Der Wahrheit auf der Spur

Reden, Leserbriefe, Interview, Feuilletons

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Wenn Thomas Bernhard sich öffentlich äußert, drängt sich der Eindruck auf, er verhalte sich genauso wie die Hauptpersonen in seinen Romanen und Theaterstücken: Da wird die Welt zum Katastrophenroman und zum sinnlosen Schauspiel, in dem Bornierte und Böswillige, Nichtwisser und Nichtkönner agieren, die es in gerechtem Zorn und kunstvoller Übertreibung anzuklagen und zu verurteilen gilt. Vorher werden sie aber, Höchststrafe, der Lächerlichkeit überführt.
Deshalb konnte es nicht ausbleiben, daß Bernhards Interventionen ständig von Skandalen begleitet sind: Eine frühe Kritik am Spielplan trägt ihm einen Prozeß des Intendanten ein, die Dankesrede bei einer Preisverleihung mündet in der Absage einer weiteren Preisverleihung, eine Rezension läßt einen Minister nach dem Sendeverbot eines Bernhard-Porträts rufen, ein Interview erregt Politiker und Journalisten gleichermaßen.
Der vorliegende Band zeigt den »öffentlichen Bernhard«: Er enthält, in chronologischer Reihenfolge, seine gewichtigen journalistischen Arbeiten, seine Leserbriefe, seine öffentlichen Erklärungen sowie die folgenreichen Interviews. Er beginnt mit einem Salzburger Vortrag aus dem Jahr 1954 und endet mit den letzten von ihm formulierten Zeilen, einem Leserbrief, der drei Tage nach seinem Tod erscheint.
Hier ist nachzuvollziehen, wie Bernhard von der Öffentlichkeit gesehen werden möchte, wie er mit ihr spielt, wie er sie für seine Zwecke benutzt, Skandale inszeniert – und er gleichzeitig seine Vorlieben, seine Sympathien, seine Vorbilder preist.
Portrait

1931

geboren am 9. Februar in Heerlen (Niederlande) als unehelicher Sohn von Herta Bernhard, der Tochter des Schriftstellers Johannes Freumbichler; den Vater Alois Zuckerstätter lernt Bernhard nie kennen

1931-35

zusammen mit der Mutter und deren Eltern in Wien; schwierige ökonomische Situation; enge Beziehung zum Großvater mütterlicherseits

1935

Übersiedlung mit Mutter und Großeltern nach Seekirchen am Wallersee (Land Salzburg)

1938

Übersiedlung nach Traunstein (Bayern); Bernhards Mutter hat mit ihrem Ehemann Emil Fabjan zwei weitere Kinder; Peter (geb. 1938), Susanne (geb. 1940)

1943

ab Herbst im NS-Schülerheim in Salzburg; Gymnasium; in den folgenden Jahren u.a. Geigen- und Gesangsunterricht

1945

katholisches Schülerheim Johanneum

1946

Übersiedlung der gesamten Familie nach Salzburg (Radetzkystraße )

1947

Abbruch des Gymnasiums; Kaufmannslehre (Scherzhauserfeldsiedlung)

1949-51

in der Folge Lungentuberkulose; Aufenthalte im Krankenhaus, in Sanatorien und Heilstätten (u.a. in der Lungenheilstätte Grafenhof bei St. Veit im Pongau, Land Salzburg)

1949

Tod des Großvaters

1956

lernt Hedwig Stavianicek - seinen >Lebensmenschen< - kennen; Tod der Mutter

1952-55

freie Mitarbeit beim Salzburger >Demokratischen Volksblatt<; Gerichtssaalberichte, Buch-, Theater- und Filmkritiken; erste literarische Veröffentlichungen: Gedichte, Erzählungen 1955 erste von zahlreichen Jugoslawienreisen mit Hedwig Stavianicek

1955-57

Hochschule für Musik und darstellende Kunst >Mozarteum< in Salzburg: Musikunterricht, Regie- und Schauspielstudium

1956

erste Venedigreise mit Hedwig Stavianicek

1957-60

Freundschaft mit dem Komponisten Gerhard Lampersberg; längere Aufenthalte auf dessen Tonhof (Maria Saal, Kärnten)

1957

erster Gedichtband: Auf der Erde und in der Hölle

1958

In hora mortis; Unter dem Eisen des Mondes (Gedichtbände)

1959

die rosen der einöde. fünf sätze für ballett, stimmen und orchester

1960

Aufführung der Kurzoper Köpfe und einiger Kurzschauspiele im Theater am Tonhof; erste große Italienreise mit Hedwig Stavianicek (u.a. Sizilien), Reise nach England (kurzer Aufenthalt in London)

1963

literarischer Durchbruch mit dem Roman Frost; erste Polenreise

1964

Amras; Julius Campe-Preis

1965

Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen; Kauf eines Vierkanthofs in Obernathal bei Ohlsdorf (Oberösterreich; vermittelt durch den Immobilienmakler Karl Ignaz Hennetmair), jahrelange Restaurierung des Gebäudes; später Kauf zweier weiterer Häuser bei Reindlmühl und Ottnang; daneben immer wieder Aufenthalte in Wien (Wohnung Hedwig Stavianiceks in der Döblinger Obkirchergasse) und Reisen vor allem in den mediterranen Süden (Jugoslawien etc.), wo auch einige Werke entstehen

