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BuchhändlerInnen im Portrait

Meine Lieblingsbuchhändler

Dirk Bluhm
aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen

Gesamte Empfehlungen 201 (ansehen)

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Philip Roth, William Boyd, Stewart O`Nan, Colum McCann, T.C: Boyle

Meine Empfehlungen

Zwischen Krieg und Liebe

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 10.05.2020

Zwei Fragen beschäftigen Historiker seit einigen Jahren: 1.Gab es Archilles wirklich? 2. Sah es aus wie Brad Pitt im Film Troja? Natürlich Nonsens, aber die Griechische Mythologie fasziniert uns bis heute, und Madeline Miller hat mit ihrem Debütroman "Das Lied des Achill", der Geschichte rund um den Trojanischen Krieg eine Frischzellenkur verpasst, die ein neues Licht auf das bekannten Geschehen wirft und uns mit Archilles und Patroklos eine Liebesgeschichte von unglaublicher Tiefe präsentiert. Das zarte Pflänzchen der Freundschaft kann in den ersten Jahren zwischen den beiden Jünglingen gedeihen; erst mit dem Raub Helenas und dem Ausbruch des Trojanischen Krieges muss sich der Halbgott und geborene Kämpfer Achill zwischen Ruhm, Ehre, Erwartungen, Prophezeiungen und seinen Gefühlen entscheiden. Wahrlich eine Tragödie griechischen Ausmaßes. Dieser Roman ist große Literatur und trotzdem mit leichter Hand geschrieben. Da sich Miller sehr nah an der Sage hält, kann sie sich ganz auf ihre Charaktere konzentrieren, und so werden auch aus Nebenfiguren wie den listigen Odysseus und dem starköpfigen Agamemnon Menschen aus Fleisch und Blut. Das Buch kann ich jedem empfehlen, besonders denen, die sich nicht durch Homers Epos oder den guten aber etwas angestaubten Nacherzählungen von Gustav Schwab arbeiten möchten. Falls es Sie trotzdem nicht interessiert, schenken Sie es einer Person, von der Sie meinen, es könnte sie interessieren - und Sie haben einen Freund oder eine Freundin für's Leben gewonnen.

Das Lied des Achill - Madeline Miller
Das Lied des Achill
von Madeline Miller
(39)
Buch (Paperback)
16,99

Max und Moritz und die Fürsorge

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 03.05.2020

Ach, was muss man oft von
bösen
Kindern hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
welche....
....Roman und Edgar hießen!

Ja, dieses - fanden wir gleich mit dem Fazit an - einfach großartige und ebenso schockierende Buch, liest sich zu Beginn wie ein Schelmenroman in den frühen1970er Jahren, die, zumindest in der Provinz, nichts mit dem Glam Rock Flair der angesagten Musik von David Bowie, Sweet oder T-Rex gemein hatten, sondern mehr an die bleierne Zeit vergangener Tage erinnerten. Der Mief Adenauers scheint noch aus dem Kleiderschrank zu strömen. Ganz zu schweigen von Bob Dylan, dessen Verkündung einer neuen Zeit nicht bis ins Dorf gedrungen ist, und auf den Maifesten die musikalische Untermalung von Heino und Michael Holm bestritten wird, die entweder auf der Suche nach der schwarzbraunen Haselnuss sind, oder die traurige Gewissheit unters Volk bringen, dass Tränen nicht lügen. Die beiden freiheitsliebenden und kurz vor der pickeligen Phase stehenden Brüder Roman und Edgar, die scheinbar unter dem Schutzschirm der sicheren bürgerlichen Existenz der Eltern stehen - da Mutter in einer Lottebude die Hoffnung auf Glück verkauft und Vater als Bäcker seine Brötchen verdient - entfliehen der Tristesse, in dem sie auf Hausdächern Unfug treiben und sich auch Mal aus Neugier unerlaubten Zutritt in eine anderen Wohnung verschaffen. Big Brother ist hier die "Fürsorge" und ein Dorfpolizist mit haselnussbrauner Vergangenheit. Das Damoklesschwert ist das "Heim", dessen düsteres Gebäude die beiden von aussen gut kennen, aber aus dessen Mauern abgesehen von Furcht einflößenden Gerüchten nichts an die Öffentlichkeit dringt. Als dann die Ehe der Eltern in Schieflage gerät, streckt der Staat seine Klauen nach den Brüdern aus. Es kommt wie es kommen muss... aber Edgar und Roman liegt die Opferrolle nicht.
Willi Achtens Buch könnte mit vielen Labels etikettiert werden: Gesellschafts-, Coming-of-age-, Erinnerungs- oder auch Aufklärungsroman. Auf jeden Fall schreibt hier ein toller Autor, der nicht nur etwas zu sagen hat, sondern es durch seine glasklare Prosa und Sprachgewalt auch kann. Ich wünsche dem Buch viel Glück und den Lesern beste Unterhaltung.

