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Hafenlichter

Stories

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gebundene Ausgabe
Seit Jahren streift Samir über die Reeperbahn, zwischen Casinos und Kneipen und den flimmernden Bildschirmen der Wettbüros. Er hat kein Geld und keine Wahl mehr – bis er eines Tages den Hauptgewinn einstreicht. Bringt er den Mut auf, seiner Frau in die Heimat zu folgen? – Marco ist nach Jahren unbefriedigender Aushilfsjobs endlich angekommen. In der Autowerkstatt des alten Ziegler fühlt er sich wohl, sein Talent ist unübersehbar, in wenigen Jahren wird er den Laden übernehmen. Doch eines Morgens findet Marco den alten Mann regungslos am Tisch … Es sind Momente, die eine Existenz auf den Punkt bringen, die wie unter einem Brennglas Hoffnungen und Wünsche eines Lebens zusammenfassen. Ohne Pathos und voller Wärme erzählt Jens Eisel von ihnen, mit Pointen, die so treffend wie unaufgeregt sind. Es sind knappe Stories, die lange nachhallen, und sie erinnern an große amerikanische Vorbilder wie Richard Ford oder Sherwood Anderson.
Rezension
"Wer Hamburg mag, sollte dieses Buch lesen. Wer gute Literatur mag, ebenfalls. (...) Jens Eisel besitzt ein großes literarisches Gespür für die Magie ganz normaler melancholischer Momente.", Neue Ruhr Zeitung, 23.01.2015
Portrait
Eisel, Jens
Jens Eisel, geboren 1980 in Neunkirchen/Saar, lebt in Hamburg. Nach einer Schlosserausbildung arbeitete er unter anderem als Lagerarbeiter, Hausmeister und Pfleger. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und war 2013 Finalist beim Literaturpreis Prenzlauer Berg. Mit seiner Story »Glück« gewann er im selben Jahr den Open Mike.
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  • Artikelbild-0
  • Hunde
    Als ich Henning kennenlernte, war ich neunzehn; er war neunundzwanzig. Wir arbeiteten bei UPS im Lager, stapelten Pakete, die von einem Fließband in die Container fielen. Im Sommer war es brütend heiß und im Winter schweinekalt. Der Job war ziemlich beschissen. Ich arbeitete dort, weil sie ganz gut bezahlten, und ich arbeitete dort, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Ich wohnte damals in einem besetzten Haus, aber die Leute gingen mir auf die Nerven. Ich hatte keine Lust auf diese Hausplenumscheiße.
    Als Henning bei UPS anfing, war ich schon fast ein Jahr in dem Laden. Ich kam mit den anderen klar, aber wirklich verstanden habe ich mich mit niemandem dort. Die meisten blieben auch nicht besonders lang.
    Ich war im Container und mit den Paketen beschäftigt, als er plötzlich vor mir stand. Er war mindestens einen Kopf größer als ich und doppelt so breit. Seine dunklen Haare trug er kurz."Ich soll heut mit dir zusammenarbeiten", sagte er. "Ich bin Henning."Henning war erst seit Kurzem wieder draußen. Er hatte einen Bewährungshelfer, bei dem er sich in regelmäßigen Abständen melden musste."Wenn die neun Monate vorbei sind, hau ich hier ab", sagte er. Wir saßen in seiner Wohnung, und Henning drehte sich eine Zigarette. Es war eine kleine Zweizimmerwohnung mit Ofenheizung. Die Wände waren mit Zeichnungen beklebt: Drachen, Totenschädel und Pin-up-Girls. Er zeichnete in jeder freien Minute, und er hatte Talent."Wo willst du hin?", fragte ich."Nach Hamburg, ich kann dort in nem Laden anfangen", sagte er.
    Das Erste, was ich mir von Henning stechen ließ, war ein Dolch, dann einen Totenschädel und ein Spinnennetz. Nach einem halben Jahr war ich ziemlich zugehackt. Anfangs sahen wir uns zwei-, dreimal die Woche, später zog ich bei ihm ein. Wir fuhren morgens gemeinsam zur Arbeit, abends zogen wir zusammen durch die Kneipen.
    Einmal, als wir am Tresen saßen, erzählte er mir eine Geschichte, die mich ganz schön mitnahm."Barkley war sechs, als ich reinkam", sagte er. "Ich kannte niemanden, der ihn nehmen konnte, also musste ich ihn ins Tierheim geben. Ich werd nie vergessen, wie er mich ansah. So was kann man nur verstehen, wenn man mal mit einem Hund zusammengelebt hat. Und ich meine, wirklich zusammengelebt. Es gab Zeiten, da hatte ich kaum Geld, ich wusste nicht, wie ich die Kohle für die Miete zusammenkriegen sollte, konnte mir keinen Tabak leisten. Aber für Barkley hat es immer gereicht. Und wenn ich selbst hungern musste. Ich war in dieser Scheißzelle, und abends, wenn es dunkel wurde und ich nicht einschlafen konnte, kamen die Bilder. Ich saß im Knast und er auch. Als ich rauskam, bin ich direkt dorthin. Er war nicht mehr da."Er hob sein Bier, trank einen Schluck und stellte es wieder zurück. Er zog eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie aber nicht an."Dieser Blick", sagte er, und dann sagte er nichts mehr. Ich hätte gerne was darauf geantwortet, aber es fiel mir nichts ein. Wir saßen einfach so da, tranken und rauchten, bis der Kellner die Stühle hochstellte und wir schließlich gingen.
    Es war das erste Mal, dass er davon sprach, und auch später redete er nicht mehr davon. Doch ich merkte, dass es ihn beschäftigte, denn jedes Mal, wenn er Hunde sah, wurde er unruhig.
    Als wir an dem Abend nach Hause liefen, sprach niemand ein Wort. Es regnete, und hin und wieder fuhr ein Wagen vorbei, Menschen waren nicht auf der Straße.
    Es sprach sich herum, dass er tätowierte, und es kamen immer mehr Leute. Es war schön, ihm zuzusehen, wie er immer besser wurde. Unsere Küche verwandelte sich in eine Tätowierstube. Anfangs machte er es umsonst, später nahm er dann Geld. Er kaufte sich eine neue Maschine, und er benutzte für jedes Tattoo frische Nadeln. Manchmal, wenn ich nachts im Bett lag und Henning in der Küche saß und zeichnete, hörte ich noch immer das Geräusch der Maschine. Es kam sogar vor, dass ich davon träumte.
    Eines Tages kam ein Typ vorbei, den er vor einer Weile
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Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 144
Erscheinungsdatum 15.09.2014
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-492-05665-6
Verlag Piper
Maße (L/B/H) 21,1/13,1/2,2 cm
Gewicht 282 g
Verkaufsrang 153490
Buch (gebundene Ausgabe)
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Kundenbewertungen

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Hafenlichter
von einer Kundin/einem Kunden aus Jena am 13.01.2015
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Die Sammlung von Kurzgeschichten waren alle sehr lesenswert. Teilweise haben mich einige Geschichten stark berührt und zum Nachdenken angeregt. Das Buch kann ich nur empfehlen.