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Der deutsche Genius

Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. -


Hochwertiges Ideenkompendium für Bildungshungrige

Peter Watson beschreibt die deutsche Geistes- und Kulturgeschichte vom Ende des Barock bis zur Gegenwart. Eine Zeitspanne, in der sich die politisch zersplitterte »späte Nation« zur Maßstab setzenden intellektuellen Großmacht erhob: Vor 1933 hatte das deutsche Geistesleben einen unangefochtenen Spitzenrang erreicht. Watson zeichnet diese Entwicklung im Detail nach und nimmt neben den Künsten und Geisteswissenschaften ebenbürtig die epochalen Errungenschaften der Naturwissenschaften in den Blick. Er begnügt sich aber nicht mit einer retrospektiven Bestandsaufnahme von Bach über Goethe zu Einstein, sondern zeigt an Köpfen wie Brecht, Adorno, Beuys und Habermas, dass es nach der NS-Katastrophe einen intellektuellen Neubeginn mit internationaler Ausstrahlung gegeben hat.

Portrait
Peter Watson, geboren 1943, studierte an den Universitäten von Durham, London und Rom. Er war stellvertretender Herausgeber von "New Science" und arbeitete vier Jahre lang für die "Sunday Times". Er war Korrespondent in New York für die "Times" und schrieb für den "Observer", die "New York Times", "Punch" und "Spectator". Er hat weit über ein Dutzend Bücher veröffentlicht, darunter »Das Lächeln der Medusa« (2001) und »Ideen« (2006). Von 1997 bis 2007 war er als Lehrbeauftragter am McDonald Institute for Archaeological Research der Universität Cambridge tätig.
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  • Vom Licht geblendet: Hitler, der Holocaust und die Vergangenheit,
    die nicht vergehen will
    Dank einem dieser sinnigen historischen Zufälle lebten im Jahr 2004 zwei deutsche Brüder zur selben Zeit in London. Beide kamen in hoch dotierten und einflussreichen Positionen zu Erkenntnissen über ihren temporären Wohnsitz, denen sie mit ein paar ausgesprochen spitzen Bemerkungen Ausdruck verliehen, und da sie sehr unterschiedlichen Berufen nachgingen, erreichten sie damit nicht einfach nur eine doppelte Wirkung.
    Thomas Matussek, der damalige deutsche Botschafter in London, beklagte in jenem Jahr öffentlich, dass sich der englische Geschichtslehrplan fast sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer exzessiv mit der Zeit des Nationalsozialismus befasste. Wie er festgestellt habe, seien viele Briten regelrecht »besessen« vom »Dritten Reich«, während nur sehr wenige Deutschland wirklich kennen würden. Das englische Geschichtscurriculum sei »unausgewogen«, habe nichts über die Erfolge der Bundesrepublik zu sagen und ignoriere die Wiedervereinigung ebenso wie andere Aspekte der deutschen Geschichte. Dem Guardian gegenüber erklärte er, es habe ihn ungemein überrascht, zu erfahren, dass »die Nazis eines der drei meistgewählten Themen beim A-Level« (Abitur) seien.1 Sein Bruder Matthias Matussek, zu dieser Zeit Londoner Korrespondent des Spiegel, ging noch einen Schritt weiter. Er fand es geradezu lächerlich, dass man Deutschland - das Land von Goethe, Schiller und Beethoven - auf die zwölf Jahre Naziherrschaft reduzierte. Spöttisch erklärte er, dass sich die englische Wesensart bis heute vom »Widerstand gegen Nazideutschland« nähre. Seine undiplomatische Formulierung führte zu einer vorübergehenden Eiszeit zwischen den Brüdern - dabei hatte sogar der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer zur nahezu gleichen Zeit englischen Lehrern vorgehalten, ein »seit drei Generationen überholtes« Bild von einem Deutschen zu verewigen, der »im Stechschritt marschiert«.
