Warenkorb

Garou

Ein Schaf-Thriller


Das Blöken geht weiter: Ein neuer Fall für Miss Maple und Co.

Es ist soweit: Für die Schafe von Glennkill beginnt ein neues, wollsträubendes Abenteuer. Gemeinsam mit ihrer Schäferin Rebecca haben sie die irische Heimat verlassen und ihre ersehnte Europareise angetreten! In Frankreich beziehen sie Winterquartier im Schatten eines entlegenen Schlosses, und eigentlich könnte es dort recht gemütlich sein – wären da nicht die Ziegen auf der Nachbarweide, die mysteriöse Warnung eines fremden Schafes und das allgemeine Unbehagen vor dem Schnee. Ein Mensch im Wolfspelz! – wispern Ziegen und Menschen. Ein Werwolf! Ein Loup Garou! Oder doch nur ein Hirngespinst? Als dann ein Toter am Waldrand liegt, ist schnell nicht mehr klar, wer gefährlicher ist: der Garou oder seine Jäger. Fest steht, dass die Schafe schnell Licht ins Dunkel bringen müssen, um sich selbst und ihre Schäferin zu schützen. Und schon bald folgen sie mit bewährter Schafslogik einer ersten Spur, die sie durch die Gänge des Schlosses und das Schneegestöber der Wälder führt …

Rezension
Alex Dengler, Deutschlands führender Buchkritiker, denglers-buchkritik.de, 28.06.10
2005 ließ eine bis dahin unbekannte deutsche Autorin die Welt aufhorchen. Sie ließ in Glennkill Schafe ermitteln. Daraus wurde ein Megabestseller bei uns und die Rechte dazu wurden in 25 Länder verkauft. Nun findet Glennkill eine Fortsetzung in Garou. Die Schafe sind zurück ? und jeder Meisterdetektiv muss sich fürchten vor diesen schlauen Tieren. Wenn Miss Maple & Co. erstmal die Spur aufgenommen haben, hat das Verbrechen keine Chance mehr. Garou ist gewitzte Krimikunst mit vielen Lachern. Da macht das Lesen doppelt so viel Spaß. Der schafste Thriller des Jahres!
Portrait
Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München und Berlin. Mit ihren ersten beiden Romanen „Glennkill“ und „Garou“ gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt. Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England.
… weiterlesen
  • Artikelbild-0
  • Prolog

    Vorbei.
    Vorüber.
    Danach war es immer schön.
    Er stand dann gerne einfach nur da, an einen Baum gelehnt, und hörte zu, wie die Erregung der Jagd im Schnee versickerte. Wie Blut. Über ihm der Himmel und das Rauschen des Waldes, unter ihm der Boden. Und vor ihm — ein Bild.
    Alles so friedlich. Ohne Angst. Ohne Eile. Er fühlte sich frei. Neugeboren. Überrascht, Hände zu haben - wie rot sie waren! - und Beine und eine Form.
    Während der Jagd war alles formlos, nur ein Vorne und Hinten, Fährte und Beute und Geschwindigkeit. Leben und Tod. Vier Beine oder zwei? Es war nicht wichtig. Und manchmal entkamen sie ihm. Selten. Das war gut so. Alles war gut.
    Ein Rotkehlchen landete auf einem Zweig. So hübsch, so nah, so lebendig. Er liebte den Wald. Egal, was passiert war, egal, was passieren würde, der Wald nahm ihn auf, und er wurde ein Tier wie andere Tiere. Wäre es Nacht gewesen, hätte er jetzt vor Freude den Mond angeheult.
    Aber es war nicht Nacht, und auch das war gut. Es war heller Tag, und die Farben leuchteten.
    Und die Zeit verging.
    Er seufzte. Die Zeit danach war immer zu kurz. Bald würde er zu frieren beginnen. Er musste zurück. Seine Hände im
    Schnee weiß waschen. Handschuhe anziehen. Andere Stiefel. Haken schlagen. Seine Spuren verwischen. Wieder anfangen zu denken. An Einkaufen und den Steuerprüfer und natürlich an sie. Immer an sie. Woran Menschen eben so dachten.
    Ein Anzug musste in die Reinigung. Das Rasierwasser war aus. Eine Pflanze in seinem Schlafzimmer sah traurig aus. Gießen? Vielleicht. Er verstand nicht viel von Pflanzen. Die Arbeit wartete. Und das Mittagessen. Pilze, in Butter gebraten, Sahnesoße und ein Steak. Frites? Warum nicht! Gänseleberpastete? Was für ein Tag war heute? Und frisches Brot! Brot mit knuspriger Rinde wäre gut.
    Er warf einen letzten Blick auf das Bild - wieder der Fuchs! Der Fuchs war ein interessanter Akzent - dann ging er los, auf seinen zwei Beinen, und mit jedem Schritt veränderte er sich ein bisschen.
    Als er aus dem Wald trat, musste er lächeln. Schafe! Das Schloss sah so viel interessanter aus mit Schnee und Schafen. Wie weiß sie waren - alle bis auf eines. Das schwarze Schaf machte ihn nervös.
    Er ging weiter, am Zaun entlang auf das Schloss zu, und schielte verstohlen nach ihrem Fenster. Er konnte nicht anders.
    Nichts.
    Der Garou rollte sich tief in seinem Inneren zu einem satten, zufriedenen Knäuel zusammen — und schlief.

