Hinterhofleben

Roman

(6)
Was passiert mit einer Hausgemeinschaft, wenn auf einmal statt Mülltrennung Weltpolitik diskutiert wird?
Die Linde im Hinterhof grünt gerade erst, als die Bewohner der Nummer 68 im Prenzlauer Berg entscheiden, dem syrischen Kriegsflüchtling Samih Unterschlupf zu bieten.
Doch mit der Zeit spaltet sich die Hausgemeinschaft in hilfsbereite und um die eigene Sicherheit besorgte Menschen, deren Zentrum die Linde im Hof bildet und als Inbegriff des deutschen Raumes gilt.
Im Hinterhof erlebt sie als stumme Zeugin, das Verhalten und die Gedanken der 68er gegenüber ihrem neuen Nachbarn Samih. Die neuesten Entwicklungen, die er mit sich bringt und die gemeinsamen Entscheidungen der sehr heterogenen Hausgemeinschaft werden im Hinterhof ausgetragen. Bis das letzte Blatt der Linde im Herbst gefallen ist, werden die Bewohner einiges über sich und ihre wahren Absichten offenbart haben.
Maik Siegel hat mit „Hinterhofleben“ ein Buch geschaffen, das ein Gesellschaftsroman im klassischen Sinne ist und aktuelle und gerade hoch brisante Themen behandelt, ohne dabei den Humor zu verlieren. Von den Kriegszuständen in Syrien, den Flüchtlingsströmen zu Land und zu Wasser, der deutschen Willkommenskultur, Homosexualität, Gewalt in Computerspielen, der europäischen Kolonialisierungsgeschichte, kindlicher Abenteuerlust und dem Helfer-Syndrom wird mal mit Ernsthaftigkeit, mal mit Witz und Sarkasmus erzählt. Dabei gibt die Komplexität der Charaktere den gängigen Argumenten in der Flüchtlingsdebatte ein Gesicht, das jenseits von Schwarz- und Weißmalerei liegt.
Inspiriert von klassischen und zeitlosen Werken wie Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ und Ödön von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ergibt sich eine spannende und dicht erzählte Geschichte, die ihren Realitätsanspruch durch die detailgetreue Wiedergabe des Prenzlauer Bergs erhebt.
Portrait
Maik Siegel wurde 1990 in Salzgitter geboren. Er studierte Germanistik und Anglistik auf Lehramt in Braunschweig, Berlin, Leeds, Taipeh und London. Arbeitsaufenthalte in Tansania, Kanada und Uruguay. 2013 gewann er den A.E. Johann-Literaturpreis. Er lebt in Neukölln.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 300
Erscheinungsdatum 27.11.2017
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-86327-046-9
Verlag Divan Verlag
Maße (L/B/H) 20,5/12,5/3,2 cm
Gewicht 288 g
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Die 68er als Spiegel unserer Gesellschaft
von orfe1975 am 31.01.2018
Bewertet: eBook (ePUB)

