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Meine Bewertungen

Bevor man verschwindet muss man erst mal da sein

* Vivi * , am 25.05.2019

Friedemann Karigs „Dschungel“ ist voller Überraschungen. Die Ausgangssituation der Geschichte ist an sich nicht ungewöhnlich: Alltagschaos, Gefühlschaos, die Oberflächlichkeit einer Konsumgesellschaft in der heutigen, schnell gelebten Zeit, die großes Vertrauen in fertig gelieferte Dinge setzt. Und in seichte zwischenmenschliche Beziehungen. Zwei Freunde, die jungen Männer Felix und der „Herr Doktor“ bilden als Hauptfiguren eine winzige Therapiegruppe. Felix flüchtet, verschwindet aus Deutschland und macht sich auf eine alles entscheidende Reise nach Kambodscha. Sein Freund macht sich auf den langen, abenteuerlichen Weg, um ihn zu finden. Doch wo soll die Reise enden?

Die melancholischen Kindheitserinnerungen schaffen eine besondere Atmosphäre. Sie werden durch den Erzähler, den „Herr Doktor“, gefühlvoll wiedergegeben. Nach wenigen Jahren Abstand, im jungen Erwachsenenalter, kommen unterdrückte Emotionen auf die Oberfläche, die damals im Kindesalter keine besondere Bedeutung hatten.

Im Laufe der Erzählung vermittelt der Autor kluge Erkenntnisse und stark gesellschaftskritische Aussagen, die man je nach Situation ernst oder eben locker und leicht – vielleicht sogar mit wohl wissendem Augenzwinkern – nachempfinden kann. Doch die Gedanken über die Wahrnehmung der Realität und über die Entwicklung der modernen Zivilisation hinterlassen Nachklang.

Der philosophische, nachdenkliche Grundton macht diesen Roman besonders bemerkenswert. Die Reise ins unbekannte, für Europäer fremdartige Land, Kambodscha – im Vordergrund stets der „Herr Doktor“–, zeigt einen gut ausarbeiteten Entwicklungsweg, ein leises Ausbrechen aus dem grauen Alltag mit zynischem und nebenbei sehr intelligentem Spott geschmückt.

Wird es etwa erst im kambodschanischen Dschungel klar, was Freundschaft bedeutet? Muss man durch schweres Dickicht, um sich selbst zu erkennen, Zusammenhänge zu verstehen und Prioritäten zu setzen? Was riskiert man für einen besonderen Freund und welchen Preis zahlt man (gern) dafür?

Die ungekürzte Hörbuch-Version: Entsprechend der vom Autor vorgegebenen meditativ-nachdenklichen Szenen bringt der Sprecher, Fabian Busch, leise Gedanken, Hoffnung und Verzweiflung gleichermaßen sensibel näher. Sein kumpelhafter, frischer Ton verhilft zu einem außergewöhnlichen Hörbuch-Erlebnis.

Dschungel - Friedemann Karig
Dschungel
von Friedemann Karig
(47)
Hörbuch (CD)
17,79 bisher 21,99

Leidenschaftliche Verbrecherjagd im Poldi-Paralleluniversum

* Vivi * , am 21.05.2019

Tante Poldis Name ist wohl bekannt im Kreis der Liebhaber unterhaltsamer Krimikomödien und in der Reihe von Mario Giordanos Kriminalromanen erlebt die liebenswerte Bayerin bereits ihren Mordfall Nummer vier. Dabei sind sowohl ihr Wesen als auch ihre Methoden äußerst ungewöhnlich.

Tante Poldi ist eine waschechte Bayerin, ein Original mit scharfer Zunge und sie ist immer wild auf Alkohol und Sex – möglichst mit heißen, uniformierten Polizisten – und in einen Mordfall verwickelt sie sich grundsätzlich ohne wenn und aber. Kurz vor ihrem 60. Geburtstag gelingt es ihr sogar den Papst flachzulegen, obwohl es ursprünglich nicht ihr Plan war. Denn die Poldi ist da ganz und gar unschuldig, sie wollte ursprünglich nur nach Sizilien umsiedeln, um sich dort mit Meerblick gepflegt zu Tode zu saufen.

