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Elke Seifried aus Gundelfingen Unsere Top-BuchhändlerInnen

Gesamte Bewertungen 571 (ansehen)


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Noch fünf Sterne für "Mise en Place" mit Schieflage

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 17.10.2019

„Eine Haube ruiniert uns das Geschäft. Was glauben Sie denn, warum unsere Stammgäste zu uns kommen? Genau weil wir keine Haube haben, weil wir noch normal kochen. Weil bei uns jeder Einzelne aus voller Überzeugung die Hand ins Heft legt.“ Auch wenn Tante Germana, wie immer, jede Redewendung verdreht, treffen ihre Worte genau auf den Punkt. Das Gasthaus Lamm steht für Beständigkeit, für Familie und für den vollen Einsatz aller für den Erhalt der Tradition. Daher hat es die achtunddeißigjährige Johanna auch alles andere als leicht. Hin-und Hergerissen zwischen familiärem Vermächtnis und eigenem Leben wirft sie mit Hilfe ihrer durchgeknallten Tanten den Laden.

„Hatten diese Leute eigentlich einen blassen Schimmer davon, was es hieß, allein mit einer dementen Mutter, einer besoffenen, einer herrischen und einer bigotten Tante für den ganzen Laden zu kochen?“ Als Leser lernt man Johanna und ihre Tanten nach und nach kennen und muss sich mit ihr und ihnen dem anstrengenden Arbeitstag in der Gastronomieküche stellen. Es wird daher jede Menge Leckeres gekocht und hungrig sollte man eher nicht lesen. Zudem muss man mit ihr erleben bzw. damit fertig werden, dass ihre Mutter Antonia die Diagnose Alzheimer erhalten hat und immer mehr abbaut. Auch das Thema wie verwurzelt bin ich mit meiner Heimat, die große Frei- und Unabhängigkeit oder eben die Familientradition mit dem festen Zusammenhalt über alles schreiben, ist eine Frage, bei dem Johanna nach und nach klarer sehen muss. Nicht zuletzt gilt es inmitten von Alltagsleben zu überprüfen, ob tatsächlich ein Männerfluch über den Lehner Frauen hängt, oder ob eine Johanna das Liebesglück mit dem smarten Buchhändler doch noch vergönnt ist. Oben drauf ist noch eine geheimnisvolle Geschichte um einen Bestellerroman und einen verschrobenen Autor gepackt.

Der witzig, pointierte und äußerst kurzweilige Schreibstil der Autorin hat mich sofort begeistert. Ich habe die meiste Zeit mit einem fetten Grinsen im Gesicht gelesen und hatte auch an überzeichneten Szenen und Beschreibungen, meist gepaart mit gelungen, trockenem Humor meinen Spaß. Besonders Tante Germana hat bei mir für ganz viel Vergnügen gesorgt mit ihren resolut, strikten Antworten. „Sie können sich ihre Haube selbst aufsetzen. Ich will sie nicht! Würde mir ohnehin meine Frisur ruinieren.“. Auch über ihre verdrehten Redewendungen die „endlich reinen Tisch einschenken“, konnte ich viel schmunzeln. Die Autorin bedient sich zahlreicher Vergleiche und verwendet viele Bilder, was einen richtigen Film im Kopf entstehen lässt. „Ich nahm einen Schluck, und in meinem Magen explodierte ein Öltanker. Das hellgrelle Flammenmeer fuhr durch meine Speiseröhre wie bei dem LKW-Brand im Straßentunnel…“ bei Germanas Achtzigprozentigen, da spürt man es fast selbst, wie der brennt. „Ich strahlte als hätte mir ein Filmemacher mit Spezialeffekten sprühende Wunderkerzen in die Augen gemalt.“ Kann ebenso vorkommen wie, „Hatte der Himmel die Farbe von Spülwasser.“, oder dass ein toller Mann leider die „Aura eines verdorbenen Steinpilzes“. Hat. Das hat mir meist sehr gut gefallen, an ein zwei Stellen gegen Ende hin hätte es vielleicht nicht unbedingt eine so geballte Ladung davon gebraucht. Vielleicht lag dieser Eindruck aber auch daran, dass ich nicht mit jeder Entwicklung und mit jeder Reaktion in dieser Phase des Romans so ganz glücklich war. Der Autorin ist es mit ihrer zumeist witzigen Geschichte aber auch gelungen mich zu berühren. Sätze wie „Meine Mutter tat, was sie konnte, aber es wurde von Tag zu Tag schwieriger. Es trieb mir die Tränen in die Augen, wenn sie einen Apfel auf eine Gabel spießte und versuchte, ihn zu schälen wie eine heiße Kartoffel.“ oder „>Schau mal, mein Schatz, was für schöne Pflaumen wir auf dem Markt bekommen haben.<, sagte meine Mutter lächelnd, strich mir über die Wange und hielt mir einen Korb Pfifferlinge unter die Nase.“, haben mich mitten ins Herz getroffen.

„Das Lamm stand am Sonnenrain, dem schönsten Fleck von Moos. Erhaben . Ich konnte hier das ganze Dorf überblicken – selbst die Kirche, die viel zu groß geraten war, lag unter mir - mitsamt dem Dorfplatz und der alten Linde. Mir gegenüber erhob sich ein senkrechtes, schroffes Bergmassiv,…“ Gut gefallen hat mir auch das Regionalkolorit. Der Gasthof liegt inmitten der Berge, mit Kuhglockengeläut, toller Aussicht und auch Tiefschnee im Winter ist das stets deutlich spürbar. Zudem wird das Flair des kleinen Dorfes mit Tratsch, Hetze, aber auch mit Zusammenhalt gut eingefangen.

