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Eine Kundin / Ein Kunde aus Herbstein

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Meine Bewertungen



Ungewöhnliche Zeit- und Deutschlandreise

Eine Kundin / Ein Kunde aus Herbstein , am 17.05.2016

Das Buch:
Das Außergewöhnlichste an Mittdreißigerin Akelei ist ihr Vorname. Ansonsten führt sie ein geordnetes, unaufgeregtes Leben und kann weder ihrem Ehemann, ihrem Job noch ihrem Beruf besondere Begeisterung entgegenbringen. Niemand also, dem man eine abenteuerliche Reise quer durch Deutschland zutrauen würde - bis Akelei in einer Schaufensterscheibe ihren Jugendfreund Fin zu sehen glaubt, der vor 18 Jahren spurlos verschwand. Bevor sie näher darüber nachdenken kann, hat sich Akelei an die Spur des Fremden geheftet, tatkräftig unterstützt von einem Huhn, das eigentlich als Sonntagsbraten enden sollte...

Zeitgleich steht der junge Engländer Fin Paul Smith, der das norddeutsche Heimatdort seiner Eltern besucht, vor einem Grabstein, der seinen Namen trägt. Der Dorfpfarrer drückt ihm einen Koffer in die Hand, der ein merkwürdiges Sammelsurium an Erinnerungsstücken enthält - und eine Adresse in Berlin. Fin Paul macht sich auf den Weg, um das Geheimnis um Grabstein und Koffer zu lüften, immer verfolgt von einem geheimnisvollen Mann in einem grauen Wollpullover...

Meine Meinung:
Die Bücher von Antonia Michaelis leben davon, dass sie in poetischer Sprache nicht ganz alltägliche Geschichten erzählt, moderne Märchen quasi. Wer sich darauf einlassen kann, dass die Grenze zwischen Traum und Realität zeitweise verschwimmt oder dass Hühner auftreten, die den Fernsehhund "Lassie" in den Schatten stellen, der wird auch in "Die Allee der verbotenen Fragen" wieder mit einer außergewöhnlichen Geschichte belohnt, die quer durch Deutschland und zeitweise auch in die jüngere deutsche Geschichte führt, in die Zeiten vor der Wende.
Man bekommt einen Einblick in Akeleis Kindheit in der Kastanienallee, der titelgebenden "Allee der verbotenen Fragen". Alles hier entspricht den Regeln und ist wohlgeordnet, bis auf Familie Paul, mit denen Akelei keinen Kontakt haben darf. Aber gerade das Verbotene und Chaotische übt einen unwiderstehlichen Reiz auf Akelei aus und so freundet sich das Einzelkind aus dem linientreuen Arzthaushalt natürlich doch mit dem jüngsten Sprössling der "wilden" Familie Paul an.

Die Zeitsprünge in der Geschichte fordern den Leser auf, selbst mitzurätseln was vor 18 Jahren geschah, warum Fin spurlos verschwand und was es mit dem unheimlichen Grabstein auf sich hat. Die Lösung allerdings ist dann doch eine Überraschung und bietet Diskussionsstoff.
Besonders gefallen hat mir, dass sich die handelnden Personen nicht sofort in eine Schublade einsortieren lassen. Häufig musste ich im Verlauf des Buches meine gefasste Meinung über einige Nebencharaktere ändern und eigene Vorstellungen hinterfragen, ob nun über Akeleis zunächst farblos erscheinenden Ehemann oder ihre behütende, politisch engagierte Mutter.
Auch das Huhn spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte und sorgt für einige komödiantische Szenen, unter anderem auf der Reeperbahn :breitgrins:.
Hier pfeife ich gerne mal auf Realitätsnähe und lasse mich lieber gut unterhalten. Wer spannungsgeladene Geschichten mag, wird vor allem im letzten teil des Buches voll auf seine Kosten kommen.
Einziges Manko: Das letzte Buch, das ich von Antonia Michaelis gelesen habe, "Paradies für alle", hat mich noch einmal auf einer ganz anderen Ebene berührt. "Die Allee der verbotenen Fragen" ist genauso gut gemacht, ist aber von der Thematik her etwas "leichter verdaulich".

