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Dieses Buch wird Ihr Leben retten

Roman

„Gefühle habe ich schon, nur keine Zeit dafür.“ Richard Novak, reich geworden mit Aktienhandel, geschieden, verliert den Boden unter den Füßen, als er einen Herzinfarkt erleidet. Er stellt fest: Er hat niemanden, mit dem er über sein Leid reden könnte. Gleichzeitig droht sein Haus in den Hügeln von L.A. in einem Erdloch zu versinken. Ein hinreißender, zutiefst menschlicher Roman über einen Mann, der sein Leben von Neuem beginnt – scharfsinnig und zu Herzen gehend.

Rezension
Wird dieses Buch beim Kauf Ihr Leben retten? Nein, sicherlich nicht. Doch gerade dieses trügerische Versprechen der Superlative führt genau in die Hauptthematik des Romans ein. Richard Novak scheint auf den ersten Blick alles zu haben, ein Leben im XXL-Format sozusagen: Er ist durch Aktienhandel zum Multimillionär geworden, wohnt in einem Luxus-Appartement, lebt gesund und treibt Sport. Bis er mit scheinbaren Herzinfarktsymptomen in ein Krankenhaus eingeliefert wird, sein Haus in Los Angeles im Erdboden zu versinken droht und sein Leben sich dadurch komplett ändert. In der Notaufnahme muss er sich der Frage stellen, wer benachrichtigt werden soll. Im Kopf geht er die Möglichkeiten durch: Die Ernährungsberaterin? Die Haushältern? Oder besser den Fitnesstrainer? Schnell wird ihm klar, dass er „in niemandes Leben einen Platz“ hat, kaum noch weiß, ob er überhaupt existiert, was sein Internist später auf den folgenden Punkt bringt: "Sie sind sterblich, Sie sind gescheitert, Sie sind nicht der Mensch, der Sie werden wollten, Ihre Mutter liebt Sie nicht, Ihr Vater weiß nicht, wer Sie sind. Jeder hat es besser als Sie." Doch statt in Depressionen zu versinken beginnt Richard eine humorvolle Sinnsuche, die in gesellschaftssatirischen und kurzweiligen Episoden geschildert wird. Er freundet sich nicht nur mit dem indischen Donut-Verkäufer Anhil an, rettet nebenbei mit einem bekannten Filmschauspieler ein Pferd aus einer Grube und schließt mit unbekannten Frauen aus dem Supermarkt Bekanntschaft, sondern nähert sich auch allmählich wieder seiner Ex-Frau und seinem Sohn an.
Fazit: Kein existentiell wichtiges Buch, aber äußerst humorvoll, warmherzig und gespickt mit spöttischer Kritik an dem „American Way of Life“.
8/08 Anna Baumann
Portrait
A.M. Homes hat mehrere Romane veröffentlicht, darunter den Bestseller Dieses Buch wird Ihr Leben retten und Das Ende von Alice . Ihr Debüt Jack wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Darüber hinaus hat sie zwei Sammlungen mit Short Storys veröffentlicht und ihr Memoir Die Tochter der Geliebten . A. M. Homes lebt in New York City.
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  • Er steht an der Scheibe und schaut hinaus. Unter ihm liegt die Stadt ausgebreitet, in dunstigen Schlummer gehüllt. Tiefdruckgebiet. Wolken wälzen sich über die Hügel und quellen aus den Rissen und Spalten, als gäbe die Geographie persönlich Rauchzeichen.

    Unter ihm, weit den Hang hinunter, schwimmt eine Frau: Ihr langes, braunes Haar gleitet durchs Wasser. Ihr Badeanzug bildet einen hübschen, leuchtend roten Farbtupfer, ein seltener tropischer Vogel in einem Bassin unnatürlichen Blaus. Sie schwimmt jeden Morgen - kraulend wie eine Olympionikin. Er findet es wohltuend, sie schwimmen zu sehen, ihm gefällt ihre Entschlossenheit, ihr Rhythmus, ihre Routine, dass sie wach ist, wenn er wach ist. Sie schwimmt mit großem Nachdruck; sie kann nicht nicht schwimmen. Sie ist seine Vertraute, seine Muse, seine Meerjungfrau.