Cover und Gestaltung ---------------------------------- Das Cover wirkt schlicht, passt aber gut zum Titel: Der Hinterhof eines städtischen Hochhauses mit dem Blick von unten nach oben. Der Blick durch die Fenster sowohl in den Hof als auch vom Hof auf die Fassade spielt im Roman eine immer wieder kehrende Rolle. Als Klappenbroschur... Cover und Gestaltung ---------------------------------- Das Cover wirkt schlicht, passt aber gut zum Titel: Der Hinterhof eines städtischen Hochhauses mit dem Blick von unten nach oben. Der Blick durch die Fenster sowohl in den Hof als auch vom Hof auf die Fassade spielt im Roman eine immer wieder kehrende Rolle. Als Klappenbroschur gehört dieses Taschenbuch zu der stabileren, hochwertigen Sorte. Mein Eindruck ---------------------------------- "Die Linde gilt vielen als deutscher Baum.[...] Doch wäre es ein Irrtum, sie deutsch zu nennen. Sie ist ein Weltbaum: Von China über Iran bis hin zu den Vereinigten Staaten ist sie in zahlreichen Ländern verbreitet.[...]Sie existiert nicht, die deutsche Linde. Trotzdem glauben viele fest daran, dass es sie gibt. Inmitten eines Berliner Hinterhofes grub eine Linde seit Jahrzehnten ihre Wurzeln tief ins Erdreich. Ein kaiserlicher Beamter hatte sie dort irrtümlich statt einer Buche einpflanzen lassen. Als der Fehler auffiel, saß der Baum bereits in der Erde und man beschloss, ihn dort seinem Schicksal zu überlassen [...]." (S. 7f.) "Unbeeindruckt von all dem menschlichen Treiben harrte die Linde inmitten des Berliner Lebens aus, eine unerkannte Fremde, gezüchtet in einer Baumsiedlung nahe Bratislava als eine Kreuzung von Sommer- und Winterlinde. Sie wuchs als Bastard auf fremdem Boden, aber weil dies keiner der Bewohner des Hauses ahnte, störte sich auch niemand daran." (S. 9)" Diese Linde spielt eine zentrale Rolle in dem Roman: sie erlebt das Leben im Hinterhof mit und ihre Veränderungen sind ein Spiegel der jeweils aktuellen Stimmung bei den 68ern. Die Linde als Symbol eines Einwanderers begleitet das Geschehen auf poetische Weise mit und ist ein Grund, warum ich den Roman als wahres Leseerlebnis bezeichnen würde. Am Anfang des Buches ist eine Skizze des Hauses, in der man sehen kann, wer wo wohnt. Das ist am Anfang zur Orientierung und für die Einführung der vielen Personen hilfreich, später brauchte ich sie aber nicht mehr; ich hatte die 68er schnell verinnerlicht. Der Stil des Autors ist einfach wunderbar. Er schafft es, auf treffende Weise – mal poetisch, mal sarkastisch - der Gesellschaft mit dieser Geschichte den Spiegel vorzuhalten. Anfangs sind alle enthusiastisch, wollen helfen, solange es ihr bürgerliches gutes Leben nicht beeinträchtigt. Doch langsam bröckeln die Fassaden, unterschwellige Konflikte kommen zutage, Lügen werden verbreitet, Vorurteile vertieft, Ängste geschürt und das alles auf Kosten des Flüchtlings Samih. Letztendlich wird er nur noch herumgeschubst und geht nicht um sein Wohl, sondern nur noch darum, wer am Ende von den Hausbewohnern besser dasteht und wer schuld an etwas ist oder nicht. Die Geschichte zu verfolgen ist mindestens so spannend wie ein Krimi. Die Charaktere sind Leute, die man aus dem wahren Leben kennt, weil es einfach bestimmte Typen darstellen, die in der Gesellschaft immer wieder vorkommen. Interessant ist, dass ein und dieselbe Handlung oft mehrfach beschrieben wird, jeweils aus der Perspektive eines anderen Bewohners. Durch die Darstellung der verschiedenen Sichtweisen kann man sich gut jede Person und ihre Haltung vorstellen. Manchmal fragt man sich, ob man nicht auch manchmal solche Gedankengänge hat und wie man selbst wohl gehandelt hätte. Diese Art von "Unterschwellige Geschichte" ist genau der Grund, warum mich das Buch so gepackt hat. Es deckt schonungslos und doch mit einer Prise Humor die Gedanken auf, die den unterschiedlichen Personen kommen, die aber Angst haben, sie auszusprechen. Hier werden sie einfach mal mit in in die Geschichte rein gepackt, so wie sie tatsächlich sein könnten. "Ich rede davon, dass du jegliches Maß verloren hast. Und du bist nicht die Einzige. Die Menschen in Deutschland offenbaren gerade angesichts der Flüchtlinge, dass ihnen jeder vernünftige Gedanke abhanden gekommen ist. [...]Zwei Seiten bekriegen sich auf dem Rücken der Flüchtlinge und das Einzige, was in diesen Diskussionen zählt, ist, mit Beleidigungen die moralische Oberhand zu behalten. Kein Abwägen, keine neutrale Betrachtung der Situation. Schwarz und Weiß mehr gibt es nicht. Ein 'Aber', einst Ausdruck des denkenden Menschen, ist nicht mehr salonfähig. Wer 'aber' sagt, ist automatisch ein Nazi, egal welche Argumente er aufbringt. Niemand ist mehr fähig, rational über dieses Thema zu diskutieren." (Jan zu Inga auf S. 211f.) Die Entwicklung der einzelnen Personen ist hier auch sehr spannend zu beobachten, einige zum negativen, andere wiederum überraschen mit positiven Veränderungen. Während sich die Handlung schließlich auf dramatische Weise zuspitzt und das Verhalten der Erwachsenen an kindische Streitereien erinnert, ist ausgerechnet ein Kind fast allein als wirklich vernünftig handelnde Person tätig: Er heißt Tumaini (Suaheli für "Hoffnung") und er ist der Einzige, der unvoreingenommen an Samih herantritt und dessen Bedürfnisse erkennt. Tumaini setzt den Rat des Schriftstellers um: "Hör den Menschen zu. Den einen wirst du zustimmen, den anderen nicht. Anschließend kannst du selbst nachdenken und deine eigene Meinung formen. Aber vergiss nie zuzuhören." (S.229). Wahre Worte, die wir alle öfter beherzigen sollten! Neben dem Geschehen Haus lernt man nebenbei als Leser auch einige Fakten über die allgemeine Flüchtlingslage, die geschickt in die Ereignisse eingeflochten werden. Das gefiel mir sehr gut. Am Ende war ich sehr erschüttert und musste alles erst mal sacken lassen. Das Buch wird sicher noch lange in mir nachhallen und ich werde es sicherlich noch mehrfach in die Hand nehmen und darin herum blättern. Es steht so viel zwischen den Zeilen, dass man es nicht alles beim ersten Mal verarbeiten kann. Und wenn man die Handlung kennt, kann man das Buch m. E. auch einfach mal in der Mitte aufschlagen und sich irgendeine Stelle genauer vornehmen, denn es gibt viele schöne und wahre Worte, die man sich als Zitate merken sollte, die an dieser Stelle aber den Rahmen sprengen würden. Fazit ---------------------------------- Ein großartiges Buch über das aktuelle Thema Flüchtlinge und Integration, poetisch, sarkastisch und dramatisch zugleich – Absolute Leseempfehlung!

