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Nacht

Roman

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Taschenbuch

Ein buchgewordener Albtraum

Als Alice den Job als Babysitterin annimmt, ahnt sie nicht, dass ihr die schrecklichste Nacht ihres Lebens bevorsteht. Denn kaum ist sie allein im Haus, wird sie von einem geheimnisvollen Anrufer terrorisiert. Als der dann auch noch versucht, in das Haus einzudringen, weiß sie sich nicht anders zu helfen, als ihn mit einem alten Säbel niederzustrecken. Doch damit beginnen die Probleme erst: Denn der Eindringling ist überhaupt nicht der Anrufer – und er wird auch nicht die letzte Leiche in dieser Nacht bleiben…

Nach den Bestsellern „Die Insel“ und „Rache“ zementiert Richard Laymon mit „Nacht“ endgültig seinen Status als Horror-Kultautor.

Rezension
Alex Dengler, Deutschlands führender Buchkritiker, denglers-buchkritik.de: So abgefahren wie Richard Laymon schreibt keiner, daher ist er eine Ikone der Spannungs- und Trashliteratur.
Portrait
Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird.
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  • Hallo.
    Ich bin Alice.
    Das hier ist das erste Buch, das ich schreibe. Ich habe keine Ahnung, wie man mit so was anfängt, aber es kann wohl nicht schaden, wenn ich mich erst mal vorstelle:
    Angenehm, Alice.
    Alice ist natürlich nicht mein richtiger Name. Ich wäre ja bescheuert, wenn ich meinen richtigen Namen in einem Buch nennen würde, in dem ich über meine intimsten Abenteuer, Leidenschaften und Verbrechen berichte.
    Alice ist also nur ein Pseudonym.
    Ein Pseudonym für eine Unbekannte, alias Alice.
    Namen sind übrigens das Einzige in meinem Buch, was nicht der Wahrheit entspricht. Und das gilt für sämtliche Namen, denn alle, über die ich schreibe, sind – oder waren – real existierende Personen, mit denen ich keinen Ärger kriegen will.
    Natürlich trifft das auch auf die Orte zu, von denen ich in diesem Buch berichten werde. Ich möchte nicht, dass sich jemand anhand der Ortsangaben zusammenreimt, von wem oder was hier wirklich die Rede ist.
    Alles andere außer den Personen- und Ortsnamen ist die reine Wahrheit. Ehrenwort. Wozu sollte ich mir sonst die Mühe machen, meine Geschichte zu Papier zu bringen?
    Wenn man bei so etwas nicht die Wahrheit sagt, kann man es gleich bleiben lassen.
    Natürlich stellt sich jetzt die Frage, warum ich mich überhaupt hinsetze und dieses Buch schreibe.
    Für Geld bestimmt nicht. Klar, ich würde schon Geld dafür nehmen, aber wie soll man etwas mit einem Buch verdienen, wenn man niemandem seinen richtigen Namen sagen kann? Auf wen soll das Verlagshaus denn die Schecks ausstellen? Dieses Problem habe ich noch nicht gelöst, aber vielleicht fällt mir ja noch was ein.
    Es geht mir auch nicht um den Ruhm. Wäre ja auch bescheuert, wenn man berühmt würde, und niemand wüsste, wer man ist.
    Trotzdem will ich die Geschichte aufschreiben.
    Sie ist zwar erst vor sechs Monaten passiert, aber ich habe schon jetzt das Gefühl, dass sie immer tiefer in der Vergangenheit versinkt. Wenn ich mich nicht beeile und sie so aufschreibe, wie sie passiert ist, wird sie sich in meiner Erinnerung noch mehr verändern als ohnehin schon.
    Ich brauche Aufzeichnungen darüber, wie sich das alles wirklich zugetragen hat. In allen Einzelheiten. Nur so kann ich es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal ganz genau nacherleben.
    Minutiöse Aufzeichnungen aller Ereignisse sind auch wichtig, falls man mich wirklich einmal vor Gericht stellen sollte. Dann würden sie mir helfen, die Wahrheit zu rekonstruieren und mir dadurch möglicherweise eine Verurteilung ersparen.
    Oder auch nicht.
    Vielleicht wäre es besser, diese Aufzeichnungen zu verbrennen.
    Egal, jetzt fange ich einfach mal an.
    Es fängt an
    Am Anfang dieses Buches habe ich ja schon erwähnt, dass ich Alice heiße (aber nicht wirklich). Letztes Jahr, als sich das alles zugetragen hat, war ich sechsundzwanzig Jahre alt und wohnte in einer hübschen kleinen Wohnung über der Garage im Haus meiner besten Freundin.
