Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Im August 2009 meldeten die Feuilletons eine Sensation: In einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Teil des Max-Frisch-Archivs in Zürich war das Typoskript eines bisher unbekannten Werks des Schweizer Autors gefunden worden: 184 Seiten, von Frisch auf Tonband diktiert, von seiner Sekretärin in die Maschine getippt. Der Autor selbst hatte auf der Titelseite notiert: »Tagebuch 3. Ab Frühjahr 1982«. Max Frisch lebte zu dieser Zeit in New York, zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin Alice Locke-Carey, bekannt als »Lynn« aus der Erzählung Montauk. Ihr ist das Tagebuch 3 gewidmet, und vermutlich fällt das abrupte Ende der Aufzeichnungen Mitte der achtziger Jahre mit der Trennung von der Amerikanerin zusammen. Die USA und die Schweiz, die Reagan-Administration und das belastete Verhältnis zu der um vieles jüngeren Frau, der Kalte Krieg und der Krebstod eines engen Freundes: Wie die beiden legendären, 1950 und 1972 erschienenen Tagebücher verzeichnet auch das Tagebuch 3 Augenblicksnotizen neben längeren reflexiven Passagen – und hebt das scheinbar flüchtig hingeworfene Notat in den Rang des Literarischen: »Es gibt in Amerika alles – nur eins nicht: ein Verhältnis zum Tragischen.«
Portrait
Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren und starb am 4. April 1991 an den Folgen eines Krebsleidens in seiner Wohnung in Zürich. 1930 begann er sein Germanistik-Studium an der Universität Zürich, das er jedoch 1933 nach dem Tod seines Vaters (1932) aus finanziellen Gründen abbrechen musste. Er arbeitete als Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung.
Seine erste Buchveröffentlichung Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt erschien 1934 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart. 1950 erscheint Das Tagebuch 1946-1949 als erstes Werk Frischs im neugegründeten Suhrkamp Verlag. Zahlreiche weitere Publikationen folgten.
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Beschreibung

Produktdetails


Format ePUB i
Herausgeber Peter von Matt
Kopierschutz Wasserzeichen
Seitenzahl 213, (Printausgabe)
Erscheinungsdatum 16.11.2010
Sprache Deutsch
EAN 9783518735404
Verlag Suhrkamp
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„Entwürfe zu einem dritten Tagebuch“

Kai Schwichtenberg, Thalia-Buchhandlung Münster


"Hätte ich übrigens nicht das Recht, das eine oder andere aus den schicken Rollschubladen zu nehmen und zu vernichten? Das Recht habe ich, aber nicht das Bedürfnis", schreibt Max Frisch über sein eigenes Archiv, zu Lebzeiten von ihm eingerichtet um ein geordnetes Zeugnis für die Nachwelt zu sein. Er schreibt dies in diesem Entwurf

"Hätte ich übrigens nicht das Recht, das eine oder andere aus den schicken Rollschubladen zu nehmen und zu vernichten? Das Recht habe ich, aber nicht das Bedürfnis", schreibt Max Frisch über sein eigenes Archiv, zu Lebzeiten von ihm eingerichtet um ein geordnetes Zeugnis für die Nachwelt zu sein. Er schreibt dies in diesem Entwurf für ein drittes Tagebuch, begonnen 1982 in New York, geplant, durchdacht, Kunst wie beide zuvor, nur: nie veröffentlicht. Und auch wenn die Frage, ob es denn in seinem fragmentarischen Zustand überhaupt an die Öffentlichkeit sollte, zurecht gestellt sein mag: beantworten könnte sie nur Max Frisch. Und jetzt, da wir es lesen können, muss die Freude die Sorge etwas eigentlich verbranntes zu lesen überwiegen. Es sind zornige Blicke auf die Reagan-Regierung, es sind verwunderte Blicke auf die eigenen Gebrechen, sehnende und verwirrte auf die eigene Liebe und unfassbar schöne, emotionale, rührende Blicke auf die Freunde der Vergangenheit, auf das Sterben und die Erinnerung. Allein schon für diese wunderbaren Miniaturen lohnt es sich, dieses Tagebuch lesen zu dürfen. Dann schwingt Dankbarkeit mit für die Klarheit und Wahrheit einer inszenierten Sprache, vielleicht auch gerade derentwegen...

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