Die Allee der verbotenen Fragen - Antonia Michaelis
Die Allee der verbotenen Fragen
von Antonia Michaelis
(8)
Buch (gebundene Ausgabe)
19,99

Sympathische Ermittler in einem leider zähen Kriminalfall

Eine Kundin / Ein Kunde aus Herbstein , am 08.03.2016

Für die feine Berliner Gesellschaft im Jahr 1925 ist der Mord am wohlhabenden Gottlieb Straumann bereits gelöst - auch wenn die polizeilichen Ertmittlungen noch laufen, ist Straumanns untreue Frau Berenice in den Augen der Öffentlichkeit schon so gut wie verurteilt.
Nur Paul Genzer, "Berlins jüngster Kommissar", hat Zweifel, vor allem, als Berenice Straumann kurz darauf an einer Überdosis Morphium stribt und sich im Fahrwasser des Straumann-Mordes weitere Leichen stapeln. Während er sich nebenbei noch mit anderen blutrünstigen Todesfällen in Berlins Unterschicht-Milieu herumschlagen muss, kommt Hilfe von unerwarteter Seite. Filmstar Carl von Bäumer, "der schönste Mann der Ufa", schaltet sich in die Ermittlungen ein und verfolgt dabei ganz eigene Interessen...

Ich hatte mir von "Feine Leute" erhofft, dass es mich in die "Roaring Twenties" in Berlin versetzt. Dies gelingt der Autorin leider nicht ganz. Während ich vor allem die beiden Hauptcharaktere förmlich vor Augen sehen konnte, blieb der Hintergrund eher blass und austauschbar. Auch die ganzen halbseidenen Kriminellen, mit denen Kommissar Genzer während seiner Ermittlungen zu tun bekommt, konnte ich beim Lesen nie wirklich auseinander halten.
Auch die Krimihandlung fand ich zu verworren, um ihr mit vollem Interesse folgen zu können. Seltsame Zufälle und Verwicklungen lassen dem Leser wenig Chancen, selbst bei der Lösung des Falles mitzurätseln, und auch dessen Auflösung erschien mir zu konstruiert.
Rätselhaft blieb mir auch, warum sich im Lauf des Buches so viele Verdächtige bereitwillig von einem Schauspieler verhören lassen - nur, weil er auf der Leinwand ebenfalls einen Detektiv spielt? Das ist eine etwas fadenscheinige Erklärung.
Bemerkenswert ist "Feine Leute" hauptsächlich durch das ungewöhnliche Ermittlergespann; diesen Teil des Buches habe ich sehr genossen, obwohl mir die Autorin auch hier zu viel konstruiert hat - der Grund der Streitigkeiten zwischen den beiden war für mich nicht unbedingt nachvollziehbar und schien mehr als Aufhänger für die Krimihandlung zu dienen.
Alles in allem ein Krimi, der eher durch seine Ermittler besticht; alles andere ist schnell wieder vergessen. Etwas mehr Struktur und Ausarbeitung hätte der Geschichte gut getan. Schade, denn die "Zutaten" klangen wirklich vielversprechend.

Feine Leute - Joan Weng
Feine Leute
von Joan Weng
(8)
Buch (Taschenbuch)
9,99

Nicht einfach, aber lohnend

Eine Kundin / Ein Kunde aus Herbstein , am 14.02.2016

Dass "Aron und der König der Kinder" kein Buch ist, das man einfach mal schnell nebenher liest, liegt nicht nur am Thema.
Fehlende Kapiteleinteilungen, jüdische Ausdrücke, die nicht erklärt werden sowie die distanzierte, nüchterne Erzählweise machen es dem Leser nicht leicht, in der Geschichte um den Waisenjungen Aron und den berühmten Arzt und Pädagogen Janusz Korczak anzukommen.
Dennoch lohnt sich die Mühe: Aus Arons Perspektive erfahren wir viel über seine dysfunktionale Familie und die immer schlimmer werdende Situation der jüdischen Bevölkerung in Warschau. Mit dem Einmauern der Bevölkerung in einem Ghetto hat der Schrecken gerade mal begonnen; bis zum Ende sind die Menschen, die dort leben, immer schlimmeren Schikanen und lebensunwürdigen Bedingungen ausgesetzt.

