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Der siebte Tod

Thriller

Christenchurch Band 1


Mein Name ist Joe. Ich bin ein netter Kerl. Aber manchmal bringe ich Frauen um.

Joe hat sein Leben scheinbar fest im Griff - tagsüber jobbt er als Putzmann bei der Polizei, abends geht er anderen Tätigkeiten nach. Er denkt daran, seine Fische zweimal täglich zu füttern und seine Mutter mindestens einmal pro Woche zu besuchen, obwohl er ihren Kaffee ab und zu mit Rattengift verfeinert. Er stört sich kaum an den Nachrichten über den Schlächter von Christchurch, der - so wird behauptet - sieben Frauen umgebracht hat. Joe weiß, dass der Schlächter nur sechs getötet hat. Er weiß es ganz einfach. Und Joe wird diesen Nachahmer finden; er wird ihn für die eine Tat bestrafen und ihm die anderen sechs Morde anhängen. Ein perfekter Plan, denn er weiß bereits, dass er die Polizei überlisten kann. Das Einzige, was noch getan werden muss, ist, sich um all die Frauen zu kümmern, die nicht aufhören, ihm im Weg zu stehen.

Portrait
Paul Cleave wurde am 10. Dezember 1974 in Christchurch, Neuseeland geboren, dem Ort, wo auch seine Romane spielen. Dem Fan von Stephen King und Lee Child gelang mit seinem Debütroman Der siebte Tod auf Anhieb ein internationaler Erfolg, der in Deutschland monatelang auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten stand.
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  • Ich steuere den Wagen in die Auffahrt. Lehne mich zurück. Versuche mich zu entspannen.
    Ich schwöre bei Gott, heute hat es mindestens fünfunddreißig Grad. Christchurch-Hitze. Schizophrenes Wetter. Schweiß rinnt mir über den ganzen Körper. Meine Finger sind wie feuchter Gummi. Ich beuge mich vor, schalte den Motor aus, greife nach meinem Aktenkoffer und steige aus dem Wagen. Hier in der Gegend funktionieren immerhin die Klimaanlagen. Noch ein paar Schritte bis zur Eingangstür, dann fummle ich am Schloss herum. Und stoße einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich eintrete.
    Ich schlendere durch die Küche. Wie ich höre, ist Angela oben unter der Dusche. Ich werde sie später stören. Jetzt brauch ich erst mal etwas zu trinken. Der Kühlschrank hat eine Edelstahltür, aus der mich mein Spiegelbild anstarrt wie ein Geist. Ich öffne die Tür, gehe in die Knie und bleibe fast eine Minute lang so hocken, während ich mich mit der kühlen Luft anfreunde. Der Kühlschrank bietet mir Bier und Coke an. Ich gebe dem Bier den Vorzug, drehe den Verschluss auf und setze mich an den Tisch. Eigentlich trinke ich nicht besonders viel, aber diese Flasche schütte ich innerhalb von zwanzig Sekunden in mich hinein. Der Kühlschrank offeriert mir noch eine Flasche. Wer bin ich schon, dass ich dazu Nein sage? Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück. Lege die Füße auf den Tisch. Denke darüber nach, die Schuhe auszuziehen. Kennen Sie das Gefühl? Sie arbeiten den ganzen Tag bei glühender Hitze. Acht Stunden Stress. Dann hocken Sie sich mit einem kühlen Bier in der Hand hin, legen die Füße hoch und ziehen die Schuhe aus.
    Ein absoluter Hochgenuss.
    Während ich der Dusche oben lausche, nippe ich entspannt an meinem zweiten Bier in diesem Jahr. Für das hier brauche ich ein paar Minuten, dann kriege ich Hunger. Zurück zum Kühlschrank und dem Stück kalter Pizza, das ich vorhin erspäht habe. Ich zucke mit den Schultern. Warum nicht? Ist ja nicht so, als ob ich auf mein Gewicht achten müsste.