„Germana – die Herrische, Elisabeth – die Bigotte, Francis - die Fertige, Theresia – die Enttäuschte, Antonia - die Tapfere. Sie waren so unterschiedlich und sich doch so ähnlich. Eigenwillige Frauen mit majestätischen Profilen und Augen wie Kohlestücke.“ Die Charaktere sind allesamt individuell, mit ihren ganz eigenen Macken und originell gezeichnet. Während für die eine gilt „Tante Francis´ Männer waren alle Armleuchter. Francis hatte ein ausgesprochen gutes Händchen für Armleuchter. Von jedem Armleuchter hatte sie eine Tochter.“, war unter dem Tantengeschwader mein Highlight Germana, weil sie mich am meisten zum Lachen gebracht, aber auch gerührt hat. Johanna mochte ich von Anfang an gern, schon allein aufgrund der Tatsache, dass sie sich so toll um ihre demente Mama kümmert. Sie packt an, läuft meist auf Hochtouren. Schön, dass sie einen Mathias als Freund hat, der für sie Ruhepol ist, was man richtig spüren kann. Er hat den Namen Freund mehr als verdient und sein tragisches Schicksal hat er sicher nicht verdient. Dass ihr Jerome, der geheimnisvolle Buchhändler gut gefällt, konnte ich gut verstehen, war er mir doch auch von Anfang an mehr als sympathisch.

Lobend erwähnen möchte ich auch noch den Stammbaum im Anhang, der eine gute Übersicht über die Tanten und deren Sprösslinge bietet, die hier mitmischen dürfen und Hobbyköche werden sich sicher auch über Johannas beste Rezepte freuen, die sich dort ebenfalls noch finden lassen.

Alles in allem hatte ich wirklich witzige, äußerst kurzweilige Unterhaltung mit diesem Roman und auch wenn ich gegen Ende hin vielleicht nicht von jeder Entwicklung und allen Szenen absolut begeistert war, sind fünf Sterne für mich schon noch drin.

Liebe ist die beste Köchin - Irmgard Kramer
Liebe ist die beste Köchin
von Irmgard Kramer
(4)
Buch (Taschenbuch)
10,00

Hörgenuss mit Geschmacksrichtung Zartbitter, begeisterte fünf Sterne

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 14.10.2019

Ich kannte Julia Fischers frühere Bücher bisher „nur“ als gekürzte Hörbücher, die mich aber allesamt regelrecht begeistert haben, nicht zuletzt weil die Autorin selbst und mit dermaßen viel Herzblut liest, dass man einfach in die Geschichte hineingezogen wird. Deshalb musste ich auch dieses Hörbuch unbedingt noch haben, obwohl ich den Roman, in dem sie ihre eigene Geschichte verarbeitet und solch schwere Themen wie Suizid und Verlust des eigenen Elternhauses auf so unfassbar berührend, mitreißende Art und Weise schildert ohne dem Ganzen die Leichtigkeit und die Süße der Schokolade fehlen zu lassen, beim Selbstlesen vor einigen Wochen regelrecht inhaliert habe.

Ellas Leben liegt eigentlich in Scherben vor ihr. Sie hat den frühen Tod ihrer Mutter längst noch nicht verwunden, für ihren krebskranken Vater ihre Lebensträume aufgegeben, um ihn aufopferungsvoll bis zum letzten Tag zu pflegen, und anschließend auch noch die Haselnussplantage, die sich so lange in Familienhand der Donatis befand, aus finaziellen Gründen verloren. Aber so sehr sie leidet, für ihre beiden Kinder, die sie über alles liebt muss sie stark sein, und deshalb weht schon bald aus ihrer eigenen kleinen Chocolaterie der Duft nach Schokolade durch die Straßen von Alba.

„Ich habe meinen Schmerz mit Schokolade ummantelt, […] ihn mit Zucker bestäubt und karamellisiert, damit er nicht mehr so bitter schmeckt.“ Als Leser darf man Ella und ihre tragische Lebensgeschichte nach und nach kennenlernen, und da gilt es wirklich ganz viel Schmerz einen weniger bitteren Geschmack zu verleihen. Aber nicht nur sie, auch ihr Bruder Danilo hat schwer daran zu knabbern und auch mit ihm leistet man Verarbeitungsarbeit. Gleichzeitig lernt man auch die Familie des neuen Besitzers der Plantage kennen, erfährt, was der aus ihrer Heimat macht und wie sich die beiden arrangieren. Auf diese beiden Haupthandlungsstränge packt die Autorin noch einiges obendrauf.

Der Geschmack unseres Lebens bedeutet auch Genuss. Ich habe nicht selten mit einem wässrigen Mund gehört. Wenn eine Ella in ihrer Pralinenküche steht und ihre Kreationen wie „Eine Gewürzexplosion mit Suchtfaktor“ kreiert, Salvatore für Sophia die besten Trüffelgerichtet zubereiten will oder auch Mahesh mit seiner Slowfood Küche mit indischem Einschlag nicht nur Restauranttester Gaumenfreuden bereitet. Hungrig hören ist fast fatal!

Die Autorin lässt auch eine regelrechte Welle an Leidenschaft fürs Piemont aus ihrer Geschichte und ihrem Vortrag schwappen. Auch wenn man im Roman selbst um einiges mehr an Genuss geboten bekommt, fehlen in der gekürzten Fassung tolle Landschaftsbeschreibungen, Feste in und um Alba oder auch die Trüffelmesse nicht. Begeistert war ich auch davon, dass solch kleine interessante Details, wie z.B. die Universität für Trüffelhunde oder die für Slow-Food, nicht der Kürzung zum Opfer gefallen sind, zeugen sie auch davon, wie gut hier recherchiert wurde.

Auch die Geschichte der Gegend nimmt Einfluss auf den Roman, indem z.B. ein Slavatore Einblick in seine schmerzlichen Erinnerungen an die resístenza der Gegend im Zweiten Weltkrieg zulässt, was ich äußerst interessant und aufgrund der persönlichen, teilweise schmerzlichen Erfahrungen auch unglaublich toll und fesselnd gemacht empfand. Krieg früher und heute, eine Brücke schlägt Julia Fischer dabei auch mit Danilo, Ellas Bruder. Er muss nicht nur mit den Umständen des frühen Todes der Mutter klarkommen, sondern auch mit den psychischen Langzeitfolgen eines Soldaten, der in Afghanistan zu sogenannten Hilfseinsätzen geschickt wurde, kämpfen. Ein Thema, dem man viel mehr Aufmerksamkeit schenken sollte und das nur zu deutlich macht, wie sinnlos Krieg und wichtig Frieden auf der Welt ist.

