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BuchhändlerInnen im Portrait

Dirk Bluhm
aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen

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Philip Roth, William Boyd, Stewart O`Nan, Colum McCann, T.C: Boyle

Meine Empfehlungen

Einmal Brooklyn, immer Brooklyn!

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 14.04.2019

Da schon viele hoch dekorierte Lektüren von mir enttäuscht in die Ecke gepfeffert wurden ( geht mit e-books leider nicht ganz so gut), trete ich diesen Werken oft mit einer Portion Skepsis entgegen. Aber der in jeder Hinsicht außergewöhnliche Krimi "Motherless Brooklyn" von Jonathan Lethem wurde zu Recht mit den höchsten Auszeichnungen seines Genres, wie dem Dagger und Circle Award geehrt. Brooklyn in den 1970er Jahren hatte nicht gerade das Image einer schmucken Wohngegend, und das Viertel, in dem das St.Vincents Waisenheim liegt, aus dem der Protagonist Lionel stammt, rangiert am untersten Ende der Skala. Kein Wunder also, dass die Freude bei Lionel und drei jugendlichen Leidensgenossen unbeschreiblich ist, als Frank Minna sie aus der unwirtlichen Verwahranstallt holt, um ihnen ein neues Heim zu geben. Zwar entpuppt sich der scheinbare Messias Frank als Kleinganove, der seine "Kinder" für kriminelle Geschäfte einspannt, aber mit den Jahren schafft der sympathische Looser Frank es doch, allen ein heimeliges Gefühl von Familie zu geben. Für Lionel, der wegen eines schwer ausgeprägten Tourette-Syndroms ( im Zweifel, wie ich bitte googeln) immer unterschätzt wurde, bricht die heile Welt zusammen, als sein väterlicher Freund Frank getötet wird. Völlig auf sich allein gestellt, beginnt er zu ermitteln und verstrickt sich immer tiefer in die Unterwelt Brooklyns. Jonathan Lethem fesselt uns gleich mit zwei einzigartigen Protagonisten: das düstere Brooklyn, das wir trotz Paul Auster oder Lou Reed, neu entdecken, und Lionel, der im Laufe der Story eine solche Metamorphose durchlebt, dass selbst ein hart gesottener Leser wie ich Mal feuchte Augen bekommt. Ein tolles Buch, dass es zur Freude der Geldbörse als Taschenbuch gibt. Unbedingte Empfehlung!

Motherless Brooklyn - Jonathan Lethem
Motherless Brooklyn
von Jonathan Lethem
(4)
Buch (Taschenbuch)
9,95

Plädoyer der Menschlichkeit

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 24.03.2019

Es gibt keinen aktuellen Anlass, dass an dieser Stelle ein über dreißig Jahre alter Roman empfohlen wird: Das Werk wird weder von Netflix noch von Hollywood verfilmt, zudem ist der Autor nicht gestern sondern schon mit Beginn dieses Jahrtausends gestorben. Der Grund ist sehr profan und für mich ein Glücksfall. Während eines Krankenhausaufenthaltes sprang mich in der dortigen Bibliothek zwischen Simmel und Konsalik das Cover eines Buches an, dass ich - wie so viele Bücher- immer schon lesen wollte, aber immer drängten sich die Neuerscheinungen des Frühjahres und Herbstes auf. Jetzt aber hatte ich genügend Zeit für "Die schöne Frau Seidenmann" von Andrzej Szczypiorski. Ein unvergessliches Rendezvous! Szczypiorski, sowohl in Warschau geboren, als auch dort gestorben, schildert in diesem einzigartigen Buch die Zeit der deutschen Besatzung bis hin zum Aufstand im Warschauer Ghetto. Ein Panoptikum von über 20 Figuren bevölkert diesen prallen Roman, der vor Leben nur so strotzt, obwohl der Tod -ein Meister aus Deutschland - allgegenwärtig ist. Im Zentrum steht die wunderschöne, blonde und blauäugige(!) Jüdin Seidenmann und der junge Pawelek, der sie ebenso heiss begehrt, wie viele ihrer Nachbarn. Ebenso treten auf: Henio, ein Junge, der lieber ins Ghetto zurück geht, als sich weiter zu verstecken,; der einfache Schneider Kujawski, der sich zum Kunstliebhaber und Widerstandskämpfer wandelt; der Schönling und Denunziant Lolo, der selbstlose Schurke...
Dieses Buch ist jenseits von Sentimentalität und Betroffenheitsliteratur, sondern besticht durch die sprachliche und literarische Qualität, mit der Szczypiorski uns sowohl die unvergessenen Charaktere als auch die Vielzahl der Geschichten so nahe bringt, dass sich wohl kaum ein Leser der Magie des Romans entziehen kann. Als Buchhändler versuche ich meist - in nicht missionarischer Absicht -das richtige Buch zur richtigen Zeit für die richtige Person zu finden. Für "Die schöne Frau Seidenmann" möchte ich eine Ausnahme machen, und es wirklich jedem empfehlen. Müsste ich eine Liste der 20 Bücher, die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist, erstellen (als kläglicher Ersatz eines literarischen Kanons, an dem schon der große Reich-Ranicki scheiterte), dieses Buch wäre drauf. In der Hoffnung, vielleicht ein oder zwei neue Leser dem Roman zuzuführen.