    Ich setze mich wieder an den Tisch. Die Füße hoch. So schmeckt auch die Pizza, nur die Schuhe wäre ich gerne noch los. Bloß hab ich im Augenblick nicht die Zeit dazu. Ich schlinge die Pizza runter, nehme meinen Aktenkoffer und gehe nach oben. Aus der Stereoanlage im Schlafzimmer dröhnt ein Lied, das ich kenne, dessen Titel mir aber nicht einfällt. Ebenso wenig wie der Name des Sängers. Trotzdem ertappe ich mich beim Mitsummen, als ich den Aktenkoffer aufs Bett lege; sicher wird mir die Melodie noch stundenlang im Kopf rumgehen. Ich nehme neben dem Aktenkoffer Platz. Öffne ihn. Hol die Zeitung raus. Auf der Titelseite prangen lauter reißerische Schlagzeilen. Oft frage ich mich, ob die Medien nicht die Hälfte von diesem Zeug erfinden, nur um die Auflage zu steigern. Offensichtlich gibt es einen echten Markt für solche Meldungen.
    Ich höre, wie die Dusche abgedreht wird, ignoriere das aber und lese lieber weiter in der Zeitung. Einen Artikel über einen Kerl, der die Stadt terrorisiert. Frauen umbringt. Folter. Vergewaltigung. Mord. Der Stoff, aus dem man Filme macht. Ein paar Minuten vergehen, und ich hocke noch immer da und lese, als Angela, umgeben von weißem Dampf und dem Duft ihrer Körperlotion, aus dem Bad kommt. Sie trocknet sich die Haare mit einem Handtuch.
    Ich lasse die Zeitung sinken und lächle.
    Sie sieht zu mir rüber.
    »Scheiße, wer sind Sie denn?«, fragt sie.

    Die Sonne steht hoch am Himmel und blendet sie. Unter ihrem Kleid rinnen ihr Schweißperlen den Körper hinab und befeuchten den Stoff. Der polierte Grabstein aus Granit funkelt, und sie muss blinzeln, doch sie weigert sich, den Blick von den Buchstaben abzuwenden, die vor fünf Jahren dort eingraviert wurden. Das helle Licht treibt ihr das Wasser in die Augen - was nicht weiter ungewöhnlich ist; ihre Augen sind immer feucht, wenn sie hierherkommt. Sie hätte eine Sonnenbrille aufsetzen, ein leichteres Kleid anziehen sollen. Mehr tun sollen, um seinen Tod zu verhindern.
    Sally greift nach dem Kruzifix an ihrem Hals, und die vier Spitzen bohren sich in ihre Hand. Sie kann sich nicht daran erinnern, wann sie es das letzte Mal abgenommen hat, und fürchtet, wenn sie es täte, würde sie sich zu einer kleinen Kugel zusammenrollen und bis in alle Ewigkeit nur noch weinen. Sie hatte es bei sich, als die Ärzte in der Klinik ihrer Familie die Nachricht überbrachten. Sie hielt es fest umklammert, als man sie bat, sich zu setzen und ihr mit düsterer Miene mitteilte, was sich wohl schon zahllose andere Familien hatten anhören müssen, deren Angehörige im Sterben lagen und die dennoch die Hoffnung nicht aufgeben wollten. Es hing über ihrem Herzen, als sie ihre Eltern zum Beerdigungsinstitut fuhr, sich mit dessen Inhaber zusammensetzte und bei Kaffee und Tee, den niemand anrührte, Sargbroschüren durchsah. Als sie die Seiten voller Hochglanzbilder umblätterte und versuchte, etwas zu finden, in dem ihr Bruder gut aussehen würde. Die gleiche Prozedur fand dann auch noch für den Anzug statt. Sogar der Tod war modebewusst. Auf den Fotos in den Katalogen hingen die Anzüge an Schaufensterpuppen; es wäre wohl zu geschmacklos gewesen, hätten unbeschwert lächelnde Menschen sie getragen und dabei versucht, sexy auszusehen.
