Warenkorb
 

Bewerter

Meine Bewertungen

Eine grandiose Idee

Krimisofa[dot]com , am 16.10.2018

Rhena Weiss gehört mittlerweile zu den Autoren, die ich wirklich gerne lese. Die Charaktere sind sympathisch und liebevoll gezeichnet, und die Fälle sind wohl überlegt und gut konstruiert. Über ihr zweites Buch in der Baltzer-Reihe - „Gottes rechte Hand“ - bin ich völlig zufällig gestolpert, und auf den Nachvolger habe ich mich lange gefreut. Es sei noch dazu gesagt, dass dies der dritte Teil einer Serie ist. Man muss die Vorhergehenden nicht zwingend gelesen haben, schlecht wäre es aber trotzdem nicht. Ich hab den ersten Teil bis heute nicht gelesen und weiß auch, dass ich ihn nicht mehr nachholen werde – es kommen einfach zu viele Bücher heraus. Dennoch bin ich mit „Der Kreis des Bösen" gut zurecht gekommen.

Michaela Baltzer steht vor einer – nein, mehreren – Herausforderungen. Denn was zunächst wie ein einfacher Mord aussieht, entwickelt sich zu ihrem bisher größten Fall,. Dazu kommt, dass Matthias, der neue Kollege, nicht nur ein Grünschnabel ist, sondern ein unsympathischer Grünschnabel, der irgendwann ins Team des sexistischen Gernots wechselt, weil er für Prostituierte – ob tot oder lebendig – nichts übrig hat. Na gut, denkt sich Michaela, zu Gernot passt er ohnehin besser. Blöd nur, dass die Teams im späteren Verlauf zusammengelegt werden, weil der Fall Ausmaße annimmt, mit denen keiner gerechnet hat.

Denn im Internet findet ein Wettkampf zwischen Prometheus und Mephisto statt – den zwei Tätern im Buch. Das erfährt man als Leser schon früh und versteht, warum der Fall so verzwickt ist. Die zwei Antagonisten versorgen sich dabei mit den Fotos „ihrer“ Leichen und rühmen sich damit. Die zwei kennen sich aus dem Soziopathen-Forum „Der_Kreis_des_Bösen“ und sind im ständigen Austausch. Prometheus nimmt dabei die Rolle des Schülers ein und Mephisto die des erfahrenen Lehrmeister. Immer wieder bekommt man mit, wie sich die zwei immer weiter hochstacheln und sich neuen, größeren Herausforderungen stellen – die Morde selbst bekommt man als Leser allerdings nicht mit.

Anfangs wirft Rhena Weiss alles über den Haufen - „Herr Ober, einmal tabula rasa mit Schuss bitte“ -, Valerie ist (mehr oder weniger) weg, Doris ist weg, Bernd ist weg, Matthias, der Neue, ist da – als hätte sie den Reset-Button gedrückt. „Warum??!!“ will man als Leser da einfach nur schreien. Es hat doch alles gepasst im letzten Teil: das Verhältnis zwischen Michaela und Valerie war erfrischend, die toughe Doris war sympathisch, und Bernd – naja – war halt auch da. Aber Geduld, später fügt sich wieder alles. Und dennoch fragt man sich, warum das Ganze? Das hinterlässt dann doch einen seltsamen Eindruck.

Das Gute daran ist, dass wir dadurch neue Charaktere kennenlernen – unter anderem Gernot Königberg, jener Kollege Baltzers, den aufgrund seiner – nun – „einfachen" Art, keiner mag, ja wahrscheinlich nicht mal er selbst. Es muss eine gröbere Herausforderung für Rhena Weiss gewesen sein, sich in so einen Charakter zu versetzen, zumal Baltzer das exakte Gegenteil von ihm ist – manchmal ist sie sogar politisch zu korrekt.

Die Idee für den Fall ist aber grandios – ein Mordwettstreit zwischen zwei Soziopathen – wow. Und ebenso die Konstruktion, die ständig wechselnden Perspektiven zwischen Polizei und Mörder, zwischen gut und böse – das hat schon was und erzeugt eine stimmige Atmosphäre; auch wenn manch technische Feinheiten, die uns begegnen, nicht immer korrekt sind (zwei Firewalls auf einem PC, wie sie einer der Mörder hat, sind eher kontraproduktiv). Aber das verbuche ich mal unter künstlerischer Freiheit.

Leider ist die Auflösung aber schon relativ früh zu erahnen, was ich dann doch etwas schade fand. Auch habe ich nicht ganz verstanden, welches Kommunikationsmedium die zwei Täter, die ja ständig in Kontakt sind, nun benutzen – großteils ist von E-Mail die Rede, gegen Ende dann von persönlichen Nachrichten, was bei einem Forum wesentlich logischer wäre.

Am Ende gibt es allerdings noch einen besonderen Knaller, der mich jetzt schon auf den nächsten Teil neugierig macht – falls einer kommt.

Tl;dr: „Der Kreis des Bösen“ von Rhena Weiss ist ein Psychothriller mit einer grandiosen Idee und einer sehr guten Konstruktion. Dass die Autorin anfangs einiges über den Haufen wirft, ist zwar schade, tut der Spannung aber keinen Abbruch – zumal sich später alles wieder fügt. Schade ist nur, dass der ganze Fall relativ früh zu durchschauen ist.

Der Kreis des Bösen - Rhena Weiss
Der Kreis des Bösen
von Rhena Weiss
(3)
Buch (Taschenbuch)
10,00

Ein verdammt gutes Buch mit einer verdammt guten Idee

Krimisofa[dot]com , am 03.10.2018

Ich bin kein Freund von übermäßig dicken Büchern, allem was über fünfhundert Seiten hat, trete ich skeptisch gegenüber – vor allem, wenn ich den Autor nicht kenne. Bei Andreas Eschbach kommt erschwerend dazu, dass ich das eine Buch, das ich von ihm gelesen habe - „Eine Billion Dollar“ - knallhart abgebrochen habe. Nur wusste ich das nicht mehr, als ich über „NSA“ stieß. Aber das Cover hat etwas ausgestrahlt, das mich angezogen hat. Ursprünglich hatte ich zwei Wochen zum Lesen des Buches eingeplant – nach etwas mehr als einer war ich fertig.

Helene ist die Protagonistin, Eugen, den wir ebenfalls im Buch begleiten, ist eher Antagonist. Der Fokus liegt aber eher bei Helene, die seit ihrer Kindheit eine Faszination für Komputer (ja, Computer mit K) hegt, weswegen sie Programmiererin – oder Programmstrickerin, wie der Beruf im Buch auch genannt wird – wird. Sie wird eine der besten im deutschen Reich, weshalb sie nach dem Schulabschluss direkt einen Elektrobrief (vulgo: E-Mail) vom Nationalen Sicherheits-Amt bekommt, einem Geheimdienst, der so geheim ist, dass ihn nahezu keiner kennt. Irgendwann lernt sie einen Mann kennen, obwohl sie nicht mehr damit gerechnet hätte, dass so etwas jemals passiert – Helene ist nicht sonderlich schön und wirkt eher wie eine graue Maus. Der Mann ist allerdings Deserteur, was die Sache ziemlich kompliziert macht.