Auch der Humor kommt bei Julia Fischers perfekten Mischung nicht zu kurz. Für ganz viel Vergnügen sorgen die Neun vom Stadtplatz, eine illustre Runde, die sich jeden Abend dort trifft und konspirative Treffen abhält. Zwar kommen die in der gedruckten Version noch mehr zum Zuge, aber die Highlights fehlen nicht. Ich kann jetzt noch Tränen lachen, wenn ich daran denke, welche Mühen sie auf sich nehmen, um den langjährigen Sieger des Eselsrennens auszubremsen. Bestes Kopfkino wird von diesen Herrn geboten.

Der fesselnde Sprachstil der Autorin fängt einen sofort ein und lässt einen erst ganz am Ende los, um dann noch einige Tage nachzuklingen. Sie beschreibt so atmosphärisch dicht, so emotional, so bildhaft, man hat das Gefühl alles selbst mitzuerleben. „Jeder verdammte Stein speicherte Erinnerung! Ihr ganzes Leben steckte darin. Und sie fest.“, deutlicher könnte alleine die Sehnsucht nach dem Elternhaus nicht zum Ausdruck kommen. Ausgezeichnet haben mir auch die vielen tollen Beschreibungen, die mit einem pointierten Augenzwinkern versehen sind, gefallen. Man darf also auch immer wieder schmunzeln.

Mit demselben Herzblut mit dem sie ihren Roman verfasst hat, liest sie das Hörbuch auch vor. Ich könnte ihrer angenehmen Stimme stundenlang zuhören und der Funke, die Leidenschaft für ihre Geschichten springen beim Hören stets und ich finde hier noch ganz besonders über. Ich bin eigentlich nicht der Fan von gekürzten Fassungen, aber Julia Fischer hat hier selbst Hand angelegt und das Übel, das nicht alles auf die CD durfte, perfekt gelöst. Sie hat nicht nur Inhalte rausgeworfen, sondern auch teilweise völlig neu geschrieben. Immer wieder bekommt man zusätzliche Erklärungen, die das Hören und das Verstehen der Zusammenhänge erleichtern und teilweise sind Szenen auch gänzlich anders als im gedruckten Buch formuliert, ich denke, um die ganze Sache auch in der Kürze rund zu machen. Dadurch hat sich für mich die Geschichte noch einmal in einigen Punkten anders dargestellt. Wie sehr Kinder unter der Diagnose manisch-depressiv leiden, wie wichtig der Autorin wohl auch der Tabubruch damit ist, hatte hier für mich deutlich mehr Gewicht und auch die eine oder andere Romanze habe ich durch die Leidenschaft im Vortrag früher gespürt.

Alles in allem absolute Begeisterung für diesen leisen, warmherzigen und teilweise auch tragischen Roman, der nicht nur zum Genuss gekonnt ins Piemont entführt, sondern auch mit lebendigen Charakteren, von denen man die meisten sofort ins Herz schließen muss, mehr als gekonnt unterhält. Eine Empfehlung ob zum gekürzten Hörbuch zu greifen oder doch zum gedruckten Buch, vermag ich nicht wirklich zu geben, beides hat seinen ganz eigenen Reiz.

Der Geschmack unseres Lebens - Julia Fischer
Der Geschmack unseres Lebens
von Julia Fischer
(5)
Hörbuch (MP3-CD)
19,99

Ganz knapp an den fünf Sternen vorbeigeschrammt mit den Tücken des gemeinsam glücklich Altwerden

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 13.10.2019

Als Afra das Lied »Ein Mann weiß erst, was er verloren hat, wenn sie weg ist.« trällert, weiß sie noch nicht welchen Gedanken sie bei ihrem frustrierten Ehemann Arthur auslöst. »Spiel das doch auf meiner Beerdigung«, […] »Nein, Arthur, auf meiner Beerdigung. Deine erlebst du schließlich nicht selbst mit.« »Leider nicht.« Das war der entscheidende Moment. Der Moment, in dem ich dachte: Warum eigentlich nicht? Der Moment, in dem ich zum ersten Mal dachte: Wäre das nicht eine gute Idee“ Denn genau eine solche zu planen ist nun angesagt. „Trostlose Ehe, großartige Schwiegermutter verstorben, Job losgeworden“, dreiundzwanzig Jahre im Toilettenpapiervertrieb, fast ebenso lange eher unglücklich im selben Reihenhaus eines Örtchens nahe Amsterdam, damit ist jetzt Schluss. So tun wie wenn und sich dann einen schönen Lebensabend irgendwo im Süden machen, die ultimativ gute Idee.

Als Leser lernt man Arthur Ophof kennen, erfährt von seinem Frust. Anfangs auch noch bei der Arbeit, begleitet man ihn mit seinen Freunden zum Freitagsgolf und muss dann die Kündigung und auch den Tod der geliebten Schwiegermutter mit ihm durchstehen. Gleichzeitig bekommt man eine gute Vorstellung davon, wie sehr er und seine Ehefrau sich auseinandergelebt haben und ganz klar gilt es auch das Ableben, die Beerdigung und vor allem auch die Zeit danach gründlich zu planen und vorzubereiten.

Der Äußerst kurzweilige Sprachstil des Autors macht wirklich Spaß und man darf hier teilweise Tränen lachen. Immer wieder bitterböse Kommentare, „Einen Herzanfall wünscht man keinem, aber wenn denn unbedingt einer verteilt werden soll, dann ist mein Schwiegervater Piet schon ein prima Kandidat.“, ab und an auch etwas makaber, „Ich will auch absolut nicht unter oder über jemandem begraben werden. Ich weiß, dass das Unsinn ist, aber ich finde den Gedanken einfach nicht schön. So ein Sarg über einem fängt vielleicht doch mal ein bisschen an zu lecken. Ich will ein eigenes Grab, auch wenn das teurer ist.“ und auch so mancher schräge Gedanke „Seit ich mir vorgenommen habe, meine eigene Beerdigung zu organisieren, sehe ich Trauerfeiern mit anderen Augen. Sogar dieses Begräbnis eines toten Meerschweinchens rührte mich. Irgendwie wäre es schön, wenn ich auch einen Gartenzwerg mit Schubkarre auf meinem Grab hätte. Einen mannshohen Gartenzwerg.“, garantieren hier jede Menge Lesevergnügen.