    Botschafter Matussek war nicht der Erste gewesen, der solche Beschwerden vorbrachte. i999 hatte sein Vorgänger Gebhardt von Moltke kurz vor seiner Verabschiedung als deutscher Botschafter in Großbritannien festgestellt, dass man den Eindruck habe, »als ende der Geschichtsunterricht in diesem Land mit dem Jahr 1945«. Auch die mangelnde Bereitschaft junger Engländer, die deutsche Sprache zu erlernen oder Deutschland zu besuchen, hatte er beklagt.2
    Die Bundesregierung scheint sich tatsächlich um das Image ihres Landes zu sorgen, jedenfalls um sein Bild in England. Im Juli 2003 veranstaltete das Goethe-Institut in London eine Konferenz, auf der diskutiert werden sollte, wie man das Ansehen der Bundesrepublik aufpolieren könnte, wie man sie als ein attraktives Reiseziel und als ein Land verkaufen könnte, in dem es sich gut studieren lässt, mit dem man gut Geschäfte machen kann und dessen Sprache zu erlernen sich lohnt. Das erinnerte an die Art und Weise, in der man kurz zuvor Quebec und Australien zu erfolgreichen »Marken« gemacht hatte. Eine Studie der Programmzeitschrift Radio Times, die in der Woche vor dem Beginn dieser Konferenz veröffentlicht worden war, hatte ergeben, dass im Lauf von nur sechs Tagen nicht weniger als dreizehn Sendungen zu »Themen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg« ausgestrahlt worden waren. Und eine Umfrage unmittelbar vor der Konferenz hatte erwiesen, dass 81 Prozent der befragten jungen Deutschen den Namen einer berühmten lebenden englischen Persönlichkeit kannten, aber ganze 60 Prozent der befragten Engländer keinen einzigen lebenden Deutschen benennen konnten.3 Im Oktober 2004 bezahlte die Bundesregierung zwanzig englischen Geschichtslehrern eine Deutschlandreise, samt Unterbringung in Spitzenhotels, um über genau solche Fragen zu diskutieren. Einer dieser Lehrer sagte: »Die Kids finden die Nazizeit eben spannend. Da passierte eine Menge. Da gab's jede Menge Gewalt.« So gesehen fand er die deutsche Nachkriegsgeschichte »etwas trocken«. Ein Kollege aus Newcastle hielt seine Schüler für »voreingenommen und desinteressiert. Es herrscht allgemein der Eindruck, dass alle Deutschen Nazis seien, die Liegestühle klauen: totale Karikaturen. Das Problem ist bloß: Wenn du ernsthaft nachhakst, dann haben sie überhaupt keine Meinung zu Deutschland«.4 Allen Anzeichen nach hat die Bundesregierung also durchaus Grund zur Besorgnis. Eine Studie stellte im Juli 2004 fest, dass 97 Prozent der Deutschen über Grundkenntnisse der englischen Sprache verfügen und 25 Prozent sie fließend beherrschen, wohingegen nur 22 Prozent unter den englischen Studenten irgendwelche Deutschkenntnisse besitzen und nur i Prozent von ihnen die deutsche Sprache fließend spricht. Während 52 Prozent der befragten jungen Deutschen bereits einmal in England gewesen waren, hatten nur 37 Prozent der jungen Briten jemals Deutschland besucht. 2003 ergab eine Untersuchung von Travel Trends, dass die Einwohner Großbritanniens in diesem Jahr 60 Millionen Auslandsreisen angetreten hatten, aber nur 3 Prozent nach Deutschland, was exakt den Reisen nach Belgien entsprach. Die Hälfte war in die Vereinigten Staaten gereist, ein Sechstel nach Frankreich und ein Siebtel nach Spanien. In den vier vorangegangenen Jahren war die Zahl der Deutschlandreisen unverändert geblieben, aber noch hinter die Zahl von Reisen nach Holland, Italien und Griechenland zurückgefallen.5
    Die Lage hatte sich insgesamt verschlechtert, wenn man das überhaupt noch so sagen kann: 1986 hatten 26 Prozent der befragten Briten Deutschland als den besten europäischen Freund Englands betrachtet, 1992 war diese Zahl auf 12 Prozent gefallen. Als die Briten 1977 gefragt worden waren, ob »der Nazismus oder etwas dieser Art« in Deutschland noch einmal Auftrieb bekommen könnte, hatten 23 Prozent mit Ja geantwortet, 61 Prozent mit Nein. 1992 hatte sich das Verhältnis umgekehrt: 53 Prozent antworteten mit Ja, 31 Prozent mit Nein.6 Ein Leitartikler des Daily Telegraph kam im Mai 2005 zu dem Schluss, dass Großbritannien sechzig Jahre nach dem »V-E-Day« (dem Tag des Sieges in Europa) »eine auf den Zweiten Weltkrieg fixierte Nation ist und immer mehr wird«7.