1967

Verstörung; Prosa; Operation im Pulmologischen Krankenhaus der Stadt Wien auf der Baumgartner Höhe

1968

Ungenach; Kleiner Österreichischer Staatspreis 1967; Anton Wildgans-Preis

1969

Watten; Ereignisse (entstanden 1957); An der Baumgrenze

1970

Das Kalkwerk; Ein Fest für Boris (uraufgeführt in Hamburg unter der Regie von Claus Peymann, der auch einen Großteil der weiteren Stücke erstinszeniert), Fernsehfilm Drei Tage (Regie: Ferry Radax); Vortragsreise durch Jugoslawien und Italien

1971

Gehen; Midland in Stilfs; Der Italiener (verfilmt von Ferry Radax)

1972

Der Ignorant und der Wahnsinnige (Uraufführung bei den Salzburger Festspielen); Franz Theodor Csokor-Preis, Adolf Grimme-Preis, Grillparzer-Preis

1974

Die Jagdgesellschaft (Uraufführung am Wiener Burgtheater); Die Macht der Gewohnheit; Der Kulterer (verfilmt von Vojtech Jasny); erste Portugalreise

1975

Die Ursache (erster Band der autobiographischen Pentalogie; wie die übrigen Bände erschienen im von Wolfgang Schaftier geleiteten Salzburger Residenz-Verlag; Ehrenbeleidigungsklage des Salzburger Stadtpfarrers Franz Wesenauer); Korrektur; Der Präsident



1976

Der Keller; Die Berühmten

1977

Minetti; größere Reisen nach Italien (u.a. Rom, Sizilien), in den Iran, nach Ägypten und Israel

1978

Der Atem; Ja; Der Stimmenimitator; Immanuel Kant; erste Reise nach Mallorca

1979

Der Weltverbesserer, Vor dem Ruhestand; Austritt aus der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; Reise in die USA (New York)

1980

Die Billigesser

1981

Die Kälte; Ober allen Gipfeln ist Ruh; Am Ziel; Ave Vergil Ende der fünfziger Jahre entstandenen Gedichten); Reise in die Türkei

1982

Ein Kind; Beton; Wittgensteins Neffe; Premio Prato

1983

Der Untergeher; Der Schein trügt; Premio Mondello; erste Reise nach Spanien

1984

Tod Hedwig Stavianiceks

Holzfällen (vorübergehende Beschlagnahmung des Romans auf Antrag Gerhard Lampersbergs); Der Theatermacher; Ritter, Dene, Voss

1985

Alte Meister

1986

Auslöschung; Einfach kompliziert

1987

Elisabeth II

1988

Heldenplatz (große öffentliche Auseinandersetzung um Bernhards am Wiener Burgtheater uraufgeführtes Theaterstück zum >Bedenkjahr< 50 Jahre Anschluß Osterreichs an NS-Deutschland); Prix Medicis; letzte Reise nach Spanien (Torremolinos)

1989

gestorben nach jahrelanger schwerer Krankheit am 12. Februar in Gmunden (Oberösterreich); beigesetzt im Grab Hedwig Stavianiceks auf dem Grinzinger Friedhof in Wien

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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Herausgeber Wolfram Bayer, Raimund Fellinger, Martin Huber
Seitenzahl 344
Erscheinungsdatum 16.04.2012
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-518-46337-6
Verlag Suhrkamp Verlag AG
Maße (L/B/H) 21,1/11,5/2 cm
Gewicht 208 g
Auflage 1
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Der Wahrheit auf der Spur
von Patricia G. aus Melk am 16.05.2011
Bewertet: Buch (gebunden)

Wer war Thomas Bernhard eigentlich? Mit diesem Buch kann sich der Leser auf die Spur der Wahrheit begeben. Ob er darin die ganze Wahrheit über den Autor finden wird, bleibt dahingestellt. Lesenswert ist dieses Buch in jedem Falle.

Der naturgemäße Bernhard
von einer Kundin/einem Kunden am 29.03.2011
Bewertet: Buch (gebunden)

Dieses Buch schildert eine chronologische Aufarbeitung von Bernhard-Texten, die für den eigentlich öffentlichkeitsscheuen Autor eben diese Konfrontationen zeigen: Leserbriefe, Interviews, Richtigstellungen,..., all diese schriftlichen Texte stellen den Thomas Bernhard dar, der er von sich aus in der Öffentlichkeit sein wollte bzw. wie ihn diese auch gesehen hat. Auf Grund seiner Direktheit... Dieses Buch schildert eine chronologische Aufarbeitung von Bernhard-Texten, die für den eigentlich öffentlichkeitsscheuen Autor eben diese Konfrontationen zeigen: Leserbriefe, Interviews, Richtigstellungen,..., all diese schriftlichen Texte stellen den Thomas Bernhard dar, der er von sich aus in der Öffentlichkeit sein wollte bzw. wie ihn diese auch gesehen hat. Auf Grund seiner Direktheit in Worten beschwörte er einige Skandale herauf, ob jetzt bewusst herbeigeführt oder nicht, wie seine Stücke bzw. Romane sich darstellen: er als die tatsächliche Hauptfigur in seinem Leben und seinen schriftlichen Arbeiten. Dieses Buch führt uns aber auch einen Thomas Bernhard vor, der sich intellektuell verhält, der seinen Weg konsequent geht, nicht gebrochen von einigen persönlichen Schicksalsschlägen und sich die verlogene Meute gut von seiner Person abhält.