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Das leise Kratzen in der letzten Rille. Absurditäten aus dem Leben eines Taugenichts

Ein pikaresker Roman

Johannes Finkbeiner

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Beschreibung

Erstmal Urlaub.
Savicevic, notorischer Arbeitsverweigerer, verspürt fast täglich den unstillbaren Drang nach Urlaub. Urlaub von der Eintönigkeit seines Lebens, den Städten und dem sich schier endlos auftürmenden Berg der Bürokratie, mit der das Ordnungsamt der Föderativen Republiken Europas ihn stetig quält. Kein Wunder also, dass der eigensinnige Faulenzer von dem ganzen Stress eine Pause braucht. Und seine engsten Freunde, ein sprechender Panther und eine Kobra, müssen natürlich mit, wenn Savicevic die Reiselust packt. Ausgerüstet mit einer Silvesterrakete, einer Schallplatte, einer zerrissenen Konzertkarte und weiteren höchstwichtigen Gegenständen, macht er sich auf zu einer außergewöhnlichen Fahrt, wie sie abenteuerlicher und wundersamer nicht sein könnte.

Tauche ein in eine Welt voller skurriler Charaktere und Absurditäten, in der Wahnsinn und Genie kaum voneinander zu trennen sind; in eine Geschichte voller Witz, guter Laune, Melancholie und auch ein bisschen Liebe!

Mit seinem Debütroman, irgendwo zwischen Fantasy und pikareskem Roadmovie, liefert Autor Johannes Finkbeiner die deutsche Antwort auf die Werke englischsprachiger Genre-Größen wie Terry Pratchett und Douglas Adams.

Johannes Finkbeiner wurde in der schwäbischen Provinz geboren, ging nach Abitur und Zivildienst zu Daimler ans Band, bis er die Schnauze voll hatte. Weiter ging´s nach Düsseldorf, um Literatur und Konsorten zu studieren, anschließend zog es ihn nach Marseille: Schundromane für Goldmann übersetzen und dabei arm werden. Heute lebt der Autor in Martigues und unterrichtet seine Lieblingssprache: Deutsch.

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 184
Erscheinungsdatum 05.09.2014
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-86282-301-7
Verlag Acabus Verlag
Maße (L/B/H) 20/13,1/1,7 cm
Gewicht 184 g
Abbildungen mit Abbildungen
Auflage 1

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  • 1. Kapitel

    Savicevic riss ein Magritte-Plakat von der Wand und warf es weg, denn es gefiel ihm nicht mehr. Man konnte seine Meinung ja auch mal ändern. Dann hängte er mit seinen drei T-Shirts eine Trikolore auf den Wäscheständer, dachte kurz nach und ging schließlich in die Küche, um ein Bier zu trinken. Er hatte sehr gut geschlafen.
    Savicevic war achtundzwanzig Jahre alt und hatte dichte blonde Haare; im Nacken waren sie etwas länger und bogen sich zwei Hörnchen ähnlich hinter den Ohren hervor. Im linken Ohr trug er einen kleinen, silbernen Ring, den er eigentlich gerne loswerden wollte. Es war ihm aber zu lästig, ihn herauszunehmen. Seine Augen waren grüngrau.
    Seit ein paar Monaten wohnte er in einem Bungalow am Ufer des Eau des Goûts, dem größten Strom der Föderativen Republiken Europas. Die Adresse war Franz K. Stanzel-Straße 1. In den achtziger Jahren hatte er durch Sportwetten ein großes Vermögen verdient, von dem er seither lebte. Besonders bei UEFA-Cup-Rückspielen von Werder Bremen hatte er den richtigen Riecher gehabt. Das Geld erlaubte es ihm, frei über seine Zeit zu bestimmen. Er war sehr glücklich über diesen Umstand, denn auf Arbeiten hatte er keine Lust – sein Leben war ihm wichtiger. Seine Zeit nutzte er vor allem dafür, ein, zwei Bier zu trinken, Platten zu hören oder mit seinen Tieren in die Disko zu gehen. Er hatte sich auf exotische Arten spezialisiert, da er mit Hunden nicht viel anfangen konnte und Hamster ihm leid taten. Seine Lieblingstiere waren Faultiere. Er selbst ähnelte ihnen insofern ein wenig, als er ziemlich oft im Bett anzutreffen war und in einem etwas unorthodoxen Rhythmus lebte, der ihm bisweilen Unannehmlichkeiten bescherte. Die meisten seiner Nachbarn waren nämlich Beamte, hassten Savicevics Vorliebe, spätnachmittags aufzustehen, und schrieben deswegen Beschwerdebriefe an die zuständige Behörde.
    Montags um 6:30 Uhr kam dann immer Herr Sträuber vom Ordnungsamt und klingelte ihn aus dem Bett. Spätes Aufstehen sei unerlaubt; da könne ja jeder kommen, und das könne schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Kostenzusageübernahmeerklärung sei unverzüglich einzureichen. Savicevic kannte solcherlei sinnlosen Müll nur aus dem Fernsehen, und da es obendrein viel zu früh für eine stringente Argumentation in drei Schritten war, entgegnete er nur kurz, aber treffend: „Arschloch!“ Damit schubste er ihn hinaus, knallte die Tür zu und legte sich wieder hin. Sträuber brüllte dann meistens irgendwelche unverständlichen Hassausdrücke und drohte schließlich damit, neben Savicevics Bungalow ein Atomkraftwerk bauen zu lassen – dies war die einzige Drohung, mit der man ihn beeindrucken konnte. Aufgebracht fügte er hinzu: „Nehmen Sie endlich eine ehrliche Arbeit auf! Sie liegen ja nur auf dem Lotterbett!“
    Savicevic hörte von alldem jedoch nichts mehr, denn er war längst wieder eingeschlafen. Im Übrigen fand er keineswegs, dass er auf dem Lotterbett lag; er hatte genug damit zu tun, über alles Mögliche nachzudenken.

