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Das letzte Jahr

Roman

Ilse Tielsch

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Beschreibung

1938: Die neunjährige Elfi Zimmermann erlebt das letzte Jahr vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs in einem südmährischen Städtchen. Zu Beginn des Jahres freut sie sich über ihr neues Fahrrad, im Herbst besetzen Hitlers Truppen die Sudetengebiete, und alles beginnt sich zu verändern. Elfi kann nicht verstehen, warum ihre jüdische Freundin, viele Nachbarn und immer mehr Geschäfte verschwinden und warum ihre Eltern nicht mit ihr sprechen, sondern nur miteinander flüstern.
Ilse Tielsch zeigt ein in dieser schwierigen Zeit in ihren Gedanken und Ängsten alleingelassenes Mädchen, das nicht akzeptieren will, dass sein unbeschwertes Leben nicht mehr möglich ist.

"'Das letzte Jahr'" ist der Versuch, das damalige Chaos in einem Kind einzufangen, das träumen wollte, Trapperin in Amerika zu werden, während Schulkolleginnen von einem Tag auf den anderen verschwanden. (Peter Pisa, Kurier)

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 152
Erscheinungsdatum 13.09.2018
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-903005-89-1
Verlag Edition Atelier
Maße (L/B/H) 20,5/12,6/1,5 cm
Gewicht 188 g

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Eine Kindheit in Mähren
von Die Art der Ida Gratias am 07.11.2017
Bewertet: Einband: gebundene Ausgabe