Eugen Lettke ist der Sohn eines Kriegshelden, was ihm einen UK-Status beschehrt. Das hat nichts mit dem Vereinigten Königreich zu tun, sondern ist die Abkürzung für „unabkömmlich“ - Lettke muss also nicht an die Front und für das deutsche Reich in den Krieg ziehen. Hinzu kommt, dass er einen Arier-Status von AAA hat, er ist also ein Vorzeige-Arier – groß, blond, blauäugig. Aber der Krieg interessiert ihn ohnehin nicht; bei der NSDAP ist er vermutlich auch nur, um einen sicheren Job zu haben – und das hat er, denn er arbeitet ebenfalls beim NSA. Und da kann er alle Frauen ausfindig machen, die bei seiner Schmach damals dabei waren und kann sie denunzieren, wenn sie sich ihm nicht hingeben – die Frauen sind also im doppelten Sinne gefi**t.

Es ist schon ein verdammt interessantes Setting, das uns Eschbach hier bietet. Die Nazis aus dem Jahr 1942 mit Hitler, Himmler und Mengele, verbunden mit der Technologie des 21. Jahrhundert. Handy, Internet und Computer. Es ist zwar ein rudimentäres Internet, wo es im deutschen Raum nur ein deutsches Forum gibt und in den USA nur ein amerikanisches Forum, und das Internet heißt auch nicht Internet, sondern Weltnetz – natürlich, Nazis lassen nur deutsche Begriffe zu. Aber überwachen kann man alle, denn jeder hat eine Bürgernummer und das Bargeld wird bald nachdem die Nazis an die Macht kommen abgeschafft. Diese Aspekte – das dritte Reich und der Überwachungsstaat – haben mir das Buch schmackhaft gemacht. Dass das Buch achthundert Seiten hat, war mir innerhalb kürzester Zeit völlig egal, es hätten auch gerne mehr sein können, stellenweise habe ich mich komplett in der Geschichte verloren.

Auch dass Eschbach den zwei Hauptcharakteren fast gleich viel Raum in der Geschichte gibt – Helene bekommt dann doch etwas mehr –, ist gut so, auch wenn sich Lettke recht bald als Psycho erweist, der nur einen hochkriegt, wenn sein Erpressungsopfer vor Angst mit den Knien schlottert. Bei Helene bekommt man dazu ihre ganze Biographie geliefert; ihre Verbundenheit mit ihrem Onkel, ihre Freundschaft mit Ruth, die irgendwann weg ist, weil sie jüdische Vorfahren hat; die Beziehung zu ihren Eltern, die – im Gegensatz zu ihr und ihrem Onkel – klare Befürworter von Hitler sind und etliches mehr. Bei Lettke bekommt man vergleichsweise wenig mit – einzig sein aufkeimendes Interesse für das Ausspionieren in der Jugend bzw. die Beziehung zu seiner Mutter hat hier Relevanz.

Wenn ich das Buch an einem Genre festmachen müsste, würde ich allerdings daran scheitern. Es ist weder Krimi noch Thriller und streng genommen ist das Krimisofa der falsche Platz für dieses Buch – aber man muss auch mal über den Tellerrand blicken. Ich habe bei „NSA“ eine Dystopie, Science Fiction, eine historische Geschichte, einen Liebesroman und dann doch auch ein paar Elemente, die man in jedem Thriller findet, vorgefunden. Insgesamt ist es aber einfach ein verdammt gutes Buch mit einer verdammt guten Idee.

Nicht so gut fand ich allerdings, dass Eschbach Eugen Lettke quasi nur auf männliche Stereotypen reduziert, der offenbar keine Gefühle hat, während Helene ein facettenreicher Charakter mit so einigen Gefühlen ist. Außerdem hat es mich jedes mal geschüttelt, als vom Ersten Weltkrieg die Rede ist, der im Buch von 1914 bis 1917 ging. Eschbach würde vermutlich argumentieren, dass das seine Version der Geschichte ist – faktisch ist es aber einfach falsch. Zwischendurch hat das Buch auch gerne mal ein paar Längen, vor allem wenn es technisch wird. Die Stellen habe ich gerne überflogen.

Tl;dr: „NSA“ von Andreas Eschbach ist ein facettenreicher Roman mit vielen verschiedenen Genres und einer irre guten Geschichte mit zwei Hauptcharakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bei Eugen Lettke bedient sich Eschbach aber etwas zu sehr bei männlichen Stereotypen und zwischendurch hat die Geschichte auch ihre Längen.

NSA - Nationales Sicherheits-Amt - Andreas Eschbach
NSA - Nationales Sicherheits-Amt
von Andreas Eschbach
(107)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,90

Gruber legt mit jedem seiner Bücher die Messlatte noch höher

Krimisofa[dot]com , am 24.09.2018

Die Rache-Reihe von Andreas Gruber hat tatsächlich erst drei Teile, obwohl mit „Rachesommer“ der erste Teil bereits 2011 herauskam, und ursprünglich auch als Standallone geplant war – es sollte also gar keine Fortsetzung geben. Danach konzentrierte sich Gruber auf sein kiffendes Genie Maarten S. Sneijder, über den in wesentlich weniger Zeit wesentlich mehr Bücher erschienen. Ich merkte auch bei mir, dass ich mich auf einen neuen Sneijder mehr freute, als auf einen neuen Pulaski. Dabei war das im Fall von „Rachewinter“ völlig unbegründet – denn der hat es in sich.

Evelyn Meyers ist Strafverteidigerin in Wien und muss sich mit dem Fall von Michael Kotten auseinandersetzen, der seinen Liebhaber getötet haben soll und nun verhaftet wurde. Kotten ist Transgender, ein Mann, der gerade dabei ist, sich zur Frau umoperieren zu lassen. Gleichzeitig stammt er aus einer reichen und mächtigen Familie – sein Vater betreibt ein Glücksspiel-Imperium. Seinen Vater hasst Michael, weil er nie damit zurechtkam, dass sein Sohn schwul oder sonst was ist – so ganz versteht er nicht, was sein Sohn ist oder nicht ist.

In Leipzig hingegen lebt und arbeitet Walter Pulaski im Kriminaldauerdienst. Er trifft auf den Fall des Mannes, der in einem Motel eine Schere im Ohr stecken hat. Ein Unfall sagen alle inklusive der Gerichtsmedizin – er bezweifelt das. Die fehlenden Leichenflecken, die viel zu blasse Haut und Blutspuren in der Unterhose sprechen deutlich gegen einen Unfall. Aber in seiner Position kann er nichts ausrichten – zumindest nicht offiziell.

