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Riechen ist Tasten des Herzens. (Buchzitat)

Liane Marth / LimaKatze , am 11.03.2018

*** KLAPPENTEXT:
„Brot riecht nach Heimkommen, Erwartetwerden. Brot riecht nach Liebe und Familie.“
Was findet man, wenn man dem Duft des Brotes folgt? Was erzählt Brot über die Menschen, die es essen, und über die Verhältnisse, in denen es gebacken wird?
Das verrät uns der Journalist Walter Mayer in dieser fein abgewogenen Mischung aus Reportage, Kulturgeschichte und Familienmemoir, die reich ist an erlesenen Fakten, Lieblingsrezepten, außergewöhnlichen Interviews und vorzüglichen Illustrationen von Alexandra Klobouk.

*** INHALT UND FAZIT:
Brot gehört bis zum heutigen Tag zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln, doch Brot ist so viel mehr als nur ein Lebensmittel. Genau das macht der Autor Walter Mayer in seinem Buch mehr als deutlich. Brot hat eine lange Geschichte, die weit zurückreicht. Es duftet nach Geborgenheit und Wärme, weckt Heimatgefühle und Kindheitserinnerungen. Wer von uns hat nicht als Kind heimlich von der frischen und knusprigen Kruste genascht? Brot steht aber auch für Brauchtum und Tradition. Beispielsweise schenkt man neuen Nachbarn gerne Brot und Salz. Das symbolische Geschenk soll im neuen Heim vor Schaden bewahren und für Wohlstand und Wohlergehen sorgen.

Auch in der Religion kommt dem Brot immer wieder eine wichtige Bedeutung zu. Brot war in früheren Zeiten ein Symbol der Götter. So huldigten die Griechen Demeter, der Göttin für die Fruchtbarkeit der Erde und des Getreides. Wie in den meisten Ackerbaukulturen bildete das Brot auch in biblischen Zeiten das wichtigste Nahrungsmittel. Eine gute Getreideernte sicherte bei Sumerern, Ägyptern, Israeliten, Persern, Griechen und Römern das Überleben. Eine schlechte Ernte führte zu Hungersnot und Tod. In der Bibel wird Brot zudem als symbolische Nahrung verstanden, die nicht nur den Leib, sondern auch die Seele nährt und stärkt.

Heutzutage ist das industriell hergestellte Brot zu einer preiswerten und jederzeit verfügbaren Massenware geworden. Doch die Faszination des Brotbackens, sowie die Qualität und der Duft eines frisch gebackenen Brotes sind damit nicht zu ersetzen. Von den ganzen Zusatzstoffen, die bei industriell hergestellter Backware eingesetzt wird, ganz zu schweigen. Nichts ist so natürlich und gesund wie ein selbstgebackenes Brot, welches im Grunde mit ganz wenigen Zutaten auskommen kann. Doch trotz einfacher Rezeptur ist das Brotbacken eine hohe Kunst, die erst mal erlernt sein will. Und vor allem braucht man Geduld und Zeit, wie Sarah Wiener dem Autor erklärt. Die bekannte Fernsehköchin ist eine leidenschaftliche Verfechterin für eine gesunde Lebensweise. Mit ihr führte der Autor sein erstes Interview für dieses Buch und wurde prompt für eine Nachtschicht in der eigenen Bäckerei eingeladen.

Für die Suche nach dem Duft des Brotes begibt sich der Autor auf eine lange und lehrreiche Reise. Er interviewte Bäcker aus Österreich, Albanien, Marokko und Schottland. Aber er sprach auch mit dem Inhaber der umsatzstärksten Bäckereikette Deutschlands und sogar mit einem Ernährungsminister. Wie es überhaupt zu diesem Buch kam und wo ihn seine Suche nach dem Duft des Lebens letztendlich hinführte, all das und so viel mehr erfährt man in diesem wunderbaren Buch auf äußerst abwechslungsreiche Art und Weise. Der sehr lebendige Schreibstil sorgt dabei für viel Lesefreude und Kurzweil. Die Begeisterung des Autors spiegelt sich in seinen Texten komplett wider und das macht dieses Buch zu einem leidenschaftlichen Plädoyer, ja fast zu einer Liebeserklärung für ein Lebensmittel, dem gar nicht genug Wertschätzung entgegengebracht werden kann. Die äußerst gelungenen Illustrationen von Alexandra Klobouk machen ebenfalls Spaß und runden das Gesamtbild sehr schön ab. Und der hochwertige Leineneinband ist beinahe so, als wolle man dem wichtigen Inhalt des Buches und dem Brot ansich Respekt zollen.

„Brot“ ist ein hervorragend recherchiertes Sachbuch und unterhaltsamer Erfahrungsbericht zugleich. So macht die Erwerbung von neuem Wissen große Freude und prägt sich vielleicht sogar besser ein. Ich denke, ich kann versprechen: Selbst wer noch nie ein Brot gebacken hat, bekommt spätestens am Ende des Buches große Lust dazu. Sehr gerne empfehle ich diese Lektüre weiter und vergebe bei so vielen Vorzügen die wohlverdienten fünf Sterne.

Brot - Walter Mayer
Brot
von Walter Mayer
(5)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Das Herz einer alten Frau hat viele Geheimnisse. (Buchzitat)

Liane Marth / LimaKatze , am 09.03.2018

*** KLAPPENTEXT:
„Dame in den besten Jahren sucht Kavalier, der sie zum Nacktbadestrand fährt. Entgeltung garantiert.“
Hedy von Pyritz, 88 Jahre, diszipliniert, scharfzüngig, eitel, sorgt mit einer Annonce in der örtlichen Tageszeitung für einen handfesten Skandal in ihrem beschaulichen Städtchen im Münsterland. Aber Fräulein Hedy bleibt unbeirrt: Sie wird ihren Willen durchsetzten! Basta!
Kurzerhand bestimmt sie ihren schüchternen Physiotherapeuten Jan zu ihrem Fahrer. Hedy hat einen herrlichen Oldtimer, Jan keinen Führerschein, dafür aber ein offenes Ohr für Hedys wilde Lebensgeschichten. Und je mehr Geheimnisse sie ihm aus ihrer schillernden Vergangenheit anvertraut, desto stärker verändert sie damit seine Zukunft …

*** ZUM INHALT:
„ … Eine Weile starrte sie noch durch das Fenster in den Nachthimmel. Da dachte sie ebenso wirr wie schelmisch: Die Königin war erwacht, ein Spatz hatte an ihrem Haar gezupft. Lass ihn ein in den großen Irrgarten der unerzählten Geschichten. Öffne das Fenster und biete ihm die Welt.“ (Seite 11)

Die 88-jährige Hedy von Pyritz ist eine alte Dame, die beeindruckt und Respekt einflößt. Mit einem Verstand, der mindestens ebenso scharf ist wie ihre Zunge hält sie das Zepter fest in der Hand und hat auch nicht vor, es loszulassen. Das gilt insbesondere für die Von-Pyritz-Stiftung, die sie einst für hochbegabte Kinder gründete. Fräulein Hedy ist sehr vermögend und hat dadurch und durch ihre Position als Stiftungsvorsitzende viel Einfluss in der Stadt bis hin zum Bürgermeister. Doch eines Tages hat Fräulein Hedy genug von all ihrer selbstauferlegten Disziplin. Sie gibt eine Anzeige in der Tageszeitung auf, die für viel Aufsehen in ihrem münsterländischen Heimatort sorgt und ihre Tochter Hannah in Rage versetzt. Doch Fräulein Hedy lässt sich nicht beirren, nach langer Zeit träumt sie wieder vom Fliegen.

