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Schilf

Roman


Ein liebender Kommissar, ein tödliches Missverständnis und die verflixte Beschaffenheit der Welt.

Sebastian kann mit seinem Leben mehr als zufrieden sein. Vielleicht hat er ein bisschen zu viel von seinem physikalischen Talent zugunsten seiner Familie aufgegeben. Sein alter Freund Oskar, auch er ein Genie der theoretischen Physik, erinnert ihn zuweilen daran. Als Sebastian seinen Sohn in ein Ferienlager fahren will, findet er sich unversehens in einem Alptraum wieder. Der Sohn wird entführt, und er bekommt ihn erst wieder, wenn er einen Mord begeht …

Rezension
"Man hält das Buch in den Händen wie ein kostbares Kleinod, so prall gefüllt ist es mit überraschenden Erkenntnissen, schönen Sätzen, poetischen Bildern und kunstvollen Dialogen. Kein Zweifel: Juli Zeh schreibt ganz wunderbar." Amelie Fried
Portrait
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman »Adler und Engel« (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015), und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (2019). 2018 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde sie zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.
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  • Wir haben nicht alles gehört, dafür das meiste gesehen, denn immer war einer von uns dabei.
    Ein Kommissar, der tödliches Kopfweh hat, eine physikalische Theorie liebt und nicht an den Zufall glaubt, löst seinen letzten Fall. Ein Kind wird entführt und weiß nichts davon. Ein Arzt tut, was er nicht soll. Ein Mann stirbt, zwei Physiker streiten, ein Polizeiobermeister ist verliebt. Am Ende scheint alles anders, als der Kommissar gedacht hat - und doch genau so. Die Ideen des Menschen sind die Partitur, sein Leben ist eine schräge Musik.
    So ist es, denken wir, in etwa gewesen.

    Erstes Kapitel in sieben Teilen. Sebastian schneidet Kurven. Maike kocht. Oskar kommt zu Besuch.
    Die Physik gehört den Liebenden.

    Im Anflug aus Südwesten, aus einer Höhe von fünfhundert Metern betrachtet, gleicht Freiburg einem ausgefransten, hellen Fleck in den Falten des Schwarzwalds. Es liegt da, als wäre es eines Tages vom Himmel gefallen und den angrenzenden Bergen bis vor die Füße gespritzt. Belchen, Schauinsland und Feldberg sitzen im Kreis und überschauen eine Stadt, die nach Zeitrechnung der Berge vor etwa sechs Minuten entstanden ist und trotzdem so tut, als hätte sie schon immer da unten am Fluss mit dem komischen Namen gelegen. "Dreisam". Wie Einsamkeit zu dritt.
    Ein gleichgültiges Achselzucken des Schauinslands würde Hunderte von Radsportlern, Seilbahnfahrern und Schmetterlingssuchern das Leben kosten; ein gelangweiltes SichAbwenden des Feldbergs wäre das Ende des ganzen Landkreises. Weil die Berge mit düsteren Mienen auf das Treiben in Freiburgs Straßen blicken, bemüht man sich dort um Unterhaltungswert. Täglich senden Wald und Berge eine große Menge Vögel in die Stadt, mit dem Auftrag, über die neuesten Ereignisse zu berichten.
    Wo die Gassen schmal werden und die Schatten dichter zusammenrücken, sind Ockergelb und Schmutzigrosa die Farben des fortlebenden Mittelalters. Unzählige Gauben sitzen auf den steilen Dächern und böten ideale Landeplätze, wenn die Hausbesitzer sie nicht mit aufwärts zeigenden Nägeln bestückt hätten. Eine vorbeiziehende Wolke fegt die Helligkeit von den Fassaden. Auf dem Leopoldring kauft ein Zopfmädchen Eis. Sein Scheitel ist gerade wie eine Durchgangsstraße.
    Nur wenige Flügelschläge entfernt liegt die Sophie-de-la-Roche-Straße, die so grün ist, dass sie sich eine eigene Klimazone leisten kann. Immer geht ein leichter Wind, den die Kronen der Kastanien zum Rascheln brauchen. Die Bäume haben den Stadtarchitekten, der sie pflanzte, um ein Jahrhundert überlebt und sind größer geworden, als er es geplant hatte. Während sie oben langfingrig die Balkone betasten, wölben ihre Wurzeln unten das Pflaster und graben sich durch die Begrenzungsmauern des Gewerbebachs, der direkt an den Fundamenten fließt. Bonnie und Clyde, die eine mit braunem, der andere mit grünem Kopf, paddeln schnatternd gegen die Strömung, wenden an der immergleichen Stelle und lassen sich flussabwärts treiben. Auf ihrem Fließband überholen sie jeden Passanten, äugen zum Gehweg hinauf und betteln um Brot.
    Die Sophie-de-la-Roche-Straße strahlt ein solches Wohlbehagen aus, dass ein unbeteiligter Beobachter auf die Idee kommen könnte, das Einverstandensein mit der Welt sei hier Bedingung für die Anmeldung eines Hauptwohnsitzes. Weil der Gewerbebach die Mauern feucht macht, stehen die Türen der Gebäude sperrangelweit offen, dass es aussieht, als ragten die Fußgängerstege wie Zungen aus aufgesperrten Mäulern. Ohne Zweifel ist Nummer sieben das schönste Haus in der Reihe, weiß gestrichen und mit bescheidenem Stuck. Kaskadengleich fließen die Blüten eines Blauregens an der Fassade herunter. Eine altmodische Laterne döst ihrem nächtlichen Einsatz entgegen; in ihrer Efeustola lärmen die Spatzen. In einer guten Stunde wird ein Taxi um die Ecke biegen und neben ihr halten. Der Fahrgast auf der Rückbank wird seine Sonnenbrille anheben, um Kleingeld in die Hand des Fahrers zu zählen. Er wird aussteigen, den Kopf in den Nacken legen und zu den Fenstern im zweiten Stock emporschauen. Schon jetzt trippeln dort oben zwei Tauben über einen Sims, verbeugen sich voreinander und spähen beim gelegentlichen Auffliegen in die Wohnung hinein. An jedem ersten Freitagabend im Monat können Sebastian, Maike und Liam sicher sein, von den fliegenden Beobachtern nicht aus den Augen gelassen zu werden.