    Kurzfristig wird sich daran höchstwahrscheinlich nichts ändern lassen. Eine andere Umfrage, diesmal unter zweitausend Schülern aus privaten und staatlichen englischen Schulen, die im November 2005 veröffentlicht wurde, wies nach, dass »Tausende« von Vierzehnjährigen Deutsch als Fremdsprache zugunsten von »einfacheren Fächern« (wie Medienkunde) abgewählt hatten, seit die britische Regierung im Herbst 2004 Fremdsprachen in schulische Wahlfächer verwandelt hatte. Mehr als die Hälfte der befragten Schulen hatten den Deutschunterricht seither ganz abgeschafft. Eine 2007 publizierte Untersuchung ergab, dass die Zahl der englischen Institutionen, die Deutsch als Lehrfach anboten, seit 1998 um 25 Prozent und die Zahl der Studenten, die in London einen Bachelor in Deutsch gemacht hatten, um 58 Prozent gesunken waren.8
    Botschafter Matussek missfielen diese Befunde natürlich, aber er glaubte nicht, dass Fremdenfeindlichkeit dafür verantwortlich war - eher Unwissen. Allerdings betonte er, dass er das für eine »potenziell gefährliche« Entwicklung hielt, da Deutschland der wichtigste Handelspartner Großbritanniens war. »Es ist riskant, Vierzehnjährigen freizustellen, ob sie eine Sprache abwählen wollen.« Außerdem fänden Teenager Spanisch immer »einfach« und Deutsch »schwer«. »Die meisten Schüler denken dabei eher an die spanischen Strände als an die Museen und Schlösser in Deutschland.«
    Dass der deutsche Botschafter Grund zur Sorge über das »Ungleichgewicht« im englischen Lehrplan hatte, bestätigte sich, als die Qualification and Curriculum Authority (QCA) um die Weihnachtszeit 2005 in ihrem Jahresbericht zu dem Schluss kam, dass der Geschichtsunterricht an höheren Schulen »nach wie vor von Hitler dominiert wird. Es ist zu einer schrittweisen Einengung und >Hitlerisierung Botschafter Matussek hatte den Geschichtsunterricht an britischen Schulen also völlig zu Recht als »unausgewogen« bezeichnet. Aber hatte er auch recht, es auf die »Besessenheit« zurückzuführen, mit der Engländer sich an Nazi-Deutschland erinnerten? Mit Blick auf das eigene Land hatte er erklärt: »Die Menschen fahren nicht in die Ferien dorthin. Der Jugendaustausch ist eine Einbahnstraße Unsere jüngeren Generationen beginnen allmählich auseinanderzudriften und hören einander immer weniger zu. Über die Gründe dafür kann ich nur spekulieren. Aber ich spreche mit vielen Briten, und etwas höre ich immer wieder, nämlich, dass jedes Land einen Selbstfindungsprozess durchlaufen müsse. 1940 war Großbritannien mit einem letztlich übermächtigen Feind konfrontiert gewesen; nur weil es mit äußerster Anstrengung alle englischen Tugenden mobilisierte, gelang ihm schließlich die Kehrtwende. In der kollektiven Psyche spielt das eine große Rolle - zurückzublicken und zu wissen, dass man es wirklich schaffen kann. Was die Eroberung des amerikanischen Westens für den amerikanischen Mythos bedeutet, trifft in Großbritannien auf den Sieg über den