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Zum Westkaffee bei Margot Honecker

Letzte Begegnungen mit einer Unbeirrten

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Als Margot Honecker im Mai 2016 starb, hatte sie fast ein Vierteljahrhundert im chilenischen Exil verbracht. Nils Ole Oermann ist vermutlich der letzte Besucher aus der Bundesrepublik, den sie dort kurz vor ihrem Tod empfangen hat. Über drei Jahre stand Oermann mit ihr, die sonst jedes Interview strikt ablehnte, in Kontakt und traf sie mehrfach.
In "Zum Westkaffee bei Margot Honecker" lässt der Autor diese Begegnungen in Chile Revue passieren - die einstige Ministerin für Volksbildung der DDR sprach verblüffend offen über Sozialismus und Kapitalismus, über die Bundesrepublik und die DDR, über Gregor Gysi, Wladimir Putin und Wolf Biermann. Zugleich zeigte die bekennende Stalinistin keinerlei Reue, wenn es etwa um ihren Beitrag zu einem System ging, das kritische junge Menschen kategorisch von Ausbildung- und Karrierechancen ausschloss. Mehr noch: Im Denken und Fühlen von Margot Honecker war die DDR bis zu ihrem Tod ein intakter Staat. Oermanns Buch lässt den Leser unmittelbar erfahren, mit welchen Hoffnungen und Zielen Menschen wie Margot Honecker die DDR aufbauten. Und warum sich durch Menschen wie sie daraus ein totalitäres Regime entwickelte, das sich vierzig Jahre halten konnte.

Rezension
"Oermann lässt einen ganz unaufgeregt teilhaben an seiner Wahrnehmung. Das macht den eigentlichen Reiz des Buches aus." Andreas Montag Mitteldeutsche Zeitung, 01.07.2016
Portrait

Der in Oxford und Harvard ausgebildete Historiker, Theologe und Jurist Nils Ole Oermann, Jahrgang 1973, ist Professor für Ethik an der Leuphana Universität Lüneburg und Gastprofessor in St. Gallen. Oermann veröffentlichte u.a. eine Biographie über Albert Schweitzer und den Bestseller Tod eines Investmentbankers. Er lebt mit seiner Familie in der Altmark.

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Beschreibung

Produktdetails


Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 176
Erscheinungsdatum 27.06.2016
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-455-50425-5
Verlag Hoffmann und Campe
Maße (L/B/H) 211/134/20 mm
Gewicht 293
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inkl. gesetzl. MwSt.
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ZUM WESTKAFFEE BEI MARGOT HONECKER - Der Versuch einer Spurensuche ohne unerwartete Enthüllungen
von j.h. aus Berlin am 08.07.2016

