Warenkorb
 

Die Ordensburg / Elfenritter Bd.1

Roman

Elfenritter Band 1

Weitere Formate

Klappenbroschur

Der Star der deutschen Fantasy kehrt in die Welt der Elfen zurück!

Mit seinen atemberaubenden Romanen um das geheimnisvolle Volk der Elfen schuf Bernhard Hennen eine Saga, die schon jetzt als Klassiker der Fantasy gilt. Eine Welt voller Zauber und Magie, mit Helden, die in den Herzen der Leser weiterleben. In „Elfenritter“ kehrt der Bestsellerautor in die mythische Welt der Elfen zurück und lüftet das große Geheimnis um das Schicksal Albenmarks: Dies ist die Geschichte von Gishild, Königin des Fjordlands und letzte Hoffnung für die freien Völker der Welt. Und es ist die Geschichte Lucs, Ritter im Dienste eines mächtigen Ordens, dem Todfeind der Elfen. Als Kinder unzertrennbar, stehen sie sich nun an der Spitzer zweier Heere gegenüber. Denn der Kampf um die alte Welt hat längst begonnen …

Rezension
"Bernhard Hennens "Elfen"-Romane gehören zum Besten, was die Fantasy je hervorgebracht hat." Wolfgang Hohlbein
"Bernhard Hennen erschafft eine bildgewaltige und fesselnde Welt, in die der Leser vollkommen eintaucht." Bild am Sonntag
Portrait
Hennen, Bernhard
Bernhard Hennen, 1966 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatische Altertumskunde. Mit seiner Elfen-Saga stürmte er alle Bestsellerlisten und schrieb sich an die Spitze der deutschen Fantasy-Autoren. Hennen lebt mit seiner Familie in Krefeld.
… weiterlesen
  • Artikelbild-0
  • Artikelbild-1
  • DIE SPUR DES AHNEN
    »Das ist kein Ort, an den man alleine gehen sollte, mein König.«
    Gunnar legte dem Krieger die Hand auf die Schulter. »Wie lange befehligst du nun schon meine Leibwache?«
    Der große, dunkelhaarige Fjordländer runzelte die Stirn. Er bewegte die Lippen, als zähle er lautlos.
    »Seit siebzehn Jahren kämpfst du nun an meiner Seite. Seit mein Vater mich das erste Mal in eine Schlacht ziehen ließ. Und neun Jahre bist du der Hauptmann meiner Leibwache, der Mandriden.« König Gunnar blickte zu den Männern, die am Rand der Lichtung standen. Sie wirkten angespannt. Fast jeder hatte die Hand am Schwert. Auf dieser Lichtung war seinem Urahnen Mandred einst der Manneber begegnet, jenes dämonische Ungeheuer, das so viel Unheil über Menschen und Elfen bringen sollte. Der Ort galt als verflucht … Niemand ging hier freiwillig hin.
    Der König blickte hinauf zur Klippe. Wie eine schwarze Krone zeichneten sich die stehenden Steine gegen den Nachthimmel ab. Grünes Feenlicht tanzte in weiten Bögen am Himmel. Es war voller Schönheit und zugleich auch unheimlich. Hell stach der Schein der Wintersterne durch das wogende Himmelslicht. Glaubte man der Sage von Mandred Torgridson, dann war es eine Winternacht wie diese gewesen, in der das Band zwischen Menschen und Elfen geknüpft worden war. Fast ein Jahrtausend währte der Bund nun, und obwohl Elfen, Trolle, Kentauren und Kobolde seinen Kriegern ein vertrauter Anblick waren, scheuten die Männer vor den magirzauberten Orte. Kein Vogel flog je über die Höhe des Hartungskliffs hinweg.
    Gunnar sah den Hauptmann seiner Leibwache an. Eiskristalle funkelten in Sigurds schwarzem Bart. Seine kalten blauen Augen wirkten entschlossen. Gunnar wusste, sein Gefährte würde ihm überallhin folgen. Doch es wäre ehrlos, ihn darum zu bitten, ihn auf diesem Weg zu begleiten.
    Der König hatte nicht die Absicht, durch das Tor zu treten. Doch man wusste nie, was geschehen mochte, wenn man sich in die Nähe eines Albensterns wagte. Und kein Mensch, der je das Land des ewigen Frühlings betreten hatte, war darin glücklich geworden. Jeder im Fjordland kannte die Lieder über Alfadas, Mandred oder Kadlin, die Kriegerkönigin. Helden waren sie, ohne Zweifel, und doch war es ihnen verwehrt geblieben, glücklich zu werden. Dort, wo der Ruhm wohnte, hausten zugleich auch Trauer und Einsamkeit. Wer Albenmark gesehen hatte, der blieb künftig den anderen Menschen fremd … Und manche, wie sein Urahn Mandred, fanden nicht mehr den Weg zurück.
    Gunnar umfasste Sigurds Handgelenk im Kriegergruß. »Ich werde allein gehen, mein Freund. Nimm die Männer mit! Wartet unten am Fjord auf mich.«
