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NiWa aus Euratsfeld Unsere Top-BuchhändlerInnen

Gesamte Bewertungen 453 (ansehen)


Meine Bewertungen

Unter Paris

NiWa aus Euratsfeld , am 25.05.2019

Unter der Metropole Paris gibt es einen Ort, der die Dunkelheit birgt. Die Katakomben ziehen Abenteurer, Unternehmungslustige und Urban Explorers mit ihren finstren Gängen an. Weit über 400 Kilometer soll sich das unterirdische Tunnelsystem unter Paris erstrecken, wo sich auch manch abgrundtiefes Geheimnis verbirgt.

"Die Katakomben" ist als Teil der Reihe um die beängstigendsten Orte der Welt erschienen. Die Bände der Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.

Jeremy Bates hat mit diesem Horrorthriller das unterirdische Tunnelsystem von Paris ins Zentrum der Handlung gestellt, wo neben hunderte Jahre alter Gebeine neugieriges Leben herrscht, Partys gefeiert werden und sich mancher Waghalsige im eigenen Tod verirrt.

Dafür lässt der Autor eine Gruppe junger Menschen in die Katakomben steigen, weil sie dem Inhalt beziehungsweise die Besitzerin einer geheimnisvollen Videokamera auf den Grund gehen wollen.

Protagonist und Amerikaner Will wird von seiner französischen Bekanntschaft Danièle überredet, runter in die Katakomben zu steigen. Ihr Freund Pascal hat im Untergrund dieses schaurige Video gefunden, dem sie auf der Spur sind. Außerdem ist Kanadier Rob dabei, der ebenso neugierig auf die altehrwürdigen Kellerräume der französischen Metropole ist.

Nachdem der Grundstein der Handlung gelegt ist, gleitet das Vierergespann in die Katakomben ab. Gleich zu Beginn merkt man, dass unter der Stadt ordentlich Trubel herrscht, und die unterirdischen Gänge, Säle und Bauten laufend Besuch erhalten.

Diese Katakomben-Stimmung fängt Jeremy Bates authentisch ein. Als Leser erkundet man interessiert das nächtliche Treiben, begegnet mysteriösen Gestalten, neugierigen Kundschaftern und regelrechten Irren, die es sich da unten gemütlich machen.

Der Autor hat damit ein besonderes Gefühl für die Pariser Katakomben vermittelt. Mit Will schlängelt man sich durch sogenannte Katzenlöcher - ganz enge Passagen, bei denen man schon die Luft anhält - oder steht mitten in prunkvollen Sälen, wo einst Orgien gefeiert wurden.

Doch je weiter das Vierergespann nach vorne dringt, desto abgeschotteter sind sie von der Außenwelt. Dabei entdecken sie die Ursache alter Mythen und Legenden, ungeahnte Türen, natürlich eine Menge Gebeine, und stoßen auf ein abgehalftertes Geheimnis, das für den Horror-Anteil der Story steht.

Leider lässt die Handlung zu wünschen übrig. Obwohl anfangs die drückende Atmosphäre für Lesevergnügen sorgt, hat der Autor meiner Meinung nach nicht die Kurve gekriegt. Schon zur Mitte hin wird das 'Geheimnis' der Katakomben auf dem Silbertablett präsentiert, das noch dazu absolut lächerlich wirkt. Lässt man sich darauf ein, kann man dem Showdown noch eine angenehme Lesezeit abgewinnen, auch wenn der gesamte Ablauf weit hergeholt ist.

Neben der exzellenten Grundidee hat mir der Erzählstil gefallen. Einerseits lässt Bates seine Hauptfigur Will zu Wort kommen, ebenso geht er auf die Perspektiven der anderen Beteiligten ein, was die Lesedynamik antreibt. Zudem werden Zeitungsberichte eingestreut, die ein realistisches Bild der Gefahren abbilden und manchen Mythos in den Raum stellen.

„Die Katakomben“ kann ich zwar nicht aufgrund der Handlung empfehlen, trotzdem macht es Spaß, das unterirdische Paris zu erkunden. Wer sich auf dunkle Gänge, jahrhundertealte Gebeine und übertriebenen Horror einlassen kann, wird trotz besagter Kritik vergnügliche Lesestunden haben.

Die beängstigendsten Orte der Welt:
1) Suicide Forest
2) Die Katakomben

Die Katakomben - Jeremy Bates
Die Katakomben
von Jeremy Bates
(2)
Buch (Taschenbuch)
13,95

Vom Streben nach Freiheit

NiWa aus Euratsfeld , am 24.05.2019

South Carolina in den 1920er-Jahren. Gertrude und das Alligatorenweibchen belauern sich. Beide wollen ihre Kinder beschützen. Gertrude schießt. Doch dieser Schuss wird nicht dem Alligator zum Verhängnis. Plantagenbesitzerin Annie kennt den Feind noch nicht, aber sie wird sich ihm stellen müssen. Haushälterin Oretta ist in der ersten Generation von der Sklaverei befreit, und strebt wie die anderen Frauen ein selbstbestimmtes Leben an.

"Alligatoren" ist ein großartiger Südstaaten-Roman, der Frauen, Selbstbestimmung und das Streben nach Freiheit in sich vereint.

Gertrude ist mit einem brutalen Trinker verheiratet, der ihre vier Mädchen hungern lässt. Anstatt sich mit dem Lohn um die Bedürfnisse seiner Familie zu kümmern, ertränkt er seine Verantwortung im Alkohol. Gertrude treibt es zum Äußersten und sie beginnt als Näherin.

Annie lebt an der Seite eines betuchten Plantagenbesitzers, der sein gutes Auskommen eher ihrer Näherei verdankt. Dank des Sohnes haben sie nun auch Herrenhemden im Sortiment, was der Gatte eher desinteressiert, die Näherinnen euphorisch zur Kenntnis nehmen. Doch während Annie mit ihrer Näherei in höhere Gefilde - zu Gunsten ihres Sohnes - strebt, holt sie die Vergangenheit und die Wahrheit darin ein.

