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Schlaf nicht, wenn es dunkel wird

Roman

Die Krankenschwester Terry Painter führt ein zurückgezogenes Leben in einer kleinen Stadt in Florida. Nicht selten fühlt sie sich einsam, und so fasst sie eines Tages den Entschluss, ihr Gartenhäuschen zu vermieten. Alison, die junge Frau, die bei ihr einzieht, wächst Terry sofort ans Herz, und es entsteht eine liebevolle Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Doch plötzlich beschleicht Terry der entsetzliche Verdacht, dass Alison etwas vor ihr verbirgt ? und sie hat immer öfter das beklemmende Gefühl, in ein infames Katz-und-Maus-Spiel geraten zu sein, das ihr den Verstand zu rauben droht ? "Lassen Sie sich von der kanadischen Bestsellerautorin Joy Fielding in ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel verwickeln, dessen Ende es wirklich in sich hat." die Neue Welt "Mit diesem nervenzerreißenden Krimi erweist sich Joy Fielding erneut als Meisterin des Psychothrillers!" Gala
Portrait
Joy Fielding gehört zu den unumstrittenen Spitzenautorinnen Amerikas. Seit ihrem Psychothriller »Lauf, Jane, lauf« waren alle ihre Bücher internationale Bestseller. Joy Fielding lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Toronto, Kanada, und in Palm Beach, Florida.
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  • Sie sagte, ihr Name sei Alison Simms.
    Die Worte plätscherten zaghaft, beinahe träge über ihre Lippen, so wie Honig von der Schneide eines Messers tropft. Ihre Stimme war leise, zögernd und ein wenig mädchenhaft, obwohl sie einen festen Händedruck hatte und mir direkt in die Augen sah. Das mochte ich. Ich mochte sie, entschied ich beinahe spontan, auch wenn ich bereitwillig zugebe, dass es mit meiner Menschenkenntnis nicht besonders weit her ist. Trotzdem war mein erster Eindruck von dieser erstaunlich großen jungen Frau mit den schulterlangen rotblonden Locken, die im Wohnzimmer meines kleinen Hauses vor mir stand und fest meine Hand drückte, positiv. Und der erste Eindruck ist ein bleibender Eindruck, wie meine Mutter immer zu sagen pflegte.
    »Das ist ein wirklich schönes Haus«, sagte Alison eifrig nickend, als wollte sie ihrer eigenen Einschätzung zustimmen, während ihre Blicke bewundernd zwischen dem aufgepolsterten Sofa, den beiden zierlichen Stühlen im Queen-Anne-Stil, den Raffgardinen und dem gemusterten Teppich auf dem hellen Holzboden hin und her wanderten. »Ich liebe Rosa und Malve zusammen. Es ist meine Lieblingsfarbkombination.« Sie verzog den Mund zu einem ungeheuer breiten, leicht dümmlichen Lächeln, das ich sofort erwidern wollte. »Ich wollte immer in Rosa und Malve heiraten.«
    Ich musste lachen. Als Bemerkung gegenüber jemandem, den man gerade erst kennen gelernt hatte, erschienen mir ihre Worte herrlich absurd. Sie lachte mit mir, und ich wies mit der Hand auf das Sofa. Sofort ließ sie sich tief in die Daunenkissen sinken, sodass ihr blaues Sommerkleid fast in einem Strudel aus pink- und malvenfarbenen Blumenmustern versank, und schlug ihre langen schlanken Beine übereinander, während sie ihren übrigen Körper kunstvoll um ihr Knie drapierte und sich zu mir vorbeugte. Ich hockte auf der Kante des gestreiften Stuhls direkt gegenüber und dachte, dass sie mich an einen hübschen rosa Flamingo erinnerte, einen echten, nicht eines dieser schrecklichen Plastikdinger, die in manchen Vorgärten herumstehen. »Sie sind sehr groß«, bemerkte ich wenig originell und dachte, dass sie sich das wahrscheinlich schon ihr Leben lang anhörte.
    »Ein Meter achtundsiebzig«, bestätigte sie höflich. »Aber ich sehe größer aus.«
    »Ja, da haben Sie Recht«, stimmte ich ihr zu, obwohl mir mit meinen knapp eins dreiundsechzig Meter jeder groß vorkommt. »Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?«
    »Achtundzwanzig.« Eine feine Röte huschte über ihre Wangen. »Aber ich sehe jünger aus.«
    »Ja, da haben Sie Recht«, wiederholte ich mich. »Sie haben Glück. Ich habe immer so alt ausgesehen, wie ich bin.«
    »Wie alt sind Sie denn? Das heißt, wenn Sie nichts dagegen haben ?«