Die wir liebten - Willi Achten
Die wir liebten
von Willi Achten
(10)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Einmal Brooklyn, immer Brooklyn!

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 14.04.2019

Da schon viele hoch dekorierte Lektüren von mir enttäuscht in die Ecke gepfeffert wurden ( geht mit e-books leider nicht ganz so gut), trete ich diesen Werken oft mit einer Portion Skepsis entgegen. Aber der in jeder Hinsicht außergewöhnliche Krimi "Motherless Brooklyn" von Jonathan Lethem wurde zu Recht mit den höchsten Auszeichnungen seines Genres, wie dem Dagger und Circle Award geehrt. Brooklyn in den 1970er Jahren hatte nicht gerade das Image einer schmucken Wohngegend, und das Viertel, in dem das St.Vincents Waisenheim liegt, aus dem der Protagonist Lionel stammt, rangiert am untersten Ende der Skala. Kein Wunder also, dass die Freude bei Lionel und drei jugendlichen Leidensgenossen unbeschreiblich ist, als Frank Minna sie aus der unwirtlichen Verwahranstallt holt, um ihnen ein neues Heim zu geben. Zwar entpuppt sich der scheinbare Messias Frank als Kleinganove, der seine "Kinder" für kriminelle Geschäfte einspannt, aber mit den Jahren schafft der sympathische Looser Frank es doch, allen ein heimeliges Gefühl von Familie zu geben. Für Lionel, der wegen eines schwer ausgeprägten Tourette-Syndroms ( im Zweifel, wie ich bitte googeln) immer unterschätzt wurde, bricht die heile Welt zusammen, als sein väterlicher Freund Frank getötet wird. Völlig auf sich allein gestellt, beginnt er zu ermitteln und verstrickt sich immer tiefer in die Unterwelt Brooklyns. Jonathan Lethem fesselt uns gleich mit zwei einzigartigen Protagonisten: das düstere Brooklyn, das wir trotz Paul Auster oder Lou Reed, neu entdecken, und Lionel, der im Laufe der Story eine solche Metamorphose durchlebt, dass selbst ein hart gesottener Leser wie ich Mal feuchte Augen bekommt. Ein tolles Buch, dass es zur Freude der Geldbörse als Taschenbuch gibt. Unbedingte Empfehlung!

Motherless Brooklyn - Jonathan Lethem
Motherless Brooklyn
von Jonathan Lethem
(4)
Buch (Taschenbuch)
9,95

