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Knallkopf Wilson

Roman

Mark Twain

(4)
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Beschreibung


Mark Twain als Krimiautor

Mark Twain war Stimme und Herz der amerikanischen Südstaaten. Wie schon in seinen beliebten Romanen um Tom Sawyer und Huckleberry Finn macht er auch in dieser burlesken Kriminalkomödie seine Heimat am Mississippi zum Schauplatz haarsträubender Verwicklungen. Ein unterhaltsamer Fund für Twain-Kenner wie -Neulinge.

Als sich der Jurist David Wilson in Dawson's Landing niederlässt, steht er rasch im Ruf, ein Knallkopf zu sein. Allzu suspekt erscheinen sein schottischer Humor, seine Ostküsten-Provenienz und die Vorliebe für ausgefallene Hobbies: Der kauzige Eigenbrötler sammelt Fingerabdrücke, praktiziert das Handlesen und brütet mit Vorliebe über Alltagsweisheiten für einen nach ihm benannten Almanach. Dabei fällt Wilson nur auf den ersten Blick aus dem Rahmen, tummeln sich in dem gemütlichen Städtchen bei näherer Betrachtung doch noch weitere originelle Gestalten: Roxy, die Sklavin mit der hellen Haut; Sohn Chambers und Ziehsohn Tom, die Roxy als Säuglinge absichtlich vertauscht hat, und die nun nichtsahnend sehr unterschiedliche Lebenswege einschlagen; nicht zu vergessen Angelo und Luigi Capello, die ominösen Zwillinge aus florentinischem Adel. Verwechslung, Rollentausch und Betrug bestimmen den Alltag der Herren und Sklaven in Dawson’s Landing, und am Ende geschieht gar ein Mord, bei dessen Aufklärung Knallkopf Wilson die Schlüsselrolle spielt.

Die Mark Twain (1835–1910) eigene, einzigartige Mischung aus witziger Unterhaltung und beißender Kritik – an Standesdünkel und amerikanischem Südstaatenrassismus – zeichnen auch die vorliegende Kriminalgeschichte aus. Diese überrascht als zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Werk, das den berühmten Romanen des populären Autors um nichts nachsteht.

«Ein weniger bekannter Roman Twains, dessen Neuedition bei Manesse der wichtigste Ertrag des Twain-Jubiläums auf dem deutschen Buchmarkt ist.»

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 317
Erscheinungsdatum 15.03.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-7175-2200-3
Verlag Manesse
Maße (L/B/H) 15,4/9,9/2,3 cm
Gewicht 195 g
Originaltitel Pudd'nhead Wilson
Übersetzer Reinhild Böhnke
Verkaufsrang 157660

Buchhändler-Empfehlungen

Typisch Mark Twain

Damian Wischnewsky, Thalia-Buchhandlung

Und das in jeder Hinsicht! Hier erwartet den Leser eine kurzweilige Geschichte aus einer Kleinstadt am Ufer des Mississippi (wo auch sonst?), erzählt mit einer gekonnten Balance zwischen tragischen und komischen Elementen. Beißende Gesellschaftskritik und immer an den richtigen Stellen eine ordentliche Prise von diesem ganz speziellen Humor, der Twain so berühmt gemacht hat. Knallkopf Wilson sollte sich in jedem Bücherregal gleich neben Huckleberry Finn und Tom Sawyer wiederfinden!

Perfekt gelesene gesellschaftssatire

Saidjah Hauck, Thalia-Buchhandlung Köln, Rhein-Center

Nach seinem Jurastudium, landet David Wilson in einer amerikanischen Kleinstadt und hat nach einer eigensinnigen Bemerkung sofort seinen Ruf weg: Er ist ein Knallkopf. Wilson hat aber viel Menschenverstand eine schnelle Auffassungsgabe und viel praktische Intelligenz. Mark Twain hat hier eine humorige Stadtgeschichte geschrieben, die tief in die Seele der damaligen Amerikaner, weiß wie schwarz, blicken lässt. Bissig, manchmal böse und immer entlarvend. Großartig gelesen von Heiko Deutschmann. Absolut hörenswert.