Es gäbe noch wesentlich mehr Charaktere die wichtig sind. Zum Beispiel Pulaskis Tochter Jasmin, oder deren Freundin Nina, oder Flo, der neue Assistent von Evelyn, der ausgebildeter Polizist ist und nun Rechtswissenschaft studiert, aber davor auch schon Sanitäter war – ein Tausendsassa eben; oder für die Österreicher unter euch: ein Wunderwuzzi. Aber das alles würde zu weit führen, die Basics müssen reichen.

Ich sage es ganz ehrlich: ich habe null, also wirklich gar keine Erinnerung an die zwei Teile vor „Rachewinter“, und das, obwohl die Täter im Epilog sogar namentlich erwähnt werden – aber das ist auch nicht nötig, denn das Buch kann man auch guten Gewissens lesen, ohne „Rachesommer“ oder „Racheherbst“ gelesen zu haben. Und das Pendant zum Epilog, nämlich der Prolog, macht gleich direkt Bock aufs Buch. Wir haben Sex, Gewalt und Voyeurismus. Ich bin, wie schon oft geschrieben, kein großer Freund von Prologen, aber wenn man direkt danach einen Spannungsbogen hat, dann hat der Autor auch mich – und Gruber macht das wirklich mit einer Bravour.

Danach begegnen wir einem interessanten und in diesen Zeiten wirklich wichtigem Thema, nämlich Transsexualität. Andreas Gruber hat dem Krimisofa in einem Interview verraten, dass es in „Rachewinter“ ein neues „Thema (gibt), dass ich noch nicht bearbeitet habe“. Er hat dabei wirklich akribisch recherchiert, was man auch in der Danksagung merkt, und er bringt dem Leser dieses Thema gut, und auf eine Weise nahe, dass es jeder versteht, .

Was man merkt, ist, dass im Wiener Erzählstrang Lokalkolorit wesentlich präsenter ist, als im Leipziger Strang. Beim Sprachgebrauch herrscht allerdings Parität zwischen den zwei Städten – in Wien herrscht tendenziell österreichischer und in Leipzig deutscher Sprachgebrauch.

Insgesamt begegnet uns jene hohe Qualität, die wir von Gruber gewohnt sind. Wir haben Spannung von Anfang bis Ende, kantige, sympathische und weniger sympathische Charaktere – und am Ende haben wir einen ausführlichen und nicht unblutigen Showdown. Einzig etwas zu zufällig finde ich, dass Pulaski und Meyers so oft durch denselben Fall aufeinandertreffen – aber alles in allem ist „Rachewinter“ wesentlich besser als ich erwartet hätte. Einmal angefangen zu lesen kann man kaum aufhören zu lesen – das hört man oft und erlebt man selten, aber hier trifft es definitiv zu. Gruber legt mit jedem seiner Bücher die Messlatte noch höher.

Tl;dr: „Rachewinter“ von Andreas Gruber ist ein rasanter und packender Thriller mit einer überaus interessanten Thematik und kantigen Charakteren. Gruber schafft es schon innerhalb der ersten Seiten, einen Spannungsbogen aufzubauen, an dem sich der Leser von Anfang bis Ende festhält. Die Thematik der Transsexualität ist ausgezeichnet recherchiert und wird dem Leser verständlich nähergebracht. Der Showdown ist ausführlich und kommt nicht ohne Blut aus.

Rachewinter - Andreas Gruber
Rachewinter
von Andreas Gruber
(106)
Buch (Klappenbroschur)
9,99

Weniger wäre mehr

Krimisofa[dot]com , am 22.09.2018

Ein Leben kann sehr schnell zu Ende sein. Zack, eins über den Schädel gezogen und schon wird es dunkel für den Rezipient. Andererseits kann ein Leben verdammt lange sein, Menschen kämpfen mit den übelsten Krankheiten gegen den Tod und widersetzen sich Jahr für Jahr. Doch am Ende bekommt der Sensenmann uns doch alle – jeden von uns. Und dann kommen wir in den Himmel, oder die Hölle; oder verrotten einfach nur in einer Holzkiste unter der Erde. Was auch immer passiert, Lisa McInerney hat ein Buch geschrieben, in dem es um Mord, Moral und etliche andere Dinge geht.

Ryan ist der Sohn von Tony Cusack und Bruder von fünf Geschwistern. Sein Vater war fleißig – nicht nur, was die Kinderzeugung betrifft. Er trinkt auch gerne und kennt Jimmy Phelan, der jetzt seine Hilfe benötigt, denn in der Wohnung dessen Mutter Maureen liegt eine Leiche, die wegmuss. Na, habt ihr noch den Überblick? Moment, es geht noch weiter, denn da ist noch Georgie: Prostituierte, Drogensüchtige und auf der Suche nach Robbie, bei dem sie wohnt und der plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist. Die Drogen besorgt ihr Ryan, der gerade mal fünfzehn ist und seine erste Freundin – Karine – hat. In der ersten von vielen Szenen hat er einen ziemlich verfrühten Samenerguss – vom Drogendealen hat er zu der Zeit mehr Ahnung.

Es war zu Beginn eine on/off-Beziehung, die mich mit dem Buch verband, eigentlich sollte es bei [Vorschau #11] dabei sein, ist aber kurz vor deren Erscheinen rausgeflogen. Das Cover ist nicht gerade ansprechend – mehr shabby als shiny;–, und repräsentiert so gewissermaßen den Inhalt. Nicht das dieser nicht ansprechend wäre, aber doch speziell; ohne richtigen Hauptcharakter, ganz zu schweigen von Protagonisten – ein Buch voller Antihelden trifft es eher. Ich war anfangs wirklich geneigt, dieses Buch abzubrechen, doch andererseits war es doch interessant. Verlage sind immer auf der Suche nach Autoren mit einem außergewöhnlichen Schreibstil, mit einem Schreibstil, der sich vom Einheitsbrei abhebt – der Liebeskind Verlag hat mit „Glorreiche Ketzereien“ den Jackpot geknackt, denn ein solches Buch, so weit vom Mainstream weg, wie es nur geht, habe ich tatsächlich noch nie gelesen. Voller Innovationen, voller Überraschungen. Aber eines sei auch gesagt: schön ist das Kind zwar einigermaßen, aber lieb sicher nicht, denn alle, wirklich jeder Charakter, der in dem Buch auftritt, hat Dreck am Stecken.

Lange sucht man in diesem Pulk an Charakteren den einen, den Hauptcharakter – Tony? Nein. Maureen? Jaaaa, nein, nicht wirklich. Also schon irgendwie, aber, hm, eher nein. Gut, weiter – Jimmy? Nope. Georgie? Auch irgendwie, aber dann doch nicht so ganz. Tatsächlich ist Ryan, der Schnellspritzer, der Charakter, der die Geschichte irgendwann an sich reißt. Und auch im Bett macht er sich irgendwann, klar, er hat ja auch genug Zeit, der Plot geht über mehrere Jahre in denen man beobachten kann, wie Ryan heranwächst, um schließlich erwachsen zu werden. Zwischendurch gibt es immer wieder kursive Kapitel, die zumeist sehr emotional sind und aus der ersten Person Ryans erzählen.