Aus der Mischung der deftigen bayrischen Redensart und italienischer Gegebenheiten ergibt sich eine kaum ernst zu nehmende, lustige Geschichte. In Schlagfertigkeit ist der Autor kaum zu übertreffen und er landet Satz für Satz einen gut pointierten Treffer, was die Lachmuskeln ins Äußerste strapaziert. Unmögliche Ereignisse und Altweiberweisheiten inklusive.

Die Abenteuer der unwiderstehlichen Hobbyermittlerin Isolde Oberreiter, alias Tante Poldi, in Begleitung von weiteren eigensinnigen Romanfiguren ergeben eine geniale, kurzweilige Geschichte mit einer stimmungsvollen Verbrecherjagd in Italien.

Tante Poldi und die Schwarze Madonna - Mario Giordano
Tante Poldi und die Schwarze Madonna
von Mario Giordano
(27)
eBook
9,99

Ein stürmischer Lebensweg, eine sympathische Frauenfigur

* Vivi * , am 30.04.2019

Es gibt eine neue starke Frauenheldin von Sabine Weiß. Im aktuellen Buch „Die Perlenfischerin“ tritt eine sympathische junge Dame, Ida, in den Vordergrund. An der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert wird sie bereits als kleines Kind Opfer eines Krieges und verliert bis auf ihr Leben alles. Ihr stürmischer Lebensweg bildet die Grundlage zum naturnahen historischen Roman.

Die Ereignisse verwickeln Romanhelden und Leser gleichermaßen in spannungsgeladene Szenen, bereits von der ersten Seite an ist die Geschichte fesselnd und dynamisch geführt. Die damalige Lebensweise und alte Gewohnheiten werden leicht nachempfindbar näher gebracht, sowohl in der städtischen als auch in der ländlichen Umgebung. Die Betrachtung der Natur mit dem Perlenfischen als hervorgehobenes Thema ist bildhaft und respektvoll.

Die Hauptfigur Ida fügt sich harmonisch in die Geschichte, ihr Auftritt wirkt stets authentisch, doch auch die anderen Romanhelden – ob Schurken oder Sympathieträger – kommen ausdrucksstark zur Geltung. Dabei bietet die Geschichte eine große Vielfalt an Emotionen, Abenteuern, Mystik, häufig wechselnden, lebhaften Kulissen, ohne die Chance auf die Berechenbarkeit des Ausgangs.

„Die Perlenfischerin“ ist eine abwechslungsreiche, dramatische Lektüre, beeindruckend und anspruchsvoll formuliert, reich an liebevollen und gut recherchierten Details. Jederzeit eine grandiose Leseerfahrung.


„Das Leben hatte sich in Schichten auf ihre Gesichter gelegt, so wie Perlmutt eine Muschel bedeckt...“

Die Perlenfischerin - Sabine Weiss
Die Perlenfischerin
von Sabine Weiss
(11)
Buch (Taschenbuch)
11,00

Eine Familienbande gegen die Welt

* Vivi * , am 10.03.2019

Die kinderreiche Familie Cardinal kämpft sich durch den düsteren kanadischen Alltag. Der Familienvater, ein glückloser Erzsucher, und die ständig erschöpfte „Muttermaschine“ versuchen ihre 21 Kinder in den Griff zu bekommen. Die Nachkommenschaft liefert täglich brutale Kämpfe, um sich gewisse Privilegien zu sichern, mal einen guten Schlafplatz, mal etwas Besseres zum Anziehen, oder einfach mal, um das Sagen zu haben. Armut bestimmt ihr Leben. Die Cardinals verbindet dennoch eine seltsame Art der Liebe. Diese ähnelt oft mehr der Loyalität als einer offen zugegebenen, gegenseitigen Anziehung und bleibt bis zuletzt unberechenbar.

Sauciers Sprache ist überwältigend. Schlicht und kompakt fasst sie die komplizierten Tatsachen zusammen. Die überwiegend schäbigen Verhältnisse im Haus der Cardinals erscheinen ausdrucksstark und sogar die kleinsten Details werden sensibel erfasst: Die zügellosen Gewaltausbrüche der Jugendlichen, Randale, Einschüchterung und Demütigung, die sich aus ihrer rauen Umgebung ergeben und von ihren täglichen familiären Kämpfen ernähren. Auch der feindselige Wohnort, Norcoville, trägt zur Grauer erregenden Grundstimmung bei. Die Cardinals wachsen zu ungeschliffenen Gesetzlosen heran, mit einer Ausnahme: Die junge Angéle lernt ein anderes Leben, einen möglichen Ausweg kennen.