Kundenbewertungen

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Ein amerikanischer Sherlock Holmes Roman
von einer Kundin/einem Kunden am 03.04.2011

Dieser sozialkritische Roman verbirgt sich im Gewand einer findigen Kriminalgeschichte. Brilliant gechrieben und mit vielen Zwischentönen nimmt Twain die gesellschaftlichen Vorurteile im Südstaatenamerika aufs Korn. Nicht nur für jeden Twain-Fan, sondern für jeden Liebhaber geistreicher und feinsinniger Literatur ein unbedingtes... Dieser sozialkritische Roman verbirgt sich im Gewand einer findigen Kriminalgeschichte. Brilliant gechrieben und mit vielen Zwischentönen nimmt Twain die gesellschaftlichen Vorurteile im Südstaatenamerika aufs Korn. Nicht nur für jeden Twain-Fan, sondern für jeden Liebhaber geistreicher und feinsinniger Literatur ein unbedingtes Muss. In der schönen Manesse Ausgabe zum Sammeln.

Ein Krimi, der keiner ist
von einer Kundin/einem Kunden aus Bonn (Metropol) am 30.01.2011

Sie lesen eigentlich keine Krimis? Dann ist der "Knallkopf" genau das richtige für Sie! Manesse Verlag sei Dank. Der - unberrechtigter Weise - vergessene Roman ist wieder zu haben. Spannend, bissig und ein wenig verrückt, ein echter Mark Twain eben.


