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Die Jagd nach dem Blau

Roman

Romain Gary

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Beschreibung

Der elternlose Ludo lebt in einem Dorf in der Normandie bei seinem Onkel, dem Landbriefträger Ambroise Fleury. Der gilt als leicht durch­geknallt und erfreut die Kinder rundum mit seinen selbst gebauten Drachen: BLAUER VOGEL, ZITTERBACKE, JEAN-JACQUES ROUSSEAU.
Ludo, als wahrer Fleury, einer Familie, der die »Fähigkeit des Vergessens« nicht gegeben ist, leidet an »Gedächtnisüberschuss«; er kann das halbe Kursbuch der Eisenbahn aufsagen. Auch nicht aus
dem Kopf geht ihm Lila, Tochter polnischer Adliger, die ihn nach Jahren des Wartens endlich auf den Sommersitz der Familie einlädt. Die Liebe ist kompliziert, im Weg steht nicht nur Lilas deutscher Cousin Hans, ­sondern bald auch der Krieg. Nach der Besatzung der Deutschen, verbunden mit Razzien und Deportationen, schließt Ludo sich der Résistance an, während der Onkel sieben gelbe Sterne am Himmel aufsteigen lässt.

Romain Gary war Weltkriegspilot, Filmregisseur, Diplomat und Literat. 1914 als Roman Kacew in eine ­jüdische Familie in Wilna geboren, kam er 1928 nach Frankreich, 1938 zur französischen Luftwaffe, 1946 in den diplomatischen Dienst, wo er den ­Namen Romain Gary annahm. Er schrieb rund 30 Romane und hat fünf Pseudonyme benutzt. Als einziger Autor erhielt er zweimal den Prix Goncourt, 1956 für seinen Roman Die Wurzeln des Himmels, 1975 unter dem Pseudonym Émile Ajar für Du hast das Leben vor dir. Romain Gary war mit der Nouvelle-Vague-Legende Jean Seberg verheiratet. Ein Jahr nach deren mysteriösem Tod nahm er sich 1980 das Leben.

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 376
Erscheinungsdatum 06.02.2019
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-85869-828-5
Reihe Edition Blau
Verlag Rotpunktverlag
Maße (L/B/H) 20,8/13,1/2,7 cm
Gewicht 468 g
Originaltitel Les Cerfs-volants
Auflage 1. Auflage 2019
Übersetzer Jeanne Pachnicke
Verkaufsrang 163977

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Der Bauernjunge mit dem brillanten Gedächtnis und die „Drama-Queen“ aus adeligem Hause.
von Rezensent aus BW am 27.08.2020