Als Margot Honecker am 6. Mai 2016 mit 89 Jahren in Chile starb, lagen fast 25 Jahre (davon 22 Jahre in Chile) politisches Asyl hinter ihr, in denen die einstige Ministerin für Volksbildung der DDR nahezu aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden war. Sie verweigerte insbesondere deutschen Medien jegliche Interviews,... Als Margot Honecker am 6. Mai 2016 mit 89 Jahren in Chile starb, lagen fast 25 Jahre (davon 22 Jahre in Chile) politisches Asyl hinter ihr, in denen die einstige Ministerin für Volksbildung der DDR nahezu aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden war. Sie verweigerte insbesondere deutschen Medien jegliche Interviews, verfolgte aber mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit die politische Entwicklung in Deutschland und Europa. Durch einen nicht näher benannten Bekannten gelang es 2013 Nils Ole Oermann (*1973) Kontakt aufzunehmen und ein erstes Gespräch zu führen. Es folgten drei weitere Besuche, deren letzter am 5. April 2016 angesichts der fortgeschrittenen Krebserkrankung von vornherein ein Abschied war. "Ein Abschied für immer, nicht unter Freunden, aber unter Menschen, deren Wege sich mehrfach gekreuzt und die sich offenbar etwas zu sagen hatten." (S. 17) Der in Bielefeld geborene Autor (ausgebildeter Historiker, Theologe und Jurist) hatte sich von den Begegnungen vor allem Erkenntnisse über die ehemalige "First Lady" (den Begriff mochte sie nicht) der DDR und ihr heutiges Verhältnis zur Geschichte des zweiten deutschen Staates erhofft. Er traf bei den Gesprächen auf eine stets gut vorbereitete gepflegte alte Dame, die sich auch mit versteckten Anspielungen keine Antworten auf ungewollte Fragen entlocken ließ. "Meine Gespräche mit Margot Honecker haben mir eindrücklich vor Augen geführt, was es bedeutet, wenn jemand einer Ideologie - und die muss nicht Sozialismus heißen - anhängt: die absolute Gewissheit, erkannt zu haben, was richtig ist, die Ausblendung von Fakten, die nicht ins eigene Weltbild passen, die Verachtung Andersdenkender, die Gleichgültigkeit gegenüber dem einzelnen Leben im Vergleich zum großen Ganzen. Dann können Grausamkeit und Kälte plötzlich direkt um die Ecke von Liebenswürdigkeit und Solidarität wohnen. Vielleicht sind das gerade in den heutigen Zeiten keine unwichtigen Einsichten." (S. 43) Ohne direkte chronologische Strukturierung bringt Nils Ole Oermann seine Impressionen von den Begegnungen zu Papier: Volksbildung, der schwere Anfang nach dem 2. Weltkrieg, Sozialismus, die finanzielle Situation der DDR, ihre Funktionärskarriere oder persönliche Meinungen zu Personen der Zeitgeschichte. "Am meisten überraschte mich, wie wenig überraschend, ja selbst bis in den sprachlichen Duktus einer Funktionärin erwartbar ihre Einlassungen zu politischen Themen waren. Es war weniger der Neuigkeitswert der Dinge, die sie mir sagte, der mich umtrieb, sondern vielmehr die Art, wie sie mir alles das erzählte." (S. 165) Insgesamt hat sich Nils Ole Oermann als fairer Gesprächspartner gezeigt und dies auch in der - sozusagen postmortalen - Auswertung so beibehalten. Einige kritische Anmerkungen scheinen dennoch notwendig. Die vielfach nahezu gebetsmühlenartig wiederholten eigenen Wertungen des Autors werden eher zur Selbstreferenz und bringen dem über die "Westsozialisation" Oermanns informierten Leser keine neuen Erkenntnisse. Hier scheint sich das oben angesprochene Paradoxon von der absoluten Gewissheit ungewollt erneut zu bestätigen. Die Benennung des in seiner Tätigkeit nicht unumstrittenen Aufarbeiters Hubertus Knabe als "einschlägigen Experten" scheint nicht unproblematisch - für entsprechende Vertiefungen ist hier nicht der Platz. Zum wichtigen Thema der DDR-Volksbildung wiederholt der Autor wiederum vor allem - dem Zeitgeist entsprechend - die Schlagworte Wehrkundeunterricht, Jugendwerkhof und Staatsbürgerkunde. Damit wird wiederum nur ein Randbereich abgedeckt, der dem Thema so nicht gerecht wird. Schon im Klappentext wird Margot Honecker als "bekennende Stalinistin" bezeichnet und somit eine historisch falsche Gleichsetzung von Stalinismus und Kommunismus hergestellt. Sie bekannte sich bis zum Lebensende - wie man dazu auch stehen mag - zu ihren kommunistischen Überzeugungen. Als stalinistischen Staat konnte man die DDR wenigstens ab den 1960-er Jahren nun kaum bezeichnen. Das von HOFFMANN UND KAMPE nahezu zeitgleich zu Frank Schumanns POST AUS CHILE (edition ost) vorgelegte Buch ist trotz der genannten Kritikpunkte ein ungewöhnliches Dokument über eine Person der Zeitgeschichte, die als Verantwortliche für die Schulbildung mehrerer Generationen einige Spuren hinterlassen hat.

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