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Der Zorn der Wölfe

Roman


Das große Abenteuer-Epos aus China

Der Student Chen Zhan wird während der Kulturrevolution in den 60er Jahren in die Innere Mongolei geschickt, um dort das Leben der Viehzüchter kennenzulernen. An der Seite seines Lehrers Bilgees trotzt er den Witterungen, und er erhält Einblick in die Mythen und Traditionen des mongolischen Volks. Vor allem aber macht er Bekanntschaft mit den Wölfen, deren Klugheit und Mut die Mongolen immer fasziniert haben – und bald verbindet ihn eine tiefe Liebe zu einem Wolfsjungen. Doch Unheil kündigt sich an, als die Chinesen das wirtschaftliche Potenzial der Steppe wittern: Profitgier droht das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur zu zerstören ...

Portrait
Jiang Rong wurde 1946 in der südchinesischen Provinz Jiangsu geboren. 1967 meldete er sich freiwillig zum Arbeitseinsatz in der Mongolei, wo er elf Jahre verbrachte. Sein Buch "Der Zorn der Wölfe", an dem er sechs Jahre lang schrieb, sorgte auf Anhieb international für Furore. Es wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und 2015 unter dem Titel "Der letzte Wolf" für das Kino verfilmt.
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  • „Es ist ein Wunder, dass ich am Leben bin.“
    Über den chinesischen Autor Jiang Rong und seinen Roman „Der Zorn der Wölfe“.

    Im Norden Pekings, hinter dem Gebirgszug mit der Großen Mauer, frisst sich, wenige Autostunden von den Vororten der Metropole entfernt, die Wüste ins Land. Wo sich heute die karge Steppe ausbreitet, erstreckten sich noch vor einem halben Jahrhundert schier unermessliche Weideflächen. »Wir waren die erste große Gruppe Han-Chinesen, die dort eintraf«, erinnert sich der Autor Jiang Rong an seine Ankunft in der Inneren Mongolei 1967. »In dieser Gegend hatten die Menschen ihr Leben als einfache Nomaden bewahrt, und man konnte sämtliche Landschaftsformen vorfinden: Seen, Flüsse, Grasland und auch einige Sandflächen. Die Dichte der Bevölkerung war gering. Als wir ankamen, gab es lediglich 800 Menschen. Unsere Gruppe umfasste ungefähr 100 Leute.« In seiner Ursprünglichkeit haben dieses Weideland nur wenige Chinesen je kennengelernt - es ist die Heimat der mongolischen Nomaden.
    Die Mongolen bilden innerhalb des chinesischen Volkes eine ethnische Minderheit, und im Westen würde kaum jemand vermuten, dass es gerade diese Minderheit ist, um deren Charakter in China heftige Debatten entbrannt sind. Ausgelöst hat sie Jiang Rong mit seinem autobiographischen Roman »Der Zorn der Wölfe« (»Lang Tuteng«, deutsch: Wolftotem). Jiang Rong schildert darin aus der Perspektive seines Alter Egos Chen Zhen seine Erfahrungen in der Inneren Mongolei, wo er von 1967 bis 1978 als Schafhirte sein Leben mit den Nachfahren Dschingis Khans teilte. Ungewöhnlich scharf kritisiert er in seinem Buch die Eigenschaften der größten Volksgruppe Chinas, der Han-Chinesen, und deren Raubbau an der Natur. »Der Zorn der Wölfe« sorgte für eine literarische Sensation: Seit Erscheinen im April 2004 wurden in China offiziell mehr als 2,6 Millionen Exemplare verkauft, zusätzlich geht man von etwa 20 Millionen Raubkopien aus. Damit ist »Der Zorn der Wölfe« in China zu einem der meistgelesenen Bücher aller Zeiten avanciert und in seiner Verbreitung wohl nur von der Mao-Bibel übertroffen.
