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Frühgeborene - zu klein zum Leben?

Geborgenheit und Liebe von Anfang an - Die Methode Marcovich


Liebe geht durch die Haut

Frühgeborene brauchen bereits auf der Intensivstation elterliche Zuwendung, wie die Methode Marcovich eindrucksvoll bewiesen hat: Ausgiebiger Hautkontakt, Streicheln und Zureden schenken Geborgenheit und wirken in hohem Maße stabilisierend und kräftigend auf das Baby, sodass technische Maßnahmen und Medikamente vielfach reduziert werden können. Dieses Buch ermutigt Eltern und macht sie mit der Methode vertraut.

Immer mehr Kinder kommen hierzulande vorzeitig auf die Welt. Und wie in den meisten Industrieländern werden die Frühgeborenen in Glaskästen gelegt, an Maschinen angeschlossen und von Ärzten und Pflegepersonal zwar hervorragend, aber oftmals vor allem “technisch“ betreut – mit zum Teil massiven psychischen und physischen Folgeschäden für das Kind.

Eine Alternative zur Gerätemedizin bietet das sanfte Pflegekonzept der Wiener Kinderärztin Marina Marcovich, die entscheidenden Einfluss darauf hatte und hat, dass auf den meisten Neugeborenen-Stationen der Kliniken inzwischen andere Kriterien für die Betreuung gelten. Vielerorts ist dieser neue Weg als die „Methode Marcovich“ bekannt. Wann immer es möglich ist, wird demnach auf den Einsatz vieler Medikamente beim Kind und aufwändiger Technik wie die künstliche Beatmung verzichtet. Stattdessen werden Eltern ganz entscheidend in die Betreuung ihres Babys mit einbezogen: Der Hautkontakt zum Kind, Streicheln und Zureden können in hohem Maße stabilisierend auf seine Atmung wirken, ihm Entspannung und Selbstvertrauen geben, sodass in vielen Fällen technische Maßnahmen reduziert werden können oder überhaupt nicht mehr notwendig sind.

Dieses kritische und gleichzeitig ermutigende Buch macht Eltern mit der Methode vertraut und zeigt ihnen, wie ihr Baby bei seinem frühen Start ins Leben die bestmögliche Unterstützung bekommt.

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die überarbeitete, aktualisierte Fassung der 1999 erschienen Erstausgabe im Fischer-Taschenbuch (4 Auflagen); seit ca. Frühjahr 2007 vergr.

Mehr über die Autorinnen:

Dr. med. Marina Marcovich, geb. 1952 ist Fachärztin für Kinderheilkunde und Intensivmedizin bei Frühgeborenen. Sie arbeitete in Wien über 20 Jahre als Neonatologin, zuletzt bis 1994 als Oberärztin am Mautner Markhofschen Kinderspital. Ihr „Verrat“ an der Apparatemedizin hat ihr den Zorn der Kollegen, eine Kündigung, aber auch sehr viel Popularität eingebracht: Eltern gingen für sie auf die Straße, als Bürokratie und der eigene Berufsstand ihr Steine in den Weg legten, Fernsehen und Printmedien hatten ihre Schlagzeilen.

Trotz der erlittenen, massiven Schmach setzte sie ihren konsequenten Einsatz für die humane Behandlung von Frühgeborenen fort – mit einer bewundernswerten menschlichen Grundhaltung, Bescheidenheit und hoher Kompetenz. Dieser Einsatz hat Früchte getragen: Unter ihrer Behandlung ist die Frühgeborenensterblichkeit deutlich zurückgegangen. Der humane Umgang in der Betreuung von Frühchen und der enge Kontakt zwischen Klinik und Eltern ist inzwischen fast überall Standard. Marina Marcovich wird von Eltern und Hebammen, aber heute nun auch von Kollegen und Pflegepersonal größte Achtung entgegengebracht - in Anerkennung ihrer Pionierleistung, die anfänglich so viele Widerstände hervorrief.

Dr. med. Marina Marcovich führt eine eigene Kinderarztpraxis in Wien; häufige Vortragsreisen im In- und Ausland.