Oretta ist Annies Haushälterin und vermittelt die bedürftige Gertrude als Näherin. Oretta selbst fühlt sich in der Liebe zu ihrem Mann am Ziel. Auch wenn ihnen das Schicksal nicht immer wohlgesinnt war, haben sie ihren Weg gemacht.

Diese drei Frauen verbindet neben den beruflichen Berührungspunkten ihr Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit. Gertrude müht sich, ihren Mädchen eine gute Mutter zu sein. Sie strampelt sich ab, damit sie nicht hungern müssen. Mit dem Schuss auf das Alligatorenweibchen hat sie eine Entscheidung gefällt, und nun strebt sie ein besseres Leben an.

Annie war schon immer selbstständig. Dennoch hat sich ihr Mann zwischen sie und ihre Kinder gedrängt. Vom Leben und ihrer Ehe enttäuscht, gesteht sie sich ihr Scheitern ein. Nur um zu beweisen, dass sie selbst den Weg bestimmt.

Oretta ist schon fast ein Klischee. Die grobe, warmherzige schwarze Dame, ist eine Seele von Haushälterin. Sie sorgt sich um ihre Annie, geht Gertrude zur Hand, und greift schon mal bei der Erziehung anderer Leute Kinder ein, weil sie meint, nur etwas zu bekommen, wenn sie gegeben hat.

Diese unterschiedlichen Frauen haben mich von Anfang an gebannt. Gertrude, wie sie sich von ihrem alkoholabhängigen brutalen Mann befreit, Annie, wie sie ihren Sohn ermutigt, und um ihre Töchter kämpft, und Oretta, die als Bindeglied fungiert - und damit sämtliche Fäden zusammenbringt.

Deb Spera zeichnet damit das Porträt dreier Figuren, die der damaligen Zeit entsprechen. Sie zeigt, womit das weibliche Geschlecht zu kämpfen hatte, wie im Drang der Zeit Stärke beweisen, und sich nicht kleinkriegen lassen.

Dabei geht die Autorin auf hauptsächlich weibliche Themen ein, denen allerdings absolut kein Kitsch anhängt. Geburten, Wahlrecht, Mitsprache im Eheleben, Kindererziehung oder Kinderlosigkeit - sie zeigt, welche Facetten das Leben von Frauen zu dieser Zeit hat, egal, welcher gesellschaftlichen Schicht sie entstammen.

Die Atmosphäre ist drückend, wie ich mir die Luft in South Carolina vor einem Gewitter vorstelle. Die Stimmung ist angespannt, es liegt Unheil in der Luft, und man fühlt, dass die Geschichte vielleicht nicht gut ausgehen wird.

"Alligatoren" ist ein großartiger Südstaaten-Roman, der von starken Frauen durch die gespannte Stimmung getragen wird - und exzellent gut zu hören und wahrscheinlich ebenso hervorragend zu lesen ist.

Alligatoren - Deb Spera
Alligatoren
von Deb Spera
(79)
Hörbuch (CD)
18,39

Der Aufstand

NiWa aus Euratsfeld , am 17.05.2019

Es ist nicht vorbei. Connor muss zeigen, dass ein Anführer in ihm steckt. Risa muss einmal mehr beweisen, dass sie sich selbst helfen kann. Während Lev sein neues Leben beginnt, von dem er nicht weiß, wohin es ihn führen wird. Und dann gibt es noch Cam, den es eigentlich nicht geben kann.

"Vollendet. Der Aufstand" ist der zweite Band von Shustermans Vollendet-Reihe. Es handelt sich dabei um eine dystopische Jugendbuch-Reihe, die mit einem brutalen Realitäts-Entwurf das Gedankenkarussell zum Laufen bringt.

Grundkonzept dieser Reihe sind Organtransplantationen, die auf dem Gedanken geteilten Lebens basieren. Jugendliche können von ihren Eltern zu einer 'nachträglichen Abtreibung' frei gegeben werden. Dieser Akt wird nicht als Tötung verstanden, weil die ausgewählten Jugendlichen in den geteilten Zustand übergehen. 94 % ihres Körpers leben weiterhin.

Mit diesem Konzept hat mich Shusterman im ersten Teil schockiert. Ich bin nach wie vor sprachlos, wenn ich über diese Idee nachdenke. Genau darin liegt die Genialität des Autors. Er nimmt positive Entwicklungen der Gegenwart, und spinnt sie zu einem gesellschaftlichen Horror-Szenario.

In diesem zweiten Teil trifft der Leser bekannte Figuren wieder:

Connor ging als der 'Flüchtling von Akron' in die Geschichte ein. Mittlerweile ist er zum Anführer der Jugendlichen am Flugzeugfriedhof geworden. Mit der Führungsposition geht einiges an Verantwortung einher. Connor weiß nicht, ob er diese wirklich tragen will.

Risa ist als das Mädchen im Rollstuhl bekannt. Sie nimmt eine brisante Rolle ein, weil sie all ihre Ansichten öffentlich ins Gegenteil verkehrt. Dementsprechend zweifeln ihre Freunde an ihrer Loyalität, während der Leser erfährt, wovon Risa getrieben wird.

Lev war einst ein Zehntopfer, der freiwillig den geteilten Zustand anstrebte. Seine Pläne wurden zunichte gemacht, und auch sein Weltbild hat sich gedreht. Mittlerweile ist er zum Gegner der Teilung geworden, der mehr als nur zusehen will.

Die zentralen Figuren beleuchten unterschiedliche Facetten dieser Welt. Anhand ihrer Erfahrungen werden vorgefertigte Meinungen verdreht, neue Schattierungen gezeichnet und brisante Denkanstöße ins Rennen gebracht.