    Dass der Druck des Buches von der chinesischen Zensurbehörde überhaupt erlaubt wurde, verdankt der Autor der Wahl des Pseudonyms Jiang Rong: »Ich war überrascht, dass die Regierung meine wahre Identität erst so spät herausfand. Wenn bekannt gewesen wäre, dass ich das Buch geschrieben habe, wäre es verboten worden.« Denn Lu Jiamin, so sein richtiger Name, wurde in seinem Leben viermal als Konterrevolutionär verfolgt und verbrachte mehrere Jahre als politischer Gefangener in Haft. Sein Buch war in China schon auf dem Weg, alle Bestsellerrekorde zu brechen, da wusste noch immer nur eine Handvoll Eingeweihter, wer hinter dem Pseudonym steckte. Jiang Rong gab zwar Interviews, ließ aber nie ein Foto von sich veröffentlichen. Doch als ihm am 10. November 2007 für »Der Zorn der Wölfe« der erste Man Asian Literary Prize verliehen wurde, ließ sich seine Identität nicht länger verheimlichen - zu groß waren das Interesse der Medien am Preisträger und das Renommee des Stifters: Der Man Asian Literary Prize verfolgt das Ziel, neue asiatische Autoren ins Blickfeld des internationalen Literaturbetriebes zu rücken, und wird von der Man Group vergeben, die den bedeutenden Man Booker Prize ins Leben gerufen hat. »Jetzt verstecke ich mich nicht mehr vor den ausländischen Medien«, sagt Jiang Rong. »Und in China ist meine Identität im Internet ohnehin ein offenes Geheimnis.«
    Jiang Rong wurde 1946 in der Provinz Jiangsu geboren, seine Eltern waren engagierte Mitglieder der Kommunistischen Partei. Nach dem frühen Tod seiner Mutter zog er im Alter von elf Jahren mit dem Vater nach Peking. Mit 20 Jahren schloss er sich den Rotgardisten an, doch bald schon geriet er in einen unlösbaren Konflikt: Seit seiner Kindheit hegte er eine Leidenschaft für Literatur, und nun sollte er aus politischer Überzeugung Bücher verbrennen, die als konterrevolutionär galten. Er versteckte rund 200 verbotene Bücher in zwei großen Koffern - darunter Klassiker der Weltliteratur von Balzac, Puschkin, Tolstoi und Jack London. »Zu diesem Zeitpunkt waren wir von der Kulturrevolution desillusioniert. Wir verspürten das Bedürfnis, aufs Land zu gehen. In ihren Forschungsberichten über Weideland schrieben einige Experten, die drei schönsten Grasflächen der Welt lägen in Russland, in den Vereinigten Staaten und in der Inneren Mongolei. Die ersten beiden hatten sich bereits in Wüsten verwandelt, allein das Grasland der Inneren Mongolei existierte noch.« Bevor Mao Zedong Millionen von Studenten und Intellektuellen zur Umerziehung aufs Land schickte, verließ Jiang Rong als einer der ersten Freiwilligen Peking und reiste mit seinen Koffern voll Bücher ins Olonbulag-Grasland.
