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Das letzte Hemd ist bunt

Die neue Freiheit in der Sterbekultur

Der Tod ist der beste Lehrmeister zu bürgerlichem Ungehorsam. Fritz Roth

Unser ganzes Leben lang streben wir nach Selbstbestimmtheit und Autonomie. Doch als Trauernde lassen wir uns unsere Toten stehlen. Wir haben gelernt, zu delegieren, uns auf »Experten« zu verlassen. Und spätestens, wenn wir persönlich mit dem Verlust eines nahe stehenden Menschen konfrontiert sind oder wenn uns eine lebensbedrohliche Krankheit überkommt, erkennen wir schmerzlich, dass die alten Rituale nicht mehr passen.
Wir sind als Individuen und auch als Gesellschaft gefordert, eine neue Sterbe- und Trauerkultur zu entwickeln. Wollen wir unser Leben (bis zum Ende) gestalten oder nur verwalten? Wie ist es um den Wert der Individualität bestellt, wenn wir sie im entscheidenden Moment verschenken? Trauer sollte wie jede Krise nicht als lästiges Hindernis, sondern als langer Weg einer Veränderung verstanden werden. Dann erst können wir die Chancen dieser Erfahrung nutzen und erkennen: Auch allem Ende wohnt ein Zauber inne.
Rezension
"Fritz Roth hat der Bestatterszene ganz schön Leben eingehaucht." (FAS)

Jeder Mensch trauert anders
"Roths Buch ist ein Plädoyer dafür, die Einzigartigkeit des Menschen zu würdigen, die Einzigartigkeit der Verstorbenen und die Einzigartigkeit des Trauernden. Und dabei ist es manchmal provokant und sehr oft philosophisch." (Kölner Stadt-Anzeiger, 10.10.2011)

Trostspender für Trauernde
"Auch als Autor hilft Roth Menschen, mit dem Verlust eines nahe Stehenden umzugehen." (Frankfurter Rundschau, 12.11.2011)

Das letzte Hemd ist bunt
"In seinem neuen Buch plädiert Roth für eine neue Sterbe-, Trauer- und Bestattungskultur und zeigt, wie ein individueller und nonkonformistischer Umgang mit dem Tod aussehen kann." (Hessischer Rundfunk, 30.11.2011)
Portrait
Fritz Roth, 1949-2012, arbeitete als Unternehmensberater, bevor er Trauerpädagoge wurde und ein Bestattungshaus in Bergisch-Gladbach übernahm. Der »Pionier des deutschen Bestattungswesens« galt vielen Kollegen zugleich als Enfant terrible der Branche. Er gründete den ersten privaten Friedhof Deutschlands, Zehntausende Manager, Theologen, Mediziner, Verbände und Jugendliche besuchen jährlich sein »Haus der menschlichen Begleitung«. Der Autor mehrerer Bücher zum Thema Trauer erklärte den Tod für die »Sendung mit der Maus« und war ein gefragter Redner.
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  • Artikelbild-0
  • Vorwort
    Eine stille Revolte ist im Gang gegen die Vorschriften und Verordnungen zur Sterbekultur. Noch regieren Technik, Konventionen und Standards dort, wo wir selbst nicht steuern und gestalten können oder wollen. Der Tod wird, wie so vieles, "hergestellt". Dabei brauchen wir viel mehr Auseinandersetzung und Nähe, damit wir die Realität des Todes erfahren können. Denn eines ist gewiss: Entgehen werden wir dem Tod und der Erfahrung, Abschied nehmen zu müssen, nicht.
    Vor nicht allzu langer Zeit lag in unseren Wäscheschränken das Totenhemd obenauf. Die Botschaft war klar: Mensch, bedenke, dass Du sterblich bist - memento mori. Die allermeisten unserer Zeitgenossen wussten mit diesem Satz jahrzehntelang nichts mehr anzufangen. Ich bin sicher: Das ist - wenn nicht Ursache - dann doch zumindest Ausdruck vieler krisenhafter Zuspitzungen, die uns heute beunruhigen.
    "Wer bremst, verliert": Viel zu lange galten die Mantren eines auf messbare Leistungsfähigkeit reduzierten Menschenbildes außerhalb religiöser oder esoterisch geprägter Kreise als alternativlos. Zu viel Nachdenklichkeit war etwas für Spaßbremsen und Warmduscher, der Tod fand in Hollywood statt und in den Nachrichten. Das eigene Ende war kein Thema, bevor es nicht in greifbare Nähe rückte - und selbst dann nicht immer.
    So viel Ignoranz hat unterschiedlichste, weit unterschätzte Folgen. Den beiden wichtigsten möchte dieses Buch entgegenwirken: Der Not der Hinterbliebenen und dem Niedergang der gerade heute wichtigen Kultur der Bewältigung von Verlusten.

