BuchhändlerInnen im Portrait

Meine Lieblingsbuchhändler

Monika Fuchs
aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg
Unsere Top-BuchhändlerInnen

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Über mich:
bin eine Buchhändlerin, die mit Herzblut dabei ist. Ich liebe gut gemachte Unterhaltungsliteratur, bei denen ich auch noch etwas über das Leben und die Geschichte lernen kann.
Alter:
59 Jahre
Abteilung:
Belletristik (Romane, Krimis, Historische)
Funktion:
Buchhändlerin
Lieblingsautoren:
Nina George, Nicole Walter, Julia Fischer, Charlotte Roth, Carmen Lobato, Lydia Conradi, Heidi Rehn, Micaela Jary
An meinem Beruf gefällt mir:
dass ich Menschen mit meinen Lieblingsbücher glücklich machen kann.
Im Beruf seit:
1982
Das beste Buch aller Zeiten:
Nina George, Das Lavendelzimmer

Meine Empfehlungen

Eine Buchhandlung in der Zeit von 1913 bis 1919

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 25.05.2022

2014 habe ich als Jury-Mitglied bei Homer meinen ersten Roman von Heidi Rehn gelesen. Das war „Der Sommer der Freiheit“. Und seitdem habe ich all ihre Romane bis auf ihren letzten Krimi begeistert gelesen. Doch seit der Romanbiografie „Die Tochter des Zauberers“ von 2020 haben sich ihre Romane inhaltlich ein wenig geändert.

Die Romane von 2014 bis 2019 spielten zumeist in der Zeit um den 1. Weltkrieg bis in die 50er Jahre. Handlungsort war fast immer München. Ganz selten gab es mal Ausflüge nach Berlin oder Baden Baden. Es waren fiktive Personen, die ganz dicht an der historischen Wahrheit ihr Leben lebten. Somit hatte man spannende Romane zu lesen, bei denen man viel über die entsprechende Zeit mitbekommen konnte. Dann kam 2020 ihr erster Krimi - „Das doppelte Gesicht“ – auf den Markt und im gleichen Jahr noch die bereits oben erwähnte Romanbiografie „Die Tochter des Zauberers“ über Erika Mann. Seit dieser Romanbiografie geht es der Autorin mehr darum, uns die „alten“ Autorinnen aus der Zeit vom Beginn des 20 Jh. bis in die 30er Jahre schmackhaft zu machen. Das nächste Buch „Vor Frauen wird“ gewarnt war ebenfalls eine Romanbiografie. Dort ging es um das Leben der Autorin Vicky Baum. Und der jetzt vor kurzem erschienene Roman „Die Buchhandlung in der Amalienstraße“ ist eine Mischung aus den früheren Romanen und den Romanbiografien.

„Die Buchhandlung in der Amalienstraße“ ist eine fiktive Buchhandlung in der Maxvorstadt in München, dem Bezirk, in dem auch die Universität angesiedelt ist. Die beiden Besitzerinnen Ruth und Theres Lämmle sind genauso fiktiv wie die beiden Hauptpersonen Elly und Henni und das weitere Buchhandelspersonal und die Freunde der beiden. Allerdings geht es in diesem Roman auch um einige Schriftstellerinnen aus dieser Zeit, die damals durchaus bekannt waren, aber in Vergessenheit geraten sind. Und gerade dies macht das Buch für BuchliebhaberInnen besonders interessant.

Der Klappentext gibt die Geschichte leider teilweise etwas falsch wieder. Nicht die Freundinnen Elly und Henni gründen einen Salon für Schriftstellerinnen, sondern ihre beiden Chefinnen sind Mitbegründerinnen des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins.
Elly ist 1913 Feuer und Flamme, als sie entdeckt, dass auch Frauen Buchhändlerinnen werden können. Da sie dadurch ihrer Mutter, einer lebensfrohen Offizierswitwe, nicht mehr auf der Tasche liegt, willigt ihre Mutter ein und Elly macht ihre Ausbildung zur Buchhändlergehilfin. Henni, ihre beste Freundin, kann leider auf Grund ihrer Schulbildung nur Bürohilfe in der Buchhandlung werden. Aber so können die besten Freundin weiterhin zusammenarbeiten und kommen in den Genuss, dass sie an viele Bücher herankommen.

Die Buchhandlung in der Amalienstraße ist schon etwas Besonderes. Sie wird von zwei unverheirateten Frauen geleitet. Neben den beiden Inhaberinnen und Elly gibt es noch eine weitere Buchhändlerin, sowie drei Buchhändler. Für die damalige Zeit war es eine extrem hohe Frauenquote. Und dazu werden in dieser Buchhandlung auch noch bevorzugt Bücher von Autorinnen verkauft, bzw. Lesungen mit Autorinnen veranstaltet. Durch diese Besonderheiten haben die Lämmles öfter einmal einen polizeilichen Zensor im Haus.

In diesem Roman verfolgen wir sowohl der Geschichte der beiden Freundinnen Elly und Henni als auch dem Schicksal der Buchhandlung durch die schwierige Zeit. Und beides ist natürlich eng mit der Geschichte verbunden. Elly und Henni freunden sich mit dem neuen Kollegen Leo an. Und vierter im Bunde ist noch Zacherl, der ältere Bruder Hennis. Zacherl ist in der Gewerkschaft und nimmt die anderen drei häufig zu Gewerkschafts- und politischen Veranstaltungen mit. Doch dann beginnt der 1. Weltkrieg und die Männer werden eingezogen. In den Buchhandlungen müssen alle Bücher aus den Regalen verschwinden, die sich kritisch mit dem Kaiserreich und später dem Krieg auseinandersetzen. Außerdem verschwinden alle Bücher ausländischer, jetzt feindlicher AutorInnen und Bücher, die dem Feind helfen könnten. Weiß man, ob man Spione im Laden hat!?

Es liest sich ausgesprochen interessant, wie schwierig es für die Buchhandlungen zu der Zeit war. Wer hatte schon Zeit und Geld, um sich Bücher zu leisten? Außerdem waren einige AutorInnen zu dieser Zeit auch dazu übergegangen “Hurra“-Literatur zu verfassen. Schließlich war man auf jeden Fall am Anfang patriotisch. Doch dann fanden so langsam kritische Manuskripte ihren Weg in Verlage und unter der Hand auch in die Buchhandlungen.

Zum Ende des Roman erleben wir die Münchner Revolution von 1919 noch unmittelbar mit, wobei Heidi Rehn die abschließenden Gräuel nur an deutet. Wer darüber etwas mehr lesen möchte, denjenigen kann ich unbedingt Volker Weidermanns Buch „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ empfehlen. Ein gut lesbares Sachbuch, bei dem man viel zu den Hintergründen der ursprünglichen friedlichen Revolution als auch zu dem sehr grausamen Ende erfahren kann.