Aron bekommt von seiner Familie oft zu hören, dass er nur an sich selbst denke und ihnen ständig Ärger mache - etwas, wofür ich im Buch eigentlich keine Hinweise finden konnte. Mir tat Aron eher leid; dass er selbst ein negatives Bild von sich selbst hat und den immerwährenden Vorwürfen seiner Umwelt glaubt, ist kein Wunder. Dabei tut er sein Möglichstes, um unter Lebensgefahr die nötigen Dinge zum Überleben für seine Familie zu besorgen, notfalls auch durch Schmuggeln und Stehlen.
Mehrmals kreuzt Aron den Weg des damals schon berühmten "Alten Doktors" Janusz Korczak, der seine Popularität gezielt nutzt, um den Kindern in seinem Waisenhaus das Überleben zu sichern. Später wird er bei ihm im Waisenhaus leben und die täglichen Bemühungen Korczaks entgegen der immer stärker werdenden Bedrohung durch die Nazis hautnah miterleben.

Trotz einiger Kritikpunkte (fehlendes Glossar, fehlende Kapiteleinteilung) halte ich "Aron und der König der Kinder" für ein wichtiges Buch, weil es Janusz Korczak und seine Mitstreiterin Madame Stefa nicht so darstellt, als wären sie von Geburt an zum Heldentum bestimmt und hätten keine Sekunde an ihrem Auftrag gezweifelt. Jim Shepard schildert die beiden als ganz normale Menschen:
Mit Hoffnungen, Enttäuschungen, Schwächen und ihren eigenen inneren Dämonen wie im Falle von Korczak die Geisteskrankheit seines Vaters oder bei Madame Stefa die Überzeugung, hässlich zu sein.

Anfangs war ich etwas enttäuscht, weil ich mit Aron, obwohl ich ihn sympathisch fand, nicht so mitfiebern konnte wie etwa mit den Protagonisten aus "Ein Stück Himmel" oder "Die Bücherdiebin"; im Rückblick fand ich es sehr wohltuend, dass der Autor hier nicht unnötig auf die Tränendrüse drückt. Die Ereignisse sind auch so schon traurig genug und man spürt förmlich die Hoffnungslosigkeit der Menschen. Gerade durch die nüchterne Erzählweise und dadurch, dass man oft genug zwischen den Zeilen lesen muss, wirkt die Geschichte um so eindrücklicher nach.
Manche Leser werden jetzt fragen, ob es wirklich nötig ist, noch ein weiteres Buch über den Holocaust zu schreiben, wo es doch schon so viele davon gibt. Ich finde: Ja, unbedingt. Dass dieses traurige Thema auch heute noch die Menschen so sehr beschäftigt, dass Autoren Bücher darüber schreiben und Leser Bücher darüber lesen wollen, finde ich sehr wichtig.

Aron und der König der Kinder - Jim Shepard
Aron und der König der Kinder
von Jim Shepard
(5)
Buch (gebundene Ausgabe)
19,95

Müde Liebesgeschichte aufgepeppt mit ein bisschen Zeitkolorit

Eine Kundin / Ein Kunde aus Herbstein , am 09.12.2015

Durch drei wechselnde Perspektiven erlebt der Leser das Amerika zu Präsident Franklin D.Roosevelts Amtszeit mit, eine Zeit zwischen Weltwirtschaftskrise und 2.Weltkrieg. Diese drei Blickwinkel sind denkbar verschieden:
Iris McIntosh ist eine junge Frau, die durch die Weltwirtschaftskrise alles verloren hat. Nachdem ihre Stelle als Lehrerin gestrichen wurde, steht sie als Vollwaise und ledige Frau nun ohne jegliche Absicherung da und landet auf der Straße. Eine Begegnung mit Eleanor Roosevelt und deren Hilfsbereitschaft führt Iris ins "Weiße Haus", wo sie als Aushilfe anfängt, aber auf der Karriereleiter stetig nach oben klettert.
Eleanor Roosevelt will nicht nur als "Ehefrau des Präsidenten" wahrgenommen werden, sondern ihre Stellung im "Weißen Haus" für die Durchsetzung ihrer eigenen wohltätigen Projekte und Ziele nutzen. Vor allem die Situation von Frauen und Kindern, die sich ohne männliche Unterstützung durchschlagen müssen, liegt ihr sehr am Herzen, aber auch die Bemühungen um Frieden und Völkerverständigung.
Schließlich ist da noch eine Erzählperspektive, die sich erst später als Henrietta Nesbitt zu erkennen gibt, Hauswirtschafterin im "Weißen Haus". Ohne große Vorerfahrung wurde sie von Eleanor eingestellt, um den Präsidenten und sein engstes Umfeld zu bekochen.