„Ich bin oft dort … im leeren Turnsaal zittert noch etwas / Mozart / auf verstimmtem Klavier gespielt / aber die Lieder sind verstummt / die Stimmen nicht mehr hörbar / vergebens lege ich mein Ohr / auf die Schwelle / fremd / gehe ich durch die Gassen / eingehüllt in Schatten und Schlaf / weiß: der Regen bleibt nicht aus / schre... „Ich bin oft dort … im leeren Turnsaal zittert noch etwas / Mozart / auf verstimmtem Klavier gespielt / aber die Lieder sind verstummt / die Stimmen nicht mehr hörbar / vergebens lege ich mein Ohr / auf die Schwelle / fremd / gehe ich durch die Gassen / eingehüllt in Schatten und Schlaf / weiß: der Regen bleibt nicht aus / schreibe doch immer wieder / mit Kreide / an die Häuserwände / alle Antworten / die sie mir schuldig geblieben sind.“ Im Gegensatz zu dem Lyrischen-Ich im zitierten Gedicht „Circulus Brunnensis – vor einer alten Karte von Mähren“ von Ilse Tielsch aus dem Gedichtband „Zwischenbericht“, 1986 erzählt die junge, aufgeweckte zehnjährige Heldin in „Das letzte Jahr“ ganz unbefangen von ihren Beobachtungen und Gedanken über ihr Leben, bevor Österreich sich im März 1938 dem Deutschen Reich anschloss. Damit grenzte die Tschechoslowakei, seit dem 28.10.1918 ein freiheitlich-demokratischer und sozialer Rechtsstaat, zu dem auch Mähren und 3 Millionen deutsche Bewohner gehörten, nun fast auf ganzer Länge an das Deutsche Reich. Hitler machte die „Lösung“ der tschechoslowakischen Frage, die schwelenden Nationalitätskonflikte & Benachteiligung der sudetendeutschen Minderheit zur „Chefsache“, indem er die Sudetendeutsche Partei (SdP) dazu brachte unerfüllbare Autonomieforderungen zu stellen. Als die Krise sich innerhalb der Tschechoslowakei zuspitzte, forderte Hitler die Abtretung der Sudetendeutschen Gebiete ans Deutsche Reich. Am 20. Mai machte die Tschechoslowakei in Erwartung eines deutschen Angriffs mobil, was Hitler das entscheidende Argument brachte, die Wehrmacht in Bereitschaft zu setzen und gleichzeitig fleißig die Anti-Tscheslowakei-Propaganda zu befeuern, mit dem Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Da allen voran wohl Großbritannien unter Chamberlain die Redewendung mit dem kleinen Finger und der ganzen Hand nicht kannte und meinte den Frieden in Europa bewahren zu können, indem man Hitler „dieses eine Mal“ in seinem Wunsch nach einer Neuordnung der osteuropäischen Grenzverläufe und des Anschlusses des Sudetenlandes ans Deutsche Reich im September 1938 auf der Godesberger Konferenz nachgab, wollte Hitler 6 Tage später am 28.9. in ein territorial nicht genau definiertes Gebiet einmarschieren. Um einen Krieg abzuwenden trafen sich GB, Italien, Frankreich unter Ausschluss der Tschechoslowakei oder seines Bündnispartners der Sowjetunion mit Hitler am 29.9. in München und beschlossen die Abtretung des Sudentengebietes ans Deutsche Reich, welches jenes vom 1.-10, Oktober besetzen sollte, dafür erkannten England und Frankreich den Bestand des Reststaates an. Die machtvolle „Heimholung“ der Sudeten und gleichzeitige Abwehr eines Krieges steigerte Hitlers Popularitätswerte in der deutschen Bevölkerung enorm. Wer um diesen politischen Hintergrund nichts weiß, der wird natürlich nicht bei der kindlichen Selbstvorstellung der neunjährigen Heldin gleich zu Beginn der, aus der Retroperspektive geschilderten, Geschichte diese leichte Gänsehaut, die das Wissen um das unabwendbare, drohende Unheil, spüren. „Ich bin die Elfi Zimmermann. Ich bin ziemlich klein und mager und habe glatte braune Haare, die mir ins Gesicht hängen würden, wenn mir die Marschenka nicht jeden Morgen zwei feste Zöpfe flechten würde.“ (S. 5) Marschenka ist das, was man früher „das Mädchen nannte, und heute unter haushaltsnahe Dienstleistungen geführt wird, der deutschen Familie Zimmermann in einer typischen multikulturellen südmährischen Kleinstadt ungefähr ein Jahr, bevor Hitler . Für Elfi ist die 18 jährige Tschechin Marschenka aber vor allem Vertraute, Verbündete und oft Wegweiserin in der oft fremden Welt der Erwachsenen. Diese Welt erkundet Elfi seit neustem mit ihrem Fahrrad, mit dem sie zwischen einem vorrangig deutschen und einem vorrangig tschechisch bewohnten Dorf und ihrer von Tschechen, Slowaken, Ungarn und Deutschen, von Katholiken, Protestanten und Juden bewohnten Heimatstadt hin- und her fährt. Der Erzählort, ihre kleine idyllische Welt, als verkleinertes Abbild der Anordnung des Deutschen Reiches, des Sudentenlandes und der Rest-Tschecheslowakei zueinander, der ihr noch fernen großen Welt. Zum Personal des Romans gehören neben ihren besten Freundinnen Alenka, aus einer finanziell weniger gutgestellten Großfamilie, mit der sie zusammen in Amerika die Indianer retten will, die aber im Gegensatz zu Elfi, die noch auf die aus alten K. und K. Schule geht, leider die neu gebaute tschechische Schule besucht, und ihre jüdische Freundin Lili, aus einer konservativ, bildungsbürgerlichen Familie, die zwar in der Schule neben ihr sitzt, aber weder mit zum sommerlichen Schwimmen, noch zu kirchlichen Festumzügen darf. Dann sind da noch ganz wunderbar gezeichnete Nebenfiguren als Beispiele exzentrischer, gesellschaftlicher Strömungen wie der Oberlehrer Wessely, ein Gesundheitsfanatiker, der selbst im Winter ein Loch ins Eis hackt und baden geht, um der Gefahr einer Wintergrippe zu trotzen und Elfis Klavierlehrerin, die sich ihres Korsetts entledigt hat, und in ihren wallende Kleidern Dvořák spielt. Bevor das Unheil Gestalt annimmt, erspürt das beobachtende Kind die Veränderungen im Kleinen. Diese zu Beginn noch undeutliche, aber alles vergiftende Wolke des Nationalismus, der die Gemeinschaft für immer spalten wird, bleibt dem kleinen Mädchen nicht verborgen und sie erzählt uns, dem Leser, unbedarft, ohne uns beeinflusse zu wollen, davon. Wie es der Autorin gelingt diesen Ton bis zum Ende zu halten, macht dieses Buch so berührend und lesenswert für mich.

Elfis Welt zerbricht
von einer Kundin/einem Kunden aus Lichtenstein am 25.10.2017
Bewertet: Einband: gebundene Ausgabe

Dieses in einer zauberhaften Sprache und Erzählweise geschriebene Buch mag man nicht mehr aus der Hand legen. Es berichtet vom Beginn der NS-Herrschaft und dem Leben in Mähren unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Das kleine Mädchen Elfi muss schmerzhaft erfahren, wie ihre heile Welt und ihre behütete Kindheit la... Dieses in einer zauberhaften Sprache und Erzählweise geschriebene Buch mag man nicht mehr aus der Hand legen. Es berichtet vom Beginn der NS-Herrschaft und dem Leben in Mähren unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Das kleine Mädchen Elfi muss schmerzhaft erfahren, wie ihre heile Welt und ihre behütete Kindheit langsam zerstört werden. Alles deutet darauf hin, dass bald nichts mehr so ein wird wie bis gerade eben noch. Das macht ihr Angst. Sie weiß nicht mehr, wo sie hingehört und was sie den Erwachsenen glauben soll. Es ist eine fesselnde, berührende und traurige Geschichte, die aber auch ihre Lichtblicke hat. Man fühlt sich beim Lesen immer an den braven Soldaten Schwejk erinnert, der durch seine Spitzbübigkeit und seinen nie versiegenden Humor in allen Lebenslagen noch halbwegs unbeschadet durchkommt. Das wünscht man auch Elfi und ihrer Familie.