Damit beweist Neal Shusterman erneut sein Talent, ein Thema in unterschiedlichsten Facetten zu beleuchten, und dem Leser außerordentlich viel Stoff zum Nachdenken zu geben. Während man meint, der geteilte Zustand sei das Barbarischste überhaupt, führt der Autor dezent weitere Argumente ein, die wiederum neue Perspektiven eröffnen.

Zudem schafft er es, den Leser mit einer Horror-Vision zu schockieren, die das bisherige Konzept in den Schatten stellt. Eigentlich lag diese Entwicklung auf der Hand, dennoch war ich verblüfft, als sie in diesem Werk tatsächlich Form annahm.

Die Handlung ist gut durchdacht, auch wenn mir das Geschehen am Flugzeugfriedhof etwas den Schwung genommen hat. Hier hatte ich manchmal das Gefühl auf der Stelle zu treten, wobei es sich im Finale als äußerst rasant erweist.

Unschöne Details, brutale Wendungen, unerwartete Entscheidungen und konfliktgeladene Ereignisse runden das Gesamtbild fast bis zur Vollendung ab. Ich freue mich auf den nächsten Band.
Es ist nicht vorbei. Connor muss zeigen, dass ein Anführer in ihm steckt. Risa muss einmal mehr beweisen, dass sie sich selbst helfen kann. Während Lev sein neues Leben beginnt, von dem er nicht weiß, wohin es ihn führen wird. Und dann gibt es noch Cam, den es eigentlich nicht geben kann.

"Vollendet. Der Aufstand" ist der zweite Band von Shustermans Vollendet-Reihe. Es handelt sich dabei um eine dystopische Jugendbuch-Reihe, die mit einem brutalen Realitäts-Entwurf das Gedankenkarussell zum Laufen bringt.

Grundkonzept dieser Reihe sind Organtransplantationen, die auf dem Gedanken geteilten Lebens basieren. Jugendliche können von ihren Eltern zu einer 'nachträglichen Abtreibung' frei gegeben werden. Dieser Akt wird nicht als Tötung verstanden, weil die ausgewählten Jugendlichen in den geteilten Zustand übergehen. 94 % ihres Körpers leben weiterhin.

Mit diesem Konzept hat mich Shusterman im ersten Teil schockiert. Ich bin nach wie vor sprachlos, wenn ich über diese Idee nachdenke. Genau darin liegt die Genialität des Autors. Er nimmt positive Entwicklungen der Gegenwart, und spinnt sie zu einem gesellschaftlichen Horror-Szenario.

In diesem zweiten Teil trifft der Leser bekannte Figuren wieder:

Connor ging als der 'Flüchtling von Akron' in die Geschichte ein. Mittlerweile ist er zum Anführer der Jugendlichen am Flugzeugfriedhof geworden. Mit der Führungsposition geht einiges an Verantwortung einher. Connor weiß nicht, ob er diese wirklich tragen will.

Risa ist als das Mädchen im Rollstuhl bekannt. Sie nimmt eine brisante Rolle ein, weil sie all ihre Ansichten öffentlich ins Gegenteil verkehrt. Dementsprechend zweifeln ihre Freunde an ihrer Loyalität, während der Leser erfährt, wovon Risa getrieben wird.

Lev war einst ein Zehntopfer, der freiwillig den geteilten Zustand anstrebte. Seine Pläne wurden zunichte gemacht, und auch sein Weltbild hat sich gedreht. Mittlerweile ist er zum Gegner der Teilung geworden, der mehr als nur zusehen will.

Die zentralen Figuren beleuchten unterschiedliche Facetten dieser Welt. Anhand ihrer Erfahrungen werden vorgefertigte Meinungen verdreht, neue Schattierungen gezeichnet und brisante Denkanstöße ins Rennen gebracht.

Damit beweist Neal Shusterman erneut sein Talent, ein Thema in unterschiedlichsten Facetten zu beleuchten, und dem Leser außerordentlich viel Stoff zum Nachdenken zu geben. Während man meint, der geteilte Zustand sei das Barbarischste überhaupt, führt der Autor dezent weitere Argumente ein, die wiederum neue Perspektiven eröffnen.

Zudem schafft er es, den Leser mit einer Horror-Vision zu schockieren, die das bisherige Konzept in den Schatten stellt. Eigentlich lag diese Entwicklung auf der Hand, dennoch war ich verblüfft, als sie in diesem Werk tatsächlich Form annahm.

Die Handlung ist gut durchdacht, auch wenn mir das Geschehen am Flugzeugfriedhof etwas den Schwung genommen hat. Hier hatte ich manchmal das Gefühl auf der Stelle zu treten, wobei es sich im Finale als äußerst rasant erweist.

Unschöne Details, brutale Wendungen, unerwartete Entscheidungen und konfliktgeladene Ereignisse runden das Gesamtbild fast bis zur Vollendung ab. Ich freue mich auf den nächsten Band.

Die Vollendet-Reihe:
1) Vollendet
2) Vollendet. Der Aufstand
3) Vollendet. Die Rache
4) Vollendet. Die Wahrheit

Vollendet - Der Aufstand (Band 2) - Neal Shusterman
Vollendet - Der Aufstand (Band 2)
von Neal Shusterman
(11)
Buch (Paperback)
14,00

Familie, Trauer & Humor

NiWa aus Euratsfeld , am 11.05.2019

Lena und ihr Lebensgefährte Kurt kaufen sich ein Haus am Land. Denn der große Kurt hat einen kleinen Kurt im Gepäck, der zwischen seinen erziehungsberechtigten Eltern pendelt. Wochenweise lebt Kurt beim Gespann Lena und Kurt, dann wieder bei seiner Mutter Jana. Während sich alle Beteiligten eingewöhnen geschieht das Unfassbare: Der kleine Kurt stirbt.