    Er ist an der Scheibe; normalerweise ist er nicht hier, nicht um diese Zeit. Normalerweise wird er wach und steigt auf sein Laufband - er läuft, während sie schwimmt. Er läuft und behält dabei den durchlaufenden elektronischen Börsenticker im Auge, gibt seine Gebote über ein Keyboard ab, das an sein Laufband angeschlossen ist, er tippt im Dahintraben, korrigiert seine Positionen, geht long und short, schätzt ab, wie weit rauf oder runter er gehen kann, surft auf einer unsichtbaren elektronischen Welle.

    Normalerweise dies, normalerweise das. Heute ist nichts wie immer, obwohl es genau wie immer ist, und es kann nie wieder wie immer werden.

    Er steht an der Scheibe. Die Geräusche des Hauses treffen ihn unvorbereitet. Eiswürfel kollern in den Vorratsbehälter des Gefrierschranks, die Kaffeemaschine läuft langsam mit Wasser voll, Luft bläst aus dem Lüftungsschlitz und bauscht seine Hosenbeine auf. Er zittert.

    »Hallo?«, ruft er. »Ist da jemand?«

    Normalerweise hört er das alles nicht. Er hört nichts und fühlt nichts, dafür sorgt er. Er wird wach, setzt seine schallschluckenden Kopfhörer auf, geht an die Scheibe, sieht sich die schwimmende Frau an und steigt auf sein Laufband.

    Er ist in einem Stille-Vakuum - das Leben fürs Erste abgesagt.

    Er hatte nicht mal gewusst, dass die Kaffeemaschine es tut - er trinkt keinen Kaffee; sie läuft für Cecelia, die Haushaltshilfe, die zwischen halb neun und neun kommt.

    Er atmet tief ein - angenehm, dieser Kaffeegeruch.

    Nachdem er sich jahrelang jeden vom Leib gehalten hat, befällt ihn nun plötzlich eine leise Angst vor dem Alleinsein, Angst, nichts zu hören, nichts zu spüren, nichts mitzubekommen.

    Er presst sein Ohr an die Scheibe.

    Musik. Weiter oben am Hang legen ein paar Männer eine Rasenfläche an, wo sonst nichts wäre - Gestrüpp. Sie haben eine Spundwand als Einfassung für den Rasen errichtet und rollen nun Rasenbahnen aus. Sie legen ein kleines Putting Green an - ein einzelnes Loch.

    Oberhalb und unterhalb davon erklettert eine Häuserkette den Canyon, eine Verkettung sozialer, ökonomischer Stufen, eine Nahrungskette. Irgendwann will jeder ganz oben sein, König des Berges - gewinnen. Jeder sieht auf den Nächsten herab und meint, er sei irgendwie besser dran, doch es ist immer jemand da, der von unten nachdrängt oder von oben herabschaut. Man kann nicht gewinnen.

    Er steht an der Stelle des Hauses, wo zwei dicke Fensterscheiben aneinanderstoßen und einen spitzen Vorsprung bilden, der über den Hang hinausragt wie der Bug eines Schiffs. So steht er da: sein eigener Kapitän, Herr und Meister - und Gefangener.

    Vor ihm in der Ferne ist etwas Oranges, Rauchiges, er weiß es einen Moment lang nicht zu entscheiden - Buschfeuer oder nur Tagesanbruch in Los Angeles?

    Der gestrige Tag wirkt realer als real, ein Traum, ein Unfall, so etwas wie ein Anfall oder ein Aussetzer. Ist etwas vorgefallen?