Nazismus zu. Dass er sich mit dem Verlust des britischen Imperiums überschnitt, machte einigen bestimmt zu schaffen, aber er führte zu einer Obsession mit Deutschland, die wahrlich nicht immer lustig ist. Wir müssen unterscheiden zwischen geradezu komischen Klischees - wie in [den Fernsehserien] Dad's Army oder Fawlty Towers - und etwas, das tiefer sitzt. Aber es ist Schluss mit lustig, wenn ich höre, dass deutsche Kinder regelmäßig von englischen Jugendlichen verprügelt und misshandelt werden, nur weil diese keine Ahnung von Deutschland haben.«
    Auch diese Aussagen des Botschafters lassen sich durch unabhängige Studien belegen. 2004 wurden zehn- bis sechzehnjährige englische Schüler befragt, was sie mit Deutschland verbinden: 78 Prozent nannten den Zweiten Weltkrieg, 50 Prozent Hitler. Bei einer von der Universität Aberdeen durchgeführten Studie wurden Jugendlichen ab zwölf Jahren Fotografien von Personen gezeigt, ohne Hinweise auf deren Nationalität zu geben. Zwei Wochen später wurden ihnen dieselben Fotos noch einmal vorgelegt, doch diesmal sagte man ihnen, dass es sich um Deutsche handelte, und nun reagierten sie wesentlich negativer.
    Solche Reaktionen, sagte Matussek, seien ein spezifisch britisches Problem. »In anderen Ländern ist diese Einstellung nicht so allgemein verbreitet. Viele unserer Nachbarn haben eine Menge durchgemacht, wesentlich mehr als die Engländer. Doch von jungen Russen, jungen Polen oder jungen Tschechen bekommt man so etwas nicht zu hören. Vielleicht ist ein Land mit neun Nachbarn zu ständigen Kompromissen gezwungen und geht mehr auf Tuchfühlung als ein Land, das ein Inseldasein führt.«10
    Sein Bruder Matthias formulierte auch das drastischer: »Die Engländer tun so, als hätten sie Hitlers Horden im Alleingang geschlagen. Und sie betrachten uns immer noch als Nazis, so als müssten sie die Schlachten jeden Abend erneut schlagen [z. B. im Fernsehen]. Sie sind verhext von dieser Nazi-Dimension.« Gisela Stuart, eine in Deutschland geborene Abgeordnete aus Birmingham-Edgbaston, meinte, dass die Matusseks »völlig recht haben, wenn sie sagen, dass die Briten immer noch von der Nazizeit besessen seien«.11
    2006 publizierte John Ramsden, Professor für neuzeitliche Geschichte an der Londoner Queen Mary University, ein ganzes Buch (Don't Mention the War) über die deutsch-englischen Beziehungen seit 1890. Er stellte fest, dass es im Lauf dieser Zeit zwar immer wieder zu Spannungen gekommen war - um die Jahrhundertwende, im Vorfeld des Ersten Weltkriegs und natürlich während dieses Krieges -, dass die Briten Deutschland zur Weimarer Zeit jedoch hoch geschätzt und nicht einmal während des Zweiten Weltkriegs ein solches Ausmaß an Hass bewiesen hätten wie im Ersten (da es diesmal eher ein Kampf der Ideologien als der Völker gewesen sei). Nach 1945 seien die Spannungen jedoch durch Filme und Romane am Leben erhalten worden, mit tatkräftiger Unterstützung der Thatcher-Regierung, zu deren Amtszeit England »mehr offen antideutsche Vorurteile unter den Regierenden erlebte als zu jeder anderen Zeit seit 1945«.12 Ramsden kam zu dem Schluss, dass der Sieg über Deutschland »noch immer wesentlich für die Identität der Briten ist und definiert, wer sie sind und wie sie es wurden«.13