    »Als wir in der Inneren Mongolei eintrafen, waren viele Studenten wegen der Lebensbedingungen dort niedergeschlagen. Ich hingegen war begeistert, weil ich die Weideflächen und den Schnee liebte. Jeder von uns bekam ein Pferd und wir gingen auf die Jagd. Ich erfuhr eine wilde, raue Freiheit. Jeder sollte diese Art von Freiheit erleben«, schwärmt Jiang Rong. Mit großem Interesse beobachtete er die Bräuche und Rituale der Mongolen. Am meisten faszinierte ihn das komplizierte Wechselverhältnis zwischen Menschen, Schafen und Wölfen. Jiang Rong erforschte das Leben der Wölfe, ihre Sozialstrukturen und Jagdgewohnheiten und versuchte sogar, selbst einen jungen Wolf großzuziehen. Anders, als er es erwartet hätte, verteufelten die Nomaden die Wölfe nicht, sondern brachten ihnen großen Respekt und Bewunderung entgegen. »Die Wölfe«, erläutert Jiang Rong, »spielen aus ökologischer Sicht eine wichtige Rolle bei der Erhaltung des Weidelandes. Seit alters haben die Mongolen die Wölfe als Bewahrer des Weidelandes geachtet.«
    Zurück in Peking, absolvierte Jiang Rong die Aufnahmeprüfung zum Masterstudium an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften und schlug eine akademische Laufbahn ein. Aber der heute 62-jährige emeritierte Professor für Wirtschaftspolitik gibt über die letzten 30 Jahre seines Lebens kaum etwas preis. Fest steht, dass er Ende der 70er Jahre maßgeblich an der »Xidan-Bewegung«, der sogenannten »Mauer der Demokratie«, beteiligt war und 1989 eine wichtige Rolle bei den Demonstrationen spielte, die im Zug auf den Tian'anmen-Platz gipfelten. »Es ist ein Wunder, dass ich noch am Leben bin«, kommentiert er knapp die Gerichtsurteile, die gegen ihn verhängt wurden. Während all dieser Zeit ließen ihn seine Erlebnisse in der Mongolei nicht los. Immer stärker wurde sein Drang, über die faszinierenden Landstriche und wilden Tiere, über das Leben der Nomaden im Einklang mit der Natur und seine eigenen Begegnungen mit den Wölfen zu schreiben. Er wollte seinen Landsleuten vermitteln, dass Freiheit existenziell für das Überleben eines Volkes ist, und die Wölfe repräsentierten für ihn auf ideale Weise diesen Freiheitsgeist. Er trug das Material von 25 Jahren intensiver Recherche zusammen und machte sich ans Schreiben. Sechs Jahre lang habe er derart besessen an seinem Buch gearbeitet, dass sie ernsthaft um seine Gesundheit besorgt gewesen sei, berichtet Jiang Rongs Ehefrau, die bekannte chinesische Schriftstellerin Zhang Kangkang. Bis heute müsse sich ihr Mann von den Strapazen erholen.
    »Der Zorn der Wölfe« ist Roman, anthropologischer Forschungsbericht, Naturstudie, Lehrstück und politischer Aufruf zugleich. »Das Buch untergräbt die Erwartungen der Leser. Es spaltet sie in zwei Parteien und bringt sie dazu, darüber nachzudenken und darüber zu reden«, sagt Jiang Rong. Hitzige Kontroversen haben vor allem seine provokanten anthropologischen The i en über den Wolfs- und Schafscharakter der Menschen entfacht: Jiang Rong verurteilt die ethnische Mehrheit der Han-Chinesen für ihren trägen Gehorsam und ihre Ignoranz gegenüber der Umweltzerstörung. Mit ihrem Schafscharakter blieben die Han-Chinesen anderen Völkern immer unterlegen, es sei denn, sie lernten wie die Mongolen, sich die Charaktereigenschaften der Wölfe anzueignen: Freiheit, Unabhängigkeit, Konkurrenzgeist, Zähigkeit und Teamfähigkeit. In den Medien und unter Intellektuellen werden diese Thes en ausführlich diskutiert. »Diejenigen, denen mein Roman gefällt, vergöttern mich. Sie behaupten, das Buch sei eine der besten Veröffentlichungen der letzten 200 Jahre und sollte zur Bibel der Chinesen erhoben werden. Diejenigen, denen mein Buch nicht gefällt, wollen mich umbringen«, weiß der Autor. Während die einen ihn als Liberalen, Konterrevolutionär, Verräter und Faschist beschimpfen, setzen andere seine Ideen bereits in die Praxis um und wenden seine Erkenntnisse über Wolfsstrategien bei der Ausbildung von politischen Führungskräften, Soldaten und Geschäftsleuten an. Diesen Trend erklärt Jiang Rong mit der Veränderung des ökonomischen Systems: »Die Menschen jedes neuen Zeitalters brauchen einen neuen Geist, ein neues Totem und neue Modelle, die sie wachrütteln. Früher erforderte das chinesische Wirtschaftssystem keinen Konkurrenzgeist, es verlangte Gehorsam. Heutzutage braucht die Wirtschaft Wettbewerbsfähigkeit, Mut, Freiheit und Unabhängigkeit. Dieses Buch hat die Gesellschaft beeinflusst. Der Wolf ist zum neuen Totem geworden, zum neuen Symbol einer ganzen Ära.«