Die Geschichte bietet einiges; Fellatio und Cunnilingus, Sakrileg und Skapulier – und einen Nachbarschaftsstreit, der irgendwann eskaliert. Neben Sex und Drogen spielt auch die Kirche eine große Rolle, vor allem Maureens Zerrissenheit zwischen Schuld und Glaube. Sie sieht den Geist ihres unabsichtlichen Mordopfer immer in ihrer Wohnung herumgeistern, was ihr nicht ganz geheuer ist – aber sie findet einen Weg, damit umzugehen. Damit, und mit ihrer inneren Zerrissenheit.

McInerney hat einen guten und düsteren und äußerst maskulinen Schreibstil, was man vor allem am Vokabular merkt, das teilweise sehr vulgär ist. Das Buch ist allerdings weit weniger lustig als ich erwartet hätte – das Buch wurde mir als „bitterböse (Krimi)Komödie“ beschrieben –, oder es trifft nicht mein Humorzentrum.

Teilweise verliert man  sowohl beim Plot als auch bei den Charakteren die Übersicht. McInerney springt teilweise in den Zeiten hin und her, was zwar selten vorkommt, aber umso verwirrender ist. Charaktere tauchen zwei, drei mal auf und beim dritten Mal weiß man gar nicht mehr, wer das jetzt nochmal war. Dadurch, dass sich die Geschichte über mehrere Jahre zieht, wirkt sie teilweise inkohärent. Und der Schreibstil ist stellenweise sehr zäh, von der Spannung gar nicht zu sprechen; was ich aber nicht der Autorin anlasten will, das kann auch an der Übersetzung liegen. Alles in allem ist „Glorreiche Ketzereien“ aber wirklich sehr außergewöhnlich und ich bin froh, es doch beendet zu haben, auch wenn es nicht zu hundert Prozent meinen Geschmack trifft. So richtig will McInerneys Debüt auch nicht ins Krimigenre passen, dafür aber in viele andere. Das Feuilleton feiert – ich halte mich eher zurück.

Bewertung für den Showdown entfällt, weil es so etwas in der bewährten Form nicht gibt.

Rl;dr: „Glorreiche Ketzereien" von Lisa McInerney ist ein zwar kein wirklicher Krimi, dafür aber weit weg vom Mainstream. Ein Buch, so vielschichtig und mit so vielen interessanten Charakteren, dass man sich erst eingrooven muss. Ein Buch ohne Protagonisten und voller Antihelden; und dennoch schließt man sie irgendwann ins Herz - was ist da schon Mord, Drogenhandel oder Prostitution? Dennoch hat das Buch auch einige Schattenseiten; man fliegt nicht gerade durch die Geschichte und verliert auch öfter mal den Überblick

Glorreiche Ketzereien - Lisa McInerney
Glorreiche Ketzereien
von Lisa McInerney
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

Slaughter liefert

Krimisofa[dot]com , am 29.08.2018

Andreas einunddreißigster Geburtstag verändert ihr Leben. Als sie mit ihrer Mutter in einem Diner sitzt, kommt ein Mann, läuft Amok und tötet zwei Menschen. Dann will er Andrea töten, doch ihre Mutter stellt sich in den Weg und sagt „Erschieß mich“ - am Ende ist der Mann tot. Laura, Andreas Mutter, hat ihm die Kehle durchgeschnitten. Auf einem Handyvideo, das einer der anderen Diner-Besucher gemacht hat, sieht Andrea Entschlossenheit in Lauras Blick. Nachdem die Polizei sie vernommen hat, sagt Laura zu Andrea, dass sie sofort weggehen soll. In einen anderen Bundesstaat. Sie darf erst wieder kommen, wenn Gras über die Sache gewachsen ist. Andrea gehorcht und fragt sich, wer ihre Mutter eigentlich ist. Auf ihrer Reise lernt sie die andere Seite ihrer Mutter kennen und kann es nicht fassen …

Die Welt ist eine Bühne, wir sind die Schauspieler und schlüpfen in verschiedente Rollen. Wir spielen Ärzte, Verkäufer, Vater, Mutter oder Blogger – doch wer sind wir wirklich? Unseren Eltern treten wir anders gegenüber als unseren Chefs. Privat versus Professionell. Verschiedene Rollen. Karin Slaughter spielt in „Ein Teil von ihr“ mit diesem Thema und bedient sich dabei einer extremen Welt.

Andrea ist wie oben geschrieben einunddreißig. Sie hat Theaterwissenschaft in New York studiert, hatte eine Affäre mit einem ihrer Professoren, der ihr eine Stelle in der Nähe des Broadways besorgt hat; den Brettern, die ihre Welt bedeuten – bedeutet haben. Nach sechs Jahren New York ging sie nach Belle Island, was am anderen Ende der USA liegt. Ihre Mutter hatte Krebs, was der Grund für ihren Umzug war. Den Krebs hat Laura überlebt, doch Andrea blieb und arbeitet heute in der Notrufzentrale der örtlichen Polizei. Das was ihr bis jetzt über Andrea gelesen habt, könnt ihr sofort wieder vergessen, weil es in der restlichen Geschichte überhaupt keine Rolle spielt. Was wichtig ist, ist, wie Andrea den Rauswurf ihrer Mutter verarbeitet, wie sie damit umgeht und was sie daraus macht. Andrea ist ziemlich nah am Wasser gebaut und bekommt kaum den Mund auf, wenn sie Informationen bekommen will – was allerdings auch eine traumatische Reaktion vom Amoklauf sein könnte, wir wissen es nicht. Andrea ist vielleicht die Protagonistin, die Hauptcharakterin ist aber zweifelsohne ihre Mutter, obwohl diese nur zu Beginn und am Ende der Geschichte auftritt.

Zwischendurch schickt uns die Geschichte immer wieder zurück ins Jahr 1986, wo eine anarchistische Zelle die Welt verändern will. Wie das in die restliche Geschichte passt, kann man zu Beginn nicht ahnen, später wird dieser Erzählstrang aber wesentlich besser als der über Andrea.