    Hinter einem der Fenster sitzt Sebastian am Boden seines Arbeitszimmers, mit geneigtem Kopf und angewinkelten Beinen. Er ist umgeben von Papierschnipseln und Scheren, als wäre er beim Basteln von Weihnachtssternen. Neben ihm kauert Liam, ebenso blond und hellhäutig wie sein Vater und auch der Haltung nach ein Miniatur-Sebastian. Er betrachtet einen Bogen roter Pappe, auf den der Laserdrucker eine gezackte Kurve gezeichnet hat, einem Alpenpanorama ähnlich. Als Sebastian die Schere ansetzt, hebt Liam einen warnenden Finger.
    "Vorsicht! Du zitterst!"
    "Weil ich mich bemühe, nicht zu zittern, du Schlaumeier", sagt Sebastian und bereut seinen Tonfall, als Liam große Augen macht.
    Sebastian ist nervös wie an jedem ersten Freitagabend im Monat, und genau wie immer schiebt er es darauf, einen schlechten Tag gehabt zu haben. An ersten Freitagen im Monat kann ihm jede Kleinigkeit die Laune verderben. Heute war es eine Begegnung am Ufer der Dreisam, wo er sich in der Mittagspause von seinen Vorlesungen erholt. Dort traf er auf eine Menschengruppe, die, etwas entfernt vom Weg und zunächst ohne erkennbaren Grund, einen flachen Sandhaufen umstand. Aus dem Sand ragte ein jämmerlicher Setzling, der nur von einer Stützvorrichtung aus Holzstangen und Gummibändern aufrecht gehalten wurde. Drei Gärtner lehnten sich auf ihre Schaufeln. Ein schlaksiger Mensch im dunklen Anzug, dem ein kleines Mädchen am Bein haftete, betrat den Sandhügel und sprach festliche Worte. Baum des Jahres. Schwarzer Apfel. Liebe zur Heimat, zur Natur, zur Schöpfung. Ältliche Damen schwiegen im Halbkreis. Dann der Spatenstich, ein affektiertes Schippchen Sand, dazu Wasser, vom kleinen Mädchen aus einer Blechkanne gegossen. Man applaudierte. Gegen seinen Willen musste Sebastian an Oskar denken und daran, was er zu einer solchen Szene bemerkt hätte: Sieh nur, eine Herde Sohlengänger bei der Anbetung ihrer eigenen Hilflosigkeit! - Und Sebastian hätte gelacht und verschwiegen, dass er sich dem Baum des Jahres tatsächlich erschreckend ähnlich fühlte. Ein Setzling in einer übergroßen Stützvorrichtung.
    "Weißt du, was ein Baum des Jahres ist?", fragt er seinen Sohn, der den Kopf schüttelt und die Schere anstarrt, die sich in der Hand des Vaters nicht weiterbewegen will. "Der Baum des Jahres ist ein Unsinn", fügt er hinzu. "Der größte denkbare Mist."
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 380
Erscheinungsdatum 06.04.2009
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-73806-9
Verlag btb
Maße (L/B/H) 18,8/11,9/2,7 cm
Gewicht 306 g
Verkaufsrang 10575
Buch (Taschenbuch)
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Kundenbewertungen