Der sympathische und schüchterne Jan Kramer ist Physiotherapeut. Er hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, die er bisher allerdings gut verheimlichen konnte. Sein selbstbewusster Bruder Nick ist der derjenige, zu dem er aufsieht. Und außerdem ist Nick der einzige, der ihm von seiner Familie geblieben ist. Eines Tages sprach Fräulein Hedy, der Jan nie zuvor begegnet ist, den jungen Mann im Park einfach an. Nach einem recht ungewöhnlichen Einstellungsgespräch wurde er sofort engagiert, um Fräulein Hedys Beweglichkeit durch therapeutische Maßnahmen zu unterstützen. Jan war zwar ziemlich irritiert über diese seltsame Vorgehensweise, sagte aber dennoch zu. Auch wenn er sich lange Zeit fragen sollte, warum Frau von Pyritz eigentlich ausgerechnet auf ihn gekommen war. Warum sie ihn, den völlig Fremden, einfach so einstellte und in ihn somit in ihr stattliches Haus ließ.

Doch Fräulein Hedy ist eine sehr kluge Frau mit viel Lebenserfahrung. Sie war sich von Anfang an sicher, in Jan viel Potential zu erkennen und hat bei dem jungen Mann natürlich mehr im Sinn, als nur seine Dienste als Physiotherapeut in Anspruch zu nehmen. Beide können zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, wie nah sie sich noch kommen sollen, welche Verbundenheit zwischen ihnen entstehen wird. Zwei Menschen, die ein schweres Paket aus der Vergangenheit mit sich herumtragen. Zwei einsame Herzen, die sich einiges von der Seele zu reden haben. Allerdings gibt es auch immer wieder Stolpersteine, die es zu überwinden gilt. Mehr als einmal wird diese außergewöhnliche Freundschaft von Fräulein Hedy und Jan auf eine harte Probe gestellt. Doch letztendlich lernen beide voneinander und das wiederum gibt ihrem bisherigen Leben eine neue Richtung. ...

*** MEIN FAZIT:
„Fräulein Hedy träumt vom Fliegen“ ist ein ganz wunderbarer und herzerwärmender Roman, der einen von der ersten bis zur letzten Seite voll in seinen Bann zieht. Der Autor Andreas Izquierdo versteht es hervorragend, mit viel Feingefühl Stimmungen zu erzeugen und seinen Romanfiguren Leben einzuhauchen. Sehr schnell wünscht man sich als Leser, diese beiden besonderen Menschen, die als Hauptprotagonisten in diesem Roman gezeichnet wurden, im wahren Leben kennengelernt zu haben.

Im Laufe der Handlung vertraut Fräulein Hedy dem jungen Physiotherapeuten ihre bewegende und atemberaubende Lebensgeschichte an. Somit ergeben sich zwei Handlungsstränge, die zum einen in der Gegenwart und zum anderen in der Vergangenheit verankert sind. Beide Zeitebenen verfolgt man mit Spannung und außerdem zeigt sich auch hier ständig die große Empathie des Autors. Die Galanterie und das Zeitgefühl der Zwanziger Jahre wurden im Buch mit opulenten, sehr lebendigen Beschreibungen eingefangen. Diese Abschnitte sind ein wahrer Lesegenuss. Auf der anderen Seite werden die Schrecken des Zweiten Weltkrieges in all ihrer Härte wiedergegeben. An diesen Stellen ist man entsetzt und traurig über soviel Leid, den dieser Krieg über die Menschen gebracht hat. Aber auch die Gegenwart hält hochemotionale Momente für den Leser bereit und zwischendurch lockert eine fein dosierte Prise Humor den Lesestoff angenehm auf.

Dieses gut recherchierte, mitreißende und mit vielen Botschaften angereicherte Werk bleibt auf jeden Fall lange in Erinnerung. Eine zutiefst berührende Geschichte über Liebe und Freundschaft, Verzweiflung und Hoffnung, Willenskraft und Mut, und über das, was eine Familie ausmachen sollte. Es geht aber auch um Grenzen, deren Überwindung einen Menschen mitunter über sich selbst hinauswachsen lässt. Und es geht um Ziele und Träume, die man niemals aufgeben sollte. Des weiteren zeigt der Roman sehr schön, dass hinter der gealterten Fassade eines Menschen eine zwar unvermutete, aber dennoch abenteuerliche Vergangenheit mit großartigen Leistungen stehen kann. Allzu schnell vergisst man dies im Alltag beim Umgang mit älteren Menschen. Obendrein wird durch die Geschehnisse im Buch deutlich, dass Richtig und Falsch nicht immer eindeutig trennbar sind, und deshalb einmal getroffene Entscheidungen das ganze Leben belasten können.

Kurz und gut: Bei dieser abwechslungsreichen Lektüre bleiben garantiert keine Lesewünsche offen. Nur am Ende ertappt man sich bei dem Wunsch, dass man den Lebensweg der beiden Hauptfiguren sehr gerne noch weiterverfolgt hätte, weil sie einem so ans Herz gewachsen sind. Mit großer Freude und voller Überzeugung vergebe ich schlussendlich begeisterte fünf Sterne, und freue mich nebenbei bemerkt jetzt schon auf die nächste Neuerscheinung des Autors.

Fräulein Hedy träumt vom Fliegen - Andreas Izquierdo
Fräulein Hedy träumt vom Fliegen
von Andreas Izquierdo
(32)
Buch (Paperback)
14,95

Eine besinnliche Reise zum eigenen Ich.