    Diese Obsession zeigt auch keine Abschwächungstendenzen. Im Juli 2005 wurde der bayerische Kardinal Joseph Ratzinger Papst. Am nächsten Tag erschien das Londoner Boulevardblatt Sun mit der Schlagzeile »Von der Hitlerjugend zum Papa Ratzi«. Andere Regenbogenblätter reagierten ähnlich. Der Daily Mirror zum Beispiel zitierte in einem Artikel über das Verhalten des neuen Papstes im Nationalsozialismus die Aussage einer vierundachtzigjährigen Frau aus dessen Heimatort Marktl am Inn: Im Gegensatz zu der Behauptung seiner Heiligkeit, er habe gar keine andere Wahl gehabt, als sich der Hitlerjugend anzuschließen, sei es durchaus »möglich gewesen, Widerstand zu leisten«. Ihr eigener Bruder habe sogar den Kriegsdienst verweigert und sei wegen seiner Ansichten ins KZ Dachau geschickt worden.14
    Der Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner war außer sich. In einem offenen Brief erklärte er der englischen Boulevardpresse, wer die britischen Massenblätter lese, müsse denken, Hitler sei Papst geworden. Die englischen Schlagzeilen würden nach Schwefel stinken, nach faulen Eiern, so etwas könne eigentlich nur dem Teufel oder komplexbeladenen Engländern einfallen.
    Botschafter Matussek scheint in beiden Fällen recht gehabt zu haben: England ist besessen vom Nationalsozialismus, und der Geschichtsunterricht in englischen Schulen ist unausgewogen und zu sehr auf die Jahre 1933 bis 1945 fokussiert. Doch die Faszination, die das »Dritte Reich« ausübt, hat mehr bewirkt als nur ein Ungleichgewicht im britischen Curriculum oder das Besessensein von den zwölf Jahren Diktatur in Deutschland: Beides trug zur ignoranten Einstellung gegenüber den Realitäten in der heutigen Bundesrepublik bei. Gut möglich, dass der Sieg über den Nationalsozialismus mittlerweile zu einem festen Bestandteil der britischen Identität wurde, wie beide Matusseks meinten. Andererseits ist man sich in England heute viel bewusster, dass die nationalsozialistische Periode eine Hürde darstellt, einen Stolperstein, einen Reflektor. Sie hindert uns Briten daran, über die Zeit hinauszublicken, die den englischen Geist für alles Deutsche verschloss, und die Vergangenheit des außergewöhnlichen Landes zu betrachten, das Deutschland vor Hitler - diesem Produkt der Wiener Gosse - gewesen war, und welches er vom Moment seines Amtsantritts an auf so schockierende und beispiellose Weise zu zerstören begann. Russen, Polen und Tschechen mögen vielleicht nicht ganz so besessen sein wie Briten, aber Verblendung herrscht auch in anderen Ländern. Wo man hinsieht: Hitler macht nicht nur immer noch Geschichte, er entstellt sie auch nach wie vor.