Theresia Maria de Jong, geb. 1959, bekannte Journalistin und Sachbuchautorin, ist Expertin für die Themenbereiche Schwangerschaft, Geburt und Erziehung; intensive Vortragstätigkeit im In- und Ausland; Publikationen bei Fischer, Goldmann, Patmos, Beltz, Trias; und bei Kösel (gem. mit Gabriele Kemmler): Kaiserschnitt (2003)

Ausstattung: Mit zahlr. Fotos

Portrait
Dr. med. Marina Marcovich, geb. 1952, Fachärztin für Kinderheilkunde und Intensivmedizin bei Frühgeborenenen, entwickelte in einzigartiger Pionierleistung ein neues Pflegekonzept, das international Anerkennung gefunden hat. Sie arbeitet in eigener Praxis in Wien.
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  • Artikelbild-0
  • Vorwort
    von Dr. med. Marina Marcovich
    ¿Welche Kliniken arbeiten nach Ihrer Methode?¿, werde ich oft von Eltern gefragt. Die Antwort darauf ist schwierig. Einerseits sind Dinge, die noch vor zwanzig Jahren gro¿ Aufregung bei den Neonatologen verursacht haben, mittlerweile selbstverst¿lich geworden. Keine Klinik, die nicht ¿sanfte Pflege¿ oder ¿individual care¿ betreibt. Niemand, der Fr¿hgeborene nur deshalb k¿nstlich beatmet, weil sie unter 1000 Gramm wiegen, oder Eltern den Zutritt zur Intensivstation verweigert. Im ¿sterreichischen Rundfunk berichtet man ¿ber neueste wissenschaftliche Erkenntnisse aus den USA, f¿r die mich Kollegen vor f¿nfzehn Jahren noch vor Gericht schleppten. In vieler Hinsicht hat sich die Intensivstation f¿r fr¿hgeborene Kinder positiv ver¿ert. Andererseits geht es hier nicht um ¿Methoden¿, sondern um Fragen der inneren Einstellung, der prinzipiellen Haltung. Um Fragen des Vertrauens, der Sicherheit, der Einf¿hlsamkeit, des Zulassenk¿nnens. Und dies liegt nicht an den Kliniken, sondern an jedem einzelnen Menschen, der in einer Abteilung Dienst versieht.
    Es sind nicht immer die gro¿n Dinge, die die Weichen stellen. Oft gen¿gt schon ein k¿hler Blick, eine schroffe Bemerkung, und es l¿t in die falsche Richtung. Die Qualit¿einer Betreuung liegt nicht nur an den Vorgaben des Chefarztes - es ist die Summe aller Details, die entscheidet. Und es liegt nicht nur am technischen und medizinischen ¿Know-how¿ - das muss man bei erfahrenen Neonatologen voraussetzen d¿rfen - es geht auch um Fragen der Herzensbildung.
    Ob es in Zeiten zentralisierter Perinatalversorgung an gro¿n Kliniken einfacher geworden ist, Fr¿hgeborenen vertrauensvoll zu begegnen, wage ich zu bezweifeln. Der risikofokussierte Blick, der eine normale Schwangerschaft und ein nat¿rliches Ablaufenlassen immer mehr aus den Augen verliert, eine hochtechnisierte Umgebung mit einem ausufernden Mess- und Dokumentenzwang: All dies ist eher Ausdruck des Misstrauens als der geeignete Boden f¿r ein entspanntes und liebevolles Miteinander.
    ¿zte stehen unter Druck und geben diesen Druck weiter - an das Pflegepersonal, an die Eltern, an die Kinder. Entscheidungen werden oft aus Angst getroffen, und Angst war noch nie ein guter Wegbegleiter. So unbelastet, so spontan, sicher und selbstverst¿lich: Was f¿r ein sch¿nes Arbeiten war das an unserer Wiener Station! Manchmal bedauere ich sehr, dass das Team damals so gewaltsam zerst¿rt wurde. Aber w¿n wir heute noch dieselben?
    Eine Station wie die unsere w¿ wahrscheinlich ganz unspektakul¿aufgrund des derzeit propagierten Zentralisierungsdrucks geschlossen worden. Begr¿ndung: zu klein, zu unwirtschaftlich, zu unsicher. Der Trend in der Neonatologie geht massiv in Richtung Perinatalzentren. Damit schwindet aber die Vielfalt (und damit eine Verbesserung des Niveaus) und die Wahlm¿glichkeit f¿r Eltern. Denn oft liegt das Zentrum hunderte Kilometer vom Heimatort entfernt. Die Neonatologie ist dabei, in den Elfenbeinturm der Universit¿kliniken zur¿ckzukehren. Man gibt sich gegenseitig Recht, f¿r abweichende Meinungen ist kein Platz. Eine solcherma¿n betriebene Medizin zieht ¿stliche Menschen an. Dort, wo Misstrauen in nat¿rliche Abl¿e herrscht, hat Vertrauen keine Chance. Aber nur im Vertrauen k¿nnen sich die Selbstheilungskr¿e des Fr¿hgeborenen entfalten. Ob die Neonatologie also in den letzten f¿nfzehn Jahren tats¿lich menschlicher geworden ist, m¿chte ich deshalb mit einem Fragezeichen versehen.
    Wien, im Fr¿hjahr 2008