    I.Teil
    Felle
    Und dann?«, fragte das Winterlamm.
    »Dann brachten die Mutterschafe die Lämmer weg von dem Mann mit dem kleinen Hund, in Sicherheit. Und sie fanden einen einen Cloud, das wolligste Schaf der Herde, wusste nicht weiter.
    »Einen Heuhaufen!«, schlug Cordelia vor. Cordelia war ein sehr idealistisches Schaf.
    »Genau, einen Heuhaufen!«, sagte Cloud. »Und die Mutterschafe fraßen, und die Lämmer rollten sich im Heu zusammen - und schwiegen!«
    Die Schafe blökten begeistert. Die Geschichte vom »Schweigen der Lämmer« hatte beim wiederholten Erzählen nach und nach einige Änderungen erfahren, und jedes Mal hatte sie dabei ein wenig gewonnen.
    Rebecca die Schäferin hatte ihnen das Buch diesen Herbst vorgelesen, als die Blätter schon gelb waren, die Sonne aber noch rund und reif und gesund. Mittlerweile konnten sich die Schafe nicht mehr erklären, warum sie sich damals, in den ersten kalten silbrigen Herbstnächten, so vor dem Buch gegruselt hatten. Nur Mopple the Whale, das dicke Gedächtnisschaf, erinnerte sich noch daran, dass in dem Buch, das Rebecca ihnen damals auf den sonnenwarmen Schäferwagenstufen vorgelesen hatte, kaum Lämmer vorgekommen waren — und herzlich wenig Heu.
    Der Wind trieb Fäden von Schnee zwischen ihren Beinen hindurch, die kahlen Sträucher unten am Weidezaun zitterten, und die Geschichte war vorbei.
    »War es ein großer Heuhaufen?«, fragte Heide, die noch jung war und nicht wollte, dass Geschichten so einfach aufhörten.
    »Sehr groß!«, sagte Cloud mit Überzeugung. »So groß wie ^ so groß wie
    Sie sah sich nach großen Dingen um. Heide? Nein. Heide war nicht besonders groß für ein Schaf. Mopple the Whale war schon größer. Und dicker. Größer als alle Schafe war der Schäferwagen, der mitten auf ihrer Weide stand, noch größer der Heuschuppen und am größten die alte Eiche, die nahe am Waldrand wuchs und im Herbst unzählige knirschende bittere braune Blätter abgeworfen hatte. Es war eine Heidenarbeit gewesen, um diese ganzen Blätter herumzugrasen.
    An den Flanken der Weide waren links der Obstgarten und rechts die Ziegenweide. Auf der Ziegenweide gab es gar nichts Großes. Nur Ziegen. Hinter den beiden Weiden war der Wald, fremd und flüsternd und viel zu nah, vor ihnen der Hof mit Stallungen und Wohnhäusern, Kaminen, die rauchten, und Menschen, die Krach machten, und direkt daneben, nah und grau und massiv wie ein Kürbis, das Schloss. Weil ihre Weide zum Wald hin etwas anstieg, konnte man es hervorragend sehen.
    »So groß wie das Schloss!«, sagte Cloud triumphierend.
    Die Schafe staunten. Das Schloss war wirklich ausgesprochen groß. Es hatte einen spitzen Turm und viele Fenster und schnitt ihnen jeden Abend viel zu früh die Sonne ab. Ein Heuhaufen wäre da eine willkommene Abwechslung gewesen.
    Etwas knallte. Die Schafe erschraken.
    Dann streckten sie neugierig die Hälse.
    Etwas war aus dem Schäferwagenfenster geflogen. Schon wieder!
    Die Herde setzte sich in Bewegung. Neuerdings flogen öfters Dinge aus dem Schäferwagen, und manchmal war etwas Interessantes dabei. Ein Topf mit nur leicht angebranntem Haferbrei zum Beispiel, eine Zimmerpflanze, eine Zeitung. Die Zimmerpflanze hatte Blähungen verursacht. Die Zeitung hatte nur Mopple geschmeckt.
    Heute war kein schlechter Tag: vor ihnen, im Schnee, lag ein Wollpullover. Rebeccas Wollpullover. Der Wollpullover. Die Schafe mochten diesen Pullover mehr als alle anderen. Er war das einzige Kleidungsstück, das sie verstanden. Schön und schafsfarben, dick und fellig - und er roch. Nicht nur einfach vage nach Schaf wie viele Wollpullis, sondern nach bestimmten Schafen. Einer Herde, die am Meer gelebt hatte, salzige Kräuter gegrast, sandigen Boden betrabt, weit gereisten Wind geatmet. Wer ganz genau hinroch, konnte sogar einzelne Schafspersönlichkeiten herauswittern. Da war ein erfahrenes, milchiges Mutterschaf, ein harziger Widder und das hagere, zottige Schaf vom Rande der Herde. Da waren Löwenzahn und Sonne und Möwenschreie im Wind.