„Ich beschäftige mich zu viel mit Kremierungen und Beerdigungen.“, das trifft das Jahr der Vorbereitungen das sich dem Entschluss anschließt, mehr als perfekt. Vieles fand ich wirklich interessant. So wusste ich z.B. nicht, dass beim Verbrennen große Knochen übrigbleiben und es gilt, „Die würden ja in der Urne herumklötern, weswegen die Reste in die Knochenmühle müssen, wo sie zu schöner feiner Asche vermahlen werden.“ Allerdings ist mir das dann irgendwann fast ein wenig viel der zur Vorbereitung angeschauten Reportagen und Museumsbesuche geworden. „ Immer wieder kommen mir neue Ideen. Man könnte nach der Beerdigung Tassen, Käppis und T-Shirts mit dem Porträt des Verstorbenen verkaufen, um ein bisschen von den Kosten reinzuholen. Und Stofftaschentücher. Aber die müsste man wohl erst einmal waschen, denn sonst saugen sie ja die Tränen nicht auf. ….“, Arthur kommt schon auf so manchen schrägen Gedanken. Klar alle witzig, pointiert formuliert, für sich genommen zum Lachen und Schmunzeln, aber in der Mitte der Geschichte hat sich bei mir irgendwann eine kleine Länge eingestellt, da hatte es den Reiz des Neuen ein wenig verloren, außerdem wollte ich endlich wissen, was aus seinem Plan und seiner Ehe mit Afra werden wird. Richtig ans Buch gefesselt habe ich dann erst wieder weitergelesen, als es gegen Ende darauf hin zuging. Aber ich habe stets gerne gelesen, denn ganz oft hat der Autor mir nicht nur Lachtränen beschert, sondern konnte mich auch tief berühren. Haben mir doch Sätze wie „Nur bei einer Gelegenheit kuschelt er sich an mich, wenn er ins Bett kommt. Nämlich wenn er kalte Hände hat. Später habe ich noch mal über den Hund nachgedacht. Es würde wirklich keinen großen Unterschied machen, wenn ich Arthur gegen einen Hund eintauschen würde. Einen Labrador oder einen Stabij zum Beispiel.“ oder auch „Die Zeit hat ganz schön große Löcher in den Mantel unserer Liebe gefressen. Wir ignorieren einander im Allgemeinen, bis irgendwann die Grenze der Gereiztheit überschritten ist. Dann werden wir sarkastisch….“, einen regelrechten Stich im Herzen versetzt. Wenn ich ehrlich sein muss, habe ich auch immer ein wenig gehofft, dass sich bei den ganzen Vorbereitungen vielleicht doch so etwas wie wiederentdeckte Liebe einstellt, denn ganz egal sind sich die beiden nicht, das wird deutlich spürbar.

Arthurs Plan ist schräg ganz klar, aber irgendwie mochte ich ihn und konnte ihn kein bisschen für seinen ja teils fiesen Plan, der Afra so hintergeht, hassen oder gar richtig verurteilen. Ich habe eher mit ihm und seiner Frau unter dem frustrierten Zusammenleben gelitten. Beide sind wirklich toll dargestellt und mir hat äußerst gut gefallen, dass auch Afra in zwischengeschobenen Kapiteln immer wieder zu Wort kommen darf und ihre Perspektive deutlich machen kann. Sie ist nicht blind und weiß sehr gut, was ihr Arthur so treibt, wenn auch hier nicht genau was hinter seinem seltsam, nachgiebigen Verhalten steckt. Joost und Wouter, die beiden eingeweihten Golffreunde sind raffinierter und sicher auch durchtriebener als Arthur selbst, ohne deren tatkräftige Unterstützung wäre es sicher beim Planen und Träumen geblieben. Lehrer Stijn der Golferfreunde wird nicht eingeweiht. Sicher auch besser so, denn er ist ein empfindlicheres Pflänzchen, das einiges einstecken muss und ein gutes Gegengewicht zu den anderen beiden bildet. Besonders amüsiert habe ich mich auch über Maskenbildner Toon, der Arthur für sein weiteres Leben Pferdeschwanz und Warze verpassen will und Bestatter Hummel, der sichtlich die Hosen voll hat, zu blöd nur, dass Joost ihn so im Griff hat.

Alles in allem eine witzige Geschichte, die mit vielen berührenden Momenten vom Alt werden und von der Suche nach dem Glück im Leben erzählt und bei mir ganz knapp an fünf Sternen vorbeischrammt. Aber sehr gute vier sind mehr als verdient und eine Leseempfehlung ist der Roman auf jeden Fall wert.

Lieber Rotwein als tot sein - Hendrik Groen
Lieber Rotwein als tot sein
von Hendrik Groen
(3)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Bewegender Sagaauftakt zur Famliiengeschichte der Sadlers, toll gelesen

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 12.10.2019

Laurenz hat zum Glück zwei Brüder, die sich für die Landwirtschaft der Eltern begeistern. So kann er seinem Musikstudium in Breslau nachgehen. Dort lernt er Annemarie kennen. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick und sie scheint sich auch für ihn entschieden zu haben, denn als Laurenz wenig später zurück auf den elterlichen Hof muss, bringt er sie und ihr gefährliches Geheimnis mit. Beide Brüder verunglückt, so bleibt ihm wohl oder übel nichts anderes übrig, als sich doch mit Mistgrube, Stall und Feldarbeit anzufreunden.

Als Hörer lernt man nach und nach die Familie kennen und befindet sich dann bald inmitten derer auf dem Bauernhof in Peterdorf, einem kleinen Ort in Oberschlesien. Auch wenn Laurenz´ Mutter Charlotte wenig von der neuen Schwiegertochter hält, ist Annemarie und bald auch Töchterchen Kathi sein Ein und Alles. Liebevoll geht er mit dem wissbegierigen Mädchen, das man in der Schule und bei ihrem Alltag begleiten darf, und ein paar Jahre später auch mit Franzi, der zweiten Tochter mit dem seltsamen Leiden, um. Das Leben könnte so schön sein, wären da nicht die bedrohlichen Zeichen der Politik, die auf Sturm stehen. Wird Hitler in Polen einmarschieren und wenn ja, was wird aus Oberschlesien, wird Annemarie ihr Geheimnis weiter verbergen können, was wird aus Franzi, wenn Hirnverbrannte am Werk sind? All das sind Fragen, die man im weiteren Verlauf der Geschichte beantwortet bekommt, aber mehr will ich gar nicht verraten.

