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Cujo

Roman


Zweiter Roman des Castle-Rock-Zyklus

Der Bernhardiner Cujo ist der Liebling von ganz Castle Rock. Eines Tages wird er von einer Fledermaus mit einem teuflischen Virus infiziert. Die Kleinstadtidylle verwandelt sich fortan in eine Hölle, die von einem mordgierigen Monster beherrscht wird ...

Portrait
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen.Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.
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  • Es war einmal …
    … und es ist noch gar nicht lange her, da kam ein Ungeheuer in die kleine Stadt Castle Rock in Maine. Es tötete 1970 eine Serviererin namens Alma Frechette; 1971 eine Frau namens Pauline Toothaker und eine Studentin namens Cheryl Moody; 1974 ein hübsches Mädchen namens Carol Dunbarger; im Herbst 1975 eine Lehrerin namens Etta Ringgold; und schließlich, Ende desselben Jahres, eine Schülerin namens Mary Kate Hendrasen.
    Es war kein Werwolf, Vampir oder Gespenst, und es war auch keine namenlose Kreatur aus dem Hexenwald oder aus den Schneewüsten; es war nur ein Polizist namens Frank Dodd, der seelische und sexuelle Probleme hatte. Ein guter Mann namens John Smith machte wie durch ein Wunder seinen Namen ausfindig, aber bevor man ihn erwischen konnte – und das war vielleicht auch gut so –, brachte Frank Dodd sich selbst um.
    Es gab natürlich einiges Entsetzen, aber hauptsächlich herrschte Freude in der kleinen Stadt, Freude darüber, dass das Ungeheuer, das so viele Albträume verursacht hatte, tot, endlich tot war. Die Albträume einer ganzen Stadt wurden mit Frank Dodd begraben.
    Aber selbst in unserer aufgeklärten Zeit, da so viele Eltern den psychischen Schaden kennen, den sie ihren Kindern vielleicht zufügen, gab es gewiss irgendwo in Castle Rock die eine oder andere Mutter – vielleicht auch eine Großmutter –, die ihre Kinder zur Ordnung rief, indem sie ihnen erzählten, dass Frank Dodd sie holen würde, wenn sie nicht gehorchten. Und sicherlich herrschte angstvolles Schweigen, wenn Kinder ihre dunklen Fenster sahen und an Frank Dodd in seinem glänzenden schwarzen Plastikregenmantel dachten. An Frank Dodd, der gewürgt hatte … und gewürgt … und gewürgt.
    Da draußen ist er, höre ich die Großmutter flüstern, wenn der Wind durch den Schornstein fährt und pfeifend über den alten Topfdeckel streicht, den jemand in das Ofenloch geklemmt hat. Da draußen ist er, und wenn du nicht brav bist, ist es vielleicht sein Gesicht, das durch das Schlafzimmerfenster schaut, wenn außer dir alle im Hause schlafen; vielleicht starrt sein lächelndes Gesicht dich mitten in der Nacht aus dem Schrank an, in der einen Hand das Stopp-Schild, das er hochhielt, wenn er kleine Kinder traf, in der anderen das Rasiermesser, mit dem er sich umbrachte … deshalb seid schön ruhig, Kinder … pssst … pssst …
    Aber für die meisten war Dodds Ende auch das Ende der Geschichte. Gewiss gab es Albträume, und gewiss lagen Kinder nachts wach, und das leere Haus der Dodds (denn seine Mutter erlitt wenig später einen Schlaganfall und starb) wurde bald als Spukhaus gefürchtet, und man mied es; aber das waren vorübergehende Phänomene – die wahrscheinlich unvermeidlichen Nebenwirkungen einer Serie sinnloser Morde.