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  • DEM LESER INS OHR GERAUNT
    Wer sich in juristischen Angelegenheiten nicht auskennt, dem werden allzu leicht Fehler unterlaufen, wenn er eine Gerichtsverhandlung mit der Feder ablichten möchte; daher war ich nicht gewillt, die juristischen Kapitel in diesem Buch in Druck zu geben, ohne sie zuvor einem ausgebildeten Barrister - so heißen die doch? - zur strengen und ausgiebigen Prüfung und Korrektur vorzulegen. Diese Kapitel stimmen jetzt bis ins kleinste Detail, denn sie wurden neu verfasst unter der strengen Aufsicht von William Hicks, der vor fünfunddreißig Jahren in Südwest-Missouri ein Weilchen Jura studiert hat, dann aus gesundheitlichen Gründen hierher nach Florenz gekommen ist und der immer noch für Kost und Logis, auch um nicht aus der Übung zu kommen, in Macaroni Vermicellis Schuppen, dem mit dem Pferdefraß, aushilft, der sich ein Stück weiter oben in dem Seitengässchen befindet, wenn man von der Piazza del Duomo um die Ecke biegt, direkt hinter dem Haus, wo der Stein in die Mauer eingelassen ist, auf dem Dante vor sechshundert Jahren zu sitzen pflegte, wenn er vorgab, den Bau des Campanile von Giotto zu beobachten, und doch des Zuschauens überdrüssig wurde, sobald Beatrice vorüberkam, in der Absicht, einen handlichen Kanten Kastanienkuchen zu kaufen, ehe sie zur Schule ging, damit sie sich damit im Falle eines Ghibellinen-Aufstandes1 verteidigen konnte; man verkauft übrigens an derselben alten Bude noch immer den gleichen alten Kuchen, und er ist noch genauso locker und gut wie damals, was keine Schmeichelei ist, ganz im Gegenteil. Hicks' juristische Kenntnisse waren etwas eingerostet, aber er hat sie für das Buch aufpoliert, und die zwei oder drei juristischen Kapitel gehen jetzt klar. Das hat er mir selbst gesagt.
    Eigenhändig aufgeschrieben am zweiten Januar 1893 in der Villa Viviani2 im Dorf Settignano, drei Meilen hinter Florenz, auf den Hügeln, welche ganz sicher die reizendste Aussicht bieten, die man auf diesem Planeten finden kann, und außerdem die traumhaftesten und hinreißendsten Sonnenuntergänge, die man auf jeglichem Planeten oder sogar in jeglichem Sonnensystem finden kann - und aufgeschrieben zudem in dem großartigsten Raum des Hauses, wo die Büsten der Cerretani- Senatoren und anderer Zelebritäten dieses Geschlechts wohlwollend auf mich - wie früher auf
    Dante - niederblicken und mich stumm bitten, sie in meine Familie aufzunehmen, was ich mit Vergnügen tue, denn meine ältesten Ahnen sind nur frisch geschlüpfte Küken verglichen mit diesen imposanten Herrschaften in der Toga, und sie werden eine enorme und befriedigende Aufwertung für mich bedeuten, jene sechshundert Jahre.
    Mark Twain
    KAPITEL 1
    Es gibt keinen Charakter, mag er noch so gut und edel sein, der nicht durch Spötteleien, mögen sie noch so armselig und geistlos sein, verleumdet werden kann. Man betrachte zum Beispiel den Esel: Sein Charakter ist beinahe tadellos, seine Intelligenz ist der aller anderen niederen Tiere überlegen, doch seht, was Spötteleien aus ihm gemacht haben. Statt dass wir uns geschmeichelt fühlen, wenn man uns einen Esel nennt, kommen uns Bedenken.
    Knallkopf Wilsons Kalender
    Man kann die Wahrheit sagen oder bluffen, aber man muss den Stich machen.
    Knallkopf Wilsons Kalender
    Das Städtchen Dawson's Landing, der Schauplatz der berichteten Ereignisse, liegt auf der MissouriSeite des Mississippi, von St. Louis eine halbe Tagesreise mit dem Dampfer nach Süden.