    Sie heißt Serena.
    Serena hat alles, was man sich wünschen kann: Ein großes Haus am Waldrand, einen Ehemann namens Charlie und zwei Kinder: die vierjährige Debbie, die ebenso hübsch ist wie ihre Mutter, und einen einjährigen Jungen mit Namen Jeff.
    Manche Leute haben eben richtig Glück.
    Damit meine ich Serena, nicht mich.
    Eigentlich kommt es ja nur darauf an, dass man die richtigen Gene hat, und das ist bei Serena eindeutig der Fall. Damit will ich sagen, dass sie von Geburt an nicht nur hübsch, sondern auch intelligent ist. Wenn man über diese beiden Eigenschaften verfügt, ist alles andere ein Klacks. Und so hat Serena ganz selbstverständlich einen gut aussehenden, wohlhabenden Ehemann mit einem tollen Haus abbekommen und mit ihm zwei total süße Kinder gekriegt.
    Ich hatte mit meinen Genen leider nicht so viel Glück.
    Meine Eltern sind Versager. Grundanständige, hart arbeitende Leute, aber Versager. Nicht, dass ich es ihnen zum Vorwurf mache. Sie können nichts dafür, denn ihre Eltern waren auch schon Versager, die ebenfalls nichts dafür konnten. Genauso wenig, wie ich etwas dafür kann, dass ich so bin wie ich bin.
    Deshalb will ich mich auch gar nicht beschweren.
    Gegen seine Gene ist man nun mal machtlos, man kann nur das Beste aus dem machen, was man in die Wiege gelegt bekommen hat.
    Und das habe ich getan.
    Weil das hier keine Autobiografie werden soll, will ich Sie nicht mit Einzelheiten aus meiner Jugend langweilen. Was Sie hier zu lesen kriegen, ist eine Geschichte über das, was nach der Ankunft des Fremden hier geschehen ist, und deshalb fange ich auch mit diesem Abend an.
    Wie schon gesagt, ich wohnte damals in dieser kleinen Wohnung über Serenas Garage und zahlte auch jeden Monat Miete dafür. Serena tat zwar alles, um mir das auszureden (sie brauchte das Geld wirklich nicht), aber ich wollte es so. Ich hatte zwar gerade keinen Job, aber ich zahlte die Miete lieber aus meinem Ersparten als irgendetwas geschenkt zu bekommen.
    Selbst wenn man nicht wie eine Schönheitskönigin aussieht, sollte man doch seine Würde bewahren.
    Hoffentlich vermittle ich Ihnen jetzt nicht den Eindruck, dass ich ein trauriger, hässlicher Trampel bin.
    Das Schreiben ist vielleicht doch nicht so einfach, wie ich dachte. Besonders dann, wenn man etwas so darstellen will, wie es wirklich ist und seine Leser nicht an der Nase herumführen will.
    Tatsache ist, dass ich nicht hässlich bin und es auch nie war. Mein Gesicht reißt die Leute zwar nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hin, aber zum Wegschauen bringt es sie nun auch wieder nicht. Manche sagen, ich hätte ein »süßes Gesicht«, und andere meinen, ich wäre »ganz hübsch«.
    Das Adjektiv »schön« allerdings habe ich in Verbindung mit mir nur sehr selten gehört. Die, die es benutzt haben, waren entweder vor Liebe blind – wie meine Eltern –, oder aber sie wollten mich ins Bett kriegen.
    George Gunderson hat mich zum Beispiel »schön« und »echt super« genannt, aber Sie hätten George mal sehen sollen. Ich war vermutlich das einzige Mädchen in seinem traurigen Leben, das nicht laut schreiend vor ihm davongelaufen ist.
    Wie dem auch sei, ich bin weder schön noch »echt toll«. Ich habe ein ziemlich gewöhnliches, ganz nett aussehendes Gesicht, aber das war’s dann auch schon. Mein Haar ist von Natur aus braun, aber ich färbe es mir schon seit Langem blond. Meine Augen sind braun. So wie meine Zähne. Hihi. War nur ein Witz. Ich weiß, in einem ernsthaften Buch sollte man so was nicht tun, aber ich habe nun einmal einen ziemlich schrägen Humor. Zumindest sagt man mir das immer wieder.
    Dieser Humor und mein Lächeln sind die Eigenschaften, die andere am meisten an mir schätzen. Außerdem sagt man mir nach, ich sei »nett« und »hilfsbereit«. Aber was wissen die schon?
