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Die Lügen des Locke Lamora / Locke Lamora Bd.1

Band 1 - Roman

Locke Lamora Band 1

Scott Lynch

(46)
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Beschreibung


Diesen Fantasy-Helden werden Sie nie wieder vergessen!

Locke Lamora ist ein Held. Nein, eigentlich ist er das nicht: Er ist ein Dieb, ein Lügner und ein Ganove, wenn auch mit guten Manieren. Mit seiner Bande bewegt er sich in den Kanälen und engen Gassen des Herzogtums Camorr, um die Nobilität um ihre Schätze zu erleichtern. Und darin ist Locke unschlagbar, denkt er zumindest. Bis ein weiterer Verbrecher in Camorr auftaucht. Locke muss handeln – und das Abenteuer seines Lebens beginnt …

Im Stadtstaat Camorr hat man eine ganz eigene Lösung gefunden, um die Kriminalität unter Kontrolle zu halten: den „Geheimen Frieden“. Gemäß dieser Absprache zwischen dem Adel und dem Herrscher der Unterwelt dürfen Diebe mehr oder weniger ungestraft ihr Unwesen treiben, solange die Aristokratie von ihnen verschont bleibt. Doch Locke Lamora und seine Gentlemen-Ganoven halten nicht viel von Absprachen und haben es sich zur Gewohnheit gemacht, die Reichen der Stadt um ihr Geld zu erleichtern. Das funktioniert wunderbar, bis der geheimnisvolle Graue König mithilfe eines scheinbar unbesiegbaren Soldmagiers die Macht über die Unterwelt an sich reißt und droht, das sensible Herrschaftsgefüge von Camorr aus dem Gleichgewicht zu bringen – und dazu braucht er Lockes einzigartige Fähigkeiten …

Mit diesem Roman betritt ein einzigartiges Talent die Bühne der internationalen Fantasy: Scott Lynchs „Die Lügen des Locke Lamora“ ist nicht nur eine atemberaubende Weltenschöpfung, sondern auch ein Abenteuerroman, der den Leser nicht mehr loslässt.

"Eine frische, originelle und absolut fesselnde Geschichte von einer herausragenden neuen Stimme der Fantasy!"

Scott Lynch wurde 1978 in St. Paul, Minnesota, geboren. Er übte sämtliche Tätigkeiten aus, die Schriftsteller im Allgemeinen in ihrem Lebenslauf angeben: Tellerwäscher, Kellner, Web-Designer, Werbetexter, Büromanager und Aushilfskoch. Zurzeit lebt er in New Richmond, Wisconsin. „Die Lügen des Locke Lamora“, sein erster Roman, wurde auf Anhieb ein riesiger Erfolg.

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 847
Erscheinungsdatum 02.04.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-53091-1
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 20,5/13,6/5,3 cm
Gewicht 670 g
Originaltitel The Lies of Locke Lamora (Teil 1) - The Gentleman Bastard Sequence Bd. 1
Übersetzer Ingrid Herrmann-Nytko
Verkaufsrang 61267

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Kundenbewertungen

Durchschnitt
46 Bewertungen
Übersicht
36
7
2
0
1

Nicht empfehlenswert
von einer Kundin/einem Kunden aus Uster am 29.05.2020

Ich finde diese Trilogie äusserst problematisch. Der Hauptcharakter hat eine lebenslange, umgesunde Obsession zu einer Frau. Das ganze Buch spiegelt die bizarre und sehr unreife Weltanschauung eines Mannes wieder. Die Buchfiguren entwickeln sich nicht. Sie werden nur älter. Ewige Peter Pans. Und darum haben sie auch keine... Ich finde diese Trilogie äusserst problematisch. Der Hauptcharakter hat eine lebenslange, umgesunde Obsession zu einer Frau. Das ganze Buch spiegelt die bizarre und sehr unreife Weltanschauung eines Mannes wieder. Die Buchfiguren entwickeln sich nicht. Sie werden nur älter. Ewige Peter Pans. Und darum haben sie auch keine Tiefe, keinen Charakter, keine Substanz. Und die Geschichte ist auch immer dieselbe. Jedes Buch ist schlichtweg die Wiederholung des ersten Buches. Ich habe dummerweise gleich alle 3 Bücher gekauft. Darum hatte ich nich auch überwunden und sie alle gelesen. Was äusserst langweilig und anstrengend war. Ich lese seit bald 30 Jahren Bücher, liebe Geschichten. Normalerwise gebe ich sie weiter, doch diese musste ich wegwerfen. Kann so nicht dahinter stehen. Schade