    Im Boden ist eine Vertiefung, eine große, sanfte, kreisförmige Mulde, an die er sich vom Vortag her nicht erinnert. Er betrachtet sie, überschlägt im Kopf die Größe - etwa eins achtzig im Durchmesser. Wo ist sie hergekommen? Wie lange ist sie schon da? Wie würde er sie beschreiben; der Abdruck einer gigantischen Schöpfkelle, die man in die Erde gepresst hat. Kann so etwas über Nacht entstehen?

    Auf dem Boden des Wohnzimmers, auf der Glasplatte des Couchtischs, neben dem Sofa, in der ansonsten geordneten Welt, liegen Abfälle, Überbleibsel von irgendwas, Plastikstippchen, ein Stück Schlauch, Papierschnipsel, ein einzelnes Stück blutiger Verbandmull - Indizien.

    Er denkt an den Schmerz. Er begann als Knoten im Rücken, als eigenartiges Spannungsgefühl vom Bauch bis in den Brustkorb. Die Linsensuppe, die er mittags gegessen hatte? Er wartete ab. Er nahm ein Antazidum. Der Schmerz wurde heftiger, breitete sich aus, fuhr sengend wie ein Messer in sein Bein, schob sich in seinen Kiefer hoch, ein steinharter Schmerz, eine lange, spitze Stricknadel, die sich in seinen Arm bohrte, dann sickerte der Schmerz in seine Finger - waren sie taub? Schmerz spaltete seinen ganzen Körper wie eine Axt frisches Holz, ein jäher Krampf ließ seine Schulterblätter nach hinten schnellen, als würde er gespannt wie ein Bogen, krümmte ihn wieder nach vorn zu einem geknickten, gestauchten C, ein heftiger, mörderischer Krampf, der einen Mann entzweibrechen konnte. Er kam nicht darauf, jemanden anzurufen, er hätte gar nicht gewusst, wen, oder was er sagen sollte, wie er es beschreiben sollte - wo genau war der Schmerz? Er war überall, niederschmetternd, kaltschweißig, gehirnlähmend.

    Gleich zu Beginn, als er es noch konnte, zog er sich an. Er ging ins Schlafzimmer, zog eine hübsche Hose an, einen Gürtel, einen sportlichen Pulli, Schuhe und Strümpfe. Er zog sich an, als würde er mit guten Freunden ausgehen, zu einem Abendessen, zu irgendeinem ungezwungenen Anlass, gedeckte Farben, weiche Stoffe. Er zog sich an, weil er dachte, er müsse sich eventuell den Hügel hinabbemühen, zu einem Arzt, ohne daran zu denken, dass es bereits Abend war, schon über die Zeit, zu der man noch jemanden antreffen würde. Er legte sich aufs Sofa, was er noch nie getan hatte; es war gegen die Regeln - die privaten, persönlichen Regeln, die jeder für sich aufstellt -, Hinlegen während des Tages war undenkbar.

    Er legte sich aufs Sofa und versuchte, es sich bequem zu machen; kam es vom Laufband, irgendeine falsche Drehung oder Beugung? Vielleicht hatte er sich auch etwas eingefangen, eine Erkältung, eine Grippe? Der Schmerz hielt an. Wo kam der so plötzlich her? War der Schmerz gerade erst aufgetreten oder war er immer da, und er hatte ihn nur jetzt erst bemerkt?

    Er stand auf, nahm Ibuprofen, stellte sich an die Scheibe und starrte auf die Stadt, auf die Autos, die unten vom Boulevard abbogen und in die Hügel hinaufkletterten. Der Himmel wurde langsam dunkel, die Scheinwerfer waren eingeschaltet, und die Häuser glommen vor Aktivität. Die Kojoten heulten. Die Stadt in der Ferne war zugleich so groß und so klein.

    Er stand an der Scheibe - überwältigt von Schmerz. Jedes einzelne Blutgefäß, jeder Nerv, jede Faser in seinem Leib kollabierte wie ausgehungert, wie verdorrt. Er stand da unter unsäglichen Schmerzen, und das Seltsamste war, dass er nicht wusste, wo es ihm wehtat, er fühlte rein gar nichts.