    Obwohl Sigurd sich alle Mühe gab, seine Gefühle zu verbergen, spürte Gunnar, wie erleichtert der Hauptmann war. Sie kannten einander zu lange, um verbergen zu können, was sie bewegte.
    »Wenn du im Morgengrauen nicht bei uns bist, dann steige ich hinauf zum Kliff!«
    Gunnar musste über die Drohung lächeln. Er wusste, dass Sigurd keine leeren Worte machte. »Folge mir nicht. Wenn ich zum Morgengrauen nicht zurück bin, dann werde ich an einem Ort sein, an dem du mich nicht mehr erreichen kannst. Er stockte. »Wenn das geschieht … sag Roxanne, dass ich sie liebe. Und achte auf meinen Sohn … und auf Gishild. Man darf die Kleine nicht aus den Augen lassen. Das weißt du ja.«
    Sigurd nickte linkisch. »Roxanne wird wissen, dass du nur ihretwegen gegangen bist.«
    »Red ihr das aus!«
    »Aber es ist doch die Wahrheit! Und du müsstest das nicht tun … Sie werden kommen. Du hast doch eine Botin geschickt. Bleib bei uns und warte … Unten am Fjord.« Er sah ihn beinahe flehend an, was sonst gar nicht Sigurds Art war.
    Gunnar fragte sich, ob der Hauptmann seiner Leibwache gar das zweite Gesicht hatte. Wusste Sigurd etwas?
    »Sie werden kommen, das weißt du, mein König.«
    Gunnar blickte zum Mond, der tief am Himmel stand. Die Worte der Hebamme klangen ihm noch in den Ohren. Sie wird den Morgen nicht erleben, wenn kein Wunder geschieht. Zwei Tage kämpfte Roxanne nun schon im Kindbett. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Der König wusste, dass es jenseits des Tores, in der anderen Welt, ein Geschöpf gab, das spüren würde, wenn er auf dem Hartungskliff stand. Einen uralten, verzauberten Baum. Die Albenkinder mussten wissen, wie verzweifelt er ihre Hilfe brauchte! Es war schon Stunden her, dass sein Bote, der Kobold Brandax, aufgebrochen war. Warum kam niemand? Gunnar wusste, dass Brandax unter den Elfen nicht sehr beliebt war. Seine zänkische Art machte es schwer, mit ihm auszukommen. Aber er war der Einzige gewesen, der ein Tor öffnen konnte … Ob man ihn bei Hof nicht vorließ?
    Der König blickte zum Kliff. »Ich muss gehen, Sigurd.« Er umfasste noch einmal das Handgelenk des Hauptmanns und kehrte der Lichtung den Rücken.
    Allein mit den uralten Eichen des Waldes beschlich ihn wieder dieses klamme Gefühl. Ein Jahrtausend war seine Familie mit den Albenkindern verbunden. Seite an Seite kämpften sie gegen die übermächtigen Ritterheere der Tjuredkirche. Er kannte die grausigen Riten der Trolle nach den Schlachten, die Feste der Elfen, die ein Zauber umgab, der Menschen das Herz wund werden ließ. Er hatte den seltsamen Humor von Kobolden erduldet. Er hatte mit den Anderen geblutet und gelacht. Aber sie waren ihm fremd geblieben. Da war eine letzte, unsichtbare Mauer, die niemals fiel. Das machte sie unheimlich … Er konnte verstehen, warum die Tjuredpriester sie so sehr fürchteten. Man wusste nie, was im Kopf eines Elfen vor sich ging. Auch nicht, wenn er ein Freund war. Warum war keine Hilfe gekommen?
    Gunnar trat aus dem Wald hinaus auf ein weites, sanft ansteigendes Schneefeld. Das grüne Feenlicht verlieh dem Schnee eine eigentümliche Farbe. Es hieß, die Tore zur Anderswelt seien leichter zu öffnen in solchen Nächten.
    Das Knirschen des verharschten Schnees, das Lied des Windes in den Klippen und sein keuchender Atem waren die einzigen Geräusche, die Gunnar bei seinem einsamen Aufstieg begleiteten. Als er endlich den Gipfel erreichte, überkamen ihn Zweifel. Im Kreis der blanken Felsen, die mit gewundenen Spiralmustern versehen waren, lag kein Schnee. Vielleicht hatte der Wind ihn davongetragen, sagte sich der König stumm und wusste es doch besser. Dieser Ort gehörte nicht mehr ganz in die Welt der Menschen.
    Ehrfürchtig strich er mit der Hand über einen der stehenden Steine. Der Wind zerzauste dem Herrscher das lange Haar. Gefrorener Atem knisterte leise in seinem Bart. Er beugte sich vor, bis seine Stirn den rauen Fels berührte. Zwei Tage lang hatte er seine Götter angefleht und war nicht erhört worden. Nun galten seine Bitten einer greifbareren Macht.