    Aber die Zeit verging. Fünf Jahre.
    Das Ungeheuer war weg, das Ungeheuer war tot. Frank Dodd vermoderte in seinem Sarg.
    Aber das Ungeheuer stirbt nie. Werwolf, Vampir, Gespenst, namenlose Kreatur aus den Schneewüsten. Das Ungeheuer stirbt nie.
    Im Sommer 1980 kam es wieder nach Castle Rock.
    Tad Trenton, vier Jahre alt, wachte im Mai jenes Jahres kurz nach Mitternacht auf und musste auf die Toilette. Er stand auf und ging im Halbschlaf auf den weißen Lichtstreifen zu, der durch die angelehnte Tür hereinfiel, wobei er schon die Pyjamahose herunterzog. Er urinierte eine Ewigkeit, spülte und ging wieder ins Bett. Er zog die Decke hoch, und in diesem Augenblick sah er die Kreatur in seinem Schrank.
    Sie hockte ganz unten, und der Kopf saß zwischen riesigen Schultern. Die Augen waren bernsteinfarbene Höhlen. Das Ding hätte halb Mensch, halb Wolf sein können. Seine Augen rollten und folgten Tads Bewegungen, als dieser sich im Bett aufrichtete; er spürte ein Kribbeln zwischen den Beinen, seine Haare sträubten sich, und er wagte kaum zu atmen: Irre Augen lachten ihn an, Augen, die ihm mit einem grauenhaften Tod drohten, mit Schreien, die ungehört verhallten; etwas war im Schrank.
    Er hörte sein leises Knurren; er roch seinen süßen Leichenatem.
    Tad Trenton riss die Hände vor die Augen, holte tief Luft und stieß einen lang gezogenen Schrei aus.
    Ein undeutlicher Ausruf in einem anderen Zimmer – sein Vater.
    Ein ängstlicher Schrei »Was war das?« aus demselben Zimmer – seine Mutter.
    Das Geräusch ihrer eiligen Schritte. Als sie hereinkamen, schaute er zwischen seinen Fingern hindurch und sah es dort im Schrank, und es fletschte drohend die Zähne: sie kamen vielleicht, aber sie würden auch wieder gehen, und dann …
    Das Licht ging an. Vic und Donna Trenton kamen an sein Bett und warfen sich einen besorgten Blick zu, als sie sein kreideweißes Gesicht und seine entsetzten Augen sahen, und seine Mutter sagte – nein schimpfte: »Ich habe doch gleich gesagt, dass drei Hot Dogs zu viel sind, Vic!«
    Und dann saß Daddy an seinem Bett, legte ihm den Arm um die Schultern und wollte wissen, was passiert war.
    Tad wagte es, noch einmal in den Schrank zu schauen.
    Das Ungeheuer war verschwunden. Statt der blutdürstigen Bestie, die er gesehen hatte, sah er nur noch zwei unordentliche Stapel Wolldecken, das Bettzeug für den Winter, das Donna noch nicht nach oben gebracht hatte. Statt des zottigen, raubgierig erhobenen Kopfes sah er auf dem größeren Stapel seinen Teddy sitzen. Statt der tief liegenden, bösartigen Bernsteinaugen sah er die freundlichen braunen Glasknöpfe, aus denen sein Teddy die Welt betrachtete.
    »Was ist denn los, Tadder?«, fragte sein Daddy ihn noch einmal.
    »Da war ein Ungeheuer!«, rief Tadder. »In meinem Schrank!« Und er brach in Tränen aus.
    Seine Mommy saß bei ihm; sie hatten ihn zwischen sich genommen und trösteten ihn, so gut sie konnten. Sie folgten dem Ritual aller Eltern. Sie erklärten, dass es keine Ungeheuer gebe; dass er nur schlecht geträumt hätte. Seine Mommy erklärte ihm, dass Schatten manchmal so aussehen konnten wie die gruseligen Dinge, die man manchmal im Fernsehen oder in den Comics sieht. Und Daddy sagte ihm, dass alles in bester Ordnung sei, dass nichts in diesem schönen Haus ihm gefährlich werden könnte. Tad nickte und stimmte ihm zu, aber er war vom Gegenteil überzeugt.