Bin ich froh dieses Buch gelesen zu haben!
von einer Kundin/einem Kunden aus Garbsen am 29.02.2020
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Die Empfehlung hatte ich schon lange bekommen, hatte aber immer andere Bücher vorgezogen. Nun habe ich es gelesen und kann mich den guten Kritiken nur anschließen. Eine wunderbare und geheimnisvoller Fantasy Welt, gewachsen und voller Geschichten. Die Charaktere sind liebenswert und machen den Roman zu einem kurzweiligen Vergnü... Die Empfehlung hatte ich schon lange bekommen, hatte aber immer andere Bücher vorgezogen. Nun habe ich es gelesen und kann mich den guten Kritiken nur anschließen. Eine wunderbare und geheimnisvoller Fantasy Welt, gewachsen und voller Geschichten. Die Charaktere sind liebenswert und machen den Roman zu einem kurzweiligen Vergnügen. Okay, dass Ende habe ich nicht so ganz gekauft, dass kam mir etwas abwegig vor. Das tat dem Gesamtwerk aber überhaupt keinen Abbruch und ich habe nur eine Empfehlung: Lesen! Nun überlege ich ob es klug ist die Fortsetzungen zu lesen oder ob mir diese den guten Eindruck kaputt machen. Wahrscheinlich warte ich auf einen Sale.

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von einer Kundin/einem Kunden am 27.09.2018
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

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  • Der Junge, der zu viel stahl