Liane Marth / LimaKatze , am 11.10.2017

*** KLAPPENTEXT:
Häufig geht es im Alltagstrubel unter: Das eigene Ich. Dabei ist es, als Kenner unserer Bedürfnisse und Stärken, der beste persönliche Berater.
Die hier versammelten Geschichten und Gedichte laden zur Wiederentdeckung des Ich im Alltag ein. Mit so vielfältigen Themen und Charakteren wie im wahren Leben.
Zur Autorin: Dr. Antonia Löschner ist Ethnologin und Mediatorin. Sie arbeitet als internationale Beraterin von Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

*** INHALT UND FAZIT:
In dem vorliegenden Büchlein finden sich vierzig Kurzgeschichten und Gedichte, die zu einer ganz besonderen Reise einladen. Es geht um das Finden und die Wiederentdeckung des eigenen Ich, welches im allgemeinen Alltagstrubel oftmals verlorengeht. Schlimmstenfalls wurde es sogar zeitlebens unterdrückt. Beispielsweise durch Einflüsse von außen, die eine Selbstentfaltung gar nicht erst zuließen. Aber viel häufiger stehen wir uns einfach nur selbst im Weg. Von Selbstzweifeln geplagt fehlt uns in solchen Situationen der Mut zur Veränderung und wir verharren untätig im Nest der Gewohnheit. Wie dem auch sei. Wenn wir es zulassen, dass das eigene Ich aus seinem Schattendasein heraustreten darf, geschieht manchmal Unglaubliches. Wir spüren eine Energie, die uns vielleicht sogar zu neuen Ufern führen kann. Je mehr wir auf unser Inneres hören, umso mehr Kraft kann es uns verleihen. Wir werden achtsam mit uns selbst und allem was uns umgibt, erlangen Ruhe und Zufriedenheit, geraten immer mehr in Balance. Wir werden eins mit uns selbst und unserem Leben.

Die Erzählungen im Buch zeigen sehr schön, die Entdeckung des eigenen Ich ist ein ziemlich breitgefächertes Thema. Dies gilt für das Offensichtliche und das was im Verborgenen liegt, wobei manches auch eine Frage der Wahrnehmung oder der Perspektive ist. Kurz und gut: Eine solche Entdeckungsreise ist eine auf jeden Fall spannende Angelegenheit, die bei einem selbst anfängt und dabei weitreichende Wirkungen auf das äußere Umfeld haben kann. Es geht hierbei aber nicht um selbstsüchtigen Egoismus ohne Rücksicht auf Wünsche und Ansprüche anderer, auch das wird von der Autorin ausgezeichnet vermittelt. Außerdem soll und kann das Büchlein natürlich kein Allheilmittel zur Selbstfindung sein, sondern es ist als inspirierender und hilfreicher Wegweiser zu verstehen. Und zwar ohne belehrenden Zeigefinger, sondern mit liebevoll und sorgsam gestalteten Texten, die mit Fantasie und Feingefühl geschrieben wurden, und somit beim Lesen viel Freude machen. Eine kluge und abwechslungsreiche Lektüre, die auf unterhaltsame Art zum Nachdenken anregt. Mit Geschichten von lebensnah bis märchenhaft, und Gedichten, die zum Träumen und Verweilen einladen. Durch ihre Vielseitigkeit ist diese Anthologie übrigens auch eine sehr schöne Geschenkidee.

Ein kleines Buch mit ganz vielen Botschaften. Alltagsperlen, für die sich viel Mühe gegeben wurde und die mit Bedacht gelesen werden wollen. Erst dann können sie ihre volle Wirkung entfalten. Sehr gerne vergebe ich hier abschließend fünf Sterne.

Alltagsperlen - Antonia Löschner
Alltagsperlen
von Antonia Löschner
(3)
eBook (ePUB)
4,99

Was zählt, ist die Familie.

Liane Marth / LimaKatze , am 15.08.2017

*** KLAPPENTEXT:
In ihrem Haus in den andalusischen Bergen wartet Lucy auf ihre Geschwister Jo und Tom. An diesem Wochenende müssen sie sich von ihrem »Haus der Träume« verabschieden, dem Haus, in dem sie ihre Kindheit verbrachten und das nach dem Tod der Mutter nun verkauft werden soll.
Die drei Geschwister erwarten ein paar Tage voller Entdeckungen, denn ihre Mutter hat jedem der drei etwas sehr Besonderes hinterlassen. …

*** ZUM INHALT:
Hope war eine unkonventionelle Frau, die vor Lebensfreude nur so sprühte und mit ihrer Unberechenbarkeit gerne für Überraschungen sorgte. Daher wundern sich ihre Kinder nicht allzu sehr, dass ihre Mutter eine ganz spezielle Trauerzeremonie für den Fall ihres Todes festgelegt hatte: Hope liebte rauschende Feste, und somit wünschte sie sich zum Abschied anstelle einer obligatorischen Trauerfeier eine Party in ihrem Haus in den andalusischen Bergen. Ihrem geliebten Zuhause, dem sie einst in spanischer Sprache den Namen „Haus der Träume“ gab. All ihre Freunde sollten sich gemeinsam mit der Familie in fröhlicher Stimmung an sie erinnern, bevor ihre Asche an einem von ihr vorbestimmten Platz verstreut würde.

Als Hope nach kurzer Krankheit verstirbt, treffen sich ihre Kinder im Haus ihrer Kindheit, um den letzten Willen der Mutter zu erfüllen. Jo ist die Älteste, sie ist alleinerziehend und reist mit ihrer vierjährigen Tochter Ivy an. Tom erscheint mit seiner anstrengenden Familie, bestehend aus seiner Frau Belle und den beiden halbwüchsigen Söhnen Alex und Ethan. Lucy ist die jüngste der drei Geschwister. Sie ist mit dem Schauspieler Art verheiratet, leider blieb ihre Ehe trotz aller Bemühungen bisher kinderlos. Nervös erwartet Lucy das kommende Wochenende, an dem es nicht nur um die Beisetzung der Mutter gehen soll, sondern auch um den Verkauf des Hauses. Lucy hängt sehr an diesem Haus und sucht nach einem Ausweg, den Verkauf zu vermeiden.

Jedes der drei Geschwister hat einen anderen Vater. Tom und Jo wissen noch nicht einmal, wer ihr Vater eigentlich ist. Während Tom sich mit diesem Umstand im Laufe der Jahre abgefunden hatte, ist Jo nie darüber hinwegkommen. Sie konnte und wollte nicht verstehen, dass ihre Mutter ein derartiges Geheimnis daraus machte und dieses sogar mit in den Tod nahm. So mischt sich bei aller Liebe zur Mutter doch auch Groll.

Es wird ein erlebnisreiches Wochenende voller Erinnerungen, Rätsel und starker Emotionen. Hope legte nicht nur genau fest, wie ihre Trauerzeremonie aussehen soll, sondern sie hat für die Gäste der großen Party sogar ein Abschiedsgeschenk vorbereitet. Und für ihre Kinder hat sie sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. ...

*** MEIN FAZIT:
„Ein Haus voller Träume“ ist ein ganz wunderbarer Roman über das, was eine Familie ausmacht oder ausmachen sollte. Den folgenden Ausdruck gebrauche ich eigentlich selten, aber in diesem Fall passt es einfach, wenn man von einem Wohlfühlroman spricht. Die drei Geschwister wachsen einem mit jedem Kapitel mehr ans Herz und am Ende des Buches hätte ich ihren Lebensweg gerne weiterverfolgt. Die Autorin geht sehr detailliert auf ihre Hauptprotagonisten und deren Gefühle ein, und somit lebt, lacht und leidet man mit ihnen, und teilt deren Hoffnungen, Wünsche und Träume. Es ist ein klein wenig so, als wäre man selbst ein Teil dieser außergewöhnlichen Familie.