Ein wunderbarer Roman über eine Buchhandlung in einer schwierigen Zeit, eine tolle Frauen-Freundschaftsgeschichte, ganz viel über Autorinnen und ihre Bücher aus dieser Zeit, natürlich Liebe und viel geschichtliche Hintergründe. Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen. Besonders auch die Verweise auf die Autorinnen und Autoren der damaligen Zeit. Wäre ich nicht Buchhändlerin hätte ich eine ganze Menge an Titeln, die ich jetzt lesen möchte. Ich war parallel dazu alle naslang bei Google, Ecosia und Co. unterwegs als auch bei Wikipedia, um nachzuschlagen, wen es alles wirklich gegeben hat. Das können Sie sich allerdings schenken, denn am Ende des Buches gibt es eine Liste der erwähnten Buchtitel und eine Liste der wichtigsten Figuren. Hierbei wurde allerdings nicht hervorgehoben, welche Personen real existiert haben.

Real existiert haben folgende Personen:
Carry Brachvogel
Kurt Eisner
Marie Lesser
Fanny Gräfin zu Reventlow
Sonja Lerch
Ernst Toller

Die in der Buchliste erwähnten Bücher habe ich bis auf Hedwig Dohm „Erziehung zum Stimmrecht der Frau“, Emma Haushofer-Merk „Der Pakt mit dem Himmel“, Annette Kolb „Briefe einer Deutsch-Französin“ und „Aus unserer großen Zeit“ alle bei Thalia.de finden können. Die Titel, die ich nicht gefunden habe, können aber natürlich auch noch in Sammlungen der Texte der AutorInnen zu finden sein.

Wer also gerne spannende geschichtliche Romane mag und dabei auch noch viel über die Literatur der Zeit und ihrer AutorInnen erfahren mag, ist hier genau richtig.

Die Buchhandlung in der Amalienstraße - Heidi Rehn
Die Buchhandlung in der Amalienstraße
von Heidi Rehn
(13)
Buch (Gebundene Ausgabe)
19,99

Was im Leben zählt

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 23.05.2022

Als ich dieses Buch von Bas Kast 2020 entdeckte, dachte ich, den Autor kenne ich. Von dem musst Du unbedingt einmal etwas lesen. Und da sich der Klappentext ganz nach meinem Geschmack anhörte, habe ich das dann auch in die Tat umgesetzt. Erst später ist mir bewusst geworden, woher ich den Autorennamen kannte. Sein Buch stand zu der Zeit nämlich schon seit gefühlten Ewigkeiten in der Spiegel-Bestsellerliste - allerdings bei den Sachbüchern. Es war "Der Ernährungskompass"!

Bas Kast kann aber auch Romane schreiben, wobei man dieses Buch ebenfalls in der Rubrik „Lebenshilfe“ einordnen könnte. Es ist eine Art Zwitter. Die Inhaltsangabe gefällt mir dieses Mal richtig gut. Trotzdem möchte ich noch einige Worte dazu verlieren:

Nicolas Vater leitet ein Pharmazie-Unternehmen, das sich u.a mit der Entwicklung eines Medikaments gegen Alzheimer beschäftigt. Der Bruder seines Vaters, Valentin, ist einen ganz anderen Weg gegangen. Er ist ein erfolgreicher Schriftsteller geworden und lebt sein Leben so, wie es ihm gefällt. Als Nicolas nach dem Abitur gerade eine sehr schwere Zeit durchmacht – seine große Liebe ist nach Australien geflogen, um dort zu studieren, und er weiß noch nicht, was er mit seinem Leben machen möchte, bietet sein Onkel ihm an, dass er mit ihm zusammen wegfahren sollte. Es wird eine Fahrt ins Blaue, bzw. eine Fahrt in die Villa seines Onkels, wo sie zusammen einen wunderbaren Sommer verbringen. Und dort beschließt Nicolas in die Fußstapfen seines Onkels zu treten. Doch das Leben hat etwas andere mit Nicolas vor.

Im Hauptteil des Romans ist Nicolas inzwischen mit Valerie verheiratet und hat einen Sohn namens Julian. Er leitet inzwischen die Firma seines Vaters, der ausgerechnet an Alzheimer erkrankt ist. Seine jugendlichen Träume musste er ad acta legen. An einem Tag erreichen ihn mehrere Hiobsbotschaften, die seinem Leben eine andere Richtung geben. Die schlimmste Nachricht für ihn ist, dass sein geliebter Onkel gestorben ist. Und er ist der Alleinerbe. Es gibt sogar noch die Villa, in der er den Sommer seines Lebens verbracht hatte. Da gerade die großen Schulferien begonnen haben, macht Valerie den Vorschlag, dass die kleine Familie doch dort vor Ort entscheiden soll, was mit der Villa passieren soll. Außerdem könnten sie es doch gleich mit einem Urlaub verbinden. Obwohl Nicolas in der Firma gerade Probleme hat, stimmt er widerwillig zu, nimmt aber die Arbeit mit. Doch in der Villa geschieht etwas, was Nicolas sein Leben überdenken lässt.

Der Roman ist leicht und zart erzählt. Mit hat besonders der Kniff gefallen, in dem Nicolas ein Gespräch mit Christopher führt. Doch wer ist dieser Christopher, den Nicolas immer nur des Nachts in einer Bibliothek der Villa trifft? Ist es die Hauptperson aus den Büchern seines Onkels Valentin? Ist es ein Geist? Ist es Nicolas Unterbewusstsein, oder träumt er diese Begegnungen einfach. Egal wer Christopher ist, aber diese Gespräche, die die beiden führen, waren für mich das Schönste und Bemerkenswerteste an diesem Roman. Es sind nämlich durchaus philosophische Gespräche über das Leben, was wir leben. Warum wir es gerade so leben, und warum wir viel zu häufig unsere Träume begraben oder auf später verschoben haben. Es ist ein Roman, der uns daran erinnert, dass wir nur dieses eine Leben haben, bzw. wir niemals wissen können, ob wir in einem weiteren Leben die Chance erhalten, Fehler aus diesem Leben wiedergutzumachen. Es ist ein Appell, dass wir im Jetzt leben sollen. Und wir sollen unser Leben so leben, dass wir damit glücklich und zufrieden sind.

Diese Aussagen sind nicht neu. Wir wissen das eigentlich alle, dass wir selbst unseres Glückes Schmied sind. Aber wir vergessen es immer wieder. Und gerade deshalb liebe ich solche Bücher, die uns auf spielerische Weise einmal mehr daran erinnern. Bas Kast hat einen richtig schönen Roman zu dem Thema geschrieben. Zum Teil erahnen wir schon, wie das Ende aussehen wird. Aber der Autor hat mich doch noch überraschen können.

