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Kritik der Polizei

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Beschreibung

Die Polizei ist für einige Menschen "Freund und Helfer", andere erleben sie im täglichen Leben als Institution, die unterdrückt, vertreibt oder schikaniert. Im Zuge wachsender gesellschaftlicher Spannungen wird dieser Aspekt immer offensichtlicher. Insbesondere die US-amerikanische Black-Lives-Matter-Bewegung hat das Thema Polizeigewalt auf die Tagesordnung gehoben, aber auch hierzulande scheint die Polizei in eine grundlegende Krise geraten zu sein. Dieser Band versammelt erstmals wichtige Texte zur Polizeikritik von deutschen und internationalen Intellektuellen, Aktivistinnen und Aktivisten.

Mit Beiträgen unter anderem von Giorgio Agamben, Rafael Behr, Kendra Briken, Didier Fassin, Sally Hadden und Vanessa Thompson

Daniel Loick ist Philosoph und Sozialtheoretiker an der Universität Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen von ihm unter anderem "Juridismus. Konturen einer kritischen Theorie des Rechts" (2017), "Anarchismus zur Einführung" (2016) und "Kritik der Souveränität" (2012).

Produktdetails

Einband Paperback
Herausgeber Daniel Loick
Seitenzahl 346
Erscheinungsdatum 06.12.2018
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-593-50944-0
Verlag Campus
Maße (L/B/H) 21,3/13,9/2,7 cm
Gewicht 440 g
Verkaufsrang 60702