    Nun sind tats¿lich schon neun Jahre vergangen, seit unser Buch ¿ber die Fr¿hgeborenen zum ersten Mal erschienen ist. Es ist ein Buch geworden, das auf fast allen neonatologischen Stationen zur Basis-Lekt¿re geh¿rt. Elternvereine haben es empfohlen, auch ¿zte und Krankenschwestern reichen es weiter. Der Ansatz von Dr. med. Marina Marcovich - der in den 1990er-Jahren f¿r so viel Wirbel gesorgt hatte - z¿t heute im Wesentlichen unwidersprochen zum Goldstandard f¿r die Behandlung von zu fr¿h geborenen Babys. Eine medizinische Revolution wurde - sogar von ihren urspr¿nglichen Kontrahenten - in den Alltag aufgenommen. Es ist fast r¿hrend zu sehen, wie ehemalige Marcovich-¿Gegner¿ heute genau das propagieren, was sie noch vor kurzem als gef¿lich und ¿fahrl¿ig¿ ablehnten. In der Neonatologie hat sich in den letzten neun Jahren also Erhebliches getan. Die durchschnittliche Beatmungsl¿e ist gesunken, es wird Wert auf ein ruhigeres, fr¿hchengerechteres Ambiente gelegt. Die Ruhezeiten der Babys werden nicht mehr so h¿ig unterbrochen - Pflege- und Behandlungsma¿ahmen werden zusammengefasst. Die Eltern werden in die Pflege ihrer Kinder mit einbezogen, es gibt auf fast allen Stationen Elternselbsthilfegruppen oder auch psychologische Beratung.
    Das alles sind Dinge, die relativ einfach in ein Pflegemanagement integriert werden k¿nnen - vorausgesetzt, es wird als sinnvoll erachtet. Offenbar ist das inzwischen der Fall. Im ¿rigen gab es in den letzten Jahren auch eine Reihe von Studien, die die N¿tzlichkeit all dieser Ma¿ahmen deutlich unterstrichen haben. Was also ist noch das Besondere an der ¿Methode¿ Marcovich? Was kann sie heute noch beitragen?
    F¿r mich liegt die Einzigartigkeit dieses Ansatzes genau in den Dingen, die sich nur schlecht kategorisieren lassen, die nicht wirklich durch ein konsequentes Pflegemanagement garantiert und festgeschrieben werden k¿nnen: Es sind die Kr¿e des Herzens, der Intuition, der Menschlichkeit. Und vor allem: Es ist die Kraft der Liebe. Einer Liebe f¿r die kleinen Menschen und f¿r ihre Eltern, die zun¿st um ihre psychische Fassung ringen m¿ssen, so wie ihre Kinder mit dem Leben ringen. Sie beide nicht allein zu lassen, sondern ihnen in liebevoller Begleitung Kraft, Vertrauen und Zuversicht zu geben. Sich immer wieder individuell (!) den betroffenen Menschen in empathischer Grundhaltung anzunehmen, immer wieder aufs Neue den richtigen Behandlungsweg zu suchen - dazu kann Mut geh¿ren. Dieser Mut hat Marina Marcovich in ihrer Arbeit mit den Fr¿hgeborenen ausgezeichnet. Inzwischen wurde sie l¿st f¿r ihre Leistungen mit mehreren Preisen geehrt. Was sie aber am meisten auszeichnet ist Folgendes: Sie hat sich selbst als Expertin zur¿ckgenommen und ist ganz auf die Botschaften eingegangen, die ihr die Kinder gaben. Ja, sie sagt immer wieder, dass es letztlich die Kinder selbst waren, die ihr den Weg gewiesen haben.
    Das ist die Botschaft, die dieses Buch ausmacht und was es - zumindest im Bereich der Neonatologie - nach wie vor einzigartig sein l¿t. Es geht - so denke ich - gar nicht darum, den Weg von Marina Marcovich in allen Einzelheiten eins zu eins umzusetzen. Es geht darum, den Mut zu fassen, sich auf die Kleinsten der Kleinen einzulassen, sie wirklich zu ¿sehen¿ und auf ihre Bed¿rfnisse zu achten. All dies sind Qualifikationen, die viele ¿zte und Pflegekr¿e in ihren Herzen mitbringen. Ich habe viele davon in den letzten Jahren auf Tagungen und Kongressen getroffen. Ihnen soll dieses Buch weiterhin als Ermutigung dienen.
    Gleichzeitig best¿t es Eltern, an die Kraft der Liebe zu glauben und darin Vertrauen zu finden. Die Gegenwart der M¿tter und V¿r - am besten Haut an Haut - ist die wichtigste Ressource, die die kleinen Babys haben und die sie am dringlichsten brauchen. Jeder Tag, jede Stunde, die Eltern mit ihrem Kind verbringen, ist mehr wert als alle medizinischen Interventionen. Diese m¿gen manchmal notwendig sein. Aber um sie besser nutzen zu k¿nnen, ist die Gegenwart der Mutter, des Vaters durch nichts zu ersetzen.
    Zetel, im Fr¿hjahr 2008