In einem Interview mit dem Autoren habe ich gelesen, dass es ihm in seinen beiden sehr unterschiedlichen Büchern jeweils um die eigene Endlichkeit geht. Der „Ernährungskompass“ hilft uns dabei körperlich gesunder zu leben. Und „Das Buch eines Sommers“ hilft einem, sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig im Leben ist. Muss es das viele Geld sein, was wir uns mit vielen Stunden Arbeit verdienen, damit es unserer Familie gut geht? Wir dafür aber unsere Familie kaum sehen? Und wenn doch, dann sind wir zu erschöpft, um die Zeit mit ihnen zu genießen. Oder können wir auch mit etwas weniger Geld und Arbeit zurechtkommen und haben dafür mehr Zeit miteinander, oder auch für unsere ganz eigenen Träume, Wünsche und Ziele?

Ein schöner Roman für all diejenigen, die gerade an einer Stelle in ihrem Leben sind, wo sie nicht genau wissen, wie es weitergehen soll. Oder einfach für diejenigen, die neugierig sind.

Das Buch eines Sommers - Bas Kast
Das Buch eines Sommers
von Bas Kast
(141)
Buch (Taschenbuch)
13,00

Ein letztes Vermächtnis

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 12.05.2022

Am 09.02.2018 hatte ich das Glück, Esther Bejarano mit ihrem Sohn Joram Bejarano und Kutlu Yurtseven auf der Bühne zu erleben und Esther Bejarano aus ihren Erinnerungen lesen zu hören. Es war großartig, diese kleine Frau zwischen den beiden hochgewachsenen Männer zu sehen. Und es war so schön, mit welcher Liebe und Achtung die beiden Männer Esther behandelt haben. Leider war es mir nicht vergönnt, sie noch ein zweites Mal live zu erleben. Und es war ein Schock für mich, als ich 11. Juli 2021 erfuhr, dass diese wunderbare Frau die Erde für immer verlassen hat. Ich habe sie ein Stück auf ihrer letzten Reise begleitet, indem ich als Zaungast bei ihrer Beerdigung war, wo ihr langjähriger Freund und kleiner Bruder im Geiste Rolf Becker so liebevoll an sie erinnert hat. Das werde ich nie vergessen.

Im Januar 2022 ist dann noch ein Buch herausgekommen, das Esther Bejarano leider nicht mehr beenden konnte. „Nie Schweigen“ ist ein Gespräch zwischen Esther Bejarano, Sascha Hellen (Journalist), Florian Bessel und Kay Moritz Ebbinghaus. Sie haben am 13. Juni 2022 das letzte Mal mit Esther Bejarano an dem Buch gearbeitet.

Florian Bessel war zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt und Kay Moritz Ebbinghaus 18 Jahre alt. Sie setzen sich schon seit Jahren aus persönlichem Interesse mit dem Thema Antisemitismus auseinander.

Wer das Buch „Erinnerungen“ von Esther Bejarano gelesen hat, wird von ihrer Seite aus nichts wirklich Neues erfahren, außer wie wichtig es ihr war, dass die jungen Menschen ihre Erinnerungen weitertragen und dafür sorgen, dass so etwas wie die Shoa nie wieder geschehen darf. Was aber an diesem Buch besonders ist, sind die Fragen der jungen Männern und die Fußnoten. Die Fußnoten erklären Begriffe, die den Erwachsenen geläufig sein sollten, aber vielen jungen Menschen vielleicht nicht.

Da das Buch leider nicht so beendet werden konnte, wie es sich die beiden jungen Männer und der Autor es sich vorgestellt hatten, haben sie sich zur Abrundung des Themas noch um ein Interview mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster bemüht, der einiges zum Leben jüdischer Menschen in Deutschland beigesteuert hat.

Sascha Hellen mich ziemlich zum Ende des Buches noch überrascht. Er spricht das aus, was ich persönlich während der Lesung auch wahrgenommen habe. „Während sie über diese unsägliche Nummer auf ihrem Arm spricht, verzieht Esther Bejarano keine Miene. Generell wirkt sie sehr streng. Über Strecken gar hart, auch mit sich selbst. […] Die Jugendlichen vermissen manchmal eine Herzlichkeit, das ist deutlich zu spüren.“ (S. 90). Ich habe bei der Lesung auch diese Härte und Strenge wahrgenommen, und Emotionen vermisst. Aber wahrscheinlich liegt es daran, dass sie nur so über das Thema sprechen kann, wenn sie es aus einer anderen Perspektive betrachtet – so als ob sie es nicht selber erleben musste, sondern von einer anderen Person berichtet

Ich finde, dass dieses Buch ein wunderbares Vermächtnis für eine tapfere, unbeugsame Frau ist, die nie Angst hatte zu polarisieren. Und es ist ein gutes Buch für junge Menschen, die sich einmal mit dem Thema Holocaust beschäftigen möchten. Ich vermisse diese Frau, die sich als Jüdin „erdreistet hat“, israelkritisch zu sein und dann war sie auch noch Kommunistin in Deutschland. Eine Frau, die bis zum Ende gegen das Vergessen und das Schweigen angekämpft hat.

Nie schweigen - Esther Bejarano
Nie schweigen
von Esther Bejarano
(2)
Buch (Taschenbuch)
14,00

15 Jahre Schweigen wegen eines Mannes

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 10.05.2022

Zwei Jahre ist es jetzt auch schon wieder her, dass der letzte Roman – „Es wird Zeit“ – von Ildiko von Kürthy erschienen war. Zu dem Zeitpunkt war mir schon aufgefallen, dass die Bücher der Autorin ernster und nachdenklicher werden. Und dies setzt sich in ihrem neuen Roman „Morgen kann kommen“ fort. Es bleibt aber immer noch ein typischer Ildiko von Kürthy Roman mit Kodderschnauze, viel Witz und Intelligenz.

Da bei thalia.de dieses Mal mehr Quotes als eine Inhaltsangabe zu finden sind, hole ich dieses Mal etwas weiter aus.

Die Hauptpersonen dieses Buches sind

- Ruth, 51 Jahre alt, die an ihrem Geburtstag, der auch gleichzeitig der 15 Hochzeitstag ist, per saudummen Zufall erfährt, dass ihr Mann, der berühmte Schauspieler Karl Westphal, offensichtlich nicht nur grad eine Auszeit von der Ehe braucht, sondern dass diese Auszeit offensichtlich eine Frau ist. Ohne groß nachzudenken, setzt sie sich ins Auto und fährt von München nach Hamburg in den Ohnsorgweg zu dem Haus ihrer Großeltern, in dem jetzt ihre große Schwester Maria wohnt, zu der sie seit ihrer Hochzeit keinen Kontakt mehr hat.
- Gloria ist Maria. Nachdem sie ihr Elternhaus mit dem dominanten Vater und der devoten Schwester und Mutter verlassen hat, und außerdem versucht hat, das traumatische Ereignis auf der Hochzeit ihrer Schwester Ruth zu vergessen, hat sie ein neues Leben begonnen. Dazu gehörte auch der neue Name.

