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Zur Genealogie der Moral

Eine Streitschrift. Nachw. v. Volker Gerhardt

Reclam Universal-Bibliothek 7123

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Portrait
Friedrich Nietzsche, 15. 10. 1844 Röcken bei Lützen (Sachsen) - 25. 8. 1900 Weimar. Der Sohn eines Pfarrers wuchs nach dem Tod des Vaters (1849) in Naumburg auf, besuchte hier die Bürgerschule, das Domgymnasium und schließlich das nahe gelegene Internat Schulpforta (Abitur 1864). Danach studierte er ev. Theologie und klassische Philologie in Bonn (1864-65) und Leipzig (1865-69). Bereits vor der Promotion wurde er 1869 als a. o. Professor für Altphilologie nach Basel berufen (seit 1870 o. Prof.). Noch in Leipzig lernte er 1868 R. Wagner kennen, wie er selbst beein¿usst von der Philosophie Arthur Schopenhauers. In Basel war er Kollege von Johann Jakob Bachofen und Jacob Burckhardt; mit dem Theologieprofessor Franz Overbeck entwickelte sich eine enge Freundschaft. Bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung aus Gesundheitsgründen 1879 lehrte N. in Basel, unterbrochen nur durch eine kurze freiwillige Teilnahme am dt.-frz. Krieg 1870- 1871. Danach arbeitete er als freier Schriftsteller an verschiedenen Orten der Schweiz und Italiens, unstet und unter schweren Krankheitsanfällen leidend, bis er 1889 in Turin einen Zusammenbruch erlitt und zuerst in Basel, dann in Jena in eine Irrenanstalt gebracht wurde (Diagnose: progressive Paralyse). Von 1890 an lebte er zunächst im Haus seiner Mutter in Naumburg, dann nach ihrem Tod 1897 bei seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Weimar. N. übte einen großen Ein¿uss auf die Entwicklung der dt. Literatur nach 1890 aus. Sein eigenes Philosophieren ist unsystematisch, besitzt literarische Züge durch die ästhetische Qualität seiner Sprache, durch seine Vorliebe für das Aphoristische, durch sein Denken in Bildern und die Hinwendung zur Welt des Sinnlichen, des Lebens. Am Anfang der in engerem Sinn literarisch-ästhetischen Schriften N.s steht die Abhandlung über Die Geburt der Tragödie, die das übliche Verständnis der griech. Antike in pessimistischer Deutung umkehrt und im Gegensatz des Apollinischen und Dionysischen die Grundstruktur der Tragödie sieht, am Ende die Selbstbiographie Ecce homo, die das Thema des Dionysischen in der Tragödie des eigenen Ich noch einmal variiert. Dichterischer Ausdruck des Dionysischen ist der Dithyrambus, aus dessen chorischer Form die Tragödie hervorgeht. Auch N. nimmt diese Form auf, wie sie in der dt. Tradition von den freien Rhythmen F. G. Klopstocks, Goethes und Hölderlins geprägt wurde; dichterischer Höhepunkt ist der Dithyrambus Die Sonne sinkt. Wie einige Dithyramben zuerst im Zarathustra erschienen, so ¿nden sich auch in den anderen Werken mehrfach lyrische Texte; so steht das berühmte 'impressionistische' Venedig-Gedicht in Ecce homo, und das Aphorismenbuch Die fröhliche Wissenschaft endet von der zweiten Aüage (1887) an mit dem Anhang Lieder des Prinzen Vogelfrei, der sich über alle Denkverbote hinwegsetzt. Darüber hinaus weist auch N.s rhythmische Kunstprosa etwa im Zarathustra vielfach hymnische, ekstatische Züge auf; neben dem rhetorischen Pathos und der erhabenen Gleichnissprache mit ihren biblischen Anklängen stehen aber auch sprachspielerische und artistische Elemente und überraschende Paradoxien, die dem Künstler philosophische Eindeutigkeit zu vermeiden helfen, ein Verfahren, das auch seine Aphorismensammlungen charakterisiert. Die Denk¿guren seines Hauptwerks Also sprach Zarathustra, die von einem Übermenschen und der ewigen Wiederkunft des Gleichen als der höchsten Formel der Bejahung sprechen und eine transzendenzlose Welt postulieren, ¿nden ihre Fortsetzung in Aufzeichnungen des Nachlasses, die N.s Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche skrupellos fälschend unter dem Titel Der Wille zur Macht 1901 herausgab. In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (.) - © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 188
Erscheinungsdatum 1988
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-15-007123-6
Verlag Philipp Reclam Jun.
Maße (L/B/H) 14,7/9,5/1,2 cm
Gewicht 106 g
Verkaufsrang 19.451
Buch (Taschenbuch)
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"Lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen"
von Zitronenblau am 10.02.2010