Plädoyer der Menschlichkeit

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 24.03.2019

Es gibt keinen aktuellen Anlass, dass an dieser Stelle ein über dreißig Jahre alter Roman empfohlen wird: Das Werk wird weder von Netflix noch von Hollywood verfilmt, zudem ist der Autor nicht gestern sondern schon mit Beginn dieses Jahrtausends gestorben. Der Grund ist sehr profan und für mich ein Glücksfall. Während eines Krankenhausaufenthaltes sprang mich in der dortigen Bibliothek zwischen Simmel und Konsalik das Cover eines Buches an, dass ich - wie so viele Bücher- immer schon lesen wollte, aber immer drängten sich die Neuerscheinungen des Frühjahres und Herbstes auf. Jetzt aber hatte ich genügend Zeit für "Die schöne Frau Seidenmann" von Andrzej Szczypiorski. Ein unvergessliches Rendezvous! Szczypiorski, sowohl in Warschau geboren, als auch dort gestorben, schildert in diesem einzigartigen Buch die Zeit der deutschen Besatzung bis hin zum Aufstand im Warschauer Ghetto. Ein Panoptikum von über 20 Figuren bevölkert diesen prallen Roman, der vor Leben nur so strotzt, obwohl der Tod -ein Meister aus Deutschland - allgegenwärtig ist. Im Zentrum steht die wunderschöne, blonde und blauäugige(!) Jüdin Seidenmann und der junge Pawelek, der sie ebenso heiss begehrt, wie viele ihrer Nachbarn. Ebenso treten auf: Henio, ein Junge, der lieber ins Ghetto zurück geht, als sich weiter zu verstecken,; der einfache Schneider Kujawski, der sich zum Kunstliebhaber und Widerstandskämpfer wandelt; der Schönling und Denunziant Lolo, der selbstlose Schurke...
Dieses Buch ist jenseits von Sentimentalität und Betroffenheitsliteratur, sondern besticht durch die sprachliche und literarische Qualität, mit der Szczypiorski uns sowohl die unvergessenen Charaktere als auch die Vielzahl der Geschichten so nahe bringt, dass sich wohl kaum ein Leser der Magie des Romans entziehen kann. Als Buchhändler versuche ich meist - in nicht missionarischer Absicht -das richtige Buch zur richtigen Zeit für die richtige Person zu finden. Für "Die schöne Frau Seidenmann" möchte ich eine Ausnahme machen, und es wirklich jedem empfehlen. Müsste ich eine Liste der 20 Bücher, die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist, erstellen (als kläglicher Ersatz eines literarischen Kanons, an dem schon der große Reich-Ranicki scheiterte), dieses Buch wäre drauf. In der Hoffnung, vielleicht ein oder zwei neue Leser dem Roman zuzuführen.

Die schöne Frau Seidenman - Andrzej Szczypiorski
Die schöne Frau Seidenman
von Andrzej Szczypiorski
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
12,00

Die Stadt der Spießer

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 12.02.2019

Castle Rock, eine fiktive Kleinstadt in Maine und Handlungsort einiger Erzählungen von Stephen King, ist auch Schauplatz dieser äußerst warmherzigen Geschichte. Man kennt, mag und hilft sich wo es nur geht. Alle Einwohner sind ehrenamtlich in Komitees, Ausschüssen und Gremien tätig, damit es sowohl beim jährlichen Stadtlauf als auch zu Halloween gesittet zugeht. Doch wehe dem, der das amerikanische Idyll der republikanischen Spießer stört. So ergeht es auch einem jungen lesbischen Ehepaar. Deidre und Missy versuchen schon seit einiger Zeit vergeblich, sich mit einem vegetarischen Restaurant eine Existenz in Castle Rock aufzubauen. Sie werden nicht nur ignoriert - tatsächlich herrscht blanker Hass und eine Homophobie, die sich auch Mal in entwürdigenden Tiraden entlädt. Nur Scott, der Nachbar mit eine mysteriösen Krankheit - er nimmt täglich bis zu einem Kilo ab, ohne äußerliche Veränderungen - hinterfragt das Althergebrachte, sucht den Kontakt zu den beiden und mischt sich ein. Stephen King, der in jeder Hinsicht phantastische Erzähler und auch Meister der kurzen Prosa, scheint nun auch mit einer Altersweisheit gesegnet zu sein, die es ihm ermöglicht Abstrakta wie Toleranz, Courage, Menschlichkeit, Freundschaft und Gemeinschaft mit Leben zu füllen. Da, wie bekannt, gut gemeint oft das Gegenteil von gut gemacht ist, scheitern diese literarischen Versuche der Weltverbesserung oft kläglich. Aber King hat eine wundersame und wunderschöne Geschichte geschrieben, die zu einen besseren Verständnis der USA unter Trump führt, als viele Sachbücher und Biographien es Vermögen.