    Teil I
    von Theresia Maria de Jong
    Zu fr¿h geboren - was bedeutet die Fr¿hgeburt f¿r Mutter und Familie?
    Eine zu fr¿he Geburt, das hei¿ eine Geburt vor Ende der 37. Schwangerschaftswoche, ist f¿r die Familie ein Schock und f¿hrt zu einer emotionalen Krise. Meist kommt das Ereignis schnell und unvorbereitet. Frauen stellen sich auf eine normale Schwangerschaft und die Geburt eines gesunden Kindes ein, sodass sie von der Fr¿hgeburt negativ und unvorbereitet ¿berrascht werden. Es bleibt h¿ig keine Zeit, sich ¿ber Konsequenzen oder verschiedene Behandlungsmethoden zu informieren. Dies ist besonders der Fall, wenn ein Unfall oder eine Erkrankung der Mutter (wie Schwangerschaftsvergiftung, Bluthochdruck, Plazental¿sung) eine sofortige Kaiserschnittentbindung erforderlich machen, um das Leben von Kind und Mutter zu retten. Aus einer Routineuntersuchung kann so pl¿tzlich und ohne Vorwarnung eine (viel zu fr¿he) Geburt werden.
    Die Auswirkungen der Fr¿hgeburt auf die Mutter
    M¿tter f¿hlen sich in dieser Situation v¿llig ¿berrumpelt. Bei Amelie1 wurde bei einer Routineuntersuchung eine Gestose (Schwangerschaftsvergiftung) festgestellt, die einen Notkaiserschnitt nach sich zog. Sie beschreibt, wie ihr zumute war: ¿Ich stand einfach neben mir. Es war ein unglaublicher Schock. Von der Mitteilung meines Arztes bis zum Eingriff vergingen etwa zwei bis drei Stunden. Als meine Tochter vom Schleim befreit und abgesaugt war, wurde sie in ein OP-Tuch gewickelt und mir kurz vor das Gesicht gehalten. Es waren nur wenige Sekunden, die ich sie sehen konnte, da sie sofort weiterversorgt werden musste. Zur¿ck im Vorwehenzimmer, bekam ich mein Kind gewaschen und angezogen kurz in den Arm gelegt. Ich war so schwach, dass ich Angst hatte, es fallen zu lassen. Aber da sie ein Atemnotsyndrom hatte, musste sie kurz darauf in eine Kinderklinik verlegt werden. In mir tobte ein Kampf der Gef¿hle. Kaum hatte ich angefangen, mich zu freuen, da wurde meine Tochter mir wieder weggenommen. Als sie weggebracht wurde, blutete mir das Herz. Ich konnte nur noch weinen - die >Kr¿nung< eines turbulenten Tages, der in einem Albtraum gipfelte.¿
    Amelie wusste wenigstens, wie ihre Tochter aussah. Sie hatte sie kurz halten d¿rfen, was ihre Gef¿hle sofort aktiviert hatte. Viele M¿tter hingegen erwachen aus der Narkose und erfahren, dass ihr Kind bereits in die Kinderklinik verlegt wurde. Der einzige Existenzbeweis ist ein Polaroidfoto - wenn ¿berhaupt. Diesen Frauen kommt es so vor, als h¿e man ihnen das Kind ¿aus dem Bauch gestohlen¿.