    Seither hatte sie das Kruzifix keinen einzigen Tag mehr abgelegt. Es half ihr dabei, Orientierung und Hilfe zu finden; es erinnerte sie immer daran, dass sich Martin jetzt an einem besseren Ort befand; dass das Leben nicht so schlecht war, wie es schien.
    Unfähig sich zu rühren, betrachtet sie nun schon seit vierzig Minuten das Grab. Die Schatten der nahen Eichen sind ein wenig länger geworden. Gelegentlich reißt der Nordwestwind eine der reifen Eicheln von den Zweigen und schleudert sie auf einen Grabstein, mit einem knackenden Geräusch, als bräche ein Finger. Der Friedhof besteht aus einer weitläufigen, üppige Rasenfläche, die von Wegweisern aus Zement unterteilt wird und im Augenblick größtenteils verlassen daliegt; vor den Grabsteinen stehen nur eine Handvoll Menschen, alle in ihre eigene, persönliche Tragödie vertieft. Sie fragt sich, ob im Laufe des Tages noch mehr Leute kommen werden, ob es auch auf dem Friedhof eine Art Hauptverkehrszeit gibt. Sie hofft es. Ihr gefällt die Vorstellung nicht, dass Menschen sterben und einfach vergessen werden. In einiger Entfernung fährt ein Kerl auf einem Aufsitz-Rasenmäher um und über die Gräber. Er steuert das Gerät wie einen Rennwagen; wahrscheinlich will er so schnell wie möglich mit seiner Arbeit fertig werden und von hier verschwinden. Der Wind trägt den Lärm des Motors bis zu ihr. Eines Tages wird dieser Kerl, der Hausmeister, auch hier begraben sein. Wer mäht dann den Rasen?
    Sie weiß nicht mal, warum sie solche Dinge denkt. Sterbende Hausmeister, Hauptverkehrszeiten, Menschen, die die Toten vergessen. Sie ist immer so, wenn sie hierherkommt. Morbid, völlig durcheinander, als hätte jemand ihre Gedanken in einen Cocktailshaker gesteckt und sie wie verrückt durchgeschüttelt. Sie kommt gerne her, wenigstens einmal im Monat – wenn »gerne« das richtige Wort ist. Immer, absolut immer schafft sie es, an Martins Todestag hierzusein, und der ist heute. Morgen hätte er Geburtstag. Oder hat er Geburtstag. Sie hat keine Ahnung, ob es noch zählt, wenn man unter der Erde liegt. Aus irgendeinem Grund, den sie nicht erklären kann, besucht sie ihn nie an seinem Geburtstag. Das hätte genau die gleichen Folgen, wie wenn sie das Kruzifix abnehmen würde, da ist sie sich sicher. Ihre Eltern waren bereits früher am Nachmittag hier; das sieht sie an den frischen Blumen, die neben ihren eigenen stehen. Sie ist nie gemeinsam mit ihnen da. Das ist auch so was, dass sie nicht erklären kann, nicht einmal sich selbst.
    Sie schließt kurz die Augen. Warum bringt dieser Ort sie nur immer dazu, über unlösbare Fragen nachzugrübeln? Sobald sie den Friedhof verlassen hat, wird es ihr wieder besser gehen. Sie kniet sich hin, streicht zärtlich über die Blumen, die vor dem Grabstein stehen, und fährt dann mit den Fingern über die Inschrift. Ihr Bruder war fünfzehn, als er starb. Einen Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag. Ein Tag Unterschied zwischen Geburts- und Todestag. Wahrscheinlich nicht einmal das. Eher ein halber Tag. Sechs oder sieben Stunden. Was für einen Sinn hat es, dass er mit fünfzehn, fast sechzehn gestorben ist? Die Leute, die hier begraben liegen, sind durchschnittlich zweiundsechzig Jahre alt. Das weiß sie so genau, weil sie es ausgerechnet hat. Sie ist von Grab zu Grab gegangen, hat die Zahlen in einen Taschenrechner getippt und dann geteilt. Sie war neugierig. Wollte wissen, um wie viele Jahre Martin betrogen wurde. Seine knapp sechzehn Jahre auf dieser Erde waren etwas Besonderes, und die Tatsache, dass er geistig behindert war, in Wahrheit ein Segen. Er hatte ihr Leben reicher gemacht, und auch das ihrer Eltern. Er wusste, dass er anders war, dass viele Dinge eine Herausforderung für ihn waren, aber er empfand sein Anderssein nie als Problem. Für ihn ging es im Leben darum, Spaß zu haben. Was konnte daran schon falsch sein?