Nachbarschaft
von einer Kundin/einem Kunden aus Lichtenstein am 20.12.2017

Diese brisante, spannende und emotionsgeladene Geschichte könnte sich überall in Deutschland so oder ähnlich abgespielt haben. Sie hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, in dem sich die Gesichter derer, die hineinschauen, oft enorm schnell ändern ,leider oft auch zur häßlichen Fratze im Handumdrehen werden. Klug und mit sehr guter Beobachtungsgabe... Diese brisante, spannende und emotionsgeladene Geschichte könnte sich überall in Deutschland so oder ähnlich abgespielt haben. Sie hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, in dem sich die Gesichter derer, die hineinschauen, oft enorm schnell ändern ,leider oft auch zur häßlichen Fratze im Handumdrehen werden. Klug und mit sehr guter Beobachtungsgabe erzählt der junge Autor über das Leben eines syrischen Flüchtlings inmitten der deutschen Großstadt. Ein echt lesens- und beachtenswertes Buch.

Ein kluges Buch über ein hochaktuelles Thema!
von einer Kundin/einem Kunden aus Leiblfing am 18.12.2017

Maik Siegel – Hinterhofleben In einem Berliner Wohnhaus treffen unterschiedlichste Persönlichkeiten aufeinander, bzw. eigentlich leben Sie nebeneinander her, bis die Hausgemeinschaft per Abstimmung entscheidet, dass ein illegaler syrischer Flüchtling, Samih, aufgenommen werden soll. Es dauert nicht lange und die Bewohner sehen sich gezwungen, sich miteinander auseinander zu setzen. Vom klassischen... Maik Siegel – Hinterhofleben In einem Berliner Wohnhaus treffen unterschiedlichste Persönlichkeiten aufeinander, bzw. eigentlich leben Sie nebeneinander her, bis die Hausgemeinschaft per Abstimmung entscheidet, dass ein illegaler syrischer Flüchtling, Samih, aufgenommen werden soll. Es dauert nicht lange und die Bewohner sehen sich gezwungen, sich miteinander auseinander zu setzen. Vom klassischen Gutmenschen zum bayrischen Grantler, von der kenianischen Einwandererfamilie zu zwei Studentinnen, von besorgten Rentnern zum Homosexuellen sind extrem heterogene Charaktere vertreten und so gibt es von Anfang an sehr unterschiedliche Meinungen, Ängste, Vorurteile, Erwartungen bezüglich der Aufnahme Samihs. Aus ständig wechselnder Perspektive erzählt der Autor, wie sich die einzelnen Bewohner angesichts der neuen Herausforderungen verändern. Kaum einer bleibt bei seiner früheren Meinung, vieles ist mehr Schein als Sein. So kommt jeder einmal zu Wort, verschiedene Sichtweisen werden ohne Wertung dargelegt. Sehr schnell wird dem Leser bewusst, dass die Hausbewohner als Spiegelbild unserer Gesellschaft gesehen werden können. Maik Siegel greift hier ein hochaktuelles Thema auf. Man kommt nicht umhin, eigene Sichtweisen neu zu überdenken. Trotzdem kommt der Humor nicht zu kurz. Der Roman hat mich sehr nachdenklich zurückgelassen. Obwohl man die Situation sicherlich nicht eins zu eins in die aktuelle Flüchtlingsdebatte übertragen kann – vor allem Samih verhält sich für meinen Geschmack etwas zu angepasst und unauffällig, andererseits kann man so die Mitmenschen noch besser beobachten, wie sehr sie sich winden, ohne dass Samih überhaupt irgendetwas dazu beiträgt – findet sich wohl jeder Einzelne von uns in einer dieser liebevoll und sehr klug beschriebenen Personen wieder. Und über allem steht eine alte Linde, die all das beobachtet, unter der sich die Bewohner immer wieder treffen und austauschen. Zum Zeitpunkt des Beschlusses grünt sie gerade, zum Ende des Romans verliert sie das letzte Blatt. Interessant auch, dass die Linde selbst aus der Fremde kommt, gezüchtet in Bratislava. „…aber weil dies keiner der Bewohner des Hauses ahnte, störte sich auch niemand daran.“ Absolut empfehlenswert!


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