Durchschnitt
8 Bewertungen
Übersicht
4
3
0
1
0

Menschliche Tragödie als naturwissenschaftlicher Beweis
von einer Kundin/einem Kunden aus Düsseldorf am 24.08.2016

Schon irre, die Story. Da wird der Sohn gekidnappt - und dann auch wieder nicht... Verbunden mit der (vermeintlichen) Freilassung des Sohnes ist ein Telefonanruf, der zu einem dramatischen Missverständnis führt. Spannend und sprachlich allemal sehr gut gemacht. Nicht nur für Freiburg-Liebhaber!

Nichts für mich
von Alexia am 15.05.2012

Sebastian und Oskar – Oskar und Sebastian. Eine Symbiose. Kennen- und lieben gelernt beim Physikstudium gehen sie ein gutes Stück ihres Lebens gemeinsam. Doch dann triften die beiden auseinander und Sebastian gründet mit Meike eine Familie. Oskar spielt immer noch eine wichtige Rolle in Sebastians Leben und einmal im Monat kommt... Sebastian und Oskar – Oskar und Sebastian. Eine Symbiose. Kennen- und lieben gelernt beim Physikstudium gehen sie ein gutes Stück ihres Lebens gemeinsam. Doch dann triften die beiden auseinander und Sebastian gründet mit Meike eine Familie. Oskar spielt immer noch eine wichtige Rolle in Sebastians Leben und einmal im Monat kommt er aus der Schweiz nach Freiburg zum „Familientreffen“. Doch die Spannungen steigen zunehmend und nach dem letzten Treffen ist Sebastian klar, dass es das von seiner Seite aus war. Aber dann kommt alles anders. Liam, Sebastians und Meikes Sohn, wird entführt. Die Bedingung des Entführers ist, dass Sebastian einen Mord begeht, um Liam zurückzubekommen. Eine ausweglose Situation, die Sebastian völlig überfordert und ihn das schier Undenkbare tun lässt. Sebastian wird zum Mörder. „Schilf“ hat mir am Anfang richtig gut gefallen. Aber leider hielt das nicht lange an. Sprachgewaltig – nun ja, das mag schon sein. Nur war es mir nicht möglich, dieser Sprachgewalt zu folgen. Was will der kranke Kommissar mir sagen? Was will mir das Vogelei in seinem Kopf sagen? Was sollen diese Viele-Welten-Theorien oder wie oder wer oder was auch immer??? Keine Ahnung. Wer einen solide gemachten, spannenden Kriminalroman erwartet, sollte von „Schilf“ die Hände lassen. Wer gerne Sätze mehrmals liest und denn Sinn unseres Daseins, gleich in welcher Form ergründen möchte, kann „Schilf“ mit einem guten Gefühl lesen. Und mit vielleicht mehr Kompetenz als ich es getan habe.

Schilf
von einer Kundin/einem Kunden am 07.11.2010

Ganz schön verzwickt, wenn man moralische Dilemmata mit Hilfe der Quantenphysik begründen und lösen will. Ganz real merkt dies der Protagonist, dem das "einfache Leben" auf einmal doch verlockend erscheint. Außerdem erschafft Frau Zeh den interessantesten Kommissar seit langem. Ein wirklich gutes Buch! C.Graf