Dorothea Melis, Ruth G. Mossner, Lothar Trolle, Thomas Krüger, Katja Lange-Müller, Olaf Schwarzbach oder Bert Papenfuß zu Wort kommen. Gewidmet ist das Buch Jutta Voigts 2015 verstorbenem Ehemann, dem Dokumentarfilmregisseur Peter Voigt, der sich an seine Anfänge als jüngster Assistent Bertolt Brechts erinnert. Das im AUFBAU-VERLAG erschienene Buch STIERBLUTJAHRE ist keine Chronik der Boheme des Ostens, sondern ein Material, das Geschichte durch lebendige Erzählung der Vergessenheit entreißt. "Aber je länger die Ostzeit zurückliegt, desto stärker kommt ein Gefühl von Milde auf gegenüber den überstandenen Verhältnissen und den Erinnerungen an das einzelne Leben, vielleicht weil sich nicht alles um Geld und Besitz drehte und weil vielen ehemaligen Bohemiens die Gegenwart zu brav, zu rational, zu ökonomisch erscheint. Jeder bleibt ein Kind seiner Zeit." (Voigt im Interview mit Jana Hensel/ ZEIT ONLINE) Ein ebenso unterhaltsames wie lesenswertes Buch zur Zeitgeschichte - nicht nur für jene, die sie erlebt haben.

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