Die Spannung um das Schicksal der engelhaften Angéle bleibt konstant erhalten und die Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt. Einige Cardinal-Kinder liefern ihre Beiträge als wild durcheinander gewirbelte Erinnerungsfetzen aus der Ich-Perspektive. Während der Zeitsprünge und bei den 21 Tauf- und Spitznamen, die abwechselnd zur Verwendung kommen, fällt die Konzentration oft schwer. Ein Anreiz bleibt stets präsent; die Illusion einer verzweifelten Flucht aus einem kaum erträglichen Leben. Ob die Familienmitglieder je „aus dem Familienfoto heraustreten können“ bleibt die abermals wiederkehrende Frage.

Ein leidenschaftlicher Roman, der lange in Erinnerung bleibt, in einer vorzüglichen Sprache geschrieben.

Niemals ohne sie - Jocelyne Saucier
Niemals ohne sie
von Jocelyne Saucier
(63)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Ewig leben oder für immer etwas tot sein

* Vivi * , am 23.02.2019

Schockierend fängt die Geschichte von Thomas Pierce an, die kurze Episode mit dem brennenden Hund wirkt genauso aufwühlend, wie der Patient, Jim Byrd, der in einem Krankenhaus zu sich kommt und seinen eigenen Tod nicht fassen kann. Es ist ja schließlich auch nicht ganz alltäglich, wiederbelebt zu werden.

In Jims Welt wird Sterben auf ein elektrisches Problem reduziert. Mit seinen zynischen Kommentaren kann er dennoch nicht ganz vernebeln, dass er aus seinem neuen Leben mit HeartNet (ein Herzimplantat – die Spitzentechnologie, die sein Herz am Laufen hält) eine Herzensangelegenheit macht. Trotz ironischen Bemerkungen fällt Jim der Umgang mit der gegebenen Situation schwer.

Am Rande der Verzweiflung entwickelt sich Jims Geschichte dennoch langsam zu einer sehr herzlichen Erzählung, die emotional auf festen Fundamenten ruht. Der persönliche Grundton des Ich-Erzählers ist bewegend und stellenweise verursacht er sogar Gänsehaut. Die mystischen Elemente, das Thema um das Leben nach dem Tod, ruhelose Geister, Todesfälle und beunruhigende Zukunftsvisionen sorgen für nachdenkliche und ebenso verwirrende Momente.

Sehr menschlich, sehr direkt und überwältigend.

Die Leben danach - Thomas Pierce
Die Leben danach
von Thomas Pierce
(55)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

Küchenmission in familiärer Atmosphäre

* Vivi * , am 19.12.2018

„Ofirs Küche“ ist ein buntes, persönliches Kochbuch. Der Autor veröffentlicht nicht nur Rezepte zum Nachkochen, sondern auch praktische Tipps und interessante Erfahrungsberichte aus seinem Leben. Das alles ist reich illustriert mit großformatigen Bildern; sowohl eine Darstellung von Lebensmitteln als auch von stimmungsvollen Momentaufnahmen aus der israelisch-palästinensisch-türkisch-arabischen Welt, unter anderem gibt es lebhafte Fotos von Märkten, Backstuben, Straßenszenen. Entsprechend konzentriert sich das Buch auf dieses (Küchen-)Gebiet, auf den Nahen Osten.

Ofirs Darstellung ist einladend: Sein Schreibstil ist offen und freundlich, seine Beschreibungen sind schlicht und somit sind die Anweisungen leicht umsetzbar. Die Leidenschaft zum Kochen lässt sich sofort wahrnehmen. Tatsächlich erkennt man den unkomplizierten, sympathischen Künstler und Filmemacher hinter den Zeilen. Dabei ziehen bereits die Namen der Gerichte magisch an, die man möglicherweise schon gekostet, doch nie selbst zubereitet hat – und zwar nach Anleitungen aus erster Hand.

Die Buchgestaltung und der Inhalt unterstützen eine angenehme Küchenstimmung und machen Lust auf die Gerichte. Keine Sorge, alle Zutaten sind hierzulande problemlos aufzutreiben.

