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Poetik des Fußballs

Gunter Gebauer

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Beschreibung

Fußball ist nicht nur sportlicher Wettkampf und Geschäft, sondern ein Spiel, in dem körperliche Leistung so wichtig ist wie taktische Intelligenz und in dem Rohheit ebenso zu sehen ist wie tänzerische Eleganz.Wer im Spiel mit dem Ball das Publikum verzaubert, wird zum Star.

Mit dem Kopf
"Dieser kleine Band ist auf sympathisch unspektakuläre Weise eine Art Kulturanthropologie des Fußballs, die die politisch umworbene und ökonomisch so ungemein gefräßige Sportart gewissermaßen von innen durchdringt." (Frankfurter Rundschau, 16.03.2006)

Poetik des Fußballs
"Lesenswert ist die 'Poetik des Fußballs' allemal. Gebauer hält eine wohltuende Distanz zu einem Gegenstand, den zu betrachten nicht selten die Vermengung mit privater Hingabe bedeutet." (Freitag, 19.05.2006)

Rein ins Paradies
"Sieben Essays, die zum Besten gehören, was zum Thema erschienen ist. Gebauer gelingt es, die Perspektive auf vertraute Phänomene so zu verschieben, dass sich neue Aspekte auftun." (Berliner Morgenpost, 02.06.2006)

Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin. Er ist Sprecher des Interdisziplinären
Zentrums für Historische Anthropologie und Leiter des Forschungsprojekts »Die Aufführung der Gesellschaft in Spielen«

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 180
Erscheinungsdatum 13.03.2006
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-593-37946-3
Verlag Campus
Maße (L/B/H) 21,3/14,1/1,5 cm
Gewicht 240 g
Abbildungen mit schwarzweissen Fotos. 21,5 cm
Verkaufsrang 99017