Die Charakterstudie der drei Geschwister hat mir besonders viel Freude gemacht. 'Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm' besagt schon ein berühmtes Sprichwort. Das Buch zeigt sehr schön, dass man sich auch beim besten Willen nicht immer dagegen wehren kann. Obendrein hält der Roman im Hintergrund einige Botschaften bereit und regt zum Nachdenken an. Es wird beispielsweise vermittelt, wie Prägungen und Enttäuschungen aus Kindertagen das ganze Leben beeinflussen können. Worte können sehr verletzend sein, aber auch Ungesagtes kann ein Leben lang belasten. Auf der anderen Seite vergessen Kinder allzu gerne, dass auch Eltern nicht als Eltern geboren wurden, sondern ebenfalls eine Kindheit und Jugend hatten, die sie zu dem machten was sie heute sind. Je tiefer der Nachwuchs in die Vergangenheit der Eltern eintaucht, umso mehr wird er das verstehen und erhält vielleicht völlig neue Sichtweisen auf manche Dinge.

Sehr gerne vergebe ich für diese warmherzige und kluge Familiengeschichte vier Sterne. In der Mitte des Buches gab es leider ein paar Längen und das Lesen wurde an diesen Stellen etwas mühsam. Vielleicht wäre es besser gewesen, hier etwas zu kürzen. Dennoch ist das ansonsten sehr schöne Buch auf jeden Fall eine Leseempfehlung wert!

Ein Haus voller Träume - Fanny Blake
Ein Haus voller Träume
von Fanny Blake
(9)
Buch (Taschenbuch)
10,95

Einsam, zweisam, gemeinsam - humorvoll und berührend.

Liane Marth / LimaKatze , am 25.07.2017

*** KLAPPENTEXT:
Kratzbürstige Berlinerin die eine, norddeutsche Kleinstädterin mit einer Vorliebe für Yoga und Handarbeiten die andere: Außer einer gegenseitigen tiefen Abneigung haben Edith Scholz und Christel Jacobi nichts miteinander am Hut. Dennoch lassen sich die beiden 70-Jährigen auf ein Abenteuer ein, das sie gemeinsam quer durch Deutschland führt.

*** ZUM INHALT:
Die beiden Rentnerinnen Edith Scholz und Christel Jacobi verbringen einen Reha-Aufenthalt auf Usedom. Frau Scholz ist eine waschechte Berlinerin, die für gewöhnlich kein Blatt vor den Mund nimmt und ihren Mitmenschen unverblümt zeigt, was sie von ihnen hält. Eigentlich ist Edith am liebsten allein, und daher möchte sie mit nichts und niemand mehr zu tun haben als unbedingt nötig. Christel Jacobi ist von ganz anderer Art, interessiert sich für Esoterik und Yoga, und ist ansich die Liebenswürdigkeit in Person. Allerdings ist sie auch recht unselbständig, arg empfindlich und des öfteren ziemlich anstrengend. Da Frau Jacobi eine eher kontaktfreudige Person ist, hängt sie sich sogleich an ihre Zimmernachbarin Frau Scholz, die davon zunehmend genervt ist.

Frau Jacobi ist sehr krank. Deshalb möchte die besorgte Tochter, dass ihre Mutter zukünftig in einem Pflegeheim versorgt und betreut wird. Das entspricht aber nicht Christels Vorstellungen, die ganz verzweifelt einen Ausweg aus dieser Misere sucht und leider nicht den Mut aufbringt, ganz offen mit ihrer Tochter über dieses Thema zu sprechen. Recht bald kommt Christel auf die Idee, ihre Reha-Bekanntschaft Frau Scholz ins Vertrauen zu ziehen und möchte diese zu einem aberwitzigen Plan überreden. Frau Scholz hat nun die Wahl des für sie kleineren Übels: Entweder nimmt sie die Einladung von Frau Jacobi an, oder aber sie muss zu Hause den grässlichen Baulärm der momentanen Renovierungsarbeiten ertragen. Sie entscheidet sich für Christel Jacobi, nichtsahnend, auf was für ein Abenteuer sie sich da einlässt.

Frau Scholz ist zwar eine ziemlich harte Nuss, aber sie hat kein Herz aus Stein. Während der gemeinsamen Reise durch Deutschland entsteht sogar eine zarte Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Sie schütten sich gegenseitig ihr Herz aus und Frau Scholz wundert sich mitunter selbst über ihre eigene Zugänglichkeit. In solchen Momenten zieht sie allerdings öfters die Notbremse, man muss schließlich nichts übertreiben. Nichtsdestotrotz fühlt sie sich für Frau Jacobi verantwortlich, der es im Laufe der Zeit immer schlechter geht. ...

*** MEIN FAZIT:
Der vorliegende Roman („Weit weg ist anders“ von Sarah Schmidt) hat es mir zu Anfang nicht ganz leicht gemacht. In den ersten Kapiteln wurde ich mit den beiden Hauptprotagonistinnen einfach nicht richtig warm. Frau Scholz war mir mitunter zu derb und rücksichtslos, und Frau Jacobi war nicht nur für ihre Kurbekanntschaft, sondern auch für mich als Leserin stellenweise ziemlich anstrengend. Gleichzeitig trübten diverse Längen das Lesevergnügen. Zu meiner großen Freude gerieten die nachfolgenden Kapitel wesentlich schwungvoller. Und die beiden Damen, deren Vergangenheit nun etwas mehr aufgerollt wurde, lernte man ständig besser kennen und schließlich auch mögen. Es hat sich eben niemand selbst gemacht und der Mensch ist immer die Summe seines gelebten Lebens. Vor allem Frau Scholz hat mich oft überrascht und stellte sich als besonders facettenreich heraus.

Die Geschichte im Buch hält einige Botschaften bereit: Auch der ältere Mensch hat noch Wünsche und Träume, und vor allem hat er ein Recht darauf, selbst über sein Leben zu entscheiden. Fürsorge von Kindern ist eine lobenswerte Angelegenheit, aber sie sollte nicht in Bevormundung ausarten. In diesem Zusammenhang wird gezeigt, wie wichtig es ist, dass miteinander gesprochen wird. Im Hintergrund des Romans wird außerdem vermittelt, dass Alleinsein nicht Einsamkeit bedeuten muss, der ständig Umsorgte aber durchaus einsam sein kann.

Eine insgesamt unterhaltsame und mit viel Humor gespickte Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Und ob man will oder nicht, die beiden Hauptakteurinnen werden einem immer sympathischer, sogar die sperrige Frau Scholz. Sehr gerne vergebe ich hier vier Sterne und eine Leseempfehlung!