    Mitten in jenem langen, verregneten Sommer des Siebenundsiebzigsten Jahres von Sendovani begab sich der Lehrherr der Diebe von Camorr in den Tempel des Perelandro und stattete dem Priester ohne Augen einen unverhofften Besuch ab. Er hoffte inbrünstig, er könne ihm den Lamora-Jungen verkaufen.
    »Ich möchte dir ein Geschäft vorschlagen«, begann er vielleicht ein wenig ungeschickt das Gespräch.
    »Etwa in der Art, wie du mir Calo und Galdo angedreht hast?«, höhnte der Priester ohne Augen. »Ich bin immer noch dabei, diesen beiden Blödmännern sämtliche schlechten Eigenschaften auszutreiben, die sie bei dir gelernt haben, und ihnen die Unarten beizubringen, die mir von Nutzen sind.«
    »Hör mal, Chains.« Der Lehrherr der Diebe zuckte die Achseln. »Als wir den Deal abschlossen, sagte ich dir, dass die beiden nichts weiter sind als ein Paar dämlicher Halbaffen, aber dir waren sie damals gut genug …«
    »Ganz zu schweigen von Sabetha.« Der dröhnende Bass des Priesters übertönte den halbherzigen Einwand. »Für die hast du mich buchstäblich ausgeraubt. Ich hatte nur darauf gewartet, dass du auch noch die Kniescheiben meiner toten Mutter verlangst. Ich hätte dich in Kupfer bezahlen und dann zuschauen sollen, wie du dir beim Abtransport einen Bruch hebst.«
    »Ahh, sie war etwas ganz Besonderes, so wie dieser Junge hier«, schwärmte der Lehrherr der Diebe. »Er hat alles, worauf es dir ankommt. Du selbst hast mir eingetrichtert, wonach ich Ausschau halten sollte, nachdem ich dir Calo und Galdo verkaufte. Und er besitzt jede der Eigenschaften, die dir an Sabetha so sehr gefielen! Er ist ein Camorri, aber ein Mischling. Seine Vorfahren waren Theriner und Vadraner. Das Stehlen steckt ihm im Blut, er ist der geborene Dieb! Das ist so sicher, wie das Meer voller Fischpisse ist. Und ich kann ihn dir sogar zu einem günstigen Preis überlassen – du kriegst Rabatt, wenn du ihn nimmst.«
    Der Priester ohne Augen dachte lange darüber nach. »Nichts für ungut«, meinte er schließlich. »Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich gut beraten bin, mich zu bewaffnen und mit dem Rücken gegen eine Wand zu stellen, wenn du auf einmal den Großzügigen herauskehrst.«
    Der Lehrherr der Diebe bemühte sich um einen halbwegs ehrlichen Gesichtsausdruck, der dann auf seinen Zügen gefror. Man merkte ihm an, wie unbehaglich er sich fühlte. Sein Achselzucken fiel betont lässig aus. »Äh, die Sache hat in der Tat einen Haken, das streite ich gar nicht ab. Mit dem Jungen gibt es – äh – ein paar Probleme. Allerdings nur, solange er sich in meiner Obhut befindet. Sowie er deiner Fürsorge untersteht, lösen sich diese Probleme – äh – von selbst.«
    »Oh, oh! Dieser Bursche scheint ja ein Wunderknabe zu sein. Warum hast du das nicht gleich gesagt?« Der Priester kratzte sich die Stirn, indem er einen Finger unter die weiße Seidenbinde schob, die seine Augenhöhlen bedeckte. »Fantastisch! Ich pflanze ihn in den Boden und warte darauf, dass eine Kletterpflanze aus ihm heraussprießt, die sich bis über die Wolken in ein verzaubertes Land rankt.«
    »Ahh! Ah ah ah, eine Kostprobe deines Sarkasmus habe ich schon früher zu schmecken bekommen, Chains.« Der Lehrherr der Diebe deutete mit seinem arthritischen Rücken eine ironisch gemeinte Verbeugung an. »Fällt es dir wirklich so schwer zuzugeben, dass du an dem Jungen interessiert bist?«
    Der Priester ohne Augen spuckte vor ihm aus. »Angenommen, Calo, Galdo und Sabetha brauchten einen neuen Spielgefährten oder einen Prügelknaben. Nur einmal angenommen, ich sei bereit, ungefähr drei Kupferstücke und einen Eimer voll Pisse für diesen geheimnisvollen Bengel zu berappen. Was hat dieser Steppke für ein Problem?«
    »Sein Problem besteht darin«, entgegnete der Lehrherr der Diebe, »dass ich ihm die Kehle aufschlitzen und ihn in die Bucht werfen muss, wenn du ihn mir nicht abkaufst. Und das schon heute Nacht!«