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  • Vorwort

    Fußball stellt die Gesellschaft, in der dieser gespielt wird, unter einem ungewöhnlichen Blickwinkel dar. In seinen Spielen geht es um Macht und Zufall, Gewalt und Ohnmacht, Regelfolgen und Regelbrechen, um die Heroisierung des Subjekts und das Wiedererkennen der eigenen nationalen Identität, um die neue Rolle des Heiligen in der Gesellschaft und die Geschlechterbeziehungen. Fußball ist mit allen seinen Fasern in die Gegenwartskultur und in das Leben seiner Liebhaber eingewoben. Seine genaue Betrachtung lässt Aspekte erkennen, die sonst entweder unbemerkt oder bedeutungslos bleiben würden.
    Alle Spieler werden gleichermaßen von den Leistungen der Hände und der Sprache ausgeschlossen. Das Geschehen im Fußball spielt sich am Boden ab, nicht in Augenhöhe; der Kopf dient zum Stoßen. Auf den Fuß werden Aufgaben der Gewalt übertragen; im Spiel werden sie zu einer Kunstfertigkeit veredelt. Der Fuß wird eingesetzt, um zu dominieren, aber der Ball entzieht sich der Machtausübung. Im Fußball braucht man, neben der Bereitschaft zur Gewalt, eine Intuition für den Lauf des Balls und das Spiel.
    Die Spieler dürfen gegenüber dem Ball keinen Stolz haben, sondern müssen ihn hinnehmen wie ein Schicksal. Dennoch ist er nicht übermächtig: Es gibt herausragende Spieler, die ihn bezwingen können. Dies ist ein Ideal der Moderne: Alles wird zwischen den Menschen entschieden; man kann das Schicksal meistern. Der Spielraum, den sich ein Spieler verschafft, gibt diesem Größe. Darin liegt etwas Aristokratisches, aber auch etwas Verschlagenes. Der Fußballheld ist ein gemischter Charakter, zusammengesetzt aus dem Hohen und dem Niedrigen, ein zweideutiger Held, eine Kippfigur.
    Fußball lebt vom Heldentum. Die Frage, ob dieses echt oder angemaßt ist, geht an der Sache vorbei. Sie verkennt, dass ein Held keine objektive Wirklichkeit besitzt, sondern eine Figur ist, die Werte, Stimmungen, Gefühle und den Glauben einer geschichtlichen Epoche in ihrem Handeln bündelt. Ein Held ist, wer Zeit in Taten fasst. Das Einmalige, das ihn auszeichnet, kommt im Vergehen der Zeit an die Oberfläche, wie aus den Strudeln eines sich entfernenden Schiffs. Seine Bedeutung entsteht aus der Erinnerung seiner Getreuen; sie ist von Sehnsucht nach Größe geprägt, die diese in ihrer Gegenwart vermissen. Ihre Erzählungen von der Poesie des Fußballs haben den Ton der Melancholie.
    Im Fußball findet man etwas, was der Welt verloren gegangen ist (wenn sie dieses jemals besessen haben sollte) – eine Herrschaft, die sich nicht nur auf Macht, sondern auch auf Ästhetik gründet. Sie entsteht, wenn das Spiel mit dem rohen Fuß in einem glücklichen Augenblick mit Rhythmus und Grazie zusammentrifft. Eine solche Vereinigung ist ein unwahrscheinliches Ereignis. Es sind so viele Widrigkeiten zu überwinden: die Tücke des Balls, der Widerstand der Gegner, die Enge des Platzes, die Wortlosigkeit der Verständigung. Wenn der unwahrscheinliche Augenblick mit einem Schlag doch in die Wirklichkeit eintritt, wird er für alle Beteiligten zur Ursache unbeschreiblicher Empfindungen. Wie immer man diese nennt, ist er ein Moment erlebter Poesie. Anders als in der Kunst, kann er auch Quelle von Unglück sein, wenn er nämlich von der gegnerischen Mannschaft hervorgebracht wird.
    Die Poesie des Fußballs entsteht nicht aus einem freien Spiel der Ein¬bildungskraft, sondern ist an einen Standpunkt gebunden. Sie ist parteiisch und wirkt unmittelbar auf ihre Liebhaber. Sie beflügelt deren Fähigkeit, glücklich zu sein, und bestärkt ihre Neigung, sich unglücklich zu machen. Sie greift in ihr Leben ein, wenn sie fähig sind, sich in ein Spiel zu verlieren.
    Auch wenn Fußball von Menschen gespielt wird, entsteht seine Poesie nicht durch menschliche Handlungen allein. In die unvergesslichen Spiele mischt sich etwas ein, was über den Menschen hinausgeht. Der Zufall lässt unfassbare Dinge entstehen: übermenschliches Gelingen, aber auch unbegreifliches Versagen. Eine geheimnisvolle Dramaturgie kann einen Spielverlauf hervorbringen, der die menschliche Phantasie übersteigt. Fußball ist freilich nicht mit den Schönen Künsten verwandt. Er ist ein rohes Ge¬schehen und vollzieht sich im Augenblick, wie der Einschlag eines Meteoriten. Für die Zuschauer besitzt er eine Poesie, die in der Erinnerung fortlebt und sich mit den Ereignissen ihres Lebens verbindet. Daher erhalten die Erzählungen von poetischen Momenten des Fußballs fast immer etwas sehr Persönliches, was unweigerlich die Gefahr des Schwelgens in Lebens¬erinnerungen mit sich bringt. Um ein solches Erzählen soll es hier nicht gehen (nur am Ende des Bandes wird die Verbindung von Fußball- und Politikstilen am Fall der eigenen Erinnerung exemplarisch dargestellt).
