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Und Nietzsche weinte

Roman

Während eines Urlaubs in Venedig wird der bekannte Wiener Nervenarzt Josef Breuer von der jungen Russin Lou Salome aufgesucht. Sie bittet ihn, den psychisch labilen Philosophen Friedrich Nietzsche zu behandeln, der sich nach der Trennung von ihr mit Selbstmordabsichten trägt. Es kommt tatsächlich zu einer Behandlung, für die sich der Arzt einen ungewöhnlichen Heilungsplan ausgedacht hat: Er will Nietzsche einer "Redekur" unterziehen. Dem Leser dieses spannungsreichen Romans wird ein Bild des gesellschaftlichen und intellektuellen Lebens der Stadt Wien im Jahre 1882 vermittelt, und er erhält durch die fiktiven Therapiegespräche Einblick in die Denkweise Nietzsches.
Portrait
Yalom, Irvin D.
Irvin D. Yalom wurde 1931 als Sohn russischer Einwanderer in Washington, D.C. geboren. Er gilt als einer der einflussreichsten Psychoanalytiker in den USA und ist vielfach ausgezeichnet. Seine Fachbücher gelten als Klassiker. Seine Romane wurden international zu Bestsellern und zeigen, dass die Psychoanalyse Stoff für die schönsten und aufregendsten Geschichten bietet, wenn man sie nur zu erzählen weiß.
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  • Das Glockenspiel von San Salvatore riß Josef Breuer aus seinen Träumen. Er zog seine schwere goldene Uhr aus der Westentasche. Neun. Zum wiederholten Male studierte er das Billett mit Silberrand, das er am Vortage erhalten hatte.

    21. Oktober 1882
    Doktor Breuer,
    ich muß Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen. Die Zukunft der deutschen Philosophie steht auf dem Spiele. Ich erwarte Sie morgen früh um neun im Café Sorrento.
    Lou Salomé

    Eine Impertinenz! Eine Unverfrorenheit, dergleichen er seit Jahren nicht erlebt hatte. Er kannte keine Lou Salomé. Keine Adresse auf dem Kuvert. Keine Möglichkeit, dieser Person mitzuteilen, daß neun Uhr eine unpassende Zeit sei, daß es Frau Breuer ganz und gar nicht gefiele, alleine frühstücken zu müssen, daß Dr. Breuer Ferien mache und daß ihn dringliche Angelegenheiten nicht interessierten, ja, daß Dr. Breuer gerade deshalb nach Venedig gereist sei, um sich dringlicher Angelegenheiten zu entziehen.
    Und doch saß er nun Punkt neun hier im Café Sorrento, musterte die Gesichter der Gäste und fragte sich, wer von den Damen wohl die impertinente Lou Salomé sein mochte.