    In der Nacht, als der Lamora-Junge Obdach bei dem Lehrherrn der Diebe fand, hatte es auf dem alten Friedhof am Hügel der Schatten nur so von Kindern gewimmelt. Stumm und aufmerksam standen sie da, während sie darauf warteten, dass ihre neuen Brüder und Schwestern in die Mausoleen hinuntergeführt wurden.
    Sämtliche Schützlinge des Lehrherrn der Diebe trugen Kerzen; ihr kalter blauer Schein schimmerte durch die silbernen Nebelvorhänge, die vom Fluss herüberwehten, so wie das Glimmen von Straßenlaternen von Rauch verschmierte Fensterscheiben durchdringt. Eine Kette aus gespenstischen Lichtern wand sich von der Hügelkuppe nach unten, schlängelte sich, zeremoniellen Pfaden folgend, an steinernen Monumenten vorbei bis an die breite Glasbrücke, die über den Kohlensmog-Kanal führte. In dem blutwarmen Dunst, der in Sommernächten von Camorrs regendurchtränkten Gebeinen aufstieg, waren sowohl die Brücke als auch der Kanal nur verschwommen zu sehen.
    »Kommt schon, meine Lieben, meine Schmuckstücke, meine Findelkinder, nur nicht trödeln«, wisperte der Lehrherr der Diebe, als er die letzten der rund dreißig Wildfeuer-Waisen über die Kohlensmog-Brücke scheuchte. »Diese Lichter sind nur eure neuen Freunde, die gekommen sind, um euch auf meinen Hügel zu führen. Und nun sputet euch, meine Schätzchen. Bald wird es hell, und wir haben noch so viel zu bereden.«
    In den seltenen Momenten, in denen der Lehrherr der Diebe über sich selbst nachdachte, hielt er sich in seiner Eitelkeit für einen Künstler. Präziser ausgedrückt, verglich er sich mit einem Bildhauer: die Waisen waren sein Werkstoff, den er formte wie Ton, und den alten Friedhof auf dem Hügel der Schatten stellte er sich als sein Atelier vor.
    Achtundachtzigtausend Menschen erzeugten ständig eine Menge Abfall; zu diesem Müll gehörte auch ein nie versiegender Strom an verlorenen, nutzlosen und ausgesetzten Kindern. Einige wurden von Sklavenhändlern aufgegriffen, die diese armen Seelen nach Tal Verrar oder auf die Jeremite-Inseln verschleppten. Formal war die Sklavenhaltung in Camorr verboten, doch wenn es um den Akt der Versklavung ging, drückte man gern ein Auge zu, falls das Opfer niemanden hatte, der sich für seine Belange einsetzte.
    Also schnappten sich die Sklavenhändler ein paar dieser Unglücksvögel, andere gingen an ihrer eigenen Dummheit zugrunde. Unterernährung und die damit zusammenhängenden Krankheiten besiegelten meistens das Schicksal derjenigen, die weder den Mut noch das Talent besaßen, sich in der Stadt, in der sie hausten, am Leben zu erhalten. Dann gab es natürlich noch die Gören, die zwar verwegen waren, aber nicht gewandt genug; die baumelten dann über kurz oder lang von der Schwarzen Brücke vor dem Palast der Toleranz. Die Ordnungshüter des Herzogs benutzten denselben Strick, mit dem sie die erwachsenen Gesetzesbrecher bestraften, um auch die kleinen Halunken aufzuhängen, nur dass sie diese mit Gewichten an den Füßen beschwerten, ehe sie sie über die Brücke stießen, damit sie auch richtig hingen.
    Alle Waisen, die einem so drastischen Schicksal entgingen, wurden von der privaten Truppe des Lehrherrn der Diebe eingefangen; einzeln oder in kleinen Gruppen brachte man sie zu ihm, damit sie seine tröstende Stimme hörten und eine warme Mahlzeit bekamen. Schon sehr bald würden sie merken, was für ein Leben sie unter dem Friedhof erwartete, der das Herz seines ureigensten Reiches darstellte, in dem einhundertundvierzig verstoßene Kinder vor einem alten, buckligen Mann Kniefälle machten.
