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Der Untenstehende auf Zehenspitzen

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Ein weiterer Band von Botho Strauß' unzeitgemäßen Betrachtungen: über den Rückgang der Empfindungsfähigkeit und die Zunahme der Abstumpfung meditiert einer, der davon überzeugt ist, dass wir das Erinnern neu erfinden müssen. Wer nur nach vorn schaut, wird die Verluste und Opfer, das, was uns abhanden kommt, weder sehen noch verstehen; aber auch dem bloß starr zurück Schauenden wird die gegenwärtige Not nicht verständlich.
Portrait
Botho Strauß wurde am 2. Dezember 1944 in Naumburg/Saale als Sohn eines Lebensmittelberaters geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Remscheid und Bad Ems studerte er 5 Semester Germanistik, Theatergeschichte und Soziologie in Köln und München. 1967-1970 Redakteur und Kritiker der Zeitschrift "Theater heute". 1970-1975 dramaturgischer Mitarbeiter an der Schaubühne am Hallischen Ufer in Berlin. Botho Strauß ist Mitglied des PEN-Zentrums und lebt als freier Schrifsteller in Berlin.
Sein schriftstellerisches Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet; 1987 wurde ihm der Jean-Paul-Preis und 1989 der Georg-Büchner-Preis verliehen. Seine Theaterstücke gehören zu den meistgespielten an deutschen Bühnen.
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Produktdetails


Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 168
Erscheinungsdatum 15.03.2004
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-446-20491-1
Verlag Hanser
Maße (L/B/H) 210/136/20 mm
Gewicht 300
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Auf der Suche nach der Kunst des Zurückgebens: “Das Winter-Meer über den Triften – die Nebelwelle und das blinde Eis. Das weiche Grau schloss sich und schloss mich in sein Herz.“ (S.46).
von Buechermaxe aus München am 23.01.2006

Botho Strauss’ große Zeit ist vorüber? Oder ist sie gerade erst oder wieder erst im Kommen? Sicher ist das in biografischen, emotionalen und sentimentalen Ton geschriebene Buch ein Monument seiner kulturkritischen Larmoyanz auf dem Hintergrund seines Abschieds von der Berliner Zivilisation und seines Rückzugs in die Uckermark: in die... Botho Strauss’ große Zeit ist vorüber? Oder ist sie gerade erst oder wieder erst im Kommen? Sicher ist das in biografischen, emotionalen und sentimentalen Ton geschriebene Buch ein Monument seiner kulturkritischen Larmoyanz auf dem Hintergrund seines Abschieds von der Berliner Zivilisation und seines Rückzugs in die Uckermark: in die weiten, belanglosen Flächen und Fluren der Natur mit ihren Biotopen des Alleinseins und der Einsamkeit. Eine Besinnlichkeit und Emotionalität entsteht, irgendwie ein Stück vom „Zurück zur Natur“, in dem er nicht mehr aus einer Welt der Globalisierung und Verstädterung, der Bagatellisierung und Entzauberung alles Staunenswerten und Wunderbaren schreibt, sondern nur noch über sie; sozusagen als einer ihrer wortgewaltigsten Kritiker. Botho Strauss, der konservative Seismograph sozial- und kulturgesellschaftlicher Dramatik, nimmt eine Welt der Globalisierung und Verstädterung von außen wahr, die noch ganz andere Deformationen des Menschlichen verlangt, verlangen wird, um lebbar zu bleiben. Er nimmt sie sprachlich wahr und sammelt die Insignien einer Zivilisiation, die noch weniger als jemals seine eigene zu sein scheint. Das Buch erfindet aus der Fernperspektive sensible Formulierungen und Schilderungen für diese Differenzen, die ganz auf der Höhe der Strauss’schen Sprachlichkeit liegen: „Das Winter-Meer über den Triften – die Nebelwelle und das blinde Eis. Das weiche Grau schloss sich und schloss mich in sein Herz.“ (S. 46), um von hier über seine Zeit zu urteilen: „… dafür fallen unversehens, als hätten es coole Dekonstruktivisten allein mit ihren Denkanstößen bewirkt, zwei Türme in New York zusammen.“ (S30). „Am Ende des Rückblicks auf all diese Glaubensformationen, diese Kalksteinschichten aus den Knochen Millionen Ermordeter, kommt dem jungen Sucher aber die geheimste Versuchung aus ihm selbst. Es ist der Verdacht, dass er kein Pionier, kein Kundschafter, kein Erstling einer neuen Vorhut des Glaubens ist, sondern vielmehr ein verirrter Nachfahr, ein hilflos Übriggebliebener, ja grauenvoller noch: ein vollkommen in aller Zeit Isolierter.“ (S31). Denn „Innovationen im Religiösen sind ebenso unmöglich wie die Vermehrung des Unendlichen. (…) Hier ist der Rückgriff jedem Fortschritt voraus. Die Einsicht in die Gestalt der Wiederkehr oder in Kreisläufe konnte nirgends den Flug des Zeitpfeils aussetzen, zuletzt nicht einmal mehr in der Quantenmechanik, die Gesetze irreversibler Prozesse gelten für universal. Daher sind wir auch nicht in den Grundfesten unseres Fortschrittsglaubens zu erschüttern.“ (S.31). Daher ist eine Literatur, die um ihr Programm, um ihr Pathos einer neuen Menschlichkeit weiß, vorbei; eine Literatur, die dem am Kreislauf der Natur Interessierten nur noch die Kritik offen hält, ohne vielleicht überhaupt wirksam zu sein, Wirksamkeit und Wirklichkeit beanspruchen zu können. Ein Beispiel hierfür aus innerster Betroffenheit, Kennerschaft, liefert vielleicht noch dieses Buch.

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