Die Autorin lässt einen mit ihrer Familiensaga gelungen in der Zeit reisen. Die Zeit zwischen den Kriegen und der bedrohlich heraufziehende Sturm durch die NSDAP werden intensiv erlebbar. Der Vater Kriegsinvalide, Hoffnungen, dass Hitler seine Pläne nie in die Tat umsetzen wird, Zuversicht, dass die anderen Großmächte, dem nicht zuschauen werden, Schulalltag, der sich ändert, oder auch Warnungen, die nicht ernst genommen werden. Dann der Einmarsch in Polen, der Krieg, der die Geheimdienste auf den Plan ruft, Laurenz, der an die Front berufen wird, die Rotarmisten, die an ihnen begangenes Unrecht sühnen wollen, die Flüchtlingstrecks, … all das ist Stoff, der das dramatische Schicksal der schlesischen Familie Sadler von 1928 an bestimmt.

Dies war mein erster Roman aus der Feder von Hanni Münzer, wird aber sicher nicht der letzte bleiben, als nächstes liegt schon Honigtot hier. Der atmosphärisch dichte, bilderreiche Sprachstil der Autorin hat mich sofort gefangen genommen, ich hatte das Gefühl mit vor Ort zu sein. Sie versteht es durch ein gelungenes Spiel aus Hoffnung und tragischen Schicksalsschlägen eine spannende Familiengeschichte zu erzählen, bei der man mitfühlt, mitleidet, mithofft und bei der man unbedingt wissen muss, wie es weitergeht. Zusätzliche Spannung schafft die Autorin durch Annemaries Geheimnis, das man als Leser ja ebenfalls nicht kennt, bzw. es nur nach und nach entschlüsseln kann. Interessant fand ich auch das Thema Spionage im Roman verpackt, nicht unbedingt ganz so glücklich war ich dann aber mit der Entwicklung gegen Ende der Geschichte. Ein sechzehnjähriges Mädchen, hochbegabt hin oder her, soll für den russischen Wettlauf zum Mond so von Bedeutung sein? Das erscheint mir nicht gar so realistisch. Aber sei´s drum, das hat meine Begeisterung nur wenig Abbruch getan, weil auch hier sehr einfühlsam erzählt wird und man im Bezug auf die Familie mitfiebern kann. Ab und an darf man auch mal schmunzeln, was mir gut gefallen hat. So kann es dem Bürgermeister schon mal passieren, dass ihm seine hitlertreue Gattin den verordneten Eintopf vorsetzt, dem er davonläuft, um dann im Gasthof leider als Tagegericht nur das Gleiche serviert zu bekommen. Auch manch eine Szene, die mit einem gelungen, pointierten Satz kommentiert wird, hat mich schmunzeln lassen, wie z.B. dass es doch immer noch ein Bisschen brauner geht, als ebendiese Gattin in die Jauchegrube fällt.

Die schlaue, wissbegierige Kathi habe ich schnell in mein Herz geschlossen und ich habe die Geschichte eigentlich mit ihr gelebt. Besonders gefreut habe ich mich für sie, dass sie so einen liebevollen Vater hat, der mit aller Geduld der Welt ihre tausend Fragen beantwortet. Von ihrer Mutter Annemarie wird sie über alles geliebt, diese ist mir allerdings eher etwas fremd geblieben, auch wenn ich gar nicht begründen kann, woran das trotz ihrer warmherzigen Art liegen mag. Richtig toll fand ich auch Franzi mit ihrem Handicap auf der einen, aber ihren feinen Antennen auf der anderen Seite. Die polnische Haushälterin habe ich geliebt, sie ist eine Seele von Frau und dass ich mich in Charlotte, Laurenz Mutter geirrt habe, hat mich ebenfalls gefreut. Die Charaktere sind wirklich brillant gezeichnet, bei Frau Knecht Olek angefangen, der Kathi ein wahrer Freund ist, über die Bürgermeistersgattin Lüttich, die mit ihrer Hitlerliebe nirgends gern gesehen ist, nicht mal beim eigenen Ehemann, bis hin zu Lehrerin Frau Liebich, die so deutlich zeigt, dass man in niemanden blicken kann. Gefreut habe ich mich auch über die tierischen Mitspieler, wie den treuen Hund Oskar oder auch das Reh Peterle, das Kathi nicht von der Seite weichen will.

Mit ganz viel Herzblut war Anne Moll als Sprecherin des Hörbuchs am Werk. Empathisch mit viel Gespür für die richtige Stimmung erzählt sie diesen Roman und weiß dabei auch, jedem Mitspieler seinen ganz eigenen Stil zu geben. Ich habe ihrer äußerst angenehmen Stimme wirklich sehr gerne zugehört, man kann eigentlich von Hörgenuss reden.

Alles in allem ein Roman, der auf berührende Art und Weise eine fesselnde Familiengeschichte erzählt, und so auf gelungene Art und Weise gegen das Vergessen der Schrecken des Zweiten Weltkriegs angeht. Alleine schon deswegen ist er es Wert gelesen zu werden. Fünf Sterne sind da für mich auf jeden Fall noch drin.