    Die Schafe sogen das wollige Aroma des Pullovers ein und seufzten. Sie sehnten sich nach ihrer alten Weide in Irland, nach der Weite und dem grauen Murmeln des Meeres, nach Klippen und Strand und Möwen und sogar nach dem Wind. Mittlerweile war die Sache klar: der Wind sollte reisen - Schafe sollten daheimbleiben.
    Die Schäferwagentür ging auf, und Rebecca die Schäferin stapfte die Stufen herunter, mit schmalen Lippen und kurzen, wütenden Schritten. Sie hob den Pullover aus dem Schnee und machte dem Geruchsvergnügen ein jähes Ende.
    »Es reicht!«, murmelte sie mit gefährlich gerunzelten Brauen und klopfte Schneekristalle aus dem Wollstrick. »Es reicht! Sie fliegt raus! Diesmal fliegt sie raus!«
    Die Schafe wussten es besser. Alles Mögliche flog aus dem Schäferwagen, aber nicht sie. Sie bewegte sich überhaupt selten, dann aber überraschend schnell. Die Schafe bezweifelten sogar, ob sie durch das Schäferwagenfenster passen würde.
    Rebecca schien es auch zu bezweifeln. Sie blickte auf ihren Pulli hinunter und seufzte tief.
    Ein Gesicht erschien, seltsam weich und breit im milchigen Glas des Schäferwagenfensters, und starrte missbilligend auf Rebecca und die Schafe herunter. Rebecca sah nicht hin. Die Schafe starrten fasziniert zurück. Dann war das Gesicht auch schon wieder verschwunden, dafür ging die Schäferwagentür auf. Aber niemand trat heraus.
    »Das stinkende Ding kommt mir nicht mehr ins Haus!«, zeterte es aus dem Schäferwagen.
    Rebecca holte tief Luft.
    »Es ist kein Haus«, sagte sie gefährlich leise. »Und es ist schon gar nicht dein Haus. Das ist ein Schäferwagen. Mein Schäferwagen. Und der Pulli stinkt nicht. Er riecht nach Schaf! Das ist normal, wenn er feucht wird. Schafe riechen auch nach Schaf, wenn sie feucht sind! Schafe riechen immer nach Schaf!«
    »Genau!«, blökte Maude.
    »Genau!«, blökten die anderen Schafe. Maude war das Schaf mit der besten Nase der Herde. Sie kannte sich mit Gerüchen aus.
    Eisiges Schweigen wehte aus dem Schäferwagen.
    »Und sie stinken nicht!«, fauchte Rebecca. »Das Einzige, was hier stinkt, sind deine
    Sie brach ab und seufzte wieder.
    »Fläschchen!«, blökte Heide.
    »Puder!«, blökte Cordelia.
    »Und die Ziegen!«, ergänzte Maude der Vollständigkeit halber.
    Die Schafe konnten spüren, wie sich das Schweigen im Schäferwagen zu einer kleinen dunklen Wolke verdichtete. Und die Wolke dachte.
    »Na und?«, kreischte sie dann. »Von mir aus können sie nach Schaf riechen! Sie können den ganzen lieben langen Tag herumstehen und nach Schaf riechen! Da draußen! Aber nicht hier drinnen. Schafe haben hier drinnen nichts zu suchen!«
    »Genau!«, blökte Sir Ritchfield, der alte Leitwidder. Sir Ritchfield war sehr für Ordnung zu haben. Die anderen schwiegen. Das Innenleben des Schäferwagens mit all seinen Futtergerüchen und Zimmerpflanzen hätte sie schon interessiert.
    »Wirklich, Reba, ein bisschen Hygiene!«, sagte die Stimme, sanft diesmal und mütterlich.
    Hygiene klang nicht schlecht. Ein bisschen wie frisches, grünes, glänzendes Gras.
    »Hygiene!«, blökten die Schafe anerkennend. Alle bis auf Othello, den neuen, rabenschwarzen Leitwidder. Othello hatte seine Jugend im Zoo verbracht und dort von ferne einige Hygiänen gesehen - und vor allem gerochen - und wusste, dass sie kein Grund zur Begeisterung waren. Ganz und gar nicht.
