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Der Weg in den Abgrund

Deutsche Außenpolitik 1902-1914

Nach vorherrschender Auffassung wird Deutschland die Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg zugeschrieben. Auf breiter Quellengrundlage, vor allem mit ungedruckten Akten- und Nachlaßbeständen, begründet jedoch der Autor, daß die Zwänge, denen Deutschland ausgesetzt blieb, größer waren als die Möglichkeiten. Die Rivalen Großbritannien, Rußland und Frankreich fanden sich gegen die stärkste Kontinentalmacht, die über das größte, rapide wachsende gesellschaftliche Potential verfügte, fester zusammen als in den Jahrzehnten zuvor. Deutschland verlangte begründet weltmachtpolitische Gleichberechtigung und eine starke Position in Europa. Die Rivalen verweigerten ihm beides und strebten danach, es auf dem Kontinent vormachtpolitisch auszugrenzen. Entgegen der überzogenen geschichtswissenschaftlichen Kritik an Bülow suchte der Kanzler die begrenzten Möglichkeiten zu nutzen. Fixiert auf die drei Rivalen antwortete er nach dem Mißlingen, zwischen Rußland und England ungebunden zum Erfolg zu kommen, abwechselnd mit Offensive oder Entspannung. Ohne den Frieden brechen zu wollen, zielte er in den Krisen mit einer Politik der Stärke vergeblich darauf, die Entente auszuschalten. In der ersten Marokkokrise suchte Bülow zuerst Frankreich, dann Rußland vergeblich für einen Kontinentalbund zu gewinnen. In der von ihm initiierten Entspannungsphase, die in der Literatur gewöhnlich unterschlagen wird, war er bestrebt, mit primär wirtschaftlichen Mitteln auf der Basis des Bündnisses mit Österreich-Ungarn einen Ausgleich mit den Rivalen zu schaffen, konnte jedoch Englands Dreierententekurs nicht unterlaufen. In der Bosnischen Krise setzte er erfolglos darauf, auf der Grundlage eines deutsch-österreichischen Blocks Rußland von der Entente zu lösen. Eher naiv beabsichtigte Bethmann Hollweg anschließend England zu gewinnen, wurde aber von ihm souverän überspielt. Angebote eines Neutraltätsabkommens lehnten die Rivalen ab. In der zweiten Marokkokrise sollte Frankreich von Deutschlands Gnaden Marokko erhalten und die Entente mit England überflüssig werden. In derselben Absicht schloß sich Berlin in den Balkankriegen dem Krisenmanagement mit London an, das jedoch für sich und die Entente Nutzen davontrug, wie auf dem Balkan Rußland und nicht Österreich. Deutschland verzichtete auf eine ausgreifende Kolonialexpansion und ging in Verhandlungen zu begrenzten Projekten in London bis in die Nähe einer Juniorpartnerschaft. Nach 1911 kreiste Rußland, um Deutschland politisch zu schwächen, dessen Bündnispartner Österreich-Ungarn ein, und höhlte, gemeinsam mit Frankreich, mit einer Aufrüstung unter offensivem Vorzeichen die deutsch-österreichische Kriegsstrategie aus. Obwohl die politisch und militärisch Verantwortlichen Deutschlands wie bislang dem Krieg widerstrebten, lösten sie ihn 1914 aus, überzeugt von der Zwangslage, ihm später gewiß ausgesetzt und ihm dann nicht mehr gewachsen zu sein.
Portrait
Konrad Canis, Dr. phil., geb. 1938, bis 2001 Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Gastprofessor an der Universität Wien. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Otto-von-Bismarck-Stiftung und Mitherausgeber der Neuen Friedrichsruher Ausgabe der Bismarck-Werke.
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Produktdetails


Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 732
Erscheinungsdatum 20.07.2011
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-506-77120-9
Verlag Ferdinand Schoeningh
Maße (L/B/H) 235/164/48 mm
Gewicht 1176
Auflage 1. Auflage 2011
Buch (gebundene Ausgabe)
96,00
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