Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969/CD

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie Bestes Hörspiel 2017

intermedium 67

(6)
Gudrun Ensslin, eine Indianersquaw aus braunem Plastik, und Andreas Baader, ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung – so vermischen sich im Kopf des 13-jährigen namenlosen Erzählers in Frank Witzels Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" – die politischen Verwerfungen in der BRD des Jahres 1969 mit seinen kindlich-spielerischen Fantasien.

Das Jugendzimmer wird hier zum Echoraum der Geschichte und der hier ausgetragene Aufstand gegen die Trias Familie, Staat und Kirche ist nicht minder real, als die von der RAF geträumte Revolution auf bundesdeutschen Straßen. Zusammen mit dem Teenager begeben wir uns in den oszillierenden Raum seiner manischen-depressiven Störung – seine Lebensorte überlagern sich und verwischen, da erscheinen das bereits erwähnte Jugendzimmer ebenso, wie der letzte Ort seines kurzen Lebens im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

In diese Echoräume schieben sich aber immer wieder auch konkrete Lebenserinnerungen des Teenagers. Die Vergangenheit, ihr Geruch, ihr Geschmack und die darin wohnenden Ängste und Traumata brechen durch eine mühsam geklitterte Oberfläche, genauso wie in dieser Zeit die Wundkrusten der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft aufreißen und die Metastasen der verborgenen und verdrängten Nazizeit plötzlich freilegen. Seine Jugend zwischen Kirche und Krankheit setzt den jugendlichen Erzähler fortwährenden Befragungs-, Verhör- und Geständnissituationen aus – ob in seiner Therapie oder im Beichtstuhl.

Und mit jeder Frage und jedem Geständnis brechen neue Krusten auf. Schließlich erliegt er diesem inneren Zeitbeben. Über seine manisch-depressive Störung befindet der Erzähler dabei, „man ist ja nicht immer wahnsinnig, sondern man ist wahnsinnig und dann wieder nicht, so wie man liebt und dann wieder nicht.“ So unstet wie seine Zustände ist auch seine Erzählung, und so befindet er weiter: „erlöse uns von unseren Gedanken und Meinungen und dem Versuch, Geschichte zu rekonstruieren und immer gleiche Gedanken in Wiederholungen zu perpetuieren und damit das kardiovaskuläre System langsam nach unten zu fahren.“

Das Aufheben der linearen und chronologischen Erzählweise ist hier eben nicht erzählerisches Mittel zum Zweck, sondern Ausdruck dieser „frei in der Zeit flottierenden Geschichtsschreibung“, mit der sich Frank Witzels Roman gegen die herkömmliche Deutung der Geschichtsschreibung und Interpretation wendet.

Bearbeitung: Frank Witzel und Leonhard Koppelmann
Musik: Frank Witzel
Ton und Technik: Gerhard Wicho, Daniela Röder
Besetzung: Andrea Fenzl
Regie: Leonhard Koppelmann
Dramaturgie und Redaktion: Katarina Agathos
Produktion: BR Hörspiel und Medienkunst 2016

Ursendung: Bayern 2, 25. Juni 2016
Portrait
Frank Witzel, geb. 1955 in Wiesbaden, Autor, Essayist, Zeichner, Musiker. Für seinen Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" erhielt er den Deutschen Buchpreis 2015 sowie den Robert Gernhardt Preis 2012. Weitere Veröffentlichungen u.a. "Bluemoon Baby" (2001), "Revolution und Heimarbeit" (2003), "Vondenloh" (2008).
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Beschreibung

Produktdetails


Medium Set mit diversen Artikeln
Sprecher Andrea Fenzl
Anzahl 2
Erscheinungsdatum September 2016
Sprache Deutsch
EAN 9783946875505
Verlag Belleville
Auflage 1
Spieldauer 158 Minuten
Hörbuch (Set mit diversen Artikeln)
19,99
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Kundenbewertungen

Durchschnitt
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Macht richtig Spaß - kultverdächtig...
von einer Kundin/einem Kunden aus Berlin am 02.03.2018

insbesondere für Altersgenossen des Autors. Ein Feuerwerk an Details längst vergessener Banalitäten, die das Lebensgefühl der Zeit prägten - also ein- bis zweimal hören reicht da überhaupt nicht. Fünf, sechs mal und dann mit Freunden immer wieder gern, schätze ich. Auch ist das Cover hübsch gestaltet und, soweit... insbesondere für Altersgenossen des Autors. Ein Feuerwerk an Details längst vergessener Banalitäten, die das Lebensgefühl der Zeit prägten - also ein- bis zweimal hören reicht da überhaupt nicht. Fünf, sechs mal und dann mit Freunden immer wieder gern, schätze ich. Auch ist das Cover hübsch gestaltet und, soweit ich's beurteilen kann, die CD recht sorgfältig produziert.

