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In guter Gesellschaft / Lars M. Johansson Bd.1

Roman - Ausgezeichnet mit dem Schwedischen Krimipreis

Lars M. Johansson Band 1

Leif GW Persson

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Beschreibung

Ein alter Mann, der gerne einmal einen über den Durst trinkt, aber ansonsten harmlos ist, wird schwer verletzt in der Ausnüchterungszelle vorgefunden. Hat die Polizei ihn misshandelt? Kriminaldirektor Lars Johansson, neu auf diesem Posten, soll ermitteln. Zunächst hält er das Ganze für einen Routinejob und auch für nicht sehr wahrscheinlich. Erst allmählich wird ihm klar, dass es Elemente bei der Stockholmer Polizei gibt, die nicht nur brandgefährlich sind, sondern auch über einen gewaltigen Einfluss im Apparat verfügen.

Ausgezeichnet mit dem Schwedischen Krimipreis.

„Schwedens bester Kriminalautor legt einmal mehr einen Thriller der Meisterklasse vor.“

Leif GW Persson gilt als Großmeister der skandinavischen Kriminalliteratur. Persson, der lange Zeit als Profiler im Polizeidienst tätig war, ist Professor der Kriminologie, Medienexperte und seit mittlerweile 30 Jahren einer der erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Er wurde mehrfach mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet, daneben erhielt er den Dänischen und den Finnischen Krimipreis. Seine Romane stehen regelmäßig auf Platz 1 der Bestsellerliste und verzeichnen Millionenauflagen..
Dr. Gabriele Haefs studierte in Bonn und Hamburg Sprachwissenschaft. Seit 25 Jahren übersetzt sie u.a. aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Walisischen. Sie wurde dafür u.a. mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, zuletzt 2008 mit dem Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Sie hat u.a. Werke von Jostein Gaarder, Håkan Nesser und Anne Holt übersetzt. Zusammen mit Dagmar Mißfeldt und Christel Hildebrandt hat sie schon mehrere Anthologien skandinavischer Schriftsteller herausgegeben.

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 368
Erscheinungsdatum 24.06.2005
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-73338-5
Verlag btb
Maße (L/B/H) 18,6/11,8/2,7 cm
Gewicht 328 g
Originaltitel Samhällsbärarna
Übersetzer Gabriele Haefs

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  • Sie spannten ihn auf ein Karrenrad, die Nabe bohrte sich in sein Kreuz, sein Nacken hing über den eisernen Rand. Seine Arme und Beine hatten sie mit einem Axtstiel zerschlagen und kunstfertig mit den groben Speichen verflochten. Sicherheitshalber hatten sie seine Handgelenke und Fußknöchel mit Riemen aus ungegerbtem Leder festgebunden. Endlich hatten sie dann das Rad auf einen mindestens fünfzehn Ellen langen Eichenpfosten gespießt und ihn auf diese Weise gen Himmel gehoben.
    Dort ruhte er nun. Zwischen Himmel und Erde, wie lange schon, wusste er nicht. Über sich sah er den vom Wind zerfetzten Herbsthimmel, wo die Sonne bereits tief stand, obwohl es noch nicht einmal Mittagszeit war. Unter ihm die schwarze Scholle. Frisch gepflügt mit gewundenen Furchen. Von hier oben sah es aus, als zögen Kolonnen von fetten Schnecken dahin. Was er da sah, waren sicher ihre Rücken.
    Natürlich musste es wehgetan haben, aber das spürte er nicht. In seinem Körper gab es nur den Frieden, den das Wissen um die höchste Gerechtigkeit schenkt. Deshalb hob er auch seinen Blick zum Himmel und sagte – mit so lauter und deutlicher Stimme, dass die Wachen unten am Feuer erschrocken zusammenfuhren und zu ihm hochblickten: »Mein Gott. Ich, Michael Kohlhaas, danke dir dafür, dass ich mein Recht erhalten habe.«
    Er senkte die Augen wieder. Auch die Schnecken waren stehen geblieben, aber keine wagte es, ihn anzusehen.