Heimat-Saga 1: Heimat ist ein Sehnsuchtsort - Hanni Münzer
Heimat-Saga 1: Heimat ist ein Sehnsuchtsort
von Hanni Münzer
(4)
Hörbuch (MP3-CD)
19,99

Bewegender Zeitzeugenbericht aus dem Warschauer Ghetto

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 09.10.2019

Mary Wattenberg, feiert am 10.Oktober 1939 ihren fünfzehnten Geburtstag und das ist auch der Tag an dem sie wieder mit dem Tagebuchschreiben beginnt. Die Nachricht vom Kriegsausbruch hat sie einen guten Monat vorher im Urlaub erreicht. Mary durfte eine privilegierte, unbeschwerte Kindheit erleben, und nun geschehen so viele schreckliche Dinge, die müssen festgehalten und von der Seele geschrieben werden. Lodz scheint nicht mehr sicher, die Familie flüchtet nach Warschau. Dort soll nun ein Ghetto entstehen. Ob das wohl die Juden tatsächlich vor den Nazis und den polnischen Rowdys schützen könnte, wie viele glauben wollen? Dass eher Marys Entsetzen über diese Nachricht angebracht ist, ist für sie spätestens am 15. November 1940 klar. An diesem Tag werden sie und ihre Familie interniert und auch wenn sie sich durch die amerikanische Staatsbürgerschaft ihrer Mutter besondere Privilegien erhalten, die zumindest den Magen vorerst noch ausreichend füllen und für eine warme Garderobe und Stube sorgen, geht der Schrecken nicht an ihnen vorbei.

Als Leser darf man in eher kurzen Abschnitten mit Mary die Stimmungen der Bevölkerung nach Kriegseinbruch erleben, die Unsicherheit, was kommen wird, auch die nicht sterben wollende Hoffnung, dass es nicht so schlimm werden oder zumindest bald wieder besser sein wird. Bombardements über und Straßenkämpfe in Warschau prägen die Tage von denen die sporadischen Einträge im ersten Jahr berichten. Ausführlicher, viel erschreckender und tief bewegend wird es dann vor allem mit der Internierung ins Lager. Während man erst einmal eine Vorstellung davon geboten bekommt, wie hier das Leben mit verschiedenen Vierteln, einer eigenen jüdischen Miliz, mit Hauswarten, verschiedenen Straßen für Arm und Reich oder auch dem kulturellen Angeboten abläuft, wird auch schnell deutlich, mit welcher Willkür die Nazis vorgehen und dass auch hier gilt, viel Geld und Vitamin B bringt viel. Man erfährt von Untergrundbewegungen, von verbotenen Zeitungen, von Schmuggel, besonderen Privilegien und einigem mehr. Man muss aber mit ihr auch hautnah das Verhungern, das Erfrieren, das Sterben durch die brutalen Maßnahmen der Nazis, die diese sich zur Belustigung und zum Zeitvertreib ausdenken, und auch das Umsichgreifen von Krankheiten und Scheuchen hautnah miterleben. Straßenpogrome und Deportationen, die im Sommer 42 beginnen, erlebt man mit Mary vom Gefängnisfenster aus. Sollte das Pawiak Gefängnis, das ans Ghetto grenzt, eigentlich nur eine zweitägige Übergangslösung sein, bis sie und ihre Familie für einen Gefangenenaustausch mit der USA weitergeschickt werden sollten, heißt es hier nun, hungrig und mit ungewisser Zukunft, einige Monate auszuhalten und dabei Zeuge zu werden, wie täglich mehr aus dem Ghetto zur Deportation in Vernichtungslager abgeholt oder sofort erschossen werden, von geschätzt einer halben Million sind wenig später nur noch 40 000 übrig. Den metallenen Geruch von Blut in der Nase, die Gewehrsalven im Ohr, das Blut, das die Straßen tränkt, als Hintergrund zeigt sich hier was schlimmer als jede Hölle ist. Noch bevor der Ghetto Aufstand niedergeschlagen und damit das letzte Leben dort ausgelöscht wird, davon erfährt sie nur noch in Erzählungen und Briefen geht es für Mary und ihre Familie weiter. Zum Glück nicht in Richtung Ausschwitz, sondern tatsächlich gen Posen und ins Internierungslager Vittel. Im Vorzeigelager fürs Ausland, sind die Lebensbedingungen schon um einiges besser, aber die Ungewissheit was kommen mag und auch die Schuldgefühle weil man Freunde und weitere Familienangehörige zurückgelassen hat, machen es trotzdem schwer. Die Aufzeichnungen enden dann mit der Überfahrt in die USA. Freiheit, die noch lange nicht in ihrem Bewusstsein ist.

Was Mary Berg (der Nachname wurde geändert, um keinen Bekannten in Gefahr zu bringen, weil die Tagebücher ja zum ersten Mal noch vor Kriegende in der USA in der Hoffnung die Alliierten aufzurütteln, die Hinterbliebenen noch retten zu können, erschienen sind) hier berichtet ist ein solch wertvolles Zeitdokument, das einen einfach nicht kalt lassen kann. Ich musste das Buch immer wieder zur Seite legen, weil ich die Grausamkeiten und Abscheulichkeiten beim Lesen fast nicht ertragen habe und ich lese viel aus dieser Zeit. „Die bittere Kälte macht die Nazi-Besteien, die an den Ghetto–Eingängen Wache stehen, noch brutaler als sonst. Nur um sich aufzuwärmen, eröffnen sie, während sie im tiefen Schnee hin und her stapfen, von Zeit zu Zeit das Feuer, und unter den Passanten gibt es viele Opfer. Andere Wachen denen ihr Dienst an den Toren langweilig wird, verschaffen sie ein wenig Zerstreuung. Sie suchen sich aus den zufällig vorübergehenden Leuten ein Opfer aus und befehlen ihm, sich mit dem Gesicht nach unten in den Schnee zu werfen. Ist er ein Jude mit Bart, reißen sie diesen zusammen mit der Haut ab, bis der Schnee rot von Blut ist.“, ist nur ein Beispiel dafür. Besonders bewegt hat mich z.B. auch als Janusz-Korczak und seine Schützlinge aus dem Kinderheim exekutiert werden. Kein Wunder, dass Mary davon Alpträume bekam, lässt es mich doch auch nicht los und ich habe „nur“ davon gelesen und musste es nicht mit eigenen Augen sehen.