    Aus der Inneren Mongolei ist das Totemtier des neuen Zeitalters verschwunden. Die Wölfe wurden ausgerottet, die Kultur des Nomadenvolkes ist dem Untergang geweiht. »In Zukunft werden wir unsere größten Kämpfe nicht zwischen Ländern oder Völkern austragen, sondern gegen die Umweltzerstörung führen. Naturkatastrophen werden die Länder zur Zusammenarbeit zwingen. Es versetzte mich in Schrecken zu erleben, wie ein Ökosystem, das seit Jahrtausenden bestanden hatte, in nur einem Jahrzehnt zu Staub zerfiel. Mein Buch ist eine Lektion für die Welt.«
    Elke Kreil

    Der Zorn der Wölfe – ein Festmahl für die Sinne
    Vorwort des Herausgebers der chinesischen Ausgabe

    Vor mehr als dreißig Jahren zog der Autor des vorliegenden Buchs, Jiang Rong, als einer der jungen Intellektuellen aus Peking freiwillig in die Innere Mongolei, um an der Grenze zur Äußeren Mongolei, auf dem Olonbulag-Grasland, bei den Viehzüchtern zu leben. Elf Jahre später, im Jahr 1979, kehrte er als Student der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in die Hauptstadt zurück. Auf dem Grasland hatte er sich in einen Wolfsbau gewagt, Wolfsjunge aus der Höhle geholt und einen jungen Wolf großgezogen. Er kämpfte gegen Wölfe und lernte ihre weiche, zärtliche Seite kennen. Mit seinem geliebten Zögling, dem kleinen Wolf, teilte er Freud und Leid, und in der gemeinsam verbrachten Zeit lernte der damals junge Mann das »geistige Nomadenleben« kennen.
    Die Arglist und Weisheit der Wölfe, ihre hohe Kriegskunst und ihr unbeugsamer Charakter, die Liebe und der Hass der Graslandbewohner und die magische Anziehungskraft der Wölfe haben Jiang Rong dazu bewegt, mit dem Wolf eine untrennbare Verbindung einzugehen. Es war der Wolf des mongolischen Graslands, der ihn zur Lösung eines Rätsels führte: Der Wolf ist den Völkern des Graslands Urahn, Lehrmeister, Kriegsgott und Vorbild zugleich. Wölfe kennen Teamgeist und Verantwortung für die Sippe, es sind weise, zähe Kreaturen. Im Kampf gegen Wolfsrudel trainierten mongolische Krieger ihr Können; Wölfe waren es, die das Grasland vor ökologischen Katastrophen schützten, und Nomadenvölker zollen dem Tier schon seit Jahrhunderten höchste Verehrung. Bei der althergebrachten Himmelsbestattung der Mongolen werden die fleischlichen Überreste der Toten von Wölfen gefressen.
    Und dann sind da noch das Wolfsgeheul, die Wolfsohren, die Wolfsaugen, die Wolfsnahrung, der Wolfsrauch, die Wolfsbanner.
    All das hat den Autor so sehr in seinen Bann gezogen, dass er mehr als dreißig Jahre über den Wolf nachgedacht, geforscht und schließlich diesen Roman geschrieben hat, der von Mensch und Natur, von Menschlichkeit und Wolfseigenschaften, vom »Dao« der Wölfe und des Himmels handelt.
    »Der Zorn der Wölfe« erzählt viele Geschichten, die den Leser geheimnisvolles Neuland betreten lassen. Auf jeder Seite scheinen die magischen Wölfe so lebendig zu werden, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag: wie sie die hohe Kunst der Erkundung von Terrain, des Bildens von Kampfformationen, der Überfälle und Überraschungsangriffe ausüben, wie sie die Klima- und Geländeverhältnisse geschickt zu nutzen wissen, wie gefasst sie dem Tod ins Auge sehen und sich nie aufgeben, wie innig die Liebe und Freundschaft zwischen den Mitgliedern eines Rudels und in einer Wolfsfamilie sind. Wie eng die Existenz der Wölfe mit der anderer Bewohner des Graslands verbunden ist, und wie der um seine Freiheit betrogene kleine Wolf, ein trotziges und liebenswertes Tier, unter schwierigen Bedingungen heranwächst.