"Kurt" ist - trotz der ernsten Thematik - ein amüsant-charmantes Buch über Familie, Trauer und Zusammenhalt.

Lena und Kurt ziehen auf's Land, um die optimale familiäre Versorgung für den kleinen Kurt zu gewährleisten. Dabei ist sich Protagonistin Lena oftmals nicht sicher, welche Rolle ihr in dieser Patchwork-Family-Lösung zugestanden wird. Sie versucht ihren Platz innerhalb der Familie zu finden, und fragt sich, ob sie nicht doch weiterhin am Rand stehen soll.

Gleichzeitig ist sie mit dem neuen Haus beschäftigt, und als Leser taucht man in diverse Gestaltungsmöglichkeiten des neuheimischen Gartens ab.

Dann passiert es. Der kleine Kurt fällt vom Klettergerüst und ist auf der Stelle tot. Wo vorher amüsante Verwirrung vorrangig war, zieht ein trister Schatten der Trauer ein, indem Lena genauso wenig ihre Rolle kennt.

Zuallererst muss ich Sarah Kuttners Erzählstil erwähnen. Ich hatte das Gefühl, die Autorin beziehungsweise Lena erzählt frei von der Leber weg. Details über nackte Hintern, Blümchen auf Gartenschaufeln oder winzige Handtücher werden amüsant-charmant geschildert und ebnen den Weg für die ernsten Themen im Vordergrund.

Im Mittelpunkt steht Lenas Rolle in dieser Patchwork-Family. Meiner Meinung nach greift Sarah Kuttner damit ein aktuelles Thema auf. Es existieren viele familiäre Verbunde, die sich zwar - mehr oder weniger - freiwillig zusammenschließen, allerdings kaum auf vorgefertigte Rollen zurückgreifen können. Wie soll sich Lena dem kleinen Kurt gegenüber verhalten? Ist sie die Stiefmutter, die sie gar nicht sein will? Auf die Freundin des Vaters reduziert? Oder darf sie sich die Vorteile einer Art großen Schwester verschaffen? All diese Fragen schwirren der Protagonistin im Kopf herum, bis der kleine Kurt ein schwarzes Loch der Trauer hinterlässt.

Kurts Familie ist fassungslos, sie ertragen es kaum. Damit nimmt Lenas Unsicherheit zu, weil sie sich auch in dieser tristen Situation an keine Handlungsanweisungen von außen halten kann. Wie sehr darf sie trauern, wenn überhaupt? Inwiefern ist sie ihrem Lebensgefährten eine Stütze, wenn er der Mutter seines Sohnes zur Seite steht? Und wie soll sie sich verhalten, wenn ihr ihre Beziehung zu entgleiten droht?

Allesamt spricht Sarah Kuttner brisante Aspekte an, die jeden in einer bunt gemischten Familiensituation beschäftigen. Dabei behält sie ihre humorvolle Art bei, lässt die Figuren kein Blatt vor den Mund nehmen, sich gegenseitig necken und schon mal im Regen stehen.

Nur das Ende hat mir nicht gefallen. Während man Lenas gärtnerische Erfolge im Garten bewundert und durch einen Spalt in der Hecke rüber zu den Nachbarn späht, ist es mit einem Moment vorbei. Der abrupte Abschied hat mich irritiert zurückgelassen, auch wenn es zum Gesamtkonzept des Werkes passt.

Mit „Kurt“ hat die Autorin einen besonderen Roman über Liebe, Familie und Trauer geschaffen, der emotional überwältigend zu hören und wahrscheinlich ebenso zu lesen ist. Die Lachmuskeln kommen kaum zur Ruhe, die Tränchen drücken auf die Drüse und um’s Herz wird einen ganz warm, weil dieses Werk ergreifend geschrieben ist.

Kurt (Ungekürzte Autorinnenlesung) - Sarah Kuttner
Kurt (Ungekürzte Autorinnenlesung)
von Sarah Kuttner
(45)
Hörbuch-Download (MP3)
15,95

Vier meisterhaft-schreckliche Kurzromane

NiWa aus Euratsfeld , am 04.05.2019

In diesem Werk vereint Stephen King vier Kurzromane, die sich allesamt mit einem Thema beschäftigen: Rache.

Unter dem Titel "Zwischen Nacht und Dunkel" sind die Novellen "1922", "Big Driver", "Faire Verlängerung" und "Eine gute Ehe" zusammengefasst.

Ich finde es schwierig, zu einem Sammelband eine Rezension zu schreiben. Gerne möchte ich jeder Geschichte gerecht werden, ohne mich in zu viele Details zu verlieren. Die wichtigste Gemeinsamkeit neben dem übergreifenden Thema der Vergeltung ist, dass alle vier Romane absolut meisterhaft sind!

In "1922" nimmt Stephen King den Leser an die Hand und geht mit ihm in eben dieses Jahr zurück. Gleich zu Beginn lernt man Protagonist Wilfred kennen, der im Juni 1922 seine Frau getötet hat. Die Geschichte wird aus seiner Perspektive erzählt, indem er 1930 an seinem Geständnis schreibt. Dabei erzählt Wilfred, wie er diesen Entschluss gefasst hat, wie es kam, dass sein Sohn mit von der Partie war, und warum daraufhin ihrer beider Leben vollkommen entgleist. Als Leser hält man den Atem an, während man das boshafte Schicksal mit einem frohlockenden Grinsen darin erkennt.

In "Big Driver" hat mich King an meine Grenzen gebracht. Es ist eine extrem brutale Geschichte, von einer Schriftstellerin, die in eine Falle tappt. Allerdings hat der Fallensteller die Rechnung ohne ihre Rache gemacht. Diese Novelle ist packend und authentisch erzählt. Hier musste ich sogar pausieren, weil mich Tess' Schicksal derart verängstigt hat. Gleichzeitig habe ich mich gewundert, wie ein Mann zu einer solch realistischen Einsicht in das weibliche Empfinden fähig ist. Verstörend, genial und brutal!