    Er begann zu weinen. Er weinte lautlos. Und als er merkte, dass er weinte, sagte ihm schon der Umstand, dass er überhaupt weinte, oder das Erschrecken darüber, dass etwas nicht stimmen konnte. Da weinte er noch mehr.

    War es nun so weit? Passierte »es« auf diese Weise? War da vorher schon etwas gewesen, etwas, das er hätte bemerken müssen, ein Warnsignal? Oder war dies jetzt das Warnsignal? Es war entweder das Warnsignal, oder es war so weit.

    Er wählte 911.

    »Polizei, Feuerwehr, Notarzt.« »Einen Arzt«, sagte er. »Polizei, Feuerwehr, Notarzt.« »Hilfe«, sagte er.

    »Polizei, Feuerwehr, Notarzt.« Es war eine Bandaufnahme.

    »Notarzt«, sagte er. »Einen Moment bitte.«

    Er wartete darauf, verbunden zu werden, und in diesem Moment der Stille verschwand der Schmerz. Der Schmerz nahm ab, und er begann zu glauben, alles sei nur ein Albtraum, ein Wachtraum gewesen, ein lausiges Mittagessen, das ihm nicht bekommen war.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 446
Erscheinungsdatum 01.07.2008
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-40556-1
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18,8/11,5/3 cm
Gewicht 357 g
Originaltitel This book will save your life
Übersetzer Clara Drechsler, Harald Hellmann
Verkaufsrang 49639
Buch (Taschenbuch)
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8,95
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Kundenbewertungen

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Macht nachdenklich
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Richard, erfolgreicher Geschäftsmann, lebte bis dato nur für seine Arbeit. Er ist geschieden und hat einen Sohn, zu dem er keinen Kontakt hat. Er hat keine Freunde, denn die Arbeit stand immer an erster Stelle für ihn. Genau das wird ihm zum Verhängnis, als er eines Nachts wegen starker Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert wir... Richard, erfolgreicher Geschäftsmann, lebte bis dato nur für seine Arbeit. Er ist geschieden und hat einen Sohn, zu dem er keinen Kontakt hat. Er hat keine Freunde, denn die Arbeit stand immer an erster Stelle für ihn. Genau das wird ihm zum Verhängnis, als er eines Nachts wegen starker Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert wird. Denn Tags darauf erkennt er, dass niemand da ist, der sich um ihn kümmert, oder mit dem er einfach nur reden kann. Einzig seine Haushälterin ist immer für ihn da. An diesem Tag beschliesst Richard, sein Leben zu ändern... Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, es ist flüssig zu lesen, teilweise philosophisch und die Geschichte finde ich sehr spannend und zeitgemäss.

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von einer Kundin/einem Kunden am 04.01.2010

Richard Novak, alleinstehend, geschieden, verdient sein Geld mit Finanzgeschäften. Dank der modernen Technik und einer Haushälterin muß er sein Haus nicht mal verlassen. Eines Tages hat er eine Panikattacke, ruft die Rettung- und sein Leben beginnt sich zu verändern. Während sein Haus beginnt, den Berg hinunterzurutschen lernt e... Richard Novak, alleinstehend, geschieden, verdient sein Geld mit Finanzgeschäften. Dank der modernen Technik und einer Haushälterin muß er sein Haus nicht mal verlassen. Eines Tages hat er eine Panikattacke, ruft die Rettung- und sein Leben beginnt sich zu verändern. Während sein Haus beginnt, den Berg hinunterzurutschen lernt er echte Menschen kennen, er findet neue Freunde, einen Zugang zu seinem Sohn Ben und sogar eine neue Gesprächsbasis mit seiner Exfrau. Ein schönes tröstliches Buch.

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von einer Kundin/einem Kunden aus Lausanne am 09.08.2009

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