Weit weg ist anders - Sarah Schmidt
Weit weg ist anders
von Sarah Schmidt
(57)
Buch (Paperback)
12,95

Ein wichtiger und wertvoller Roman über Freundschaft, Freiheit und Menschlichkeit.

Liane Marth / LimaKatze , am 12.07.2017

*** ZUM INHALT:
Der neunjährige Subhi lebt mit seiner Mutter und seiner Schwester Queeny im Familienzelt eines Auffanglagers, in dem verdorbenes Essen und Gewalt an der Tagesordnung sind. Und damit sind nur zwei der Schrecken genannt, die Subhis Leben im Flüchtlingslager ausmachen. Seine Schwester brachte ihm einst das Lesen und Schreiben bei, und seitdem liest der empfindsame Junge alles, was ihm zwischen die Finger kommt. Dadurch erhält er zumindest eine vage Vorstellung von der Welt hinter dem Stacheldrahtzaun. Außerdem liebt Subhi die Geschichten und Erzählungen der Alten, denn sie sind voller Erinnerungen an ein Leben außerhalb des Lagers. Erinnerungen, die er nicht haben kann, denn Subhi wurde in diesem Auffanglager geboren.

Eines Nachts steht das Mädchen Jimmie vor ihm, ganz urplötzlich, wie eine aus dem Boden gewachsene Erscheinung. Aber das taffe Mädchen ist kein Geschöpf seiner ausgeprägten Phantasie, sondern Realität, und: Sie kommt von draußen! Jimmie kann trotz ihrer zehn Jahre noch immer nicht lesen. Die Mutter ist vor drei Jahren verstorben, und dem Vater und ihrem Bruder verheimlichte sie bisher ihre Leseschwäche. Jimmie hat ein Buch von ihrer Mutter, welches sie wie einen Schatz hütet. Aus diesem Buch lässt sie sich von Subhi vorlesen. Bei jedem ihrer geheimen Treffen gelingt es den beiden Kindern, ihre Einsamkeit für kurze Zeit zu vergessen und es entsteht eine innige Freundschaft.

Aber dann überschlagen sich die Ereignisse: Subhis geliebte Mutter will eines Tages gar nicht mehr aufwachen, sein bester Freund fasst einen gefährlichen Plan, und obendrein wird Jimmie sehr krank. Subhis bisherige Welt gerät völlig aus den Fugen und er steht vor schweren Entscheidungen. …

*** MEIN FAZIT:
In „Wenn nachts der Ozean erzählt“ hat die australische Autorin Zana Fraillon das hochaktuelle und brisante Thema Flüchtlinge in ein Jugendbuch gepackt. Eine sicherlich schwierige Aufgabe, die ihr aber hervorragend gelungen ist, und dieses wertvolle Buch nicht nur für junge Leser, sondern auch für Erwachsene sehr lohnenswert macht. Darüber hinaus ist der anspruchsvolle Roman sicherlich eine Bereicherung für jede Schulbibliothek, mit viel Diskussionsstoff für einen lebhaften Unterricht.

Auch wenn das Erzählte im Buch frei erfunden ist, entspricht leider vieles einer traurigen Realität. Im Vordergrund steht die Geschichte von Subhi, sein Leben in diesem furchtbaren Flüchtlingslager, und die Bedeutung von Freundschaft, Freiheit und Menschlichkeit. Beiher wird aber auch das harte Leid der Rohingya angesprochen. Die Rohingya sind eine muslimische Volksgruppe in Myanmar. Eine unterdrückte Minderheit, die in der eigenen Heimat verfolgt wird und auch woanders unerwünscht ist. Ein Konflikt, von dem die Welt wenig mitbekommt.

Der tapfere und liebenswerte Hauptprotagonist Subhi ist mir schnell ans Herz gewachsen, ebenso wie die kleine kesse Jimmie. Das Tun und die Gedankengänge der Kinder beschreibt die Autorin sehr einfühlsam, dadurch sind deren Emotionen für den Leser verständlich und nachspürbar. Die Geschehnisse im Lager werden zwar schonungslos und wirklichkeitsnah vermittelt, auf der anderen Seite gibt es wunderschöne Passagen im Buch, die poetisch und märchenhaft anmuten. Diese Stellen lockern den schwer verdaulichen Lesestoff auf und machen viel Freude.

Insgesamt gesehen war dieser Roman für mich ein äußerst beeindruckendes Leseerlebnis, welches mich zutiefst berührt und erschüttert hat. Die Autorin selbst sagt über ihr Buch, sie wünschte, dass sie es nie hätte schreiben müssen. Nach der Lektüre kann man ihr nur zustimmen und ich persönlich empfinde Hochachtung für ihr aufrüttelndes Werk. Sehr gerne vergebe ich hier voller Überzeugung fünf Sterne und spreche eine unbedingte Leseempfehlung aus!

Wenn nachts der Ozean erzählt - Zana Fraillon
Wenn nachts der Ozean erzählt
von Zana Fraillon
(3)
Buch (gebundene Ausgabe)
16,99

Ein beeindruckendes Leseerlebnis voller Empathie. Großartig!

Liane Marth / LimaKatze , am 28.06.2017

*** KLAPPENTEXT:
„Die ewigen Jagdgründe musst du dir wie eine Lücke in der Zeit vorstellen. Dort wird Jonas ewig so bleiben, wie du ihn erinnerst.“
Stephan Lohse erzählt von den Herausforderungen eines Teenagerlebens und vom Trost der Freundschaft. Er erzählt von einem Jungen, der seine Mutter das Trauern lehrt, und dessen Mut und Zuversicht ein Gebirge in ein Meer verwandeln.

*** ZUM INHALT:
… „Irgendwo im Haus geht eine Tür. Dann noch eine. Mami lebt. Sie war zu gleichen Teilen seine und Jonas´ Mutter. Was mit Jonas´ Teil geschieht, ist unklar. Vielleicht bekommt Ben ihn. Vielleicht nicht.“ (Seite 8)

Jonas war erst acht Jahre alt, als er im Sommer 1972 stirbt. Ben vermisst seinen kleinen Bruder, den er gern Piepmanscher nannte, und versucht das Geschehene zu verstehen. Seine Mutter wird mit dem Verlust nicht fertig, quält sich mit Fragen nach dem Wie und Warum, macht sich Vorwürfe über verpasste Gelegenheiten, durchlebt einen Sturm der Gefühle. Immer dann, wenn die Trauer nicht mehr auszuhalten ist, setzt sie sich auf ihre Heizdecke, wie um gegen die innere Kälte anzukämpfen. Während Ruth sich immer mehr in sich zurückzieht, sucht Ben den Weg in die Normalität. Er ist elf Jahre alt und als heranwachsender Teenager macht er die typischen ersten Erfahrungen aller Jungen in diesem Alter. Das Leben geht für ihn weiter, auch wenn er oft an Jonas denken muss. An manchen Tagen wird Ben alles zuviel und er flüchtet sich in die Fantasie. Dann verwandelt er sich in einen Roboter, den er kontrolliert. Ein Roboter hat keine Gefühle und empfindet keinen Schmerz.