Die schöne Frau Seidenman - Andrzej Szczypiorski
Die schöne Frau Seidenman
von Andrzej Szczypiorski
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
12,00

Die Stadt der Spießer

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 12.02.2019

Castle Rock, eine fiktive Kleinstadt in Maine und Handlungsort einiger Erzählungen von Stephen King, ist auch Schauplatz dieser äußerst warmherzigen Geschichte. Man kennt, mag und hilft sich wo es nur geht. Alle Einwohner sind ehrenamtlich in Komitees, Ausschüssen und Gremien tätig, damit es sowohl beim jährlichen Stadtlauf als auch zu Halloween gesittet zugeht. Doch wehe dem, der das amerikanische Idyll der republikanischen Spießer stört. So ergeht es auch einem jungen lesbischen Ehepaar. Deidre und Missy versuchen schon seit einiger Zeit vergeblich, sich mit einem vegetarischen Restaurant eine Existenz in Castle Rock aufzubauen. Sie werden nicht nur ignoriert - tatsächlich herrscht blanker Hass und eine Homophobie, die sich auch Mal in entwürdigenden Tiraden entlädt. Nur Scott, der Nachbar mit eine mysteriösen Krankheit - er nimmt täglich bis zu einem Kilo ab, ohne äußerliche Veränderungen - hinterfragt das Althergebrachte, sucht den Kontakt zu den beiden und mischt sich ein. Stephen King, der in jeder Hinsicht phantastische Erzähler und auch Meister der kurzen Prosa, scheint nun auch mit einer Altersweisheit gesegnet zu sein, die es ihm ermöglicht Abstrakta wie Toleranz, Courage, Menschlichkeit, Freundschaft und Gemeinschaft mit Leben zu füllen. Da, wie bekannt, gut gemeint oft das Gegenteil von gut gemacht ist, scheitern diese literarischen Versuche der Weltverbesserung oft kläglich. Aber King hat eine wundersame und wunderschöne Geschichte geschrieben, die zu einen besseren Verständnis der USA unter Trump führt, als viele Sachbücher und Biographien es Vermögen.

Erhebung - Stephen King
Erhebung
von Stephen King
(38)
Buch (gebundene Ausgabe)
12,00