Karin Slaughter steht schon länger auf der Liste jener Autoren, die ich lesen wollte. Bei „Die gute Tochter“ war ich kurz davor, es mir zu besorgen, doch dann kam ein anderes Buch dazwischen – jetzt war es aber soweit. Und schon der Einstieg ist irre rasant, bereits im ersten von gar nicht mal so vielen, dafür unverschämt langen Kapiteln, fließt das Blut in Strömen – aber was erwartet man anderes als ein Gemetzel beim Namen Slaughter? Eben. Was mir auch gut gefallen hat, war die Perspektive. Wir nehmen nämlich nicht die Rolle der Mutter, sondern die der Tochter ein – denn Andrea ist bezüglich ihrer Mutter ja komplett ahnungslos. Und so deckt sie nach und nach ihre Geschichte auf und macht dabei selber einen Wandel von der verschüchterten Andrea zur selbstbewussten durch. Andrea wird übrigens durchgehend Andy genannt. Den Grund dafür kann man nach und nach erahnen

Nach den ersten Kapiteln, die, wie geschrieben, irre rasant sind, gestattet uns Slaughter eine Verschnaufpause, denn wir reisen zweiunddreißig Jahre zurück. Dort ist es zunächst emotional und später nimmt die Zeitreise auch noch politische Züge an. Später nimmt die Handlung aber wieder an Fahrt auf. Insgesamt finde ich Slaughters Schreibstil sehr gut, zwischendurch bringt sie uns sogar zum lachen.

Das Einzige, was mich wirklich gestört hat, war die Kapitellänge. Teilweise gehen sie wirklich über vierzig, fünfzig Seiten, noch dazu ohne Absätze – eine halbe Stunde hinsetzen und ein paar Kapitel lesen ist nicht drin. Aber das ist wohl Slaughters Stil. Man muss sich wirklich Zeit nehmen oder sehr schnell lesen. Gegen Ende könnten ein paar Logikfehler drin sein, aber da bin ich mir nicht hundertprozentig sicher. Andrea bekommt am Ende einiges erzählt, von dem ich mir nicht sicher bin, ob sie – aufgrund fehlendem Vorwissen – alles nachvollziehen kann. Es wirkt eher wie ein Service für die Leser.

Alles in allem ist „Ein Teil von ihr“ ein sehr gutes Buch und es wird nicht mein letzter Slaughter gewesen sein – ich habe im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt.

Tl;dr: „Ein Teil von ihr" von Karin Slaughter ist ein rasanter und mitunter ziemlich brutaler und blutiger Thriller, dessen Hauptcharakter von der ersten bis zur letzten Seite zwar ständig über allem schwebt, aber nur selten in der Geschichte auftritt. Die Protagonistin hingegen ist eine verschüchterte – möglicherweise traumatisierte – Frau, die nach und nach die Vergangenheit ihrer Mutter aufdeckt und dabei selber einen Wandel durchlebt.

Ein Teil von ihr - Karin Slaughter
Ein Teil von ihr
von Karin Slaughter
(104)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Der reine Wahnsinn

Krimisofa[dot]com , am 25.08.2018

Wäre es nicht schön, in die Köpfe von anderen zu sehen? Vermutlich nicht. Wir würden Abgründe sehen, die wir nicht sehen wollten; Perversionen, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Und schon gar nicht wollen wir, dass andere Leute in unseren Kopf sehen können – denn vielleicht haben wir ja selber Abgründe, die wir selber gar nicht für so schlimm halten. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Karen Hamilton lässt uns in „Perfect Girlfriend“ in den Kopf ihrer Pro- oder Antagonistin – was, das muss jeder selbst entscheiden – blicken und lässt uns an deren Leben teilhaben.

Juliette heißt mit erstem Namen Elizabeth, doch damit ihr Plan funktioniert, benutzt sie als Flugbegleiterin ihren Zweitnamen. Und ihr Plan, der ganz präzise und minutiös geplant ist, besagt, dass sie ein Jahr nach der Trennung von Nate, wieder mit ihm zusammen sein wird. Nicht früher, nicht später. Dann hatte er ja wohl genug Freiraum und dann ist sie wieder an der Reihe. Juliette – oder Elizabeth – checkt immer den Facebook-Status von Nate – oder den von Bella. Mit Bella ist sie in die Schule gegangen und hat stets zu ihr aufgeschaut. Zu der Schönen, die immer die Hauptrollen im Schultheater bekommen hat. Juliette wollte immer mit ihr befreundet sein und ein Stückchen ihres Fames abhaben. Doch Bella hat sie nie be-, sondern immer verachtet – sobald sie wieder mit Nate zusammen ist, hat Bella gar keine andere Wahl mehr.

Wir tauchen also in die Psyche eines wirklich, wirklich kranken Menschen ein. Nicht nur, dass Juliette in Nate vernarrt ist und nicht mal ansatzweise daran denkt, sich einen anderen zu suchen. Sie  überprüft ihn auch permanent auf Facebook und verbringt auch noch regelmäßig unerlaubt Zeit in seiner Wohnung  , wenn er seiner Arbeit als Pilot nachgeht. Dann kommt noch dazu, dass sie seit ihrer Schulzeit Bella nacheifert, einer Philanthropin, die ständig auf wohltätigen Events herumhängt oder sie selber organisiert – was sie ebenfalls von Facebook weiß. Schnell fragt man sich, ob es tatsächlich Nate ist, den sie will, oder ob er nicht nur Mittel zum Zweck ist, um in eine gesellschaftlich höhere Schicht aufzusteigen.

Denn Juliette kommt aus einer unteren Schicht, ihre Mutter – die relativ früh im Buch stirbt – hat sich regelmäßig die Kante gegeben. Und ihr jüngerer Bruder, William, ist tragisch ertrunken, woran sich Juliette die Schuld gibt, weil sie auf ihn aufpassen sollte. Das erfahren wir bereits im Prolog und der Unfall liegt mehr als ihr halbes Leben zurück. Damals war sie zehn, heute ist sie Ende zwanzig. Da bekommt man ein Gefühl für die Psyche von Juliette, denn das, und die ständige Zurückweisung von Bella an der Schule – so etwas prägt einen Menschen und da ist so eine Entwicklung zumindest vage nachvollziehbar. Juliette will die Anerkennung, die sie von ihrer Mutter nie bekommen hat, und die Sicherheit, die sie ihrem Bruder damals nicht geben konnte – beides sucht sie bei Nate und Bella.

Aber natürlich agiert sie reichlich verrückt, um ihr Ziel zu erreichen, da muss man nichts beschönigen, und Karen Hamilton treibt es auch auf die Spitze und das ist das Salz in der Suppe – wenn ein Plan nicht funktioniert, drückt sie Juliette den nächsten, noch extremeren Plan in die Hand, und das macht das Buch auch so bemerkenswert, so gut. Dass sie uns ihre Geschichte auch noch aus erster Hand erzählt, der Leser also die Rolle von Juliette einnimmt, macht das Ganze noch extremer und zeitweise rollt man nur mehr mit den Augen und denkt sich „weist mal bitte wer diesen Trampel ein?!“.

Dadurch, dass Hamilton selber Flugbegleiterin war, erfährt man natürlich einiges an Hintergrundwissen zum Beruf und teilweise auch einige Funfacts.