    Schwedischer Herbst

    1
    Unsere Zeit kennt die Gnade nicht.
    Er lag ordentlich im Bett, die Kante des Bettbezugs klemmte unter seinem Kinn, und seine Arme ruhten auf der Decke. Es war ein durchaus behaglicher Raum, kein typisches Krankenhauszimmer. Klein und hell, gepflegt und eben erst gelüftet, Textilien und Bettwäsche in milden Gelb und Grautönen. Ein Nachttisch aus hellem Eichenfurnier. Das Einzige, was das Bild im Grunde störte, waren der Mann im Bett und eine überaus nichts sagende Lithographie an der Wand.
    Sein Gesicht war geschwollen, großporig und überzogen von einem feinmaschigen Netz aus Adern und Gefäßen. Zwischen Augenbrauen und Wangenknochen befand sich ein kräftiger Bluterguss, dessen Ausläufer sich bis zur Augenhöhle zogen. Außerdem hatte er eine hässliche Wunde an der linken Schläfe, Schrammen auf dem Nasenrücken und blaue Flecken an den Armen.
    Die Krankenschwester, von der Johansson ins Zimmer geführt worden war, hatte gesagt, der Patient sei bei Bewusstsein. Wenn das stimmte, ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. Er lag unbeweglich da, und sein verschlossenes Gesicht trotzte allen Annäherungsversuchen. Nach einer halben Stunde beschloss Johansson aufzugeben. Gegen Ende hatte er vor allem schweigend auf seinem Stuhl neben dem Bett gesessen. Das ist doch keine Arbeit für einen Polizeidirektor. Deshalb erhob er sich vorsichtig. Griff nach dem Tonbandgerät, das er auf die Bettdecke gelegt hatte, und bückte sich nach seiner Aktentasche auf dem Boden.
    Plötzlich bewegte sich der Mann im Bett. Er ballte die linke Faust, und im spaltbreit geöffneten Auge war ein leichtes Funkeln zu ahnen. Johansson beugte sich über ihn.
    »Wer hat dich zusammengeschlagen?« Falsch, dachte er. Falsche Frage. Hat irgendwer dich zusammengeschlagen, hätte er fragen sollen.
    Aber jetzt war es geschehen. Außerdem reagierte der Mann. Er fasste nach der Bettdecke und versuchte, den Kopf zu heben. Und dann kam es. Mit schwacher und unsicherer Stimme, aber doch deutlich.
    »Björneborger ... Björneborger Marsch.« Dann sank sein Kopf zurück auf das Kissen.