Der Titel verrät schon viel ....
von Karlheinz aus Frankfurt am 29.04.2017

unter anderem, dass der Autor sich schon vieler Buchstaben im Titel bedient, vermutlich weil er es mit 'in der Kürze liegt die Würze' nicht so hält. Im Klappkarton wird das Hörbuch, verteilt auf 10 einzelne CD's mit einer Gesamtlaufzeit von ca. 760 Minuten (gekürzte Fassung!?) geliefert. Der Klappentext verrät nur... unter anderem, dass der Autor sich schon vieler Buchstaben im Titel bedient, vermutlich weil er es mit 'in der Kürze liegt die Würze' nicht so hält. Im Klappkarton wird das Hörbuch, verteilt auf 10 einzelne CD's mit einer Gesamtlaufzeit von ca. 760 Minuten (gekürzte Fassung!?) geliefert. Der Klappentext verrät nur wenig, wer sich (wie ich) etwas mehr zum Thema RAF erhofft hat, wird enttäuscht werden. Man hangelt sich von Kapitel zu Kapitel und von CD zu CD, als Buch hätte ich sicherlich aufgegeben und dieses - obwohl ich Bücher für 'heilig' halte ' in die Ecke 'gepfeffert', so habe ich mich berieseln lassen. Der Autor, der im Übrigen sein Hörbuch selbst liest spricht leider etwas nasal hat es allerdings gut vertont (kein Wunder, ist ja sein Werk). Ständig wird zwischen den unterschiedlichen Zeitepochen hin und her gesprungen, was den Roman verworren und wirr erscheinen lässt und auch zum Schluss hin nicht zusammmen findet, so dass letztendlich keine runde Sache daraus wird. Nicht unbedingt langweilig, dennoch langatmig, eben wie Tagebucheinträge die das Leben/die Entwicklung eines pubertierenden Heranwachsenden über einen sehr langen Zeitraum wiedergibt. Das 'Sprachkunstwerk*)' wurde 2015 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Für mich nicht ganz nachvollziehbar, es ist eher wie durcheinandergeratene Tagebucheinträge. Aber was weiß ich schon von Kunst? Bekanntermaßen liegt diese im Auge des Betrachters ' ich trage eine Brille zur Korrektur meines Sehfehlers' Info: Bei dem Produkt handelt es sich um ein vom Händler/Hersteller kostenfrei bzw. zu vergünstigten Konditionen zur Verfügung gestelltes Produkt um es auf "Herz und Nieren" zu prüfen und zu bewerten. *) Begründung der Jury

Ich bin verwirrt
von Wortschätzchen aus Kreis HD am 18.02.2016
Bewertet: Hörbuch (CD)

Möglicherweise liest sich dieses Buch besser, als es sich hört. Allerdings zweifle ich doch daran, dass ich beim Lesen begeistert gewesen wäre. Das leichte Lispeln des Autors bei der Lesung ist gleichzeitig nervig und passend. Die Sprünge jedoch sind wirklich anstrengend. Dieses (Hör-)Buch ist eine Mischung aus Bewusstseinsstrom, Dialogen,... Möglicherweise liest sich dieses Buch besser, als es sich hört. Allerdings zweifle ich doch daran, dass ich beim Lesen begeistert gewesen wäre. Das leichte Lispeln des Autors bei der Lesung ist gleichzeitig nervig und passend. Die Sprünge jedoch sind wirklich anstrengend. Dieses (Hör-)Buch ist eine Mischung aus Bewusstseinsstrom, Dialogen, inneren Monologen und Erzählpassagen. Immer wieder springt der Erzähler von einem Gedanken zu einem völlig anderen und wieder woanders hin. Dann irgendwann geht es wieder an einem Faden weiter, den man schon ganz vergessen hatte. Es ist so schrecklich schwer zu beschreiben. Besonders toll fand ich die Story (?) gar nicht – aber ich konnte auch gleichzeitig nicht aufhören, zuzuhören. Es gab auch immer wieder Stellen, bei denen ich lachen musste. Oder ich erschrak, dass ich einen der irren Gedanken des Autors tatsächlich nachvollziehen konnte und zustimmen mochte. Dann wieder Momente, an denen ich dachte, wer so leben musste, der muss ja wahnsinnig werden. Am Ende stehe ich aber da und frage mich, was genau mir das Buch, der Autor eigentlich auf den Weg mitgeben wollte. Ich habe es wohl schlicht und ergreifend nicht wirklich verstanden. Ich fühle mich eher, als hätte ich mich in einem Labyrinth verlaufen und wüsste nun weder ein noch aus. Etwas an diesem (Hör-)Buch ist faszinierend, aber vieles auch abstoßend. Was ist wahr, was ist erfunden, was ist die Frucht eines kranken Geistes? Das lässt sich einfach nicht beantworten. Fakt ist, dass dieses (Hör-)Buch keinen Plot hat, wie man das kennt. Auch keinen roten Faden. Aber – wenn ich es denn richtig verstanden habe – ein gruseliges Geheimnis birgt. Ich bin verwirrt. Ich bin ratlos. Ich bin angezogen und abgestoßen. Was sagt man da? Was macht man da? Ich habe so viel Besseres gelesen und gehört – aber ehrlich gesagt auch schon Schlechteres. Ergibt also einen Kompromiss: drei Sterne.