    Sie hatte nie eine Antwort auf ihre Fragen gefunden, nicht hier, nicht beim Verlassen des Friedhofs. Und daran würde sich wohl auch nie was ändern.
    Nach einer Stunde wendet sie sich vom Grab ab. Sie möchte ihrem toten Bruder von dem Mann erzählen, mit dem sie zusammenarbeitet und der sie in mancherlei Hinsicht an Martin erinnert. Er hat ein reines Herz und eine kindliche Unschuld, die derjenigen Martins gleicht. Sie möchte ihrem Bruder davon erzählen, doch sie verlässt den Friedhof ohne ein Wort.
    Noch bevor sie ihren Wagen erreicht, hat das Kruzifix begonnen, ihren Schmerz zu lindern.

    Die Zeitung interessiert mich nicht mehr. Warum Nachrichten lesen, wenn ich derjenige bin, der sie macht? Also falte ich sie einmal zusammen und lege sie neben mir aufs Bett. Ich habe Druckerschwärze an den Fingern und wische sie an der Tagesdecke ab, während ich Angela mustere. Sie hat diesen bestimmten Gesichtsausdruck, als versuchte sie, eine wirklich schlimme Nachricht zu verdauen, wie etwa, dass ihr Vater von einem Auto angefahren wurde, oder dass ihr das Parfüm ausgegangen ist. Ich beobachte ihr Handtuch. Es rutscht an ihr runter. Sie sieht verdammt gut aus, wenn sie so halbnackt vor mir steht.
    »Ich heiße Joe«, sage ich und lange nach meinem Aktenkoffer. Ich wähle das zweitgrößte Messer, das ich darin aufbewahre. Eine Klinge von feinster Schweizer Machart. Ich halte es hoch. Wir können es beide sehen. Für sie sieht es größer aus, obwohl ich näher dran bin. Hat irgendwas mit der Perspektive zu tun.
    »Vielleicht haben Sie schon von mir gelesen. Ich bin die Nachricht auf den Titelseiten.«
    Angela ist eine große Frau mit endlos langen Beinen. Blondem Haar, offensichtlich naturblond, das ihr bis zum Hintern reicht. Sie hat eine gute Figur mit all den Formen und Kurven, die mich überhaupt erst hierhergeführt haben. Ein attraktives Gesicht, das in Zeitschriften für Kontaktlinsen oder Lippenstift werben könnte. Blaue Augen voller Leben und, im Augenblick, voller Angst. Die Angst in ihren Augen erregt mich. Die Angst in ihren Augen verrät, dass sie in der Tat schon von mir gelesen hat, dass sie im Radio von mir gehört oder die Geschichten über mich im Fernsehen gesehen hat.
    Sie fängt an, den Kopf zu schütteln, als beantwortete sie eine ganze Reihe von Fragen mit Nein, obwohl ich sie noch gar nicht gestellt habe. Wassertropfen fliegen nach rechts und links, waagerechter Regen mitten im Zimmer. Ihr Haar wirbelt nach hinten, die nassen Spitzen streifen über die Wände. Es schwingt wieder nach vorn und bleibt auf ihrem Gesicht kleben. Und sie bewegt sich rückwärts, als hätte sie woanders was zu tun.