    Rebecca ließ die Hände sinken, und ein Pulloverärmel, den sie gerade noch sorgfaltig sauber geklopft hatte, landete wieder im Schnee. Sie sah verloren aus, ein bisschen wie ein junger Widder, der nicht genau weiß, ob er weglaufen oder angreifen soll.
    »Angriff!«, blökte Ramses. Ramses war selbst ein junger Widder, und meistens entschied er sich fürs Weglaufen.
    Rebecca senkte die Stirn, knautschte den Wollpullover gegen ihre Brust und machte sich groß. Sie war nicht besonders groß. Aber sie konnte sich sehr groß machen, wenn sie wollte.
    »Das ist mein Schäferwagen. Und meine Schafe. Und mein Pulli. Und niemand braucht hier deine Erlaubnis, um nach Schaf zu riechen. Und ich brauche deine Ratschläge nicht. Ich habe das alles von Papa geerbt, weil er mir getraut hat, und weißt du was: Ich mache es gar nicht so schlecht!«
    Die Schafe konnten spüren, wie sich etwas im Schäferwagen veränderte. Die Wolke dehnte sich aus, wurde heller und feuchter. Dann begann sie zu regnen.
    »Dein Vaaater!«, flüsterte Heide Lane ins Ohr.
    »Dein Vaaaaater!«, stöhnte es aus dem Schäferwagen.
    »Na toll. Gut gemacht, Rebecca!«, murmelte Rebecca.
    Der Schäferwagen seufzte tief, dann erschien eine Frau in der Tür. Es sah nicht so aus, als würde sie einfach dort stehen. Es sah aus, als hätte sie sich im Türrahmen festgesaugt wie eine elegante Nacktschnecke, adrett und braun und glänzend. Wasser rann ihr aus den Augen und ließ ihr Gesicht verschwimmen.
    Die Schafe sahen sie beunruhigt an.
    Das erste Mal hatten sie dieses Gesicht in strömendem Regen gesehen, genauso seltsam und nass.
    Mittlerweile waren die Schafe überzeugt davon, dass sie den Regen gebracht hatte, vielleicht in ihrer ozeanblauen Handtasche, vielleicht in ihrem glänzenden kleinen Metallkoffer, möglicherweise auch in den Taschen ihres makellosen Mantels. Der Regen war ihr Verbündeter gewesen, als sie an die Schäferwagentür geklopft hatte - der Regen und selbst gemachter Sahnelikör.
    Rebecca hatte die Tür geöffnet, und die Worte der Regenbringerin hatten zu prasseln begonnen: Sehnsucht, Tochter, was für ein Nest, ab jetzt fliege ich nur noch erster Klasse, Tochter, Sorgen, nur über die Feiertage, dünn siehst du aus, und den guten Sahnelikör habe ich auch mitgebracht.
    Rebecca hatte die Arme hängen lassen.
    »Mama!«
    Es hatte nicht gerade einladend geklungen, trotzdem waren die Frau und der Regen geblieben. Vorher hatte es nie Regen gegeben, den ganzen Herbst nicht - höchstens mal einen Gewitterschauer, der die Frösche im Schlossgraben beglückt quaken ließ. Sonst nichts.
    Von da an gab es nur noch Regen. Im Heuschuppen tropfte es. Der Boden war matschig und glitschig, vor allem unten am Futtertrog. Das Kraftfutter schmeckte feucht. Der kleine Bach auf ihrer Weide war braun und reißend geworden, und Mopple the Whale war auf der Jagd nach einem Böschungskraut hineingefallen.
    »Panta rhei«, sagten die Ziegen am Zaun.
    Zuerst fiel Regen. Dann Schnee. Dann flog der Sahnelikör aus dem Fenster. Dann andere Dinge. Manche der verbannten Dinge holte Rebecca wieder in den Schäferwagen, manche Mama, manche niemand, und Mopple hatte die Zeitung gefressen und nachts von einem Menschen mit Fuchskopf geträumt.
    Es hing alles irgendwie zusammen - aber die Schafe verstanden nicht, wie.
    »Mit Papa hat das gar nichts zu tun«, sagte Rebecca, sanft jetzt, und zog sich den Wollpullover über. »Nur mit dir und mir. Du bist hier Gast, und ich will, dass du dich verhältst wie ein Gast. Das ist alles. Okay?«
    »Okay«, schniefte Mama aus der Tür und tupfte sich mit einem weißen Tuch die Augen.