Sie lebt in dem großen Haus der Großeltern, das sie sich mit wechselnden Mitbewohnern teilt. Im Moment wohnen Rudi und Johann bei ihr, wobei Johann erst am Ende des Buches auftaucht.
- Rudi, der gute Sozi, ist ein verlässlicher Freund für Gloria, den sie an dem Tag der Hochzeit ihrer Schwester kennengelernt hat. Leider hat er inzwischen einen Hirntumor.
- Erdal, der dicke Deutsch-Türke, ist eigentlich in jedem Buch der Autorin dabei. Offen schwul und eine Drama-Queen, der seines gleichen sucht. Er weilt dieses Mal an der Ostsee, wo er in einem Luxus-Ressort versucht zu fasten.
- Fatma, Erdals Cousine, die gerade einen großen Kampf mit ihrer Tochter ausficht. Erdal hat die grandiose Idee, dass Fatma zu Gloria nach Hamburg kommen soll. Ihre Tochter muss dringend ihre Spanischkenntnisse auffrischen. Und der gut Sozi Rudi wäre der ideale Nachhilfelehrer. Nachdem Erdal Gloria darüber informiert hat, brechen Fatma und ihre Tochter auf.
- Und meist nur in den Gesprächen taucht immer wieder Karl, der Ehemann von Ruth, auf. Bis am Ende alles zu einem großen Finale zusammenläuft.

Ich hatte das Glück, dass ich zu einer der Lesungen der Autorin eingeladen war. Da habe ich sie in Hamburg live mit der Schauspielerin Saskia Fischer erleben dürfen. Ildiko von Kürthy liest schon seit einigen Jahren nicht mehr alleine aus ihren Büchern vor, sondern gestaltet die Lesungen eher als szenische Lesungen. Diese Lesung war großartig! Aber sie hat ein ganz anderes Bild von dem Inhalt des aktuellen Romans vermittelt. Nach diesem Abend war ich so neugierig, dass ich das Buch sofort als nächstes lesen wollte. Doch als ich es anfing, war ich sehr überrascht, dass ich kaum Ähnlichkeiten entdeckte. Bei der Veranstaltung ging es zwar auch um die beiden Schwestern, die sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatten, aber es ging hauptsächlich um die Themen, wie Frauen ihr Leben leben (Haus- und brave Ehefrau : selbständige Feministin), um Männer und ihren Wert im Leben einer Frau, um pubertierende Kinder und um die Wechseljahre. Die Hauptrolle bei dieser Veranstaltung hatte Gloria (Ildiko von Kürthy).

Das Buch begann nun mit Ruth, die als einzige Hauptperson in der Ich-Form erzählt wird. Dadurch habe ich etwas Zeit gebraucht, bis ich in der „neuen“ Handlung drin war. Aber dann hat mich dieses Buch in den Bann gezogen. Ich fand diese Geschichte absolut faszinierend, aber auch erschreckend, denn das Leben der beiden Schwestern hätte ganz anders verlaufen können, wenn sie persönlich direkt nach der Hochzeit miteinander gesprochen hätten.

Ein kluger Roman über Frauen und ihre Belange. Ein Roman über Narzissten, Machtspiele und Manipulationen. Und ein Roman, bei dem sehr deutlich wird, dass man Informationen immer auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen sollte. Leider macht man dies in familiären Situationen zu selten.

Durch Erdal und seine Kapriolen hat Ildiko von Kürthy dem Roman an einigen Stellen den Ernst genommen. Über Erdal kann man einfach immer lachen. Er ist so ein herrlicher Egoist, aber trotzdem ein absolut liebenswerter Chaot. Und durch sein Mitwirken kommt per Zufall endlich das Drama von vor 15 Jahren auf den Tisch.

Mich hat dieser Roman begeistert. Er ist wie immer witzig und flapsig geschrieben. Ildiko von Kürthy ist einfach die Autorin, die wirklich großartig die Psyche der Frauen ausleuchtet, aber nie boshaft in ihren Romanen verwendet. Sie macht dies immer liebevoll und mit Augenzwinkern. Dieses Mal kommen noch drei ernste Themen hinzu – Narzissmus, Machtmissbrauch und selbstbestimmtes Sterben.

Ein wirklich Klasse Roman, bei dem ich mich wunderbar unterhalten gefühlt habe, viel gelacht habe, aber auch nachdenken durfte.

Morgen kann kommen - Ildikó von Kürthy
Morgen kann kommen
von Ildikó von Kürthy
(99)
Buch (Gebundene Ausgabe)
22,00

Ich liebe Fukumaru!

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 05.05.2022

Eigentlich mag ich gar keine Mangas. Und ich dachte auch, dass ich der Comic-Zeit schon lange entwachsen sei. Doch das Schicksal meinte es anscheinend anders mit mir. Als ich an einem ganz normalen Arbeitstag mit einer Kundin in die Jugendbuch-Abteilung ging, stolperte ich mehr oder weniger über die noch nicht verräumten Mangas. Und zuoberst lag der Manga „A Man and his Cat“. Den darauf abgebildeten Kater fand ich so süß – er erinnerte mich an meinen Kater Balou – dass ich in den Manga in meiner Mittagspause einfach mal reinschauen musste. Nach wenigen Seiten war klar, dass dieses Buch in meinen Besitz übergehen muss!

Die Geschichte des Mangas ist eigentlich in der Beschreibung genau erzählt. Der kleine Kater sitzt in einer Tierhandlung. Inzwischen ist er schon fast ein Jahr alt und zu einem Ladenhüter geworden. Niemand möchte ihn, denn er ist pummelig und etwas gewöhnungsbedürftig gezeichnet. Der eine dunkle Fleck in seinem Gesicht wird von vielen als Popel bezeichnet. Und obwohl er bereits von 320.000 Yen auf 90.000 Yen reduziert wurde, ändert sich daran nichts. Doch eines Tages kommt ein Mann in den Laden und will genau diesen Kater für sich ganz alleine kaufen. Der kleine Kater kann es einfach nicht glauben, doch sein Wunsch wird wahr. Der Mann nimmt ihn mit und gibt ihm Liebe und ein wunderschönes Zuhause. Außerdem bekommt er endlich einen Namen – Fukumaru. Was ungefähr bedeutet, wenn ich es richtig recherchiert habe, dass Fuku der Gott des Glücks ist und Maru der Kreis eines langen Lebens ist. Ein wunderschöner Name für eine Katze.

In den einzelnen kleinen Geschichten erfahren wir mehr über seinen Besitzer Herrn Kanda und Fukumaru. Beide sind ganz offensichtlich einsame Seelen, die sich nun gefunden haben. Ich bin gespannt, was wir in den folgenden Bänden noch über Herrn Kandas Geschichte erfahren werden. Einiges wird schon angedeutet, aber noch nicht aufgeklärt.