    »Hurtig, hurtig, meine Hübschen, meine neuen Söhne und Töchter; immer den Lichtern nach und die Stufen hinauf, bis ihr oben angekommen seid. Wir sind beinahe zu Hause, gleich gibt’s was Leckeres zu essen. Endlich raus aus dem Regen und dem warmen Mief.«
    Epidemien brachten dem Lehrherrn der Diebe immer eine reiche Ausbeute, und die Wildfeuer-Waisen waren seiner Lieblings-Seuche entkommen, dem Schwarzen Wispern. Aus unbekannter Ursache war die Krankheit im Wildfeuer-Bezirk ausgebrochen, und man schaffte es gerade noch, das Viertel unter Quarantäne zu stellen (jeder, der versuchte, einen Kanal zu überqueren oder in einem Boot zu entkommen, wurde gepfählt), ehe der Rest der Stadt von etwas Schlimmerem heimgesucht wurde als Nervosität und Paranoia.
    Das Schwarze Wispern bedeutete einen qualvollen Tod für alle Menschen, die älter als elf oder zwölf Jahre waren (so lautete die präziseste Schätzung, auf die die Ärzte sich einließen, denn die Seuche hielt sich nicht an starre Regeln), und ein paar Tage lang geschwollene Augen sowie rote Backen für die jüngeren.
    Nach fünf Tagen Quarantäne hörten die Schmerzensschreie und die Versuche, irgendeinen Kanal zu überqueren, auf, und so blieb dem Wildfeuer-Distrikt das Schicksal erspart, nach dem er ursprünglich seinen Namen erhalten hatte, als in Jahren, in denen die Pest dort besonders schrecklich wütete, das ganze Viertel mehrmals niedergebrannt worden war. Am elften Tag nach Ausbruch der Epidemie wurde die Quarantäne aufgehoben, und die abgebrühtesten Schergen des Herzogs begaben sich in den Bezirk, um sich einen Überblick über das Ausmaß der Katastrophe zu verschaffen. Von den rund 400 Kindern aus dem Viertel hatten ungefähr 50 überlebt. Zu ihrem eigenen Schutz hatten sie sich bereits in Banden organisiert und auch ohne die Hilfe von Erwachsenen bestimmte Grausamkeiten gelernt, die das Leben ihnen abverlangte.
    Der Lehrherr der Diebe wartete ab, während sie zusammengetrieben und aus der Grabesstille ihres ehemaligen Zuhauses fortgebracht wurden.
    Für die dreißig besten Kinder zahlte er mit gutem Silber, und ebenfalls mit Silber erkaufte er sich das Schweigen der herzoglichen Schergen und Konstabler, denen er die Bälger abnahm. Danach führte er die verstörten, hohlwangigen und bestialisch stinkenden Gören durch die nebelverhangene Finsternis der Camorri-Nacht zu dem alten Friedhof auf dem Hügel der Schatten.
    Der Lamora-Junge war der jüngste und kleinste der Bande, fünf oder sechs Jahre alt, ein schmutzstarrendes Bündel aus Haut und Knochen. Dabei hatte der Lehrherr der Diebe ihn nicht einmal ausgesucht; Lamora hatte sich einfach zusammen mit den anderen davongestohlen, als ob er dazugehörte.
    Natürlich war dies dem Lehrherrn der Diebe nicht entgangen, aber in seiner Situation war selbst eine einzige Waise, die er umsonst bekam, ein Glücksfall, für den man dankbar sein musste.
    Es war der Sommer des Siebenundsiebzigsten Jahres von Gandolo, Vater der Günstigen Gelegenheiten, Herr der Münze und des Handels. Der Lehrherr der Diebe tappte durch die stockfinstere Nacht und trieb wie ein Hirte die im Gänsemarsch aufgereihten, zerlumpten Kinder vor sich her, nicht ahnend, dass er zwei Jahre später Vater Chains, den Priester ohne Augen, buchstäblich anflehen würde, ihm den Lamora-Jungen abzunehmen, während er gleichzeitig seine Messer wetzte für den Fall, dass der Priester ihm einen Korb gab.