    »Was schätzen Sie denn?«
    Die unvermittelte Eindringlichkeit ihres Blickes erwischte mich unvorbereitet. Sie musterte mich, als wäre ich ein exotisches Exemplar in einem Labor, eingezwängt zwischen zwei kleinen Glasplättchen unter einem unsichtbaren Mikroskop. Der Blick aus ihren klaren grünen Augen bohrte sich tief in meine müden braunen Augen, bevor er über mein Gesicht wanderte, jede verräterische Falte registrierte und die Spuren meiner Jahre abwog. Ich mache mir keine großen Illusionen. Ich sah mich genauso, wie sie mich sehen musste: eine leidlich attraktive Frau mit ausgeprägten Wangenknochen, großen Brüsten, dazu noch nachlässig frisiert.
    »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Vierzig?«
    »Genau.« Ich lachte. »Hab ich?s Ihnen nicht gesagt?«
    Wir verstummten und erstarrten in der warmen Nachmittagssonne, die uns wie ein Scheinwerfer anstrahlte und in deren Licht kleine Staubkörnchen tanzten wie hunderte winziger Insekten. Sie lächelte, faltete ihre Hände im Schoß, wo die Finger der einen Hand achtlos mit denen der anderen spielten. Sie trug keinerlei Ringe und keinen Nagellack, aber ihre Nägel waren lang und gepflegt. Sie war sichtlich nervös. Sie wollte, dass ich sie mochte.
    »Hatten Sie Schwierigkeiten herzufinden?«, fragte ich.
    »Nein. Ihre Wegbeschreibung war klasse: die Atlanctic Avenue in östlicher Richtung, dann auf der 7th Avenue nach Süden, vorbei an der weißen Kirche, zwischen der 2nd und 3rd Street. Überhaupt kein Problem. Bis auf den Verkehr. Ich wusste gar nicht, dass Delray so belebt ist.«
    »Nun, wir haben November«, erinnerte ich sie. »Langsam treffen die Zugvögel ein.«
    »Die Zugvögel?«
    »Die Touristen«, erklärte ich. »Sie sind offensichtlich noch nicht lange in Florida.«
    Sie blickte auf ihre Sandalen. »Ich mag den Läufer. Ganz schön mutig von Ihnen, einen weißen Teppich ins Wohnzimmer zu legen.«
    »Eigentlich nicht. Ich habe nur selten Besuch.«
    »Ich nehme an, Sie sind beruflich ziemlich eingespannt. Ich dachte immer, dass es toll sein muss, als Krankenschwester zu arbeiten«, meinte sie. »Es ist bestimmt eine sehr dankbare Aufgabe.«
    Ich lachte. »Dankbar würde mir nicht unbedingt als erstes Wort einfallen.«
    »Welches Wort würde Ihnen denn einfallen?«
    Sie wirkte ernsthaft neugierig, was ich sowohl erfrischend als auch liebenswert fand. Schon sehr, sehr lange hatte niemand mehr echtes Interesse an mir gezeigt, und so fühlte ich mich geschmeichelt. Gleichzeitig hatte die Frage etwas so rührend Naives, dass ich sie in den Arm nehmen wollte wie eine Mutter ihr Kind, ihr sagen wollte, dass alles in Ordnung war, dass sie sich nicht so anstrengen musste, weil das kleine Häuschen in meinem Garten schon ihres war. Die Entscheidung war in dem Moment gefallen, als sie über meine Schwelle trat.
    »Mit welchem Wort ich den Beruf einer Krankenschwester beschreiben würde?«, wiederholte ich und grübelte über verschiedenen Möglichkeiten. »Strapaziös«, sagte ich schließlich. »Aufreibend. Aufreizend.«
    »Gute Wörter.«
    Ich lachte erneut, wie ich es in der kurzen Zeit, seit sie sich in meinem Haus aufhielt, anscheinend ziemlich häufig getan hatte. Ich weiß noch, dass ich dachte, es wäre nett, jemanden um mich zu haben, der mich zum Lachen bringt. »Was machen Sie beruflich?«, fragte ich.
    Alison stand auf, ging zum Fenster und starrte auf die breite, von diversen Arten Schatten spendender Palmen gesäumte Straße. Bettye McCoy, dritte Frau von Richard McCoy und gut dreißig Jahre jünger als ihr Gatte, was im Süden Floridas keine Seltenheit ist, wurde von ihren beiden kleinen weißen Hunden über den Bürgersteig gezerrt. Sie trug von Kopf bis Fuß Armani in Creme und hielt in der freien Hand eine kleine weiße Plastiktüte mit Hundekacke, eine modische Ironie, die der dritten Mrs. McCoy offenbar komplett entging. »Oh, schauen Sie doch mal? Sind die nicht einfach süß? Was sind das, Pudel?«
    »Bichons«, sagte ich und trat neben sie. Ich reichte ihr knapp bis ans Kinn. »Die dummen Püppchen der Hundewelt.«