    2
    Erst gegen Abend fingen die Autos an, auf den Verkehrsadern in die Stadt hinein Schlangen zu bilden. Eine sich windende Blechkarawane, in der die aktiven, wohlangepassten Mitbürger zufälligerweise mitwirkten. Alle, die eine Muschel von einem Muslim unterscheiden konnten, alle, die Laub harken und ein Boot für den Winter auflegen konnten. Es war Sonntag, der achte September, und der Ausklang eines ruhigen Wochenendes.
    In der Stadt geblieben waren die anderen. Jene, denen ihr Videogerät lieber war als der Altweibersommer, jene, die an solche Dinge keinen Gedanken verschwendeten, und jene, die keine Wahl hatten. Geblieben waren Gauner, Säufer, Junkies und alle anderen, die nur Ärger machten. Geblieben waren genügend Polizisten, Sozialarbeiter, Ärzte und Krankenschwestern, um der großen Mehrheit alle Sorgen zu ersparen.
    Es war auch für die Polizei ein ruhiges Wochenende gewesen. Im Laufe des Sonntags waren zweihunderteinundzwanzig Vergehen gemeldet worden. Nur halb so viel wie normal, und auch keine besonders auffälligen Dinge; fünfzehn Körperverletzungen, zehn Raubüberfälle, neun Handtaschendiebstähle, etwa fünfzig Einbrüche und ansonsten einfache Klauereien. Die insgesamt tausendunddreißig Polizisten, die in diesen vierundzwanzig Stunden Dienst gehabt hatten, brauchten sich also nicht an ihrem Kaffee zu verschlucken.
    In der Zentrale der Stockholmer Polizei konnte man in aller Ruhe die Aufgaben an die Kollegen draußen im Feld verteilen, und es herrschte kein Mangel an unbelegten Zellen im Polizeihauptquartier Kronoberg und in den einzelnen Wachdistrikten. Nur etwa hundert Festnahmen hatte es gegeben, zumeist Betrunkene und alte Bekannte. Dass einer davon an diesem Tag gleich zweimal festgenommen wurde, konnte die Arbeit auch nicht merklich beeinträchtigen. Umso weniger, als er zunächst im ersten Wachdistrikt in der Nähe der Zentrale Mittagsschlaf gehalten und danach im WD 4 draußen bei Farsta sein Nachtquartier bezogen hatte. Zehn Stunden später und fast ein Dutzend Kilometer von dort entfernt.
    »Überaus ruhig«, fasste der Wachhabende in der Zentrale die Lage zusammen, als die Nachtredaktion der großen Abendzeitung ihn anrief, um sich nach Vorfällen zu erkundigen, über die es sich zu schreiben lohnen könnte.
    »Ruhig und friedlich«, bestätigte sein Kollege von der Kriminalabteilung, dem zehn Minuten später dieselbe Frage gestellt wurde. Er konnte nur von zwei Dingen berichten, und das waren höchstens Spaltenfüller. Es ging um Ionnis, 13, und Sirka-Lisa, 19.
    Ersterer war übers Wochenende nach Stockholm gekommen, um seinen Vater zu besuchen. Die Eltern waren geschieden, und Ionnis wohnte bei seiner Mutter in Eskilstuna. Am Samstagvormittag klingelte der Junge an der väterlichen Tür in Tensta, dort aber war niemand daheim. Um seine Mutter nicht unnötig zu beunruhigen, hatte er sich einmal rund um die Uhr in der Stadt herumgetrieben, dann hatte er sich in die U-Bahn zum Östermalmstorg gesetzt, um zum Hauptbahnhof zu fahren und von dort den Zug nach Hause zu nehmen. Leider war er im selben Wagen gelandet wie ein achtzehn Jahre alter Kung-Fu-Spezialist, der fast doppelt so groß war wie Ionnis. Zwischen Östermalmstorg und Hauptbahnhof waren dem dreizehnjährigen »Kanacken« überzeugende Beweise für die Fertigkeiten seines Reisegenossen geliefert geworden. Mit nur einem Tritt hatte er beide Hoden des Jungen zertreten, obwohl der »Wagen so verdammt gewackelt hatte, dass es scheißschwer war, im Gleichgewicht zu bleiben.«
    Jetzt lag Ionnis im St.-Görans-Krankenhaus. Der Täter saß im Arrest, und beide Eltern waren unterrichtet. Die des Täters, nicht die von Ionnis. Die hatte man noch nicht erreichen können.
    Sirka-Lisa arbeitete seit einigen Monaten in einem Altenheim in den südlichen Vororten. Als »Pottmieze«, wie der Wachhabende in der Bereitschaft sich auszudrücken beliebte. Am Sonntagnachmittag hatte sie offenbar – und aus unklaren Gründen – einen nervösen Zusammenbruch erlitten und einen Rollstuhl mit einer achtzigjährigen Frau in hohem Tempo die Treppe hinuntergeschoben. Bei der ersten Vernehmung gab sie an, sie sehne »sich nach ihrem einjährigen Sohn und habe es satt, lauter undankbare alte Idioten durch die Gegend zu fahren, die durchaus nicht zu alt und zu krank sind, um mitten in der Nacht ihre Klingel zu betätigen«.
    Jetzt lag ihr Opfer in seinem Bett. Zugepflastert, ansonsten aber fast so gut in Schuss wie zuvor. Sirka-Lisa saß im Arrest, und die Heimleitung war im Bilde.
    Ionnis, 13, und Sirka-Lisa, 19. Aber kein Wort von Nils Rune Nilsson, 66. Sinnlos betrunken war er in die Obhut einer fünfköpfigen Streife geraten. Aber da er nicht viel Arbeit machte und Nilsson nur einer von vielen Betrunkenen war, die an diesem Abend festgenommen wurden, fand das niemand weiter beachtlich.