    Sein Vater erklärte ihm, dass zwei Stapel Wolldecken wie hochgezogene Schultern aussehen konnten, dass der Teddybär wie ein Kopf ausgesehen hatte. Seine Augen hätten das Licht aus dem Badezimmer reflektiert, und deshalb hätte Tad sie für richtige Tieraugen gehalten.
    »Jetzt pass gut auf«, sagte er. »Schau genau zu, Tadder.«
    Tad gehorchte.
    Sein Vater schob die Wolldecken in Tads Schrank ganz nach hinten. Tad hörte, wie die Kleiderbügel leise klapperten und sich in ihrer Kleiderbügelsprache über Daddy unterhielten. Das war komisch, und er musste lächeln. Mommy sah es, und sie lächelte erleichtert zurück.
    Sein Daddy nahm den Teddy aus dem Schrank und legte ihn Tad in die Arme.
    »Und nun, Ladys and Gentlemen«, sagte Daddy mit großer Geste und einer Verbeugung, dass Tad und Mommy lachen mussten, »der Stuhl.«
    Er stellte den Stuhl vor die Schranktür und drückte sie fest zu. Als er wieder vor Tads Bett stand, lächelte er immer noch, aber sein Blick war ernst.
    »Okay, Tad?«
    »Ja«, sagte Tad, und dann gab er sich einen Ruck. »Aber es war da, Daddy. Ich habe es gesehen. Bestimmt.«
    »Du hast es in Gedanken gesehen, Tad«, sagte Daddy, und seine große, warme Hand strich Tad über das Haar. »Aber du hast kein Ungeheuer in deinem Schrank gesehen, kein richtiges. Es gibt keine Ungeheuer, Tad. Nur in Geschichten und in deinem Kopf.«
    Er sah seinen Vater an, dann seine Mutter – ihre lieben, freundlichen Gesichter.
    »Bestimmt?«
    »Bestimmt«, sagte seine Mommy. »Und nun steh auf und geh noch rasch ins Badezimmer.«
    »Aber ich war doch schon. Davon bin ich doch aufgewacht.«
    »Ach«, sagte sie, denn Eltern glauben einem nie, »tu mir den Gefallen.«
    Er ging also und schaffte unter ihrer Aufsicht vier Tropfen. Sie lächelte und sagte triumphierend: »Siehst du, du musstest doch!«
    Resigniert nickte Tad. Ging wieder ins Bett. Ließ sich zudecken. Empfing die obligaten Küsse.
    Und als Vater und Mutter zur Tür gingen, legte sich wie kalter Nebel die Angst wieder über ihn. Wie ein Leichentuch, das nach Tod stank. Oh, bitte, dachte er, nur dies eine, oh, bitte, bitte, bitte.
    Vielleicht hatte sein Vater seine Gedanken erraten, denn Vic stand wieder in der Tür, eine Hand am Lichtschalter, und wiederholte: »Keine Ungeheuer, Tad.«
    »Nein, Daddy«, sagte Tad, denn in diesem Augenblick waren die Augen seines Vaters ganz dunkel und abwesend, als sei er selbst nicht recht überzeugt. »Keine Ungeheuer.« Außer dem in meinem Schrank.
    Das Licht ging aus.
    »Gute Nacht, Tad«, hörte er von fern die leise Stimme seiner Mutter, und in Gedanken rief er ihr zu: Pass auf, Mommy, sie fressen Frauen! In den Filmen fangen sie die Frauen und verschleppen sie, und dann fressen sie sie! Oh, bitte, bitte, bitte …