    Eine Schwangerschaftsvergiftung war auch der Grund, weshalb Ilka pl¿tzlich in der 28. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt entbunden werden musste. Sie war durch ihre Krankheit sogar so benommen, dass sie nicht einmal mitbekam, dass die Entbindung bevorstand: ¿Unser Kind wurde jedenfalls per Kaiserschnitt geholt. Was in den drei Stunden vorher geschah, wei¿der Himmel. Als ich wieder zu mir kam, erwachte ich auf der Intensivstation. Eine Schwester kam herein und sagte: >Herzlichen Gl¿ckwunsch, Sie sind Mutter, Sie haben einen kleinen Sohn.< - >Ja, danke<, antwortete ich und f¿hlte meinen Bauch. Der war weg, aber Muttergef¿hle hatte ich nicht. Ich hatte ¿berhaupt keine Beziehung zu dem Kind. Ich glaube, wenn eine Schwester gesagt h¿e, >Es regnet drau¿n<, h¿e ich das Gleiche empfunden. In mir war eine gro¿ Leere entstanden (...) Ich war Mutter. Mein Kind war nicht bei mir. Immer hatte ich mir gew¿nscht, zu entbinden und dann das zarte, blassrosa Baby in meine Arme zu schlie¿n. Doch so war es leider nicht. Ein Vierteljahr zu fr¿h wurde ich von der Mutterrolle ¿berrumpelt.¿
    Eine zu fr¿he Geburt im letzten Schwangerschaftsdrittel ist psychisch traumatisch, weil sich die Mutter erst kurz nach der H¿te der Schwangerschaft gedanklich damit zu besch¿igen beginnt, das Kind als ein von ihr getrenntes Individuum wahrzunehmen. In der Mutter-Kind-Beziehung w¿end der Schwangerschaft unterscheidet die psychologische Fachliteratur drei Phasen.2
    In der ersten Phase sp¿rt die Mutter vorrangig die Auswirkungen der hormonalen Umstellung. ¿elkeit, Geruchsempfindlichkeit, Erbrechen, schmerzende Br¿ste fallen in diese Zeit. Diese ersten k¿rperlichen Merkmale der Schwangerschaft verlieren sich im Allgemeinen dann, wenn die Mutter die ersten Kindsbewegungen sp¿rt. Jetzt, im zweiten Drittel, setzt eine tiefergehende emotionale und intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Kind ein. Die Mutter beginnt das zun¿st nur ¿im Kopf¿, also in der Vorstellung existierende Kind ¿im Bauch¿ zu erfahren, zu erleben. Damit einher gehen erste konkrete Gedanken, die eine gemeinsame Zukunft betreffen. Diese verst¿en sich in der dritten Phase. Die Mutter visualisiert ihr Kind ¿auf dem Arm¿. Die Auswirkungen auf das eigene Leben, die Umstellung von berufst¿ger, unabh¿iger Frau zur Mutter, die Verantwortung f¿r ein Kind tr¿, werden jetzt ganz aktuell und sind in greifbare N¿ ger¿ckt. Der Mutterschaftsurlaub steht bevor, die Lebensumst¿e werden neu geplant. Dies kann zu ambivalenten Gef¿hlen f¿hren, selbst bei einem Wunschkind. Handelt es sich um ein ungeplantes Kind, kann sich diese Ambivalenz noch st¿er ausdr¿cken und auswirken.
    Wie bereits erw¿t, setzt sich die Frau im letzten Drittel auch mit der Tatsache auseinander, dass das Kind ein von ihr getrenntes und in K¿rze k¿rperlich unabh¿iges Wesen ist. Diese geistige Trennung wird jedoch nicht in wenigen Tagen oder Wochen vollzogen, sondern ist ein Prozess, der bis zur termingerechten Geburt dauern kann. Erst wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, kann die Mutter ihr Kind als eigenst¿iges Lebewesen wahrnehmen. Wird jedoch die k¿rperliche Trennung durchgef¿hrt, ehe die Mutter innerlich dazu bereit ist, hat sie Schwierigkeiten, sich der neuen Situation anzupassen.
