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Engel des Universums

Roman


Über die schmale Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit

Páll verlebt eine unbeschwerte Kindheit in Reykjavík. Doch in der Schule wird er von Kopfschmerzen heimgesucht. Schließlich wechselt er an eine Kunstschule und begegnet dort Van Gogh und Gaugin; ihnen fühlt er sich näher als seinen Mitmenschen. Langsam verschieben sich die Grenzen, Páll wird in die Nervenheilanstalt Kleppur eingeliefert – und stellt fest, dass er nur einer von vielen Verrückten ist. Einar Már Gudmundsson, einer der größten Dichter der isländischen Literatur, hat die tragische Geschichte seines geisteskranken Bruders zu einem aufsehenerregenden Roman verarbeitet, der irrsinnig komisch und zugleich zutiefst berührend ist.

Ausgezeichnet mit dem Preis des Nordischen Rates.

Rezension
"Gudmundssons Krankengeschichte ist auch ein Schelmenroman, gespickt mit Märchen- und Fabelmotiven und dem Witz einer höheren Kindervernunft." Neue Zürcher Zeitung
Portrait
Einar Már Gudmundsson, 1954 in Reykjavík geboren, ist einer der renommiertesten und erfolgreichsten Schriftsteller Islands. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt, u.a. mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates sowie dem Nordischen Preis der Schwedischen Akademie.
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  • Nachdem ich nach Kleppur gekommen war, in die Irrenanstalt, die wie ein riesengroßes Schloß am Meer stand, erinnerte ich mich an damals, als ich ein kleiner Junge war und an einem regengrauen Nebeltag auf der löcherigen Straße stand und die Häuser und Pfützen anguckte.
    Da fiel mein Blick plötzlich auf einen Mann mittleren Alters. Er kam die regennasse Treppe an einem der Häuser herunter. Neben ihm lief sein Sohn, ein aufgeschossener Jüngling um die Zwanzig.
    Der Sohn hatte dunkles, lockiges Haar. Er trug eine kurze Lederjacke mit dunklem Pelzkragen, der Vater einen hellen Anorak und saubere, weiße Arbeitshosen.
    Der Vater hielt den Sohn an der Schulter und schob ihn grob vor sich her. Die Ärmel eines karierten Hemdes ragten aus der Jacke heraus, und sein Haar war eigentümlich farblos in dem Nebel.
    Als sie auf die Straße kamen, lief ich zu ihnen und rief dem Vater zu: "Wo willst du hin mit ihm?"
    Der Vater drehte sich um, doch ohne die Schulter des Sohnes loszulassen.
    "Nach Kleppur", blaffte er.
    Ich sah, daß seine Stirn vor Nässe glänzte. Er sah aus, als ob er mit den Zähnen knirschte. Hinter dem Grau der Augen brannten Feuer.
    Dann waren sie in den Nebel verschwunden.
    Er hatte sie verschluckt wie in den geheimnisvollen Märchen, die mir Mama abends erzählte und die meistens mit den Worten anfingen: "Es war einmal vor langer, langer Zeit ..."
    Darin verschwanden Leute zwischen Steinen und Felsen oder verirrten sich in dunklen Wäldern, während die Sterne des Himmels funkelten.
    Sie funkelten wie unzählige klare Augen draußen im Schwarzen; dem Schwarzen, das sich später über mich senkte, sternenlos ohne Mondlicht.
    Ich habe den Vater und den Sohn nie wiedergesehen und bin mir auch nicht klar darüber, welche Wirklichkeit hinter dem Vorfall lag.
    Hatte ich in eine andere Welt geschaut, dann hatte diese leibhaftig vor mir gestanden, doch falls dies die Wirklichkeit war, verstand ich nichts von ihr.
    Selbstverständlich verstehe ich die Wirklichkeit ebensowenig wie sie mich, in dieser Hinsicht sind wir quitt. Sie schuldet mir keine Erklärung für irgend etwas, und ich lege vor ihr Rechenschaft ab. Zweifellos wäre es gut, einfach sagen zu können, wie der deutsche Philosoph Hegel, als irgend jemand ihm mitteilte, seine Theorien seien nicht in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit: "Arme Wirklichkeit, sie muß es sehr schwer haben."
    So können Dichter schreiben.
    So können Philosophen sprechen.
    Wir aber, die wir in Krankenhäuser eingewiesen und in Anstalten untergebracht sind, wir haben keine Antworten, wenn unsere Vorstellungen nicht in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sind, denn in unserer Welt sind es andere, die recht haben und den Unterschied kennen zwischen richtig und falsch.