Lasst Blumen sprechen

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 09.02.2019

Eliza Doolittle war bislang die einzige Blumenverkäuferin die mir in der Literatur untergekommen ist. Ursula Poznanski hat nun in ihrem neuen Krimi für Erwachsene "Vanitas" die düsterere Variante einer Blumenverkäuferin ins Leben gerufen. In ihrem früheren Leben war Carolin ein Polizeispitzel in gefährlicher Mission. Mit knapper Not, vielen Blessuren und neuer Identität konnte sie den Klauen der Russischen Mafia entkommen, um nun auf dem Wiener Zentralfriedhof Sträuße und Kränze unters meist trauernde Volk zu bringen. Nach einem Jahr ist nun aber ihre Schonzeit vorbei und sie bekommt einen neuen, scheinbar einfachen Auftrag, den sie nur widerwillig annimmt. In München soll sie sich mit Tamara, einer jungen Frau und Spross der Baufirmen-Dynastie Lambert anfreunden. Sie könnte der Schlüssel zu einer Reihe mysteriöser Todesfälle sein, die sich auf Baustellen ereignet haben. Immer tiefer verstrickt sich Carolin in den Fall und lernt eine mörderische Familie mit vielen seltsamen Angehörigen kennen. Die Story rund um Familiengeheimnisse in höheren Kreisen und Machenschaften im Baugewerbe ist interessant, kommt allerdings nur langsam in Fahrt. Auch Carolin, die Blumenverkäuferin mit düstere Vergangenheit und schlagkräftiger Zukunft birgt viel Potential, das leider noch nicht richtig ausgeschöpft wird. Auf mich wirkt das Buch leider etwas umausgegoren und flüchtig niedergeschrieben. Da "Vanitas" der Auftakt einer neuen Reihe ist, hoffe ich, dass die Autorin der unkonventionellen Heldin zu mehr Tiefe und den Lesern zu mehr Spannung verhelfen kann. Mit dieser positiven Erwartung gibt es 3,5 Sterne von mir.

Vanitas - Schwarz wie Erde - Ursula Poznanski
Vanitas - Schwarz wie Erde
von Ursula Poznanski
(106)
Buch (Paperback)
14,99

Das Ende der Unschuld

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 09.02.2019

Nach dem Sensationserfolg von "Ein wenig Leben" nun der mit Spannung erwartete zweite Roman von Hanya Yanagihara. Da "Das Volk der Bäume" schon 2013 in amerikanischer Originalausgabe erschien, ist es aber ein älteres Buch, das der Hanser Verlag nachgeschoben hat. Der Roman hat mich ratlos und etwas verstört zurück gelassen. Es läuft nicht unter spoilern, wenn man anmerkt - wie es schon der Klappentext und die ersten Seiten des Buches verraten - dass es sich bei dem Protagonisten Norton Perina um eine mehr als ambivalente Figur handelt. Einerseits ein genialer Wissenschaftler, Forscher und Abenteurer, andererseits ein Pädophiler, der seine düstere Seite auch auslebt. Erzählt wird die Geschichte des jungen Mediziners, der sich in den 1950er Jahren einer Expedition anschließt, um auf einer Insel in Mikronesien dem Mythos eines unentdeckten Naturvolkes nachzugehen. Tatsächlich entdeckt die kleine Forschergruppe einen bislang unbekannten Stamm. Zudem löst Perina auch noch das medizinische Rätsel um die scheinbare Unsterblichkeit einiger Mitglieder der Einheimischen, wofür er später sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Yanagihara zieht uns mit einer Sprachgewalt und Imaginationskraft buchstäblich in den Dschungel eines Wissenschaftthriller, in dem wir uns im besten Sinne verlieren können. Außerdem wirft sie Fragen von großer philosophischer und ethischer Wucht auf: Wenn ein großer Mann schreckliche Dinge tut, ist er dann noch ein großer Mann? Was darf Wissenschaft? Dürfen alte Strukturen unter dem Deckmantel des Fortschritts zerstört werden? Also eigentlich ein Fünf-Sterne-Buch... wenn es sich nicht um die fiktiven Aufzeichnungen von Perina handeln würde, und der Roman nahezu ungefiltert die Ichperspektive des monströsen Wissenschaftlers spiegelt. Auch das wäre zu akzeptieren, wenn die Autorin den Erzähler quasi sich selbst der Lebenslüge überführen ließe. Allerdings wirkt es auf mich so, als sollen - abgesehen von den ersten und letzten Seiten des Buches - die Verfehlungen und die düstere Seite des Protagonisten vor dem hellen Schein des genialen Wissenschaftlers völlig verblassen. Dies ist auch der auf mich verstörend wirkende Teil des Buches. Aber: Die einen sagen so, die anderen so. Wem die "Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann gefallen hat, und wer bei bei den Stichworten Entdecker, Forscher, Abenteurer die pawlowschen Glocken läuten hört, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Ich bin auf jeden Fall gespannt, welches Echo das Buch auslösen wird.

