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Das flüssige Land

Roman.

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Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist) Nominiert für den Österreichischen Buchpreis 2019 (Shortlist) »Unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassen - einfach fantastische Literatur« Jurybegründung Deutscher Buchpreis (Shortlist) Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die über die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde regiert. Ein Loch im Erdreich, das die Bewohner in die Tiefe zu reißen droht. In ihrem schwindelerregenden Debütroman geht Raphaela Edelbauer der verdrängten Geschichte auf den Grund. Der Unfalltod ihrer Eltern stellt die Wiener Physikerin Ruth vor ein nahezu unlösbares Paradox. Ihre Eltern haben verfügt, im Ort ihrer Kindheit begraben zu werden, doch Groß-Einland verbirgt sich beharrlich vor den Blicken Fremder. Als Ruth endlich dort eintrifft, macht sie eine erstaunliche Entdeckung. Unter dem Ort erstreckt sich ein riesiger Hohlraum, der das Leben der Bewohner von Groß-Einland auf merkwürdige Weise zu bestimmen scheint. Überall finden sich versteckte Hinweise auf das Loch und seine wechselhafte Historie, doch keiner will darüber sprechen. Nicht einmal, als klar ist, dass die Statik des gesamten Ortes bedroht ist. Wird das Schweigen von der einflussreichen Gräfin der Gemeinde gesteuert? Und welche Rolle spielt eigentlich Ruths eigene Familiengeschichte? Je stärker sie in die Verwicklungen Groß-Einlands zur Zeit des Nationalsozialismus dringt, desto vehementer bekommt Ruth den Widerstand der Bewohner zu spüren. Doch sie gräbt tiefer und ahnt bald, dass die geheimnisvollen Strukturen im Ort ohne die Geschichte des Loches nicht zu entschlüsseln sind. »Raphaela Edelbauer überschreitet Grenzen und rückt in unerforschte Gebiete der Literatur vor.« Jurybegründung Rauriser Literaturpreis
Portrait
Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Hinterbrühl auf. Sie studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst, war Jahresstipendiatin des Deutschen Literaturfonds und wurde für ihr Werk »Entdecker. Eine Poetik« mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage 2018 ausgezeichnet. Beim Bachmannpreis in Klagenfurt gewann sie 2018 den Publikumspreis. 2019 wurde ihr der Theodor-Körner-Preis verliehen.
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  • Das Loch war von unbekannter Tiefe, Verästelung und Feuchtigkeit. Es zog sich wie ein unterirdisches Myzel unter den Bergkuppen und Siedlungen durch, brach in Röhrchen und Netzen an die Oberfläche und schob kontinentaldriftartig das nervöse Erdreich zu grobkörnig atmenden Halden zusammen, unter denen der faulige, pilznetzige Verfallsprozess sich eingenistet hatte. Der einzige Segen war, dass all das so unendlich langsam geschah, dass Generation um Generation sich die Sorge darum aufgeteilt hatte – und man alibihalber jede Woche Beton in Schächte kippen konnte und genug Zeit hatte, die zerbrechenden Fensterbretter, die sich den Absenkungen geschlagen gegeben hatten, zu tauschen, bevor die Kinder aus der Schule kamen. Das Ende des Winters und die Schneeschmelze vor ein paar Monaten hatten in kürzester Zeit die Hälfte der Stadt um über einen Meter tiefer sinken lassen und die Straßen in einen so desolaten Zustand gebracht, dass man beim Überqueren meinte, im Morast zu waten. Sämtliche Pflastersteine, die