Ich habe mit Mary beim Lesen so darauf gehofft, dass sie mit ihrer Familie entkommen kann, obwohl ich das ja vorab bereits wusste. Aber das ständige Hin und Her der Nazis, um die Menschen zu zermürben, hat mich nicht kalt gelassen und auch die Schuldgefühle konnte ich mehr als gut nachvollziehen. „Wir, die wir aus dem Ghetto entkommen konnten, schämen uns, einander anzusehen. Hatten wir das Recht, uns zu retten?… Hier bin ich und atme frische Luft, und dort werden meine Landsleute vergast und bei lebendigem Leibe verbrannt. Warum?“
Warum konnte je so unglaubliches Schrecken geschehen, warum hat niemand eingegriffen? Diese Frage stelle ich mir jedes Mal, wenn ich über diese Zeit lese, kein Wunder dass sich auch Mary Berg diese in ihrem Tagebuch immer wieder stellt. „Wo seid ihr, ihr Auslandskorrespondenten? Warum kommt ihr nicht hier her und schildert die spektakulären Szenen im Ghetto? Sicher wollt ihr euch nicht den Appetit verderben. Oder überzeugt euch das, was die Nazis euch erzählen – dass sie die Juden im Ghettos eingesperrt haben, um die arische Bevölkerung vor Seuchen und Schmutz zu schützen?“.

Wann wird diese Hölle enden? - Mary Berg
Wann wird diese Hölle enden?
von Mary Berg
(22)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,00

„Der Pessimist kann mich mal“

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 06.10.2019

Ich war nie Fan der Show „Ritas Welt“, habe „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ weder gelesen, was ich aber nachholen werde, das Buch liegt schon hier, noch als Kinofilm gesehen, habe aber zum Glück trotzdem zugegriffen. Der Lebensmut, die gute Laune dieser Frau sprudelt geradezu aus den Seiten und mit dem flotten, pointierten Schreibstil von Ghostwriter Till Hoheneder bekommt man hier allerbeste Unterhaltung geboten.

Los geht es damit, dass man sich als Leser mit Gaby Köster und ihrem Sohn erst einmal der erschreckend realen Verfilmung ihrer Geschichte und Verkörperung durch Schauspielerin Anna Schudt stellen muss und dann gilt es schweren Herzens, aber mit guten Wünschen, Sohn Donald für eine Weile nach Südamerika zu verabschieden. Bis dieser gegen Ende des Buches wieder heimatliches Gefilde betritt, bleibt viel Zeit, in der einem Frau Köster tiefe Einblicke in ihr Leben seit dem ersten Buch gewährt. Man darf mit ihr nach New York reisen, um die Auszeichnung für den Film, bzw. die Hauptdarstellerin abzuholen. Warum eine Finca auf Ibiza, hat die das noch nötig „krank“ auf der Bühne zu stehen? Man erfährt, warum sie eben muss, wie sie daraus Kraft schöpft und neuen Lebensmut tankt. Ebenso ist Aufregen über Antieinstellungen, Deutschtümelei, Rechtspopulisten, rücksichtslose Menschen im Alltag und, wobei sie mir am meisten aus der Seele gesprochen hat, über die Eltern, die ihren Kindern endlich wieder mehr Werte vermitteln sollten, angesagt. „Wie soll man sich zusammenreißen? Wie ein Blatt Papier? Ein Mensch mit seinen Gefühlen ist doch kein Verpackungsmüll, den man in den Mülleimer schreddert, das ist doch Tinnef.“ Offen bekommt man auch einiges von Tagen im Loch, ihren Tipps, diesen so schnell wie möglich wieder zu entfliehen, und auch von eher missratenen Versuchen sich der Männerwelt zu nähern und vielleicht doch noch die große Liebe zu ergattern, erzählt. Kraft aus Begegnungen tanken, sich unter die Menschen mischen, den Hintern hochbekommen, einige Kapitel widmen sich auch Hemmungen, Ängsten, die es zu überwinden gilt, aber auch warum es sich so lohnt, wie z.B. ihre regelmäßigen Treffen beim Künstlerfrühstück. Besonders bewegt haben mich die Abschnitte, die von der großen gegenseitigen Liebe zu ihren Hunden, erzählen. Gut haben mir auch die zwischen die Kapitel geschobenen Zitate, bei denen u.a. Freunde, Verwandte, ihre Maskenbildnerin oder auch bekannte Größen wie Atze Schröder, Mike Krüger und auch Anna Schudt, die Gaby im Film ein Schnupfen hätte auch gereicht gespielt hat, sich dazu äußern, was sie an Gaby bewundern und toll finden. Ihr Lebensmut, ihre große Empathie ist bei einem jeden zu lesen, was mich nicht wundert, denn diese wirkt auch im Buch an jeder Stelle echt. Besonders berührt hat mich die Liebeserklärung, die ihr Sohn Donald für sie parat hat.

Der Sprachstil des Ghostwriters Till Hoheneder, oder auch von Gaby Köster selbst, ich weiß es nicht genau, liest sich locker, flüssig und die Seiten fliegen eigentlich viel zu schnell dahin. Gut hat mir gefallen, dass Gaby aus der Ich-Perspektive erzählt und auch ab und an mit ihrem kölschen Mundwerk zu Wort kommt. „… und ich, seine Mutter, war totkrank dem Düvel von dr Schöpp gesprunge. Allerdings mit dauerhaftem Dachschaden.“, „Jetzt denkt der eine oder andere sicher: Die Köster hat doch einen an der Schüssel! Dat ist rischtisch leeve Fründe! Ändert aber nix an der Tatsache,…“. Man ist ihr und ihren Gefühlen, die sie so offen und miterlebbar beschreibt, so unheimlich nah und kann ganz viel mit ihr über sie selbst lachen. „Herrschaften hörens“, beim Lesen wird man zudem immer wieder direkt von ihr angesprochen, was das Gefühl vermittelt eine gute Bekannte oder Freundin würde sich mit einem unterhalten. Da sie trotz ihrem Erfolg so herrlich auf dem Boden geblieben ist, so eine herzliche Art hat und mit ihrer guten Laune und dem vielen Lebensmut so ansteckend wirkt, kann man sie sich als das auch mehr als gut vorstellen.