    Dem kalten Stein vertraute er all seine Ängste an. Er war ein Kriegerkönig, erprobt in Dutzenden blutigen Schlachten. Er scheute keine Gefahr … Doch fürchtete er, was jetzt hinter der verschlossenen Tür im Kindbett geschah. Lebte Roxanne noch? Hier, wo ihn keiner sah, hielt er seine Tränen nicht zurück.
    Er sah hinab zur großen Stadt am Fjord. Mehr als eine Meile lang erstreckte sie sich am Ufer. Senkrecht stiegen die Rauchfahnen aus Hunderten Schornsteinen. Kaum jemand zeigte sich in den weiten Straßen. Um die Wachfeuer auf den Wehrgängen der Königsburg scharte sich eine Handvoll dunkler Gestalten.
    Sein Blick wanderte zu dem weiten Gürtel aus Gräben und Erdwällen. Die strengen geometrischen Formen passten nicht zu der Stadt mit ihren verwinkelten Gassen und den Fachwerkhäusern mit ihren mit Schnitzwerk überladenen, steilen Giebeln. Es würde Jahre dauern, bis die neuen Festungswerke vollendet wären. Gunnar wusste, dass all dies vergebene Mühe war. Wenn die Ritter der Tjuredpriesterschaft jemals bis vor die Wälle Firnstayns gelangen würden, dann wäre sein Königreich dem Untergang geweiht, ganz gleich, wie stark die Festungswerke waren. Die Ritter konnten nur von Süden kommen, und wenn sie ihre Banner vor der Stadt aufpflanzten, dann mussten sie das restliche Königreich schon unterworfen haben.
    Nicht Mauern, sondern allein die Macht jenseits dieses Steinkreises mochte dann noch Rettung bringen. So wie jetzt, in dieser verzweifelten Stunde, in der Roxanne und das Kind mit dem Tode rangen.
    Ein warmer Luftzug streichelte Gunnars Wangen. Der König wandte sich zum Steinkreis um. Der Duft einer blühenden Frühlingswiese umgab ihn. Er hörte Wind in Blättern flüstern, obwohl die nächsten Bäume mehr als eine Meile entfernt standen.
    Sein Magen krampfte sich zusammen. Seine Bitten waren erhört worden. Er sollte froh sein. Doch mitten im Winter dem Frühling zu begegnen, machte ihm Angst. Etwas im Steinkreis hatte sich verändert. Die Spiralmuster … Sie schienen sich zu bewegen.
    Gunnar blinzelte. Unsicher wich er einen Schritt zurück. Der Boden, auf dem er stand, war gewachsener Fels. Licht sickerte zwischen den Linien im Fels hervor, so wie unter einem Türspalt.
    Der König wich noch weiter zurück. Das Licht erhob sich zu tanzenden Linien, die bald einen hohen Torbogen formten. Er durfte dort nicht hinsehen! Er kannte die Geschichten … So viele seiner Ahnen hatte Albenmark in den Bann gezogen. Fortgerissen aus dem Leben, wie Menschen es führen sollten. Und keiner war dort glücklich geworden. Es war besser, diese fremde Welt nicht zu sehen!
    Dennoch vermochte Gunnar den Blick nicht abzuwenden. Hinter dem Tor aus tanzendem Licht lag ein Raum voller Dunkelheit, den ein goldener Pfad durchmaß. Und am anderen Ende des Pfades, nur ein paar Schritt entfernt, öffnete sich ein zweites Tor. Gunnar sah eine Frühlingswiese. Einen Hügel, gekrönt von einer mächtigen Eiche … Und dann erschien die Reiterin. Sie schien auf dem goldenen Pfad zu schweben. Unwirklich, wie ein Geist.
    Ein Herzschlag, und sie war durch das Tor. Das tanzende Licht verblasste. Nur der Frühlingsduft blieb noch einen Augenblick, dann regierte wieder der Winter.
    Gunnar kannte Elfen, seit er laufen gelernt hatte. Schon am Hof seines Vaters waren sie wohlvertraute Gäste gewesen. Doch nie zuvor hatte der König gesehen, wie sie aus der Anderswelt herüberkamen. Er starrte die Frau auf der milchweißen Schimmelstute an wie einen Geist. Sie war in ein silbergraues Gewand gekleidet, so zart, als sei es aus Mondlicht gewoben. Der eisige Nordwind spielte in ihrem langen schwarzen Haar. Sie war von so unnahbarer Schönheit, dass der König kein Wort über die Lippen brachte.
    Obwohl sie gekleidet war wie für ein Sommernachtsfest, schien ihr die Eiseskälte nichts anhaben zu können.
    »Du sagst, dein Weib ringt mit dem Tode.«
    Gunnar vermochte nur zu nicken. Er räusperte sich … doch seine Stimme schien ihn verlassen zu haben.
    »Ich bin Morwenna, Tochter der Alathaia«, sagte sie und streckte ihm ihre Hand