den historischen Belag der Stadt bildeten, waren von den Absenkungen geradezu fortgesprengt worden und lagen nun lose auf den Plätzen und Straßen. Zwar hatte man zwischendurch immer wieder versucht, sie anzubetonieren, doch lösten sie sich, sobald das Loch durch eine feuchte Nacht auch nur einen Millimeter absackte. Ganzjährig herrschte akute Rutschgefahr: Wir alle waren Meister darin geworden, uns dennoch fortzubewegen. Sogar die Greise, normalerweise kaum in der Lage, auf festem Untergrund im Equilibrium zu bleiben, streckten versiert den Gehstock von sich, als wären sie auf hohen Seilen unterwegs. Der Hauptplatz war das Zentrum des Einbruchs: Auf ihm waren die Steine nicht bloß lose, sondern in der Mitte geradewegs auf einen Haufen zusammengerutscht – trichterförmig fiel er zum Bildnis des ehemaligen Erzengels hin ab. Dort unten, also am Tiefpunkt der Parabel, hatte sich im vergangenen Monat der erste Durchbruch ins Bergwerk ereignet. Dünn wie ein Nadelöhr erst, dann bald faust- und beindick. Ich sah diese schwarze Leerstelle, von der ich durch meine Berechnungen wusste, dass sie über der tiefsten Senke des Loches lag, täglich auf meinem Weg zur Arbeit, und stellte mir vor, wie ein Stein, in diese Auslassung geworfen, hundertfünfzig Meter in den Berg einfallen würde. Fortbewegen konnte man sich über den trichterförmigen Hauptplatz nur mehr auf seinem steinernen Pizzarand. Ich und die anderen, die es dennoch tun mussten, schoben uns am schmalen Grat neben der Häuserfront entlang, einander höflich, wie auf einer Einfahrt, den Vorrang lassend – den Bekannten zuwinkend, wenn sie sich auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes an den Laternen entlanghangelten. Man stand auf derselben Struktur und war einander dennoch unerreichbar. Ich schob mich mit dem Rücken zur Wand an der Ostseite des Platzes vorbei, langsamer als sonst, weil um diese Zeit schon eine Gruppe Volksschüler, vorne und hinten mit Seilen an die Lehrerinnen gespannt, auf dem Weg zur Schule war. Trotz des desolaten Zustandes ihrer Stadt hatten die Groß-Einländer frohen Mutes Blumenzwiebeln in die Pflanzkästen gesteckt, deren ausbrechende Triebe sich nun in meinem Nacken rieben. Es fühlte sich an, als wäre man stundenlang damit zugange, diesen Platz zu überqueren, dabei dauerte es nur ein paar Minuten. Das vielleicht Merkwürdigste war überhaupt, wie sehr der Rhythmus der Einbrüche sich auf das Zeitgefühl aller Groß-Einländer übertrug: In Wochen, in denen die Einbrüche rasch vor sich gingen, schien die Zeit zu rasen und man hatte kaum Gelegenheit, die vielen Veränderungen im Ortsbild zu bemerken, sodass sich in wenigen Momenten die Verwitterung von Jahren zu ereignen schien. Blieb aber alles konstant, so nahm der Fluss der Dinge fast eine gewisse Zähigkeit an, und die Monate rollten in belangloser Indolenz über mich. Ich bemerkte dann kaum, wie ein ganzer Herbst vergangen war. So wie die Natur in der Taktung ihrer vier Jahreszeiten die Zeitwahrnehmung normalerweise beeinflusste, so sehr standen und flossen die Dinge hier mit den Absenkungen.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 350
Erscheinungsdatum 24.08.2019
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-608-96436-3
Verlag Klett Cotta
Maße (L/B/H) 21,1/13,9/3,5 cm
Gewicht 508 g
Auflage 4. Auflage
Verkaufsrang 56179
Buch (gebundene Ausgabe)
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Buchhändler-Empfehlungen