    »Der Zorn der Wölfe« regt uns zum Nachdenken über uns selbst an: Wie konnte eine Armee von nur etwas mehr als einhunderttausend mongolischen Kriegern über Eurasien hinwegfegen? Was waren die tiefer liegenden Gründe für das Zustandekommen des riesigen chinesischen Territoriums? Hat die chinesische Zivilisation die Nomadenvölker erobert, oder verdanken vielmehr die Chinesen das Fortbestehen ihrer Zivilisation den wiederholten Vermischungen mit den Nomadenvölkern? Warum verehren die Reitervölker Chinas bis heute nicht ein Pferdetotem, sondern das Wolftotem? Hat es in China von jeher eine Kultur gegeben, in der das Wolftotem verehrt wurde, und ist dies der Grund, dass sich die chinesische Zivilisation ohne Unterbrechungen erhalten hat?
    Dies ist bis heute der einzige Roman, in dem der Wolf des mongolischen Graslands beschrieben und erforscht wird. Seine Lektüre ist ein Festmahl der Sinne. Die Grasebene der Nomaden, über die einst mongolische Kavallerien galoppierten und Wolfsrudel hinwegfegten, verschwindet oder ist schon verschwunden. Alle Legenden und Geschichten, die sich um den Wolf ranken, verblassen mehr und mehr. Ohne diesen Roman blieben uns und künftigen Generationen einzig Schriftzeugnisse, in denen der Wolf Zielscheibe moralischer Verurteilungen und vernichtender Schmähungen wird. Ohne dieses Buch wäre der Wolf des mongolischen Graslands unserer Erde und der Menschheit so fern wie die dunkle Materie im All und blickte gleichsam ungerührt auf uns Unwissende herab.
    Die Natur wird drangsaliert, immer mehr Arten sterben aus, und der Mensch scheint nur mehr passiver Beobachter. Was den Wolf betrifft, haben die Gelehrten seit alters her für dieses Raubtier nur Furcht und Ablehnung übrig, und die chinesische Literatur verbreitet Missverständnisse und Vorurteile. Dem Wolf ein Werk zu widmen, sich mit ihm zu verbünden und nach der Wahrheit zu suchen, das schien ausgeschlossen - bis Jiang Rongs Roman uns alle in den Bann geschlagen hat.
    An Boshun, März 2004

    Der Zorn der Wölfe

    Chen Zhen kauerte hinter dem schützenden Schneewall und fing mit seinem Fernglas den stechenden Blick der Wölfe ein. Wieder stellten sich seine Haare auf wie Wildschweinborsten, als wollten sie verhindern, dass sein Hemd am Körper festklebte. Der alte Bilgee an seiner Seite wirkte immerhin so beruhigend auf Chen Zhen, dass der junge Mann diesmal nicht das Gefühl hatte, die Seele verlasse seinen Körper.
    Auch in seinem zweiten Jahr in der mongolischen Grasebene fürchtete Chen Zhen Riesenwölfe, ganz zu schweigen von vollständigen Wolfsrudeln. Tief in den Bergen und weit vom Lager entfernt auf ein so großes Rudel zu stoßen ließ den kalten Atem vor seinen Lippen zittern. Denn sie hatten kein Gewehr dabei, kein Schwert, keine Stangen, wie man sie für die Wagen verwendete, ja nicht einmal Steigbügel. Ihnen standen nur zwei Gerten zur Verfügung. Wenn also das Wolfsrudel ihre Witterung aufnähme, würde ihnen möglicherweise eine vorzeitige Himmelsbestattung zuteil. Chen Zhen schauderte, keuchte leise und sah den alten Mann mit schräg gelegtem Kopf an.
    Bilgee beobachtete das Umfeld des Wolfsrudels mit seinem eigenen Fernglas. »Mit so wenig Mut kommst du nicht weit«, raunte er Chen zu.