    Die Musiktherapeutin Monika N¿cker-Ribaupierre, selbst Mutter einer fr¿hgeborenen Tochter, gibt einen psychoanalytischen Erkl¿ngsansatz: ¿Im Gegensatz zur abgeschlossenen Schwangerschaft hat die Mutter eines um viele Wochen zu fr¿h geborenen Kindes nicht gen¿gend Zeit, ihr Kind wenigstens teilweise aus ihrer narzisstischen Liebe zu entlassen und mit dem notwendigen Ma¿an Objektliebe zu besetzen, die es erlaubt, dieses Kind als ein von ihr getrennt existierendes reales Wesen zu erleben. Sie erleidet durch die Geburt den Verlust eines Teils ihres K¿rpers, ihres Organismus - dieses Empfinden ist verbunden mit dem Gef¿hl der Unwirklichkeit, als sei das Kind kein reales Wesen, nicht vorstellbar, und als sei ihr etwas essentiell Wichtiges verloren gegangen oder geraubt worden. Dieses durch Mangel an Objektliebe gef¿rderte Gef¿hl der Unwirklichkeit wird durch die Trennung weiter ver- st¿t.¿
    Nach einer Fr¿hgeburt f¿hlt sich die Mutter leer, und sie hat Angst um ihr Kind. Viele M¿tter berichten, dass sie sogar die Bef¿rchtung hegen, man h¿e ihnen - aus R¿cksichtnahme auf ihren Zustand - den Tod des Kindes verschwiegen. Auch das Muttergl¿ck l¿t - verst¿licherweise - auf sich warten. Trotzdem sind M¿tter oft erstaunt, wenn sie nicht gl¿cklich sind. So wie Kerstin, deren Tochter mit 710 Gramm und 34 Zentimetern K¿rpergr¿¿ (¿ein Kopf so gro¿wie ein Tennisball¿) 12 Wochen zu fr¿h auf die Welt kam.
    ¿Es war noch nicht lange her, da habe ich mit Begeisterung ihre ersten liebevollen Tritte gesp¿rt. In der Zeit habe ich eine Reportage im Fernsehen ¿ber Fr¿hgeburten gesehen. Nun hatte ich meine Tochter zur Welt gebracht und hatte ebenfalls eine Fr¿hgeburt. Nach der Entbindung galten die ersten Gedanken meinem Baby, doch sowohl mein Mann als auch meine Mutter, die nach der OP an meinem Bett sa¿n, sagten mir nicht, dass das Kind lebte. Sie hatten keinen Mut, es mir zu sagen, da niemand wusste, wie lange so ein kleines Kind ¿berleben kann. Noch von der Narkose benommen, fragte ich auch nicht weiter nach. Kinder¿te gaben mir sp¿r zwei Polaroidfotos und berichteten mir von meiner Tochter. Erst jetzt wusste ich, dass sie lebte. In diesem Moment bekam sie auch ihren Namen. Auf den Fotos sah man ein vollkommenes Baby, etwas dunkler in der Hautfarbe, aber sonst fiel mir nichts Au¿rgew¿hnliches auf. Trotzdem hatte ich das ungute Gef¿hl, mein Kind sei - aus welchen Gr¿nden auch immer - nicht gesund, und mir fehlte das Muttergl¿ck. Wo war es? Dieses unbeschreibliche Gl¿cklichsein, dass man sein Kind endlich sehen kann, man endlich wei¿ welches Geschlecht es hat. Nichts dergleichen. Das Schlimmste war, dass ich meine Tochter noch nicht einmal h¿bsch fand. Tausendmal habe ich mir ihre Geburt vorgestellt, und nun war alles ganz anders. Auf der Entbindungsstation war es schrecklich, das Weinen von fremden Babys zu h¿ren und sein eigenes Kind noch nicht einmal gesehen zu haben.¿