Erhebung - Stephen King
Erhebung
von Stephen King
(30)
Buch (gebundene Ausgabe)
12,00

Lasst Blumen sprechen

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 09.02.2019

Eliza Doolittle war bislang die einzige Blumenverkäuferin die mir in der Literatur untergekommen ist. Ursula Poznanski hat nun in ihrem neuen Krimi für Erwachsene "Vanitas" die düsterere Variante einer Blumenverkäuferin ins Leben gerufen. In ihrem früheren Leben war Carolin ein Polizeispitzel in gefährlicher Mission. Mit knapper Not, vielen Blessuren und neuer Identität konnte sie den Klauen der Russischen Mafia entkommen, um nun auf dem Wiener Zentralfriedhof Sträuße und Kränze unters meist trauernde Volk zu bringen. Nach einem Jahr ist nun aber ihre Schonzeit vorbei und sie bekommt einen neuen, scheinbar einfachen Auftrag, den sie nur widerwillig annimmt. In München soll sie sich mit Tamara, einer jungen Frau und Spross der Baufirmen-Dynastie Lambert anfreunden. Sie könnte der Schlüssel zu einer Reihe mysteriöser Todesfälle sein, die sich auf Baustellen ereignet haben. Immer tiefer verstrickt sich Carolin in den Fall und lernt eine mörderische Familie mit vielen seltsamen Angehörigen kennen. Die Story rund um Familiengeheimnisse in höheren Kreisen und Machenschaften im Baugewerbe ist interessant, kommt allerdings nur langsam in Fahrt. Auch Carolin, die Blumenverkäuferin mit düstere Vergangenheit und schlagkräftiger Zukunft birgt viel Potential, das leider noch nicht richtig ausgeschöpft wird. Auf mich wirkt das Buch leider etwas umausgegoren und flüchtig niedergeschrieben. Da "Vanitas" der Auftakt einer neuen Reihe ist, hoffe ich, dass die Autorin der unkonventionellen Heldin zu mehr Tiefe und den Lesern zu mehr Spannung verhelfen kann. Mit dieser positiven Erwartung gibt es 3,5 Sterne von mir.

Vanitas - Schwarz wie Erde - Ursula Poznanski
Vanitas - Schwarz wie Erde
von Ursula Poznanski
(126)
Buch (Paperback)
14,99

Das Ende der Unschuld

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 09.02.2019

Nach dem Sensationserfolg von "Ein wenig Leben" nun der mit Spannung erwartete zweite Roman von Hanya Yanagihara. Da "Das Volk der Bäume" schon 2013 in amerikanischer Originalausgabe erschien, ist es aber ein älteres Buch, das der Hanser Verlag nachgeschoben hat. Der Roman hat mich ratlos und etwas verstört zurück gelassen. Es läuft nicht unter spoilern, wenn man anmerkt - wie es schon der Klappentext und die ersten Seiten des Buches verraten - dass es sich bei dem Protagonisten Norton Perina um eine mehr als ambivalente Figur handelt. Einerseits ein genialer Wissenschaftler, Forscher und Abenteurer, andererseits ein Pädophiler, der seine düstere Seite auch auslebt. Erzählt wird die Geschichte des jungen Mediziners, der sich in den 1950er Jahren einer Expedition anschließt, um auf einer Insel in Mikronesien dem Mythos eines unentdeckten Naturvolkes nachzugehen. Tatsächlich entdeckt die kleine Forschergruppe einen bislang unbekannten Stamm. Zudem löst Perina auch noch das medizinische Rätsel um die scheinbare Unsterblichkeit einiger Mitglieder der Einheimischen, wofür er später sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Yanagihara zieht uns mit einer Sprachgewalt und Imaginationskraft buchstäblich in den Dschungel eines Wissenschaftthriller, in dem wir uns im besten Sinne verlieren können. Außerdem wirft sie Fragen von großer philosophischer und ethischer Wucht auf: Wenn ein großer Mann schreckliche Dinge tut, ist er dann noch ein großer Mann? Was darf Wissenschaft? Dürfen alte Strukturen unter dem Deckmantel des Fortschritts zerstört werden? Also eigentlich ein Fünf-Sterne-Buch... wenn es sich nicht um die fiktiven Aufzeichnungen von Perina handeln würde, und der Roman nahezu ungefiltert die Ichperspektive des monströsen Wissenschaftlers spiegelt. Auch das wäre zu akzeptieren, wenn die Autorin den Erzähler quasi sich selbst der Lebenslüge überführen ließe. Allerdings wirkt es auf mich so, als sollen - abgesehen von den ersten und letzten Seiten des Buches - die Verfehlungen und die düstere Seite des Protagonisten vor dem hellen Schein des genialen Wissenschaftlers völlig verblassen. Dies ist auch der auf mich verstörend wirkende Teil des Buches. Aber: Die einen sagen so, die anderen so. Wem die "Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann gefallen hat, und wer bei bei den Stichworten Entdecker, Forscher, Abenteurer die pawlowschen Glocken läuten hört, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Ich bin auf jeden Fall gespannt, welches Echo das Buch auslösen wird.