Obwohl Ben genug mit sich selbst zu tun hat, sorgt er sich sehr um seine Mutter. Ruth scheint sich mehr und mehr von ihm zu entfernen. Ohne dass der Junge dafür die richtigen Worte findet, spürt er die immense Verzweiflung und die Hilflosigkeit seiner Mutter. In Herrn Gäbler, den er vor einiger Zeit gemeinsam mit Jonas zufällig kennenlernte, findet er einen geduldigen und sehr einfühlsamen Zuhörer. Herr Gäbler hat ein Auto, einen alten Opel Rekord. Es hat keine Räder und steht im Gartenbeet. In diesem Autowrack schüttet Ben bei Herrn Gäbler sein Herz aus. Und wenn es regnet, müssen sie auf den Dienstwagen von Herrn Gäbler ausweichen. Sie philosophieren über den Tod und die Seelen im Himmel, essen Schwarzwälder Kirschtorte oder andere Leckereien, und Ben erhält währenddessen seine ersten theoretischen Fahrstunden. Herr Gäbler ist schwer in Ordnung.

… „Ben überlegt, dass die Seelen, wenn sie über telepathischen Funk verfügten, nicht lachen oder mit dem Kopf nicken müssten. Sie müssten sich keinen Vogel zeigen, nicht traurig aussehen oder mit den Schultern zucken. Sie machten alles innerlich. Per Himmelsfunk. Vielleicht klingt ihr Himmelsfunk wie Luftmusik. Wie der Ton aus Philip Bührmanns Staubsaugerschlauch.“ (Seite 91)

Nach einem Jahr ist Ben eigentlich längst wieder im normalen Leben angekommen. Ganz im Gegenteil zu seiner Mutter, die ihn immer wieder in ihre Welt hineinzieht. Die Trauer hat sich als dicker Fels in ihrem Herzen verankert und nimmt dort sämtlichen Raum ein, ist zu einem Teil von ihr geworden. Ruth trifft eine furchtbare Entscheidung. …

*** MEIN FAZIT:
Wenn Eltern ihre eigenen Kinder zu Grabe tragen müssen, gehört dies sicherlich zu den tragischsten Ereignissen, die das Schicksal bereithalten kann. Doch auch für vorhandene Geschwister bricht die Welt, die sie bisher kannten, zusammen. Ein insgesamt sehr schwieriges und sensibles Thema, welches der Autor Stephan Lohse nach meiner Ansicht ganz hervorragend in seinem Debütroman umgesetzt hat. Das unglaubliche Einfühlungsvermögen des Autors hat mich derart beeindruckt, dass ich mich mitunter fragte, ob in diesem Buch vielleicht sogar autobiografische Anteile enthalten sein könnten.

Stephan Lohse richtet seinen Fokus voll auf die beiden Hauptprotagonisten Benjamin und Ruth. Ben berührte mich sehr mit seiner Trauer um den Bruder und seinen Bemühungen um die Mutter. Der kluge Junge erstaunte mich immer wieder mit seiner Empathie und seinen kindlichen Weisheiten, und einige seiner Einfälle brachten mich zum Schmunzeln. Die Mutter möchte man trotz allem empfundenen Mitleids manches Mal schütteln und in Bezug auf ihren noch lebenden Sohn wachrütteln. Somit erlebt man auch als Leser ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, und gerät immer tiefer in den Sog des Erzählten. Der Autor taucht ganz tief in die Psyche und Gedankenwelt seiner Protagonisten ein, und schafft damit letztendlich einen eindringlichen Roman voller Melancholie mit starkem Nachhall.

„Ein fauler Gott“ ist durch seinen Inhalt zwar keine leichte Kost, aber eine unbedingte Leseempfehlung für all diejenigen, die tiefgehende Geschichten und anspruchsvolle Lektüre mögen. Der bemerkenswerte Roman wird mir noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben. Durch die bewegende Geschichte ansich, und beiher auch durch die schöne Zeitreise in die Siebziger Jahre, die mir viel Freude machte und eigene Erinnerungen weckte. Sehr gerne vergebe ich hier abschließend begeisterte fünf Sterne und wünsche dem Autor den wohlverdienten Erfolg mit seinem großartigen Debüt!

Ein fauler Gott - Stephan Lohse
Ein fauler Gott
von Stephan Lohse
(11)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Jeder ist seines Glückes Schmied. (alte Volksweisheit)

Liane Marth / LimaKatze , am 29.03.2017

*** KLAPPENTEXT:
Wo bitte geht’s zum Glück? Zur sprudelnden Lebensenergie, zum positiven Grundgefühl, zum Schweineglück? Aus der Hirnforschung wissen wir: Glück ist kein Zufall. Wir selbst können wesentlich dazu beitragen, dass das Glück uns einholt und dauerhaft Einzug in unser Leben hält.
Elmar Rassi musste als Junge aus seiner Heimat Aserbaidschan fliehen. Nachdem ihm in Deutschland ein zweites Leben geschenkt worden war, beschäftigte er sich jahrelang mit den Gesetzmäßigkeiten des Glücks. Aus diesen Forschungen und eigenen Erfahrungen stellt er zehn universelle Glücksregeln auf, die uns helfen, Lebensfreude, Liebe und innere Zufriedenheit zu finden. ...

*** INHALT UND FAZIT:
Der Autor Elmar Rassi war zwölf Jahre alt, als seine Familie aus seinem Heimatland fliehen und in Deutschland eine neue Zukunft aufbauen musste. Die erste Zeit in Deutschland war alles andere als leicht für den Jungen. Das Land ansich, die Sprache, die Menschen, die Schule, alles war neu und fremd. Aber die Familie fand hier etwas, was die eigene Heimat nicht mehr bieten konnte: Sicherheit. Dessen war sich der junge Elmar Rassi sehr bewusst und der neuen Heimat unglaublich dankbar. So kam es zu der Idee für dieses Buch. Mit „Schweineglück“ möchte der Autor, der im späteren Leben Glückscoach und Motivationstrainer wurde, den Menschen in Deutschland etwas zurückgeben.

Viel zu schnell hetzen wir heutzutage durch unser Leben, getrieben vom Alltag mit seinen Aufgaben und Problemen. Sogar nach Feierabend geht es oft um Ziele und Leistung. Wenn man so manchen ambitionierten Freizeitsportler beobachtet, kann man das direkt beobachten. Ein altes chinesisches Sprichwort besagt „Je stiller du bist, desto mehr kannst du hören.” Die meisten von uns haben verlernt, einfach mal innezuhalten und dabei nicht nur nach außen, sondern auch in sich selbst hineinzuhorchen. Einfach mal nur im Augenblick verweilen und den kleinen Moment der inneren Stille genießen. Und damit wären wir schon bei der ersten von zehn universellen Glückszutaten, auf die der Autor in seinem Buch noch genauer eingeht.