Die größte Herausforderung war für mich erst einmal, wie man überhaupt einen Manga liest. Dass man diese Bücher von hinten nach vorne liest, wusste ich. Aber liest man sie von links nach rechts, oder umgekehrt? Und von oben nach unten? Wer diesen Manga zuerst auf der letzten Seite aufschlägt, erfährt, wie es richtig geht. Man liest einen Manga von hinten nach vorne, von rechts nach links und von oben nach unten!

Bei mir sind inzwischen auch schon die Bände 2 und 3 eingezogen. Und obwohl diese Bände schnell gelesen sind, lasse ich mir dabei viel Zeit, um möglichst viel Glück daraus zu ziehen.

Ein unglaublich glücklich machender Manga über eine kleine Katze und seinen Menschen. Für Menschen, die Katzen lieben, eigentlich ein absolutes Must Have. Ich bin total verliebt in Fukumaru und freue mich auf weitere Abenteuer mit ihm und Herrn Kanda.

A Man And His Cat 1 - Umi Sakurai
A Man And His Cat 1
von Umi Sakurai
(15)
Buch (Taschenbuch)
10,00

Jeder Mensch braucht in bestimmten Lebenslagen seine eigene Fee

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 04.05.2022

Karina Lindner sagt Ihnen wahrscheinlich genauso wenig wie mir. Wobei ich das Glück habe, dass ich weiß, wer sich hinter diesem Namen versteckt. Eine Autorin, von der ich bisher wenig gelesen habe, die ich aber menschlich ausgesprochen gerne mag. Und in diesem Fall hat mich nun allerdings auch zusätzlich der Titel sehr verlockt, wobei ich ursprünglich dachte, dass es ein esoterischen Ratgeber sei. Ist es aber nicht. Es schadet allerdings nicht, wenn Sie als Leserinnen (vielleicht auch Leser) ein wenig daran glauben, dass es mehr gibt, als wir mit bloßem Auge wahrnehmen können.

Die Autorin erzählt die Geschichte von Adelia, die gerade in einer Lebenskrise steckt. Ihre Arbeit macht ihr keinen Spaß und auch in ihrer Ehe ist der Wurm drin. Deshalb hat sie sich entschlossen, dass sie einen neuen Job suchen wird, der sie aus München in eine neue Umgebung führt. Das Buch beginnt damit, dass Adelia in einen Zug steigt, der sie zu einem Bewerbungsgespräch fahren soll. Mit ihr im Abteil sitzt eine gepflegte alte Dame, die sich als Fee vorstellt. Die beiden Frauen kommen ins plaudern und Adelia erzählt Fee, was ihr gerade auf dem Herzen liegt. Als Fee aussteigen muss, schenkt sie Adelia noch ein kleines, goldenes Notizbuch, das den Titel „Entdecke die Fee in dir und finde das Glück“ trägt. Das Buch hat zwar ein Vorwort, ist aber ansonsten leer. Kurz darauf erhält Adelia eine Email von Fee, in der diese ihr zwei Geschichten schickt.

Im Laufe der der Fahrt, die nicht ohne Überraschungen bleibt, lernt Adelia noch Serena, eine junge Schweizerin kennen, der Fee auch begegnet ist. Während Adelia Fee ihre Email-Adresse gegeben hat, ist es bei Serena nicht dazu gekommen. Aber Serena würde auch so gerne Kontakt zu Fee aufnehmen. Deshalb tauschen die beiden Frauen ihre Kontaktdaten aus, damit Adelia die Verbindung zu Fee für Serena herstellen kann. Die Geschichte erzählt dann, wie es für Adelia und Serena weitergeht. Aber in diesem Roman ist eine zweite Ebene eingebettet. Nämlich die Emails und Geschichten, die Fee Adelia schickt.

Diese Geschichten machen das Buch für Menschen, die gerade im Umbruch sind, so wertvoll. Es sind nämlich weise Geschichten, die für jeden Hilfestellungen beinhalten. Es geht u.a. um Mut, Veränderung, Selbstliebe, Loslassen und Vertrauen, sowie noch einige andere. Ich fand diese Idee ausgesprochen charmant. Einerseits habe ich einen Roman gelesen, um eine Frau, die gerade vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens steht und nach einem neuen Weg sucht. Und zum anderen habe ich einen weisen und sehr liebevoll und anschaulich geschriebenen Selbsthilferatgeber, der nicht nur Adelia, sondern auch uns allen helfen kann!

Ich habe dieses Buch ausgesprochen gerne gelesen. Und ich werde es sicherlich demnächst noch einmal lesen. Beim 1. Mal wollte ich unbedingt wissen, wie Adelias Geschichte weitergeht. Wird sie ihr Glück finden. Und wenn ja, wie wird es aussehen. Das 2. Mal werde ich speziell Fees Texte lesen und diesen Teil tatsächlich als Arbeitsbuch benutzen. Denn auf dieses Buch hat mich eine gute Fee gerade zum richtigen Zeitpunkt aufmerksam gemacht, denn auch ich stehe vor einer großen Entscheidung.

Diese Buch ist ideal für jede Person, die vor einer großen Entscheidung in ihrem Leben steht. Ich befürchte allerdings, dass Männer mit diesem Buch trotzdem weniger anfangen können. Es ist wirklich ein Roman, der Mut macht, wie schon der Untertitel sagt. Es lohnt sich, sich dieses Buch selbst zu schenken, oder aber es guten Freunden zu schenken, die gerade in einer Sinnkrise stecken.

Entdecke die Fee in dir und finde das Glück - Karina Lindner
Entdecke die Fee in dir und finde das Glück
von Karina Lindner
(4)
Buch (Taschenbuch)
8,99

Was für ein großartiges Buch

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 28.04.2022

Seitdem das Buch in der Verlagsvorschau angekündigt wurde, habe ich mich auf dieses Buch gefreut. Aber auf Grund des Themas hatte ich auch Angst, es anzufangen. Doch die Neugier hat gesiegt, und ich habe mich herangewagt. Während des Lesens habe ich allerdings immer wieder einmal Pausen gebraucht, weil das Buch so intensiv ist. Rebecca Makkai hat eine ganz große Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die es so in einem Publikumsverlag meines Wissens noch nicht gibt. Eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden musste. Und ich glaube daran, dass die Zeit dafür jetzt reif ist!

Ich weiß jetzt gar nicht, ob ich Ihnen sagen soll, was eins der wesentlichen Themen des Romans ist? Die Inhaltsangabe hier umgeht das Thema ganz geschickt, ist aber ansonsten stimmig. Wenn man allerdings zwischen den Zeilen liest, kann man erkennen, was eins der Themen des Romans ist. Und ich wage es jetzt doch und hoffe, ich verliere sie damit nicht! Denn das Thema, was ich Ihnen jetzt verrate, ist das, was das Buch für mich so besonders wertvoll macht. Es geht um AIDS!