    Nun war es an Alison zu lachen, und der Klang erfüllte den Raum und tanzte zwischen uns wie die Staubkörnchen in der Sonne. »Aber niedlich sind sie schon. Finden Sie nicht?«
    »Niedlich würde mir nicht unbedingt als Erstes einfallen«, erwiderte ich als bewusstes Echo meiner vorherigen Bemerkung.
    Sie lächelte verschwörerisch. »Was würden Ihnen denn einfallen?«
    »Lassen Sie mich überlegen.« Ich fand zunehmend Gefallen an dem Spiel. »Jaulig. Nervig. Destruktiv.«
    »Destruktiv? Wie kann etwas so Süßes zerstörerisch sein?«
    »Vor ein paar Monaten war einer ihrer Hunde in meinem Garten und hat meinen Hibiskus ausgegraben. Glauben Sie mir, das war weder süß noch niedlich.« Ich trat vom Fenster zurück. Dabei fiel mein Blick auf die Silhouette eines Mannes, der sich inmitten der zahlreichen Schatten auf der gegenüberliegenden Straßenecke verbarg. »Wartet jemand auf Sie?«
    »Auf mich? Nein. Warum?«
    Ich tastete mich vorsichtig wieder nach vorn, doch wenn der Mann je existiert hatte, war er samt seinem Schatten verschwunden. Ich blickte die Straße hinunter, doch es war niemand zu sehen.
    »Ich dachte, ich hätte jemanden unter dem Baum da drüben stehen sehen«, sagte ich und wies mit dem Kinn in die Richtung.
    »Ich hab nichts gesehen.«
    »Nun, es war wahrscheinlich auch nichts. Möchten Sie eine Tasse Kaffee?«
    »Liebend gern.« Sie folgte mir durch den kleinen Essbereich, der im rechten Winkel an das Wohnzimmer angrenzte, in die vorwiegend in weiß gehaltene Küche auf der Rückseite des Hauses. »Oh, schau sich das einer an«, rief sie offensichtlich entzückt und steuerte mit ausgestreckten Armen und eifrig flatternden Fingern auf die Regale zu, die die Wand neben der kleinen Frühstücksecke zierten. »Was ist denn das? Woher haben Sie die?«
    Mein Blick streifte die fünfundsechzig Porzellanköpfe, die von den fünf Holzregalen auf uns herabblickten. »Sie heißen ?Kopfvasen?«, erklärte ich. »Meine Mutter hat sie gesammelt. Sie stammen aus den Fünfzigerjahren, hauptsächlich aus Japan. Sie haben Löcher im Kopf, für Blumen vermutlich, obwohl nicht viele hineinpassen. Als sie auf den Markt kamen, waren sie höchstens ein paar Dollar wert.«
    »Und jetzt?«
    »Angeblich sind sie mittlerweile ziemlich wertvoll. Man bezeichnet sie, glaube ich, als Sammlerstücke.«
    »Und wie würden Sie sie bezeichnen?« Ein listiges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, während sie gespannt auf meine Antwort wartete.
    Diesmal musste ich nicht lange überlegen. »Nippes«, sagte ich knapp.
    »Ich finde sie toll«, protestierte sie. »Schauen Sie sich doch mal die Wimpern von dieser hier an. Oh, und die Ohrringe von dieser. Und die winzige Perlenkette. Oh, und sehen Sie mal die hier. Hat sie nicht einfach einen wunderbaren Gesichtsausdruck?« Behutsam nahm sie einen der Köpfe in die Hand. Die Porzellanfigur war etwa fünfzehn Zentimeter groß mit aufgemalten gewölbten Augenbrauen, geschürzten roten Lippen, hellbraunen Locken, die unter einem pinkweißen Turban hervorquollen, und einer rosafarbenen Rose am Hals. »Sie ist nicht so kunstvoll gestaltet wie einige der anderen, aber sie hat einen so überlegenen Ausdruck, wie eine hochnäsige Matrone der besseren Gesellschaft, die auf alle herabblickt.«
    »Sie sieht aus wie meine Mutter«, sagte ich.
    Um ein Haar wäre ihr der Porzellankopf aus den Händen geglitten. »O mein Gott, das tut mir Leid.« Rasch stellte sie die Vase wieder auf ihren Platz zwischen zwei rehäugige Mädchen mit Haarbändern. »Ich wollte nicht ?«
    Ich lachte. »Interessant, dass Sie die ausgewählt haben. Es war ihr Lieblingsstück. Wie nehmen Sie Ihren Kaffee?«
    »Mit Milch und drei Stücken Zucker?«, erwiderte sie, als ob sie sich nicht ganz sicher wäre, während ihre Augen weiter an den Porzellanköpfen hingen.
    Ich goss uns beiden einen Becher Kaffee ein, den ich aufgesetzt hatte, als sie aus dem Krankenhaus angerufen und erklärt hatte, dass sie meine Anzeige am Schwarzen Brett neben einem der Schwesternzimmer entdeckt hätte und am liebsten sofort vorbeikommen würde.
    »Sammelt Ihre Mutter immer noch?«
    »Sie ist vor fünf Jahren gestorben.«
    »Das tut mir sehr Leid.«