    Der Priester ohne Augen kratzte sich den mit grauen Stoppeln übersäten Hals. »Im Ernst?«
    »Glaub mir, ich mache keine Witze!« Der Lehrherr der Diebe griff in ein Wams, das man vor ein paar Jahren noch wohlwollend als schäbig bezeichnet hätte, und fischte einen Lederbeutel heraus, der an einer dünnen Lederschnur hing; der Beutel hatte die rostrote Farbe von getrocknetem Blut. »Ich war bereits beim großen Boss und habe mir die Erlaubnis eingeholt. Ich schlitze den Bengel von Ohr zu Ohr auf und schicke ihn dann zum Schwimmunterricht zu den Haien.«
    »Ihr Götter! Das ist wahrlich eine Geschichte, bei der einem die Tränen kommen.« Für einen Priester ohne Augen boxte er dem Lehrherrn der Diebe überraschend schnell und treffsicher gegen das Brustbein. »Such dir einen anderen Dummen, der dich von deinen Gewissensbissen erlöst.«
    »Gewissensbisse sind ein überflüssiger Luxus, Chains. Mir geht es nur um ein Geschäft, von dem wir beide profitieren, du und ich. Behalten kann ich den Jungen nicht, und ich biete dir hier eine einmalige Gelegenheit, spottbillig Ware zu erwerben.«
    »Wenn der Junge zu schwierig ist, um ihn zu behalten, wieso hämmerst du ihm dann nicht etwas Disziplin ein und wartest, bis er das richtige Verkaufsalter erreicht hat?«
    »Das geht nicht, Chains. Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Ich kann ihn nicht einfach verprügeln und es dann gut sein lassen, weil die anderen kleinen Scheißer nicht wissen dürfen, was er – äh – verbrochen hat. Wenn einer von denen auch nur annähernd die Neigung verspürt, ihn nachzuahmen … große Götter! Ich würde die Bande nie wieder in den Griff kriegen. Mir bleibt also nichts weiter übrig, als ihn rasch zu töten oder noch rascher zu verkaufen. Das heißt entweder null Profit oder ein lächerlich geringer Gewinn. Rate mal, was mir lieber ist.«
    »Der Pimpf hat also etwas ausgefressen, was du nicht mal vor den anderen erwähnen darfst?« Chains massierte sich die Stirn über der Augenbinde und seufzte. »Scheiße! Jetzt hast du mich wirklich neugierig gemacht.«

