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Geschichte vom alten Kind

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Ein Mädchen wird gefunden, nachts auf einer Straße, einen leeren Eimer hat es in der Hand. Es ist nicht schön noch häßlich, niemand kennt seinen Namen, niemand weiß, woher es kommt, niemand weiß, wer seine Eltern sind. Niemand, auch das Kind selbst nicht. Also wird es in ein Heim gesteckt und auf eine Schule geschickt. Eine verstörende Aura der Formlosigkeit umgibt dieses Geschöpf; jeder Versuch der Kontaktaufnahme prallt zurück wie ein Ball von der Wand. Nur ganz selten scheint es, als wisse das Kind mehr, als es preisgibt – doch wer versucht, sein Geheimnis zu durchschauen, hat das Gefühl, er blicke in einen blinden Spiegel ...
In ihrer ersten Veröffentlichung gelingt es Jenny Erpenbeck, der wundersamen Gestalt des alten Kindes eine ganz eigene Sprache zu geben. Eine Sprache, die auf faszinierend-verstörende Weise alles fasst: die Magie der Fremdheit, das Staunen über die Welt, das Geheimnis des Kindes. Mit ihrem hochgelobten Debüt hat sich Jenny Erpenbeck als eine der ganz großen Hoffnungen der jungen deutschen Literatur erwiesen.
Portrait
Jenny Erpenbeck wurde 1967 in eine Berliner Schriftstellerdynastie geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteuse und Ankleiderin an der Staatsoper Berlin studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Seit 1991 arbeitete sie zunächst als Regieassistentin und inszenierte danach Aufführungen für Oper und Musiktheater in Berlin und Graz. Jenny Erpenbeck lebt als freie Autorin und Regisseurin in der Nähe von Graz, wo sie im Frühjahr 2000 mit großem Erfolg ihr erstes Stück "Katzen haben sieben Leben" am Schauspielhaus inszenierte.
2008 wurde Jenny Erpenbeck mit dem "Solothurner Literaturpreis" für ihr "feinsinniges erzählerisches Werk" sowie dem Heimito von Doderer-Literaturpreis ausgezeichnet, 2009 wurde sie mit dem Preis der LiteraTour Nord geehrt, 2013 wurde ihr der Joseph-Breitbach-Preis für ihr literarisches Gesamtwerk verliehen, 2016 der Walter-Hasenclever-Literaturpreis und der Thomas Mann-Preis.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 124
Erscheinungsdatum 01.07.2001
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-72686-8
Verlag btb
Maße (L/B/H) 187/118/12 mm
Gewicht 138
Abbildungen schwarz-weiss Illustrationen
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Eine außergewöhnliche Erzählung
von Gaby Bessen am 16.01.2016

Ein Mädchen, vierzehn Jahre alt, wird nachts aufgegriffen. Es hat einen zu großen und unförmigen Körper und einen leeren Eimer in der Hand. Da es keinerlei Erinnerung daran hat, wer es ist und wo es herkommt, wird es in einem Kinderheim abgegeben, in dem es von nun an lebt... Ein Mädchen, vierzehn Jahre alt, wird nachts aufgegriffen. Es hat einen zu großen und unförmigen Körper und einen leeren Eimer in der Hand. Da es keinerlei Erinnerung daran hat, wer es ist und wo es herkommt, wird es in einem Kinderheim abgegeben, in dem es von nun an lebt und in die Schule geht. Diese Erzählung ist eine merkwürdige Geschichte. Die Autorin, deren eher sachlichen und trockenen Schreibstil ich im Buch: „Gehen, ging, gegangen“ erlebt und erwähnt habe, ist in ihrem Stil hier noch deutlicher ausgeprägt. Sie spricht immer von „dem Mädchen“, betrachtet sie einerseits aus der Erzählperspektive der 3. Person, ist andererseits jedoch in deren Gedanken und Gefühlswert so intensiv involviert, dass der Eindruck entsteht, sie kennt das Mädchen recht gut. Das Mädchen bemüht sich, in diesem Heim, das nun sein Zuhause ist, nicht aufzufallen. Es nimmt am Schulunterricht teil, kann aber nichts behalten, so dass die Lehrer es irgendwann nicht weiter beachten. In seiner Klassengemeinschaft ist es weder integriert noch ausgegrenzt. Erst als die Mitschüler merken, dass das Mädchen nicht redet und somit auch niemanden verpetzt, wird sie akzeptiert. Doch niemand kümmert sich eigentlich um sie und sie schließt sich auch weiterhin aus allen gemeinsamen Aktivitäten aus. Am liebsten wäre es ihr, unsichtbar zu sein, aber die Gedanken, Gefühle und Reaktionen aller anderen sind ihr sehr wichtig und halten sie gewissermaßen am Leben. Der unförmige Körper des Mädchens ist anfällig und als sie für längere Zeit das Krankenzimmer hütet, ist sie von den anderen so gut wie vergessen. Nach einer Einweisung ins Krankenhaus wird sie für die Ärzte ein medizinisches Wunderkind, denn ihr anfälliger Körper verändert sich und sie erhält endlich eine Identität. Ein ungewöhnliches Buch, das zum Nachdenken bringt und Fragen zur eigenen Identität und dem gesellschaftlichen Miteinander stellt. Die Autorin stammt aus der ehemaligen DDR und ich könnte mir gut vorstellen, dass diese ungewöhnliche Erzählung von 1999 autobiografische Züge hat.

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