    3
    In gewissen Situationen zählt der Augenblick. Draußen war schöner September. Früher Herbst vom Feinsten, mit klarer Sonne und schneidender Luft. Alles zusammen – dass das Wetter Kontur annahm, dass er zuerst sein Büro und jetzt auch noch das Krankenhaus hatte verlassen können – wirkte auf Johansson dermaßen belebend, dass er beschloss, zu Fuß ins Polizeigebäude auf der anderen Seite der Brücke zurückzukehren. Glück hatte er noch dazu. Auf halbem Weg begegnete ihm eine Frau seines Alters, die mit geradem Rücken und hocherhobenem Haupt energisch ausschritt. Außerdem lächelte sie ihn im Vorübergehen an. Sie würden sich zwar niemals wiedersehen, aber manchmal zählt eben der Augenblick, und das hier war so ein Fall.
    Dieses Gefühl hielt für den restlichen Weg an, obwohl er die letzten Meter im Schatten der braun glasierten Fassade des riesigen Polizeigebäudes zurücklegen musste. Als er gerade den Eingang durchschreiten wollte ... (die Fernsehkamera über den Glastüren hatte ihn bereits eingefangen. Möglicherweise hatte der Computer, der die Kamera lenkte, auch registriert, dass dieser Besuch durchaus seine Ordnung hatte, Polizeidirektor Lars M. Johansson, derzeitiger Chef des Landeskriminalamts und M wie Martin, kehrte ins Vaterhaus zurück), ... als er gerade den Eingang durchschreiten wollte, überlegte er sich die Sache noch einmal anders. Machte auf dem Absatz kehrt und begab sich zum U-Bahn-Schacht beim Rathaus. Nach Hause. Damit er seine Ruhe haben würde und nachdenken könnte.

    Johansson wohnte auf Söder. In der Wollmar Yxkullsgata in einer viel zu großen Vierzimmerwohnung, wo er vor einigen Jahren nach seiner Scheidung von Gattin und zwei Kindern einsam zurückgeblieben war. Die ersten Jahre waren nicht nur einsam gewesen. Vor allem hatten sie sich durch ein ansehnliches Bohèmeleben ausgezeichnet. Jetzt dagegen war alles anders. In Johanssons Leben herrschten Sitte und Ordnung, und seine Wohnung war so gepflegt wie die Räumlichkeiten der Sicherheitspolizei an dem Tag, da der zuständige Parlamentsausschuss zu seinem alljährlichen Besuch anrücken würde.
    Mit diesem Zustand war er zufrieden, und er hatte gelernt, seine Sehnsüchte zu vergessen. Inzwischen betrachtete er seinen Ordnungssinn, seine persönliche Ordnungsliebe, als beste Garantie gegen einen Rückfall in die Leibeigenschaft, die historisch gesehen das einzige Erbe seiner Sippe gewesen war. Es waren böse Zeiten, und sie würden auch nicht besser werden, davon war er absolut überzeugt, aber er selbst stand da wie eine norrländische Fichte, und so durfte er sich ab und zu sogar einen persönlichen Dispens von seinen Pflichten gönnen. Um einer Frau zuzulächeln, die er noch niemals gesehen hatte und die ihm niemals wieder begegnen würde. Um mit seinem Vater und seinen Brüdern auf Elchjagd zu gehen. Oder mit alten Kollegen einen zu trinken und allerlei Lügenmärchen aufzutischen.