    Trauer braucht eine Heimat. Trauernde brauchen in besonderem Maß die Gewissheit des Geborgen- und Akzeptiertseins, um die erforderliche Ruhe für einen konstruktiven Trauerprozess zu finden. Diese Heimat boten bis vor nicht allzu langer Zeit traditionelle Gemeinschaften: Familie, Nachbarschaft und Gemeinde. Doch sie sind auf dem Rückzug. Und unsere gesellschaftlichen Institutionen springen nicht in die Bresche, sondern vernachlässigen ihre Fürsorgepflicht.
    Der Tod braucht einen Platz im Leben. Die Ausgrenzung von Sterben und Tod hindert Hinterbliebene am bewussten Umgang damit und trägt so die Hauptschuld an individuellen und gesellschaftlichen Folgeschäden. Fix it, sell it or close it, sagt die Management-Ikone Jack Welch: Jede starrsinnig auf Wachstum fixierte Gesellschaft verdrängt Verlusterfahrungen. Wer nicht (mehr) leistet, passt nicht ins System und wird an den Rand gedrängt.
    Doch selbst aus kühler, rein betriebs- oder volkswirtschaftlicher Sicht ergibt eine solche Maxime keinen Sinn. Denn ein bewusst gelebter Trauerprozess verläuft erheblich schneller und konstruktiver und schafft so die schnellstmögliche Reintegration Hinterbliebener in die Wertschöpfungskette. Weil aber die Gesellschaft wegsieht, bezahlt die Volkswirtschaft. Etwa 800?000 Menschen sterben in Deutschland jährlich. Nimmt man an, dass jeder von ihnen nur fünf trauernde Ehepartner, Kinder, Freunde hinterlässt, dann sind das jährlich vier Millionen Betroffene. Darunter unzählige Arbeitnehmer, die nur bedingt leistungsfähig sind, Patienten, die Therapie oder Psychopharmaka benötigen. Die sprunghaft ansteigenden Fallzahlen Depressiver und Burn-out-Betroffener sind in aller Munde. Ich bin überzeugt, dass verdrängte Trauer einen weit unterschätzten Anteil an diesen Phänomenen hat. Nicht nur, weil wir unfähig geworden sind, Trauernden zur Seite zu stehen. Sondern auch, weil wir selbst die enorm wichtigen und lehrreichen Erfahrungen bewussten Trauerns nicht zur Entwicklung unserer Persönlichkeit nutzen.
    Die fundamentale Verlusterfahrung beim Tod eines nahestehenden Menschen lehrt - wenn sie angenommen und bewusst verarbeitet wird - den richtigen Umgang mit Brüchen anderer Art: Scheidungen, Job- und andere wirtschaftliche Verluste werden weniger fatal empfunden und besser verarbeitet. Die gesellschaftliche Verdrängung der Trauer bereitet den Boden für irrational-fatalistische lähmende Grundstimmungen, wie sie - auch infolge der medialen Herausstellung negativer Nachrichten - immer wieder zu beobachten sind.