Einfach wunderschön
von einer Kundin/einem Kunden aus Amsterdam am 24.10.2017
Bewertet: Einband: gebundene Ausgabe

Elfi möchte später im Zirkus arbeiten und übt dafür schon auf ihrem roten Fahrrad, das sie zum Geburtstag bekommen hat. Sie liebt es über die Hügel zu rasen und die Gegend zu erkunden. Ihre Eltern machen sich keine Sorgen, wenn sie mit ihren neun Jahren herumfährt, weil in der kleinen Stadt sowieso nichts passieren kann. Falls e... Elfi möchte später im Zirkus arbeiten und übt dafür schon auf ihrem roten Fahrrad, das sie zum Geburtstag bekommen hat. Sie liebt es über die Hügel zu rasen und die Gegend zu erkunden. Ihre Eltern machen sich keine Sorgen, wenn sie mit ihren neun Jahren herumfährt, weil in der kleinen Stadt sowieso nichts passieren kann. Falls etwas passiere, würde irgendjemand die Mutter sofort holen. Die zweite Option, die sie für die Zukunft hat, ist, um nach Amerika auszuwandern, um den “Indianern” zu helfen. Das sagt sie ihrer Mutter aber noch nicht, weil die wahrscheinlich nichts davon halten würde… Ilse Tielschs Schreibstil hat mich von Anfang an an Ilse Aichinger erinnert. Als sich dieses Gefühl der Bekanntheit immer mehr versterkt hat, habe ich ein bisschen recherchiert und es hat sich heraus gestellt, dass mein Gefühl gar nicht soweit hergeholt war. So schreibt Hans Weigel zum Erscheinen des Buches "Ein Elefant in unserer Straße": »Wenn der Kafka und der Orwell als gemeinsame Tochter die Ilse Aichinger gehabt hätten, und die wiederum eine Verbindung mit Herzmanovsky-Orlando eingegangen wäre, dann wäre die Ilse Tielsch-Felzmann herausgekommen, mit Mark Twain als Vater.« Dieser Verbindung kann ich nur zustimmen. Wo Ilse Aichinger vieles ausführlich beschreibt, sind Ilse Tielschs Beschreibungen minimalistischer, aber haben den gleichen Charme. Elfi ist eine wunderbare Protagonistin. Sie ist so gut beschrieben, dass sie zum Greifen nah ist. Sie könnte einfach aus dem Buch spazieren und ein wirklicher Mensch sein. Nicht jede Autorin oder Autor schafft es, die Charaktere in einem Buch so plastisch zu beschreiben, aber Ilse Tielsch hat es gemeistert! Man sieht die Welt durch die Augen der Neunjährigen: die Veränderungen der Zeit, die sie nur nach und nach zu verstehen lernt; die Versuchung, alles ohne nachzudenken nachzuplappern, was die Leute behaupten, aber letztendlich doch zur Vernunft zu kommen. Auch wenn mir normalerweise dieser Coverstil nicht gefallen würde, finde ich, dass er wunderbar zum Inhalt passt, einfach und kompliziert zugleich - genau wie die Geschichte selbst. Auch wenn ich verstehe, dass der Roman aufgehört hat, wo er aufhört, finde ich es schade… Ilse Tielschs Schreibstil hat mir sehr gut gefallen und Elfi ist mir sehr ans Herz gewachsen. Da ich noch nie zuvor von Ilse Tielsch gehört habe, was eigentlich für mich als Österreicherin sehr erstaunlich ist, werde ich mich nach diesem tollen Buch ihren anderen Büchern widmen. Ich kann nur hoffen, dass ihr das Gleiche tut.


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  • "Und dann muß ich mir einfach Luft machen, ich muß meine Angst loswerden, also schreie ich es heraus, wovor ich mich fürchte, wovor ich solche Angst habe, die ganze Geschichte schreie ich heraus, was ich in der Nacht gehört habe und was die Marschenka gesagt hat und daß die roten Flecken vielleicht gar keine Schafblattern sind, sondern ein Zeichen, daß ich ein jüdischer Mischling bin.
    Nie vorher habe ich meine Mutter so erschrocken gesehen wie jetzt. Mein Gott, sagt sie nur, mit einer ganz fremden, heiseren Stimme, und noch einmal: Mein Gott! Dann setzt sie sich zu mir aufs Bett, nimmt mich in die Arme, drückt mich an sich und streichelt mich, was sie sonst nur sehr selten tut. Und dann sagt sie, daß ich überhaupt keine Angst zu haben brauche, weil das, was mir die Marschenka gesagt hat, ein absoluter Blödsinn ist, und daß es überhaupt kein Unglück ist, eine jüdische Großmutter zu haben, daß es nur wenige Leute gibt, die so etwas für ein Unglück halten, und daß auch diese wenigen Leute nur so denken, weil man es ihnen eingeredet hat und weil so zu denken einfach nur eine blödsinnige und saudumme Mode ist."