    In einer Studie berichten Dr. Hunziker und Prof. Dr. Remo Largo, dass die emotionale Haltung der Mutter in den ersten Tagen nach der Geburt, wenn sie noch von ihrem Kind getrennt ist, durch haupts¿lich drei Gef¿hlsempfindungen zu kategorisieren ist:
    1. Angstgef¿hle
    Das ¿erleben des Kindes ist ihre gr¿¿e Sorge. Leben und m¿glicher Tod des Kindes werden zu zentralen gedanklichen Inhalten. Diese Angst wird allerdings meist nur gegen¿ber dem Partner artikuliert. Manchmal sprechen die Frauen in dieser Zeit auch gar nicht dar¿ber, sondern erst im R¿ckblick.
    2. Niedergeschlagenheit
    Hunziker und Largo zitieren eine Mutter: ¿Ich konnte nicht mehr reden. Ich wollte mein Zimmer nicht verlassen. Ich wollte schlafen, konnte aber nicht. Ich f¿hlte mich nachts sehr alleine. Ich war immer den Tr¿n nahe. Eigentlich wollte ich keinen Besuch.¿ Die Stimmung der Frauen dr¿ckt sich aus in Schweigen, M¿digkeit und Energieverlust, Schlafst¿rungen und Essunlust.
    3. Gef¿hle des Ungen¿gens
    Eine Mutter hat das Bed¿rfnis, ihr Kind zu versorgen, bei ihm zu sein. Sie ist im Normalfall die wichtigste Bezugsperson f¿r ein Neugeborenes. Ist es ihr unm¿glich, bei ihrem Kind zu sein, und kann sie es nicht versorgen, f¿hlt sie sich nicht als ¿richtige¿ Frau und Mutter. ¿Weil ich das Kind nicht l¿er im Bauch weitertragen konnte, muss ich jetzt leiden. Mein K¿rper hat versagt. In unserer Familie hat es bisher noch keine Fr¿hgeburt gegeben.¿ Hinzu kommt, dass sie keine eigene Vorstellung von ihrem Kind hat, es also nicht ¿kennt¿. Sie ist auf Schilderungen aus zweiter Hand angewiesen, also auf Erz¿ungen ihres Partners und Fotos.
    Nach einer Fr¿hgeburt m¿ssen M¿tter von vielen Wunschvorstellungen und Tr¿en Abschied nehmen, die sie sich in den letzten Monaten der Schwangerschaft gemacht haben. Das Wunschkind in ihrem Kopf, das perfekte Baby, das sie in
    Gedanken schon so oft stolz im Verwandten- und Bekanntenkreis gezeigt haben, gibt es nun nicht. Stattdessen ist es viel zu klein, liegt in einem Inkubator (und ist damit in den ersten Tagen unerreichbar f¿r operierte M¿tter), und in vielen F¿en ist nicht einmal sicher, ob das Kind ¿berhaupt ¿berleben wird. Deshalb verzichten viele Eltern auch zun¿st auf Geburtsanzeigen, die bei termingerecht geborenen Babys das elterliche Gl¿ck in die ¿fentlichkeit tragen.
    Die Freude ¿fr¿hgeborener Eltern¿ ¿ber ihr Kind ist durch viele Dinge getr¿bt. Unsere Gesellschaft, die f¿r s¿liche wichtigen Lebensabschnitte und -¿berg¿e spezielle Riten und Gebr¿he hat, kann Eltern fr¿hgeborener Kinder nichts bieten. Sogar die Geschenke und Gl¿ckwunschkarten, mit denen Eltern und Kinder zur Geburt normalerweise ¿bersch¿ttet werden, treffen nur sp¿ich ein. Es scheint so, als laste - unausgesprochen, aber doch f¿hlbar - ein Makel auf Eltern und Kind. M¿tter nach termingerechten Geburten erz¿en gerne die Geschichte der Geburt in allen Einzelheiten. Fr¿hgeborene M¿tter schweigen oft. Sie sind nicht stolz auf sich. Im Gegenteil, viele machen sich Vorw¿rfe und suchen die ¿Schuld¿ f¿r das j¿ Ende der Schwangerschaft bei sich selbst. Manche haben das Gef¿hl, ¿es nicht geschafft¿ zu haben.