Während der Lektüre wird schnell klar, dass die eine oder andere vermittelte Botschaft eigentlich nicht neu ist. Allerdings schlummert manches arg tief in uns drin und wartet förmlich darauf geweckt zu werden, wie hier durch die Ausführungen des Autors. Beispielsweise erinnert er uns daran, dass Glück absolut nichts mit Besitztum zu tun hat, sehr wohl aber mit innerem Reichtum. Er erklärt außerdem den Zusammenhang von Glück und Dankbarkeit. Denn leider vergessen wir allzu gerne, wofür wir alles dankbar sein müssten, nehmen viel zu viel als selbstverständlich hin und beklagen uns obendrein noch. Dabei müssen wir nur über den eigenen Tellerrand schauen um zu sehen, wie gut es uns eigentlich geht. Aber das sollen nun genug Beispiele gewesen sein.

Elmar Rassi führt den Leser ohne erhobenen Zeigefinger durch sein Buch. Er tut dies mit seinem beruflichen und persönlichen Erfahrungsschatz, bezieht aber auch wissenschaftliche Untersuchungen mit ein. Kleine Geschichten, die teilweise auf eigenen Erlebnissen beruhen, sowie sehr schön ausgewählte Zitate verdeutlichen den Lesestoff und lockern diesen zudem auf. Normalerweise mache ich um Glücksratgeber und ähnliche literarische Angebote einen Bogen. Dieses Buch allerdings machte mich aufgrund der Vergangenheit des Autors neugierig. Der damals zwölfjährige Junge verarbeitete die Flucht aus Aserbaidschan und das Einleben in der neuen Heimat, und obendrein fand er später den Weg zum Glückscoach. Das weckte mein Interesse nicht nur am Buchthema, sondern auch an dem Menschen dahinter. Am Ende des Buches hatte ich einen sympathischen Autor kennengelernt, der seine Thesen mit viel Leidenschaft vertritt und absolut glaubwürdig daherkommt.

„Schweineglück“ kann wirklich ein Wegweiser zum Glück sein, wenn man sich auf die angebotenen Hilfestellungen, Übungen und Tipps einlässt. Die Dosierung der empfohlenen Glückszutaten ist dabei jedem selbst überlassen. Der inhaltlich und optisch sehr gelungene Ratgeber ist für jeden geeignet, der seinem persönlichen Glück einen kleinen oder größeren Anschubser geben möchte. Darüber hinaus ist das Buch auch eine empfehlenswerte Geschenkidee für diejenigen, die vielleicht gerade auf der Schattenseite des Lebens stehen. Ausgesprochen gerne vergebe ich für diese inspirierende Leseerfahrung fünf Sterne!

Schweineglück - Elmar Rassi
Schweineglück
von Elmar Rassi
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
18,00

„Wenn die Worte fehlen, müssen Gesten sprechen.“ (Buchzitat)

Liane Marth / LimaKatze , am 11.12.2016

*** KLAPPENTEXT:
Wer hilft, wenn das Leben plötzlich auseinanderbricht? Wenn man gerade den liebsten Menschen verloren hat? Oder bei einem Unfall Schreckliches mitansehen musste?
Angélique Mundt ist Psychologin und arbeitet für das Kriseninterventionsteam Hamburg. Sie steht Menschen unmittelbar nach einer Katastrophe zur Seite, spendet Ruhe, Kraft und Orientierung. Sie leistet erste Hilfe für die Seele. Und vor allem macht sie vor, wie Hilfe in den schlimmsten Momenten unseres Lebens möglich ist.
„Es sind Menschen wie Angélique Mundt, die nicht nur ihren Job machen, sondern mehr geben. Menschlichkeit. Mitgefühl. Ein Stück von sich selbst.“ (Hamburger Abendblatt)

*** AUS DEM BUCH:
… Ich versuche, den Menschen in den schwärzesten Stunden ihres Lebens beizustehen. Ich leiste „Erste Hilfe für die Seele“, das ist die Aufgabe der Menschen, die für das KIT, das Kriseninterventionsteam, arbeiten. (Seite 11)

… Oft wünsche ich mir, zu erfahren, was aus ihnen geworden ist. Aus den Menschen, deren Welt wir in tausend Stücke geschlagen haben, als wir ihre Klingel drückten. Aus den Menschen, die ich im Arm gehalten habe. (Seite 39)

… Stumm drückt sie meine Hand. Wir haben wenig über seinen Tod geredet. Dafür über sein Leben. Auch das ist ein Ausdruck von Trauer. Von Dankbarkeit und Wehmut. Und von Liebe. (Seite 77)

… Ich ertrage das Schweigen und die nicht versiegenden Tränen. Es ist auszuhalten. Man kann helfen, die Last zu tragen. Ohne die „richtigen“ Worte. Mit dem Herzen und der Hand. (Seite 128)

… Ich habe erfahren, wie viel schöner das Leben ist, wie viel intensiver die guten Gefühle, wenn ich den Unterschied spüren kann. Wenn ich auch das Negative, Belastende zulasse und als Teil des Lebens respektiere. (Seite 256)

*** INHALT UND FAZIT:
„Erste Hilfe für die Seele“ ist ein zutiefst berührendes Buch voller Herzenswärme und Menschlichkeit. In ihrem beeindruckenden Werk erzählt die Autorin Angélique Mundt über ihre jahrelangen Erfahrungen als KIT-Helferin. Anhand von erlebten Einzelfällen zeichnet sie ein hervorragendes Bild über ihre Tätigkeit, in der sie zahlreichen Menschen mit all ihrem fachlichen Wissen, aber vor allem mit ganz viel Herz zur Seite steht. Sie versucht, das Unbegreifliche begreifbar zu machen und erste Wege aus der empfundenen Dunkelheit aufzuzeigen. Sehr einfühlsam berichtet die Autorin von ihren Einsätzen und macht ihre Erlebnisse für den Leser nachspürbar. Durch das große Einfühlungsvermögen der Autorin liest man ihr Buch trotz des traurigen Themas sehr gerne, und ihre Ehrlichkeit, was die eigene Person angeht, weckt zudem Sympathie.

Wenn der Tod ein Gesicht bekommt, kommen die ehrenamtlichen Kit-Mitarbeiter zum Einsatz. So schnell wie möglich, Tag und Nacht, solange wie nötig, und mit unglaublich viel Fingerspitzengefühl. Eine physisch und psychisch anspruchsvolle Aufgabe, die ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft, Belastbarkeit und Empathie erfordert. Von Kapitel zu Kapitel wird der Respekt vor dieser eindrucksvollen Leistung immer größer und kann letztendlich gar nicht hoch genug geschätzt werden. Das machen die Ausführungen von Frau Mundt sehr deutlich. Eine derartige Aufgabe geht nicht spurlos am eigenen Leben vorbei, öffnet den Blick für die wesentlichen Dinge im Leben und weckt Demut. Auch darauf geht die Autorin mit wunderbaren und nachdenklich stimmenden Worten ein.