    Die Pharmawolke hängt in der Luft, als stünden die Tage still. "Päll!"
    Ich schrecke zusammen, als ich meinen Namen höre, aber es sind keine Reaktionen zu sehen; sie sind weit weit weg, tief in der Wolke, die in der Luft hängt.
    Die Stille unendlich in der Tiefe der Augen.
    Sturm in kalter Windstille.

    2

    Ich war ein wahnsinniges Pferd im Auge der Ewigkeit. Später lag ich da und schaute zum Himmel. Und die Sonne streckte die Hand in mein Herz. Und entzündete die Zauberflamme ...

    Und einmal vor langer Zeit träumte Mama einen Traum.
    Das Eigentümliche an diesem Traum ist die Tatsache, daß er in Vergessenheit geriet und erst wieder auftauchte, als ich meinen Weg gegangen war.
    Nein, nicht diesen langen, gewundenen Weg, von dem die Beatles singen und der heim zum Haus der Liebe führt, sondern einen anderen Weg, länger und dunkler.
    Dies war der Traum von den vier Pferden.
    Guörün, meine Mutter, träumte ihn, in der Nacht, bevor ich geboren wurde; und darum vergingen gut vierzig Jahre, bis er aus der Tiefe auftauchte wie eine Weissagung aus einem alten Buch.
    In dem Traum war Mama ein zehnjähriges Mädchen. Sie fuhr mit dem Bus auf der Suöurlandsbraut auf dem Heimweg von der Laugarnesschule.
    Der Bus holperte über die Löcher.
    Der Staub wirbelte um die Reifen.
    Es war Frühling.
    Plötzlich schaute Mama im Bus zufällig nach vorn. Da sah sie, wie ein schwarzer Hund den Gang entlanggerast kam. Der Hund steuerte direkt auf sie zu. Mama bekam Angst und stand auf.
    Da stellte sich der Hund auf die Hinterbeine. Er versuchte, sie mit der Zunge abzulecken und nach ihr zu schnappen, und war so aufdringlich, daß Mama aus dem Bus flüchtete, als er das nächste Mal anhielt.
    Sie lief an den Straßengräben der Suöurlandsbraut entlang. Das Haar flatterte. Die Schultasche hüpfte auf dem Rücken. Der Mantel beengte sie.
    Die Vögel hatten angefangen, in der klarblauen Luft zu singen, doch der Krieg hatte noch nicht begonnen. Ebenso hatten all die Häuser, die später jenseits der Suöurlandsbraut gebaut wurden, noch keinen Halt in der Wirklichkeit.
    Das Wasser in den Gräben war spiegelblank und glänzte im Sonnenschein. Es trank den Himmel. In der Ferne waren die Berge blau.
    Mama sprang von einer Seite des Straßengrabens zur anderen. Sie lief auf die Wiese hinaus. Die Erde bewegte sich unter ihren Füßen. Das Gras war wie ein glühender Lavastrom. Wenn sie stehenblieb, würde die Erde sie verschlucken.
    Weit draußen auf der Wiese sah sie vier Pferde. Sie standen alle da und weideten, ein kleines Stück voneinander. Sie hatte diese Pferde noch nie gesehen. Das waren nicht Großvaters Pferde.
    Aber es waren wohlgestalte, hochgewachsene und schöne Pferde: eines war rot, ein anderes braun, das dritte rotbraun, das vierte aber gescheckt.
    Mama meinte, diese Pferde gehörten ihr. Sie waren in Gefahr. Sie mußte sie retten.
    Als die Pferde davonliefen, blieb der Gescheckte zurück. Er lief im Kreis und benahm sich sehr merkwürdig. Dann wollte er davonrennen, so wie die anderen Pferde, doch dabei stolperte er und fiel.
    Als Mama zu ihm kam, lag er tot auf der Erde. Mama sah einen Augenblick lang in seine offenen Augen, im nächsten aber lag sie wach, denn ich hatte angefangen, zu strampeln und zu stoßen, und wollte begierig in diese Welt, aus der ich später verschwand.
    Dann erinnerte sich Mama an den Traum.
    Sie saß daheim im Wohnzimmer und schaute in die Luft, sah dann aber zufällig hinüber zu dem kleinen Tisch, zu einem Foto von mir, auf dem ich sitze und lächle, ein kleiner Junge in einem Fotoatelier draußen in der Stadt.
    Mama hielt die Hände vors Gesicht und verdeckte die Augen. Einen Augenblick meinte sie, sie habe diesen Traum immer in sich gehabt.
    Ich bin natürlich völlig vertraut mit der verbreiteten Theorie, es sei unmöglich, seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen, wenn man nicht seine Großmütter einbezieht und am besten auch die Urgroßmütter.
    So ist es nicht ungewöhnlich, daß Leute ihre Lebensgeschichten in vielen Bänden schreiben, selbst aber nicht vor dem zweiten oder dritten Band geboren werden.
    Ich würde eher sagen, daß niemand seine Lebensgeschichte schreiben sollte, bevor sein Leben zu Ende ist.
    Ich kann daher den Typ von Lebensgeschichten nicht schätzen, der hier im Land am üblichsten ist, in dem die Helden am Ende gesund und munter sind und wie aufgeblasene Gemeindevorsteher von der Bühne schlendern.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 224
Erscheinungsdatum 01.04.2000
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-73917-2
Verlag btb
Maße (L/B/H) 18,7/11,8/2 cm
Gewicht 207 g
Originaltitel Englar alheimsins
Übersetzer Angelika Gundlach
Buch (Taschenbuch)
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8,50
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Kundenbewertungen