Das Volk der Bäume - Hanya Yanagihara
Das Volk der Bäume
von Hanya Yanagihara
(53)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,00

Mother's little helper

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 23.01.2019

Der Roman "Das Tal der Puppen" war eine echte Sensation in den USA, verkaufte sich millionenfach und galt vielen Kritikern als obzön und skandalös. Natürlich ging es um Sex und Drogen, aber auch um das verruchte Showbusiness in New York und Hollywood. Allerdings ist dies schon über 50 Jahre her, und bekanntlich hat sich die Welt gerade auf diesen Terrains besonders schnell gedreht. Die Erotik im Buch geht heute nicht einmal als Blümchensex durch. Die Drogen sind zwar gefährliche, aber literarisch gesehen, langweilige Pillen, die dem gesunden Schlaf dienen und den Appetit zügeln. Wer sich also auf einen ausschweifenden Roman gefreut hat, wird das Buch als Rohrkrepierer in die Ecke legen. Dass es sich trotzdem um ein unglaublich unterhaltsames und faszinierendes Werk handelt, liegt daran, dass Jacqueline Susann ihre drei Heldinnen Anne, Jennifer und Neely regelrecht in Situationen schmeißt, und wir sie über 20 Jahre, von 1945-1965, begleiten: bei ihrer Suche nach dem Glück, dem Streben nach Erfolg oder dem Kampf ums Überleben. Die drei jungen Frauen werden auf unterschiedliche Weise im Film, am Broadway oder in der Kosmetikbranche Karriere machen, nur um im nächsten Kapitel des Romans wieder abzustürzen. Die Autorin hat Figuren aus Fleisch und Blut geschaffen, denen unsere Sympathie von Beginn an gehört. Emotionen werden groß geschrieben und entladen sich in facettenreichen Dialogen, die Mal bösartig, Mal anrührend aber immer höchst unterhaltsam sind. Dass Jacqueline Susann selbst Schauspielerin war und die damalige Szene kannte, gibt der Story eine Authentizität, die jeden Zeitgeist überlebt. Viele literarische "Schätze", die Verlage heben, hätte man gerne noch ein abgeschiedenes Leben in der Versenkung gewünscht, aber "Das Tal der Puppen" enthält etliche Perlen, an denen sich - da bin ich ganz sicher- viele Leserinnen und Leser ihre Freude haben werden.

Das Tal der Puppen - Jacqueline Susann
Das Tal der Puppen
von Jacqueline Susann
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 03.01.2019

Dass Michael Ondaatje zu den vielschichtigsten und interessantesten Gegenwartsautoren zählt, hat er auch nach " Der englische Patient" in seinen weiteren Romanen bewiesen, die -man muss es ja leider sagen - nicht mehr die mediale Aufmerksamkeit bekommen haben, wie der Megaseller aus den 90er Jahren. Ebenso wie bei Harry Potter, weiss ich aber nicht mehr genau, ob ich mich beim englischen Patienten an den Blockbuster oder die Literaturvorlage erinnere. Falls sein neuer Roman "Kriegslicht" verfilmt wird, kann ich mir den Streifen aber nur in schwarz-weiß vorstellen. Zu düster die Szenerie 1945 in zerstörten Straßenzügen Londons, nächtliche Fahrten mit einem alten Kahn über Nebenarme der Themse und verlorene Seelen, die erstaunlicher Weise nach dem Krieg jegliche Orientierung und Halt verloren haben. Erstaunlich deshalb, weil die meisten Protagonisten während des Krieges in Geheimdiensttätigkeiten verwickelt waren, die sie offensichtlich zu höchster Leidenschaft, Kreativität und Sinnstiftung antrieben. Bleibt zu hoffen, dass der Autor uns damit keine versteckte Botschaft mit auf den Weg gibt. Das Buch lebt aber eindeutig von der Atmosphäre und der Perspektive seines "Helden" Nathaniel. Der 14 jährige Junge wird von heute auf morgen von seinen Eltern verlassen, und zusammen mit seiner Schwesten Rachel in die Obhut eines scheinbar dubiosen Kleinkriminellen namens Falter gegeben, der einen weiteren Sonderling, den "Boxer", eine mindestens ebenso zwielichteGestalt, seinen besten Freund nennt. Diese illustre Gesellschaft übernimmt nun die eigenwillige Erziehung. Ebenso wie bei Mary Poppins, gelingt es aber auch Falter und seinen Spießgesellen, nach und nach das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Für Nathaniel wird dieses Jahr, das abenteuerlichste und prägendste seines Lebens.Bis ebenso unverhofft die Mutter ohne Erklärung und Entschuldigung wieder auftaucht. Viele Jahre später begibt Nathaniel sich auf Spurensuche, um die Geheimnisse seiner Mutter und Gestalten der elternlosen Zeit zu ergründen. Ondaatje führt uns, wie schon in seinem lesenswerten Roman " Katzentisch", wo das elfjährige Kind Michael alleine eine dreiwöchige Kreuzfahrt von Sri Lanka nach England unternimmt, in eine Laborsituation, in der seine jungen Romanfiguren in einem Schwebezustand zwischen Traum und Alptraum, die wichtigsten Phase ihres Lebens erfahren. Als Leser wird uns viel abverlangt, da der Roman sich wie ein Mosaik aus vielen Teilen zusammensetzt, die ersteinmal sortiert werden müssen. Das erfordert Geduld, die sich aber auszahlt, da Ondaatje ein großartiger Erzähler ist, der uns in "Kriegslicht" ganz still und heimlich von einer coming-of-age story in einen Agententhriller rutschen lässt. Ein durch und durch literarisches Buch, was sowohl Empfehlung als auch Warnung ist.

