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Mein Großvater im Krieg 1939-1945

Erinnerungen und Fakten im Vergleich. Mit einem Geleitwort von Wolfram Wette und einem Nachwort von Helmut Donat

Schriftenreihe Geschichte und Frieden 18

(1)
Umfragen zufolge sind heutige Jugendliche über die Zeit des Nationalsozialismus besser informiert als die erste Nachkriegsgeneration. Gleichwohl wünschen sie sich einen Opa, der "kein Nazi" oder der im Widerstand war. Eine repräsentative Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Emnid belegt: Fast die Hälfte der Deutschen geht davon aus, die eigenen Eltern oder Großeltern hätten dem Nationalsozialismus sehr negativ oder eher negativ gegenübergestanden. Von den Befragten mit höherem Bildungsniveau schrieben sogar 56 % ihren familiären Zeitzeugen eine NS-kritische Position zu. Nur 6 % räumten ein, ihre Vorfahren seien eher positiv (4 %) oder gar sehr positiv (2 %) eingestellt gewesen. Würde das stimmen, hätte das NS-Reich von Gegnern nur so wimmeln müssen. Das Gegenteil war der Fall. Allein die Wahlergebnisse in der späten Weimarer Republik lassen an diesem familiären Geschichtsbild der Deutschen berechtigte Zweifel aufkommen. Dass die Enkel lieber von einem Anti-Nazi-Opa als von einem Nazi-Opa abstammen möchten und ihnen eine Familiengeschichte ohne Nationalsozialismus und Holocaust lieber ist, mag verständlich sein - wie aber war und ist es wirklich?
Darauf gibt ein neues Buch bedenkenswerte und überraschende Antworten. Über Wochen und Monate hinweg hat der junge Historiker Moritz Pfeiffer seine Großeltern, vor allem seinen Großvater, nach deren Haltung und Erlebnissen im Dritten Reich und Zweiten Weltkrieg befragt. Beide ließen sich vom NS-Regime begeistern und waren, wenn man so will, "Entscheidungsträger". Wie viele andere dienten sie willfährig dem NS-Staat, sei es als BDM-Führerin oder als Wehrmachtsoffizier. Was wussten sie von der Verfolgung von Juden, der grausamen Behandlung von Kriegsgefangenen und anderen Verbrechen? Was erlebten sie im Krieg, sei es an Frontabschnitten oder an der "Heimatfront"? Wie gingen sie nach dem Krieg mit ihren offenbar gewordenen Irrtümern um? Und wie beantworteten sie die Fragen ihres Enkels nach der "Chronologie und Kausalität der Grausamkeiten"?
In umfangreichen Interviews gaben die Großeltern ihm Auskunft. Er zeichnete alles auf und machte daraus ein Erinnerungsbuch. Die achtzig Seiten waren, so Moritz Pfeiffer, "ein Erfolg im Familienkreis, als ich sie zu Weihnachten als Geschenk präsentierte." Doch das war erst der Anfang. Die Erinnerungen des Großvaters verglich er - alle Angehörigen erklärten sich damit einverstanden - mit den verfügbaren zeitgenössischen Quellen (Briefe aus der Zeit vor und nach 1939, Militärzeugnisse, im Bundesarchiv / Militärarchiv verwahrte Wehrmachtsakten, unter anderem die Kriegstagebücher der Militäreinheit des Großvaters). Bereits in den Gesprächen mit den Großeltern waren ihm Widersprüche, Unstimmigkeiten und Ausflüchte aufgefallen. Nun mehrten sie sich. Um das Erzählte des Großvaters zu analysieren und zu beurteilen, was sich an den Orten seiner Stationierung als Offizier wirklich ereignet hat, berücksichtigte Pfeiffer zudem die Erkenntnisse der neueren Militärgeschichtsschreibung und historiografischen Forschung. Das Ergebnis: Die Erinnerungen der Großeltern waren häufig verharmlosend und unstimmig, augenscheinlich bemüht, insbesondere die eigene Verantwortung und Beteiligung zu minimieren - wenngleich wohl ohne aktive Täuschungsabsicht. Behauptungen wie "von den deutschen Verbrechen oder verbrecherischen Befehlen nichts gewusst zu haben" hielten der Realität nicht stand. Unsensibel blieben die Großeltern auch über sechzig Jahre danach gegenüber den Leiden der Opfer.
Bei all dem hat es sich Pfeiffer nicht leicht gemacht. Er respektiert und liebt seine Großeltern, und dennoch kommt er nicht umhin, sie als "belastet" einzustufen und zu schreiben: "Meine Großeltern waren zeit- und teilweise Augenzeugen, ja sogar mit ausführendes Organ eines Vernichtungskrieges und Genozids unvorstellbaren Ausmaßes." Als Historiker, so Wolfram Wette in seinem Geleitwort zu dem Buch, "argumentiert Moritz Pfeiffer quellennah, kenntnisreich, problembewusst und unprätentiös. Er gefällt sich nicht in der Pose des Anklägers, sondern beschränkt sich auf die Rolle des sensiblen, aber zugleich hartnäckigen und wissbegierigen Rechercheurs. So gelingt es ihm, an einem familiengeschichtlichen Beispiel die Mechanismen von Erinnern, Vergessen und Verdrängen sichtbar zu machen." Kurzum: ein Buch das ebenso ungewöhnlich wie wegweisend sein dürfte. Es eröffnet die Chance zu einem neuen Umgang mit der Vergangenheit, der die Nachgeborenen auf eine Weise freimacht von der Last ihrer Väter und Großväter, Mütter und Großmütter, wie es bislang so nicht der Fall gewesen ist.
Portrait
Geboren1982, Magister Artium, 2002-2008 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte und der Romanischen Philologie, Schwerpunkt Spanisch, an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau, seit 2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kreismuseum Wewelsburg nahe Paderborn, Abteilung "Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-1945: Ideologie und Terror der SS"; Veröffentlichungen u.a. für SPIEGEL-Online und die Stiftung "Topographie des Terrors".
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Beschreibung