    *
    Der Tod erklärt das Leben. Allerorten wird ein Verfall der Werte als Ursache vieler gesellschaftlicher Probleme beklagt. Voraussetzung für einen angemessenen Umgang miteinander ist Wertschätzung; der höchste Wert ist dabei das Leben. Den Wert des Lebens spürt nur, wer den Tod kennt. Denn wir brauchen immer Relationen, um bewerten zu können. Wer einmal die Präsenz des Todes begriffen hat, weiß sofort, was Respekt bedeutet. Wem diese Erfahrung verwehrt wird, gebühren mildernde Umstände bei der Beurteilung gesellschaftlichen Fehlverhaltens.
    Unsere gesellschaftlichen Institutionen aber tragen nicht nur durch Unterschätzung und Ignoranz zur Verschärfung solcher Problematiken bei. Die in vielen Bundesländern regressive Gesetzeslage zum Thema Tod und Trauer beschränkt darüber hinaus die im Grundgesetz verankerten Rechte auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und Religionsfreiheit. Sargzwang und Friedhofsordnungen bevormunden die Menschen in wichtigen Bereichen, ohne dass ein ausreichend begründetes übergeordnetes öffentliches Interesse vorläge. Und sie nehmen uns damit vielfach die für einen konstruktiven Trauerprozess so wichtige Möglichkeit zu als angemessen empfundener Abschiednahme und Gedenken.
    Am Ende werden Trauernde zu Kranken, weil die Menschen nicht mehr wissen, wie ihnen zu begegnen ist. Der Trend zu anonymen Bestattungen betrügt Hinterbliebene um den wichtigen Ort der Erinnerung.
    Die Verdrängung des Todes aus dem Leben erzeugt in uns die Illusion von Unsterblichkeit - und raubt uns damit das Bewusstsein für den unschätzbaren Wert jeden Tages. Mehr noch: Wenn doch die wichtigste Ressource von allen - das Leben - unendlich scheint, wer erfasst dann noch die Bedeutung eines achtsamen Umgangs mit Ressourcen insgesamt? Ich bin überzeugt: Ohne memento mori muss jede Wertediskussion ins Leere laufen.

    *
    Es gibt auch eine gute Nachricht: Sie halten dieses Buch in Händen. Damit sind Sie Teil einer wachsenden Minderheit, die entscheidende Fragen neu stellt. Und unter dem Eindruck des offensichtlichen Ungenügens der alten Antworten zu neuen Schlussfolgerungen kommt.
    Vielleicht sind Sie in Trauer oder bereiten sich auf einen bevorstehenden Verlust vor. Dann wird dieses Buch Sie ermutigen: Stellen Sie sich den Fragen, die der Tod aufwirft: Wie hätte ich mir die Sterbestunde gewünscht? Was hätte ich gern gesagt und getan? Welche Form der Bestattung hätte mir wirklich gut getan? Wie finde ich den Mut, mich über vorgebliche Gegebenheiten und Konventionen hinwegzusetzen? Das Buch wird Ihnen helfen, Trauern als konstruktive Kraft begreifen zu lernen. Wie können wir mit Trauer leben? Können wir überhaupt damit leben? Müssen wir uns wirklich bemühen, so schnell wie möglich mit dem Trauern fertig zu werden, damit wir dann endlich "wieder" leben können?
    Oder ist es nicht eher umgekehrt: Dass wir aus der Fähigkeit zu trauern viele Kräfte gewinnen, die unsere Leben bereichern. Ich möchte verhindern helfen, dass Sie gegen Ihre eigentlichen Bedürfnisse doch zu den vorgegebenen, leeren Ritualen greifen. Indem Sie das, was Sie beunruhigen könnte, dieses Mal zu Ende zu denken. Damit Sie Trauer als wertvolle Phase der Veränderung erfahren. Ich möchte Ihnen zeigen, wie viel Sie vom Tod, von Trauer für die Bewältigung von Lebenskrisen gewinnen können.
    Vielleicht sind Sie auf der Suche nach Gründen für ganz offensichtlich Widersinniges, das sich dennoch täglich wiederholt. Sie fragen nach der Ursache für mutlose Weichenstellungen zulasten künftiger Generationen, für milchmädchenhaftes Missmanagement in Konzernen, allzu leichtfertigen Umgang mit Ressourcen? Dann wird dieses Buch Ihnen Denkanstöße und konkrete Hinweise darauf geben, wie uns das ganz reale Begreifen des Todes als absolute Grenze und der bewusste Umgang mit Trauer dabei helfen können, bessere Prioritäten zu setzen und vernünftiger zu agieren.
    Es geht mir darum, uns Tod und Trauer wieder zueigen zu machen, in den eigenen Lebens- und Handlungshorizont zu integrieren, anstatt sie an Experten zu delegieren. Für die Wiederentdeckung unserer Kultur des Sterbens und Trauerns müssen wir selbst die Verantwortung übernehmen - besser heute als morgen. Denn das letzte Hemd ist bunt. Nur Mut - wir haben viel zu gewinnen!
  • Inhalt
    Vorwort 11