Kriegslicht - Michael Ondaatje
Kriegslicht
von Michael Ondaatje
(32)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

Ehr als ein Leben

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 25.12.2018

Dank der TV- Serie " Väter der Klamotte", die seit Anfang der 70er Jahre Slapstick-Schnipsel und Kurzfilme aus der Stummfilm für ein junges Publikum aufbereite, wurde ich einer der größten Fans von Stan Laurel, noch bevor Otto der komödiantische Held meiner Jugend wurde. John Connolly hat nun einen großartigen Roman über den Ausnahmekünstler geschrieben, der zudem auch eine Hommage an die Anfänge Hollywoods ist. So wie Stan Laurel kamen viele Stummfilmstars vom Vaudeville Theater und schlugen sich durch beschwerliche Tourneen in zweitklassikern Musical Halls und drittklassigen Hotels mehr schlecht als recht durchs Leben. Und ebenso wie ein ganzes Heer an Schauspielern für das neue Genre verheizt wurde, drohte auch Stan, der talentierte aber relativ erfolglose Komiker, sich in den Bildern, die gerade laufen lernten, zu verlieren. Zu übermächtig schien die Dominanz der Giganten, wie Charlie Chaplin, Harold Lloyd oder Buster Keaton. Doch als er mit Oliver Hardy ein einzigartiges Duo bildet, kommt eine unvergleichliche Karriere in Gang. John Connolly lässt in seinem Roman den alten Stand Laurel auf sein Leben zurück blicken, nicht immer chronologisch, manchmal assoziativ aber immer interessant. Wir erfahren viel über eine spannende Epoche, über die Entwicklung der Filmstudios und über eine Freundschaft, die über den Tod hinaus geht ( zumindest für Stan Laurel). Während Stan und Olli im Privaten durch Skandale, unzählige Affären, Spiel - und Alkoholsucht immer wieder zurück geworfen werden, gibt es eine große Konstante im Chaos: ihre tiefe Freundschaft. John Connolly schreibt ohne Nostalgie und ohne Schmalz, sondern teilweise verknappt und anfangs gewöhnungsbedürftig, da er gefühlt nur Hauptsätze benutzt. Aber gerade dieser eigenwillige Stil gibt der gut recherchierten Story einen würdigen Rahmen. Kein Buch zum schnellen Weglesen, dafür aber eines zum Festlesen. Außergewöhnlich!

Stan - John Connolly
Stan
von John Connolly
(24)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

