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Innere Kinder, Täter, Helfer & Co

Ego-State-Therapie des traumatisierten Selbst

Leben lernen Band 202

Traumatisierte Menschen fühlen sich in viel stärkerem Maße als andere als »multiple« Persönlichkeiten. Ihr Selbst zerfällt - bewusst oder unbewusst - in die unterschiedlichsten Teile. Wie mit den Selbstanteilen psychotherapeutisch wirksam gearbeitet werden kann, zeigt dieser praxiserprobte und innovative Ansatz.

Wer oder was ist das »Ich«? Diese Frage beschäftigt nicht nur Philosophen, sondern auch die Seelenärzte und Psychotherapeuten seit Sigmund Freud. Eine therapeutisch fruchtbare Antwort haben die amerikanischen Psychologen Helen und John Watkins gefunden: Das »Ich« ist keine Einheit, es besteht vielmehr aus Teilen.
Komplex traumatisierte Patienten machen diese Erfahrung des geteilten Selbst in radikaler Weise. Ihr Ich zerfällt häufig geradezu in die unterschiedlichsten Teilpersönlichkeiten. Täterintrojekte stehen neben dem verletzten kleinen Kind, Helferpersönlichkeiten koexistieren mit Opferanteilen. Der Autor zeigt an konkreten Beispielen aus der psychotherapeutischen Praxis, wie mit den unterschiedlichen Anteilen traumatisierter Patienten gearbeitet werden kann. Am Ende einer gelungenen Behandlung wird ein besser integriertes und damit gestärktes Selbst stehen, das schlimme Erfahrungen aus der Vergangenheit lebensgeschichtlich einordnen kann.
Rezension
"Die reichhaltige Erfahrung Peichls lässt uns Einblick geben in die tägliche Arbeit mit Traumatisierten und nimmt uns mit auf eine Reise hin zur Stabilisierung."
Lisa Tomaschek-Habrina, origo.at, Oktober 2014

"In erster Linie richtet sich dieses Buch an PsychotherapeutInnen, ist aber auch für Betroffene in psychoedukativer Hinsicht interessant."
Anne Mühlbauer, Traumzone, 26.10.2010
Portrait
Jochen Peichl, Dr. med., ist Oberarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Nürnberg; Weiterbildung u. a. in Traumazentrierter Psychotherapie und Ego-State-Therapie; aktuelle Arbeitsschwerpunkte in Theorie und Praxis: Borderline -Störungen, Trauma-assoziierte und dissoziative Störungen.
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  • Artikelbild-0
  • 7. Die Bildung und Funktion traumabasierter Ego-States