    »Okay!«, blökten die Schafe. Sie wussten, was als Nächstes kommen würde: Zigaretten. Mama auf den Stufen des Schäferwagens, Rebecca etwas weiter oben am Hang, an den Schrank gelehnt, der unerklärt und unerklärbar unter der alten Eiche stand.
    Rauch und Schweigen.
    Auch die Schafe schwiegen, scharrten im Schnee, grasten feuchtes Wintergras oder taten wenigstens so. Alle warteten auf etwas, das gleich passieren würde. Etwas, das man kaum sehen, dafür aber sehr gut riechen konnte.
    Auf ihrer Weide gab es ein fremdes Schaf. Es war vor ihnen hier gewesen, nicht auf der Schafweide, aber im Apfelgarten und auf dem schmalen Wiesenstück zwischen Weide und Waldrand. Jetzt war es bei ihnen und drückte sich Tag für Tag am Weidezaun herum.
    Immer wenn Rebecca sich rauchend an den Schrank lehnte, erstarrte der Fremde. Er bewegte nichts, kein Ohr, keine Wimper, nicht einmal die Schwanzspitze. Aber er roch. Roch wie reinste, blindeste Panik. Wie ein Lamm, das vor wilden Hunden über das Moor flieht. Nicht dass die Schafe je vor wilden Hunden über das Moor geflohen waren, zum Glück nicht, aber sie konnten es sich sehr gut vorstellen.
    Die Sache machte die Schafe nervös.
    Der Fremde war im Allgemeinen kein furchtsames Schaf. Er fürchtete sich nicht vor Tess, der alten Schäferhündin, die meistens auf den Stufen des Schäferwagens schlief, und vor Othellos vier schwarzen Hörnern fürchtete er sich auch nicht. Aber er fürchtete sich vor Rebecca, wenn sie rauchend am Schrank lehnte und über die Weide blickte. Er fürchtete sich wie verrückt.
    Endlich drückte Rebecca ihre Zigarette aus, steckte sie sorgfaltig in die Tasche und ging wieder hinunter zum Schäferwagen. Der Fremde entspannte sich und begann zu murmeln. Die anderen Schafe schlackerten mit Ohren und Schwänzen und versuchten, das Schweigen wieder abzuschütteln.
    Der Fremde ging ihnen auf die Nerven. Er roch nicht wirklich wie ein Schaf, er verhielt sich nicht wie ein Schaf, und vor
    allem sah er nicht aus wie ein Schaf. Eher wie ein großer, unförmiger, bemooster Stein.
    Miss Maple, das klügste Schaf der Herde und vielleicht der Welt, behauptete, dass er trotzdem ein Schaf war. Ein einsames Schaf, das seit Jahren niemand mehr geschoren hatte, mit einer großen Masse filziger, steifer grauer Wolle auf dem Rücken - und einer Geschichte, die niemand kannte.
    »Sie werden sich aneinander gewöhnen!«, hatte Rebecca gesagt, als sie zusammen mit dem Ziegenhirten das Fremdlingsschaf aus dem Apfelgarten auf ihre Weide hinüber getrieben hatte.
    Der Ziegenhirt hatte die Augen zusammengekniffen und gehustet. Vielleicht war es auch ein staubiges Lachen gewesen.
    Sie hatten sich nicht gewöhnt, kein bisschen. Im Gegenteil: mit jedem Tag kam ihnen der ungeschorene Widder ein wenig fremder vor. Und ein bisschen ferner.
    Er war unter ihnen, aber nicht bei ihnen, er bewegte sich in einer Herde, aber nicht in ihrer Herde. Manchmal hatten sie das Gefühl, dass der Fremde sie gar nicht sah. Er sah andere Schafe, Schafe, die sonst niemand sehen konnte.
    Geisterschafe.
    Gespenster.
    Jetzt gab der Ungeschorene seinen Spähposten oben am Waldrand auf und trabte quer über die Weide, vorbei an Heuschuppen und Schäferwagen, mit einem Hops über den kleinen Bach bis hinunter zu der Ecke am Apfelgarten, murmelnd und mahnend, eine Schar unsichtbarer Schafe im Schlepptau.
    Die Schafe sahen nicht hin. Alle bis auf Sir Ritchfield.
    »Ich glaube das ist ein Schaf!«, blökte Ritchfield aufgeregt. Der alte Leitwidder interessierte sich momentan sehr für die Frage, wer ein Schaf war - und wer nicht.
    Die anderen seufzten.