    Zu Hause herrschte wie fast immer Friede. Als Erstes stellte er das Telefon aus. Dann kochte er sich eine Kanne Kaffee und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Mit Kaffee, einem großen Becher, einem Block mit kariertem Papier, einem kleinen Tonbandgerät und den Notizen, die er sich gemacht hatte, ehe er ins Krankenhaus gegangen war. Die folgenden Stunden verbrachte Johansson mit seinen Gedanken. Seine Schlussfolgerungen verteilte er auf Block und Tonbandgerät, und ungefähr zum Zeitpunkt, da seine Kollegen ihre Schreibtische in dem einige Kilometer entfernten großen Haus verließen, wusste er, wie er in dieser Ermittlung vorgehen wollte. Er schaltete das Telefon ein und führte in rascher Folge drei Telefongespräche. Dann schaltete er es wieder aus. Stand auf und ging in die Küche. Vier Stunden hatte es gedauert, und er fühlte sich noch immer dermaßen wohl in seiner Haut, dass er kurz überlegte, ob hier ein Grund für einen Dispens vorliege, ob er zum Beispiel ein Schnäpschen zum Essen trinken dürfe, aber da es mitten in der Woche war, beschloss er, davon abzusehen.
    Er wärmte die Reste der Elchklopse auf, die seine gute Mutter ihm bei seinem letzten Besuch im Elternhaus mitgegeben hatte. Er trank ein alkoholarmes Bier und kochte sich neuen Kaffee, mit dem er sich dann ins Wohnzimmer zu Fernseher und Neunuhrnachrichten begab. Nach einer Stunde schaltete er den Fernseher aus. Ging in die Küche und spülte. Als er damit fertig war, ging er zu Bett, und schon um elf Uhr schlief er tief und fest. Einsam, nicht in den Schlaf gewiegt. Auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet.

    4
    »Darf man fragen, worum es hier geht?«
    Wesslén war lang, mager, gut angezogen und gut aussehend. Sein Gesicht war braun gebrannt und schärfer gezeichnet, als man es von einem Kriminalkommissar eigentlich verlangen konnte. Vor allem war er für seine Pünktlichkeit bekannt. Halb neun hatte man abgemacht, um Punkt halb neun saß er in Johanssons Zimmer im Besuchersessel.
    »Sicher«, sagte Johansson. Beugte sich über seinen Schreibtisch und reichte dem Besucher zwei Bögen Papier. Die Frucht seiner gestrigen Gedankenarbeit, von seiner Sekretärin eben noch ins Reine geschrieben.
    »Du hast doch sicher von Onkel Nisse gehört«, sagte er dann. Wesslén nickte, ohne zu antworten. »Das hier ist eine Zusammenfassung unserer bisherigen Kenntnisse. Ich habe es selbst verfasst. Lies erst mal und sag dann, was du meinst.«
    Wesslén nickte und las. Johanssons Aktennotiz bestand aus zehn Punkten. Aufgestellt in chronologischer Reihenfolge unter der kurzen Überschrift: »Nils Rune Nilsson. Zusammenfassung des bekannten Handlungsverlaufs.«

    1. Sonntag, 8. September, gegen 21.30: Eine Busstreife vom WD 1 greift den Rentner Nils Rune Nilsson sinnlos betrunken vor der Klara Norra Kyrkogata 21 auf. Er wird den Vorschriften gemäß ins Arrestlokal vom WD 1 in der Bryggargata verbracht. Bei seiner Festnahme weist er keine sichtbaren Verletzungen auf.

    2. Am selben Abend um 22.05 wird Nilsson im WD 1 in Arrest genommen. Bei der Durchsuchung weist er keine sichtbaren Verletzungen auf.

    3. Am selben Abend um 22.15, 22.30 und 22.45 wird Nilssons Arrestzelle inspiziert. Nach Aussage des stellvertretenden Wachhabenden lag Nilsson ca. anderthalb Meter von der Zellentür entfernt auf der Seite. Dort konnte er durch das Glasfenster in der Zellentür sehr gut gesehen werden. Er blieb in dieser Stellung liegen und atmete ruhig und gleichmäßig. Der Wärter sah deshalb keinen Grund, die Zelle zu betreten und Nilsson zu untersuchen.

    4. Am selben Abend um 23.00 entdeckt der Wärter in Nilssons Gesicht große Wunden, ansonsten aber liegt er – »nach Erinnerung des Wärters« – in derselben Haltung an derselben Stelle auf dem Zellenboden.