    Und der vierjährige Tad Trenton lag in seinem Bett und zitterte vor Angst. Er hatte sich die Decke bis an das Kinn gezogen, und mit einem Arm drückte er seinen Teddy fest an die Brust, und an der Wand hing Lucky Skywalker; auf einem Bord stand ein Backenhörnchen und grinste fröhlich (WENN DAS LEBEN DIR LIMONEN SCHENKT, MACH LIMONADE!, sagte das freche, grinsende Backenhörnchen); und auf einem anderen Bord standen alle bunten Figuren aus der Sesamstraße: Big Bird, Bert, Ernie, Oscar, das Krümelmonster. Symbole des Guten; ein Gegenzauber. Aber der Wind draußen. Er heulte über das Dach und fuhr in den schwarzen Schlund der Dachrinne hinein. Heute Nacht war an Schlaf nicht mehr zu denken.
    Aber ganz allmählich löste sich die Spannung ein wenig. Er dachte nach …
    Und dann wieder ein Kreischen, das den Wind draußen übertönte, und er war sofort hellwach.
    Die Scharniere an der Schranktür.
    Kriiiiiiii…
    Ein dünnes Geräusch, so hoch, dass vielleicht nur Hunde oder kleine Jungen, die nachts nicht schlafen, es hören konnten. Die Schranktür öffnete sich, ganz langsam und gleichmäßig, ein toter Rachen, der sich in der Dunkelheit auftat, Zentimeter um Zentimeter.
    Und in dieser Dunkelheit verbarg sich das Ungeheuer. Es hockte da, wo es vorher gehockt hatte. Es grinste ihn an, und seine riesigen Schultern standen höher als sein Kopf, und seine Augen glühten bernsteinfarben und bösartig. Ich habe dir doch gesagt, dass sie gehen würden, Tad, flüsterte es. Das tun sie am Ende immer. Und dann komme ich wieder. Ich komme gern wieder. Ich mag dich, Tad. Ich denke, ich werde jetzt jede Nacht wiederkommen, und jede Nacht komme ich ein wenig näher an dein Bett … und immer näher … bis du eines Nachts etwas knurren hörst, direkt neben dir knurren hörst, Tad, und das werde ich sein, und du wirst keine Zeit mehr haben, um Hilfe zu schreien, und ich werde mich auf dich stürzen und dich fressen, und dann wirst du in mir sein.
    Betäubt vor Entsetzen starrte Tad die Kreatur in seinem Schrank an. Sie hatte etwas … etwas fast Vertrautes. Etwas, das er fast kannte. Und das war schlimmer als alles andere: es fast zu kennen. Weil …
    Weil ich verrückt bin, Tad. Ich bin hier. Ich bin die ganze Zeit hier gewesen. Ich hieß früher Frank Dodd, und ich habe die Frauen umgebracht, und vielleicht habe ich sie auch gefressen. Ich bin die ganze Zeit hier gewesen. Ich bleibe in der Nähe und lausche. Ich bin das Ungeheuer, Tad, das alte Ungeheuer, und ich werde dich bald haben, Tad. Merkst du nicht, wie ich immer näher komme … immer näher …?
    Vielleicht sprach das Ding im Schrank mit seinem eigenen pfeifenden Atem zu ihm, aber vielleicht war seine Stimme auch die Stimme des Windes. Es spielte keine Rolle. Tad hörte voll Grauen die Worte und wäre fast ohnmächtig geworden (und war doch so wach); er sah das dunkle, zähnefletschende Gesicht, das er fast kannte. Er würde heute Nacht nicht mehr schlafen; vielleicht würde er nie mehr schlafen.
    Aber etwas später, zwischen Mitternacht und ein Uhr, schlief Tad dann doch ein, vielleicht weil er noch so klein war. Es war ein unruhiger Schlaf, in dem große, zottige Kreaturen mit bleckenden weißen Zähnen ihn verfolgten, bis er endlich tief und traumlos schlief.
    Der Wind unterhielt sich noch lange mit der Dachrinne. Die weiße Sichel des Mondes stieg am Himmel auf. Weit weg, irgendwo auf den nächtlichen Wiesen oder auf einer tannengesäumten Waldlichtung, bellte wütend ein Hund und verstummte wieder.