Raphaela Edelbauer – Das flüssige Land

Michel Adam, Thalia-Buchhandlung Gießen

Die Physikerin Ruth Schwarz ist grade dabei an ihrer Habilitation zu arbeiten, als das Telefon klingelt. In sachlichem Tonfall wird ihr mitgeteilt, dass ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Ruth ist geschockt – sie muss ihre Arbeit unterbrechen, um die Beerdigung vorzubereiten. Aus dem letzten Willen geht hervor, dass ihre Eltern in Groß-Einland beigesetzt werden möchten, einer Gemeinde, die in keinem offiziellen Register aufgelistet ist. Ruth begibt sich auf die Suche nach dem Geburtsort ihrer Eltern und als sie diesen schließlich findet und sich dort ansiedelt, muss sie feststellen, dass dessen Untergrund vollkommen ausgehöhlt ist, was das Leben der Groß-Einländer nicht unbedingt einfach macht. Häuser sinken langsam in den Erdboden ein und Menschen werden buchstäblich von selbigem verschluckt. Doch steckt hinter all dem mehr als ein geologisches Phänomen? Und was hat die Gräfin von Groß-Einland mit dem Ganzen zu tun? Ruth stellt Nachforschungen an und erfährt nicht nur mehr über die Gemeinde, sondern auch über ihre Eltern. Das literarische Debüt der Österreicherin Raphaela Edelbauer baut auf einer interessanten Grundidee auf, führt diese jedoch im weiteren Handlungsverlauf zu spannungsarm weiter, um den Leser begeistern zu können. Die Protagonistin stößt bei ihren Nachforschungen auf ein schreckliches Geheimnis, jedoch wird dieses zu früh gelüftet, was die weitere Handlung wie angehängt und bedeutungslos wirken lässt. Vieles Ereignisse sind zu vorhersehbar und lösen im Leser weder Verwunderung noch Überraschung aus. Die Handlungen der Charaktere sind größtenteils nachvollziehbar, bleiben aber ohne Konsequenzen für die weitere Handlung. Zudem stellt die verwendete, teils zu verkopfte Sprache ein Hindernis dar. Viele Fremdwörter lassen sich aus dem Kontext erschließen, jedoch bremsen sie den Lesefluss massiv aus und fördern eher Lesefrust statt -lust. Es fehlt diesem Roman vor allem an Tiefe. Durch einen größer angelegten Spannungsbogen wäre das Buch mitreißend, statt nur vor sich hin zu plätschern. Charakterliche Tiefe hätte aus Groß-Einland mehr gemacht, als eine durchaus bizarre, etwas verschrobene Gemeinde, in der die Eltern der Protagonistin mal gelebt haben. Insgesamt bleibt „Das flüssige Land“ ein enttäuschendes Leseerlebnis – ein Roman der leider genauso hohl ist, wie das Bergwerk unter Groß-Einland. Empfohlen sei er Lesern, die Gegenwartsliteratur mit leichtem Bezug zur NS-Zeit mögen.

Skurril - im Guten wie im Schlechten

Ingbert Edenhofer, Thalia-Buchhandlung Essen

Ruths Eltern sind gerade gestorben. Nun sucht sie den Ort, aus dem die beiden kommen - niemand hat je davon gehört, aber dann landet sie doch dort. Dass jemand an einem Ort landet, der nicht so komplett den Regeln der Wirklichkeit zu gehorchen scheint, ist nicht neu. Ob Alice im Wunderland, Dorothy in Oz, Ofélia in der Welt des Fauns oder Chihiro im Zauberland - gerade Mädchen verschlägt es oft in andere Welten. Nun ist Ruth älter als die anderen, und demzufolge ist die Bedrohung anders als in den anderen Fällen. Es wäre vermessen, die Konflikte der anderen als weniger bedrohlich zu bezeichnen, aber Ruths Probleme sind irgendwie intellektueller. Bei ihr sind es Zeit und Raum selber, die sich ihr in den Weg stellen. So weit, so spannend. Allerdings fehlt es Ruth an klaren Eigenschaften. Dadurch dass sie älter ist als die anderen genannten Heldinnen ist sie verklausulierter, nicht mehr die offenherzige Optimistin. Auch ihre Gegenspielerin, die Gräfin, ist weniger klar umrissen als die Herzkönigin oder die böse Hexe des Westens, sodass auch sie kein Gegengewicht darstellt. Ohne Frage ist "Das flüssige Land" ein interessanter Roman und ein wagemutiges Debut. Aber ein bisschen kommt es daher, als gehe es mehr ums Verstören als ums Erzählen, und dadurch verliert sich für mich die Dringlichkeit der Rezeption.

Kundenbewertungen

Durchschnitt
18 Bewertungen
Übersicht
4
5
7
2
0

Phantasievolle Geschichte mit starkem Gegenwartsbezug
von Xirxe aus Hannover am 03.02.2020