Sterben und Tod sind Themen, die unbequem sind und gerne tabuisiert werden. Doch so einfach ist das nicht. Das Leben ist endlich und der Tod klopft irgendwann an jede Tür. Es ist für betroffene Angehörige sehr wichtig, dass sie ihre Trauer ausleben und dem gefühlten Schmerz Raum geben dürfen. Jeder Mensch reagiert anders auf den Tod eines geliebten Menschen und jede Reaktion ist richtig. Durch diese und noch viele andere ratgebende Hinweise kann dieses Buch eine wertvolle Hilfestellung sein für Betroffene, aber auch für diejenigen, die unsicher sind im Umgang mit trauernden Menschen.

Für mich persönlich war diese bewegende und eindringliche Lektüre eine bereichernde Leseerfahrung, die ich nicht missen und die ich jedem unbedingt ans Herz legen möchte. Ein informativer Anhang rundet das großartige Gesamtbild ab. Sehr gerne vergebe ich hiermit überzeugte, respektvolle und dankbare fünf Sterne!

Erste Hilfe für die Seele - Angélique Mundt
Erste Hilfe für die Seele
von Angélique Mundt
(5)
Buch (Paperback)
12,99

Ein Ende kann stets ein neuer Anfang sein.

Liane Marth / LimaKatze , am 04.08.2016

*** KLAPPENTEXT:
Sommer 1972 in der finnischen Provinz: Als sein Vater erkrankt, muss der 17-jährige Erzähler von einem Tag auf den anderen die Kindheit hinter sich lassen und die Ferienmonate auf dem Bau verbringen. Zwischen den erwachsenen und nicht selten verschrobenen Männern taucht er ein in eine völlig neue Welt. Und in den langen und hellen skandinavischen Nächten erscheinen bald auch die Frauen in einem ganz anderen Licht.

*** ZUM INHALT:
Die Erlebnisse des jungen Erzählers, im Roman bleibt er ohne Namen, wurden vom Autor aus der Ich-Perspektive erzählt. Dabei lässt er den Leser tief in die Gedankengänge seines liebenswerten Hauptprotagonisten eintauchen und die Zeit der Siebziger Jahre wieder aufleben. Die Zeit der Schlaghosen und Hotpants, lange Haare bei Männern und Frauen, Farben und Muster in den mutigsten Kombinationen, und, und, und... Der Drang der Jugend nach Veränderung war in den Siebzigern so groß wie nie zuvor, auch wenn das den wenigsten Eltern gefiel. Es war die Zeit, in der sich eine Jugend emanzipierte, die sich gegen auferlegte Regeln zur Wehr setzte und die ihre Ideen ausleben wollte im buntesten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.

Für all diese Dinge hat der siebzehnjährige Erzähler allerdings kaum Sinn und Zeit. Als sein Vater im Sommer 1972 schwer herzkrank und arbeitslos wird, sieht er sich gezwungen seine Eltern finanziell zu unterstützen. Kurzentschlossen nimmt er einen Ferienjob an, um die Schulden seines Vaters abzuarbeiten. Dort lernt er auch Rekku kennen, einen geistig behinderten jungen Mann, dem nicht nur die Arbeitskollegen, sondern auch der eigene Vater das Leben sehr schwer machen. Dem Erzähler aus dem Buch geht Rekkus Schicksal sehr nah und deshalb hilft und unterstützt er ihn, wo er nur kann.

Auf den Schultern des Siebzehnjährigen lastet mit alledem viel Verantwortung und er begreift sehr schnell, dass für ihn die Zeit der Kindheit mit diesem Sommer vorüber ist. Aus dem Jugendlichen wird ein Mann. Der Arbeitsalltag in der Firma und die neue Rolle innerhalb seiner Familie machen ihn selbstbewusster, eigenständiger und er lernt sich durchzusetzen. Gleichzeitig macht er in diesem Sommer der großen Veränderungen seine ersten Erfahrungen mit den Frauen. Doch nur eine ist es, die sein Herz erobern kann. Und ausgerechnet ihr gegenüber begeht er einen folgenschweren Fehler. …

*** MEIN FAZIT:
„Von Männern und Menschen“ war für mich wie eine gedankliche Zeitreise, die mir große Freude machte und eigene Jugenderinnerungen weckte. Der Erzähler und Hauptprotagonist, der im Buch nur „O“ genannt wird, wurde vom Autor Olli Jalonen sehr schön herausgearbeitet. Der Siebzehnjährige gewinnt mit seinem starken Charakter und seiner großherzigen Art sehr schnell die Sympathie des Lesers, auch wenn er manchmal beinahe schon zu perfekt erscheint. Gleichzeitig weht stets ein Hauch von Melancholie durch den Roman, verursacht durch die nachdenkliche und fast schon philosophische Art des Jugendlichen. Am Ende des Buches bleiben zwar ein paar Fragen offen, aber so ist es nun mal, nicht alle Angelegenheiten des Lebens klären sich für gewöhnlich im Laufe eines Sommers.

Obwohl ich die Geschichte ansich und vor allem den Hauptprotagonisten sehr mochte, gelang es mir während der Lektüre nicht immer beim Inhalt zu bleiben. Das Buch hat für meinen Geschmack doch einige Längen, und so manche sehr detailreiche Schilderung hätte vielleicht gekürzt werden oder sogar wegfallen können. Weniger ist eben manchmal mehr. Hinzu kommt, dass der vom Autor geschaffene Romanheld durch seinen pragmatischen Charakterzug eine überaus ruhige Erzählform hat. Das kann für den Leser mitunter etwas ermüdend sein. Demzufolge hätte dem immerhin 544 Seiten starken Roman ein etwas größerer Spannungsaufbau vielleicht gut getan, oder aber etwas mehr Emotionalität.

Trotz der von mir empfundenen Kritikpunkte möchte ich dennoch nur einen Stern abziehen, weil ich mit diesem Buch viele herzerwärmende Lesemomente hatte. Die Themen Freundschaft, Zusammenhalt und Menschlichkeit wurden in diesem vielschichtigen Roman sehr schön zusammengebracht, und deshalb legt man das Buch am Ende mit einem guten Gefühl zufrieden zur Seite. Neben der eigentlichen Handlung erhält der Leser außerdem einen Eindruck von der politischen Situation Finnlands in 1972. Ein informativer Anhang stellt Wissenswertes zur Verfügung und macht das eine oder andere Gelesene verständlicher. Die Vorzüge überwiegen hier also insgesamt gesehen bei Weitem, und deshalb vergebe ich letztendlich sehr gerne vier Sterne. Die einfühlsame Übersetzung aus dem Finnischen und die Erläuterungen im Anhang stammen übrigens vom Autor Stefan Moster.

Von Männern und Menschen - Olli Jalonen
Von Männern und Menschen
von Olli Jalonen
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

 
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