    Und in Tad Trentons Schrank hielt etwas mit Bernsteinaugen Wache.
    »Hast du die Wolldecken zurückgelegt?«, fragte Donna am nächsten Morgen ihren Mann. Sie stand am Herd und bereitete den Frühstücksspeck. Tad saß im Nebenzimmer, sah Die Neue Zoo-Revue und aß eine Schüssel Twinkles. Twinkles waren Kornflocken von Sharp, und die Trentons bekamen ihre Sharp-Kornflocken umsonst.
    »Hmmm?«, fragte Vic. Er war mit dem Sportteil der Zeitung beschäftigt.
    Als ehemaliger New Yorker hatte er dem Red-Sox-Fieber bisher erfolgreich widerstanden. Aber er empfand ein masochistisches Vergnügen, als er las, dass die Metropolitans einen überaus schlechten Start gehabt hatten.
    »Die Wolldecken. Aus Tads Schrank.« Der Speck zischte noch, als sie ihn auf den Tisch stellte. »Hast du sie wieder auf den Stuhl gelegt?«
    »Ich nicht«, sagte Vic und blätterte um. »Da riecht es wie in einer Mottenkugelfabrik.«
    »Das ist aber komisch. Dann muss er sie zurückgelegt haben.«
    Er faltete die Zeitung zusammen und sah seine Frau an. »Wovon redest du überhaupt, Donna?«
    »Erinnerst du dich an Tads schlechten Traum gestern Abend …?«
    »Den vergess ich nicht so leicht. Als ob ihn jemand umbrachte. Als ob er Krämpfe hatte oder so was Ähnliches.«
    Sie nickte. »Er hielt die Wolldecken für eine Art …« Sie zuckte die Achseln.
    »Gespenst«, sagte Vic und grinste.
    »Wahrscheinlich. Und du gabst ihm seinen Teddybär und schobst die Decken nach hinten in den Schrank. Aber als ich sein Bett machen wollte, lagen sie wieder auf dem Stuhl.« Sie lachte. »Ich sah in den Schrank, und eine Sekunde dachte ich …«
    »Jetzt weiß ich auch, warum«, sagte Vic. Er sah sie freundlich an. »Drei Hot Dogs, du meine Güte.«
    Später, Vic war schon zur Arbeit gefahren, fragte Donna Tad, warum er die Wolldecken auf den Stuhl zurückgelegt hätte.
    Tad sah zu ihr auf, und sein sonst so frisches und lebhaftes Gesicht wirkte blass und verschlossen – und zu alt. Sein Krieg-der-Sterne-Malbuch lag geöffnet vor ihm, und er malte die einzelnen Figuren mit Buntstiften aus.
    »Das habe ich nicht getan«, sagte er.
    »Aber Tad, wenn du es nicht getan hast, und Daddy nicht, und ich nicht …«
    »Dann war es eben das Ungeheuer«, sagte Tad. »Das Ungeheuer in meinem Schrank.«
    Er konzentrierte sich wieder auf sein Malbuch.
    Sie sah ihn besorgt und ein wenig ängstlich an. Er war ein aufgeweckter Junge, wenn auch manchmal seine Fantasie mit ihm durchging. Dies aber gefiel ihr gar nicht. Heute Abend würde sie mit Vic darüber sprechen müssen, und zwar ausführlich.
    »Tad, du weißt doch, was dein Vater gesagt hat. Es gibt keine Ungeheuer.«
    »Wenigstens nicht am Tage«, sagte er und lächelte sie so unbekümmert und strahlend an, dass ihre Angst verflog. Sie fuhr ihm durchs Haar und küsste ihn auf die Wange.
    Sie nahm sich dennoch vor, mit Vic darüber zu sprechen, und dann kam Steve Kemp, während Tad im Kindergarten war, und sie vergaß es, und auch in dieser Nacht schrie Tad wieder, dass es in seinem Schrank sei, das Ungeheuer, das Ungeheuer!