Als die promovierte Physikerin Ruth nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern sich auf der Suche nach deren früherem Leben macht, landet sie in Groß-Einland, wo die beiden aufgewachsen sind. Eine völlige Idylle, in der die Menschen praktisch unbemerkt vom Rest der Welt leben, da die Gemeinde nirgendwo verzeichnet und nur schwer zugä... Als die promovierte Physikerin Ruth nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern sich auf der Suche nach deren früherem Leben macht, landet sie in Groß-Einland, wo die beiden aufgewachsen sind. Eine völlige Idylle, in der die Menschen praktisch unbemerkt vom Rest der Welt leben, da die Gemeinde nirgendwo verzeichnet und nur schwer zugänglich ist. Dennoch verlängert Ruth ihren Aufenthalt dort eher widerwillig und fühlt sich überraschenderweise jedoch nach kurzer Zeit heimisch. Schnell ist sie Teil der Dorfgemeinschaft und die über allem thronende Gräfin gibt ihr zudem eine gute Arbeitsstelle. Doch es liegt Unheil über dem Dorf - Gegenwärtiges und Vergangenes. Ein riesiges Loch in der Erde droht Alles zu verschlingen, auch die Untaten während der Zeit des Dritten Reiches. Während Ruth versucht das Dorf zu retten, forscht sie gleichzeitig nach, was damals geschah. Was für eine verrückte Geschichte! In der Zusammenfassung mag sich dies nicht so lesen, doch es sind die Details des Ganzen, die einen ungläubig den Kopf schütteln, gleichzeitig aber gebannt weiterlesen lassen. Ein ganzer Ort versinkt mehr und mehr im Untergrund, aber das Leben geht sogar trotz Todesfällen weiter wie gewohnt. Es wirkt wie ein potemkinsches Dorf, das von einer mysteriösen Gräfin für die BewohnerInnen aufrecht erhalten wird. Sie selbst bestimmt über die gesamte Gemeinde, sogar der Bürgermeister hält bei Allem still. Literarisch gebildeten LeserInnen fällt natürlich bald auf, dass es sich hier um eine Parabel handelt. Wie im wahren Leben werden unschöne Dinge hier zwar nicht unter den Teppich, dafür aber in das Loch gekehrt - insbesondere Geschehenes während des II. Weltkrieges. Es wird geschwiegen um des lieben Friedens willen, denn wer hat schon etwas davon, wenn man die alten Dinge wieder hervorholt? Die Wahrheit ist zwar bekannt, doch hören geschweige denn aussprechen will sie niemand. Der Mensch an sich ist zudem bequem, weshalb also aufbegehren gegen etwas was einen nicht betrifft, solange man selbst es gut hat? Auch gegen die Gräfin, die trotz Abschaffung der Aristokratie über die gesamte Gemeinde bestimmt (auch, was es im Supermarkt zu kaufen gibt), gibt es keinen Widerstand, denn sie kümmert sich ja um Alle. Ruth ist die Einzige, die Fragen stellt und zweifelt, doch je mehr sie Teil der Gemeinde wird, umso schwieriger fällt es ihr, ihre Nachforschungen weiter zu betreiben. Als Lesende fühlt man mit ihr und ihren widerstrebenden Gefühlen, zwischen der Suche nach der Wahrheit und der Zuneigung zu den Menschen, die sie mit dieser Suche verletzt. Die Autorin packt eine Menge in diese Geschichte und gegen Ende ist es mir fast ein bisschen zu viel. Während ich mich zu Beginn noch völlig von den teils abstrusen Gegebenheiten faszinieren und unterhalten ließ, wurden die Andeutungen auf Konkretes jedoch ständig stärker und zahlreicher (zumindest kam es mir so vor), so dass das Faszinierende zusehends abnahm. Schade drum!

Das flüssige Land
von leseratte1310 am 21.12.2019
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Die Eltern der Physikerin Ruth sterben bei einem Unfall und wollen in Groß-Einland beerdigt werden. Das Stellt Ruth vor Probleme, denn der Ort entzieht sich und lässt sich nicht so einfach ausmachen. Als Ruth dann doch dort eintrifft, ist einiges sehr merkwürdig. Unter Groß-Einland ist ein riesiger Hohlraum, der den Ort zu versc... Die Eltern der Physikerin Ruth sterben bei einem Unfall und wollen in Groß-Einland beerdigt werden. Das Stellt Ruth vor Probleme, denn der Ort entzieht sich und lässt sich nicht so einfach ausmachen. Als Ruth dann doch dort eintrifft, ist einiges sehr merkwürdig. Unter Groß-Einland ist ein riesiger Hohlraum, der den Ort zu verschlingen droht. Das scheint aber niemanden zu kümmern. Die Bewohner sind seltsam und schweigsam und dann gibt es noch eine Gräfin, die über alles zu bestimmen scheint. Ruth geplanter Aufenthalt verlängert sich immer mehr. Je tiefer sie in die Geheimnisse des Ortes eindringt, umso mehr Widerstand spürt sie. Die Geschichte ist für mich genauso löcherig, wie der Untergrund unter Groß-Einland. Ich habe mich ziemlich schwer getan mit diesem Buch, obwohl ich die Idee an sich ansprechend finde. Mit der Protagonistin Ruth konnte ich auch nicht viel anfangen, denn ihr lethargisches Verhalten gefiel mir nicht. Vielleicht lag ihr merkwürdiges Handeln aber auch an ihrem Tablettenkonsum. Das Buch ist voller Andeutungen und es werden eine Menge Fragen aufgeworfen, aber Auflösungen dazu gibt es keine. Auch das Ende lässt mich recht ratlos zurück. Dieser außergewöhnliche Roman konnte mich leider nicht fesseln.