    »Mir auch. Ich vermisse sie. Deshalb habe ich es bisher auch nicht übers Herz gebracht, eine ihrer Freundinnen zu verkaufen. Wie wär?s mit einem Stück Kürbis-Preiselbeer-Kuchen?«, wechselte ich das Thema, um nicht trübsinnig zu werden. »Ich habe ihn erst heute Morgen gebacken.«
    »Sie können backen? Jetzt bin ich echt beeindruckt. In der Küche bin ich ein hoffnungsloser Fall.«
    »Hat Ihre Mutter Ihnen nicht beigebracht, wie man kocht?«
    »Unser Verhältnis war nicht gerade das beste.« Alison lächelte, doch es wirkte im Gegensatz zu ihrem sonstigen Lächeln eher gezwungen. »Egal, ich nehme sehr gern ein Stück Kuchen. Preiselbeeren zählen zu meinen absoluten Lieblingssachen auf dieser Welt.«
    Ich musste wieder lachen. »Ich glaube nicht, dass ich schon einmal einen Menschen getroffen habe, der so leidenschaftliche Gefühle für Preiselbeeren hegt. Könnten Sie mir ein Messer anreichen?« Ich wies auf den Messerblock, der am anderen Ende der weiß gekachelten Arbeitsplatte stand. Alison zog das erste Messer heraus, eine dreißig Zentimeter lange Monstrosität mit einer fünf Zentimeter breiten, spitz zulaufenden Schneide. »Wow«, sagte ich. »Das ist ein bisschen zu mörderisch, finden Sie nicht auch?«
    Sie wendete das Messer langsam in der Hand und betrachtete ihr Spiegelbild in der scharfen Klinge, während sie behutsam und für einen Moment gedankenverloren mit einem Finger über die Schneide strich. Dann bemerkte sie meinen Blick, steckte das Messer eilig zurück, zog eines der kleineren heraus und beobachtete aufmerksam, wie es mühelos durch den großen Kuchen schnitt. Jetzt war es an mir zu staunen, wie sie ihr Stück Kuchen herunterschlang, während sie mir Komplimente über Konsistenz, Leichtigkeit und Geschmack desselben machte. Sie aß hastig und konzentrierte sich wie ein Kind vollständig auf ihren Teller.
    Vielleicht hätte ich argwöhnischer sein sollen oder doch zumindest vorsichtiger, vor allem nach der Erfahrung mit meiner letzten Mieterin. Doch wahrscheinlich waren es genau jene Erfahrungen, die mich so empfänglich für Alisons mädchenhaften Charme machten. Ich wollte wirklich glauben, dass sie genau so war, wie sie sich präsentierte: eine ein wenig naive, liebenswerte, süße junge Frau.
    Süß, denke ich heute.
    Süß würde mir nicht unbedingt als Erstes einfallen.
    Wie kann etwas so Süßes zerstörerisch sein, hatte sie gefragt.
    Warum habe ich nicht zugehört?
    »Sie hatten offensichtlich nie Probleme mit Ihrem Gewicht«, bemerkte ich, als sie die auf ihrem Teller verstreuten Krümel aufsammelte und ihren Finger ableckte.
    »Ich habe höchsten Probleme, die Pfunde draufzubehalten«, sagte sie. »Als ich klein war, bin ich deswegen immer gehänselt worden. Die anderen Kinder haben Sachen gesagt wie ?Lange, lange, Bohnenstange?. Und ich habe als letztes Mädchen in meiner Klasse Busen bekommen, wenn auch nicht besonders viel, und dafür habe ich mir jede Menge Spott angehört. Jetzt will plötzlich jeder dünn sein, aber ich muss mir immer noch alle möglichen Sprüche anhören. Man wirft mir vor, magersüchtig zu sein. Sie sollten mal hören, was die Leute so alles sagen.«
    »Die Leute können sehr unsensibel sein«, stimmte ich ihr zu. »Wo sind Sie zum College gegangen?«
    »Ach, nirgendwo speziell. Ich war keine gute Studentin. Ich habe nach dem ersten Jahr abgebrochen.«
    »Und was haben Sie stattdessen gemacht?«
    »Mal überlegen. Eine Zeit lang habe ich in einer Bank gearbeitet, dann habe ich Herrensocken verkauft, in einem Restaurant gekellnert und in einem Frisörsalon am Empfangstresen gearbeitet. Und so weiter. Ich hatte nie Probleme, einen Job zu finden. Meinen Sie, ich könnte noch eine Tasse Kaffee haben?«
    Ich goss ihr einen zweiten Becher ein und gab Milch und drei gehäufte Teelöffel Zucker hinzu. »Möchten Sie das Gartenhaus gerne sehen?«
    Sie war sofort auf den Beinen, kippte ihren Kaffee in einem Schluck herunter und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Ich kann es kaum erwarten. Ich weiß einfach, dass es wunderschön sein wird.« Sie folgte mir zur Hintertür wie ein eifriger Welpe. »Auf Ihrem Aushang stand sechshundert pro Monat, richtig?«