    Die Schranktür stand offen, die Decken lagen auf dem Stuhl. Diesmal brachte Vic sie in den dritten Stock und legte sie dort in einen Schrank.
    »Sie sind weggeschlossen, Tadder«, sagte Vic und küsste seinen Sohn. »Jetzt ist alles in Ordnung. Nun schlaf wieder ein und träum schön.«
    Aber Tad schlief noch lange nicht ein, und bevor er einschlief, öffnete sich die Schranktür, die sein Vater geschlossen hatte, ganz weit mit einem leisen Knarren, und er sah wieder den toten Rachen, in dessen toter Finsternis etwas Zottiges mit scharfen Zähnen und Klauen hockte, etwas, das nach Blut und Verderben roch.
    Hallo, Tad, flüsterte es aus seinem verfaulten Rachen, und der Mond starrte wie das weiße Schlitzauge einer Leiche in Tads Fenster.
    Die älteste Person, die in jenem Spätfrühling in Castle Rock lebte, war Evelyn Chalmers, den älteren Einwohnern der Stadt als Tante Evvie, George Meara als »alte Schreihälsin« bekannt. George Meara musste ihr die Post bringen – die hauptsächlich aus Katalogen, Subskriptionsangeboten von Reader’s Digest und frommen Broschüren vom Kreuzzug für den Ewigen Christus bestand – und sich dabei ihre endlosen Monologe anhören. »Das Einzige, was die alte Schreihälsin gut kann, ist das Wetter voraussagen«, hatte George gelegentlich zugegeben, wenn er leicht angetrunken mit seinen Kumpanen im Sanften Tiger saß. Ein saudummer Name für eine Kneipe, aber es war die einzige, deren Castle Rock sich rühmen konnte, und das würde sich auch so bald nicht ändern.
    Georges Ansicht fand allgemeine Zustimmung. Tante Evvie war Inhaberin des Goldenen Spazierstocks der Boston Post, seit vor zwei Jahren der hundertzweijährige Arnold Heebert von der hinteren Veranda des städtischen Pflegeheims getorkelt war und sich das Genick gebrochen hatte, nicht ohne vorher noch ein letztes Mal gewaltig zu furzen. Der Alte war schon so senil gewesen, dass ein Gespräch mit ihm die gleiche intellektuelle Herausforderung bedeutete wie der Versuch, sich mit einer leeren Katzenfutterdose zu unterhalten.
    Tante Evvie war nicht annähernd so senil, wie Arnie Heebert gewesen war, und auch nicht annähernd so alt, aber mit dreiundneunzig hatte sie immerhin ein beachtliches Alter erreicht, und es machte ihr nicht nur Spaß, den resignierten, oft verkaterten George Meara anzubrüllen, wenn er die Post brachte, sie war auch nicht dumm genug gewesen, sich wie Heebert aus ihrer Wohnung drängen zu lassen.
    Und mit dem Wetter kannte sie sich aus. Die Stadt war sich darüber einig – jedenfalls die älteren Leute, die sich für diese Dinge interessierten –, dass Tante Evvie sich in drei Dingen niemals irrte: wann im Sommer das erste Gras gemäht werden konnte, wie gut (oder wie schlecht) die Heidelbeeren ausfallen würden, und wie das Wetter sein würde.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 413
Erscheinungsdatum 03.09.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-43271-0
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18,5/11,8/4 cm
Gewicht 338 g
Übersetzer Harro Christensen
Verkaufsrang 11592
Buch (Taschenbuch)
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inkl. gesetzl. MwSt.
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Buchhändler-Empfehlungen