Aber das mit Abstand schwächste an dem Buch sind ausgerechnet die Flug-Passagen, die ich großteils nur langweilig fand. Dazu kommt, dass ich doch so hundert bis hundertfünfzig Seiten benötigt habe, bis ich in der Story drin war. Das Ende ist ebenfalls etwas seltsam – als hätte Hamilton all ihre Ideen abgearbeitet und dann gesagt „so, fertig". Man kann es aber sicher auch anders interpretieren. Alles in allem ist „Perfect Girlfriend" aber ein ziemlich anständiges Debüt.

Tl;dr „Perfect Girlfriend“ von Karen Hamilton führt uns in eine Welt, die man nicht sehen will. Aber trotzdem will man wissen, wie dieses Buch endet. Mit einem Hauptcharakter, bei dem man von Anfang an merkt, dass er ein größeres psychisches Problem hat, welches ich zumindest ansatzweise nachvollziehen konnte, was die Autorin aber auch maßlos und geschickt auf die Spitze treibt. Das Ende und einiges davor fand ich aber schwach.

Perfect Girlfriend - Du weißt, du liebst mich. - Karen Hamilton
Perfect Girlfriend - Du weißt, du liebst mich.
von Karen Hamilton
(9)
Buch (Paperback)
15,00

Solides Debüt, das Lust auf mehr macht

Krimisofa[dot]com , am 17.08.2018

Oberstleutnant ist in Österreich der zweithöchster Dienstgrad bei der Verwendungsgruppe E 1 „Leitende Beamte“ in der Exekutive. Höher ist nur der Oberst, der nonchalant mit „Obst“ abgekürzt wird. Oberleutnant wird mit „Obstlt“ abgekürzt, was hingegen so klingt, als hätte man zu viel gegärtes Obst konsumiert und wäre an der Aussprache des Wortes „Oberstleutnant“ gescheitert. Was uns zu unserem Protagonisten führt, der früher mal ein schwerwiegenderes Alkoholproblem hatte, bevor er von einem Fall buchstäblich gerettet wurde, der ihn bis heute verfolgt. Michael Winter ist Oberstleutnant bei der Wiener Polizei. Im Prolog vernimmt er gerade eine zweifache Mörderin – der Fall findet jedoch nur am Rande der Handlung statt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Mord eines ehemaligen Politikers, der wortwörtlich ausgeblutet wurde; neben der Leiche wurde eine Tasse mit Blut abgestellt.

Der erste Satz des Buches klingt wie ein Statement, macht direkt Lust auf mehr – erst nach đem Prolog kommt die Ernüchterung, dass Winter den Fall abgibt und es um einen ganz anderen Fall geht. Das ist zwar schade, aber der neue Fall ist nicht minder brisant. Es wird sehr politisch, mehr als ich erwartet hätte – als ehemaligen Politikwissenschaft-Studenten holte mich das aber ab. Dazu kommt, dass Langer einen schnörkellosen Schreibstil hat und nicht mit Kraftausdrücken geizt, was ich erfrischend finde, weil es eher der Wiener Mentalität entspricht als wenn man solche Wörter ausspart. Die Sprache ist allerdings komplett hochdeutsch, da handhabt er es wie sein Autorenkollege Andreas Gruber, dessen Bücher teilweise auch in Wien spielen. Die Lokalkolorit entspricht eher der von Beate Maxian, allerdings hält im Gegensatz zu Maxian etwas zurück – als Wiener erkennt man Straßen und Orte, wenn man nicht aus Wien kommt, macht es aber auch nichts.

In der Danksagung findet sich der bekannte Satz „Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden“ - der hat meistens auch seine Berechtigung, nur Langer nehme ich ihn nicht ganz ab. Denn bei den Personen – allen voran dem Opfer – habe ich einige Parallelen zu einer realen Person aus dem öffentlichen Leben entdeckt; er ist übrigens nicht der einzige Charakter bei dem es so ist. Auch die Tageszeitungen haben nur einen geringfügig anderen Namen als ihre realen Pendants. In einem Interview habe ich diesbezüglich nachgehakt.

Beim Plot ist Langer allerdings wesentlich kreativer und er lässt seinem Protagonisten genügend Freiraum, um über den Tellerrand zu blicken, was vermutlich auch Langers Naturell als Akademiker entspricht – zwischendurch merkt man auch immer wieder theologische Einflüsse. Es ist jedoch bei weitem nicht so, dass man mit Religion erschlagen wird. Genau so wie beim Showdown niemand erschlagen wird. Dieser kommt völlig ohne Peng, Klatsch und anderem Brimborium aus und geht sehr sachlich und zivilisiert über die Bühne, was mich an „In deinem Namen“ von Harlan Coben erinnern ließ. Alles in allem ein solides Krimi-Debüt, das Lust auf mehr macht.

Langer erfindet das Rad allerdings nicht neu. Klar, manches hat man in dieser Ausprägung von den bekannteren Österreichern oder anderen Autoren noch nicht gesehen, zum Beispiel die vielen Kraftausdrücke – aber Langer wird damit keine Revolution anstoßen. Dennoch liest sich das Buch sehr gut.

Tl;dr: „Gnädig ist der Tod“ von Gerhard Langer ist ein äußerst politischer Krimi, der durch einen guten und schnörkellosen Schreibstil besticht und nicht mit Kraftausdrücken geizt. Der Hauptcharakter ist, wie der ganze Krimi, ziemlich solide und macht Lust auf mehr. Der Satz „Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden“ im Nachwort klingt aber eher wie eine Phrase, den nehme ich ihm nicht ganz ab.

Gnädig ist der Tod - Gerhard Langer
Gnädig ist der Tod
von Gerhard Langer
(1)
Buch (Taschenbuch)
10,00

Gute Stimmung - schwacher Showdown

Krimisofa[dot]com , am 09.08.2018

„Final Girls“ wurde mir vom dtv-Verlag zugeschickt – einfach so. Brechstangen-Marketing? Keine Ahnung. Jedenfalls war es mit keinem Gewinnspiel verbunden, was die Sache doch ziemlich sympathisch machte. Den Autor kannte ich nicht, natürlich, Riley Sager ist ein Pseudonym und „Final Girls“ ist sein Debüt. Bei einer kurzen Recherche stieß ich auf einen Artikel, in dem er mit JP Delaney verglichen wurde – beide schrieben über starke Frauen. Offensichtlich ist es der neue Shit wenn Männer solche Bücher schreiben – Riley Sager wollte es gegen Ende aber etwas zu sehr.