Das Volk der Bäume - Hanya Yanagihara
Das Volk der Bäume
von Hanya Yanagihara
(46)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,00

Mother's little helper

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 23.01.2019

Der Roman "Das Tal der Puppen" war eine echte Sensation in den USA, verkaufte sich millionenfach und galt vielen Kritikern als obzön und skandalös. Natürlich ging es um Sex und Drogen, aber auch um das verruchte Showbusiness in New York und Hollywood. Allerdings ist dies schon über 50 Jahre her, und bekanntlich hat sich die Welt gerade auf diesen Terrains besonders schnell gedreht. Die Erotik im Buch geht heute nicht einmal als Blümchensex durch. Die Drogen sind zwar gefährliche, aber literarisch gesehen, langweilige Pillen, die dem gesunden Schlaf dienen und den Appetit zügeln. Wer sich also auf einen ausschweifenden Roman gefreut hat, wird das Buch als Rohrkrepierer in die Ecke legen. Dass es sich trotzdem um ein unglaublich unterhaltsames und faszinierendes Werk handelt, liegt daran, dass Jacqueline Susann ihre drei Heldinnen Anne, Jennifer und Neely regelrecht in Situationen schmeißt, und wir sie über 20 Jahre, von 1945-1965, begleiten: bei ihrer Suche nach dem Glück, dem Streben nach Erfolg oder dem Kampf ums Überleben. Die drei jungen Frauen werden auf unterschiedliche Weise im Film, am Broadway oder in der Kosmetikbranche Karriere machen, nur um im nächsten Kapitel des Romans wieder abzustürzen. Die Autorin hat Figuren aus Fleisch und Blut geschaffen, denen unsere Sympathie von Beginn an gehört. Emotionen werden groß geschrieben und entladen sich in facettenreichen Dialogen, die Mal bösartig, Mal anrührend aber immer höchst unterhaltsam sind. Dass Jacqueline Susann selbst Schauspielerin war und die damalige Szene kannte, gibt der Story eine Authentizität, die jeden Zeitgeist überlebt. Viele literarische "Schätze", die Verlage heben, hätte man gerne noch ein abgeschiedenes Leben in der Versenkung gewünscht, aber "Das Tal der Puppen" enthält etliche Perlen, an denen sich - da bin ich ganz sicher- viele Leserinnen und Leser ihre Freude haben werden.

Das Tal der Puppen - Jacqueline Susann
Das Tal der Puppen
von Jacqueline Susann
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 03.01.2019