    »Ihr Chinesen seid wie die Schafe - ihr habt eine Heidenangst vor Wölfen, darum zieht ihr immer den Kürzeren.« Als Chen schwieg, dämpfte der alte Mann seine Stimme weiter: »Sei nicht so ängstlich - und sei vor allen Dingen still. Das kleinste Geräusch kann uns den Spaß verderben.«
    Chen Zhen nickte. Er griff eine Handvoll Schnee und drückte das kalte Weiß zu einem kleinen Ball zusammen.
    Am Hang gegenüber weidete eine Herde Mongolischer Gazellen, wachsam zwar, doch noch schienen sie des Wolfsrudels nicht gewahr zu sein. Der Kreis der Wölfe zog sich immer enger um den Schneewall der beiden Männer zusammen. Chen Zhen wagte kaum zu atmen, er schien selbst zu einem Eiszapfen erstarrt.
    Der alte Bilgee war der bekannteste Jäger auf dem Olonbulag, doch ging er selten auf die Jagd. Und wenn er es tat, jagte er Füchse, keine Wölfe. Es war die Zeit, in der die Menschen mit der Kulturrevolution beschäftigt waren und das Viehzüchter- und Jägerleben fast wie eine vom Schneesturm zerstreute Schafherde außer Kontrolle geraten war. In diesem Winter, als große Herden von Gazellen über die Grenze auf das Olonbulag gewandert waren, wollte Bilgee endlich sein Versprechen einlösen, Chen möglichst nah an ein Wolfsrudel heranzuführen. Er wollte so seinen Mut auf die Probe stellen und ihm etwas über die Raubtiere beibringen.
    Dies war bereits die dritte Begegnung Chens mit Wölfen, doch der Schreck vom ersten Mal jagte ihm jetzt noch einen Schauer über den Rücken.
    Als Chen Zhen vor knapp zwei Jahren zur grenznahen Produktionsgruppe der Viehzüchter in die Innere Mongolei versetzt worden war, schrieben sie bereits Ende November, und das weite Olon-Grasland, das Olonbulag, war tief verschneit. Unterkünfte für die jungen Intellektuellen aus der Stadt gab es noch nicht, also wurde Chen Zhen erst einmal beim alten Bilgee untergebracht und sollte als Schäfer arbeiten. Nach etwas mehr als einem Monat brach er mit dem Alten zu einem ungefähr achtzig Li weiten Ritt auf, um Studienmaterial abzuholen und ein paar Dinge einzukaufen. Als sie sich auf den Rückweg machen wollten, wurde der alte Mann in seiner Eigenschaft als Mitglied des Revolutionskomitees der Viehzüchter aufgehalten, und da das Material im Hauptquartier sofort gebraucht wurde, musste Chen allein zurückreiten. Der alte Mann stellte ihm sein schnelles und erfahrenes schwarzes Pferd zur Verfügung und schärfte dem Jüngeren ein, auf keinen Fall Abkürzungen zu nehmen, sondern den Spuren der Wagen auf den großen Wegen zu folgen. Da sich alle zwanzig bis dreißig Li Jurten-Lager befanden, sollte er die Reise ohne Zwischenfälle bewältigen können.
    Auf dem Rücken des Mongolischen Pferdes spürte Chen Zhen sofort dessen unbändige Kraft, die nach einem schnelleren Tempo verlangte. Als er von einem Hügel aus den Berg Chaganuul erspähte, in dessen Nähe die Brigade stationiert war, verwarf er die Warnung des alten Mannes und nahm die Abkürzung querfeldein.