Quincy Carpenter ist Backbloggerin – das ist wie ein Buchblog, nur leckerer. Sie bäckt seit ihrer Kindheit, heute verdient sie ihr Geld damit, obwohl sie eigentlich genug davon hat. Für ein Interview bekam sie hunderttausend Dollar und kaufte sich eine Wohnung in einem reicheren Viertel in Manhattan. Quincy ist ein Final Girl, Final Girls werden Frauen in Horrorstreifen genannt, die ein Massaker überlebt haben – und das hat sie, nur war ihr Horrorstreifen die Realität. Vor zehn Jahren war sie mit Freunden in einer Hütte, die Pine Cottage genannt wurde – immer noch wird –, wo die Jugendlichen den Geburtstag von Quincys Freundin feierten. Dort wurden alle erstochen. Doch sie hat das Massaker überlebt und überwunden. Glaubt sie. Bis Samantha auftaucht, ebenfalls ein Final Girl. Sie will die Erinnerungen, die Quincy verdrängt hat, wiederbeleben. Das macht sie mit diversen Tests wie einem Spaziergang im Central Park um ein Uhr morgens. Oder sie füllt Quincy mit Alkohol ab und zwingt sie, Seinen Namen zu sagen – doch Quincy nennt ihn nur Er, wie eine gott-artige Figur, die über allem schwebt.

Man ist eigentlich direkt in der Geschichte, die Stimmung ist gut und passt zum Setting. Schon recht früh lenkt Sager den Leser in eine bestimmte Richtung um dann wieder davon abzukehren – doch die Stelle bleibt im Kopf und wird später relevant. Danach plätschert die Handlung lange dahin, ohne jedoch langweilig zu werden – das macht Sager geschickt. Noch nie war ein Kennenlernen – eben jenes zwischen Quincy und Samantha – interessanter. Sager baut immer wieder Elemente ein, die den Leser am Buch halten. Dennoch weiß man nie, wo er mit der Geschichte hinwill, es gibt anfangs kein direktes Ziel. Man wird zwar dazu gebracht, Samantha mit ihrer geheimnisvollen und schmallippigen Art zu misstrauen, aber das kann es nicht gewesen sein?!

Gerade bei Samantha tobt sich Sager aus, sie ist vermutlich der maskulinste Charakter in diesem Buch. Sie ist hart und tough, schlichtet Streits und riskiert selbst eine Anklage. Solche Sachen eben. Quincy hingegen ist sehr feminin mit ihrem Backblog; die, die sich nicht traut, ihrem Freund Jeff – der übrigens mehr Statist als Charakter ist – zu sagen, dass er beim Sex mal härter rangehen soll, und somit nie ein Happy End hat.

Immer wieder gibt es Rückblenden zu eben jenem Massaker in Pine Cottage vor zehn Jahren, wo sie ihre beste Freundin Janelle dazu nötigt, endlich mal Sex zu haben und ihr ein Zimmer mit Craig zuteilt – oh ja, da bekommt man direkt Bock auf Sex. Das Setting im Pine Cottage erinnert schwer an den Film bzw. (mich eher, weil ich den Film nie gesehen habe) an das PC-Spiel „Friday the 13th", das vor ein paar Jahren erschien, was die Sache sehr atmosphärisch macht.

Nun zum nicht so Guten: zu Beginn dachte ich, dass Quincy, Samantha und Lisa (ebenfalls ein Final Girl) das selbe Massaker überlebt haben, denn es ist nicht ganz ersichtlich, dass es nicht so ist (oder ich hab nicht aufgepasst, das kommt vor). Bei der Auflösung – die nebenbei bemerkt auch einem Toten Hosen Song aus den 90ern entsprungen sein könnte – macht es sich Sager aber viel zu einfach was die Charaktere betrifft. Das wirkt an den Haaren herbeigezogen und – wie oben geschrieben – etwas zu gewollt. Das hat die Stimmung dann doch etwas getrübt.

Tl;dr: In „Final Girls“ von Riley Sager herrscht eine gute Stimmung, sowohl in der Hauptstory als auch in den Rückblenden, die Sager einflechtet. Die Charaktere sind stimmig und konträr. Alles in allem macht das Buch Bock – bis auf das Ende, das ziemlich an den Haaren herbeigezogen wirkt und bei dem es sich Sager hinsichtlich der Charaktere zu einfach macht.

Final Girls - Riley Sager
Final Girls
von Riley Sager
(17)
Buch (Taschenbuch)
9,95

Packend bis zum Schluss

Krimisofa[dot]com , am 04.08.2018

Wer denkt, dass Karen Perry eine Autorin ist, der denkt wie ich – und liegt ebenfalls falsch. Es ist ein Autorenduo und besteht aus Karen Gillece und Paul Perry. „Girl Unknown“ ist ihr drittes gemeinsames Buch, auf das ich mich schon lange gefreut habe, weil ich in den letzten Monaten ein Faible für solche Settings entwickelt habe – weg von den hard boiled Krimis, hin zu den Thrillern, deren Spannung eher psychologischer Natur sind. Ich kannte Gillece und Perry davor nicht, aber mit „Girl Unknown“ haben sie mich überzeugt.

David ist Dozent für Geschichte an der UCD, der University College Dublin, und spätestens jetzt wissen wir auch, wo die Geschichte spielt. David ist Mitte vierzig und mit Caroline verheiratet, mit der er zwei Kinder hat, Holly und Robbie, sie elf, er fünfzehn. David ist mit Leidenschaft Akademiker und hofft, dass er bald einen eigenen Lehrstuhl bekommt. Als er von seiner späten Vaterschaft erfährt, ist er kurz verwirrt, später aber glücklich. Die Mutter kannte er vor einem halben Leben von der Uni in Nordirland, wo er einige Zeit war. Er lässt zwar einen Vaterschaftstest machen, aber eigentlich ist ihm das Ergebnis egal – er hat Zoë sofort ins Herz geschlossen.

Caroline hat das mitnichten – nicht nur weil sie nicht ihre leibliche Mutter ist, sondern weil sie ihr nicht traut. Als sie Zoë auf der Uni konfrontiert, ist das junge Mädchen flapsig und keineswegs unsicher, noch weniger schüchtern. Aber sie kann David gegenüber nichts sagen, weil ihre Ehe nach einer Affäre, die sie vor einem Jahr hatte, noch immer auf tönernen Füßen steht.

Es beginnt mit dem Prolog, in dem man einer Möwe begegnet und der auf den ersten Blick unbedeutend ist. Später kann man ihm jedoch den „Foreshadowing“-Stempel aufdrücken. Dann kommt Kapitel eins und schon werden wir vom Flügel der Möwe in die Geschichte gestoßen – die Möwe fliegt weiter, weil das Fliegen ihre Natur ist. Und der Leser liest weiter, weil – ihr ahnt es – das Lesen eben seine Natur ist. Und so lesen wir und lesen und können nicht mehr aufhören, ergötzen uns an dieser feingliedrigen Konstruktion dieser grandiosen Geschichte. Immer wieder wechseln mit jedem Kapitel die zwei Ich-Erzähler David und Caroline und erzählen uns im Nachhinein, wie sie das Leben mit der plötzlich aufgetauchten Tochter Zoë erlebt haben. Alles dreht sich in der Geschichte um Zoë, diese optisch engelhafte Erscheinung mit ihren blonden Locken und der zarten Figur – eine Harfe in die Hand und sie kann zur Geburt Jesu erscheinen.