Weiter geht es mit "Faire Verlängerung", wo der Titel hält, was er verspricht. Streeter hat Krebs. Er hält sich tapfer, obwohl er mit seinem Leben längst noch nicht abgeschlossen hat. Da wird ihm eine Verlängerung angeboten, deren Preis jemand anders bezahlen muss. Bei dieser Geschichte kommt Kings mysteriös-fantastischer Flair hervor. Es ist ein typischer Roman, mit gewohnter Boshaftigkeit und keinem Pardon oder Gerechtigkeit. Schön geschrieben, geheimnisvoll umgesetzt und dementsprechend packend erzählt.

"Eine gute Ehe" zeigt, dass man meist nicht alles vom Ehepartner weiß. Und manchmal genau dieser Umstand der Schlüssel zu einer glücklichen Beziehung ist. Darcy kommt einem Geheimnis ihres Mannes auf die Spur. Sie weiß noch nicht so recht, was sie mit dieser Information machen wird. Trotzdem ist ihr klar, dass es bestimmt nicht so weitergehen kann. Auch mit dieser Geschichte traf mich der Meister mitten ins Herz und hat mir Gänsehaut über die Arme gelegt. Er hat ungeheuerliche Ideen, die beeindruckend umgesetzt sind.

An dieser Stelle küre ich gern meine Lieblingsgeschichte. Diesmal ist es unmöglich, weil alle Novellen gleichermaßen fesselnd, faszinierend und unterhaltsam - und ja, brutal - zu lesen sind.

Diese Sammlung kann ich nicht nur jedem begeisterten King-Leser empfehlen, sondern sie auch Einsteigern nahe legen, weil sie das Beste vom Meister vereint: Lebendige Figuren, grauenhafte Schicksale und brutale Szenen mit einem Hauch Mystery in einnehmend meisterhaftem Stil erzählt.

Zwischen Nacht und Dunkel - Stephen M. King
Zwischen Nacht und Dunkel
von Stephen M. King
(19)
eBook
9,99

Ernüchternd banal.

NiWa aus Euratsfeld , am 02.05.2019

Michelle Obama ist eine beeindruckende Frau. An der Seite von Barack Obama hat sie als erste afroamerikanische First Lady eindeutig Geschichte geschrieben, die sie in "Becoming" erzählt.

Bei "Becoming" handelt es sich um die Memoiren von Michelle Obama. Sie war von 2009 bis 2017 First Lady der USA. Ihr Ehemann Barack Obama war der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

So weit so gut. Ich bin eher kein Typ für Biografien oder Memoiren, doch bei Michelle Obama konnte ich nicht widerstehen. Ihr außerordentlicher Werdegang, ihr freundliches Wesen, ihr bestimmtes Auftreten und hunderte positiver Rezensionen haben mich auf ihre Geschichte neugierig gemacht.

Michelle Obama geht ihre Lebensstationen chronologisch an. Sie erzählt von ihrer Kindheit an der South Side von Chicago. Sie berichtet von ihrem Elternhaus, den schulischen Möglichkeiten und Grenzen, die leider nur wenige überschreiten. Dabei reflektiert sie Leben und Verhalten ihrer Eltern und schielt amüsiert auf ihren kauzigen Großvater. Es geht um Klavierstunden, geliebte Eissorten und besondere Augenblicke im familiären Zusammensein.

Später - nach Jurastudium und ersten Schritten im Beruf - lernt sie Barack Obama kennen, der ihr als Praktikant zugeteilt wird. Hier erfährt der Leser, wie Barack und Michelle zu den Obamas geworden sind. Außerdem tritt die lässige Art des ehemaligen Präsidenten, im Vergleich zur Pedanterie neigenden First Lady deutlich hervor.

Es wird von beruflichen Stationen, der Ehe mit sanften Krisen und Empfängnisproblemen erzählt, die sich allesamt in Wohlgefallen auflösen, weil Michelle Obama ein optimistisches Wesen hat.

Im Weiteren ist Wahlkampf angesagt, was in der Rolle der First Lady ihr Finale findet und mit gesellschaftspolitischen Aktivitäten sowie privaten Einschränkungen dieser Würde und Bürde geschildert wird.

Zuerst war ich angetan, weil Michelle Obama offen erzählt und persönlich ist. Doch schon bei den Ereignissen ihrer Kindheit hatte ich mir mehr Tiefe erhofft. Diese Passage nimmt - zumindest gefühlt - sehr viel Raum in der gesamten Biografie ein, was mir nach einiger Zeit inhaltsleer erschienen ist.

Insgesamt sind die Schilderungen der ehemaligen First Lady eher banal. Ich hatte mir eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Rolle, ihrem Verhalten, der Präsidentschaft Obamas und dem Geschehen erhofft. Bekommen habe ich eine - vorsichtig ausgedrückt - selbstbewusste Darstellung ihres Lebensalltags.

Gartenarbeit im Weißen Haus, Einschränkung ihrer Privatsphäre, die elitäre Umgebung ihrer Kinder und Rechtfertigungen zu öffentlichen Ausrutschern haben mein Gesamtbild dieser beeindruckenden Frau stark eingeschränkt. Sie ist meinem Geschmack nach in triviale Details abgerutscht, die mich als Leser, trotz ihrer faszinierenden Person nur mäßig interessieren.

Unterstrichen wird dieser Eindruck von - meiner Ansicht nach - typisch amerikanischer Art der Selbstbeweihräucherung, selbstkritische Zurückhaltung und ernüchternd banales Jammern über die Schwierigkeit eines normalen Familienlebens unter ständiger Bewachung im Weißen Haus.