    Es wurde langsam kühl, und ungefähr auf halbem Weg verschwand die Sonne wie vor Kälte zitternd hinter dem Horizont. Eisiger Nebel stieg aus der Steppe auf, und die lederne Tasche, die Chen Zhen am Körper trug, war bereits steif gefroren und knirschte bei jeder seiner Bewegungen. Das Pferd war bedeckt mit weiß gefrorenen Schweißperlen, seine Hufe sanken tief in den Schnee ein, seine Schritte wurden immer langsamer. Ringsum erhob sich ein Hügel hinter dem anderen, sie waren umgeben von Ödnis, nicht die kleinste Rauchfahne war zu sehen. Das Pferd trottete ruhig und gleichmäßig voran, also ließ Chen Zhen die Zügel locker, um es dem Tier selbst zu überlassen, seine Kraft einzuteilen und die Geschwindigkeit und Richtung zu bestimmen. Doch mit einem Mal, ohne ersichtlichen Grund, bekam der junge Mann Angst: Angst, das Pferd könnte sich verlaufen, Angst vor einem Wetterumschwung, Angst vor einem Schneesturm, Angst davor, auf dem winterlichen Grasland zu erfrieren - nur daran, Angst vor Wölfen zu haben, dachte er nicht.
    Plötzlich wurden die gleichmäßigen Schritte des Pferdes sprunghaft, es schüttelte den Kopf, schnaubte und richtete seine Aufmerksamkeit auf etwas hinter dem unmittelbar vor ihnen liegenden Pass. Chen Zhen, der zum ersten Mal allein mit einem Pferd im Wald unterwegs war, konnte die Unruhe des Pferdes nicht deuten, auch dann nicht, als es nervös die Nüstern blähte, seine Augen aufriss und in die andere Richtung davonlaufen wollte. Chen begriff nicht, was das Tier instinktiv vorhatte, nahm deshalb die Zügel fester und ließ es weiter geradeaus traben. Die Schritte des Pferdes wurden immer unsicherer, das Tier schien halb zu gehen, halb zu traben und halb zu galoppieren, bereit, jederzeit durchzugehen.
    Als ob es ungehalten sei, wie wenig seine Warnungen bisher bewirkt hatten, drehte das Pferd den Kopf und biss in Chen Zhens Filzschuh. Erst in diesem Moment erhaschte Chen in den vor Angst geweiteten Augen des Tieres etwas von der drohenden Gefahr. Aber da war es zu spät, denn das Pferd trug ihn bereits auf wackeligen Beinen zu dem trompetenförmigen Eingang in das dämmrige Tal.
    Als Chen Zhen endlich seinen Kopf wandte und genauer in die vom Pferd eingeschlagene Richtung sah, fiel er vor Schreck fast vom Sattel. Keine vierzig Meter von ihm entfernt stand auf einem schneebedeckten Hang in den letzten Strahlen der Abendsonne ein Rudel golden schimmernder, mordlüsterner mongolischer Wölfe.
    Einige Tiere sahen ihn unverwandt an, andere mit geneigtem Kopf, und ihre stechenden Blicke schienen ihm wie Pfeile um die Ohren zu schwirren. Ihm am nächsten standen einige Riesenwölfe, groß wie Panther, mit gut doppelt so breitem Kreuz wie die Wölfe, die er im Pekinger Zoo gesehen hatte, und um die Hälfte größer und länger. Ein gutes Dutzend Wölfe kauerte im Schnee vor ihm, bis alle zugleich plötzlich aufstanden, die Schwänze wie gezückte Säbel in die Höhe gereckt: bereit zum tödlichen Angriff.
    Mitten im Rudel und von den anderen umringt, stand würdevoll und Ehrfurcht gebietend der Rudelführer, dessen fast weißes Fell an Hals,
    Brust und Bauch wie Weißgold glänzte. Insgesamt mussten es dreißig, vierzig Wölfe sein.
    Als Chen Zhen dem alten Bilgee die Szene später ausführlich beschrieb, tupfte der sich mit dem Zeigefinger kalte Schweißperlen von der Stirn und sagte, die Wölfe hätten sich wahrscheinlich gerade versammelt, weil der Rudelführer ihnen einen Angriffsplan vorlegte. Denn auf dem Hügel gegenüber standen Pferde. Zum Glück seien es keine hungrigen Wölfe gewesen. Wölfe, deren Fell glänzte, seien nicht hungrig.
