Palimpseste

Die Literatur auf zweiter Stufe

edition suhrkamp 1683

(1)

Gérard Genette ist einer der wichtigsten französischen Literaturtheoretiker, seine Bücher gehören zum Kanon der Literaturtheorie. So auch Palimpseste, das sich dem komplexen Spiel der Resonanz der Texte untereinander widmet.

Portrait
Karl Heinz Bohrer, geboren 1932, war von 1968 bis 1974 verantwortlicher Redakteur des Literaturblatts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie ab 1975 für 6 Jahre ihr Korrespondent in London. Von 1982 bis zu seiner Emeritierung 1997 war er Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Ästhetik an der Universität Bielefeld. Seit 2003 lehrt er als Visiting Professor an der Stanford University. Von 1984 bis 2011 war er Herausgeber des Merkur. Seit 2011 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Karl Heinz Bohrer lebt in London.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Herausgeber Karl Heinz Bohrer
Seitenzahl 534
Erscheinungsdatum 21.06.1993
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-518-11683-8
Verlag Suhrkamp Verlag AG
Maße (L/B/H) 17,7/11/2,6 cm
Gewicht 313 g
Originaltitel Palimpsestes. La littérature au second degré
Auflage 8
Übersetzer Wolfram Bayer, Dieter Hornig
Verkaufsrang 69.486
Buch (Taschenbuch)
22,00
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Genette und die Transtextualität
von Zitronenblau am 18.06.2012

Das vorliegende Buch ist ein außerordentlich wichtiges für die Literaturwissenschaften eingedenk der bis dato kaum erfolgten Klassifizierung transtextueller Gattungen, die oftmals bloß als intertextuelle bezeichnet wurden. Genette arbeitet hingegen mit fünf transtextuellen Gattungen: die Inter-, die Para-, die Meta-, die Archi- und die Hypertextualität. Ich spare mir an dieser Stelle... Das vorliegende Buch ist ein außerordentlich wichtiges für die Literaturwissenschaften eingedenk der bis dato kaum erfolgten Klassifizierung transtextueller Gattungen, die oftmals bloß als intertextuelle bezeichnet wurden. Genette arbeitet hingegen mit fünf transtextuellen Gattungen: die Inter-, die Para-, die Meta-, die Archi- und die Hypertextualität. Ich spare mir an dieser Stelle die Definition der einzelnen Gattungsarten. Wichtig erscheint mit jedoch noch zu sagen, dass insbes. der Hypertext auf einen Hypotext abhebt im Sinne einer Transformation oder aber Nachahmung (Parodie, Pastiche, Travestie, Persiflage, Transposition und Nachbildung). Was das Buch ausmacht ist weniger seine Theorie, auch wenn diese ganz besonders wichtig ist für alle künftigen Klassifizierungen von (spez. Hyper-)Texten. Genettes Theorie ist vor allem sehr "praktisch", d.h. anschaulich. Mit einer überragenden Fülle an Beispielen konfrontiert uns der Franzose zur Untermauerung seiner anfangs inaugurierten Klassifizierungsbegriffe. Dabei arbeitet er alles Bekannte und für Nichtgermanisten weniger bekannte "literarische Werk der Geschichte" ab. Im Weiteren führt er fort zu möglichen hypertextuellen Methoden wie die Aussparung, Amputation, Säuberung, Verknappung, Kontraktion, Verdichtung. Freilich stellt er dagegen die Möglichkeit textueller Erweiterung oder Dehnung. Ferner geht auch auch die Überführung von Genres ein: Szenisierung, Narratisierung, Dramatisierung, Poetisierung etc. Gerade auch in Dichtungen verweist Genette auf Techniken wie die Transfiguration, Transstilisierung oder Transmetrisierung. Die Theorie geht hierbei so tief, dass sie sogar auf die den Hypotext bestimmenden Elemente eingeht, die hypertextualisiert werden, z.B. die Auf- und Abwertung von Helden oder die Umwertung von axiologischen Strukturen innerhalb der Texte. Man sieht, im Grunde ist das Spektrum der hypertextuellen Kontingenz zwar nicht "unendlich groß", doch aber sehr breit und umso mehr macht es Spaß, jenen Möglichkeiten zu folgen. Etwas kritisch anzumerken sei, dass die Inauguration vieler termini technici dennoch recht lose im Textlichen verortet wird. Dies zeigt sich nicht zuletzt auch an Genettes Aufbau seines Buches. Es besteht aus sage und schreibe 80 Kapiteln!!! Das zeugt nicht gerade von Ordnung, Kategorisierung oder gar Systematisierung. Negativ ist freilich auch, dass Wissenschaftlichkeit partiell regelrecht negiert wird, z.B. bei Zitationen (Genette schreibt, er würde so manche Stelle aus dem Kopfe zitieren...). Letztlich aber ist dieses Buch eine enorme Erweiterung für den literarischen Horizont. Die zahlreichen Beispiele und Eindrücke führen in den Kosmos der Weltliteratur von der Antike (Homer) bis zur Moderne (Joyce). Ich habe persönlich viele neue Literaten und Literaturen kennen lernen dürfen und freue mich, diese nun selbst nachzulesen (bspw. die "Posthomerica" von Quintus von Smyrna). Für Literaturtheorieinteressierte folgerecht sehr empfehlenswert!