Im Gegensatz dazu arbeitet Michelle Obama ihre politischen Botschaften hervor, sie stellt sich als normale Frau mit alltäglichen Problemen dar, die selbst mit Widrigkeiten im Leben zu kämpfen hat. Dieser Aspekt hat mir unheimlich gut gefallen, weil sie damit als Person greifbar ist.

Im Endeffekt weiß ich nicht, was ich mit dieser Biografie anfangen soll. Ich blicke zwiegespalten auf all die Eindrücke zurück, und kann mich der allgemeinen Jubelstimmung beim besten Willen nicht anschließen. Denn einerseits präsentiert Michelle Obama wichtige Themen, andrerseits jammert sie dem Hörer oder Leser auf trivial-elitären Niveau die Ohren voll.

Deshalb kann ich nur empfehlen, sich bei Interesse unbedingt ein eigenes Bild zu machen, und Michelle Obamas Leben und Wirken aus erster Hand zu erfahren.

Becoming - Michelle Obama
Becoming
von Michelle Obama
(95)
Hörbuch-Download (MP3)
18,95

Auswanderer-Krimi

NiWa aus Euratsfeld , am 26.04.2019

1883 in Nord-Dakota. Das Dakota-Gebiet ist bestrebt zum Bundesstaat zu werden und die Präriestädte fordern sich gegenseitig zum Duell. Mittendrin geschieht ein Doppelmord, der unzählige Tatverdächtige mit sich bringt.

"Man erntet, was man sät" ist der zweite Teil einer Auswanderer-Krimi-Reihe, die sich mit Siedlern, den politischen Entwicklungen und dem beschwerlichen Leben im Dakota-Gebiet auseinandersetzt.

Vorneweg, ich finde die historischen Hintergründe um die Auswanderer-Wellen nach Amerika immens interessant. Kai Blum glänzt durch fundiertes Hintergrundwissen, exzellentes Gespür für die damalige Zeit und ihre Bedingungen. Er vermittelt dadurch ein Gefühl für die Menschen und ihre Beweggründe, die es von Europa nach Amerika zog.

In diesem zweiten Teil der Auswanderer-Krimi-Reihe ereignet sich ein blutiger Doppelmord, der Sheriff Hunhoff vor ein Rätsel stellt. Zusätzlich spürt er den Druck der bevorstehenden Wahl, weil er ohne überführten Mörder wohl kaum Sheriff bleibt. Für ihn ist deshalb die Suche nach dem Täter zentral, was sich ohne kriminalistische Ausbildung und Erfahrung als äußerst schwierig herausstellt.

Damit spricht Kai Blum einen essentiellen Bestandteil der damaligen Zeit und der Rahmenbedingungen an. Die meisten Menschen sind von neuen Umständen umgeben, sie treibt ihr persönlicher Traum und die Hoffnung auf ein gutes Leben an.

Die Handlung selbst finde ich gut, der Plot könnte nicht besser sein. Der Autor entwickelt im historischen Rahmen einen interessanten Krimianteil, der zudem politisches und wirtschaftliches Geschehen thematisiert. Man erfährt Hintergründe zur Entstehung der amerikanischen Bundesstaaten, woraus sich das gesellschaftliche Gefüge der United States entwickelt hat, und sieht die grundlegende Rolle der Eisenbahn - während man mit Sheriff Hunhoff Mörder jagt.

Während ich beim ersten Teil noch in den Beschreibungen der Lebensumstände gefangen war, habe ich diesmal mit dem Erzählstil gekämpft. Es fehlt mir an detaillierten Schilderungen. Ich brauche Atmosphäre und Ambiente um in einer Geschichte aufzugehen. Leider wird das Geschehen statisch und monoton erzählt. Die Zwischentöne fehlen, die zahlreichen Figuren nehmen als seelenlose Platzhalter überhand und die Ereignisse werden in ihrer Reihenfolge beschrieben, was trotz der vielen positiven Aspekte leider kein Lesevergnügen für mich ist.

Ich habe einmal aufgeschnappt, dass Autoren Geschichten zeigen und nicht erzählen sollen. Dieses Show-Don’t-Tell-Prinzip ist hier leider nicht ausreichend umgesetzt. Meistens wurde ich auf Distanz gehalten und nur selten durfte ich Szenen als Leser hautnah miterleben. Doch genau das macht für mich einen Roman - egal welchen Genres - aus.

Trotz meiner Kritik bin ich mir sicher, dass andere Leser genau diesen Erzählstil ansprechend finden. Daher empfehle ich, sich selbst im Fall um den Doppelmord im Dakota-Gebiet eine Meinung zu bilden.

Bisher erschienen:
1) Hoffnung ist ein weites Feld
2) Man erntet, was man sät
3) Mit Müh und Not

Man erntet, was man sät - Kai Blum
Man erntet, was man sät
von Kai Blum
(1)
Buch (Set mit diversen Artikeln)
7,95

Verflucht!

NiWa aus Euratsfeld , am 22.04.2019

Rechtsanwalt Billy tötet bei einem Verkehrsunfall eine Zigeunerin. Aufgrund seiner Verbindungen und den Umständen wird er vor Gericht freigesprochen. Doch ein alter Zigeuner erwartet ihn vor der Tür, als Billy das Gerichtsgebäude verlässt. Der Alte flüstert nur ein Wort. Von diesem Moment an nimmt der übergewichtige Anwalt ab - egal, wie viel er isst. Und er begreift, dass dünner zu werden auf Dauer kein Segen sondern ein wahrer Fluch ist ...

"Der Fluch" ist ein klassischer Horror-Roman vom Meister des Grauens, der geschickt reale Ängste mit übernatürlichem Schauer verwebt.

William - Billy genannt - ist Anwalt und fährt die Zigeunerin um. Die Schuldfrage ist rasch geklärt und dank seiner Verbindungen wird er mit einer weißen Weste vom Gericht entlassen. Doch da erwartet ihn schon ein alter Zigeuner, der ihm einen Fluch ins Ohr flüstert, der Billy ab da seines Gewichts beraubt.

