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Kunst des Übergangs

Philosophische Konstellationen zur Musik

Musik ist öffentlich. Sie hat keine verborgenen Seiten, die erst mühsam aufgedeckt werden müssten, und insofern hat sie auch keine Geheimnisse. Die Arbeit des Hörens vollzieht sich in dem, was offen zutage liegt. Was also ist es, das sie so ungreifbar macht? Wieso kann man trotzdem sagen, dass sie ein Problem ist?
Traditionellerweise würde man dem mit einer Was-Frage nachgehen: Was ist Musik? So selbstverständlich die Existenz des so Befragten auch sein mag, eine schnelle und eindeutige Antwort auf diese Frage wird man nicht geben können. Ich möchte ihr noch zwei andere, nicht weniger grundsätzlich ansetzende Fragen gegenüberstellen: Wann ist Musik? Und: Wie ist Musik? Was auf den ersten Blick wie ein bloßes Spiel mit Fragepronomen wirken mag, bringt tatsächlich drei sehr unterschiedliche Weisen auf den Punkt, nach der Musik zu fragen.
Die erste Formulierung artikuliert die klassische Wesensfrage, die auf eine Definition zielt oder zumindest auf eine mehr oder weniger umfassende Bestandsaufnahme dessen, was Musik genannt werden kann. Eine Antwort auf diese Frage wird immer dahin tendieren, sich normativ aufzuladen: Versuche, das Wesen der Musik herauszudestillieren, gehen in der Regel von bestimmten Arten der Musik aus – zumeist ist das die europäische Kunstmusik in ihrer tonal-harmonischen Gestalt – und gewinnen von hier aus ihre Bestimmungen. Bei aller Offenheit des Fragenden wird die Wesensbestimmung sich früher oder später die Frage zuziehen, ob ein bestimmtes Phänomen (noch) Musik ist: Wenn das hier – etwa Geräuschfolgen, die keine erkennbare Form aufweisen, oder stumme Gestaltungen gestischer Bewegung – noch Musik ist, was ist dann Musik? Wenn sich wirklich angeben ließe, was sie ist, dann müssten sich auch ihre Außengrenzen bestimmen lassen. Wer darauf verzichten möchte, wird mit der Was-Frage selbst an Grenzen kommen.
Es ist eine typisch philosophische Reaktion, die Frage radikal situativ umzuformulieren: Wann ist Musik? So zu fragen, nimmt die historische Reflexion und auch die Erfahrung der Entgrenzungsbewegungen in den Künsten des 20. Jahrhunderts gleichermaßen beim Wort und geht philosophisch dennoch aufs Ganze. Die Frage geht von einer radikalen Kontextabhängigkeit aus, zugunsten derer jede Wesensbestimmung fallengelassen werden muss. Die Antwort müsste dann letztlich lauten: Musik ist dann, wenn wir etwas als solche hören. »Wir« kann hier Chiffre für eine gesellschaftliche Institution sein, für eine auf andere, losere Weise bestimmte Praxis oder auch für die bloße Willkür einzelner Hörer. Konsequent durchführbar ist dieser philosophisch radikale Vorschlag nicht.
Christian Grüny stellt stattdessen die dritte Frage: Wie ist Musik? Wie geht es zu, dass es Musik gibt? Was muss dafür gegeben sein? Wie funktioniert sie? An was für Erfahrungen schließt sie an? Womit arbeitet sie? So zu fragen, nimmt die Musik nicht als Vorliegendes, an das sich Wesensfragen adressieren lassen, lässt sie aber auch nicht situativ immer wieder auf dem Spiel stehen. Wir haben es mit einer ziemlich stabilen Praxis zu tun, die auf derartige Fragen weder angewiesen ist noch sich, in aller Regel jedenfalls, von ihnen irritieren lässt – die sie allerdings auch nicht beantworten kann. Stellt man die Wie-Frage, so verliert der Gegenstand seine Selbstverständlichkeit und verwandelt sich tatsächlich von etwas fraglos Gegebenem in ein Problem, das erst einmal artikuliert werden muss. Diese Bewegung ist keine allein theoretische, und in der Moderne wurde sie in der Musik wie in anderen Künsten auch in der Praxis selbst vollzogen.
Die Frage nach dem Wie der Musik ist eine philosophische. Sie zu stellen kann nicht heißen, Probleme dort zu suchen, wo keine sind, sondern eine Reflexion anzustellen, die vor die
Selbstverständlichkeit zurückfragt, dabei aber ihre eigene Nachträglichkeit einbekennt. Musikästhetik ist dabei »keine angewandte Philosophie, sondern philosophisch in sich« (Adorno) in dem Sinne, dass Begriffe und Konzepte einer ihrer selbst sicheren Philosophie auf die Musik als einen Gegenstand unter anderen appliziert werden. Je weniger sich die Philosophie dabei von der Musik irritieren lässt, desto eher wird sie sich als Gesetzgeber aufspielen, der aus überlegener Warte Entscheidungen etwa über die Möglichkeit musikalischer Bedeutung oder die Rolle des Gefühls in der Musik trifft. Insofern die Musikästhetik aus der Auseinandersetzung mit der Musik Modelle und Figuren gewinnt und womöglich gar Erkenntnisse gewinnt, die sich auf anderem Wege nicht erreichen lassen, ist sie tatsächlich selbst philosophisch. Sich mit begrifflichen Mitteln der Musik und deren Differenziertheit, Sensibilität und Komplexität anzumessen, führt zu einem Denken, das eine eigenständige Form gewinnt, insofern es von der Musik wirkliche Impulse bezieht, dabei aber Philosophie bleibt.
Portrait
Christian Grüny ist derzeit Dozent an der Fakultät für Kulturreflexion - Studium fundamentale, Arbeitsbereich Philosophie.
Davor war er Juniorprofessor für Philosophie an der Universität Witten/Herdecke.
Er studierte Philosophie und Linguistik in Bochum, Prag und Berlin. Forschungsschwerpunkte: Philosophische Ästhetik, Musikästhetik, Bildtheorie, Theorien der Leiblichkeit, Sprachentwicklung, Schmerz und Gewalt. Veröffentlichungen u.#a. Zerstörte Erfahrung. Eine Phänomenologie des Schmerzes (2004), Leiblichkeit. Geschichte und Aktualität eines Konzepts (2012, gemeinsam mit E. Alloa, T. Bedorf u. T. Klass), Musik und Phänomenologie, Themenheft des Journal Phänomenologie (2011).
Er war 2011 Gastprofessor an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, 2013 übernahm der die Vertretung des Lehrstuhls für Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf, 2014 war er Vertretungsprofessur für Philosophie an der Universität Witten/Herdecke, 2014-2015 Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt a.M., 2016 arbeitete er als Vertretung des Lehrstuhls für theoretische Philosophie an der TU Darmstadt.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 384
Erscheinungsdatum 13.03.2014
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-942393-54-6
Verlag Velbrück
Maße (L/B/H) 223/139/27 mm
Gewicht 560
Auflage 1. 2004
Buch (Taschenbuch)
39,90
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