    Im Jahre 1830 war es eine schmucke kleine Ansammlung von bescheidenen ein- und zweistöckigen Holzhäusern, deren getünchte Wände hinter dem Rankengewirr von Kletterrosen, Geißblatt und Purpurwinde fast verschwanden. Jedes dieser hübschen Heime besaß einen Vorgarten, begrenzt von einem weißgestrichenen Lattenzaun, in dem Malven, Ringelblumen, Springkraut, Amarant und andere altmodische Blumen üppig blühten, während auf den Fensterbrettern Holzkästen mit Moosrosen standen und Töpfe, in denen Geranien mit ihrer kräftig roten Blütenfülle das vorherrschende Blassrot der rosenbedeckten Hausfront wie mit einer auflodernden Flamme belebten. Wenn auf den Fensterbrettern vor den Blumentöpfen und -kästen noch Platz für eine Katze blieb, so war die Katze - bei sonnigem Wetter - da, der Länge nach ausgestreckt in wohligem Schlummer, hatte den pelzigen Bauch der Sonne entgegengereckt und eine gebogene Pfote über der Nase. Dann war es das vollkommene Heim, und sein Behagen und sein Frieden wurden der Welt durch dieses Symbol, dessen Zeugnis untrüglich ist, kundgetan. Ein Heim ohne Katze - und zwar eine wohlgenährte, gutgepflegte und ordentlich verwöhnte Katze - mag zwar auch vollkommen sein, doch wo ist der Beweis?
    Am Rand der gepflasterten Gehsteige säumten Robinien, deren Stämme durch Holzkästen geschützt waren, die Straßen. Diese Bäume spendeten im Sommer Schatten und im Frühling, wenn die Blütentrauben hervorkamen, süßen Duft. Die
    Hauptstraße, die einen Häuserblock vom Fluss entfernt lag und parallel zu ihm verlief, war die einzige Geschäftsstraße. Sie war sechs Häuserblocks lang, und in jedem Block überragten zwei oder drei massive dreistöckige Geschäfte ein Grüppchen kleiner, aus Holz gebauter Läden. Die ganze Straße entlang knarrten im Wind schaukelnde Aushängeschilder. Die bonbonbunt geringelte Stange, die entlang der von Palästen gesäumten Kanäle Venedigs auf stolzen alten Adel verweist, verwies auf der Hauptstraße von Dawson's Landing nur auf den bescheidenen Friseursalon. An einer wichtigen Kreuzung stand ein hoher unbemalter Pfahl, der von oben bis unten mit Töpfen, Pfannen und Tassen aus Blech behängt war, die (bei windigem Wetter) lärmende Botschaft des Blechwarenhändlers an alle, dass sein Laden an jener Ecke auf Kundschaft wartete.
    Die klaren Wasser des großen Stroms bespülten die Uferseite des Ortes, dessen Häuser sich einen sanften Hang hinaufzogen und am hinteren Ortssaum zerstreuten. Die letzten vereinzelten Gebäude lagen am Fuß der hoch emporragenden Berge, die bis zum Gipfel dicht bewaldet waren und die Stadt im Halbkreis umgaben.
    Dampfschiffe fuhren etwa stündlich stromauf und stromab. Die Schiffe der kleinen Cairo- und der kleinen Memphis-Linie legten regelmäßig an; die mächtigen Orleans-Dampfer legten nur an, wenn sie herbeigerufen wurden oder um Passagiere an Land zu setzen und Fracht zu entladen, und das traf auch auf die große Flottille der durchfahrenden Dampfer zu. Diese kamen aus einem Dutzend Nebenflüssen - aus dem Illinois, dem Missouri, dem Oberen Mississippi, dem Ohio, dem Monongahela, dem Tennessee, dem Red River, dem White River und wie sie alle heißen. Sie fuhren nach den verschiedensten Orten, von den frostigen St.-Anthony-Fällen durch neun Klimagebiete hinunter bis ins heiße New Orleans, und waren mit allen lebensnotwendigen Waren und Luxusgütern beladen, die sich Mississippi-Anlieger nur wünschen konnten.
    Dawson's Landing war eine Sklavenhalterstadt, mit einem reichen, von Sklaven bewirtschafteten Getreideanbau- und Schweinezuchtgebiet im Hinterland. Dieses verschlafene, gemütliche und zufriedene Städtchen war fünfzig Jahre alt und wuchs langsam - wirklich äußerst langsam, aber es wuchs immerhin.
    Der wichtigste Bürger war York Leicester Dris- coll, an die vierzig Jahre alt, Richter am Kreisgericht und sehr stolz auf seine virginischen Vorfahren.3 Mit seiner Gastfreundschaft und seiner ziemlich steifen und würdevollen Art pflegte er die Traditionen des alten Virginia. Er war gut, gerecht und großzügig und trachtete einzig danach, ein Gentleman zu sein - ein Gentleman ohne Fehl und Tadel. Das war seine Religion, der er immer treu ergeben war. Er wurde von der ganzen Gemeinde geachtet, geehrt und geliebt. Von Haus aus vermögend, vermehrte er mit der Zeit seinen Besitz noch. Er und seine Frau waren fast glücklich, aber doch nicht ganz, denn sie hatten keine Kinder. Die Sehnsucht nach einem solchen Schatz war mit den entschwindenden Jahren immer stärker geworden, doch der Segen stellte sich nicht ein - und blieb ihnen für immer versagt.