    Ein altes Camorri-Sprichwort besagt, dass das einzig Beständige im Leben eines Menschen die Unbeständigkeit ist. Alles kann aus der Mode kommen, sogar etwas so Nützliches wie ein mit Leichen vollgestopfter Hügel.
    Der Hügel der Schatten war der erste niveauvolle Friedhof in Camorrs Geschichte, ideal gelegen, um die Gebeine der Reichen vor dem salzigen Zugriff des Eisernen Meeres zu schützen. Aber im Laufe der Zeit verlagerten sich die Machtverhältnisse in den Familien der Gruftbauer, Leichenbestatter und berufsmäßigen Sargträger; immer weniger Leute von Stand wurden auf dem Hügel der Schatten begraben, denn der nahe gelegene Hügel des Flüsterns bot mehr Raum für noch gewaltigere und aufwändigere Monumente, die eine erheblich größere Gewinnspanne versprachen. Kriege, Epidemien und Intrigen sorgten dafür, dass sich innerhalb von Jahrzehnten die Anzahl der Sippen, die Grabstätten auf dem Hügel der Schatten unterhielten, stetig verringerte. Schließlich waren die einzigen regelmäßigen Besucher nur noch die Priester und Priesterinnen von Aza Guilla, die während ihrer Ausbildungsjahre in Gräbern schlafen, und die entwurzelten Waisen, die in den düsteren, vernachlässigten Mausoleen hausten.
    Der Lehrherr der Diebe (obwohl er damals noch nicht so genannt wurde) hatte an einem Tiefpunkt seines Lebens in einer dieser Grüfte Unterschlupf gefunden, als er nichts weiter war als eine jämmerliche Kuriosität – ein Taschendieb mit neun gebrochenen Fingern.
    Anfangs beruhte die Stellung, die er bei den Waisen vom Hügel der Schatten einnahm, halb auf Einschüchterung und halb auf Fürsorge; irgendein rudimentärer Wunsch nach einer Autoritätsperson hielt die Kinder davon ab, ihn im Schlaf einfach abzumurksen. Er wiederum fand sich widerwillig bereit, ihnen ein paar Kniffe seines Handwerks beizubringen.
    Während seine Finger allmählich heilten (mehr oder weniger, denn einige glichen für immer zweifach geknickten Zweigen), gab er immer mehr von seinen raffinierten Schlichen an die schmuddeligen Bälger weiter, die sich wie er vor dem Regen und der Stadtwache versteckten. Die Schar der Kinder wuchs, desgleichen die Ausbeute, und sie beanspruchten immer mehr Platz in den feuchten Steingewölben des alten Friedhofs.
    Mit der Zeit entwickelte sich der Taschendieb mit den verkrüppelten Händen zu einem Lehrherrn der Diebe; und der Hügel der Schatten wurde sein Königreich.
    Der Lamora-Junge und die anderen Wildfeuer-Waisen betraten dieses Reich ungefähr zwanzig Jahre nach seiner Gründung; und was sie in dieser Nacht sahen, war ein Friedhof, der nicht tiefer reichte als der Dreck, der die alten Grabstätten bedeckte. Um die größten Mausoleen miteinander zu verbinden, hatte man ein weitläufiges Netzwerk aus Tunneln und Galerien gegraben; die festgestampften Wände waren durchsetzt mit Stützpfosten, die aussahen wie die Rippen eines hölzernen Drachen. Die früheren Bewohner dieser Grüfte hatte man heimlich ausgebuddelt und in die Bucht geworfen. Nun glich der alte Friedhofsberg einem Ameisenhügel, durch den diebische Waisenkinder krabbelten.
    Die Wildfeuer-Waisen tauchten ein in den schwarzen Schlund des am höchsten gelegenen Mausoleums und fädelten sich den mit hölzernen Rippen verkleideten Tunnel hinunter, der von dem silbern flackernden Schein kalter alchemistischer Lampenkuppeln erhellt wurde, während Ranken aus öligem Nebel nach ihren Waden griffen. Aus allen Ecken und Winkeln starrten die Waisen vom Hügel der Schatten sie mit frostigen, wenn auch neugierigen Blicken an. Die stickige Luft im Gang war durchtränkt mit den Ausdünstungen nächtlicher Erde und ungewaschener Körper – und der Gestank verschlimmerte sich durch die Neuzugänge.
    »Herein mit euch! Immer nur herein!«, rief der Lehrherr der Diebe, sich zufrieden die Hände reibend. »Mein Heim ist jetzt euer Heim, fühlt euch wie zu Hause. Herzlich willkommen, meine Lieben! Alle, die hier wohnen, haben etwas gemeinsam – sie haben keine Eltern mehr. Das ist zwar traurig, doch dafür bekommt ihr jede Menge Schwestern und Brüder und ein Dach über dem Kopf, auch wenn es nur aus Erde besteht. Aber hier ist es wenigstens trocken! Von nun an ist dies eure Heimstatt und wir alle sind eine große Familie!«
    Eine Prozession aus Kindern pilgerte hinter ihm her; im Gehen pusteten sie ihre unheimlichen blauen Kerzen aus, bis nur noch die silbern leuchtenden Wandlampen den Weg wiesen.
    Im innersten Kern dieses unterirdischen Reiches befand sich eine riesige warme Höhle mit einem Fußboden aus festgestampfter Erde, von ungefähr doppelter Mannshöhe und dreißig mal dreißig Yards lang und breit. Am hinteren Ende stand ein einzelner hochlehniger Stuhl aus eingeöltem schwarzem Hexenholz; darauf ließ sich der Lehrherr der Diebe mit einem dankbaren Seufzer nieder.