    Obwohl mit meinem Gesicht kein Schönheitswettbewerb zu gewinnen ist, ist mein Körper nicht zu verachten. Für eine Frau bin ich ziemlich groß (eins achtundsiebzig), und obwohl ich früher ziemlich pummelig war, habe ich mich in meinem ersten Jahr auf dem College gewaltig zusammengerissen und mir eine tolle Figur antrainiert. Seitdem halte ich mich fit. Im Badeanzug sehe ich verdammt gut aus, und ohne Badeanzug noch viel besser.
    Meistens aber halte ich meine Schätze verborgen. Ich mag es nicht, wenn die Männer wissen, was ich zu bieten habe.
    Als ich noch mollig war, wollte mich keiner von ihnen ansehen, geschweige denn mit mir gesehen werden, aber seit ich mich in Form gebracht habe, kann ich mich ihrer kaum noch erwehren. So gut wie alle von ihnen waren Volltrottel, die mich nicht richtig kennenlernen und auch keinen Spaß mit mir haben wollten. Alles, was sie interessierte, war mein »Körperbau«.
    Manche von diesen Schürzenjägern fanden, ich hätte »ziemlich viel Holz vor der Hütte«.
    Ich finde das nicht allzu charmant, aber ich kann mir gut vorstellen, was sie damit meinen.
    Im Grunde genommen sind die meisten Männer Nichtsnutze, und ich hatte mit meinen sechsundzwanzig Jahren die Hoffnung, noch einen halbwegs passablen zu finden, so ziemlich aufgegeben.
    Aber dann kam die Nacht, in der dieser Fremde hier auftauchte.
    Es war eine heiße Julinacht. Serena und Charlie waren mit den Kindern in die Ferien gefahren und wollten erst in einer Woche zurückkommen. Bis dahin hatte ich das ganze Haus für mich allein. Die beiden bestanden geradezu darauf, dass ich während ihrer Abwesenheit im großen Haus wohnte. Sie waren der Meinung, dass dann nicht eingebrochen würde. Vielleicht glaubten sie das tatsächlich, aber ich vermute eher, dass sie mir damit einen Gefallen tun wollten. Sie waren davon überzeugt, dass ich viel lieber in ihrem Haus war als in meiner kleinen Wohnung über der Garage.
    Irgendwie hatten sie sogar recht damit. Im großen Haus gab es eine schöne Küche, ein großes Badezimmer mit einer in den Boden eingelassenen Wanne, die ein echter Traum war, und ein Wohnzimmer mit einem riesigen Fernseher. Wenn ich auf Serenas und Charlies Haus aufpasste, kochte ich mir immer wahre Festmähler, lag stundenlang in der Badewanne und sah fern, bis mir die Augen wehtaten.
    Im Schlafzimmer gab es ein Doppelbett, dessen Matratze ungefähr dreimal so groß war wie meine, und an den Wänden sowie an den Türen der Einbauschränke hingen große Spiegel. Ein weiterer Spiegel hing über dem Bett an der Decke. Serena erzählte mir, das sei Charlies Idee gewesen. Kann sein, aber Serena gefielen die Spiegel bestimmt auch, denn sonst wären sie nie in ihr Schlafzimmer gekommen. Es war allerdings kein Wunder, dass die beiden ihren Partner – und sich selbst – gerne im Spiegel betrachteten, immerhin sahen sie beide einfach blendend aus.
    Als ich das erste Mal allein in Serenas und Charlies Haus war, legte ich mich in ihr Bett und fand, dass ich in all den Spiegeln zwar nicht schlecht, aber irgendwie auch ziemlich allein aussah, während ich mich auf dieser gigantischen Spielwiese von einem Bett räkelte. Unwillkürlich musste ich dabei an Serena und Charlie denken und daran, wie sie sich vielleicht genau an der Stelle, an der ich jetzt lag, schon hundertmal geliebt hatten. Um es kurz zu machen, meine Fantasie ging so dermaßen mit mir durch, dass ich nichts dagegen tun konnte. Die ganze Nacht lang wälzte ich mich auf dieser Matratze herum und glitt von einem heißen Traum in den nächsten. Meine erotischen Fantasien – oder waren es Halluzinationen? – waren so anschaulich, dass sie fast Wirklichkeit hätten sein können.
    Als ich am nächsten Morgen schweißgebadet und erschöpft aufwachte, schämte ich mich so sehr, dass ich mir schwor, nie wieder eine Nacht im Bett der beiden zu verbringen. Von da an ging ich jeden Abend zurück in mein Zimmer über der Garage und schlief in meinem eigenen Bett, was auch aus anderen Gründen besser für mich war.
    So sehr ich auch Küche, Bad und Fernseher schätzte, irgendwie machte das große Haus mir in der Nacht Angst.
    Es war viel zu groß, hatte viel zu viele Zimmer und viel zu viele Türen und Fenster, durch die jemand hereinsehen und vielleicht sogar einbrechen konnte.