Miriam Feierabend, Thalia-Buchhandlung Dortmund

Cujo ist ein realistischer und beängstigender Thriller. Mich berührt dieses Buch sehr da es auch aus der Sicht des Hundes geschrieben ist. Ein Muss für King-Fans!

Nicole Hoffstaetter, Thalia-Buchhandlung Vaihingen

Dass der wahre Horror nicht immer Monster oder Psychokiller sein müssen beweist King mit Cujo. Gruselfaktor: Gerade weil es kein verrückter Mörder ist, sondern der liebe Hund.

Kundenbewertungen

Durchschnitt
18 Bewertungen
Übersicht
13
3
1
0
1

Was Tollwut anrichten kann
von einer Kundin/einem Kunden aus Röthenbach am 14.10.2019

Cujo ist der Bernhardiner der Familie Camber. Eines Tages jagt er einem Kaninchen hinterher, dass sich in einer Höhle versteckt. Dort wird er von einer Fledermaus gebissen und mit Tollwut infiziert. Währenddessen beschließt Charity Camber mit ihrem Sohn Brett zu verreisen und ihr Mann Joe bleibt zu Hause. Bevor sie losfuhr... Cujo ist der Bernhardiner der Familie Camber. Eines Tages jagt er einem Kaninchen hinterher, dass sich in einer Höhle versteckt. Dort wird er von einer Fledermaus gebissen und mit Tollwut infiziert. Währenddessen beschließt Charity Camber mit ihrem Sohn Brett zu verreisen und ihr Mann Joe bleibt zu Hause. Bevor sie losfuhren, erzählte Bretts einer Mutter, dass Cujo sehr krank aussah, als er ihn das letzte Mal sah. Doch diese nahm seine Sorge nicht ernst. Auch bei der Familie Trenton spielt das Schicksal hier eine entscheidende Rolle. Der Vater Vic muss zu einer wichtigen Besprechung nach Boston fliegen. Seine Frau Donna und sein Sohn Tad bleiben allein zurück. Aufgrund einiger Ereignisse vergisst Vic den kaputten Wagen seiner Frau von Joe Camber reparieren zu lassen, sodass diese mit ihrem Sohn Tad selbst dorthin fahren muss. Doch dort lauert schon Cujo, dessen Zustand sich immer mehr und mehr verschlechtert... Im ersten Drittel werden die verschiedenen Charaktere detailliert vorgestellt, wie man es von Stephen King gewohnt ist. Eigentlich mag ich seinen ausschweifenden Erzählstil, doch der Handlungsstrang von Vic und seinem Partner Roger fand ich etwas zäh. Ich finde man hätte die Krise der Firma und die Geschehnisse in Boston doch etwas kürzer fassen können, da diese für den Verlauf der Geschichte nicht wahnsinnig relevant waren. Jedoch spätestens ab der Hälfte des Buches wurde es spannend. Ich konnte es kaum aus der Hand legen. Die Situation in die Donna und ihr kleiner Sohn Tad geraten sind, hat mich total mitfiebern lassen. Es war einfach mitreißend, spannend und hat mir eine Gänsehaut beschert. Während die beiden sich auf Joe Cambers Grundstück befinden, bekommt er Leser zwischendrin immer wieder Einblicke in andere Szenen die mit dem Schicksal von Donna und Tad ganz eng verwoben sind. Stephen King hat es hier wieder geschafft mich an das Buch zu fesseln, auch wenn es doch teilweise ein paar Längen gab. Ich bin jedes Mal wieder erstaunt, wie er den Horror auf ganz alltägliche Sachen projezieren kann. Hier den eigentlich liebenswürdigen Bernhardiner Cujo, der eigentlich keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte. Diese Geschichte sollte jeden Hundebesitzer darüber klar werden lassen, wie wichtig es doch ist sein Tier impfen zu lassen. Es ist wirklich erschreckend zu sehen, was die Tollwut eines einzigen Hundes anrichten könnte. Cujo ist ein spannender und fesselnder Roman, der mich auch sehr mitgenommen hat. Auch wenn die Geschichten an einigen Stellen doch etwas zäh war und ihre Längen hatte, gab es doch hauptsächlich die Momente, in denen ich einfach nur mit den Charakteren mitgefiebert habe. Ich vergebe 4 Sterne und kann das Buch nur weiterempfehlen.

Der beste Freund des Menschen
von einer Kundin/einem Kunden am 19.08.2019

Cujo ist ein riesiger Bernhardiner, gutmütig und treu, der für seine Besitzer bis in den Tod gehen würde. Keiner Menschenseele könnte er etwas antun. Jeder liebt ihn! Bis er von einer tollwütigen Fledermaus gebissen wird, und sich alles ändert... Was von der Beschreibung her banal klingt, entpuppt sich als grandioser Roman, der... Cujo ist ein riesiger Bernhardiner, gutmütig und treu, der für seine Besitzer bis in den Tod gehen würde. Keiner Menschenseele könnte er etwas antun. Jeder liebt ihn! Bis er von einer tollwütigen Fledermaus gebissen wird, und sich alles ändert... Was von der Beschreibung her banal klingt, entpuppt sich als grandioser Roman, der ganz ohne übernatürliche Phänomene (wie sie bei King ja recht beliebt sind) auskommt. Wie viele andere Romane und Kurzgeschichten des Meisters ist auch die Handlung von Cujo in der Kleinstadt Castle Rock angesiedelt. King-Kenner werden wieder einige Paralellen zu anderen Werken entdecken. Der Roman ist weit mehr als bloß eine Horrorgeschichte. Gekonnt zeigt der Autor das Porträt einer Kleinstadt und deren Bewohner. Während jeder der Protagonisten mit seinem eigenen Leben klar zu kommen versucht, schleicht sich allmählich und unbemerkt der Horror in den schlichten Alltag. Und dieser zeigt sich nicht ausschließlich in Form einer tollwütigen Bestie. Wieder ein Stephen King wie ich ihn liebe!