    »Was – was wollen Sie?«, fragt sie. All die selbstsichere Empörung ihrer ersten Frage ist ziemlich genau in dem Augenblick verschwunden, als sie das Messer gesehen hat.
    Ich zucke mit den Schultern. Ich kann mir mehrere Dinge vorstellen, die ich gerne hätte. Ein nettes Haus. Ein nettes Auto. Ihre Stereoanlage, die immer noch dasselbe Lied spielt – das jetzt unser Lied ist. Ja. Zu einer netten Stereoanlage würde ich nicht Nein sagen. Aber es steht nicht in ihrer Macht, mich damit auszustatten. Ich wollte, es wäre anders, aber das Leben ist nicht so einfach. Ich beschließe, das im Augenblick nicht zu erwähnen. Wir werden uns später noch unterhalten können.
    »Bitte, bitte. Gehen Sie einfach.«
    Ich habe das schon so oft gehört, dass ich fast gähne, aber das mache ich nicht, denn ich bin ein wirklich höflicher Mensch. »Sie sind aber eine schlechte Gastgeberin«, sage ich. Höflich.
    »Sie sind wahnsinnig. Ich rufe die Polizei.«
    Ist sie wirklich so dämlich? Glaubt sie wirklich, dass ich ruhig zusehe, wie sie den Hörer abnimmt und die Nummer eintippt? Dass ich mich auf dem Bett zurücklehne und das Kreuzworträtsel in meiner Zeitung löse, bis sie kommen, um mich festzunehmen? Ich fange an, den Kopf zu schütteln wie sie vorhin, nur dass meine Haare trocken sind.
    »Sie könnten es versuchen«, sage ich, »wenn der Hörer noch in der Halterung hinge.« Was nicht der Fall ist. Ich habe ihn rausgenommen, während ich meine Pizza aß. Ihre Pizza.
    Sie dreht sich um und rennt in Richtung Bad. Ich bewege mich auf sie zu. Sie ist schnell. Ich bin schnell. Ich werfe das Messer. Klinge über Griff, Griff über Klinge. Der ganze Trick beim Messerwerfen ist einzig und allein die Balance ... wenn man ein Profi ist. Wenn nicht, läuft alles auf pures Glück hinaus. Wir beide hoffen in diesem Moment auf Letzteres. Die Klinge streift seitlich ihren Arm, trifft die Wand und fällt klirrend zu Boden, während Angela hinter der Badezimmertür verschwindet. Sie knallt sie zu, verschließt sie, und ich krache mit voller Wucht seitwärts in die Tür. Sie rührt sich kaum in ihrem Rahmen.
    Ich trete ein paar Schritte zurück. Ich kann immer noch nach Hause gehen. Mein Zeug zusammenpacken. Den Aktenkoffer schließen. Meine Latexhandschuhe ausziehen. Verschwinden. Aber so einfach ist das nicht. Ich hänge an meinem Messer und an meiner Anonymität. Das bedeutet, ich muss bleiben.
    Sie ruft um Hilfe. Aber die Nachbarn werden sie nicht hören. Ich weiß das, denn ich habe meine Hausaufgaben gemacht, bevor ich hergekommen bin. Das Haus liegt weit zurückversetzt, dahinter beginnt eine Wiese; wir befinden uns im obersten Stockwerk, und keiner ihrer nächsten Nachbarn ist zu Hause. Die Hausaufgaben sind das Entscheidende. Wenn man mit irgendwas im Leben Erfolg haben will, muss man sie ordentlich erledigen. Das kann man gar nicht oft genug betonen.
    Ich gehe durchs Schlafzimmer und wähle ein weiteres Messer aus. Es ist das größte. Gerade will ich zum Bad zurückgehen, als eine Katze ins Zimmer kommt. Das verdammte Vieh ist auch noch freundlich. Ich beuge mich runter und tätschle es. Es schmiegt sich gegen meine Hand und fängt an zu schnurren. Ich hebe es hoch.