    VOR DEM MORGENROT
    Gunnar trat aus der stickigen Festhalle hinaus auf den weiten Hof der Burg. Aus fröhlichem Lärm war besoffenes Lallen geworden. Die Jarle des Fjordlands, Trolle und Kentauren zechten gemeinsam. Sie warteten auf die Geburt des Thronfolgers. Zu lange schon!
    Verzweifelt blickte Gunnar zu dem einen hell erleuchteten Fenster auf der anderen Seite des Hofs. Er hatte gehofft, dass mit Morwennas Ankunft alles besser würde. Doch die Elfe war nun schon seit Stunden dort oben. Längst hatte das Morgenrot das Feenlicht vom Himmel vertrieben. Leichter Schneefall hatte eingesetzt. Es kam Gunnar so vor, als sei es ein wenig wärmer geworden.
    Vor ihm, mitten auf dem Hof, stand die Stute der Elfe. Das Pferd blickte zu ihm herüber. Es hatte helle, blaue Augen. Pferde sollten nicht solche Augen haben! Und sie sollten einen auch nicht so anblicken. Als verstünden sie, was einem das Herz aufwühlte!
    Wieder öffnete sich die Tür zur Festhalle. Fetzen eines wilden Reiterliedes hallten in den Morgen hinaus. Dann schnitt die zufallende Pforte das Kriegerlied ab. Schritte knirschten im Schnee.
    »Es wird gut werden, Gunnar. Sie ist eine Elfenzauberin«, klang eine wohlvertraute Stimme. Sigurd legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du weißt, was sie vermögen.«
    Gunnar kannte ihre Krieger. Auch sie vermochten zu zaubern. Doch wahre Heiler waren selten. Er musste Morwenna vertrauen!
    «Wie war es bei deiner Frau?»
    «Sigurd lachte verlegen. »Ich war nicht dabei, mein König. Es war im Sommer vor drei Jahren, als wir in Stovia gekämpft haben. Ich weiß nur, was mir die Amme erzählt hat. Angeblich hat sich meine Frau mitten im Abendmahl erhoben. Sie hatte noch eine Lammkeule vor sich auf dem Tisch. Und dann hat sie sich plötzlich die Röcke benässt. Keine halbe Stunde später war meine Tochter da.« Er schnippte mit den Fingern. »Einfach so. So haben sie es mir jedenfalls erzählt.«
    Gunnar sagte nichts dazu. Das war nicht das, was er jetzt hören wollte. Er blickte erneut zum Fenster hinauf. Was, bei allen Göttern, geschah dort oben? Er hatte gedacht, wenn eine Elfenheilerin käme, wäre alles gut …
    »Mein König?« Sigurd sah ihn an, als habe er etwas gesagt. Gunnar hatte nichts gehört. Zu sehr war er in seinen Gedanken gefangen.
    Ein Schrei ließ ihn herumfahren. Es ging wieder los! Zwei verfluchte Tage dauerte das jetzt. Warum nahm es kein Ende? Wie lange konnte Roxanne das noch durchstehen?
    Sigurd packte ihn fest bei beiden Armen. »Du solltest nicht hier sein. Du kannst deiner Frau jetzt nicht helfen. Was nützt es, dich zu quälen? Komm zurück in die Halle.«
    »Es ist doch wie Verrat, wenn ich nicht bei ihr bin.«
    »Die Hebamme und die Elfe haben dich hinausgeworfen«, erinnerte ihn der Hauptmann. »Komm, es ist das Beste, wenn wir beide trinken, bis wir unter dem Tisch liegen. Du kannst dort oben nichts ausrichten … Also tun wir, was Männer schon immer getan haben, wenn ihre Weiber Kinder gebären.«
    Gunnar wünschte, er wäre auf einem Schlachtfeld, mitten im dicksten Getümmel. Da wüsste er, was zu tun war. Er fühlte sich hilflos wie selten zuvor in seinem Leben.
    »Weißt Du schon wie du ihn nennen willst?«
    Gunnar zögerte. Ja, er hatte sich einen Namen zurechtgelegt. Aber er hatte ihn noch niemandem genannt. Nicht einmal Roxanne. Es brachte Unglück, über den Namen eines Kindes zu sprechen, wenn es noch nicht geboren war. Das musste Sigurd doch wissen! Wahrscheinlich war er schon zu betrunken … Snorri sollte sein Sohn heißen. Ein guter Kriegername war das!