    Die meisten seiner Tiere lebten direkt neben seinem Bungalow in einem dreistöckigen Gebäude, wo sie eine Art autonome Gemeinschaft gebildet hatten. Bei sich im Bungalow hatte Savicevic die Tiere einquartiert, zu denen er den persönlichsten Kontakt hatte. Es waren Gökhan, sein ältestes Faultier, Pynchon, ein Schwarzer Panther, die Kobra Topstar und M’Boma, ein afrikanisches Spitzmaulnashorn. Abgesehen von seinen Tieren hatte Savicevic zwei Freunde, die er allerdings nur selten zu Gesicht bekam, da sie weit weg wohnten: Es waren Brinkmann, ein stromaufwärts in K.-Stadt wohnender Physiker, der in jüngster Zeit die Absurdität des Lebens bewiesen hatte und dadurch berühmt geworden war, und der Fahrradmechaniker Abduschaparow.
    Und dann gab es noch Lie. Savicevic dachte fast immer an Lie. Sie hatten sich bei einem schulübergreifenden Lesewettbewerb kennengelernt. Savicevic war vierzehn Jahre alt gewesen und besuchte damals das Uwe-Bein-Gymnasium in Ouagadougou. Lie machte zu der Zeit ein Auslandsjahr in Bayern. Bei jenem Lesewettbewerb waren sie beide in die Endausscheidung gekommen, die an einem Samstag im April in Stuttgart-Heslach stattfand. Lie gewann den Wettbewerb überlegen mit einem tadellos vorgetragenen Textausschnitt aus Ich werde auf eure Gräber spucken. Savicevic dagegen verhaspelte sich vor Aufregung beim Lesen der Kurzgeschichte Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah. Lie hatte ihm gegenüber gesessen, und da er immerzu in ihr sommersprossiges Gesicht schauen wollte, hatte er sich in kürzester Zeit mehrere leichte Lesefehler eingefangen. Am Abend waren sie zusammen ins Hi tanzen gegangen, und Lie war sehr spendabel gewesen; sie hatte ein ordentliches Preisgeld abgesahnt, rund eine Viertelmillion Superhero. Trotzdem hatte sie es sich nicht nehmen lassen, eine Flasche Champagner zu klauen, die eine Gruppe von Künstlern am Nebentisch bestellt, dann aber nicht abgeholt hatte. Den Champagner hatten sie auf dem Heimweg getrunken. Er schmeckte schlecht, doch das war ihnen egal gewesen. Savicevic hatte bei einem gewissen Tiev, der mit einem schwunghaften Spielkonsolenhandel sein Leben verdiente, ein Zimmer gemietet. Lie hatte bei Savicevic geschlafen und ihn am nächsten Morgen angelächelt. Sie hatte vorsichtig das Kissen unter seinem Kopf zurechtgerückt – es war ein wenig weggerutscht – und gesagt: „Bis zum nächsten Mal, Savicevic.“ Dann hatte sie Gökhan, der damals noch ein agiler Jungspund war, über das Fell gestrichen und war einfach gegangen. Savicevic fand es gemein von ihr, dass sie seine Schläfrigkeit so schamlos ausgenutzt hatte. (Endgültig aufgewacht war er an jenem Morgen durch ein ohrenbetäubendes Trommeln. Es war Tiev, der auf den störanfälligen Telefunken-Fernseher einschlug, um weiter FIFA 98 zocken zu können.)
    Immer wenn Lie wieder weg war, fühlte er eine seltsame Leere. Bier erschien ihm dann unwichtig, und zu Atomenergie hatte er plötzlich keine Meinung mehr. Er ging daher davon aus, dass er in Lie verliebt war. Einmal hatte er es Lie auch gesagt: „Ich will, dass du mir einen Kuss gibst, Lie. Ich bin nämlich in dich verliebt.“ (Er hatte nicht gesagt „Ich liebe dich“, da er große Scheu vor diesem Satz hatte. Später, bei anderen Frauen, war es ihm zwei Mal passiert, dass er das einfach so dahingesagt und danach bereut hatte, da es gelogen war. Das erste Mal, als er sehr betrunken gewesen war; das zweite Mal, nachdem er sehr guten Sex gehabt hatte.) „Kriegst du aber nicht!“, hatte Lie geantwortet und gelacht. „Noch nicht!“ Sie hatte sich dabei ein bisschen auf die Unterlippe gebissen und dann angefangen, mit den Händen ihr Milchkaffeeglas zu streicheln.
    Seither trafen sie sich selten, aber regelmäßig, und Savicevic war jedes Mal sehr aufgeregt, wenn er sie sah. Aber nie passierte etwas, und es frustrierte ihn manchmal. Sie trafen sich, Lie lachte und dann war sie wieder weg. Mit der Zeit bereute Savicevic es, sie nicht einfach geküsst zu haben. Vielleicht wäre dann alles einfacher gewesen. So hatte er einfach angefangen auf Lie zu warten. Das Warten war auch gar nicht so schlecht. Denn es war ja ein angenehmes Gefühl, auf etwas Schönes zu warten. Aber manchmal fühlte er sich dennoch wie die Lattenroste im Treppenhaus von Brinkmanns Hochhaus. Lie machte zwar immer mal wieder rätselhafte Andeutungen, wie zum Beispiel „Es könnte sein, dass ich mich bald in dich verliebe.“ Aber mehr kam dann schließlich doch nicht. Sie ließ ihn zappeln und lachte. Savicevic wartete trotzdem weiter. Man konnte die Zeit ja anderweitig überbrücken.