    Zurück an der Badezimmertür rufe ich laut: »Kommen Sie raus, oder ich breche Ihrer Katze das Genick.«
    »Bitte, bitte, tun Sie ihr nicht weh.«
    »Das ist Ihre Entscheidung.«
    Also warte ich. Wie alle Männer, wenn die Frauen im Bad sind. Wenigstens schreit sie nicht. Ich kraule Fluffy unter ihrem weichen Hals. Sie schnurrt nicht mehr.
    »Bitte, was wollen Sie?«
    Meine Mutter, Gott schenke ihrer Seele Frieden, hat mich immer ermahnt, ehrlich zu sein. Aber manchmal ist das einfach nicht der richtige Ansatz. »Nur mit Ihnen reden«, lüge ich.
    »Werden Sie mich umbringen?«
    Ich schüttele ungläubig den Kopf. Typisch Frau. »Nein.«
    Das Schloss gibt ein deutliches Knacken von sich, als sich die Badezimmertür öffnet. Sie wird also eher ihr Glück mit mir versuchen, als zuzulassen, dass ihre Katze getötet wird. Vielleicht ist die Katze ja wertvoll.
    Langsam geht die Tür auf. Ich rühre mich nicht von der Stelle. Ich bin viel zu erstaunt über ihre Dummheit, als dass ich mich bewegen würde. Als die Tür weit genug offen steht, lasse ich Fluffy fallen. Sie landet als wirrer Fellklumpen mit seitlich verdrehtem Kopf und in sämtliche Richtungen abstehenden Beinen, die auf denjenigen zu deuten scheinen, der dafür verantwortlich ist. Angela sieht die Katze fallen, hat aber keine Gelegenheit zu schreien. Ich drücke mit dem ganzen Körper gegen die Tür, und sie ist nicht stark genug, um mich draußen zu halten. Die Tür gibt nach, als Angela das Gleichgewicht verliert. Sie knallt gegen die Duschkabine, und das Handtuch rutscht ihr aus den Händen.
    Ich trete ins Badezimmer. Der Spiegel ist noch immer beschlagen. Der Duschvorhang ist mit ein paar Dutzend Gummienten verziert, die mich allesamt anlächeln. Sie sind alle genau gleich ausgerichtet und sehen aus, als zögen sie übers Meer in einen Krieg. Angela fängt wieder mit dem üblichen Gekreische an, das ihr bisher überhaupt nichts gebracht hat und ihr auch jetzt nichts bringen wird. Ich schleife sie zurück ins Schlafzimmer, wobei ich ihr ein paar verpassen muss, um sie zum Mitspielen zu überreden. Sie versucht, mich abzuwehren, aber ich habe mehr Erfahrung damit, Frauen gefügig zu machen, als sie, sich selbst zu verteidigen. Sie verdreht die Augen und besitzt die Frechheit, in meiner Gegenwart ohnmächtig zu werden.
    Die Stereoanlage läuft noch immer. Vielleicht werd ich sie mitnehmen, wenn das hier vorbei ist. Ich ziehe Angela hoch, werfe sie aufs Bett und rolle sie auf den Rücken. Dann gehe ich durchs Schlafzimmer, nehme die Fotos ihrer Familie von den Wänden und klappe diejenigen um, die noch auf den Regalen und der Fensterbank stehen. Das letzte Bild, auf das ich einen Blick werfe, zeigt ihren Mann und zwei Kinder. Ich vermute mal, dass er problemlos das Sorgerecht erhalten wird.