Aber sie ist alles andere als engelhaft, oh, ist sie gerissen wie sie alle gegeneinander aufhetzt, Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Und genau das ist das Salz in dieser Buchstabensuppe von der man noch und noch einen Nachschlag will. In Zoë steckt Schwarz und Weiß, Yin und Yang, Dr. Jekyll und Mrs. Hyde; und als Leser will man nur noch wissen, wie es endet, also blättert man Seite um Seite weiter, wühlt sich durch diese knisternde Spannung, versucht Zoës Intrigen zu durchschauen und scheitert doch daran.

Das klingt alles sehr einseitig, sehr undifferenziert, aber ich bin noch nicht fertig. Denn eines hat das Lesen anfangs doch etwas verlangsamt: nämlich die von Karen Gillece verfassten Kapitel über Caroline, in der sie uns von ihrem Familienleben und ihrer Affäre erzählt – so zäh diese anfangs im Gegensatz zu Davids Kapitel sind, so wichtig sind sie für den weiteren Verlauf der Geschichte. Und was mir auch gefehlt hat, war eine Erklärung zu Zoës Verhalten - man kann als Leser zwar mutmaßen, aber die Wenigsten von uns werden eine psychologische Ausbildung haben, um die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Was soll ich sagen? Das Buch ist einfach verdammt gut. Kudos an Gillece und Perry, die meine Erwartungen mehr als erfüllt haben.

Tl;dr: „Girl Unknown“ von Karen Perry ist ein irrsinnig packender Psychothriller, den man, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will. Mit einer irrsinnig gut konstruierten Geschichte und einem Mädchen, das es faustdick hinter den Ohren hat, die das Salz in der Suppe ist.

Girl Unknown - Schwester? Tochter? Freundin? Feindin? - Karen Perry
Girl Unknown - Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?
von Karen Perry
(6)
Buch (Paperback)
14,99

Ein mitreißender Thriller

Krimisofa[dot]com , am 23.07.2018

Stell dir vor, du bekommst ein Herz transplantiert, und hast danach ständig Lust auf ein Bier, obwohl du vor der Transplantation keinen Alkohol getrunken hast. Oder du bekommst eine neue Niere und willst danach Autorennen fahren, obwohl du nie den Führerschein gemacht hast. Es gibt die Theorie, dass in Körperzellen Erinnerungen gespeichert werden können. Die Theorie ist umstritten – aber nicht in der Welt der Literatur, denn Paul Cleave hat die Theorie zur Grundlage seines neuestem Buch gemacht.

Joshua ist 16 und geht auf eine Blindenschule. Sein Leben ist schwarz und das ist auch methaphorisch gemeint – denn er glaubt, dass seine Familie unter einen Fluch leidet. Seine Eltern sind beide tot, deshalb wohnt er bei seiner Tante und seinem Onkel. Da seine Eltern schon sehr lange tot sind, nennt er sie Mom und Dad. Doch jetzt schlägt der Familienfluch wieder zu und macht ihn abermals zum Halbwaisen – doch diesmal hinterlässt ihm sein zweiter etwas; nämlich seine Augen. Und so erfährt Joshua endlich, wie seine Mutter aussieht, wie Farben aussehen, er lernt lesen und will bald Autofahren lernen – doch er hat merkwürdige Träume und weiß nicht, was er davon halten, wie er damit umgehen soll.

Zum zweiten Mal nach „Zerschnitten“ wählt Paul Cleave ein medizinisches Thema. Im Mittelpunkt des Buches steht das zelluläre Gedächtnis, das medizinisch umstritten ist. Das bestätigt auch der Wikipedia-Eintrag darüber, der sehr kurz ist. Dass in dem Buch Augen transplantiert werden und blinde Menschen sehend machen, führt uns dann vollends in die Welt der Fabelwesen, denn zum Thema Augentransplantation gibt Google nichts her. Aber die Idee an sich und die Umsetzung ist grandios. Alleine wie Cleave den Protagonisten Joshua beschreibt, wenn er vom Blinden zum Sehenden wird, wirkt grandios recherchiert. Wenn er beschreibt, wie Joshua plötzlich nicht mehr nur von Formen und Gerüchen träumt, sondern von Menschen, Farben, Gegenständen – oder wie er das Fernsehen entdeckt und die Hörbücher links liegen lässt; da kann einem schon die Gänsehaut kommen, weil allein die Vorstellung, dass es so etwas geben könnte, wunderschön ist.

Zunächst lässt sich Cleave etwas Zeit mit dem Aufbau, führt neben Joshua unter anderem noch den Antagonisten Vincent ein, der der beste Freund von Simon Bower war, der nun tot ist – getötet von Joshuas Onkel-Vater Ben. Vincent heckt nun einen Plan aus, wie er nach dessen Leben trachten könnte. Das ist anfangs etwas zäh, weil Vincent davor das Leben von Simon aufarbeiten muss und dabei merkt, dass dieser ein ziemlich böser Bube war, was Vincent nicht klar war – aber nach ein paar Kapitel liest sich das Buch ziemlich flüssig und es macht ziemlich Spaß. Später stößt dann noch Olilia zum restlichen Ensemble hinzu, die sich wirklich sehr rührend Joshua – oder wie sie ihn nennt: „Junge, der früher mal blind war“ – annimmt.

Gegen Ende gibt es dann eine Sequenz, bei der ich fünf Minuten Abstand vom Buch brauchte, weil sie einerseits so schrecklich ist, und andererseits, weil es das, was darin passiert, wirklich geben könnte. Da kann man schon mal anfangen, an der Menschheit zu zweifeln. Und eigentlich wäre das für mich das perfekte Ende gewesen, denn das hätte – vermutlich nicht nur bei mir – einen enormen Nachhall hinterlassen.

Aber es geht weiter und damit verschlimmbessert Cleave das Ende leider etwas. Beim Showdown tritt der Protagonist für meine Begriffe für einen 16-jährigen viel zu souverän auf und auch generell übertreibt es Cleave etwas. Dazu kommt, dass man von ein paar Figuren nach dem Showdown überhaupt nicht mehr erfährt, was aus ihnen wurde – das macht die sonst wirklich großartige Geschichte leider etwas madig.

Tl;dr: „Die Saat des Killers“ von Paul Cleave ist ein mitreißender Thriller über ein strittiges medizinisches Thema und der Frage, ob in menschlichen Zellen Erinnerungen gespeichert werden können. Der Autor beantwortet diese sehr deutlich anhand eines grundsympathischen Protagonisten, der nach einer Augentransplantation zum ersten Mal sehen kann. Hintenraus übertreibt es Cleave allerdings etwas und macht die sonst großartige Geschichte leider etwas kaputt.

Die Saat des Killers - Paul Cleave
Die Saat des Killers
von Paul Cleave
(7)
Buch (Taschenbuch)
9,99