    Die Situation ist vergleichbar mit der von Kaiserschnittm¿ttern, die ihr Kind zwar termingerecht, aber nicht auf ¿normale¿ Weise geboren haben und deshalb meinen, dem Leistungsanspruch der Gesellschaft nicht gen¿gt zu haben. Eine erfolgreiche Schwangerschaft und Geburt sind auch heute noch der Beweis einer funktionierenden Weiblichkeit. Die Verantwortung f¿r das Gelingen liegt vermeintlich bei der Frau. Dabei wird in letzter Zeit jedoch immer h¿iger aufgezeigt, wie viele gesellschaftliche, aber auch medizinische Faktoren es Frauen erschweren, ¿normal¿ und termingerecht zu geb¿n. Dennoch haben sie das Nachsehen, wenn ihnen die ¿perfekte Geburt¿ - aus welchen Gr¿nden auch immer - nicht gelingt. Ihnen bleiben dann die vielf¿igen ¿Belohnungen¿, die nach einer ¿guten¿ Geburt auf M¿tter warten, versagt.
    Diese Gedanken wird sich eine Mutter kurz nach der Fr¿hgeburt (noch) nicht machen. F¿r sie stehen ganz konkret die ¿erlebenschancen ihres Kindes im Vordergrund. Sie selbst will so schnell wie m¿glich wieder auf die Beine kommen, um bei ihrem Kind zu sein. Einige M¿tter haben auch Angst, sich zu sehr an ihr Kind zu binden. Sie f¿rchten - h¿ig unbewusst -, durch den m¿glichen Tod zu sehr verletzt zu werden. Insbesondere wenn sie ihr Kind noch nicht selbst gesehen oder ber¿hrt haben, verharren sie in einer ¿Abwartephase¿, in der sie versuchen, die Gedanken an und die Gef¿hle f¿r das Kind nicht zu stark werden zu lassen. So ging es Ilka:
    ¿Wenn ich meinen Mann fragte, wie es Marvin ging, fragte ich immer nach >dem Kind<. Nie bezeichnete ich ihn als >unseren Sohn< oder einfach als >Marvin<. Es war ein Kind, mein Kind, zu dem ich keine Beziehung aufbauen konnte. Regelm¿g kam morgens der Professor zur Visite. Jeden Tag brachte er die neuesten Nachrichten aus der Kinderklinik mit. Doch auch ¿¿rungen wie >Ihr Sohn wird beatmet< oder >Ihr Sohn nimmt an Gewicht ab< lie¿n mich eher kalt. Ich h¿rte und registrierte es, alles andere war mir egal. Heute glaube ich, dass die Gef¿hle, die ich damals hatte oder auch nicht hatte, eine Schutzreaktion meines Organismus waren. Denn wenn dieses Kind gestorben w¿, auch wenn es ein Wunschkind war, h¿e mich der Tod in diesem Moment nicht so sehr belastet, als wenn ich eine >ganz normale Mutter< gewesen w¿, die nach neun Monaten Schwangerschaft und einer normalen Entbindung ihr Kind verloren h¿e.¿

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Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 254
Erscheinungsdatum 22.02.2008
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-466-34520-5
Verlag Kösel
Maße (L/B/H) 21,5/13,7/2,3 cm
Gewicht 374 g
Abbildungen mit Fotos. 21.5 cm
Verkaufsrang 139507
Buch (gebundene Ausgabe)
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