    Die Elfenstute schabte mit einem Huf im frischen Schnee. Sie sah ihn immer noch mit ihren unheimlichen Augen an. Er fühlte sich, als habe man einen Kübel Eiswasser über ihn ausgeschüttet. Diese Augen …
    Roxanne würde sterben. Plötzlich war er sich ganz sicher. Ihre Schreie waren verklungen. Luth würde ihren Lebensfaden durchtrennen. Jeden Augenblick …
    Er musste bei ihr sein.
    Der Nordwind jaulte unter den Dachsparren und verlieh den geschnitzten Drachenköpfen eine geisterhafte Stimme. Der Schneefall war dichter geworden. Das Elfenpferd verschwamm zu einem undeutlichen Schemen. Gunnar glaubte, im Schneegestöber schattenhafte Gestalten zu erkennen. Gestalten, gezeugt aus Sturmwind, Eis und Ewigkeit. Die Geister seiner Ahnen versammelten sich, um seinem Weib das letzte Geleit in die Goldenen Hallen zu geben.
    »Siehst du sie?«
    Sigurd blinzelte. »Wen?«
    Konnte man ihm trauen?
    »Das ist keine Nacht, um draußen zu sein. Fordere dein Schicksal nicht heraus, mein König! Du warst beim Albenstern und bist mit einer Elfe geritten … Komm zurück in die Halle.« Sigurd hielt ihn noch immer bei den Armen gepackt. »Dies ist eine Nacht für Albenkinder und Götter. »Du kannst deinem Weib nicht helfen. Bitte komm mit mir!«
    Gunnar machte sich los. Er würde Roxanne nicht im Stich lassen. Er lief über den Hof. Die weite Eingangshalle war verlassen. Laut hallten seine Schritte auf dem Steinboden, begleitet einzig vom Sturmgeheul im Dachgebälk.
    Er stürmte die Treppe hinauf und hielt auf der obersten Stufe inne. Roxanne war verstummt. Es war totenstill auf dem Gang, der zu ihrem Schlafgemach führte. Vielleicht hatten die Elfe und die Hebamme doch recht? Vielleicht würde es alles nur noch schlimmer machen, wenn er dort war?
    Gunnar hatte die Tür zu Roxannes Kammer fast erreicht, als er die zusammengekauerte Gestalt im Bogenfenster gegenüber bemerkte. Die Knie angezogen und ihre Lieblingspuppe dicht an die Brust gedrückt, hockte dort Gishild. Die Nacht hatte Eisblumen auf das Bleiglasfenster gehaucht. Seine Tochter presste die Lippen fest zusammen und versuchte zu verbergen, dass ihr die Zähne klapperten. Selbst im morgendlichen Zwielicht sah er deutlich, dass sie geweint hatte.
    Hinter der Tür wimmerte Roxanne. Offensichtlich hatte sie nicht mehr die Kraft zu schreien. Der lange, unendlich klagende Laut schnitt Gunnar ins Herz. Er wollte bei ihr sein! Doch konnte er nicht so tun, als habe er Gishild nicht bemerkt. Was tat sie hier? Sie sollte, bewacht von der Amme, in ihrem Bett liegen!
    Gunnar blickte noch einmal zur Tür. Schließlich wandte er sich ab. Gishild rannen Tränen über die Wangen, aber sie schluchzte nicht.
    Er beugte sich vor und hob sie auf den Arm. Sie war so leicht … so zerbrechlich. Wie lange wartete sie schon hier in der Kälte? Er hätte seine Wache vor der Kammer nicht aufgeben dürfen.
    »Warum tut mein Bruder Mama so weh?«, stieß sie stockend hervor.
    Gunnar schluckte. Was sollte er darauf antworten? »Er tut das nicht absichtlich.«
    »Du musst ihm sagen, dass er das nicht darf!«, sagte sie entrüstet. »Sag ihm, ich verprügele ihn, wenn er Mama nicht in Frieden lässt. Ich werde ihn …«
    Während sie sprach, zitterte sie immer heftiger, und schließlich gingen ihre Worte in halb ersticktem Schluchzen unter.
    Gunnar drückte sie fest gegen seine Brust und streichelte ihr über das Haar. »Es wird alles wieder gut«, sagte er hilflos und musste plötzlich selbst gegen die Tränen ankämpfen.
    Langsam beruhigte sich Gishild. Auch das Wimmern hinter der schweren Eichentür war verstummt. Die Stille dort machte dem König mehr zu schaffen als Roxannes Schreie.
In den Warenkorb