Rebecca Makkai erzählt im Prinzip drei Geschichten. Da ist zum einen die Geschichte, die ab 1985 in Chicago spielt. Hier ist Yale, Anfang dreißig, die Hauptperson. Er lebt bereits seit 1981 zusammen mit seinem Lebensgefährten Charlie in einer monogamen Beziehung. Aber damit sind sie schon etwas Besonderes in ihrem Freundeskreis, der u.a. aus dem sehr engagierten Anwalt Asher, dem Fotografen Richard, dem Schauspieler Julian und den Freunden Teddy, Terrence und Fiona besteht

Das Buch beginnt 1985, wo Yale und Charlie auf dem Weg zur Trauerfeier der Freunde des an AIDS verstorbenen Nico sind. Dort lernen wir den schwulen Freundeskreis kennen. Und Fiona, Nicos jüngere Schwester, die sich hingebungsvoll um ihren Bruder gekümmert hatte, der mit 15 Jahren von Zuhause ausgezogen ist, weil seine Eltern nicht damit zurechtkamen, dass ihr Sohn schwul ist. Erst als er zum Sterben verurteilt war, haben sie ihn zurück in die Familie geholt, aber gleichzeitig seine Freunde ausgeschlossen.

Dann springt die Geschichte ins Jahr 2015. Fiona reist nach Paris, wo sie nach ihrer verschwundenen Tochter Claire sucht. Sie steigt bei dem inzwischen berühmt gewordenen Fotografen Richard ab.

Und der dritte Handlungsstrang ergibt sich aus der Geschichte um die Bilder, die Yale vielleicht für die Brigg Gallery an Land ziehen kann. Fionas Großtante Nora war Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris. Sie wollte selbst Kunst studieren, lernte einige Maler kennen und lieben und stand einigen Modell. Aus dieser Zeit hat sie einige Bilder und Skizzen von bekannten Malern wie u.a. Modigliani, die sie entgegen des Willens ihres Sohnes der Gallery überlassen möchte.

Und aus diesen drei Handlungseben ergibt sich ein sehr lesenswerter und bewegender Roman über Kunst, Liebe und Schuld. Wir verfolgen, wie Yale versucht, diese Kunstsammlung für die Galerie an Land zu ziehen. Wir verfolgen aber auch, wie AIDS langsam aber sicher immer mehr Freunde aus seinem Freundeskreis trifft. Es gibt bei dieser Krankheit anscheinend kein Entkommen. Und zu der Zeit – es war das Amerika Ronald Reagans – wurden die Schwulen noch als Aussätzige betrachtet, was sich auch in der Behandlung in den Krankenhäusern widerspiegelte. Fiona, die Schwester von Nico, hat nicht nur ihren Bruder bis zu seinem Tod begleitet, sondern auch dessen Freund und auch noch andere. Dies prägt ihr Leben so nachhaltig, dass sie ihrer Tochter nicht die Liebe entgegenbringen konnte, die diese verdient hätte.

In den letzten 35 Jahren hat sich viel bei diesem Thema getan. In der Zwischenzeit sind in den meisten Staaten der USA und auch in vielen Ländern der westlichen Welt Homosexuelle nichts Besonderes mehr. Aber jeder, der jetzt über 50 Jahre alt ist, erinnert sich noch an die Hysterie, die aufgekommen ist, als AIDS, die sogenannte Schwulenseuche ausgebrochen ist. Ich weiß noch, wie Bayern damals sogar überlegte, Schwule zu internieren. Wie schrecklich diese Krankheit ist, ist vielen wahrscheinlich erst durch den Film „Philadelphia“ mit dem großartigen Tom Hanks aus dem Jahr 1993 bewusst geworden. Und erst Anfang der 90er Jahre hat auch in den USA ein Umdenken stattgefunden, wie mit den Erkrankten umgegangen werden sollte. Dafür haben die Schwulen selbst gekämpft, obwohl sie zu dem Zeitpunkt häufig schon selbst infiziert waren.

Jeder, der sich für dieses Thema interessiert, dem empfehle ich zusätzlich zu diesem sehr berührenden Buch noch folgende Bücher und Filme, die z.T. nicht mehr wirklich einfach zu bekommen sind:

- „Freundschaft fürs Leben“ oder im Original „Longtime Compagnion“
- „Philadelphia“
- „… und das Leben geht weiter“
- „Common Threads – Stories from the Quilt“
- Elisabeth Brockmann „Weinen kannst du, wenn ich tot bin“
- Armistead Maupin „Stadtgeschichten“

Dieses Buch war vollkommen zu Recht auf der Shortlist des Pulitzer Prize. Die Autorin hat ein Thema aufgegriffen, was meiner Meinung nach viel zu schnell in Vergessenheit geraten ist. Sie beschreibt zum einen diese Zeit ausgesprochen fundiert und berührend. Und zum anderen zeigt sie auch auf, wie schwierig es für die Überlebenden war, weiterleben zu dürfen. Dies betraf sowohl die Erkrankten, die das Glück hatten, dass sie noch so lange lebten, dass sie in den Genuss der entwickelten Medikamente kamen, als auch der Menschen, die die Krankheit mit Verstorbenen bis zum bitteren Ende gegangen sind. All dies weiß heute kaum noch jemand. Und dementsprechend arglos wird in der Zwischenzeit auch wieder mit dem Thema umgegangen. Allerdings braucht man bei der Lektüre teilweise starke Nerven und sollte Taschentücher parat halten. Es ist ein Roman, der die der 80er und 90er Jahre wiederspiegelt. Und da gab es kaum ein Happy End!

Die Optimisten - Rebecca Makkai
Die Optimisten
von Rebecca Makkai
(31)
Buch (Taschenbuch)
16,00

Erschreckend realistisch

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 27.04.2022

„New York Ghost“ ist ein Debüt der chinesischen-amerikanisch Autorin Ling Ma. Sie hat ihn bereits 2018 geschrieben, wo noch niemand in der Welt vom Covid-19 Virus gewusst hatte. Der Roman hat schon einige Preise gewonnen und steht auf der Shortlist des PEN/Hemingway Award for Debut Novel.

Auf diesen Roman bin ich übrigens deshalb gekommen, weil die deutsche Autorin und in diesem Fall Übersetzerin Zoe Beck auf Ihrem Instagram Account Werbung für dieses Buch gemacht hat. Der Verlag CulturBooks sagte mir bis vor Kurzem gar nichts. Aber das hatte sich geändert, nachdem ich mir die Vita der Autorin Zoe Beck einmal bei Wikipedia näher angeguckt habe. Darin stand u.a. „Gemeinsam mit Jan Karsten gründete Beck 2013 den Literaturverlag CulturBooks.“ Nun war mein Interesse erst recht geweckt. Zoe Beck übersetzt einen Roman, der wunderbar zu ihren eigenen Krimis passt und veröffentlicht ihn dann auch noch in ihrem eigenen Verlag. Wenn das nicht für Qualität und Überzeugung steht!