    »Ist das ein Problem? Ich hätte außerdem gern eine Kaution von zwei Monatsmieten.«
    »Kein Problem. Ich habe vor, mir einen Job zu suchen, sobald ich eingezogen bin, und selbst wenn ich nicht sofort etwas finde, hat mir meine Großmutter ein bisschen Geld vererbt, sodass ich im Grunde ganz gut dastehe. Finanziell gesehen«, fügte sie leise hinzu, und ihre rotblonden Locken fielen sanft um ihr langes, ovales Gesicht.
    Solche Haare hatte ich früher auch mal, dachte ich und strich ein paar rotbraune Strähnen hinters Ohr. »Meine letzte Mieterin war mit der Miete mehrere Monate im Rückstand, als sie verschwunden ist, deshalb muss ich ?«
    »Oh, das verstehe ich absolut.«
    Wir gingen über das kleine Rasenstück, das das winzige Häuschen im Garten vom Haupthaus trennt. Ich kramte in der Tasche meiner Jeans nach dem Schlüssel, doch die Intensität ihres Blickes in meinem Rücken machte mich ungewohnt unbeholfen, sodass mir der Schlüssel aus der Hand glitt und ins Gras fiel. Sofort bückte Alison sich, um ihn aufzuheben, und als sie ihn mir zurückgab, streiften ihre Finger meine Hand. Ich öffnete die Tür zu dem Häuschen und trat einen Schritt zurück, um sie hineinzulassen.
    Ein langer Seufzer entwich ihren vollen Lippen. »Es ist noch schöner, als ich es mir vorgestellt habe. Es ist ? zauberhaft.« Alison tänzelte, den Kopf nach hinten gelegt und die Arme ausgestreckt, in kleinen, anmutigen Kreisen durch den winzigen Raum, als könnte sie den Zauber so fassen und an sich ziehen. Sie weiß nicht, dass sie der Zauber ist, dachte ich, und mir wurde plötzlich bewusst, wie sehr ich wollte, dass sie das Gartenhaus mochte, wie sehr ich wollte, dass sie blieb. »Ich bin sehr froh, dass Sie dieselben Farben wie im Haupthaus genommen haben«, sagte sie und ließ sich wie ein Schmetterling erst kurz auf dem kleinen zweisitzigen Sofa, dann auf dem Sessel und zuletzt auf dem Bugholz-Schaukelstuhl in der Ecke nieder. Sie bewunderte den Teppich ? ein Webmuster aus malvenfarbenen und weißen Blumen auf einem rosafarbenen Hintergrund ? und die gerahmten Drucke an der Wand ? eine Gruppe Tänzerinnen, die sich hinter der Bühne zurechtmachen, von Degas, Monets Kathedrale im Sonnenuntergang und Mary Cassatts liebevolles Porträt einer Mutter mit Kind.
    »Die anderen Zimmer liegen nach hinten hinaus.« Ich öffnete die Doppeltür zu Kochnische, Bad und Schlafzimmer, die Platz sparend auf der Rückseite des Hauses untergebracht waren.
    »Es ist perfekt. Es ist absolut perfekt.« Sie wippte auf dem Doppelbett und strich aufgeregt über die antike weiße Überdecke, bevor sie ihr Spiegelbild über der weißen Korbkommode entdeckte und sofort eine damenhaftere Haltung annahm. »Ich liebe alles. Genauso hätte ich es auch eingerichtet. Ganz genauso.«
    »Früher habe ich selbst hier gewohnt«, erklärte ich, ohne zu wissen warum. Meiner vorherigen Mieterin hatte ich nichts dergleichen anvertraut. »Meine Mutter hat im Haupthaus gewohnt und ich hier hinten.«
    Ein schüchternes Lächeln umspielte nervös Alisons Mundwinkel. »Heißt das, wir sind uns einig?«
    »Sie können einziehen, sobald Sie so weit sind.«
    Sie sprang auf. »Ich kann sofort. Ich muss nur zurück ins Hotel fahren und meinen Koffer packen. Ich kann in einer Stunde wieder hier sein.«
    Ich nickte, und mir wurde schlagartig bewusst, wie schnell die Dinge sich entwickelt hatten. Es gab noch so vieles, das ich nicht über sie wusste, noch so viele Dinge zu besprechen. »Wir sollten wahrscheinlich über ein paar Grundregeln sprechen ?«, sagte ich ausweichend.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 351
Erscheinungsdatum 11.09.2006
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-46173-8
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 19/11,9/2,8 cm
Gewicht 288 g
Originaltitel Whispers and Lies
Auflage 8. Auflage
Übersetzer Kristian Lutze
Verkaufsrang 55869
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9,95
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Jasmin Spieler, Thalia-Buchhandlung Dessau-Roßlau