Beschreibung

Produktdetails

Einband Klappenbroschur
Herausgeber Angela Kuepper
Seitenzahl 637
Erscheinungsdatum 01.10.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-52333-3
Reihe Elfenritter-Trilogie 1
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18,9/11,8/4,8 cm
Gewicht 511 g
Verkaufsrang 65321
Buch (Klappenbroschur)
Buch (Klappenbroschur)
9,99
9,99
inkl. gesetzl. MwSt.
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort lieferbar Versandkostenfrei
Sofort lieferbar
Versandkostenfrei
In den Warenkorb
PAYBACK Punkte
Vielen Dank für Ihr Feedback!
Entschuldigung, beim Absenden Ihres Feedbacks ist ein Fehler passiert. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihr Feedback zur Seite
Haben Sie alle relevanten Informationen erhalten?

Weitere Bände von Elfenritter

  • Band 1

    14601377
    Die Ordensburg / Elfenritter Bd.1
    von Bernhard Hennen
    (18)
    Buch
    9,99
    Sie befinden sich hier
  • Band 2

    14604977
    Die Albenmark / Elfenritter Bd.2
    von Bernhard Hennen
    (17)
    Buch
    9,95
  • Band 3

    14594542
    Das Fjordland / Elfenritter Bd.3
    von Bernhard Hennen
    (12)
    Buch
    9,95

Kundenbewertungen

Durchschnitt
18 Bewertungen
Übersicht
16
2
0
0
0

Märchenhaft
von einer Kundin/einem Kunden am 16.06.2018
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Erfüllt die Erwartungen dieser Elfensaga voll und ganz. Vielleicht nicht ganz so spannend wie die ersten 4 Bände.

von Maximilian Strobl aus Augsburg am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Nachfolger der großen Elfensaga von Bernhard Hennen. Weniger Protagonisten als gewohnt, doch dadurch werden die Charaktere umso tiefschürfender beschrieben.

von einer Kundin/einem Kunden am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Mit diesem Buch hat meine Leidenschaft für die fantastische Welt begonnen die Herr Hennen erschaffen hat