    5. Am selben Abend um ca. 23.05 wird vom stellvertretenden Wachhabenden ein Krankenwagen gerufen. Nilsson ist bewusstlos und liegt noch in der Zelle, als er um 23.30 vom Krankenwagen abgeholt und ins Krankenhaus Sabbatsberg gebracht wird. Der Wachhabende hatte folgende Maßnahmen angeordnet: a) Nilsson wurde an der Stelle in der Zelle fotografiert, wo er verletzt aufgefunden worden war. b) Die Zelle wurde fotografiert. c) Der Wachhabende hat die Zelle inspiziert, um festzustellen, ob es »möglicherweise Spuren gibt, die eine Erklärung für die vorliegenden Tatsachen liefern könnten«. Er hat jedoch nichts Bemerkenswertes entdeckt.
    Nachdem Nilsson abgeholt worden war, hat der Wachhabende in Erwartung der technischen Untersuchung die Zelle abschließen und versiegeln lassen. Danach hat er gegen 23.50 seinen Vorgesetzten informiert. Dieser hat den Vorfall am Montag, dem 9. September, um 00.30 dem wachhabenden Kommissar bei der Kriminalpolizei gemeldet. Am selben Tag um 08.30 wurde der Fall der Abteilung Gewalt überlassen, die sich sofort an die Ermittlungen gemacht hat.

    6. Am Montag, dem 9. September, hat am Vormittag Personal von der technischen Abteilung die Zelle untersucht. Des Weiteren hat Personal von der Abteilung Gewalt vormittags und nachmittags Vernehmungen durchgeführt mit 1) den fünf Streifenpolizisten, die Nilsson festgenommen hatten, 2) dem stellvertretenden Wachhabenden im Arrest, 3) dem zivilen Wärter, der die Aufsicht über Nilsson hatte.
    Es wurde außerdem mit dem Arzt der Station in Sabbatsberg gesprochen, wo Nilsson behandelt wird. Bei diesem Arzt wurde ein medizinisches Gutachten über Nilssons Verletzungen bestellt. Schließlich wurde versucht, Nilsson zu den Vorfällen zu vernehmen, was jedoch nicht möglich war, da er nicht zu vollem Bewusstsein gelangte.

    7. Am Dienstag, dem 10. September, gegen 08.30 hat das ermittelnde Personal der Abteilung Gewalt seine Ergebnisse dem Abteilungsleiter vorgetragen. Dieser hatte seinerseits am selben Tag gegen 09.30 den Chef der Kriminalabteilung informiert, welcher daraufhin entschied, eine Voruntersuchung sei nicht einzuleiten, »da die bereits durchgeführten Ermittlungen keinen Grund zur Annahme ergeben, dass wir es hier mit einem Verbrechen zu tun haben«. Die Ermittlungen der Abteilung Gewalt wurden am selben Tag mit dem Ergebnis abgeschlossen, dass »Nilsson vermutlich auf Grund seines stark berauschten Zustands in der Zelle gestürzt ist und sich dabei verletzt hat«.

    8. Am Dienstag, dem 10. September, gegen 09.00 wurde Nilssons nächste Angehörige, eine Tochter, 32, durch das Krankenhauspersonal telefonisch von den Vorfällen unterrichtet. Am selben Vormittag hat sie ihren Vater im Krankenhaus besucht, dort hat sie auch mit dem Stationsarzt gesprochen, der ihr zu einer Anzeige riet, da seiner Meinung nach ihr Vater misshandelt worden sei. Die Massenmedien haben offenbar gleichzeitig von allem erfahren, aus der großen Aufmerksamkeit zu schließen, die dem Vorfall in den Nachrichtensendungen in Radio und Fernsehen am Dienstagabend zuteil wurde.

    9. Am Mittwoch, dem 11. September, gegen 08.00 beschließt der Oberstaatsanwalt von Stockholm, eine Voruntersuchung einzuleiten, um zu ermitteln, ob ein Verbrechen vorliegt.