Dass Michael Ondaatje zu den vielschichtigsten und interessantesten Gegenwartsautoren zählt, hat er auch nach " Der englische Patient" in seinen weiteren Romanen bewiesen, die -man muss es ja leider sagen - nicht mehr die mediale Aufmerksamkeit bekommen haben, wie der Megaseller aus den 90er Jahren. Ebenso wie bei Harry Potter, weiss ich aber nicht mehr genau, ob ich mich beim englischen Patienten an den Blockbuster oder die Literaturvorlage erinnere. Falls sein neuer Roman "Kriegslicht" verfilmt wird, kann ich mir den Streifen aber nur in schwarz-weiß vorstellen. Zu düster die Szenerie 1945 in zerstörten Straßenzügen Londons, nächtliche Fahrten mit einem alten Kahn über Nebenarme der Themse und verlorene Seelen, die erstaunlicher Weise nach dem Krieg jegliche Orientierung und Halt verloren haben. Erstaunlich deshalb, weil die meisten Protagonisten während des Krieges in Geheimdiensttätigkeiten verwickelt waren, die sie offensichtlich zu höchster Leidenschaft, Kreativität und Sinnstiftung antrieben. Bleibt zu hoffen, dass der Autor uns damit keine versteckte Botschaft mit auf den Weg gibt. Das Buch lebt aber eindeutig von der Atmosphäre und der Perspektive seines "Helden" Nathaniel. Der 14 jährige Junge wird von heute auf morgen von seinen Eltern verlassen, und zusammen mit seiner Schwesten Rachel in die Obhut eines scheinbar dubiosen Kleinkriminellen namens Falter gegeben, der einen weiteren Sonderling, den "Boxer", eine mindestens ebenso zwielichteGestalt, seinen besten Freund nennt. Diese illustre Gesellschaft übernimmt nun die eigenwillige Erziehung. Ebenso wie bei Mary Poppins, gelingt es aber auch Falter und seinen Spießgesellen, nach und nach das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Für Nathaniel wird dieses Jahr, das abenteuerlichste und prägendste seines Lebens.Bis ebenso unverhofft die Mutter ohne Erklärung und Entschuldigung wieder auftaucht. Viele Jahre später begibt Nathaniel sich auf Spurensuche, um die Geheimnisse seiner Mutter und Gestalten der elternlosen Zeit zu ergründen. Ondaatje führt uns, wie schon in seinem lesenswerten Roman " Katzentisch", wo das elfjährige Kind Michael alleine eine dreiwöchige Kreuzfahrt von Sri Lanka nach England unternimmt, in eine Laborsituation, in der seine jungen Romanfiguren in einem Schwebezustand zwischen Traum und Alptraum, die wichtigsten Phase ihres Lebens erfahren. Als Leser wird uns viel abverlangt, da der Roman sich wie ein Mosaik aus vielen Teilen zusammensetzt, die ersteinmal sortiert werden müssen. Das erfordert Geduld, die sich aber auszahlt, da Ondaatje ein großartiger Erzähler ist, der uns in "Kriegslicht" ganz still und heimlich von einer coming-of-age story in einen Agententhriller rutschen lässt. Ein durch und durch literarisches Buch, was sowohl Empfehlung als auch Warnung ist.

Kriegslicht - Michael Ondaatje
Kriegslicht
von Michael Ondaatje
(25)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

Ehr als ein Leben

Dirk Bluhm aus der Thalia-Buchhandlung in Lünen , am 25.12.2018

Dank der TV- Serie " Väter der Klamotte", die seit Anfang der 70er Jahre Slapstick-Schnipsel und Kurzfilme aus der Stummfilm für ein junges Publikum aufbereite, wurde ich einer der größten Fans von Stan Laurel, noch bevor Otto der komödiantische Held meiner Jugend wurde. John Connolly hat nun einen großartigen Roman über den Ausnahmekünstler geschrieben, der zudem auch eine Hommage an die Anfänge Hollywoods ist. So wie Stan Laurel kamen viele Stummfilmstars vom Vaudeville Theater und schlugen sich durch beschwerliche Tourneen in zweitklassikern Musical Halls und drittklassigen Hotels mehr schlecht als recht durchs Leben. Und ebenso wie ein ganzes Heer an Schauspielern für das neue Genre verheizt wurde, drohte auch Stan, der talentierte aber relativ erfolglose Komiker, sich in den Bildern, die gerade laufen lernten, zu verlieren. Zu übermächtig schien die Dominanz der Giganten, wie Charlie Chaplin, Harold Lloyd oder Buster Keaton. Doch als er mit Oliver Hardy ein einzigartiges Duo bildet, kommt eine unvergleichliche Karriere in Gang. John Connolly lässt in seinem Roman den alten Stand Laurel auf sein Leben zurück blicken, nicht immer chronologisch, manchmal assoziativ aber immer interessant. Wir erfahren viel über eine spannende Epoche, über die Entwicklung der Filmstudios und über eine Freundschaft, die über den Tod hinaus geht ( zumindest für Stan Laurel). Während Stan und Olli im Privaten durch Skandale, unzählige Affären, Spiel - und Alkoholsucht immer wieder zurück geworfen werden, gibt es eine große Konstante im Chaos: ihre tiefe Freundschaft. John Connolly schreibt ohne Nostalgie und ohne Schmalz, sondern teilweise verknappt und anfangs gewöhnungsbedürftig, da er gefühlt nur Hauptsätze benutzt. Aber gerade dieser eigenwillige Stil gibt der gut recherchierten Story einen würdigen Rahmen. Kein Buch zum schnellen Weglesen, dafür aber eines zum Festlesen. Außergewöhnlich!

Stan - John Connolly
Stan
von John Connolly
(17)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

 
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