    "Nehmen Sie noch Kaffee, Signore?"
    Breuer nickte auf die Frage des Kellners, eines Knaben von dreizehn oder vierzehn Jahren mit naß zurückgekämmtem schwarzem Haar. Wie lange saß er wohl schon versunken da und träumte vor sich hin? Er blickte abermals auf seine Taschenuhr. Wieder zehn Minuteri Lebenszeit vergeudet. Und womit? Wie gewöhnlich war er in Gedanken bei Bertha gewesen, der lieblichen Bertha, zwei lange Jahre seine Patientin. Er hatte an ihre spöttischen Worte denken müssen: >Doktor Breuer, was fürchten Sie von mir?Ich werde warten. Sie werden immer der einzige Mann in meinem Leben sein.Er wies sich zurecht: >Genug! Hör auf! Höre auf zu denken! Wozu hast du Augen! Sieh dich um! Gewähre der Welt Einlaß!Breuer hob seine Tasse und sog zusammen mit tiefen Zügen kalter, venezianischer Oktoberluft den Duft des aromatischen Kaffees ein. Er wandte den Kopf und schaute. Sämtliche Tische des Café Sorrento waren mit Frühstücksgästen besetzt -größtenteils Touristen, größtenteils ältere Herrschaften. Einige Gäste hielten Zeitungen in der einen Hand, Kaffeetassen in der anderen. Hinter den Tischen stoben Wolken stahlblauer Tauben auf. Auf dem stillen Canal Grande ließ nur das Kielwasser einer einsam dahingleitenden Gondel die schimmernden Spiegelungen der Palazzi an beiden Ufern erzittern. Andere Gondeln schliefen noch, vertäut an schiefstehenden Pfählen, die da und dort aus dem Kanal ragten wie wahllos von Riesenhand hingeschleuderte Speere.
    >So ist's recht, alter Narr, mach die Augen auf!Von überallher kommen die Menschen, um Venedig zu bewundern, Menschen, die sich weigern zu sterben, ehe sie nicht der Gnade seiner einzigartigen Schönheit teilhaftig geworden sind. Wieviel vom Leben mag wohl schon an mir vorbeigezogen sein, allein, weil ich nicht hingesehen habe? Oder hingesehen habe, ohne zu sehen?Soll das mein Los sein?Bin ich dazu verdammt, die Bühne zu sein, auf der sich bis in alle Ewigkeit meine Erinnerungen an Bertha in Szene setzen?Am Nebentisch erhob sich jemand. Das metallische Scharren der Stuhlbeine auf dem Pflaster brachte ihn zur Besinnung, und erneut hielt er Ausschau nach Lou Salomé.
    Ah, da kam sie! Die Dame, welche nun die Riva del Carbon herunterschritt und die Café-Terrasse betrat, die mußte es sein. Nur sie konnte jenes Billett verfaßt haben, diese stolze, schlanke Frau im Pelz, welche sich nun gebieterisch einen Weg zwischen vollbesetzten Tischen hindurch zu ihm bahnte. Aus größerer Nähe erkannte Breuer, daß sie jung war, jünger womöglich noch als Bertha, ein Schulmädchen gar. Aber was für ein sicheres Auftreten! Bei einem solchen Charisma würde sie es noch weit bringen!
    Lou Salomé hielt zielstrebig, ohne das geringste Zögern, auf ihn zu. Wie konnte sie sich dessen nur so sicher sein, daß er der Gesuchte war? Mit der linken Hand strich sich Breuer hastig über den krausen, rötlichen Bart, damit auch ja keine Krümel vom Frühstücksgebäck darin hingen, die Rechte zupfte den schwarzen Rock zurecht und sorgte dafür, daß der Kragen sich nicht unvorteilhaft im Nacken hochschob. Kaum einen Meter vor ihm blieb sie unverhofft stehen und blickte ihm einen Moment lang geradewegs in die Augen.
    Mit einemmal verstummte das Geschwätz in Breuers Kopf. Plötzlich bedurfte das Hinsehen keinerlei Anstrengung. Nun spielten sich Netzhaut und Hirnrinde das Bild Lou Salomés ohne weiteres zu und schleusten es bereitwillig in sein Bewußtsein. Eine ungewöhnliche Frau von nicht landläufiger Schönheit: ausgeprägte Stirn, kräftiges, gut geschnittenes Kinn, strahlend blaue Augen, volle, sinnliche Lippen, achtlos frisiertes, am Oberkopf zum Knoten geschlungenes silberblondes Haar, die Ohren und der lange, schlanke Hals gut sichtbar. Insbesondere gefiel ihm, wie einzelne, widerspenstige Haarsträhnen sich der Bändigung widersetzten und verwegen in alle Richtungen standen.
    Drei Schritte noch, und dann stand sie an seinem Tische. "Doktor Breuer, ich bin Lou Salomé. Darf ich?" Sie deutete auf einen Stuhl. Und dann saß sie auch bereits, ohne daß Breuer Zeit geblieben wäre, sie angemessen zu begrüßen - also sich zu erheben, sich zu verbeugen, einen Handkuß anzudeuten, den Stuhl zurechtzurücken.
    "Cameriere!" Breuer schnippte forsch mit den Fingern. "Einen Kaffee für die Dame. Cafelatte?" Er blickte fragend zu Fräulein Salomé hinüber. Sie nickte. Trotz der morgendlichen Frische legte sie ihren pelzgefütterten Umhang ab.
    "Ja, cafelatte."
    Breuer und sein Gegenüber schwiegen einen Augenblick lang. Dann sah ihm Lou Salomé forschend in die Augen und hob zu sprechen an: "Ich habe einen zutiefst verzweifelten Freund. Es steht zu befürchten, er könnte sich in naher Zukunft das Leben nehmen.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 442
Erscheinungsdatum 04.02.2008
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-73728-4
Verlag btb
Maße (L/B/H) 18,7/11,7/3 cm
Gewicht 364 g
Originaltitel When Nietzsche Wept
Abbildungen sechs schwarzweisse - Fotos, schwarz-weiss Illustrationen
Übersetzer Uda Strätling
Verkaufsrang 24943
Buch (Taschenbuch)
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Demian Stock, Thalia-Buchhandlung Düren

Yalom vermag es, sowohl das Wien des 19. Jahrhunderts als auch den jungen Philosophen Nietzsche so zauberhaft darzustellen, dass man darin versinken möchte. Nietzsche mal anders!

Nina Aselmann, Thalia-Buchhandlung Hagen

Toll und ungewöhnlich, denn: wie kann man einen Sexsüchtigen heilen? Reicht eine Therapie? Spannender Roman voller Philosophie und Psychologie.

Kundenbewertungen

Durchschnitt
23 Bewertungen
Übersicht
18
4
0
1
0

Und Nietsche weinte
von einer Kundin/einem Kunden aus Zürich am 26.07.2019
Bewertet: Einband: Taschenbuch

Eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe. Tiefgang, wunderbare Zwiegespräche, effektvolle und feinfühlige Lösungssuche und eine enorme Inspiration für meine Gesprächstherapien!

von einer Kundin/einem Kunden aus Oberhausen am 01.10.2018
Bewertet: anderes Format

Es ist eine zwar fiktive, aber doch eng an Tatsachen und wahre Geschehnisse angelehnte Geschichte über Friedrich Nietzsche & den seinerzeit sehr bekannten Wiener Arzt Josef Breuer.

schon lange nicht mehr..
von einer Kundin/einem Kunden aus Zürich am 17.10.2017
Bewertet: Einband: Taschenbuch

hat mich ein buch so gefesselt wie dieses. irvin d. yalom versteht es vortrefflich den spagat zwischen fiktion und psychoanalyse in bellestrik zu erfassen. dieser roman erzählt mehr, als nur die geschichte der verzweiflung, die redekur und die suche nach dem sinn des lebens.. es fällt auf, dass der autor sich stark mit den chara... hat mich ein buch so gefesselt wie dieses. irvin d. yalom versteht es vortrefflich den spagat zwischen fiktion und psychoanalyse in bellestrik zu erfassen. dieser roman erzählt mehr, als nur die geschichte der verzweiflung, die redekur und die suche nach dem sinn des lebens.. es fällt auf, dass der autor sich stark mit den charakteren auseinandergesetzt hat. für hartgesottene nietzsche fans mag es im ersten augenblick vielleicht etwas befremdlich sein und wirft die frage auf, wie nietzsche am besten porträtiert werden sollte. yalom hat die philosophischen diskurse zwischen breuer und ihm auf hohem niveau dargestellt und sich nietzsches eigenen schriften/zitaten bedient und im richtigen moment eingebaut. sehr lesenswert!