Ein spannender Psychothriller mit einem unerwarteten Ende.

Sandra Pereira, Thalia-Buchhandlung Ludwigsburg

Packend, böse und mit einer knalligen Wendung. Joy Fielding hat mich mit diesem Buch wirklich sehr überzeugt! Ihr Stil ist wirklich außergewöhnlich und sehr packend.

Kundenbewertungen

Durchschnitt
29 Bewertungen
Übersicht
16
6
3
2
2

Spannend
von MissRichardParker am 12.12.2012

Bei diesem Buch werden die Nerven zum zerreissen gespannt. So schnell legt man dieses Buch nicht auf die Seite und in wenigen Tagen hat man es gelesen. Trotzdem waren einige Sachen für mich sehr voraussehbar... Aber Spannung garantiert.

Nichts ist so, wie es scheint
von Janina Kröger aus Hamburg am 01.06.2012

Mit "Schlaf nicht, wenn es dunkel wird" hat Joy Fielding es wieder einmal geschafft einen besonderen Thriller zu schreiben und dem Leser mit einer überraschenden Wendung des Geschehens den Atem zu rauben! Ein fantastischer Lesegenuss für Thriller-Fans und garantiert nichts für schwache Nerven!

etwas anders, als gewohnt
von einer Kundin/einem Kunden am 16.05.2012
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Nicht ganz die gewohnte Joy Fielding. Etwas gewöhnungsbedürftig...aber dann packt es einem doch...und man will unbedingt wissen, was hinter der Geschichte steckt. Unerwartetes Ende. empfehlenswerter Roman