Der Weihnachtsmann bringt den Tod

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 11.11.2018

Der Schmetterling von Gabriella Ullberg Westin ist der Auftakt einer neuen Krimireihe aus Skandinavien und der erster Auftritt von Kriminalinspektor Johan Rokka. Nach 20 Jahren als Polizist in Stockholm kehrt Johan Rokka in seine 300 Kilometer entfernte, etwas verschlafene Heimatstadt Hudiksvall zurück, um...ja warum eigentlich? Alle Kontakte abgebrochen, die Wache eine kleine, chronisch unterbesetzte Klitsche und selbst die Eltern verbringen ihren Lebensabend lieber im sonnigen Spanien. Ein Karrieresprung sieht anders aus. Es werden auch Abgründe in Johans Vergangenheit angedeutet, doch bevor wir uns in diese stützen dürfen, klingelt Heilig Abend sein Telefon. Die Frau des berühmtesten, verlorenen Sohnes von Hudiksvall des Weltfussballer Mans Sandin -wie Johan ein Heimkehrer- wurde getötet. Sie erwartete ihren Gatten als Weihnachtsmann verkleidet, aber stattdessen kam das Böse im Kostüm und tötete sie vor den Augen der Kinder. Da fragen wir uns alle , wer macht denn so was? Motive gibt es viele: natürlich war die scheinbare Musterehe nur Fassade, Mans zudem vielleicht in illegale Wettgeschäfte verwickelt, und die erfolgreichen Jahre beim AC Florenz können auch Licht ins Dunkle bringen. Eine persönliche Note bekommt die Geschichte, da Mans und Rokka einst auf dem matschigen Acker von Hudiksvall in der gleichen Jugendmannschaft gekickt haben. Der Schmetterling ist ein äußerst spannendes Buch mit Tiefgang, einigen interessanten Charakteren, die uns in den nächsten Bänden sicherlich begleiten werden, und ein Versprechen für die Zukunft, da ja Johan Rokka auch am Ende noch ein fast unbeschriebenes Blatt ist, das noch gefüllt werden muss. Also, wer einen Schwedenkrimi in bester Tradition lesen möchte, liegt hiermit genau richtig.

Der Schmetterling - Gabriella Ullberg Westin
Der Schmetterling
von Gabriella Ullberg Westin
(118)
Buch (Paperback)
14,99

Ein Drahtesel als Zeitmaschine

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 28.10.2018

Falls Sie einen Flug nach Lanzarote gebucht haben, warten Sie bitte mit der Lektüre bis nach dem Urlaub. Oder Sie haben eine gute Reiserücktrittsversicherung. Henning, der "Held" des Romans hat - einem unbestimmten Impuls folgend - für sich, seine Frau und die beiden Kinder einen Urlaub auf Lanzarote gebucht. Nicht nur, um im Winter der Kälte zu entfliehen, sondern auch um sich seinem Dämon, dem "ES", wie er es nennt, zu stellen. ES, das sind die immer wieder kehrenden Angstzustände und Panikattacken, die Henning anfallen, und ihm zunehmend die Kontrolle über sein Leben nehmen. Juli Zeh taucht tief in die Psyche ihres Protagonisten ein, und stellt uns einen Familienvater vor, der scheinbar alles hat, und doch innerlich zerrissen und hinter einer selbstsicheren Fassade auch völlig verunsichert ist. Mir Henning haben wir also einen Typus, der sicherlich exemplarisch für viele Männer steht. Am Neujahrsmorgen setzt Henning sich einem selbstgewählten Martyrium aus: Er will unter widrigsten Umständen mit dem Fahrrad den Berg hinauf nach Fermés bezwingen. Das Buch beginnt mit diesem Trip, und wir folgen einem Strom aus Gedanken, Halluzinationen und Assoziationen, der uns Henning näher bringt, als jede Personenbeschreibung es könnte. Als er den Gipfel erreicht, trifft ihn eine Erkenntnis, wie ein Schlag: Er war als kleines Kind schon einmal an diesem Ort. Damals sind unglaubliche Dinge vorgefallen, die er verdrängt hatte, und die vielleicht der Schlüssel für seine labile Psyche sind. An diesem Punkt erfahren wir von einer Urlaubsidylle, die für zwei Kinder zum Höllenort wurde und ihr Leben für immer veränderte. Diese Story aus Hennings Kindheit ist sowohl unglaublich beklemmend als auch absolut faszinierend. Auch wenn ich bezweifle, dass die Autorin mit den Geistern der Vergangenheit, die Komplexität einer Person erklären kann, die sich zwischen den Ansprüchen, die der Beruf, die Gesellschaft und die Familie an ihn stellen, aufreibt, hat Juli Zeh mit Neujahr einen Roman mit Nachhall geschrieben, der nach Reflexion schreit. Fazit: Klasse

Neujahr - Juli Zeh
Neujahr
von Juli Zeh
(52)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00