    Joseph Santoro und Kollegen veröffentlichten schon im Jahre 1997 ein klinisches Modell der Borderline-Persönlichkeitsstörung, welches in seiner Klarheit noch bis heute Gültigkeit besitzt. Ihr sogenanntes "Equifinalitätsmodell der BPS" (Santoro et al. 1997) diskutiert die Rolle der traumatischen Umweltbedingungen im Leben eines Kindes (Faktor I), deren Auswirkung auf die neurobiologischen Prozesse auf dem Hintergrund konstitutioneller biologischer Verwundbarkeiten (Faktor II) für die Entstehung einer BPS. Mit "Equifinalität" meinen die Autoren, dass jeder Faktor für sich allein oder in Kombination das gleiche Ziel erreichen könne, nämlich die Herausbildung einer Persönlichkeitsstörung. Das Modell als grafische Darstellung zeigt Abbildung 7-1 auf S. 110.
    Für uns interessant ist vor allem der Faktor I, der sich mit den Folgen des traumatischen Stress in der frühen und späten Kindheit beschäftigt. Gemeint sind chronische Stress- und Alarmreaktionen des Säuglings oder Kindes auf dysfunktionale familiäre Kommunikationsstrukturen im Sinne kumulativer, sequenzieller Traumatisierung. Sie entstehen durch entwertende und feindselige Interaktionsmuster (siehe Lichtenberg 1990, Milch 1998) zwischen den Bezugspersonen und in Bezug auf das Kind und durch unvorhersehbare aversive Reaktionsmuster auf Regel- und Normenüberschreitungen, wobei diese Normen vom Erwachsenen willkürlich verändert werden können. Unter psychotraumatischem Stress lässt sich eine aversive, d. h. schwer erträgliche Situation verstehen, die bei einem Kind eine Schreck- und Angstreaktion auslöst, welche dazu führt, dass es sich in seiner psychologischen und physischen Sicherheit und Unversehrtheit bedroht fühlt. Gleichzeitig besteht keine Möglichkeit, der Quelle des aversiven Reizes durch Selbstschutz oder Flucht zu entkommen. Im Anfangsstadium einer unangenehmen und bedrohlichen Situation wird ein kleines Kind schreien, damit die umsorgende Person von der ablaufenden Bedrohung erfährt, d. h., das Bindungssystem wird im potenziellen Helfer aktiviert. Wenn sich dieser Zustand von psychotraumatischem Stress häufig wiederholt und somit das Reaktionsmuster generalisiert, dann kommt es zu Veränderungen im neurobiologischen Stresssystem (siehe Perry 1994, 1999, 2001; Perry et al. 1994, 1998; Schore 1994, 1996, 1998, 2000a + b + c, 2001a + b + c, 2002). Unglücklicherweise bringt aber das Schreien des misshandelten Kindes den Verursacher des Traumas kaum dazu, das Kind zu verteidigen oder für das Kind zu kämpfen - der Täter ist paradoxerweise gleichzeitig der ersehnte potenzielle Retter. In Abwesenheit eines liebevoll umsorgenden Elternteils und nach vielen bitteren Enttäuschungen wird das Kind das Schreien als Copingverhalten bei Bedrohung aufgeben und abhängig vom Alter des Kindes und der Art der Traumatisierung in das Hyperarousalkontinuum als einer kindlichen Variante der Kampf-Flucht-Reaktion oder ins dissoziative Kontinuum übergehen. Die Folge des Hyperarousal sind eine gesteigerte Schreckhaftigkeit, die ständige ängstliche Beobachtung der Umwelt auf bedrohliche Reize und eine verbesserte Fähigkeit, aus dem Verhalten, der Stimme oder der Mimik eines Gegenübers dessen potenzielle Gefährlichkeit und Neigung zur Grenzüberschreitung herauszulesen. Santoro nennt das die Entwicklung einer "relationship control phobia", eine kreative kindliche Anpassungsleistung, die nach der Manifestation der BPS in der Spätpubertät sich als die Kriterien eins und zwei nach DSM-IV manifestieren:(1) Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
    (2) Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.
    Diese fast schon paranoide Kontrolle der Umwelt verhindert den Aufbau eines Gefühles innerer Sicherheit und zerstört jegliches basales Urv
  • Einleitung: Wohin geht die Reise?
    1. Was Menschen Menschen antun können
    2. Das ödipale Dilemma
    2.1 Ein eindrucksvolles Beispiel: Kernberg spricht mit einer Patientin
    2.2 Unklare Begriffe
    3. Die Selbst-Familie oder der Ego-State-Ansatz nach Watkins
    3.1 Das multidimensionale Selbst
    3.2 Spurensuche
    3.3 Über Freud hinaus: Paul Federn und Edoardo Weiss
    3.4 Ego-State-Theorie: John and Helen Watkins
    3.5 Wie entstehen Ego-States?