    In meinem kleinen, gemütlichen Reich über der Garage war das anders. Ich hatte nur ein einziges Zimmer mit Kochnische und einer Nasszelle, in der es zwar eine Dusche, aber keine Badewanne gab. Wenn die Tür zur Nasszelle offen war und ich in der Mitte des Raumes stand, hatte ich sämtliche Fenster und Türen im Blick und hätte es außerdem sofort gehört, wenn sich jemand daran zu schaffen gemacht hätte.
    Jedes Mal, wenn ich nachts zurück in meine Wohnung kam, überzeugte ich mich davon, dass in meiner Abwesenheit auch wirklich niemand dort eingedrungen war. Eigentlich fühlte ich mich in meine Wohnung immer so sicher wie in Abrahams Schoß.
    Das einzige Problem war, dass ich erst einmal in meine Wohnung kommen musste.
    In jener heißen Julinacht, in der der Fremde kam, war ich bis nach Mitternacht unten im Haus gewesen. Normalerweise wäre ich schon früher in meine Wohnung gegangen, aber es war der erste Tag von Serenas und Charlies Urlaub, und ich hatte seit ihrer Reise nach San Francisco das Haus nicht mehr für mich allein gehabt. Vor lauter Freude vergaß ich, zu gehen und blieb zu lange dort.
    Viel zu lange.
    Serena und Charlie haben im Garten ihres Hauses einen wunderschönen Swimmingpool. Weil er direkt am Waldrand liegt und weit und breit kein anderes Haus zu sehen ist, kommt man sich darin vor, als würde man in einem mitten im Wald gelegenen Weiher schwimmen. Trotzdem mied ich den Pool normalerweise wie der Teufel das Weihwasser.
    Außer, wenn ich alleine das Haus hütete und niemand da war, der mich sehen konnte.
    An dem Tag, an dem diese Geschichte anfing, waren Serena und Charlie erst am frühen Nachmittag losgefahren. In der Einfahrt hatte ich sie alle zum Abschied noch einmal geküsst und ihnen einen schönen Urlaub gewünscht, und dann hatte ich noch eine Weile gewinkt, bis ihr Wagen auf der Straße verschwunden war.
    Kaum waren sie fort, rannte ich hinauf in meine Wohnung, zog mich aus und schlüpfte, um meine Freiheit gebührend zu feiern, in meinen nagelneuen Bikini. Dann schnappte ich mir die kleine Tasche, in die ich schon am Vormittag alles gepackt hatte, was ich unten im Haus benötigen würde, und eilte die Treppe wieder hinunter.
    Als Erstes mixte ich mir in der Küche eine Bloody Mary, die ich mit hinaus an den Pool nahm.
    Dort verbrachte ich dann den ganzen Nachmittag dick mit Sonnenöl eingeschmiert auf einem Liegestuhl und genehmigte mir alle möglichen Drinks, während ich einen Krimi las, vor mich hin sinnierte oder ein Nickerchen hielt. Ab und zu, wenn es mir zu heiß wurde, sprang ich in den Pool und schwamm ein paar Bahnen.
    Es war ein herrlicher Nachmittag.
    Ich trank zu viel, döste zu viel und bekam zu viel Sonne ab. Aber ich genoss es sehr.
    Später briet ich mir ein Steak auf dem Grill, der draußen auf der Terrasse stand, und aß es am Pool. Danach hatte ich genug von der frischen Luft und ging ins Haus, wo ich ausgiebig duschte und mir das Sonnenöl von der Haut wusch. Ich stellte fest, dass ich ganz schön Farbe gekriegt hatte.
    Eigentlich mochte ich es, braun zu sein, aber in den Spiegeln im Schlafzimmer sah es doch ein wenig albern aus, weil eben nicht alle Stellen an meinem Körper gebräunt waren. Mir kam es so vor, als trüge ich einen Bikini aus der bleichen Haut einer anderen Frau, die noch nie in ihrem Leben an der Sonne gewesen war.
    Nachdem ich mich mit Serenas teurer Feuchtigkeitsmilch eingecremt hatte, zog ich mir Charlies blauen Seidenkimono an und ging ins Wohnzimmer, um fernzusehen. Auf dem riesigen Flachbildschirm sah alles sehr viel besser aus als auf meinem kleinen Fernseher.
    Weil ihr Haus zu weit draußen für einen Kabelanschluss lag, hatten sich die beiden eine Satellitenschüssel angeschafft, an der auch die kleine Glotze in meinem Zimmer hing. Ich wusste also, wie man das System bedienen musste.
    Man konnte damit so um die hunderttausend verschiedene Programme empfangen.