Anfangs ist Billy noch ein richtig fetter Kerl, der sich kaum die Schuhe zubinden kann. Sein Volumen hat sich die letzten Jahre in krankhafte Maße ausgedehnt. Trotz bester Vorsätze schafft er es nicht, sich bei der Nahrungsaufnahme einzuschränken - was ab sofort kein Problem mehr darstellt.

'Dünner' hat der Zigeuner geraunt. Nun nimmt Billy mit jeden Tag weiter ab, egal wie viel Fast Food er sich in den Rachen stopft. Anfangs ist er erstaunt, dann kommt die Verwunderung bis sich langsam bei ihm und seiner Frau Heidi die Panik einschleicht. Ein Arztbesuch bleibt ohne Ergebnisse. Daraufhin ist sich Billy sicher, dass der Grund seines Schwindens in keiner natürlichen Erkrankung sondern in einem einzigen ausgesprochenen Wort zu finden ist.

Gleich zu Beginn hat mich Stephen King fasziniert. Zuerst geht es um die Schuldfrage des Tods der Zigeunerin. Billy ist sich sehr wohl bewusst, dass er seinen schuldlosen Abgang nur seiner beruflichen Position verdankt. Er weiß zu gut, dass er ein Leben auf dem Gewissen hat. Gleichzeitig ist er aber nicht allein im Wagen gesessen - und will sich auch nicht die alleinige Verantwortung dafür eingestehen. Dieser innere Konflikt wird in herrlichen Grauschattierungen beschrieben und zieht sich quer durch das gesamte Werk. Wer ist Schuld, wenn etwas Schreckliches passiert? Warum verdichten sich Ereignisse, sodass sie sich in einem Drama entladen?

Kurz danach stellt sich Billy erstmals seinem körperlichen Verfall, und der Panik, die daraus entsteht. Denn diese rasante Gewichtsreduktion kann seiner Meinung nach nur an einer furchtbaren Krankheit liegen. Als Leser steht man mit dem Protagonist Billy Furcht einflößende Szenarien durch, bis man im Angesicht des behandelnden Arztes sitzt.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt kommt der Horror hervor, der unvermutet bestialisch zum Tragen kommt. Stephen King streut schaurige Verwünschungen über die Figuren seines Romans, lässt ihr Angesicht zu triefenden Fratzen verkommen, und zieht ihnen die Hautschuppen vom Leib.

Einzig, mittendrin entspinnt sich eine langatmige Jagd, die leider das Lesevergnügen hemmt. Ich hatte das Gefühl, dass King die Passagen künstlich streckt, um auf einen größeren Seitenumfang zu kommen, statt ganz natürlich seine Geschichte zu erzählen.

Die Entwicklung der Figuren ist nachvollziehbar, teilweise beeindruckend, und spitzt sich am Schluss zu einem eindrucksvollem Showdown zu. Stephen King hat trotz des eher verhaltenen Mittelteils noch die Kurve gekriegt. Denn das Ende hat es in sich, obwohl es mehrere mögliche Varianten enthält. Ich für meinen Teil habe mich für die dramatischste Version entschieden - und hoffe, dass „Der Fluch“ noch viele andere Ausgänge in den Köpfen begeisterter Leser nehmen wird.

Der Fluch - Stephen King
Der Fluch
von Stephen King
(5)
Buch (Taschenbuch)
9,99

Geplagte Seelen der Vergangenheit

NiWa aus Euratsfeld , am 20.04.2019

Harry hat sich als Kind nicht nur Mumps sondern damit auch eine quälende Gabe eingefangen. Sobald sich am Schauplatz einer Gewalttat Geräusche ergeben, ist er mitten im Geschehen: Er sieht die Gequälten, fühlt ihr Leid, und finden sich in einer grausamen Vision aus der Vergangenheit. Diesen Fluch versucht er zu umgehen, bis ihn seine Jugendliebe Kayla bittet, den Tod ihres Vaters aufzuklären.

"Blutiges Echo" ist ein typischer Lansdale, auch wenn der Autor bei diesem Werk eher düstere Töne anschlägt. Wieder einmal lässt es sich schwierig einordnen, weil es als kriminalistischer Mystery-Thriller genauso wie als spannend-mysteriöser Roman durchgeht.

Anfangs geht es deutlich in die Coming-of-Age-Richtung. Harry ist ein kleiner Junge und zieht den Leser in sein beschauliches Familienleben rein. Es flammt eine erste, zarte Liebe auf, Harry genießt seine Kindheit, bis ihm der Mumps zum Verhängnis wird und nicht nur dadurch das Leben seine harte Seite zeigt.

Später ist Harry am College und ertränkt den Fluch im Alkohol. Er erträgt die quälenden Visionen ansonsten nicht, die entsetzlich-brutalen Blicke in die Vergangenheit, wo er nur Leid, Kummer und Schmerzen sieht.

Doch dann wendet sich das Blatt als er in einem betrunkenen Kampfsportmeister seinen Mentor findet und sich die Liebe erneut blicken lässt.

Es ist keine geradlinige Geschichte, sondern sie geht mehrere Wege, die auch im echten Leben keine Einbahnstraße sind. Allen voran mochte ich die Figuren, die mit trockenem Humor und derbem Charme, Harrys Wegbegleiter sind. Sie sind allesamt angeschlagen, herrlich mangelhaft und sprühen mit all ihren Aktionen lebendiges Chaos aus.

Der Autor streut einen blutrünstigen Mystery-Effekt ein, der an und für sich schon beängstigend ist. Egal, wo Harry ist, wenn sich in der Vergangenheit jemand verletzt hat oder an diesem Ort gestorben ist, strahlen die Bilder, Schmerzen und Qualen bis in die Gegenwart zu Harry ab. Meiner Meinung nach ist es kein Wunder, dass der Junge zum Alkohol greift, um diese Empfindungen zu betäuben.