    Am 20. Februar 2006 wurde der auf den Zweiten Weltkrieg spezialisierte englische Historiker David Irving in Österreich wegen Holocaust- Leugnung zu drei Jahren Haft verurteilt. Er hatte sich schuldig bekannt, bei zwei Reden, die er im Jahr 1989, sechzehn Jahre vor seinem Prozess, in Österreich gehalten hatte, bestritten zu haben, dass Hitler etwas vom Holocaust und dem Mord an Millionen Juden gewusst habe. In Österreich, wo Irving im November 2005 bei einem neuerlichen Einreiseversuch an der Grenze verhaftet wurde, steht die Leugnung des Holocaust seit 1946 unter Strafe. Die rechtlichen Grenzen hatte Irving allerdings bei Weitem nicht das erste Mal überschritten. Von Kanada bis Südafrika hatten ihm bereits ein Dutzend Länder, in denen er seine Ansichten zu verbreiten versuchte, Einreiseverbote erteilt. Im Jahr 2000 wurde er in England in den Bankrott getrieben, weil er einen Verleumdungsprozess gegen die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt angestrengt und verloren hatte. Lipstadt hatte ihn in ihrem Buch Denying the Holocaust als einen der schlimmsten Übeltäter gebrandmarkt. Er wurde zur Zahlung von drei Millionen Pfund verurteilt und sah sich gezwungen, sein Haus im eleganten Londoner Bezirk Mayfair zu verkaufen.15
    Der Prozess gegen Irving fand knapp zwei Monate nach der Rede statt, in der der iranische Präsident Mahmut Ahmedinejad den Holocaust das erste Mal als einen »Mythos« bezeichnet und die Ermordung von sechs Millionen Juden im Nationalsozialismus zur Mär erklärt hatte. Bedenkt man, wie brandgefährlich diese Aussage im Kontext der Politik Vorderasiens und des Nahen Ostens ist, so lässt sie sich streng genommen nicht mit Irvings Behauptung vergleichen - abgesehen davon pflegen wir von Politikern (bedauerlicherweise) nicht das gleiche Maß an Aufrichtigkeit zu erwarten wie von Historikern. Doch ihre fast gleichlautenden Leugnungen verdeutlichen, dass der Holocaust noch heute, über sechzig Jahre danach, in den Brennpunkt der Debatten gerät und weiterhin geraten wird. Da stellt sich die Frage: Sind wir Briten, die wir allem Anschein nach so besessen sind von Hitler, ebenso besessen vom Holocaust?
    Auf den ersten Blick mag einem das als eine gewagte und völlig gefühllose Frage erscheinen. Wie könnte die Ermordung von sechs Millionen Menschen - umgebracht, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehörten - jemals nicht im Brennpunkt von Debatten stehen und nicht im kollektiven Gedächtnis verankert sein, ganz unabhängig davon, wie lange diese Tat zurückliegt? Doch hier geht es noch um etwas ganz anderes, nämlich um die Tatsache, dass der Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg so viele Jahre lang nicht im Brennpunkt gestanden hatte und erst in den letzten Jahrzehnten in einem Maße ins Blickfeld rückte, bei dem man zwar vielleicht noch nicht von Besessenheit sprechen kann, das aber doch - insbesondere in den Vereinigten Staaten - so »fokussiert« ist, dass es den Blick auf die Vergangenheit ebenfalls trübt. Davon wird hier noch ausgiebig die Rede sein.
    Der Holocaust: Die Pflicht des Erinnerns, das Recht auf Vergessen
    Der amerikanische Historiker Peter Novick untersuchte in seiner besonnenen Studie The Holocaust in American Life (1999; Nach dem Holocaust: Der Umgang mit dem Massenmord, 2001) die Frage, warum »der Holocaust in der amerikanischen Kultur der 1990er Jahre eine derartige Bedeutung erlangt hat«. Er beginnt mit der Feststellung, dass historische Ereignisse im Allgemeinen kurz nach ihrem Auftreten am heftigsten diskutiert würden, »um dann nach und nach aus dem Zentrum des Bewußtseins« und rund vierzig Jahre später »in einem dunklen Erinnerungsloch« zu verschwinden, »in dem nur noch Historiker herumstöbern«.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 1022
Erscheinungsdatum 11.10.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-570-01085-3
Verlag C. Bertelsmann
Maße (L/B/H) 23,4/16,2/5,6 cm
Gewicht 1240 g
Originaltitel The German Genius
Übersetzer Yvonne Badal
Buch (gebundene Ausgabe)
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