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Ein Roman über den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn - bedrückend u. verstörend, aber auch poetisch und malerisch.
von Pink Anemone aus Wien am 10.04.2017

Geboren wurde Páll am 30. März 1949 in Reykjavik, an dem Tag, als Island in die Nato eintrat und noch niemand ahnte, daß Páll eines Tages verrückt werden würde. Páll wächst in einer Kellerwohnung auf und verlebt eine scheinbar ungetrübte Kindheit, in der Kleppur, die Irrenanstalt, jedoch bereits wie ein Leitmotiv immer gegenwärt... Geboren wurde Páll am 30. März 1949 in Reykjavik, an dem Tag, als Island in die Nato eintrat und noch niemand ahnte, daß Páll eines Tages verrückt werden würde. Páll wächst in einer Kellerwohnung auf und verlebt eine scheinbar ungetrübte Kindheit, in der Kleppur, die Irrenanstalt, jedoch bereits wie ein Leitmotiv immer gegenwärtig ist. Erst auf dem Gymnasium beginnen die Schwierigkeiten, als er die Ausbildung wegen dauernder Kopfschmerzen abbrechen muss und auf die Kunstschule wechselt. Eines Tages verwandelt er sein Zimmer in eine Arche, und da er schon längst davon überzeugt ist, die Nachbarsfrau sei scharf auf ihn, bietet er ihr an, sie bei der kommenden Sintflut zu retten. Er landet in Kleppur, wo man ihn mit Spritzen ruhigstellt, wenn er wieder einmal meint, er sei Gauguin oder van Gogh oder beide zugleich. Einar Már Gudmundsson hat die tragische Geschichte seines geisteskranken Bruders zu einem aufsehenerregenden Roman verarbeitet...(Klappentext) ------------------------------------------- Der Autor schafft es gekonnt den schleichenden Weg der Schizophrenie aus der Sicht eines Erkrankten zu beschreiben und zwar aus der Sicht seines bereits verstorbenen Bruders. Daher enthält dieser Roman zum Teil auch autobiographische Züge des Autors, da er Selbsterlebtes einbringt. Er erzählt wie aus einem normalen und aufgewecktem Jungen ein aggressiver und verängstigter Erwachsener mit Schizophrenie wird. Man spürt die Ängste und innere Zerrissenheit, durchlebt mit dem Protagonisten die stätig wachsende Paranoia, den Gang durch die Dunkelheit und den Nebel zwischen Realität und Wahn, inklusive Filmrisse und taucht ein in seine wirre Gedankenwelt. Man begleitet ihn durch seine Jugend bis hin zu seinen Aufenthalten in der Nervenheilanstalt und lernt Freunde und Mitpatienten kennen. Der Schreibstil ist flüssig und trotz der Thematik manchmal fast schon poetisch. Zusätzlich enthält dieser Roman malerische Beschreibungen Islands zur Zeit der Modernisierung, sowie der damaligen isländischen Lebensweise und der isländischen Bewohner. Leider kommt es manchmal zu einer sehr sprunghaften Erzählweise zwischen den Jugendjahren und den des erwachsenen Páll, was den Lesefluß etwas holprig werden lässt. Dies bessert sich jedoch im Verlauf. Aufgrund der Thematik ist dieser Roman zwar bedrückend, enthält aber auch Szenen die einen schmunzeln lassen. Zudem zeigt sich hier wie schmal der Grat zwischen Normalität und Wahnsinn eigentlich ist und das so mancher Irre normaler ist, als so einige die sich außerhalb einer solchen Anstalt bewegen. Fazit: Ein Roman der einem Einblicke in die Gedankenwelt eines Schizophrenen gewährt. Genauso bedrückend und verstörend, wie auch poetisch und malerisch, der mich begeistert und nachdenklich zurücklässt. Hierfür gibt es von mir eine absolute Leseempfehlung.