    Ich fand einen Film, der um acht Uhr anfing, und während ich ihn mir ansah, wurde es draußen dunkel, und ich musste vom Sofa aufstehen und die Vorhänge zuziehen. Ich mag es nicht, wenn nachts die Vorhänge offen stehen. Den Gedanken, dass einen von draußen vielleicht jemand anglotzt, während man selbst ihn nicht sehen kann, finde ich ziemlich beunruhigend. Um ehrlich zu sein, jagt mir die Vorstellung einen kalten Schauder über den Rücken.
    In dieser Nacht war ich noch nervöser als sonst. Vielleicht kam es daher, dass ich schon länger nicht mehr allein im Haus gewesen war, vielleicht war es aber auch so etwas wie eine Vorahnung.
    Ich schaltete ein paar Lampen an, damit es im Wohnzimmer richtig hell wurde.
    Eigentlich hatte ich vorgehabt, nach dem Film ein langes Bad bei Kerzenlicht zu nehmen, aber als es so weit war, überlegte ich es mir anders und blieb im hellen Wohnzimmer, wo ich den Ton des Fernsehers schön laut drehte. Irgendwie hatte ich nicht mehr das Bedürfnis, durch das dunkle Haus zu gehen oder allein im flackernden Schein der Kerzen in der heißen Badewanne zu liegen.
    Ich bekam einen Heißhunger auf Popcorn, aber bei der Aussicht es mir in der am Ende eines langen, dunklen Ganges gelegenen Küche zuzubereiten, nahm er wieder merklich ab. In der Küche gab es ein großes Fenster und eine gläserne Tür, die beide hinaus auf den dunklen Pool blickten, hinter dem finster und unheimlich der Wald lag. Warum nur hatte ich nicht daran gedacht, noch bei Tageslicht in der Küche die Vorhänge zuzuziehen?
    Jetzt, wo alle Vorhänge bis auf die im Wohnzimmer offen standen, kam es mir fast so vor, als ob das Haus überhaupt keine Rückwand hätte.
    Ich wusste, wovor mir grauste.
    Ich bin nämlich schon öfter nachts durch das Haus gegangen, ohne dass die Vorhänge zugezogen gewesen wären. Manchmal machte es mir nichts aus, doch meist bekam ich am ganzen Körper eine Gänsehaut, wenn ich an den offenen Fenstern vorbeieilte und wagte es nicht, auch nur einen einzigen Blick nach draußen zu werfen vor lauter Angst, dass dort jemand stehen und mich beobachten könnte.
    An diesem Abend war ich besonders ängstlich.
    Das Popcorn war es nicht wert, dass ich mich auf dem Weg in die Küche zu Tode erschreckte, und so sah ich mir den nächsten Film eben ohne etwas zu knabbern an.
    Er war kurz nach Mitternacht zu Ende.
    Das war für meine Verhältnisse ziemlich spät. Normalerweise hatte ich spätestens um elf das Haus verlassen und war hinüber in meine Wohnung über der Garage geeilt.
    Trotz der vorgerückten Stunde fühlte ich mich überhaupt nicht müde, was vielleicht an den Nickerchen lag, die ich am Nachmittag im Liegestuhl gemacht hatte.
    Warum sollte ich also nicht einfach im Wohnzimmer bleiben und mir noch einen Film anschauen?
    Ja, warum nicht? Weil ich dann um halb zwei oder zwei nochmals aus dem Haus musste.
    Und das war viel zu spät.
    Mein Bikini war immer noch im Schlafzimmer, und ich beschloss, ihn bis zum nächsten Tag dort zu lassen und in Charlies Kimono hinüber zur Garage zu gehen. Ich trug ihn gerne, denn die leichte, glatte Seide fühlte sich auf meiner von der Sonne ein wenig gereizten Haut wunderbar kühl an. Außerdem war es ein angenehmer, wenn auch ein wenig seltsamer Gedanke, dass ihn Charlie vermutlich noch am Morgen angehabt hatte.
    Zum Glück lag meine Tasche neben mir auf dem Sofa, sodass ich sie nicht erst irgendwo im Haus suchen musste. Und weil ich alle Türen und Fenster kurz nach Sonnenuntergang geschlossen und sämtliche Lichter ausgemacht hatte, die nicht über Nacht brennen sollten, brauchte ich jetzt auch keinen Rundgang mehr durch das Haus machen.
    Serena und Charlie ließen immer eine Lampe im Flur und eine an der Vorderseite des Hauses an, während die Rückseite mit Pool, Terrasse und Garten immer dunkel blieb. Ich weiß nicht, was ihr Grund dafür war, aber ich persönlich hätte es wegen des nahen Waldes genauso gemacht.
    Wer konnte schon sagen, was das Licht alles anlocken würde? Irgendwelche wilden Tiere vielleicht, die dann ans Haus kämen und dort herumschnüffelten. Wilde Tiere … oder sonst wen.