Doch dann merkt er, dass ein Fluch manchmal auch ein Segen ist. Mithilfe der Visionen kann er üblen Schurken das Handwerk legen, und für Gerechtigkeit sorgen.

Meiner Meinung nach darf man sich vom Mystery-Einschlag nicht täuschen lassen. Lansdale geht hier ernste Themen an. Neben der bereits erwähnten Alkoholabhängigkeit, stellt er Freundschaft sowie Gerechtigkeit in den Vordergrund. Außerdem spielt er gekonnt mit gesellschaftlichen Kontrasten, indem er in ihrer Gegensätzlichkeit die Gemeinsamkeiten betont.

Besonders Lansdales Unverblümtheit, die groben Beschreibungen und Reden sowie die direkte Ausdrucksweise haben es mir angetan. Sein Stil ist sicherlich nicht für jeden geeignet, doch genau das macht für mich einen typischen Lansdale aus.

Alles in allem ist „Blutiges Echo“ ein düsterer Roman, auf mysteriöser Grundlage mit blutrünstigen Auswüchsen. Positiv chaotisch, derb, und auf Freundschaft fokussiert, handelt es sich um ein weiteres Werk von Lansdale, das ich empfehlen kann.

Blutiges Echo - Joe R. Lansdale
Blutiges Echo
von Joe R. Lansdale
(4)
eBook
6,99

Märchenhaft wortreich

NiWa aus Euratsfeld , am 16.04.2019

Manchmal passiert es: Ein Wort will einem einfach nicht über die Lippen kommen, obwohl es einem auf der Zunge liegt. Aber was ist, wenn es uns mit allen Wörtern so ergeht? Falsche Wörter, missbrauchte Begriffe und entrissene Sprachfetzen ziehen sich von der Menschheit zurück, weil sie sich in ihrem Sprachgebrauch missverstanden fühlen.

Clemens Sedmak hat mit "Das Land, in dem die Wörter wohnen" ein entzückendes Märchen verfasst, das genauso als gesellschaftskritischer Denkanstoß und wortreiche Philosophie eine Perle im Bücherregal ist.

Die Geschichte wird vom kleinen Günther erzählt. Sein Papa ist der Erste, der Schwierigkeiten mit dem Erzählen hat, weil ihm die Worte fehlen. Was bei der gemeinsamen Mahlzeit mit der Familie beginnt, breitet sich rasch über die gesamte Gesellschaft aus. Die Wörter haben sich zurückgezogen, es herrscht Stille, weil es an der Grundlage zum Kommunizieren fehlt.

Günther und seine beiden Schwestern werden daraufhin ins Wortreich gezogen. Hier lernen sie König Logos kennen, und erfahren, warum die Wörter in Streik getreten sind. Nun liegt es am familiären Trio, die Sprache für die Menschheit zurückzugewinnen. Sie gehen mit einem mulmigen Gefühl ihr Abenteuer im Wortreich an.

Dieses Büchlein ist ein bezauberndes Werk, das sich trotz der spärlichen Seitenzahl in unglaublich liebevollen Details verliert. Ich bin mit Günther und seinen Schwestern in das Reich der Worte abgetaucht, und habe mit einem Schmunzeln im Gesicht, unter anderem die Bekanntschaft der Wörter 'Freund' und 'Hoppala' gemacht. Denn Clemens Sedmak haucht jedem Wort Leben ein. Er verleiht ihnen Charakter, Wesenszüge, und zeigt, wie ihr Sprachgebrauch auf ihre Eigenschaften wirkt. So ist 'Frömmigkeit' mittlerweile sterbenskrank, weil sie im falschen Kontext verwendet wird, und aus der eleganten 'Anmut' ist eine alte Dame geworden, die kaum noch in Einsatz ist.

Günther und seine Schwestern verlieren sich in Kultur und die Regeln der Wörter, erfahren mehr über ihren familiären Zusammenhalt, und wie sie zu den Menschen stehen. Dabei ist den Geschwistern klar, dass sie vor einem großen Abenteuer stehen, als sie König Logos zur Rettung des Sprachschatzes auf die Reise schickt.

Ich habe dieses Buchperlchen sehr gern gelesen. Mit jeder Seite, jeder Zeile, mit jedem Wort zog es mich tiefer in sein Reich.

Einerseits ist es im bezaubernd märchenhaftem Stil geschrieben, sodass es oberflächlich betrachtet - aufgrund der simplen Erzählung eines kleinen Jungen - durchaus für Kinder geeignet ist. Denn Clemens Sedmak nimmt sie auf ein wortreiches Abenteuer in das Land der Sprache mit.

Gleichzeitig findet der bibliophile Leser charmante Details, achtsam verwobene Sprachelemente, und eine hinreissende Wortkultur, die mich vom meinen ersten Schritt im Wortland an beeindruckt haben.

Hauptsächlich sind es gesellschaftskritische Themen, die den Leser zum Nachdenken bringen. Falsch gefärbte Botschaften, manipulierende Nachrichten und irreführende Meldungen führen die Wörter an ihrem Ziel vorbei, weshalb sie sich für Stille entschieden haben.

Mir hat mein Abenteuer im Land, in dem die Wörter wohnen mit seinem unaussprechlichen Charme sehr gut gefallen. Ich bin in bibliophile Gefilde abgetaucht, habe mich den kritischen Tönen gestellt, die Stille zum Nachdenken gebraucht, und mit den Kindern eine märchenhafte Reise erlebt - die ich jedem empfehlen kann!

Das Land, in dem die Wörter wohnen - Clemens Sedmak
Das Land, in dem die Wörter wohnen
von Clemens Sedmak
(6)
Buch (gebundene Ausgabe)
17,95

 
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