Produktdetails


Einband gebundene Ausgabe
Herausgeber Wolfram Wette, Dieter Risenberger
Seitenzahl 214
Erscheinungsdatum 01.03.2012
Serie Schriftenreihe Geschichte und Frieden 18
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-943425-02-4
Verlag Donat Verlag, Bremen
Maße (L/B/H) 226/123/22 mm
Gewicht 374
Abbildungen mit 46 Abbildungen auf Taf.
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14,80
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Ein gutes Geschichtsexperiment
von einer Kundin/einem Kunden aus Bremen am 31.03.2012

Ich war auf das intergenerative Experiment des jungen Autors gespannt, das der Geschichte studierende Enkel (* 1982) mit seinem Großvater (*1921) unternommen hatte. Der Großvater war Abiturient, als er 18-jährig seinen Arbeitsdienst versah und im September 1939 zur Wehrmacht abkommandiert worden ist. Der Enkel, der ihn... Ich war auf das intergenerative Experiment des jungen Autors gespannt, das der Geschichte studierende Enkel (* 1982) mit seinem Großvater (*1921) unternommen hatte. Der Großvater war Abiturient, als er 18-jährig seinen Arbeitsdienst versah und im September 1939 zur Wehrmacht abkommandiert worden ist. Der Enkel, der ihn 60 Jahre später interviewte, stand 23-jährig bereits in der Mitte seines Geschichtsstudiums. Zwischen beiden liegen zwei Generationen. Ihre Familiengeschichte kann exemplarisch für die deutsche Geschichte stehen. Dass der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette diese biographische Vergleichsanalyse der Kriegserinnerungen des Großvaters in der Hinterfragung des Enkelsohn (Analyse, Familienchronik, Forschungsstand) einleitet und der Verleger Helmut Donat, ebenfalls Historiker, mit einem Nachwort versieht, stellt diese Magisterarbeit in einen sie würdigenden Rahmen. Ich empfehle dieses Buch der Kriegs- und Kriegskindergeneration ebenso wie deren Enkelgeneration. In den Hospizeinrichtungen stoßen die Gesprächsangebote über die eigenen Kriegserinnerungen auf ein großes Interesse.

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