Die Genealogie ist hinlänglich rezeptiert und bekannt. Im Grunde handelt es sich hierbei nicht um eine Ethik, die fragt: was und wie - sondern warum? Nietzsche bildet eine Art soziologische und psychologische ("Jeder ist sich selbst der Fernste") Abhandlung aus, die auf die geschichtlichen Ursachen der Moral hinaus... Die Genealogie ist hinlänglich rezeptiert und bekannt. Im Grunde handelt es sich hierbei nicht um eine Ethik, die fragt: was und wie - sondern warum? Nietzsche bildet eine Art soziologische und psychologische ("Jeder ist sich selbst der Fernste") Abhandlung aus, die auf die geschichtlichen Ursachen der Moral hinaus will: Am Anfang war der Wille - der Wille zur Macht! Nietzsche legt drei Unterhandlungen vor: im Wesentlichen werden in der ersten Unterhandlung Herrenmoral und Sklavenmoral (Ressentiment) besprochen, wobei derjenige, der sowohl Herr als auch Sklave SICH immer als gut und die ANDEREN als schlecht bezeichnet, sodass Gut und Böse zu relativen Begriffen (je nach Moral aktiv oder reaktiv) werden. In der zweiten Unterhandlung kristallisiert sich der Wille zur Macht heraus - durch die Korrelation mit den begriffen "Schuld aus dinglicher Schuld" und "schlechtes Gewissen". Jedoch fiel mir schwer, die Systematik zu erkennen: ist Moral eine Folge von Schuldgefühlen oder schlechtem Gewissen? Oder sind beide eine Folge einer Moral? Einen psychoanalytisch interessanten Satz sehe ich in: "[...] das Leiden des Menschen am Menschen, an sich: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von der thierischen Vergangenheit, eines Sprunges und Sturzes gleichsam in neue Lagen und Daseins-Bedingungen, einer Kriegserklärung gegen die alten Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit beruhte." Das erinnert mich an Schellings notwendiger Bosheit des Menschen, der aus der Finsternis des Schoßes geboren wurde. Freilich sollte man hier sehr vorsichtig sein, wenn man auf der Suche nach Wahrheit ist. Die dritte Unterhandlung thematisiert das Ideal der Askese, das alle die "praktizieren" (wohl eher: "denken", denn "Ein verheiratheter Philosoph gehört in die Komödie"), die sich vom Machtwillen abwenden mit einem Nein. U.a. (teilweise ästhetischen Ausführungen ?) erklärt er dadurch auch den Nihilismus, denn da Nicht-Wollen schlechterdings unmöglich ist, Wille immer ist, entschließt der Mensch sich kurzerhand zum Nichts-Wollen. Letztlich wird - anders noch als m.E. bei Schopenhauer - das asketische Ideal als verderbend eingeschätzt. Dessen eingedenk nun bleibt (für mich jedenfalls) das Fazit offen. Sollen wir Zarathustra fragen? Wahrscheinlich... Irgendwo da muss die "neue Moral" zu finden sein.