    Teil I
    1. Der fremde Tod 19
    "Outsourcing" des Sterbens 19
    Die enteigneten Toten 22
    Hilflose Trauer 25
    2. Die stille Revolte 28
    Vom Unbehagen zum Ungehorsam 28
    Individuelle Freiheit und ihre Grenzen 30
    Krisen in Perspektiven wandeln 32
    3. Gemeinsam einsam 34
    Der Tod "in Nahaufnahme" 34
    Kult und Kultur des Sterbens 35
    Wir konsumieren uns zu Tode 37
    Moderne Gesellschaft - moderne Ängste 43
    4. Memento mori: ein Blick zurück 47
    Die Bedeutung von Totenritualen in der Geschichte 47
    Das Individuum und das kollektive Gedenken 49
    Der Tod als Weltverbesserer 51
    5. Den Tod neu denken 55
    Ungewissheiten aushalten 55
    Trauer-Power: Die Kraft der Trauer 56

    Teil II
    6. Der Trauer eine Heimat geben 63
    Ein Ort der Begegnung 63
    Ein Trauerritual ist wie ein Bilderrahmen 66
    Trauer braucht Vertrautheit 69
    Sich Zeit nehmen zum Trauern 74
    7. Der Tod und die Liebe 78
    Was Sterbehemd und Brautkleid gemein haben 78
    Abschied als Anfang einer neuen Verbundenheit 82
    Geteilte Erinnerungen 84
    Trauerzeit ist Lebenszeit 87
    8. Jeder Abschied ist einzigartig 90
    Individuelle Gestaltung statt Pomp 90
    Kreativer Ungehorsam 93
    Trauer ist ein Reifeprozess 96
    9. Verwandlungen 100
    Lebendigkeit ist unsterblich 100
    Zeit für die großen Fragen 102

    Teil III
    10. Der Tod als Lehrmeister 107
    Die a-mortale Gesellschaft 107
    Vom Wert der Bindung 109
    Leben in der Gegenwart 111
    Unendliche Erwartungen 111
    Verluste akzeptieren 113
    Die Angst vor dem Alter 114
    Grenzen der Kontrolle 114
    11. Krise und Aufbruch 117
    Krisenbewältigung als Lebenskompetenz 117
    Die Unvorhersehbarkeit von Krisen 120
    12. Verdrängte Verluste 123
    Königsdisziplin Change Management 123
    Der Aufstand des Individuums 125
    Der Preis der Flexibilität 126
    Die Kehrseite der Veränderungen 128
    Überlebenden-Depression 130
    13. Der Tod und sein Preis 133
    Die Kosten-Nutzen-Brille 133
    Friedhofszwang versus Vielfalt 135
    Die TrauerOase 136
    14. Der letzte Wille (Sterben und sterben lassen) 137
    Hilfe für die Hinterbliebenen 137
    Selbstbestimmung am Ende des Lebens 138

    Teil IV
    15. Aus dem Schatten der Trauer 145
    Die guten Ratschläge der anderen 145
    Credo ergo sum 146
    Die Bedeutung von Trauergruppen 149
    Wer macht den ersten Schritt? 151
    Berufsvorbereitung für Trauerbegleiter 152
    Der Tod kommt immer unerwartet. Über Selbstverständlichkeiten und Tabus 153
    16. Individuelle Abschiede 155
    Der Tod hat viele Farben 155
    Fünf Tage Abschied 156
    Das eigene Hemd 157
    Ein Fest für Horst 158
    Reisebegleiter 159
    Ahnengalerie 161
    Ein Stein als Skulptur 161
    Fußball für immer 162
    Digitale Ewigkeit 163
    Der letzte Tag - und ein Koffer 164
    Ein handbemalter Sarg 165
    Darf man erleichtert sein, wenn jemand stirbt? 166
    Wenn Kinder trauern 168
    17. Traueralltag am Arbeitsplatz 171
    Funktionieren um jeden Preis 171
    Verantwortung der Unternehmen - auch im eigenen Interesse 172
    18. Fazit - Der Tod gehört ins Leben 175
    Leseempfehlungen 184
    Weitere Quellen und Artikel 188
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Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 189
Erscheinungsdatum 12.09.2011
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-593-39476-3
Verlag Campus Verlag GmbH
Maße (L/B/H) 22,2/15,2/2,3 cm
Gewicht 385 g
Verkaufsrang 167412
Buch (gebundene Ausgabe)
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