    Dutzende von verschlissenen Decken waren auf dem Boden ausgebreitet, und darauf stand das Essen – Schüsseln voll mit knochigem Hühnchen, in billigem Mandelwein mariniert; zarte Schwänze von Peitschenfischen, mit Speck umwickelt und in Essig eingelegt; dazu braunes, in Wurstfett getunktes Brot. Außerdem gab es gesalzene Erbsen und Linsen sowie Schalen voller überreifer Tomaten und matschiger Birnen. Ein armseliger Fraß, gewiss, aber dafür in einer Menge und Vielfalt, die den meisten Wildfeuer-Waisen unbekannt war. In wildem Durcheinander stürzten sie sich sofort auf das Essen; der Lehrherr der Diebe schaute ihnen nachsichtig lächelnd zu.
    »Ich bin nicht so töricht, euch eine anständige Mahlzeit zu verweigern, meine Schätzchen. Esst, so viel ihr mögt; schlagt euch ruhig die Wampe voll. Holt all das nach, was ihr vorher versäumt habt. Wir unterhalten uns später.«
    Während die Wildfeuer-Waisen das Essen in sich hineinstopften, drängten sich die Waisen vom Hügel der Schatten in einem Kreis um sie und beobachteten schweigend ihre neuen Geschwister. Bald war die Kammer brechend voll, und die Luft wurde immer verbrauchter. Das Schmausen ging so lange, bis buchstäblich nichts mehr übrig war; die Überlebenden des Schwarzen Wisperns lutschten die letzten Fett- und Essigreste von ihren Fingern, danach richteten sie ihr Augenmerk misstrauisch auf den Lehrherrn der Diebe und seine Anhängerschar. Wie auf ein Stichwort hin reckte der Lehrherr der Diebe drei verkrüppelte Finger in die Höhe.
    »Und jetzt zum Geschäftlichen!«, verlautbarte er. »Es gibt drei Dinge, die ihr euch merken müsst!
    Erstens«, hob er an, »seid ihr hier, weil ich für euch bezahlt habe. Sogar mit einem Aufschlag, um sicherzugehen, dass ich euch bekomme, und nicht jemand anderes. Ich gebe euch Brief und Siegel darauf, dass jeder einzelne eurer kleinen Freunde, den ich nicht gekauft habe, bei den Sklavenhändlern gelandet ist. Für Waisen hat man keine bessere Verwendung. Man kann euch nirgendwo unterbringen, keiner nimmt euch auf. Die Stadtbüttel verscherbeln euch, damit sie sich für den Erlös Wein kaufen können, meine Herzchen; Sergeanten der Wache vergessen einfach, euch in ihren Berichten zu erwähnen, und die Kommandanten scheren sich einen feuchten Kehricht um elternlose Bälger.
    Und nun«, fuhr er fort, »da im Wildfeuer-Bezirk die Quarantäne aufgehoben ist, steht jeder Sklavenhändler und Möchtegern-Sklavenhändler in den Startlöchern, um das Viertel nach Pimpfen wie euch zu durchkämmen. Von mir aus könnt ihr diesen Hügel jederzeit verlassen, ich halte niemanden. Aber ich gebe euch mein Wort darauf, dass jeder, der so dumm ist, von hier abzuhauen, bald den Pimmel irgendeines Drecksacks lutscht oder für den Rest seines elenden Lebens an eine Ruderbank gekettet wird.
    Damit bin ich auch schon bei Punkt zwei angelangt. Alle meine Freunde, die ihr hier seht«, er deutete auf die Waisen vom Hügel der Schatten, die aufgereiht an den Wänden standen, »dürfen gehen, wann immer es ihnen beliebt, und es ist ihnen erlaubt, fast alle Orte aufzusuchen, an die sie sich gern begeben wollen. Aber nur, weil sie unter meinem Schutz stehen. Ich weiß«, erklärte er mit ernster Miene, »dass ich selbst keine besonders beeindruckende Person bin; aber lasst euch nicht täuschen. Ich habe mächtige Freunde, meine Lieben.
    Und ich kann euch Sicherheit bieten, weil diese Menschen mich unterstützen. Sollte es jemandem einfallen, zum Beispiel einem Sklavenhändler, Hand an einen Jungen oder ein Mädchen vom Hügel der Schatten zu legen, würde er unverzüglich und – äh – gnadenlos für seinen Leichtsinn bestraft.«
    Als keiner der Neuzugänge mit dem gebotenen Enthusiasmus reagierte, räusperte sich der Lehrherr der Diebe und wurde deutlicher. »Jedes Arschloch, das sich an euch vergreift, wird von mir umgebracht. Kapiert?«
    Jetzt hatten sie verstanden.
    »Das bildet die ideale Überleitung zu Punkt drei, der euch alle betrifft. Diese kleine Familie benötigt ständig neue Brüder und Schwestern, und ihr seid herzlich eingeladen – was sag ich da, ermutigt –, uns mit eurer dauerhaften Gegenwart zu beglücken. Betrachtet diesen Hügel als euer Zuhause, mich als euren Herrn, und diese wackeren Jungen und Mädchen als eure lieben Geschwister. Wir bieten euch Nahrung, Kleidung und Schutz. Solltet ihr es vorziehen, uns den Rücken zu kehren, landet ihr als Frischfleisch in irgendeinem Freudenhaus in Jerem. Irgendwelche Fragen?«
    Keiner der Neuankömmlinge gab einen Mucks von sich.
    »Ich wusste doch, dass ich auf euch zählen kann, meine süßen Wildfeuer-Schätzchen.« Der Lehrherr der Diebe breitete die Arme aus und lächelte, wobei er seine sumpfwasserbraunen Zähne bleckte. »Natürlich müsst ihr auch gewisse Pflichten übernehmen. Es heißt geben und nehmen, Leistung und Gegenleistung. Ich kann keine Lebensmittel kacken. Und Nachttöpfe leeren sich nicht von selbst. Habt ihr verstanden, was ich meine?«