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Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des Winters / Lars M. Johansson Bd.3

Roman

Lars M. Johansson Band 3

Leif GW Persson

(2)
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Beschreibung

Stockholm, im November: Ein amerikanischer Journalist ist aus dem 15. Stock eines Studentenwohnheims gesprungen – und hat einen äußerst poetischen Abschiedsbrief hinterlassen. War es ein Unfall oder Mord? Für die herbeigerufene Polizei ist die Sache schnell klar: Der Mann ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Nur einer zweifelt daran und beschließt, der Sache nachzugehen – Kriminaldirektor Lars M. Johansson ...

„Brillant, witzig, Spitzenspannung vom Feinsten.“

Leif GW Persson gilt als Großmeister der skandinavischen Kriminalliteratur. Persson, der lange Zeit als Profiler im Polizeidienst tätig war, ist Professor der Kriminologie, Medienexperte und seit mittlerweile 30 Jahren einer der erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Er wurde mehrfach mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet, daneben erhielt er den Dänischen und den Finnischen Krimipreis. Seine Romane stehen regelmäßig auf Platz 1 der Bestsellerliste und verzeichnen Millionenauflagen..
Dr. Gabriele Haefs studierte in Bonn und Hamburg Sprachwissenschaft. Seit 25 Jahren übersetzt sie u.a. aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Walisischen. Sie wurde dafür u.a. mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, zuletzt 2008 mit dem Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Sie hat u.a. Werke von Jostein Gaarder, Håkan Nesser und Anne Holt übersetzt. Zusammen mit Dagmar Mißfeldt und Christel Hildebrandt hat sie schon mehrere Anthologien skandinavischer Schriftsteller herausgegeben.

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 696
Erscheinungsdatum 06.11.2006
Sprache Deutsch, Schwedisch
ISBN 978-3-442-73195-4
Verlag btb
Maße (L/B/H) 19,3/12,6/4,4 cm
Gewicht 479 g
Originaltitel Mellan sommarens längtan och vinterns köld
Übersetzer Gabriele Haefs
Verkaufsrang 12208

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Es gibt spannendere Bücher und bessere Autoren
von einer Kundin/einem Kunden aus Geestland am 23.12.2019

Man soll nie nach nur einem Buch über einen Autor urteilen. Also las ich auch "Mörderische Idylle". Das Ergebnis war für mich gleich.... ich langweilte mich und fühlte mich von dem primitiven Vokabular der Hauptperson abgestoßen. Mehr muss ich von diesem Autor nicht lesen, da gibt es viele, viele andere Schriftsteller, die bes... Man soll nie nach nur einem Buch über einen Autor urteilen. Also las ich auch "Mörderische Idylle". Das Ergebnis war für mich gleich.... ich langweilte mich und fühlte mich von dem primitiven Vokabular der Hauptperson abgestoßen. Mehr muss ich von diesem Autor nicht lesen, da gibt es viele, viele andere Schriftsteller, die besser sind.

typisch schwedisch - sehr gut
von Dietmar Behneke aus Wildau am 17.10.2009

Das ist wieder mal ein typisch schwedischer Krimi. Also richtig gut! Und er fängt mit einem ganz kleinem „Selbstmord“ an und endet mit einem Mord an einer hohen Person des öffentlichen Lebens. Interessant ist es auch zu lesen, was der Autor alles über die Machenschaften der schwedischen Polizei weiß, bzw. schreibt. Das lässt ein... Das ist wieder mal ein typisch schwedischer Krimi. Also richtig gut! Und er fängt mit einem ganz kleinem „Selbstmord“ an und endet mit einem Mord an einer hohen Person des öffentlichen Lebens. Interessant ist es auch zu lesen, was der Autor alles über die Machenschaften der schwedischen Polizei weiß, bzw. schreibt. Das lässt einem am gesamten Rechtssystem zweifeln (sollte man es nicht sowieso schon getan haben!). Und dass das sicher nicht alles erfunden ist, zeigt die interne Kenntnis des Autors auf diesem Gebiet. Er ist Professor der Kriminologie und Berater der obersten Polizeibehörde