    Der nächste Schritt unserer Romanze besteht darin, dass ich meine Glock 9 Millimeter Automatik auf den Nachttisch lege, wo ich sie leicht erreichen kann. Ein hübsches Exemplar. Ich habe sie vor vier Jahren gekauft, als ich mit der Arbeit anfing. Hat mich dreitausend Dollar gekostet. Waffen auf dem Schwarzmarkt sind immer teurer, aber dafür anonym. Ich habe das Geld von meiner Mutter gestohlen, die den Nachbarskindern die Schuld gab. Sie ist eine dieser verrückten Frauen, die sich davor fürchten, auf die Bank zu gehen, weil sie den Angestellten dort misstrauen. Die Waffe hab ich für den Fall, dass der Ehemann früher nach Hause kommt. Oder wenn ein Nachbar vorbeischaut. Vielleicht hat Angela ja auch eine Affäre. Vielleicht fährt ihr Liebhaber gerade in diesem Augenblick vor dem Haus vor.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 414
Erscheinungsdatum 02.04.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-43247-5
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18,5/11,6/3,5 cm
Gewicht 351 g
Originaltitel The Cleaner
Übersetzer Martin Ruf
Verkaufsrang 8606
Buch (Taschenbuch)
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Kundenbewertungen

Durchschnitt
74 Bewertungen
Übersicht
44
17
7
4
2

Ein Roman aus Sicht des Mörders
von einer Kundin/einem Kunden am 15.02.2019

Es ist mein erstes Buch von Paul Cleave, dank der Empfehlung von Sebastian Fitzek. Es ist spannend, fesselnd und in der Mitte des Buches mal grausam. Wer Thriller liebt, wird dieses Buch verschlingen.

von Nadine Thomas aus Kassel, DEZ am 19.09.2017
Bewertet: anderes Format

"huch, jetzt ist sie erstickt. Das waren wohl gar keine Lustlaute" diese Situation werde ich nie wieder vergessen. Tragisch-komisch-gruselig. Ein neuseeländischer Krimi...toll

Spannender Thriller
von lesenswertebuecher am 08.09.2017

Klappentext MEIN NAME IST JOE. ICH BIN EIN NETTER KERL. ABER MANCHMAL BRINGE ICH FRAUEN UM. Joe hat sein Leben scheinbar fest im Griff – tagsüber jobbt er als Putzmann bei der Polizei, abends geht er anderen Tätigkeiten nach. Er denkt daran, seinen Fisch zweimal täglich zu füttern und seine Mutter mindestens einmal pro Woche... Klappentext MEIN NAME IST JOE. ICH BIN EIN NETTER KERL. ABER MANCHMAL BRINGE ICH FRAUEN UM. Joe hat sein Leben scheinbar fest im Griff – tagsüber jobbt er als Putzmann bei der Polizei, abends geht er anderen Tätigkeiten nach. Er denkt daran, seinen Fisch zweimal täglich zu füttern und seine Mutter mindestens einmal pro Woche zu besuchen, obwohl er ihren Kaffee ab und zu mit Rattengift verfeinert. Er stört sich kaum an den Nachrichten über den Schlächter von Christchurch, der – so wird behauptet – sieben Frauen umgebracht hat. Joe weiß, dass der Schlächter nur sechs getötet hat. Er weiß es ganz einfach. Und Joe wird diesen Nachahmer finden; er wird ihn für die eine Tat bestrafen und ihm die anderen sechs Morde anhängen. Ein perfekter Plan, denn er weiß bereits, dass er die Polizisten überlisten kann. Das Einzige, das noch getan werden muss, ist, sich um all die Frauen zu kümmern, die nicht aufhören, ihm im Weg zu stehen. Seine dominante Mutter zum Beispiel. Und Sally, die Kollegin, die in Joe den Ersatz für ihren toten Bruder sieht. Und dann ist da noch die mysteriöse Melissa, die einzige Frau, die Joe jemals verstanden hat, deren Erpressungs- und Folter-Fantasien jedoch keinen Platz in seinen Plänen haben. Einstieg ins Buch Ich steuere den Wagen in die Auffahrt. Lehne mich zurück. Versuche mich zu entspannen. ... Meine Meinung Joe führt ein Doppelleben. Nachts ist er der geistreiche und rücksichtslose Mörder, tagsüber