    Bei diesem Paar lebte noch Mrs Rachel Pratt, die verwitwete Schwester des Richters, gleichfalls kinderlos - kinderlos und darüber betrübt und untröstlich. Die Frauen waren brave und durchschnittliche Zeitgenossinnen; sie taten ihre Pflicht und wurden durch ein reines Gewissen und die gute Meinung der Gemeinde belohnt. Sie waren Presbyterianerinnen, der Richter aber war Freidenker.
    Mit Pembroke Howard, Rechtsanwalt und Junggeselle, ungefähr vierzig Jahre alt, gab es einen zweiten altvirginischen Granden, der erwiesenermaßen von den «ersten Familien» abstammte. Dieser feine, wackere und stattliche Mann war ein Gentleman nach den strengsten virginischen Maßstäben, ein glühender Presbyterianer, eine Autorität in Fragen des Ehrenkodex und stets in aller Höflichkeit bereit, falls irgendetwas an seinen Taten oder Worten zweifelhaft oder verdächtig erschienen war, sich einer Forderung zu stellen und Genugtuung mit jeder Waffe zu leisten, der man den Vorzug geben mochte, von der Schusterahle bis zur Kanone. Er war bei den Leuten sehr beliebt und der beste Freund des Richters.
    Dann gab es da auch noch den Colonel Cecil Burleigh Essex, einen weiteren formidablen Abkömmling der «EFV»4; doch mit ihm haben wir nichts zu schaffen.
    Percy Northumberland Driscoll, ein fünf Jahre jüngerer Bruder des Richters, war verheiratet und hatte Kinder am heimischen Herd gehabt; doch sie wurden nacheinander von den Masern, vom Krupp und vom Scharlach befallen, und so kam der Doktor mit seinen vorsintflutlichen Methoden zum Zug; daher waren die Wiegen nun wieder leer. Er war ein wohlhabender Mann mit einer glücklichen Hand für Spekulationen, und sein Vermögen mehrte sich. Am i. Februar 1830 wurden in seinem Haus zwei Knaben geboren: der eine ihm und der andere einer seiner Sklavinnen, der zwanzigjährigen Roxana. Sie war noch am selben Tage wieder auf den Beinen und hatte alle Hände voll zu tun, denn sie versorgte beide Neugeborenen.
    Mrs Percy Driscoll starb, ehe noch die Woche um war, und Roxy hatte sich weiterhin um die Kleinen zu kümmern. Sie tat das nach ihren Vorstellungen, denn Mr Driscoll versenkte sich bald erneut in seine Geschäftsangelegenheiten und ließ ihr bei der Betreuung der Kinder freie Hand.
    Im selben Monat Februar gewann Dawson's Landing einen neuen Bürger, und zwar David Wilson, einen jungen Mann von schottischer Abstammung. Um sein Glück zu machen, war er aus seinem Geburtsort im Herzen des Staates New York bis in diese abgelegene Gegend gezogen. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren hatte er das College hinter sich und vor ein paar Jahren an einer Ausbildungsstätte Neuenglands ein Jurastudium absolviert.
    Nicht gerade hübsch, sommersprossig und rotblond, hatte der junge Mann doch gescheite blaue Augen, die Offenheit und Kameradschaft verhießen und verschmitzt zwinkern konnten. Wenn nicht eine unglückliche Bemerkung seinerseits gefallen wäre, hätte er zweifellos sofort eine erfolgreiche Karriere in Dawson's Landing begonnen.
    Doch er machte seine fatale Bemerkung gleich am ersten Tag, den er in der Stadt verbrachte, und sie «knebelte» ihn. Er hatte sich gerade mit mehreren Bürgern bekannt gemacht, als ein unsichtbarer Hund zu jaulen, knurren und heulen begann und sich äußerst unliebsam aufführte, worauf der junge Wilson, ganz wie einer, der laut denkt, äußerte: «Ich wollte, mir gehörte der halbe Hund!»
    «Warum?», fragte jemand.
    «Dann würde ich meine Hälfte umbringen.»
    Die Leute musterten neugierig, ja besorgt sein Gesicht, doch sie fanden dort keinen Aufschluss, keinen Ausdruck, den sie sich deuten konnten. Sie wichen vor ihm wie vor etwas Unheimlichem zurück und traten beiseite, um ihn durchzuhecheln. Einer meinte: «Scheint nicht ganz richtig im Kopf zu sein.»
    «Scheint?», sagte ein anderer. «Na, und ob der nicht ganz richtig ist.»