  • Artikelbild-0
  • tockholm im November
    Es war Kalle, 13, der Vindeln, 55, das Leben rettete. Zumindest stellte Vindeln die Sache bei seiner ersten Vernehmung durch die Polizei so dar.
    »Wenn Kalle nicht hochgeschaut und mich zur Seite gerissen hätte, hätte ich den Blödsinn auf die Birne gekriegt, und dann säße ich jetzt nicht hier.«
    Das Ganze war eine durch und durch seltsame Geschichte, und zwar aus drei Gründen.
    Zum einen galt Kalle als stocktaub auf beiden Ohren. Nicht zuletzt glaubte das Vindeln selbst, er war davon überzeugt, dass Kalle jetzt nur noch Blicke, Zeichensprache und körperliche Berührungen verstand. Natürlich redete er mehr mit ihm denn je, aber das gehörte sich doch so, wenn jemand alt und vertrottelt wurde, und Vindeln hatte Kalle immer gut behandelt. Alles andere wäre ja wohl noch schöner gewesen.
    Zum anderen galt in der empirisch orientierten abendländischen Physik seit langem die Regel, dass ein Körper im freien Fall schneller ist als das Geräusch, das er durch Reibung mit der ihn umgebenden Atmosphäre erzeugt. Dieser Lehre zufolge also hätte es gar kein wahrnehmbares Geräusch geben dürfen.
    Drittens jedoch, und das war das Allerseltsamste: Wenn nun Kalle tatsächlich etwas gehört, auf die Gefahr reagiert, Vindeln fortgerissen und ihm dadurch das Leben gerettet hatte … Wie war es dann möglich, dass er das Geräusch des linken Schuhs des Opfers nicht gehört hatte, der ihn nur wenige Sekunden später im Nacken traf und auf der Stelle tot umfallen ließ?