„New York Ghost“ ist die Geschichte der jungen chinesisch-amerikanischen Candace Chen. Das Buch beginnt mit dem Prolog, in dem Candace beschreibt, wie eine Gruppe von erst acht, später neun Überlebenden des grassierenden Shen-Fieber in der Wildnis zu überleben versucht. Von ihnen ist niemand ein Naturmensch. Sie sind alles Stadtmenschen mit Jobs wie Markenstrateginnen, Immobilienanwälten, Personalplanungsspezialisten und Finanzberaterinnen. Sie haben es bis hierher geschafft, anfangs haben ihnen noch ihre Handys und Tablets geholfen, aber irgendwann funktionierten auch die nicht mehr. Um gemeinsam zu überleben, haben sie einen Anführer – Bob – gewählt. Und er hat aus der Gruppe so etwas wie eine Sekte gemacht, die bestimmte Rituale erfüllen muss. Diese achtköpfige Gruppe findet Candace und nimmt sie bei sich auf.

Nach diesem Prolog wechselt die Geschichte auf die verschiedenen Zeitebenen. Diese verschiedenen Zeitebenen werden nicht weiter grafisch hervorgehoben. Das man in einer anderen Ebene ist, merkt man aber natürlich beim Lesen. Es gibt die Zeitebene, in der Candace in New York ankommt und sich treiben lässt. Sie wandert durch New York, fotografiert für ihren Blog New York Ghost und feiert mit anderen Collegeabsolventen, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben. Dann gibt es die Geschichte, wie Candace Eltern aus China in die USA gekommen sind und sich ihr Leben in Salt Lake City aufgebaut haben. Und dann gibt es die Zeit, in der Candace eine Arbeit gefunden hat. Sie arbeitet bei einem Verlagsdienstleister und ist für die Herstellung von Bibeln zuständig. Dort bleibt sie fünf Jahre und hat sich intern einen guten Namen gemacht. Doch wirklich ein Leben hat sie neben der Arbeit nicht, wenn man von ihrem Freund Jonathan absieht. Doch Jonathan ist ganz anders als sie. Er lässt sich nicht verbiegen und geht keiner Arbeit auf Dauer nach. Und so kommt es, dass Jonathan New York verlassen will, aber Candace nicht. Es gibt bereits die ersten Fälle des Shen-Fiebers, welches Jonathan, der immer sehr informiert ist, Angst bereitet. Aber Candace, die sich deutlich weniger für das Zeitgeschehen interessiert, tut das Ganze als übertrieben ab. Und dann zieht sich die Schlinge immer enger zusammen.

Mich hat diese Geschichte in mehrfacher Hinsicht fasziniert. Natürlich, weil es in der Geschichte um eine Pandemie geht, die die Menschen tötet. Das ist aktuell UNSER Thema. Wir alle wissen (immer noch) nicht, wie wir mit „unserer“ Pandemie umgehen sollen. Da ist es natürlich sehr spannend, einen Roman zu lesen, in dem es um ein ähnliches Thema geht. Was macht es mit den Menschen, die vermeintlich davonkommen? Das hatte schon etwas von William Goldings „Herr der Fliegen“. Und was passiert mit den Menschen, wenn die Technik nicht mehr funktioniert? Es keinen Strom mehr gibt? Da denken jetzt einige von Ihnen wahrscheinlich an Marc Elsbergs Roman „Blackout“. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.

Denn da sind auch noch die anderen Geschichten, die sich mit unserer Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen. Wie wollen wir leben? Und können wir überhaupt so leben, oder lässt die Gesellschaft es nicht zu? Mich hat die Beschreibung der jungen Menschen in New York schon erschüttert. Dieses ziellose Leben, was aber schon am Konsum orientiert war. Dieses Leben, was man sich nur leisten kann, wenn man einen Job hat oder von Haus aus reich ist, denn New York ist teuer. Doch wenn man einen Job hat, frisst dieser einen definitiv auf. Das wäre kein Leben, so wie ich es mir wünsche. Aber lebe ich wirklich anders oder habe ich anders gelebt? Und dann die Geschichte von Candace Eltern – eine klassische Einwandererfamilie. In diesem Fall kommen sie aus China, einem Land ohne Demokratie und Meinungsfreiheit. Sie wünschen sich, dass es ihre Tochter einmal besser haben soll. Dafür nehmen sie viel in Kauf. Doch trotzdem gehören sie nie wirklich dazu – weder in den USA noch in China. Ein schweres Los, was zumeist alle Menschen eint, die in ein vermeintlich besseres Land ziehen. Und dann die Zeit, wenn man endlich eine Arbeit hat, damit man sich das Leben, welches man leben möchte, leisten kann. Aber ist das überhaupt möglich? Hängen wir nicht alle im Hamsterrad fest und lassen unser Leben an uns vorbeilaufen. Wenn wir alt und in Rente sind, dann werden wir endlich leben! Aber kommt es überhaupt dazu? Wie entwickelt sich die Gesellschaft, die Gesundheit?

Mich haben diese Geschichten sehr zum Nachdenken gebracht. Und ich frage mich, was wir aus unserem Leben machen. Vielleicht sind die Umweltkatastrophen und Pandemien ja doch zu etwas nütze? Vielleicht fangen wir endlich an und überlegen, wie wir wirklich leben möchten.

Es ist ein wirklich stimmiger Roman mit einem passenden Ende. Ich bin gespannt, was wir von Ling Ma noch in Zukunft zu lesen bekommen.

Und an dieser Stelle möchte ich noch einmal auf den Anfang zurückkommen. Das Buch wurde von Zoe Beck aus dem Amerikanischen übersetzt. Und wir nehmen so etwas einfach so hin. Über die Übersetzer machen wir uns selten Gedanken. Aber wir sollten nie vergessen, was diese Menschen für eine tolle Arbeit leisten, so dass wir das Buch in unserer Sprache lesen können!

New York Ghost - Ling Ma
New York Ghost
von Ling Ma
(17)
Buch (Gebundene Ausgabe)
23,00

7 Wege zum wahren Ich

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 24.04.2022

Dieses Buch habe ich von einer lieben Freundin zum Geburtstag bekommen. Wir sind beide immer auf der Suche, wie wir uns endlich so annehmen können, wie wir sind. Mir sagte der Autor Bernhard Moestl bisher nichts, aber ein Blick bei Thalia.de zeigte mir, dass dieses Buch bereits sein 13. ist. Alle seine Bücher eint, dass sie sich mit seinen Erfahrungen, die er auf seinen Reisen in Asien und seinem Aufenthalt in einem Shaolin-Kloster gemacht hat, beschäftigen. Diese Erfahrungen nutzt er sicherlich als Business-Coach ebenso wie als Autor.