    « Sagt der doch, er wollte, ihm gehöre der halbe Hund, der Idiot», äußerte ein Dritter. «Was der wohl gedacht hat, was aus der anderen Hälfte wird, wenn er seine Hälfte umbringt? Meint ihr, er hat geglaubt, sie bleibt am Leben?»
    «Muss wohl so sein, wenn er nicht wirklich der größte Blödmann ist, den's gibt; denn hätte er's nicht geglaubt, würde er sich den ganzen Hund gewünscht haben, weil er ja weiß: Wenn er seine Hälfte umbringt und die andere Hälfte krepiert, dann ist es grad so gut, als hätte er die auch umgebracht. Seht ihr die Sache nicht auch so, Leute?»
    «Jawohl. Angenommen, ihm gehört eine Hälfte des gesamten Hundes, dann ist das so; angenommen, ihm gehört das Vorderteil des Hundes und einem anderen das Hinterteil, dann wäre das trotzdem so; besonders im ersten Fall, denn wenn man eine Hälfte eines gesamten Hundes umbringt, könnte kein Mensch sagen, wessen Hälfte das gewesen ist, aber wenn ihm das Hinterteil des Hundes gehörte, vielleicht könnte er dann das Hinterteil umbringen und
    «Nein, das geht auch nicht; könnte er nicht, ohne dafür verantwortlich zu sein, wenn dann das Vorderteil krepiert, und das würde es. Meiner Meinung nach ist bei dem eine Schraube locker.»
    «Und meiner Meinung nach sind bei dem alle Schrauben locker.»
    Nr. 3 sagte: «Er ist jedenfalls ein Schafskopf.»
    «Tatsache», bestätigte Nr. 4, «er ist ein Trottel - ein Obertrottel, so viel steht fest.»
    «Ja, Mann, er ist ein Vollidiot, so schätze ich ihn ein», äußerte Nr. 5. «Wer will, kann anderer Meinung sein, doch das ist meine Auffassung.»
    «Ich schließe mich Ihnen an, meine Herren», versicherte Nr. 6. «Ein ausgemachter Esel - ja, und es wäre nicht übertrieben, ihn einen Knallkopf zu nennen. Wenn der kein Knallkopf ist, dann weiß ich nicht, wer.»
    So hatte denn Mr Wilson seinen Titel weg. Der Vorfall wurde in der ganzen Stadt herumerzählt und von jedermann ernsthaft diskutiert. Innerhalb einer Woche hatte Wilson keinen Vornamen mehr; «Knallkopf» ersetzte ihn. Mit der Zeit erwarb er sich Achtung und auch Sympathie; aber da hatte sich der Spitzname schon zu fest eingebürgert, und er blieb an ihm haften. Jenes am ersten Tag gefällte Urteil stempelte ihn zum Narren, und er vermochte es nicht außer Kraft zu setzen oder auch nur zu mildern: Der Spitzname war schon bald mit keinem feindseligen oder unfreundlichen Gefühl mehr verbunden, doch er blieb ihm und sollte ihn zwanzig lange Jahre begleiten.
    KAPITEL 2
    Adam war auch nur ein Mensch - das erklärt alles. Ihn gelüstete nicht nach dem Apfel an und für sich; es gelüstete ihn nur nach dem Verbotenen. Der eigentliche Fehler war, den Apfel und nicht die Schlange zu verbieten; sonst hätte er nämlich die Schlange verspeist.
    Knallkopf Wilsons Kalender
    Bei seiner Ankunft besaß Knallkopf Wilson etwas Geld, und damit kaufte er am äußersten westlichen Stadtrand ein Häuschen. Zwischen diesem und Richter Driscolls Haus war nur ein Stück Rasen, und ein Lattenzaun teilte die Grundstücke in zwei Hälften. Er mietete unten im Städtchen ein kleines Büro und hängte ein Blechschild mit folgender Aufschrift nach draußen:
    DAVID WILSON
    Rechtsanwalt und Notar Gutachten, Eigentumsübertragungen usw.
    Doch seine fatale Bemerkung hatte seine Berufsaussichten zunichtegemacht - zumindest als Advokat. Es kamen keine Klienten. So nahm er denn nach einiger Zeit sein Schild wieder ab und hängte es an seinem eigenen Haus auf, nachdem er die juristischen Begriffe darauf getilgt hatte. Nunmehr bot er seine bescheideneren Dienste als Landvermesser und Wirtschaftsprüfer an. Hin und wieder erhielt er einen Vermessungsauftrag, und hin und wieder beauftragte ihn ein Kaufmann damit, seine Geschäftsbücher in Ordnung zu bringen. Mit schottischer Ausdauer und Beherztheit beschloss er, seinen Leumund zum Positiven zu wandeln und sich trotz allem seinen Weg zu einer Anwaltspraxis zu bahnen. Armer Kerl, er konnte ja nicht ahnen, dass es ihn eine so ermüdend lange Zeit kosten würde.