    Freitag, 22. November
    Zwischen 19.56 und 20.01 am Freitag, dem 22. November, gingen bei der Notrufnummer der Stockholmer Polizeizentrale drei Anrufe ein.
    Der erste stammte von einem pensionierten Juristen, der auf seinem Balkon im Valhallavägen 38 den gesamten Ereignisverlauf detailliert beobachtet hatte. Der Jurist stellte sich mit Namen und Titel vor und wirkte nicht im Geringsten erschüttert. Seine Darstellung war wortreich, systematisch strukturiert und ansonsten vollkommen absurd.
    Im Großen und Ganzen lief sein Bericht darauf hinaus, dass ein Verrückter in einem langen schwarzen Mantel und einer Skimütze mit Ohrenklappen einen bedauernswerten Hundebesitzer und dessen Hund erschossen habe. Jetzt laufe der Verrückte im Kreis und schreie wirres Zeug, und der Jurist habe sich trotz der mehreren Grad unter Null auf seinem Balkon aufgehalten, weil seine Frau an Asthma litt und Zigarrenrauch die unangenehme Neigung besaß, sich in den Vorhängen festzusetzen. »Falls der Herr Inspektor das wissen wollte?«
    Der zweite Anruf kam aus einer Taxizentrale. Ein Fahrer hatte im Valhallavägen 46 eine ältere Dame abgeholt, und als er die Tür aufgehalten hatte, um dem Fahrgast auf den Rücksitz zu helfen, hatte er aus dem Augenwinkel »einen armen Teufel gesehen, der vom Dach dieses Hochhauses stürzte, wo die vielen Studenten wohnen«. Der Fahrer war fünfundvierzig Jahre alt und zwanzig Jahre zuvor aus der Türkei nach Schweden gekommen. Er hatte als Kind schon Schlimmeres erlebt und früh gelernt, dass ein jeglich Ding seine Zeit und seinen Ort hat. Deshalb verständigte er per Funk die Zentrale, teilte mit, was er gesehen hatte, und bat die Kollegen, die Polizei zu informieren, damit er die alte Dame zu ihrer Tochter auf ihren in der Nähe von Marsta gelegenen Hof fahren könnte. Es war eine gute Tour, und das Leben ging weiter.
    Anruf Nummer drei stammte von einem Mann, der der Stimme nach am Beginn seiner mittleren Jahre stehen musste. Er wollte nicht verraten, wie er hieß und von wo aus er anrief, aber seine Munterkeit ließ auf die Einnahme von stimulierenden Mitteln schließen. Außerdem hatte er einen guten Rat. »Jetzt ist schon wieder so ein verrückter Student vom Dach gehüpft. Bringt ein paar Eimer mit, wenn ihr ihn aufsammeln kommt.«
    Auf der Polizeizentrale ging alles seinen altbekannten Gang. Als die zuständige Beamtin per Funk Alarm gab, hatte sie bereits beschlossen, sich eher auf den Taxifahrer und den Scherzkeks mit dem guten Rat zu verlassen als auf den wortreichen Juristen. Schießerei, Hund und Eimer ließ sie unerwähnt.
    Sie teilte so in etwa mit, dass eine Person aus dem Studentenwohnheim Nyponet im Körsbärsvägen gesprungen oder gestürzt und auf dem Bürgersteig oberhalb des Parkplatzes gegenüber der Kreuzung Valhallavägen und Frejgatan gelandet sei. An der angegebenen Stelle befanden sich angeblich ein lebloser Körper sowie eine erregte männliche Person in einem schwarzen Mantel und einer Schirmmütze. War vielleicht gerade ein Streifenwagen in der Nähe, der sich um diese Sache kümmern konnte?
    Ein solcher Wagen stand gerade nur hundert Meter entfernt am anderen Ende des Valhallavägen. Er gehörte zu Östermalms Wachdistrikt VD 2 und hielt, als per Funk Alarm gegeben wurde, vor der Würstchenbude an der Einfahrt zum Krankenhaus Roslagstull. Im Wagen saßen zwei der Spitzen der Stockholmer Polizei. Hinter dem Lenkrad befand sich Polizeianwärter Oredsson, 24. Oredsson war blond, blauäugig und breitschultrig. Er führte gerade sein letztes Praktikum als Anwärter durch und sollte einen Monat darauf in den regulären Dienst übernommen werden. In seiner Seele loderte die Überzeugung, dass der Kampf gegen die immer stärker anwachsende Kriminalität dadurch in eine entscheidende Phase eintreten werde, an deren Ende schließlich der Sieg des Guten stehen müsse.
    Auf dem Beifahrersitz saß sein unmittelbarer Vorgesetzter, Polizeiwachtmeister Stridh, fast doppelt so alt wie Oredsson und unter den älteren Kollegen bekannt unter dem Spitznamen »Friede um jeden Preis«. Seit die beiden zwei Stunden zuvor ihren Dienst angetreten hatten, waren seine Gedanken ausschließlich um die Wurst mit Kartoffelpüree, Gurken- und Krabbensalat, Senf und Ketchup gekreist, die seinem elenden Dasein eine zumindest vorübergehende Linderung bescheren sollte. Jetzt nahm er bereits ihren Duft wahr, und im Kampf um das zwischen ihm und Oredsson befindliche Mikrofon hatte er deshalb natürlich nicht die geringste Chance.
    »235 hier. Wir hören«, teilte Oredsson mit. Allzeit bereit, wie es seine Art war.

    Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als der pensionierte Jurist mit der Dienst habenden Beamtin in der Polizeizentrale telefonierte, verließ Kriminaldirektor Lars M. Johansson, stellvertretender Chef des Landeskriminalamts und M für Martin, seine Wohnung in der Wollmar Yxkullsgatan in Södermalm. Johansson ging mit raschen Schritten und in bester Stimmung die Straße entlang, unterwegs zu seinem ersten Stelldichein mit einer Frau, die sehr gut aussah und vermutlich auch eine unterhaltsame Gesprächspartnerin sein würde. Das Stelldichein sollte in einem in der Nähe gelegenen Restaurant stattfinden, wo hervorragend und preiswert gekocht wurde. Es war ein kalter, sternklarer Abend ohne den geringsten Schneefleck in den Straßen, und das alles war fast eine ideale Kombination für jemanden, der einen klaren Kopf, gute Laune und zugleich trockene Füße behalten will.
    Lars Martin Johansson war ein allein stehender Mann. In juristischer Hinsicht war er das seit dem nun schon fast zehn Jahre zurückliegenden Tag, an dem seine erste und bisher einzige Gattin ihn verlassen hatte. Sie hatte die beiden Kinder mitgenommen und war zu einem neuen Mann gezogen, um in einem neuen Haus ein neues Leben anzufangen. In seelischer Hinsicht war er sein Leben lang allein gewesen, obwohl er mit sechs Geschwistern und zwei Elternteilen aufgewachsen war, die sich mehr als fünfzig Jahre zuvor kennen gelernt hatten, noch immer miteinander verheiratet waren und das auch bleiben wollten, bis dass der Tod sie scheide. Johansson hatte die Einsamkeit also nicht etwa geerbt. Als Kind hatte es ihm an Geborgenheit, Nähe und Gesellschaft nicht gefehlt. Das alles hatte es im Übermaß gegeben, und es war immer noch zu haben, wenn er das wollte, aber als er als Erwachsener seine Erinnerungen nach glücklichen Kindheitserlebnissen durchforstete, fand er die nur in den Momenten, in denen er wirklich seine Ruhe gehabt hatte. Wenn er einsam auf der Bühne gestanden hatte, als einziger Mitwirkender im Stück, nur er.
    Zu behaupten, dass Johansson seine Einsamkeit genossen hätte, wäre eine ziemliche Untertreibung gewesen. Den allgemein gültigen Maßstäben für menschliches Zusammenleben zufolge war die Lage noch viel schlimmer. Einsamkeit war die notwendige und entscheidende Voraussetzung dafür, dass Johansson überhaupt funktionierte, sowohl in der schlichten menschlichen Bedeutung, bei der es darum ging, aus allen Tagen ein anständiges Leben zusammenzuschmieden, als auch in der rein beruflichen, wo es galt, seine Pflicht zu tun, ohne Rücksicht auf Verwandtschaft, Freundschaftsbande oder Gefühle ganz allgemein. Und in diesem Sinn war sein Leben fast vollkommen verlaufen, seit seine Gattin ihn verlassen und die Kinder mitgenommen hatte.
    Zwei Jahre nach der Scheidung hatte seine damals sieben Jahre alte Tochter ihm zu Weihnachten eine LP geschenkt, »A Lonely Man« von Elton John, und abgesehen davon, dass jemand oder etwas sein Herz gepackt hatte, als er den Text auf dem Cover las, hatte er das für eine ungewöhnlich gute Menschenkenntnis bei einer erst Siebenjährigen gehalten. Weshalb diese Person später sicher zu einer überaus starken und selbstständigen Frau heranreifen würde – oder zu einer, die Gefahr lief, an ihren eigenen Erkenntnissen zu zerbrechen.
    Was jedoch die ganze Gleichung ins Wanken brachte, dieses sichere, kontrollierte, vorhersagbare Leben, war sein Interesse an Frauen: an ihrem Duft, ihrer weichen Haut, der Grube im Nacken zwischen dem Haaransatz und dem schmalen Hals. Dieses Interesse suchte ihn nachts im Traum heim, und er konnte sich nur dadurch wehren, dass er seine Bettdecke mitten im Bett zu einem schweißnassen Strang zusammendrehte, und es suchte ihn am helllichten Tag heim, wenn er hellwach, stocknüchtern und glasklar im Kopf seinen Nacken verrenkte, allein wegen eines geraden Rückens und zweier brauner Beine, die er nie wieder sehen würde.
    Es suchte ihn auch jetzt heim, als er einen halben Arm entfernt am Tisch in einem Restaurant saß, wo hervorragend und preiswert gekocht wurde. Er hatte die Frau zwei Tage zuvor kennen gelernt, als er für eine Gruppe von Polizeichefs mit juristischer Ausbildung einen Vortrag über die Arbeit beim Landeskriminalamt gehalten hatte. Die Frau verzehrte ihre Pasta mit Krustentieren und Pilzen mit sichtlicher Begeisterung, und darüber freute er sich. Es war ein gutes Zeichen. Wenn eine Frau in ihrem Essen herumstocherte, dann war das ein schlechtes Zeichen, in jeder Hinsicht.
    Sie waren in der Pause zwischen seinen beiden Vorlesungsstunden miteinander ins Gespräch gekommen. Sie hatten über die Traurigkeit gesprochen, die sich ganz natürlich einstellte, wenn man in Stockholm in einem Hotel wohnte, während man doch ein Leben, ein Zuhause und Freunde in Sundsvall hatte. Und dann waren sie zur Sache gekommen.
    »Wenn du am Freitagabend noch nichts Besseres vorhast, dann weiß ich ein sehr gutes Restaurant bei mir in der Nähe.« Johansson nickte zur Bestätigung und schaute in seinen weißen Kaffeebecher aus Kunststoff. Sein norrländischer Akzent machte sich etwas stärker bemerkbar als sonst.
    »Ich dachte schon, du würdest nie fragen. Wo, wann und wie?«
    Und jetzt saß sie da. Eine halbe Armlänge von ihm entfernt.
    Eigentlich müsste ich etwas über meine Einsamkeit sagen, dachte Johansson. Sie warnen, für den Fall, dass ich mich schrecklich in sie verliebe und sie sich in mich.
    »Pasta, Olivenöl, Basilikum, Tomaten, Krustentiere und ein paar Pilze. Was ist eigentlich an Reibekuchen und gebratenem Speck auszusetzen? Damit bin ich schließlich großgezogen worden.«
    Johansson nickte und ließ seine Gabel sinken.
    »Ich glaube, das weißt du. Sonst säße ich doch nicht hier.«
    Sie hatte ihre Gabel hingelegt und sah ziemlich begeistert aus.
    Na gut, dachte Johansson. Schüttelte den Kopf und hob sein Weinglas.
    »Ich hab nicht die geringste Ahnung. Ich bin nur ein schlichter Knabe vom Lande. Erzähl.«