Leider wird dieser Perspektivwechsel nicht konsequent eingehalten. Henrietta bekommt nur wenige Kapitel zugesprochen, und die sind so wenig aussagekräftig dass man sie auch hätte weglassen können. Im Nachwort erfährt man, dass Henrietta Nesbitt eine reale Person war und Autorin Jenny Bond so fasziniert hat, dass sie sie in ihrem Buch einbauen wollte. Die Umsetzung dieser Idee ist allerdings gründlich misslungen.

Überhaupt scheint Inkonsequenz und Unentschlossenheit nicht nur das Problem von Protagonistin Iris zu sein, sondern auch das der Autorin: Anstatt sich auf die Stärken ihrer Geschichte zu konzentrieren, nämlich die faszinierenden Charaktere der Roosevelts und ihres Umfeldes, verschiebt sich der Fokus zunehmend auf Iris' kompliziertes Privatleben.
Schon im Klappentext wird angedeutet, dass sie sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, dem älteren politischen Berater Monty, dem der Ruf eines Frauenhelden vorauseilt, und dem sensiblen Reporter Sam, der mit vollem Einsatz Missstände in der Welt anprangert und ähnliche Ziele vertritt wie Eleanor Roosevelt.
Dass Iris allerdings über rund 300 Seiten hinweg (es waren gefühlte 1000) stetig zwischen den beiden Männern hin und her pendelt, ohne sich über die Auswirkungen ihres Tuns auf alle Beteiligten überhaupt Gedanken zu machen, nervt bald. Irgendwann möchte man einfach nichts mehr von diesem Thema hören und sich auf die politischen und zeitgeschichtlichen Aspekte konzentrieren, doch leider werden diese der Dreiecksgeschichte spürbar untergeordnet.
Oft erfährt man nur im Rückblick von wichtigen Entwicklungen wie dem Angriff auf Pearl Harbour, und die Informationen, die man über Iris' Arbeit erhält, fließen auch nur spärlich. Meist ist sie damit beschäftigt, auf Partys von Präsident Roosevelt herumzuhängen und Sam und Monty denkbar kindisch gegeneinander auszuspielen.
Über die von Iris organisierten Camps für alleinstehende Frauen und Kinder während der Weltwirtschaftskrise zum Beispiel erfährt man überhaupt nichts, ebenso über viele ihrer anderen Projekte, in denen sie angeblich so viel leistet. Diese Aufgaben werden meist nur einmal erwähnt und kommen dann nicht mehr vor. Schade, Ich hätte gerne auf den ganzen Herzschmerz verzichtet, um ein wirklich ausgewogenes Bild von Iris' Tätigkeit im "Weißen Haus" zu bekommen.

Fazit: Eine konsequente Linie und die Konzentration auf weniger Themen hätte dem Buch gut getan. Darüber hinaus scheint es der Autorin nicht klar zu sein, wie ihre Figuren auf die Leser wirken - gerade die fiktiven Personen sind diejenigen, die meiner Meinung nach am schwächsten gezeichnet sind.
Die Stärken des Buches liegen in der Beschreibung der nicht-fiktiven Personen wie Eleanor und Franklin Roosevelt sowie darin, dass politische Zusammenhänge in wenigen Worten gut erklärt wurden. Leider gibt es viel zu wenig davon und zu viel von iris' privaten Unzulänglichkeiten. Schade, gute Grundidee verschenkt!