    Mit freier Zeit war er überreichlich versehen, aber sie wurde ihm nie zu lang, weil er sich für alles Neue, was das Universum der Ideen hervorbrachte, interessierte, es studierte und entsprechende Versuche in seinem Haus anstellte. Eins seiner liebsten Hobbys war die Chiromantie, die Kunst des Handlesens. Für ein anderes Steckenpferd hatte er keinen Namen und wollte auch keinem erklären, was der Zweck des Ganzen wäre, sondern äußerte nur, es sei ein Zeitvertreib. Er hatte nämlich herausgefunden, dass seine Hobbys seinen Ruf als Knallkopf festigten; deshalb hütete er sich mit der Zeit, allzu viel über sie verlauten zu lassen. Das Steckenpferd ohne Namen beschäftigte sich mit den Fingerabdrücken der Leute. In der Manteltasche hatte er ein flaches Kistchen mit Rillen, worin fünf Inch lange und drei Inch breite Glasplättchen steckten. Auf jedem der Plättchen war unten ein Streifen weißes Papier aufgeklebt. Er bat die Leute, sich mit den Händen durchs Haar zu fahren (damit sich auf diese Art eine dünne natürliche Fettschicht auf den Fingern bildete) und dann auf ein Glasplättchen einen Daumenabdruck zu setzen, gefolgt von den Abdrücken der anderen Fingerbeeren. Unter diese Serie schwacher Fettabdrücke machte er anschließend eine entsprechende Notiz auf den weißen Papierstreifen:
    «JOHN SMITH, rechte Hand»,
    und fügte das Datum hinzu, und dann nahm er die Abdrücke von Smiths linker Hand auf ein anderes Glasplättchen ab und fügte Namen, Datum und die Worte «linke Hand» hinzu. Die Plättchen wurden nun in das Kistchen zurückgesteckt und erhielten ihren Platz in der Sammlung, die Wilson seine «Kartei» nannte.
    Er blätterte oft in seiner Kartei, sah die Abdrücke prüfend durch und erforschte sie ganz gebannt bis spät in die Nacht hinein; aber was er dabei entdeckte, falls er etwas entdeckte, das offenbarte er keinem. Manchmal übertrug er das komplizierte und zarte Muster, das eine Fingerbeere hinterlassen hatte, aufs Papier und vergrößerte es dann ums Vielfache mit Hilfe eines Pantographen7, damit er das Kurvengewirr besser studieren konnte.
    Eines drückend heißen Nachmittags - es war der i. Juli 1830 - saß Wilson in seinem Arbeitszimmer, dessen Fenster nach Westen auf einen Streifen unbebauter Grundstücke blickte, über einigen chaotischen Geschäftsbüchern, als ihn eine Unterhaltung draußen störte. Sie wurde schreiend geführt, was verriet, dass die Leute, die sie führten, nicht beisammenstanden.
    «He, Roxy, wie geht's dei'm Kleinen?» Das war die entferntere Stimme.
    «Prima - und wie geht's dir, Jasper?» Diese geschriene Frage kam aus der Nähe.
    «Och, geht so; kann mich nicht beklagen. Ich komm dir bald mal schöne Augen machen, Roxy.»
    «Sieht dir ähnlich, du Schlammteufel du! Ha- haha! Hab was Bessres vor, als mich mit Niggern, so schwarz wie du einer bist, abzugeben. Der alten Miss Cooper ihre Nancy hat dich wohl abserviert?» Roxy ließ auf diesen Ausfall noch eine Salve ungezwungenen Gelächters folgen.
    «Bist eifersüchtig, Roxy; so steht's also mit dir, du Luder - hahaha! Jetzt hab ich dich erwischt!
    «Na klar, du hast mich erwischt, was? Meine Güte, Jasper, du platzt ganz sicher noch mal vor Einbildung. Wenn du mir gehörn tätst, würd ich dich den Fluss runter in 'n Süden verkaufen, denn du übertreibst's wirklich. Sobald ich dein Master treff, sag ich ihm das.»
    Das müßige und absichtslose Geplapper spann sich fort und fort, wobei beide Parteien ihren Spaß an dem freundschaftlichen Duell hatten und jede zufrieden war mit ihrem Anteil an dem witzigen Wortgefecht - denn für witzig hielten sie es.
    Wilson trat ans Fenster, um die Duellanten zu beobachten; während ihres fortwährenden Geschnatters konnte er sowieso nicht arbeiten. Drüben auf dem freien Platz saß Jasper, jung, kohlschwarz und prächtig gebaut, in der glühenden Sonne auf einer Schubkarre - er sollte vermutlich arbeiten, doch er bereitete sich erst einmal darauf vor, indem er sich ein Stündchen ausruhte, ehe er anfing. Vor Wilsons Veranda stand Roxy mit einem selbstgebastelten Kinderwagen, in dem ihre zwei Schützlinge einander gegenübersaßen -jeder an einem Ende.