Ernstzunehmende Gesellschaftskritik fade umgesetzt
von einer Kundin/einem Kunden aus Potsdam am 04.11.2019

Ruth, Physikerin, tablettensüchtig, arbeitet an der Uni und möchte ihre Habilitationsschrift zum Thema Zeit fertigstellen. Ihre Eltern, zu denen sie kaum noch Kontakt hatte, verunglücken bei einem Autounfall tödlich. Ihre Tante sagt ihr, dass die Eltern sich eine Beerdigung in ihrem Heimatort, in Groß- Einland gewünscht haben. D... Ruth, Physikerin, tablettensüchtig, arbeitet an der Uni und möchte ihre Habilitationsschrift zum Thema Zeit fertigstellen. Ihre Eltern, zu denen sie kaum noch Kontakt hatte, verunglücken bei einem Autounfall tödlich. Ihre Tante sagt ihr, dass die Eltern sich eine Beerdigung in ihrem Heimatort, in Groß- Einland gewünscht haben. Daraufhin macht sich Ruth kurzerhand auf die Suche nach diesem Ort, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Sie wird trotzdem fündig. In Groß- Einland gelten indes recht eigene Gesetze und Verhaltensweisen. Im Grunde herrscht hier eine Monarchie, da sämtliche Grundstücke der Gräfin gehören. Zudem gibt es ein großes Loch, welches sich bewegt, sich ausweitet und die Bauwerke und das Leben der dort Ansässigen bedroht. So richtig scheint es aber niemanden zu kümmern. "Groß-Einland war verrückt". Ruth bleibt dort und wird von der Gräfin angestellt, um ein Füllmittel für das Loch zu finden. Die Sprache gefiel mir häufig nicht und verhinderte einen Lesefluss. Adjektive und Substantivierungen wurden häufig gebraucht, das wirkte sehr überbordend und oft auch etwas künstlich und übertrieben. ("götterspeisenhafte Zeitlosigkeit", "nadelige Unergrünlichkeit dampfte mir ätherisch ins Hirn") Im Verlauf wurde das ein wenig besser. Gerade anfangs wunderte ich mich noch über Logikfehler, schob diese aber bald zur Seite, weil klar wurde, dass es sich um eine Groteske handelte. Grundsätzlich fehlte mir hierbei aber leider der Humor. Die Story empfand ich als dröge, ohne rechte Spannung, ohne Pfiff. Die Figuren blieben mir egal und fern, sie berührten mich nicht. Ich langweilte mich, fand vieles vorhersehbar, überlegte auch mehrfach abzubrechen, wollte aber dennoch wissen, welches Ende der Roman findet. Zudem gefielen mir auch einige Dinge: die Grundidee des Loches innerhalb dieses Ortes; das österreichische Flair; das Aufs- Korn- Nehmen von Spiessbürgerlichkeit sowie typischer Gebräuche und Gewohnheiten; desweiteren die eingestreuten kurzen Informationen über schwarze Löcher und das Doppelspaltexperiment. Am besten gefiel mir jedoch der Spiegel, der hier der (nicht nur österreichischen) Gesellschaft vorgehalten wird. Ein recht praktisches Loch, in das alle Dinge gekippt werden, an denen man schuldig geworden ist, alle Dinge, die man unangenehm findet. So werden die Probleme kurzfristig vernichtet, statt langfristig gelöst. Konstruktiv handelt hier keiner. Das kollektive Vergessen, die Verdrängung und Vertuschung der Verbrechen im Nationalsozialismus wird hier konkret angeprangert. Nicht nur dass, sondern auch das bewusste Inkaufnehmen von Umweltzerstörung, die enge Verzahnung von Politik und Wirtschaft, Geld und Macht, der Verlust der Demokratie und auch fehlende politische Handlungsbereitschaft werden angemahnt. Einen positiven Ausblick gibt Edelbauer nicht: Die alte Generation baute auf und verdrängte, die neue Generation erkennt und schweigt – und sieht das Schweigen als größten Akt der Rebellion. Fazit: Ein Lesegenuss war es für mich nicht, aber die angesprochenen Thematiken sind wichtig, gesellschaftsrelevant, nachdenkenswert und disskussionswürdig.