In den Warenkorb

Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 414
Erscheinungsdatum 15.06.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-31224-5
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 22,2/14,6/4 cm
Gewicht 592 g
Buch (gebundene Ausgabe)
Buch (gebundene Ausgabe)
19,95
19,95
inkl. gesetzl. MwSt.
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort lieferbar Versandkostenfrei
Sofort lieferbar
Versandkostenfrei
In den Warenkorb
PAYBACK Punkte
Vielen Dank für Ihr Feedback!
Entschuldigung, beim Absenden Ihres Feedbacks ist ein Fehler passiert. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihr Feedback zur Seite
Haben Sie alle relevanten Informationen erhalten?
Ihr Feedback ist anonym. Wir nutzen es, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Wenn Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kundenservice wenden.

Buchhändler-Empfehlungen

J. Wohlgemut, Thalia-Buchhandlung Bielefeld

Vergnüglich anders und sehr kurzweilig. Kommt für mich nur nicht ganz an den Vorgänger heran, aber grade wenn man den mochte, muss man hier weiterlesen. Die Schafe sind der Knaller

Katharina Kaufmann, Thalia-Buchhandlung Winsen

Lustiger Schafkrimi mit vielen wolligen Wortwitzen! Leider geht die Spannung verloren.

Kundenbewertungen

Durchschnitt
44 Bewertungen
Übersicht
24
17
1
2
0

von einer Kundin/einem Kunden aus Oberhausen am 15.05.2017
Bewertet: anderes Format

Wie schon bei "Glennkill" eine liebenswerte Krimistory mit etwas anderen Ermittlern.

von einer Kundin/einem Kunden aus Gotha am 22.11.2016
Bewertet: anderes Format

Witziger Krimi, die Erzählperspektive ist anfangs ungewohnt, es liest sich aber sehr gut und kurzweilig. Schöne Urlaubslektüre

von Katrin Kramer aus Weimar am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Diesmal sind die Schafe in Frankreich und wieder ist es spannend und humorvoll bis zum Schluss. Die coolste un liebenswerteste Schafherde der Bücherwelt. Einfach wundervoll!