„Vom Glück, du selbst zu sein“, zeigt uns sieben Wege auf, wie wir langsam zu unserem innersten Kern durchstoßen

Die sieben Wege:
1. Der Weg des Anfängers
2. Der Weg des Kaufmanns
3. Der Weg der Tänzerin
4. Der Weg des Zen-Meisters
5. Der Weg der Kriegerin
6. Der Weg des Wandermönchs
7. Der Weg des Heimkehrenden

Während all dieser Weg gibt uns der Autor Aufgaben, etwas zu bestimmten Punkten niederzuschreiben. Am Ende eines jeden Wegs gibt es eine Doppelseite mit Fragen des Autors, die wir beim Buch an Ort und Stelle beantworten können. Für die vorherigen Aufgaben benötigen sie separate Zettel. Und ebenso natürlich, wenn sie das Buch als e-book lesen.

Der Autor erklärt diese Wege zusätzlich noch gerne mit Geschichten aus dem Zen-Buddhismus.

Peu á peu erkennt man seine Denkfehler und kommt seinem wahren Ich immer näher. Ich denke allerdings, dass der Weg nach der Lektüre noch nicht beendet ist, sondern dass man Zeit seines Lebens auf diesen Wegen ein Entdeckender bleibt.

Mir hat das Buch gut gefallen und auch noch neue Erkenntnisse vermittelt, die ich zukünftig versuchen werde zu beachten. Ein gut zu lesendes kleines Buch, dass einem zu mehr Achtsamkeit verhilft.

Vom Glück, du selbst zu sein - Bernhard Moestl
Vom Glück, du selbst zu sein
von Bernhard Moestl
(2)
Buch (Gebundene Ausgabe)
14,99

Ringelblumen sind der Anfang dieser Trilogie

Monika Fuchs aus der Thalia-Buchhandlung in Hamburg , am 23.04.2022

Gabriela Gross kennen Sie nicht? Das wundert mich nicht, denn es ist ein Pseudonym der Autorin und Drehbuchautorin Gabriele Diechler. Vielleicht kennen sie ja aber Bücher von ihr unter diesem Namen? Ich liebe ihre Bücher sehr, denn sie sind wunderbar warmherzig, haben viel Seele und sind doch nicht kitschig. Und die Bücher spiegeln die Seele der Autorin wider, die ganz in sich ruht und ein wirklich wunderbarer Mensch ist. Ich hatte nämlich das Glück, und durfte die Autorin persönlich im privaten Kreis kennenlernen und habe mich auch danach öfters mit ihr unterhalten. Bisher sind ihre Romane im Insel Verlag erschienen, doch diese Trilogie erscheint jetzt im Lübbe Verlag. Deshalb wahrscheinlich auch das Pseudonym.


In dieser Trilogie erzählt sie die Geschichte der Familie Glanz, die mit einer Ringelblumencreme zu Geld und Erfolg gekommen ist und ein Naturkosmetikunternehmen gegründet hat. Der Patriarch der Familie ist Alfons. Und er hat auch den Stammsitz der Familienfirma am Tegernsee aufgebaut, wo die Familie heute noch in einer großen Villa wohnt. Zu Beginn der Geschichte ist er allerdings schon einige Jahre tot. Von seiner Geschichte erfahren wir nur in einzelnen Rückblenden ein wenig. Die Hauptpersonen des Romans sind seine beiden Enkelinnen, die Zwillingsschwestern Leonie und Ella. Sie beide leiten den Konzern jetzt, nachdem ihr älterer Brüder, Alexander, unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Selbstmord oder Unfall? Da diese Umstände seines Tods die Presse auf den Plan gerufen haben, planen Leonie und Ella eine Familienchronik herauszugeben, um die Presse abzulenken. Davon müssen sie allerdings erst ihre Großmutter Hedi überzeugen, die sich über ihre Vergangenheit sehr bedeckt hält. Nach dem Zugeständnis der Großmutter engagieren sie eine Ghostwriterin. Und im Rahmen dieser Gespräche mit der Großmutter kündigt sich dann an, dass es anscheinend ein dunkles Geheimnis in ihrem Leben gibt.

Dies ist aber nicht der einzige Handlungsstrang. Der zweite Handlungsstrang dreht sich um das Leben von Leonie. Als junges Mädchen meinte sie schon die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben - Michael. Doch dann ist etwas passiert, was zur Folge hatte, dass Michael aus der Familie verbannt wurde. Inzwischen ist sie glücklich mit Gedeon verheiratet. Zur Beerdigung von Alexander taucht aber plötzlich Michael auf und reißt alte Wunden wieder auf. Kann Leonie sich endlich der Vergangenheit stellen und mit diesem Kapitel abschließen? Und wie wird Gedeon, darauf reagieren, dass die frühere große Liebe plötzlich wieder in Leonies Leben getreten ist?

Im Laufe dieser Geschichte werden einige Geheimnisse aufgedeckt, nur das Geheimnis der Großmutter bleibt immer noch im Verborgenen. Und gerade als man denkt, jetzt kommt es, ist das Buch zu Ende, und wir müssen bis Ende August warten, wenn der 2. Band „Das Goldblütenhaus – Im Licht der Hoffnung“ erscheint. Der abschließende 3. Band „Das Goldblütenhaus – Das Geheimnis des Glücks“ erscheint dann voraussichtlich im Februar 2023. Aber tun Sie sich den Gefallen und lesen Sie noch nicht, wie die Geschichte weitergeht! Sonst verderben Sie sich den Spaß.

Mich hat dieses Buch gut unterhalten. Ich mag das Personal des Romans. Die Familienmitglieder gehen alle so liebevoll miteinander um, und sie sind auch ungewohnten Situationen offen gegenüber. Aber manche der Geheimnisse gehen dann doch an ihre Grenzen. Dazu kommen die schönen Orte, an denen die Geschichte spielt – der Tegernsee, München und zum Schluss noch nach Marokko.

Nach dem 1. Band würde ich sagen, dass es eine Buchreihe ist, die klassisch leicht und unterhaltsam daher kommt. Eine typische Familiengeschichte, bei der es ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit gibt, welches in der Gegenwart für Spannung sorgt. Die Geschichte spielt den Großteil in der Gegenwart. Nur in den Kapiteln, in denen die Großmutter die Hauptrolle spielt, geht die Geschichte zurück in die Vergangenheit. Es ist eine Geschichte, die man so richtig gut wegschmökern kann. Aber lassen wir uns nicht täuschen! Nach einem Gespräch mit der Autorin weiß ich, dass der Schein trügt. Lassen wir uns also alle überraschen, wie die Geschichte weitergeht!

Das Goldblütenhaus - Der Ruf einer neuen Zeit - Gabriela Gross
Das Goldblütenhaus - Der Ruf einer neuen Zeit
von Gabriela Gross
(25)
Buch (Taschenbuch)
11,99

 
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