Es geht in diesem wunderbaren Roman um Liebe, Freundschaft, Solidarität, Loyalität, Rivalität, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebensrealitäten zur Zeit der deutschen Besatzung in der Normandie während des zweiten Weltkrieges. Zu Beginn dieses 376-seitigen Romans, der erstmals 1980 e... Es geht in diesem wunderbaren Roman um Liebe, Freundschaft, Solidarität, Loyalität, Rivalität, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebensrealitäten zur Zeit der deutschen Besatzung in der Normandie während des zweiten Weltkrieges. Zu Beginn dieses 376-seitigen Romans, der erstmals 1980 erschien, berichtet uns der Ich-Erzähler Ludo von dem nur spärlich besuchten Museum in Cléry, einem abgelegenen Dorf in der Normandie, das seinem bereits verstorbenen Onkel Ambroise Fleury und dessen Papierdrachen gewidmet ist, die alle einen liebevoll ausgewählten Namen tragen, oft Personen aus der französischen Geschichte darstellen und einst dem Blau des Himmels hinterher jagten. Ambroise Fleury war ein warmherziger, friedliebender und heiterer Landbriefträger, der in seiner Freizeit mit Leidenschaft diese unterschiedlichsten und originellen Flugobjekte baute und der von Einheimischen und Besuchern sowohl augenzwinkernd als auch mit einer Mischung aus Ernst, Spott und Gehässigkeit, als „leicht durchgeknallt“ (S. 8) bezeichnet wurde. Bei ihm wuchs der Ich-Erzähler Ludo auf, nachdem sein Vater im ersten Weltkrieg gefallen und seine Mutter kurz danach gestorben war. Wir begegnen in diesem Roman neben einigen anderen äußerst interessanten Figuren, zwei ungewöhnlichen und aus der Masse durch besondere Begabungen und Beschäftigungen hervorstechenden Sonderlingen, die durch eine gewisse Weltfremdheit glänzen: Ludo und seinem Onkel Ambroise Eines Tages im Juni 1932 taucht im Wald bei La Motte, einem Örtchen in der Nähe von Cléry, ein Mädchen auf. Ludo fängt sofort Feuer für diese rätselhafte Erscheinung, aber nach dieser Begegnung verschwindet sie spurlos und er verfällt in quälendes Warten. Im weiteren Verlauf erfahren wir, dass Ludo herausfindet, dass es sich bei der schönen Unbekannten um die Polin Elisabeth de Bronicki, genannt Lila, handelt, deren adelige und reiche Eltern in der Nähe von La Motte einen Sommersitz in einem beeindruckenden Herrenhaus haben und dass ebendieses Mädchen, das eine lebhafte Fantasie und ein vorlautes Mundwerk hat, vier Jahre später wieder auftaucht und Ludo auf diesen noblen Sommersitz ihrer außergewöhnlichen Familie einlädt. Lila verdreht Ludo den Kopf und der naive Ludo, der blind vor Liebe zu ihr ist, nimmt sich vor, über sich hinauszuwachsen, um sie zu erobern. Ludo, der Junge aus einfachen Verhältnissen, tätigt den Schritt in die elegante und schillernde Welt der Bronickis. „Der Neffe des berühmten Ambroise Fleury“ (S.56) bewegt sich nun regelmäßig in der feinen Gesellschaft, in der er sich nachvollziehbarer Weise nicht so ganz zu Hause fühlt. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, wird immer intensiver und spannender. Wir lesen von Ludos Besuch auf dem Schloss der Bronickis in Polen, von zwei weiteren Verehrern Lilas, vom Vorabend und Beginn des zweiten Weltkriegs, davon, wie Ludo mit der hellsichtigen und gewieften jüdischen „Puffmutter“ Madame Julie ins Geschäft kommt, wie sich die Résistance formiert und wie Ludo und Lila getrennt werden. Für immer? Das und alles andere werde ich natürlich nicht verraten… Über der Geschichte, die rückblickend aus der Sicht Ludos erzählt wird, liegt v. a. zu Beginn ein Touch von märchenhafter Erzählweise und bezaubernder Sprache. Durchgehend überraschen uns poetische Formulierungen sowie eine ausgefeilter Sprache. Im Verlauf verliert sich das Märchenhafte. Die Sprache wird dem Zeitgeschehen angemessen nüchterner, klarer und realistischer. Bezüglich des sprachlichen Ausdrucks von Romain Gary kam mir immer wieder der englische Begriff „sophisticated“ in den Sinn, für dessen Bedeutung mir jedoch leider kein wirklich treffender und passender deutscher Begriff einfällt. Es geht in Richtung „anspruchsvoll“ und „raffiniert“, hat aber auch etwas von „gestelzt“... Immer wieder wird der Leser mit wunderschönen poetischen Phrasen überrascht, wie z. B. „Ich wollte irgendetwas sagen, denn man muss immer Zuflucht in Worten suchen, um das Schweigen daran zu hindern, allzu laut zu werden...“ (S. 115) „Mein Gedächtnis erfasste jeden Augenblick, legte ihn beiseite; bei uns nennt man das „Sparstrumpf“, und was da drin war, reichte für mein ganzes Leben.“ (S. 148) „Niemand hatte jemals drei Männer gesehen, die stummer über Dinge schwiegen, die sie sich zu sagen hatten.“ (S. 191) Dass die Drachen und deren „Jagd nach dem Blau“ immer wieder in ihrer Symbolik aufgegriffen werden oder Assoziationen hervorrufen, gefällt mir: Höhenflüge machen, Träume haben, sich im Zaum halten, auf dem Boden bleiben, die Leine locker lassen, etwas hinterher jagen oder die Zügel straffen... Scharfzüngige, sarkastische und witzige Formulierungen, die einem auf der Zunge zergehen, machen das Werk zu einem Lesevergnügen. Die Personen werden in ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit gezeichnet. Uns begegnen völlig unterschiedliche Charaktere, wobei ein jeder für sich in all seiner Komplexität und Vielschichtigkeit gezeichnet wird. Die gespannte, ungewisse und bedrohliche Atmosphäre im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges und während der Jahre des Schreckens wird wunderbar vermittelt. Ebenso die Gefühlswelt von Ludo, das Getriebene und Suchende von Lila, das Resignative und Künstlerische von Bruno, das angestaubt, unzeitgemäß und selbstgefällig Wirkende von Hans, das Scharfsichtige und Kluge von Tad und das Knistern der Rivalität zwischen den drei jungen Männern. Man sollte sich meines Erachtens Zeit nehmen und den Roman aufmerksam lesen, damit einem nichts entgeht. Weder die schöne Sprache, noch die bildhaften Beschreibungen oder die authentische Atmosphäre. Es ist kein Roman, den man en passant oder, müde vom Tag, kurz vor dem Schlafen lesen kann, weil die Sprache gleichermaßen gehaltvoll wie anspruchsvoll und das Buch, das trotz der Schwere seiner Thematik ein Plädoyer für Mut, Zuversicht, Durchhaltevermögen, Loyalität und Solidarität ist, kein ganz einfach und nebenbei zu lesender Unterhaltungsroman ist. Das Eintauchen in diese andere Zeit und Welt und das Kennenlernen dieser völlig unterschiedlichen und wunderbar sezierten Charaktere, die sich im Verlauf des Romans verändern und entwickeln, war berührend, bewegend, herzerwärmend und erschütternd und bereitete mir neben Momenten des Nachdenkens und Erschauderns auch viel Vergnügen und Genuss. Sehr gelungen und bereichernd fand ich, dass wahre historische Gestalten und Ereignisse, wie z. B. Ilse Koch, das Stauffenberg-Attentat und das Dorf Le Chambon-sur-Lignon, ein Örtchen in den Cevennen, dessen Bewohner mit vereinten Kräften jüdische Menschen gerettet haben, erwähnt wurden und eindrucksvoll war für mich, den zweiten Weltkrieg durch die Brille der französischen Widerstandsbewegung, der Résistance, zu erleben. Realität eingebettet in Fiktion. Schwere eingebettet in Poesie. Dramatik und Tragik neben Hoffnung und Leichtigkeit. Sehr Lesenswert! Unbedingte Empfehlung!


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