An einem Tag im Mai - Jenny Bond
An einem Tag im Mai
von Jenny Bond
(3)
Buch (Taschenbuch)
9,99

Starker Roman - irreführender Klappentext

Eine Kundin / Ein Kunde aus Herbstein , am 05.11.2015

Meine Güte, was für ein Buch! Es ist schon ein kleines Wunder, dass ich es beim Lesen nicht gegen die nächste Wand geworfen habe - nicht, weil es schlecht wäre, sondern weil es der Autorin Gloria Goldreich so gut gelingt, dem Menschen hinter Marc Chagalls farbenprächtigen Bildern ein Gesicht zu geben, und es ist kein sympathisches.
Geschickt nutzt die Autorin die Perspektive des allwissenden Erzählers, denn auch wenn es Ida ist, "Die Tochter des Malers" , die der Leser bei ihrer Entwicklung vom ernsten, behüteten kleinen Mädchen bis hin zur erwachsenen Frau verfolgt, so ist sie ebenso wie ihr berühmter Vater keine Sympathieträgerin, in die man sich leicht hineinversetzen könnte.
Wie ein roter Faden durch sämtliche Lebensabschnitte Idas zieht sich die ungesunde Beziehung, die Marc und Ida Chagall miteinander verbindet - ungesund deshalb, weil sie selbst für ihren Vater nie Ida ist, sondern eben immer nur "Die Tochter des Malers", die ihm das Leben möglichst einfach und angenehm machen soll. Dies tut Ida bis als Erwachsene mit Begeisterung, ohne dabei die nötigen Grenzen um ihr eigenes Leben zu ziehen. Andere Menschen in ihrem Leben wie Student Michel müssen resigniert einsehen, dass sie neben dem großen Maler Marc Chagall immer nur eine Nebenrolle in Idas Leben spielen werden.

Anfangs tat mir Ida Leid, da sich ihre Eltern Marc und Bella gerade während der immer ernster werdenden Bedrohung durch Faschisten und Nationalsozialisten nicht wie Erwachsene benehmen, und wie Eltern schon gar nicht. Da wird Ida moralisch erpresst und benutzt, um die eitlen und unsinnigen Wünsche ihrer Eltern zu erfüllen, die den Ernst der Lage nicht erkennen wollen.
Die Handlung während der Kriegsjahre macht allerdings nur einen sehr geringen Teil der Erzählung aus. Bald sind Chagalls in Sicherheit und bestimmen durch ihr Nörgeln und ihre überzogenen Wünsche wieder das Leben Idas, die immer noch nach ihrer Pfeife tanzt, selbst als verheiratete Frau. Auch die im Klappentext angesprochene Beziehung zwischen Ida und Michel nimmt bei Weitem nicht den Stellenwert ein, den der Klappentext suggeriert.
"Die Tochter des Malers" ist keine Liebesgeschichte, sondern das Psychogramm einer problematischen Vater-Tochter-Beziehung. Ein stilistisch einwandfrei geschriebenes noch dazu, das farbige Städte und Landschaften vor Augen entstehen lässt, ohne sich in einer zu bildhaften Sprache zu verlieren.
Im Mittelteil des Buches dümpelte die Spannung ein wenig vor sich hin, um dann am Ende wieder an Tempo zuzulegen, als sich Marc Chagall und Ida in der russischen Hutmacherin Vava endlich einer ebenbürtigen Gegnerin gegenübersehen, die es mindestens ebenso gut versteht, ihre eigenen Ziele unerbittlich zu verfolgen.
Fazit: Ein faszinierender, farbenprächtiger Roman, der verdeutlicht, dass berühmte Künstler nicht automatisch auch besonders gute und liebenswerte Menschen sein müssen. Ich wie nicht, ob ich jemals wieder ein Bild von Marc Chagall ohne eine gewisse Antipathie anschauen kann, aber das bedeutet auch, dass es Gloria Goldreich gelungen ist, die Familie Chagall mit allen Ecken und Kanten vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen.
Schade, dass der Verlag diese wuchtige Vater-Tochter-Geschichte in das Korsett einer biografischen Romanze pressen muss, doch dafür kann ja die Autorin nichts.

Die Tochter des Malers - Gloria Goldreich
Die Tochter des Malers
von Gloria Goldreich
(11)
Buch (Klappenbroschur)
12,99