    3.6 Die Vorteile der Ego-State-Therapie
    4. Die Innenwelt der Ego-States
    4.1 Der sogenannte Normalfall
    4.2 Ego-States - der Versuch einer funktionalen Beschreibung
    4.3 Unterschiedliche Kategorien von Ego-States
    4.3.1 Ego-States, die der Anpassung dienen
    4.3.2 Introjekte
    4.3.3 Traumabezogene Ego-States
    5. Dissoziation und Multiple Persönlichkeit
    5.1 Dissoziation
    5.2 Die Kaskade der Stressbewältigung
    5.3 Dissoziation, Traumaerfahrung und die Folgen
    5.4 Dissoziative Identitätsstörung: ein kurzer Abriss
    5.4.1 Ist die Dissoziation eine Krankheit?
    5.4.2 Zum Verständnis der einzelnen Teile des Selbst
    6. Die traumatisierte Selbstfamilie der Borderline-Patienten
    6.1 Borderline-Störung: was man davon wissen sollte
    6.2 Jeffrey Young: Kategorien der Ego-States bei den Borderline-Patienten
    6.3 Elizabeth Howell: eine spezielle psychische Organisation
    der Ego-States bei Borderline-Patienten
    6.4 Hypoarousal/Hyperarousal und die Opfer/masochistisch-und Täter/hasserfüllt-States bei Borderline-Patienten
    7. Die Bildung und Funktion traumabasierter Ego-States
    7.1 Die Identifikation mit dem Täter oder die Entstehung traumabezogener Ego-States
    7.2 Über Täter- und Opferintrojekte
    7.3 Die desorganisierte Bindung
    7.4 Die Strukturelle Dissoziation nach Ellert Nijenhuis
    7.4.1 Der emotionale Persönlichkeitsanteil: EP
    7.4.2 Der »anscheinend normale« Teil der Persönlichkeit
    7.4.3 Die Dimensionen der Strukturellen Dissoziation
    7.4.4 Das Handlungssystem, die masochistische und sadistische Abwehr
    7.5 Die inneren Verfolger: Fremdkörper im Selbst oder innere Helfer?
    7.5.1 Der innere Verfolger, Typ 1: das radikale Helfer-Ego-State
    7.5.2 Der innere Verfolger, Typ 2: das Täterintrojekt (täteridentifiziert)
    7.5.3 Der innere Verfolger, Typ 3: aggressive Ego-States
    7.5.4 Der innere Verfolger, Typ 4: Mittäterintrojekte (täterloyal)
    7.6 Die Schutzfunktion der Täterintrojekte nutzen
    8. Der sadistische und der nicht sadistische Täter
    8.1 Die Verhaltensstrategie nicht sadistischer Täter
    8.2 Die Verhaltensstrategie sadistischer Täter
    8.3 Die Entstehung unterschiedlicher Opfer-und Täterintrojekte
    8.3.1 Ego-State-Bildung bei nicht sadistischem Missbrauch
    8.3.2 Ego-State-Bildung bei sadistischem Missbrauch
    9. Die Praxis der Ego-State-Therapie:
    die Grundprinzipien von Brücke, Verschiebung und innerem Dialog
    10. Die Behandlungstechnik der Ego-State-Therapie bei traumabasierten Störungen
    10.1 Grundlegende Techniken der Ego-State-Therapie
    10.1.1 Nicht hypnotische Techniken
    10.1.2 Hypnotische Methoden des Zugangs
    10.2 Kontaktaufnahme mit Ego-States
    10.2.1 Ins System hineinsprechen
    10.2.2 Einen Ego-State herausrufen
    10.3 Die Planung der Behandlung traumabasierter Störungen nach dem SARI-Modell
    10.3.1 Die Phase der Sicherheit und Stabilisierung
    10.3.2 Schaffung eines Zugangs zum Traumamaterial und den damit verbundenen Ressourcen
    10.3.3 Die Auflösung der traumatischen Erfahrungen
    10.4 Integration der Traumaerfahrung in den Selbst- und Weltentwurf
    11. Spezielle Techniken der Ego-State-Therapie:
    Umgang mit Quälgeistern, inneren Verfolgern und Täterintrojekten
    11.1 Schurkenschrumpfen
    11.2 Innere Stimmen und die Bearbeitung ich-syntoner
    Über-Ich-Botschaften
    11.3 Traumatische Introjekte: täteridentifizierte oder täterloyale Ego-States
    11.3.1 Umgang mit täteridentifizierten Ego-States
    11.3.2 Arbeit mit täterloyalen Introjekten
    11.3.3 Umgang mit aggressiven Reaktionen auf das Trauma
    12. Ausblick: meine Ego-State-Philosophie
    Anhang 1 - 4
    Literatur
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 248
Erscheinungsdatum 24.07.2017
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-608-89223-9
Verlag Klett Cotta
Maße (L/B/H) 20,8/13,1/2,5 cm
Gewicht 369 g
Auflage 6. Druckaufl
Verkaufsrang 38340
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Tolles Buch
von einer Kundin/einem Kunden am 02.09.2015
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Sehr hilfreiches Buch, gut geschrieben und daher auch für Laien verständlich. Mir hat es sehr geholfen und mich weiter gebracht