    Lie sieht so gut aus! Wäre gut, sie mal wieder zu besuchen, dachte er und nahm einen großen Schluck Bier. Er verdrängte den Gedanken jedoch schnell wieder und setzte sich auf die Fensterbank. Er trank das Bier aus, öffnete ein zweites und überlegte.
    „Bock auf Disko heute Abend?“, wandte er sich nach einer Weile an Gökhan, der an der Deckenlampe hing und die Seele baumeln ließ. Gökhan ging gerne in Diskotheken, das wusste Savicevic. Heute aber schien er nicht sonderlich angetan von dem Vorschlag; fast angewidert drehte er sich weg. Etwas angefressen von Gökhans Abfuhr ging Savicevic in den Salon hinüber. Die Stimmung unter den Tieren war seit einiger Zeit schlecht. Das beunruhigte ihn. Er selbst fühlte sich auch ein wenig ausgebrannt, war sich aber nicht sicher, ob das eine auf das andere zurückzuführen war. Er dachte ungern daran, dass auch sein Vermögen zur Neige ging, und versuchte dies zu verdrängen. Die Miete für den Bungalow betrug eine halbe Million Superhero pro Quartal, und obendrein hatte die Tierfutterbehörde die Tierfuttersteuer erhöht, um die Tierbesitzer in Schwierigkeiten zu bringen. Außerdem musste er Tiersteuer, Tierkotsteuer und Tierkotbeseitigungssteuer zahlen. Er dachte daran, bald arbeiten gehen zu müssen, und übergab sich bei dem Gedanken in einen Blumentopf.
    Savicevic überlegte weiter: Ich könnte M’Boma fragen. Vielleicht hat er Lust auf Disko. Andererseits war ich erst gestern mit ihm beim Tierarzt wegen einer Zecke. Wahrscheinlich kommt Disko da noch zu früh. Aber hier will ich auch nicht bleiben. Ich brauche dringend mal wieder Abwechslung. So langsam fällt mir die Decke auf den Kopf.
    Savicevic rülpste leise. Er war seit einigen Tagen nicht mehr im Urlaub gewesen, daher waren Gedanken dieser Art natürlich verständlich. Von Zeit zu Zeit wurde ihm das Leben in seinem Bungalow zu eintönig; überdies war in dieser Gegend das Temperament der Bevölkerung für seine Begriffe zu überschäumend. Da im Übrigen auch das Klima bald unwirtlich werden würde – worauf er überhaupt keine Lust hatte, denn er hatte eine Kälte-Allergie – und seine Tiere gut alleine klarkamen, beschloss er kurzerhand, sich auf den Weg zu Brinkmann zu machen. Er wollte ihn fragen, ob er Bock habe, mit in Urlaub zu fahren.