ist er der etwas begriffsstutzige Putzmann auf dem Polizeirevier. Durch diesen Job kommt er kinderleicht an Informationen über den Ermittlungsstand von den Morden des Schlächters von Christchurch. Er kann genau beobachten wie dicht ihm die Polizei auf den Fersen ist oder wie sich ihre Ermittlungen in die falsche Richtung bewegen. Als er den Besprechungsraum putzt, sieht er zufällig, dass sich ein neues Foto zu den Fotos seiner Opfern gesellt hat. Er kennt diese Frau aber nicht. Diese Frau war nicht SEIN Opfer. Will ihm da etwa jemand etwas unterjubeln? Joe beschließt den richtigen Mörder zu finden und ihm dann auch gleich die anderen sechs Morde anzuhängen. Durch seine unbändige Rachsucht stolpert er dabei von einer Katastrophe in die nächste. Die Geschichte ist in der Ich-Perspektive, aus der Sicht von Joe, geschrieben. Joe ist ein sehr interessanter Charakter. Er ist total gestört und eigensinnig was seine Weltanschauung angeht, geht aber sehr logisch vor wenn es um die Planung einer Sache geht. Logik ist für ihn überhaupt das Wichtigste und kann er etwas nicht nachvollziehen, dann kann es einfach auch nicht richtig sein. Wenn er ein klares Ziel vor Augen hat, macht er alles um es zu erreichen. Joe ist in der Tat ein sehr komplizierter Mensch. Er hat kein Problem damit Menschen umzubringen und zeigt danach auch keinerlei Reue. Aber als er einer Katze das Genick brechen muss um an die Besitzerin ranzukommen, tut ihm die Katze unendlich leid. Tiere mag er, nur Menschen eben nicht und das macht seinen generellen Umgang mit Menschen sehr schwer. Eine Bindung kann er zu keinem Menschen aufbauen, nicht zu seiner Mutter, die ihn sowieso nur nervt und auch zu keiner anderen Person. Seine Opfer sucht Joe willkürlich aus und tötet sie völlig emotionslos. Meistens plant er einen Mord auch nicht, es passiert einfach so und aus Versehen. Hoppla! Neben den spontanen Tötungen, werde manche Morde allerdings auch von Joe akribisch geplant und umgesetzt. Besonders gut finde ich, dass Paul Cleave es bei mir geschafft hat, dass ich anfing, Joe irgendwann sympathisch zu finden. Während er so von einer Katastrophe in die nächste lief, tat er mir schon ein bisschen leid und vor allem als er auf sein Opfer Melissa traf und mal alles überhaupt nicht so lief wie er sich das gedacht hatte. Da fing ich mich dann schon an zu fragen, ob Joe das alles bis zum Ende gut überstehen wird und heil aus der Sache rauskommt. Ebenfalls gefiel mir die Spur Sarkasmus, von der Joe ständig umgeben war. Das hat mich sehr amüsiert. Der trockene und lockere Schreibstil passt hervorragend zum Plot und hat mich quasi durch das Buch getragen. Dass sich das Tempo in dem Thriller sich auch ständig steigert und sich am Ende die Vorfälle nur so überschlagen hat dazu geführt, dass ich das Buch in zwei Tagen durchgelesen hatte. Das Ende habe ich tatsächlich nicht kommen sehen und es ist ein gut gelöstes und überzeugendes Ende. Die überraschenden Wendungen haben mich fürs Ende allerlei vermuten lassen, aber diese Möglichkeit war nicht dabei. Zitat Manchmal denke ich, dass wir in einer wunderbaren Welt leben würden, wenn jeder von uns nur eine Erinnerungsspanne von fünf Sekunden hätte. Ich könnte so viele Menschen umbringen wie ich will. (Seite 65) Fazit "Der siebte Tod" ist ein ausgesprochen gutes Erstlingswerk und ein wirklich hervorragender Thriller. Ich kann nur jedem Thriller-Fan empfehlen dieses Buch zu lesen. Leichte Kost ist es wirklich nicht, aber Paul Cleave legt auch keine übertriebene Brutalität an den Tag. Von mir eine klare Leseempfehlung! Michaela von lesenswertebuecher