    Um sieben nach acht, nur zwei Minuten, nachdem sie sich auf den Alarm hin gemeldet hatten, erreichten Stridh und Oredsson den Schauplatz des Unglücks. Oredsson war auf den Bürgersteig gefahren, der sich parallel zum Valhallavägen oberhalb des Parkplatzes hinzog, und ehe er anhielt, schaltete er das Fernlicht ein. Einige Meter vor dem Wagen saß ein älterer Mann mit Schirmmütze und dunklem Mantel. Er wiegte den Oberkörper hin und her, in seinen Armen hielt er einen Hund, der aussah wie ein klein geratener Schäferhund, und er schien das Eintreffen der Polizei gar nicht zu bemerken. Etwa ein Dutzend Meter weiter, genau auf der Grenze zwischen dem Bürgersteig und dem mit Gras bewachsenen Hang, der zum nächstgelegenen Haus hoch führte, lag ein lebloser Körper. Eine Blutlache mit einem Radius von etwa einem halben Meter umgab seinen Kopf und funkelte im Scheinwerferlicht wie geschmolzenes Zinn.
    »Ich seh mal nach, ob er noch lebt.« Oredsson schaute Stridh fragend an und öffnete zugleich seinen Sicherheitsgurt.
    »Wenn es dir unangenehm ist, kann ich das auch übernehmen.« Stridh nickte mit einem gewissen Nachdruck. Schließlich war er hier ja der Chef.
    Oredsson schüttelte den Kopf und öffnete die Wagentür.
    »Ist schon gut. Ich habe wirklich schon Schlimmeres gesehen.«
    Stridh begnügte sich mit einem Nicken. Er fragte nicht, wo ein vierundzwanzig Jahre alter Dienstanwärter solche Erfahrungen wohl gemacht haben konnte.
    Irgendwo musste es ja passiert sein. Als er sich einige Minuten später bei der Einsatzzentrale meldete, drückte er sich kurz und bündig aus, und seine Stimme klang nicht im Geringsten bewegt. Hier vor ihnen liege ein Toter, ein Krankenwagen sei deshalb nicht vonnöten. Die umfassenden Verletzungen und die Lage des Leichnams wiesen daraufhin, dass der Mann wohl aus einer der höher gelegenen Wohnungen im benachbarten Haus gesprungen oder gefallen sei. Es sei ein Hochhaus mit mindestens zwanzig Etagen, das Studentenwohnungen enthielt und aus unerfindlichen Gründen Nyponet, Hagebutte, genannt wurde. Es sei auch ein Zeuge zugegen. Ein älterer Mann, der mit seinem Hund unterwegs gewesen sei. Kollege Stridh spreche gerade mit ihm. Es wäre hervorragend, wenn jemand von der Kripo und jemand von der Spurensicherung kommen könnte, Oredsson werde dann das Gebiet um den Toten absperren lassen, weitere Verstärkung brauche er jedoch nicht.
    »Ja. So sieht’s hier aus«, endete Oredsson. Ich brauch denen ja wohl nicht auf die Nase zu binden, dass die Töle auch tot ist, dachte er.