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  • Was ist Polizeikritik?
    Daniel Loick
    Ende Dezember 2014 organisierte die New Yorker Polizeigewerkschaft einen Bummelstreik. Aus Protest gegen den neugewählten Bürgermeister Bill de Blasio, von dem sie sich zu wenig unterstützt fühlten, weigerten sich die Polizist innen, Verkehrsdelikte und andere geringfügige Straftaten zu ahnden und beschränkten ihre Aktivitäten auf ein absolutes Minimum. Der Streik reduzierte die Anzahl von Straßenkontrollen, Strafmandaten und Verhaftungen um über 90 Prozent. Doch statt Chaos und Verbrechen hervorzurufen, hatte er den gegenteiligen Effekt: Weder kam es zu einer Zunahme von Kriminalität noch zu einer Abnahme des Sicherheitsgefühls bei den Menschen. Die Abwesenheit der Polizei wurde vielmehr von vielen als Befreiung empfunden (Yee 2015). In einem Kommentar für die Zeitschrift The New Republic beschreibt der Schriftsteller Aurin Squire die Auswirkungen des slowdowns auf die schwarze Bevölkerung: "Die letzten beiden Wochen waren wie ein Urlaub von Angst, Überwachung und Strafe. Vielleicht fühlt es sich so an, nicht die ganze Zeit vorverurteilt und als verdächtige Kriminelle angesehen zu werden. Vielleicht ist das ein wenig so, wie es sich anfühlt, weiß zu sein." (Squire 2015)
    Wie man über die Polizei denkt, hat damit zu tun, welche Erfahrungen man mit ihr gemacht hat. Das wiederum hängt mit der jeweiligen sozialen Position zusammen. Die meisten Menschen kommen selten in Kontakt mit der Polizei, und wenn, dann haben sie sie in der Regel selbst gerufen - etwa wegen einer Ruhestörung oder einer gestohlenen Geldbörse. Sogar wenn man wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten wird oder ein Knöllchen bekommt, flucht man gern mal über die Wachtmeisterin, kaum aber jemand würde die Notwendigkeit der Institution infrage stellen. Im Gegenteil: Die Polizei erscheint als wichtiger Ansprechpartner für die Regelung sozialer Konflikte und die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung, als "Freund und Helfer" eben. Die Mehrheit der Menschen kann sich mit der polizeilichen Perspektive identifizieren, denn sie kann sich in der Welt, die die Polizei schützt, zu Hause fühlen. Diese Mehrheitsperspektive dominiert auch die öffentliche Diskussion: Für die Lösung gesellschaftlicher Problemlagen wird regelmäßig mehr Polizei gefordert, sei es in Fällen von Drogenkonsum, Jugendkriminalität oder zur Befriedung rivalisierender Fußball-Fangruppen.
    Aurin Squires Bericht erinnert jedoch daran, dass es auch eine Minderheitenperspektive gibt - die Perspektive von Menschen, die regelmäßig und ganz andere Erfahrungen mit der Polizei machen. Für viele Menschen of color gehören Polizeikontakte zum alltäglichen Leben: Sie werden viel häufiger als Weiße angehalten und kontrolliert und auch häufiger durch die Polizei beleidigt oder schikaniert. Auch andere Gruppen erleben polizeiliche Interaktionen nicht als schützend, sondern bestenfalls als lästig, schlimmstenfalls als Gefahr für Leib und Leben: Arme Menschen, Wohnungslose und Drogennutzer innen, die aus den Innenstädten vertrieben werden, Sexarbeiter innen, die täglich mit Razzien rechnen müssen, oder Geflüchtete mit zum Teil prekärem Aufenthaltsstatus, für die ein Kontakt mit der Polizei stets das Risiko einer Abschiebung mit sich bringt. Die Angehörigen dieser Gruppen können sich mit der polizeilichen Perspektive nicht identifizieren: Die Sicherheit und Ordnung, welche die Polizei garantiert, ist nicht die ihrige - sie selbst erscheinen dieser Ordnung als Probleme, Störenfriede oder Eindringlinge. Die Perspektiven dieser Menschen, obwohl alltäglich und weit verbreitet, verbleiben zumeist unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung; in Talkshows oder Zeitungen kommen sie selten zu Wort. Die differentielle Operationslogik der Polizei zu erkennen, erschüttert somit das vorherrschende Bild von der Polizei als "Freund und Helfer" - sie ist eben Freund und Helfer nur einiger Menschen, aber Feind und Ärgernis
  • Inhalt
    Was ist Polizeikritik? 9
    Daniel Loick
    Teil I: Geschichte der Polizei
    Leben und etwas mehr als nur leben: Zur (Vor-)Geschichte
    der Polizei 39
    Michel Foucault
    Die Polizei in der Nadelfabrik: Adam Smith, die Polizei und
    der Wohlstand 51
    Mark Neocleous
    Sklavenpatrouillen und die Polizei: Eine verwobene Geschichte
    der Rassenkontrolle 77
    Sally E. Hadden
    Souveräne Polizei 95
    Giorgio Agamben
    Teil II: Die Polizei gegen die Demokratie
    Polizei und Rechtsstaat: Über das Unvermögen, exekutive Gewalt einzuhegen 101
    Maximilian Pichl
    Wie Polizei Raum und Gesellschaft gestaltet 119
    Bernd Belina
    Die Politik des Ermessensspielraums: Der "graue Scheck"
    und der Polizeistaat 135
    Didier Fassin
    "Die Polizei muss … an Robustheit deutlich zulegen":
    Zur Renaissance aggressiver Maskulinität in der Polizei 165
    Rafael Behr
    Teil III: Polizei und Rassismus
    Ban! Racial Profiling oder Die Lüge von der "anlass- und verdachtsunabhängigen Kontrolle" 181
    Autor*innenkollektiv der Berliner Kampagne Ban! Racial Profiling -
    Gefährliche Orte abschaffen
    "There is no justice, there is just us!": Ansätze zu einer postkolonial-feministischen Kritik der Polizei am Beispiel
    von Racial Profiling 197
    Vanessa E. Thompson
    Teil IV: Die Polizei im Neoliberalismus
    Die Polizei im Neoliberalismus 223
    Anna Kern
    Policing by numbers: New Police Management und
    Gewaltmonopol 235
    Kendra Briken
    Lokale Aushandlungen des polizeilichen Auftrags - am Beispiel
    der Debatten um Gewalt durch "Flüchtlinge" auf dem Berliner Alexanderplatz 251
    Jenny Künkel
    Teil V: Jenseits der Polizei
    Statement zu vergeschlechtlichter Gewalt
    und dem Prison-Industrial-Complex 267
    Critical Resistance / INCITE! Women of Color Against Violence*
    Transformative Gerechtigkeit statt Polizei und Gefängnisse:
    Für einen alternativen Umgang mit sexualisierter Gewalt und Beziehungsgewalt 279
    Melanie Brazzell
    Die Polizei überflüssig machen 297
    Kristian Williams
    Nachweise 341
    Autor*innen 343