    Chen konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das Letzte, an das er sich erinnerte, war ein leises, schreckliches Geräusch in seinem Kopf, ein Pfeifton wie vom Dahinblasen über eine Silbermünze, um ihre Echtheit zu prüfen. Mit diesem Geräusch schien seine Seele durch die Schädeldecke zu entschwinden. Chen hatte das Gefühl, als stehe sein Leben einige Sekunden still, lange genug für seine Seele, um den Körper zu verlassen.
    Wenn Chen Zhen lange Zeit danach an seine Begegnung mit den Wölfen zurückdachte, war er seinem alten Freund Bilgee und dessen großem schwarzem Pferd zutiefst dankbar. Denn kurz bevor Chen Zhen vor lauter Angst fast aus dem Sattel gerutscht wäre - und nur, weil das Pferd schon immer im Land der Wölfe gelebt hatte -, wurde das Tier vollkommen ruhig. Es tat, als hätte es die Wölfe gar nicht gesehen oder sei aus Versehen in ihre Versammlung geplatzt. Es nahm allen Mut zusammen und setzte seinen Weg ruhigen Schrittes fort, beherrschte seine Hufe, um weder nervös zu trippeln noch plötzlich um sein Leben zu rennen. Um dem erstarrten Körper Chen Zhens, seines Reiters, Sicherheit einzuflößen, balancierte es seine Schritte aus wie ein Jongleur seine Glastellerchen.
    Vielleicht waren es der Mut und die Weisheit des mongolischen Pferdes, die Chen Zhens Seele zurückkehren ließen. Oder es lag an der Liebkosung Tenggers im Himmel, der Chens vor der Zeit eingetroffener Seele Vertrauen und Entschlusskraft einflößte.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Klappenbroschur
Seitenzahl 704
Erscheinungsdatum 08.12.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-47395-3
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 19/12,9/4,9 cm
Gewicht 604 g
Originaltitel The Wolf Tuteng
Übersetzer Karin Hasselblatt
Verkaufsrang 67542
Buch (Klappenbroschur)
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9,99
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inkl. gesetzl. MwSt.
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Kundenbewertungen

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2 Bewertungen
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Lesespannung!
von einer Kundin/einem Kunden am 23.03.2012

Jian Rong schreibt mit >Der Zorn der Wölfe< ein Juwel der chinesischen Literatur. Es ist nicht nur, dass er es wunderbar versteht dem Leser die Ereignisse spannend und sehr Bildhaft mitzuteilen, er verarbeitet auch einen wichtigen Teil der fernöstlichen Geschichte. Ich war fasziniert von diesem Buch. War begeistert von der B... Jian Rong schreibt mit >Der Zorn der Wölfe< ein Juwel der chinesischen Literatur. Es ist nicht nur, dass er es wunderbar versteht dem Leser die Ereignisse spannend und sehr Bildhaft mitzuteilen, er verarbeitet auch einen wichtigen Teil der fernöstlichen Geschichte. Ich war fasziniert von diesem Buch. War begeistert von der Beziehung der Mongolen zu den Wölfen und auch dem Weg des jungen Chen, wie er mehr und mehr die Lebensweise seiner Gastgeber verstehen und zu schätzen lernt. Ein sehr gutes Buch!

Ein sehr gutes Buch!
von einer Kundin/einem Kunden aus Erlangen am 10.12.2011
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Das Buch ist eines meiner Lieblingsbücher! Es erzählt eindrucksvoll die Geschichte der Mongolei, den Einklang der Mongolen mit der Natur. Man erfährt viel über das Jagdverhalten von Wölfen und wie sich die Menschen zu Eigen gemacht haben. Das Ende ist zwar nicht überraschend, aber eindrucksvoll. Ein sehr schönes Buch für W... Das Buch ist eines meiner Lieblingsbücher! Es erzählt eindrucksvoll die Geschichte der Mongolei, den Einklang der Mongolen mit der Natur. Man erfährt viel über das Jagdverhalten von Wölfen und wie sich die Menschen zu Eigen gemacht haben. Das Ende ist zwar nicht überraschend, aber eindrucksvoll. Ein sehr schönes Buch für Wolffans und all die, die sich nach der wahren Freiheit sehnen!