    Der Fremde
    Langsam war es bereits nach Mitternacht, und ich war immer noch im Haus von Serena und Charlie!
    Wäre ich doch nur schon wieder in meiner sicheren kleinen Wohnung über der Garage gewesen!
    Dort musste ich aber erst mal hinkommen.
    Der Weg zurück war der Nachteil an diesem Haus. Das war der Preis, den ich zahlen musste. Im Grund genommen kein furchtbar hoher Preis, den ich für den Luxus, bei Serena und Charlie wohnen zu dürfen, immer gerne in Kauf genommen hatte.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 526
Erscheinungsdatum 06.08.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-67536-0
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18,5/11,8/4,3 cm
Gewicht 432 g
Originaltitel After Midnight
Übersetzer Thomas A. Merk
Verkaufsrang 65885
Buch (Taschenbuch)
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9,99
9,99
inkl. gesetzl. MwSt.
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Kundenbewertungen

Durchschnitt
23 Bewertungen
Übersicht
13
5
4
1
0

Komplett unrealistisch... aber unterhaltsam
von einer Kundin/einem Kunden aus Jena am 26.06.2019

Dieses Buch folgt Alice, einer 26-jährigen, die auf das Haus ihrer besten Freundin, über dessen Garage sie wohnt, aufpassen soll, solange diese mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Urlaub fährt. Doch als sie einen Fremden im Pool entdeckt, läuft alles ein wenig aus dem Ruder. Es werden Entscheidungen getroffen, die in der Realitä... Dieses Buch folgt Alice, einer 26-jährigen, die auf das Haus ihrer besten Freundin, über dessen Garage sie wohnt, aufpassen soll, solange diese mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Urlaub fährt. Doch als sie einen Fremden im Pool entdeckt, läuft alles ein wenig aus dem Ruder. Es werden Entscheidungen getroffen, die in der Realität niemals irgendwer auch nur in Erwägung ziehen würde. Teils komplett naiv, teils fast hellseherischen Eingebungen folgend, schlagen sich die Charaktere in diesem Buch durch eine Nacht, die das Leben vieler verändert. Trotz vieler logischer Lücken und einem Personenaufgebot, das wohl gerade frisch aus der nächsten Psychatrie geflohen ist, weiß Laymon sein Publikum aber dennoch zu unterhalten. Man möchte einfach wissen, wer diese irrwitzige Reise überlebt. Diese Spannung wird im Falle von Alice jedoch ein wenig geschmälert, weiß man doch von Anfang an, dass sie überlebt, da sie die Geschichte erzählt. Das wird allerdings durch Laymons tollen Schreibstil und den einen oder anderen blutigen Mord wieder wettgemacht. Eine Empfehlung an alle Laymon-Fans und die, die es werden wollen, solange keine logische Handlung erwartet wird.

von einer Kundin/einem Kunden am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Spannung pur wenn auch - wie man von Laymons Thrillern gewöhnt ist - die Story alles andere als einfallsreich ist. Trotzdem einfach brutale und geniale Unterhaltung.

Das ist Laymon
von einer Kundin/einem Kunden aus Karlsruhe am 25.11.2015

Eines seiner besten Büchern wie ich finde. Schlag auf Schlag geht es in diesem Horror-Schocker oftmals auch mit ganz unglaublichen Wendungen. Psycho Stoff vom feinsten für alle Hartgesottenen.