Die Kombination aus Rezepten und persönlichen Geschichten ist eine gute Idee. „Israelisch-palästinensisch“ und „Familienrezepte“ sind wohl gewählte Schlüsselworte für eine kleine, persönliche und friedliche Mission in Deutschland: ein „kuscheliges“, internationales Beisammensein in Ofirs Küche mit lieben Grüßen aus Berlin.

Ofirs Küche - Ofir Raul Graizer
Ofirs Küche
von Ofir Raul Graizer
(63)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,00

Die Weihnachtsgeschichte mit den verkehrten Schafen

* Vivi * , am 19.12.2018

Die Schafe von Ulrich Hub sorgen für Heiterkeit in der Vorweihnachtszeit. Sie diskutieren untereinander die Geheimnisse der heiligen Nacht. Trotzdem sieht nichts einfach aus, irgendwie wird alles verkehrt dargestellt. Das Verschwinden der Hirten ist geradezu mysteriös, sogar UFOs könnten dabei eine Rolle spielen. Wo sie in Wahrheit sind, wissen wir doch alle und quittieren die Sichtweise der dummen Tiere mit einem Augenzwinkern. Genauso, wie viele andere Feststellungen, die etwas verwirrend klingen.

Hier geht es nicht um eine klassische Weihnachtsgeschichte. 'Das letzte Schaf' ist ein modernes Märchen, das die Einstimmung auf die Feiertage mächtig auflockert und öfters zum Lachen animiert. Dass der Autor seine Geschichte selbst liest (Hörbuch-Version), verleiht den Eindruck einer persönlichen Widmung. Seine angenehme Stimme und die lockere Erzählweise machen das Hörbuch zu einem Unikat.

Das letzte Schaf - Ulrich Hub
Das letzte Schaf
von Ulrich Hub
(72)
Hörbuch (CD)
9,19

Märchenhafte Realität

* Vivi * , am 20.11.2018

Ein leicht schimmerndes Buchcover lädt in eine märchenhafte Welt ein. Doch alles in diesem Buch passiert in einer realen Welt, auch wenn die Ereignisse immer wieder unnatürlich und zauberhaft vorkommen.

Harrys schweres Schicksal, der Verlust seiner geliebten Ehefrau, lässt den sympathischen Titelhelden höllische Qualen erleiden: Er fühlt sich schuldig, den Tod seiner Beth verursacht zu haben. Er flüchtet aus seinem gewohnten Alltag – beinahe führt sein Weg in den Selbstmord – doch er findet eine Möglichkeit, die Trauer zu verarbeiten und damit auch eine kleine Schicksalsgenossin zu unterstützen. Er regeneriert sich rasch, indem er in ein Baumhaus zieht, Wälder und Bäume liebt er von Kindheit an. Fortan wird sein Leben von Zufällen und Fügungen aufgewirbelt.

Eine wundersame Mission ist diese Geschichte auf jeden Fall. Doch nicht nur der sinngemäß perfekt übertragene deutsche Titel, sondern auch der feinfühlige Schreibstil des Autors verspricht eine beeindruckende Lektüre. Dabei spielen Bücher und Bäume eine große Rolle, diese sind der Schlüssel zum Glück. Diesbezüglich gibt es sogar einige herzerwärmende Weisheiten und Wortspiele, wobei „Baumgedanken“ einer der bestgelungenen Ausdrücke ist.

Im Laufe der Geschichte erleben die Romanhelden oft etwas Unwirkliches, Wunder geschehen in den Waldgebieten von Pennsylvania und deren Umgebung. Der Autor hat ein gutes Gefühl für das Fabelhafte in jeder realen Lebenssituation und mit der ironischen Betrachtung ernsthafter Dinge entschärft er häufig dramatische Umstände: Harry Cranes Abenteuer ergeben eine unterhaltsame, spannende Erzählung mit gut geformten Charakteren. Ein Buch zum Loslassen und zum Genießen.