    Im Pausenzimmer auf der Wache saß Inspektor Bäckström und glotzte den Fernseher an; bisher war alles gut gegangen. Für einen Freitagabend war es ungewöhnlich ruhig, und als ein Einsatzkommando eine halbe Stunde zuvor einen Straßenboxer herein getragen hatte, hatte Bäckström die Gefahr rechtzeitig gewittert und sich auf der Toilette verkrochen. Weshalb sich ein Kollege um den Scheiß hatte kümmern müssen. Es war natürlich ein Kanake gewesen und genauso nervig, wie diese Leute eben waren.
    Normalerweise arbeitete Bäckström für die Kripo, aber da er konstant knapp bei Kasse war, musste er immer wieder Überstunden schieben. Natürlich saßen freitagabends auf der Wache nur Idioten herum, aber drei Tage vor der nächsten Gehaltszahlung hatte er eben keine andere Wahl. Also saß er hier, und bisher war alles gut gegangen. Bis nun der Kommissar, der gerade Dienst hatte, in die Tür trat und genauso sauer wirkte wie immer, als er Bäckström auffordernd ansah.
    »Ich hab eine Leiche für dich, Bäckström. Liegt angeblich auf dem Fußweg vor diesem Studiwolkenkratzer oberhalb vom Parkplatz zwischen Valhallavägen und Frejgatan. Ich hab schon mit Wiijnbladh von der Spurensicherung gesprochen. Du kannst mit ihm fahren.«
    Bäckströms Laune hob sich ein wenig, und er nickte. Selbstmord, dachte er. Irgend so ein blöder Student, der vom Dach gesprungen ist, weil sein Studiendarlehen nicht rechtzeitig eingetroffen war. Noch immer hatte er gute Chancen, Feierabend zu machen, ehe die Kneipen schlossen.

    Es dauerte eine ganze Weile, bis Bäckström und Wiijnbladh auftauchten, ein Selbstmord lief einem schließlich nicht davon, und eine weitere Tasse Kaffee konnte nie schaden, aber weder Stridh noch Oredsson hatten derweil auf der faulen Haut gelegen. Oredsson hatte die Umgebung der Stelle abgesperrt, wo der Tote lag. Im Kriminaltechnikkurs hatte er gelernt, dass die Polizei fast immer zu enge Absperrungen baut, weshalb er wirklich zugelangt und das blauweißgestreifte Absperrband sorgsam zwischen passenden Laternenpfählen und Bäumen angebracht hatte. Einige Neugierige hatten sich dazugesellt, als er noch damit beschäftigt war, doch alle hatten sich nach einem kurzen Blick auf den Leichnam gleich wieder entfernt. Er hatte den Toten natürlich nicht angerührt. Das hatte er im selben Kurs gelernt.
    Sein älterer Kollege hatte derweil versucht, Vindeln zu trösten. Nach einer Weile hatte er ihn dazu überreden können, sich auf die Rückbank des Autos zu setzen, und natürlich hatte er den Hund mitnehmen dürfen. Sie hatten ihm auch geholfen, den Köter in Stridhs Decke zu wickeln, die dieser immer zu langen nächtlichen Einsätzen mitnahm, aus Gründen, die nur ihn selbst etwas angingen. Im Wagen lag natürlich auch eine Kunststoff­plane, die über die Rückbank ausgebreitet wurde, wenn Besoffene zu transportieren waren, aber darin konnte man nun wirklich keinen Toten einwickeln, schon gar nicht vor den Augen eines nahen Angehörigen.
    »Er heißt Kalle«, erklärte Vindeln mit Tränen in den Augen. »Er ist ein Elchhund, aber ich glaube, er hat auch etwas von einem Schweißhund. Er ist im Sommer dreizehn geworden, aber er ist immer noch gesund und munter.«
    Vindeln schniefte, während Stridh seine Schulter streichelte, und danach fand dann die erste Vernehmung statt.
    Vindeln hieß in Wirklichkeit natürlich nicht Vindeln. Er wurde nur so genannt. Er hieß Gustav Adolf Nilsson, war 1930 geboren und 1973 nach Stockholm gekommen, um eine Umschulung zu machen, arbeitsloser Bauarbeiter aus Norrland, der er war, und das war er auch geblieben, denn einen neuen Job hatte er nie gefunden.