Vom tollwütigen Monsterhund
von NiWa am 17.06.2018

Der Bernhardiner Cujo ist ein gutmütiges Ungetüm, das keiner Fliege etwas zu leide tut. Aber eines Tages wird er mit einem teuflischen Virus infiziert und wird zum blutdürstigen Monster, das um sich herum alles in Fetzen reisst. "Cujo" ist ein Horror-Roman von Stephen King und hat schon richtig Kult-Status erreicht. Viel zu l... Der Bernhardiner Cujo ist ein gutmütiges Ungetüm, das keiner Fliege etwas zu leide tut. Aber eines Tages wird er mit einem teuflischen Virus infiziert und wird zum blutdürstigen Monster, das um sich herum alles in Fetzen reisst. "Cujo" ist ein Horror-Roman von Stephen King und hat schon richtig Kult-Status erreicht. Viel zu lange habe ich mir Zeit gelassen, um zu diesem Roman zu greifen. Ich habe die Seiten regelrecht inhaliert! Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der Bernhardiner Cujo. Cujo ist ein richtig großer Hund, der dafür mit einer großen Portion Gutmütigkeit gesegnet ist. Von seiner Familie wird er geliebt, von Nachbarn und Bekannten wird sein freundliches Wesen geschätzt. Kurz gesagt, wer Tiere mag, muss Cujo einfach lieben! Seine Geschichte wird vor allem mit dem Schicksal zweier Familien verknüpft. Cujo selbst gehört der Sharp-Familie an, die aus seinem Jungen, der Frau und dem Mann besteht. Hier werden vor allem die Erzählstränge um die Frau und ihren Sohn in den Vordergrund gestellt, weil so manch unglückselige Fügung sich für andere als Glück entpuppen wird. Hauptsächlich wird aber von Donna, Vic und dem kleinen Tad erzählt. Denn diese Familie wird eine sehr intensive Erfahrung mit Cujo haben, die ganz Castle Rock erschüttern wird. Wer King kennt, weiß, dass er reichlich Hintergrundinformationen zu den Figuren liefert. Wobei gerade in diesem Roman ein kleines Rädchen das andere dreht, und viele minimale Ereignisse zum Fiasko führen. Ich mag diesen detaillierten Stil sehr gern, denn King greift gekonnt auf, wie wir Menschen ticken. Er dreht und wendet uns, und zeigt, das in jedem etwas Böses steckt. Etliche Abschnitte werden aus Cujos Perspektive erzählt. Man fühlt, wie sehr er seinen Jungen mag, man spürt, dass er dem Mann gefallen will, und freut sich, wenn er gut gelaunt über die Felder rennt. Doch dann geschieht das Unglück und Cujo wird mit einem infernalischen Tollwut-Virus infiziert. Auf seine lebensfrohe Art, legt sich ein blutgetränkter Schleier, der ihn zu einem zerfleischenden Monster macht. Zuerst fühlt er unstillbaren Durst, gegen den es keine Abhilfe gibt. Die Sonne brennt ihm in den Augen, weil die Krankheit an ihm nagt. Cujo weiß in seiner Verzweiflung nicht, wie ihm geschieht. Je weiter die Infektion fortschreitet, desto verzerrter und bösartiger wird seine Sichtweise, obwohl er eigentlich nur allen gefallen will. Damit hat mich die Geschichte mitten ins Herz getroffen. Es ist für mich immer schwierig zu verkraften, wenn Tieren Unrecht widerfährt, weil sie es eben nicht verstehen können. Ein Tier vertraut seinen Besitzern das eigene Leben an und kann (wahrscheinlich) nicht nachvollziehen, warum es ungerecht behandelt wird. Dieses natürliche Unverständnis gibt mir zu knabbern, weil es doch zeigt, dass Tiere Schutzbefohlene des Menschen sind. Trotz des ernsten, gesellschaftskritischen Hintergrunds ist „Cujo“ ein Horror-Roman und mit dem tollwütigen Riesenhund hat Stephen King erneut einen einwandfreien Schocker kreiert. Er spielt mit den Gefühlen des Lesers auf mehreren Ebenen. Man möchte Cujo lieb haben, ihn streicheln und mit ihm spielen. Aber dann wendet sich das Blatt, und der Wohlfühl-Hund wird zum blutrünstigen Splatter-Element. Meiner Meinung nach ist Stephen Kings „Cujo“ ein wahnsinnig guter Horror-Roman, der ganz ohne mysteriöse Aspekte auskommt und sich am Grauen der Realität bedient. Daher vergebe ich das Prädikat „lesenswert“.