„Weißt du, was noch wunderlicher ist als jedes Märchen? (…) Die Zufälle und Fügungen des Lebens.“

Die wundersame Mission des Harry Crane - Jon Cohen
Die wundersame Mission des Harry Crane
von Jon Cohen
(55)
Buch (Paperback)
15,95

Ein liebevoller Frauenroman

* Vivi * , am 24.10.2018

Tracy Rees kann man nur gern haben. Die junge Schriftstellerin trifft grundsätzlich den richtigen Ton, sie fällt sofort mit ihrer stilsicheren, gehobenen Sprache auf und wählt geschickt auch diesmal ein Thema, das einen richtig guten Frauenroman ausmacht: Liebe und wieder gefundenes Glück. Romantisch, entzückend englisch, vor einer atemberaubenden, nostalgischen Kulisse. Auch bei „Die Sonnenschwestern“ ist das der Fall.

Die Geschichte einer liebenden Mutter und einer verzweifelten Tochter ist rührend und spannend zugleich. Auf zwei Zeitebenen verlaufen die Ereignisse zu einem gemeinsamen Faden. Im Grunde genommen handelt es sich um eine eher alltägliche Erzählung, doch Tracy Rees verleiht dem unscheinbaren englischen Alltag eine Menge Spannung und eine besondere Eleganz, somit wirkt das Buch von Anfang an unwiderstehlich.

Zu erwarten sind keine großen emotionalen Ausbrüche, still und zurückgenommen führt die Autorin durch alle Widrigkeiten zweier Frauenschicksale. Mit der stimmungsvollen Vorstellung des walisischen Ortes Tenby und dem betörenden Duft der Welsh Cakes rundet sie die Erzählung liebevoll ab.

Die Übersetzung von Elfriede Peschel ist wieder so treffend und bewundernswert!

Die Sonnenschwestern - Tracy Rees
Die Sonnenschwestern
von Tracy Rees
(67)
Buch (Paperback)
15,00

Die Welt steht auf dem Kopf in Juris Welt

* Vivi * , am 21.08.2018

Der 12,5-jährige Hauptstadtzoo-Bewohner, Juri, plappert ununterbrochen. Er berichtet putzig über sein abenteuerliches Leben in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Er ist kindlich, unschuldig, versteht wohl noch nicht ganz, wie Sozialismus und Kommunismus funktionieren und kennt keine Angst. Er verzaubert mit seinen ehrlichen, direkten Worten.

Aus der Geschichte sticht eine seltsame Zuversicht heraus. Alles wird mit althergebrachten Sprüchen abgetan: „Es gibt Schlimmeres im Leben.“ Und nebenbei wird alles, was Juris Papa behauptet, bedingungslos akzeptiert. Schließlich ist Denken nutzlos und gefährlich. Das ist wohl eine bewährte Methode zum Überleben in einer lebensbedrohlichen politischen Situation. Unter gar keinen Umständen wird eine eigene Meinung formuliert oder laut ausgesprochen.

Die schrille Weltordnung des aufgeweckten, doch unfallbedingt behinderten Jungen und die radikalen, teils sogar unanständigen Formulierungen des Autors klingen lustig, doch hinter diesen makaberen Aussagen versteckt sich die gnadenlose Realität, die keine der Romanfiguren wahrhaben möchte. Selbst heitere Feierlichkeiten und ein anscheinend unbegrenzter Zugang zu Konsumgütern – was zugegebenermaßen nicht der russischen Alltagssituation der 1950er Jahre entspricht – können die bedrückende Grundstimmung nicht verschleiern.

Teils wird man von dubiosen Ereignissen überrascht und man erklärt sich diese Situationen gern mit gewagten Fantasien eines Autors – sozusagen betrachtet man die von der Ideologie rechtfertigte Brutalität als manipulative Spielchen einer bewusst gestalteten Geschichte. Doch dabei schlüpft man unbemerkt in die Rolle eines naiven Lesers, voller Hoffnung auf ein Happy End.

Der Einblick ins gesteuerte und gelähmte Leben eines Volkes in der Sowjetrepubliken trifft die Leser schonungslos. Dennoch: Juris kindlich ungetrübte Einstellung zum Leben und sein ungewöhnlicher Gedankenstrom ergeben eine seltsame, spannende Erzählung.

Guten Morgen, Genosse Elefant - Christopher Wilson
Guten Morgen, Genosse Elefant
von Christopher Wilson
(65)
Buch (gebundene Ausgabe)
19,00

 
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