    Das Ziel dieses Buchs ist allgemeiner. Es soll die Elemente zeigen, aus denen das Schauspiel des Fußballs heute entsteht. Unter dem Gesichtspunkt, der hier gewählt wird, sind diese Bestandteile poetischer Natur; zugleich sind sie tief in die Entwicklungen unserer Zeit eingewoben, so dass sie diese nicht nur reflektieren, sondern auch interpretieren. Eine Poetik des Fußballs verschließt daher nicht in schöngeistiger Attitüde die Augen vor dem Hässlichen, Gemeinen und moralisch Krummen des Spiels, sondern erkennt darin eine Quelle der Lust, diesem zuzusehen.
    Im Drama des Fußballs findet man Elemente, die wir von anderen Dramen kennen, von den Dramen des Theaters, des Films, der Politik. Anders als in diesen entsteht seine Poesie aus einem gemeinen Spiel, das sich von der hohen Kultur abkehrt. Die Abwehr gegen den hohen Ton, den guten Geschmack, die vergeistigte Haltung lässt sich nicht mit Begriffen beschreiben, die der Hochkultur entnommen werden. Wenn man versucht, den eigentümlichen Zauber des Fußballs in Worte zu fassen, beginnt man am besten mit den Besonderheiten, die den Fußball von jedem anderen Drama unterscheiden: mit dem körperlichen Geschehen der handeln¬den Personen (Kapitel 1). Hier erschließt sich die Poetik des Fußballs in einer Sichtweise, die das Spiel wieder so fremd erscheinen läßt, wie es im Kontext unserer Kultur ist. Tatsächlich wirkt das Geschehen auf dem Rasen, auf den Tribünen und in den Medien vor dem Hintergrund unserer kulturellen und politischen Institutionen wie ein Fremdkörper. Es ist eine eigenartige Welt inmitten unseres Alltags, die mit den Werten anderer Bereiche unserer Kultur im Konflikt steht, mit der Religion, Bildung, Gerechtigkeit und mit dem sozialen Frieden. Aber in allen diesen Feldern, denen der Fußball gefährlich werden kann, wird ständig versucht, diesen für sich zu nutzen.
    Die fremde Welt des Fußballs beginnt zu faszinieren, wenn man in sie eingeführt worden ist. Bei einem Kind oder Jugendlichen geschieht dies, wie in einem Akt der Initiation, durch den Vater, die älteren Brüder oder die Freunde (Kapitel 2). In die Brüderschaften der Initiierten werden seit einiger Zeit auch Mädchen aufgenommen; es gibt zunehmend weibliche Fangruppen. Bei den großen Turnieren der Europa- und Weltmeisterschaft ist der Anteil fußballbegeisterter Frauen kontinuierlich angestiegen und hat inzwischen die Sehbeteiligung der Männer an Übertragungen von Spielen der deutschen Nationalmannschaft erreicht. Was interessiert Frauen und Mädchen an diesem Sport der Männer? Es ist schwierig, auf diese Frage zu antworten (Kapitel 3), ohne sich dem Verdacht auszusetzen, aufgrund der eigenen Geschlechtszugehörigkeit befangen zu sein.
    Die Poesie des Fußballs befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem religiösen Gehalt. Fußballfans bilden Gemeinden, denen das Spiel heilig ist und die ihre Lieblingsspieler zu Heiligen verklären (Kapitel 4). Auf den Stadionrängen hat sich eine Religiosität verbreitet, die Elemente der katholischen Liturgie übernommen hat, sich aber gegen die christlichen Werte stellt. Mit der Nähe des Fußballs zur Politik verhält es sich anders. Sowohl Fußball-Liebhaber als auch Politiker suchen im Spiel ihrer Mannschaften ein Fundament und ein Exempel gemeinsamer Werte (Kapitel 5). Von der Politik wird gern auf die Geregeltheit des Fußballspiels hingewiesen: Es gibt Regeln, die angeblich das Spielgeschehen bestimmen, Sanktionen für den Fall von Abweichungen und Schiedsrichter, die die Regeleinhaltung garantieren sollen. Aber damit ist nur die Oberfläche beschrieben. In der Tiefe der Ereignisse versuchen die Spieler mit listenreichen Stra¬tegien die Regelauslegung zu ihren Gunsten zu beeinflussen (Kapitel 6).
    Fußball ist ein Spiel von Regelbeachtung und Regelverletzung geworden. Die Balance von Ordnung und Bruch mit der Ordnung ist nicht ga¬rantiert. Jedes Spiel kann kippen. Von dieser für Gewalt offenen Situation profitieren die Hooligans: Sie machen das Spiel zu einem Schlachtfeld (Kapitel 7). Gegen die zivilisatorischen Wirkungen des Fußballs, der gerade kein Krieg ist, setzen sie den Mythos des Bösen. Sie gefährden die Errungenschaften des Spiels, insofern sie versuchen, seine gewalttätigen Ursprünge wieder zu aktualisieren. Dies ist möglich, weil der Fußball ein kulturelles Gedächtnis ist. Er bewahrt Erinnerungen auf und ruft diese in die Gegenwart – Erinnerung an Gewalt, an die Initiation in Kindheit und Jugend, an bedeutende Spiele und die Politik, die deren Hintergrund bildete, und an jene Helden, die mit unserem Leben verbunden sind.
  • Vorwort
    Einleitung – Ein gemeines Spiel
    1 Poetik des Fußballspiels
    2 Faszination und Initiation
    3 Was interessiert Frauen am Fußball?
    4 Bewegte Gemeinden – Über das Heilige im Fußball
    5 Das deutsche Fußballtheater – Fußball als nationales Gedächtnis
    6 Die Regeln und die List
    7 Hooligans und der Mythos des Bösen
    Nachwort - Meine Helden, mein Leben
    Literatur
    Bildnachweis
    Drucknachweis