„Stillstand und Routine sind zwar pflegeleichte Begleiter im Alltag, aber machen wir uns nix vor: Das Verwalten von Altbekanntem ist dem Neuen abträglich. Gerade wir Menschen mit Handicap sollten uns viel öfter mal gepflegt in den Allwertesten treten.“ Ich habe keinen Schlaganfall erlitten, bin eigentlich auch ein recht zufriedener Mensch, aber ich konnte trotzdem ganz viele Botschaften für mich und mein Leben mitnehmen. „Dinge passieren nicht einfach so, wenn man gelangweilt versucht, sich im Sessel den schwieligen Hornhaut-Krokant von den Ar…backen zu sitzen. Dinge kommen und geschehen, weil man aktiv etwas anstößt und mit offenem Geist durchs Leben geht. So schwer das manchmal auch fällt.“, ist nur ein Beispiel dafür. Fest habe ich mir vorgenommen, meinen Hintern wieder öfters vom Sofa zu bekommen und mich mit Freunden zu treffen. Dass ich mich an kleinen Dingen so wie Gaby Köster auch am meisten erfreuen kann, habe ich mir zum Glück sowieso bewahren können. „Geduld war nicht von meiner Mutter als Sonderausstattung angekreuzt wurden.“, klasse Spruch, den ich mir auf jeden Fall merken muss, da dies auch bei mir gilt. Hier nutzt mir vielleicht in Zukunft der eine oder andere ihrer Gedanken dazu, warum das Gras auch nicht schneller wächst, wenn man daran zieht und das Leben einfach zu kurz ist, für lange Gesichter.

Das Buch macht Mut, verpasst einem einen Tritt in den Hintern und das ist gut so. Unter die Menschen gehen, und ebensolche „Momente im Leben, die mir klarmachen, woher ich meinen Lebenswillen und meinen Optimismus nehme: aus dem Leben selbst. Die Neugier auf das was noch unbekannt vor mir liegt. Ich will wissen, ob da noch mehr drin ist. Auch wenn man immer wieder die Grütze aus dieser gemischten Tüte namens Leben fischt.“, erleben, das ist was sich die Autorin mit ihrer Geschichte für den Leser wünscht. Für mich ein fünf Sterne Buch.

Das Leben ist großartig -  von einfach war nie die Rede - Gaby Köster, Till Hoheneder
Das Leben ist großartig - von einfach war nie die Rede
von Gaby Köster
(18)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Grandiose Gesellschaftsstudie zum Berliner Lumpenproletariat der Zwischenkriegsjahre.

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 06.10.2019

„Wenn sie morgens aus den Betten krochen, waren sie noch frisch und optimistisch und gingen Arbeit suchen. Waren sie aber den ganzen Vormittag vergeblich gelaufen oder kamen vom Stempeln, neigten sie mehr zur Melancholie. Dann saßen sie in den Parks und Anlagen und versuchten zu vergessen, dass sie arbeitslos waren. Sie wollten so tun, als seien Ferien, als wäre es ein Privileg, in der Sonne sitzen zu dürfen und nichts zu tun. Je nach Veranlagung gelang es ihnen mal besser, mal schlechter, sich davon zu überzeugen.“

Der Roman spielt im Berlin Anfang der 1930er-Jahre – ein Heer von Arbeitslosen, zahllose Prostituierte und Bettler prägen seit der Weltwirtschaftskrise das Stadtbild mit, kein Wunder, denn zwischen 1927 und 1932 steigt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von etwa einer Million auf über sechs Millionen an. Und genau dort halten sich sie drei Hauptpersonen Bettler Fundholz, Tönnchen, ein traumatisierter „Schwachsinniger“, dem er sich angenommen hat, und der Arbeitslose und auf den großen Durchbruch als Kleinkrimineller hoffende Grissmann auf. Gekreuzt werden deren Wege durch weiteres, ebenfalls aus dem Takt geratenes „Menschenmaterial“, wie Prostituierte, Kriegsveteranen oder auch Kriegswitwen. Man darf mit ihnen den traurigen Alltag erleben und dann erfahren, warum sich alle abends im Fröhlichen Waidmann treffen. Der eine sehnt sich nach Liebe, der andere will nur ein bisschen Abwechslung und ganz viele wollen einfach nur ihre Alltagssorgen bei einem Gläschen Schnaps vergessen. Was dann aber werden kann, wenn man einem Anderen die Frau ausspannen will, zu viel Alkohol fließt und die Moral sowieso am Boden liegt, wird nicht verraten.

„Wo ehemals Hunderte von Arbeitern tätig gewesen waren, genügten nun einige vierzig. Man hatte ja Maschinen. Alle Probleme schienen sich herrlich lösen zu lassen.“, allerdings „Maschinen hatten nicht genügend Bedürfnisse, um den menschlichen Käufer zu ersetzen.“ Dem Thema Industriealisierung und Rationalisierung widmet sich Boschwitz von allen Seiten. Toll fand ich auch solche kleine spannende Einblicke wie „In den letzten Jahren waren überall moderne Automatenrestaurants aus der Erde gewachsen. [….] Ersparnis der menschlichen Arbeitskraft; keine Kellner mehr, sondern Automaten. Außerdem waren sie eine gelungene Spekulation auf den menschlichen Spieltrieb. Die Brötchen lagen appetitlich drapiert hinter den großen Glasfächern. Sie reizten zum Kauf und waren sehr billig. Für zehn Pfennig gab es sogar Kaviarbrötchen. Zwar war es kein richtiger Störkaviar, eher Lachsrogen, und das Brötchen war klein, aber die Kaviar- oder auch nicht Kaviarbrötchen sahen so appetitlich aus, dass jeder sie einmal versuchen wollte.“, vermitteln sie doch so viel vom Zeitgeist.

Pointiert und mit spitzer Zunge wird auch immer wieder ein Augenmerk auf die Kluft zwischen Arm und Reich gelegt, was ich äußerst gelungen finde. Da kann es schon mal heißen, „Um die Mittagszeit fuhren alle Direktoren und Direktörchen zum Essen. Sie hatten es eilig und zeigten es auch. Sie hupten und tuteten wild durcheinander und fraßen die Nerven der Leute, die zu Fuß gingen. Benzingestank und Auspuffgase verpesteten die Luft. Wie schön ist es, bequem in einem Auto zu sitzen. Hinten aus dem Auspuffrohr kommt der Qualm in schmutzigen Schwaden hervor. Man selbst sitzt vorne, man selbst merkt nichts davon, man selbst gibt Gas und braust davon. Nur die anderen, die Unbekannten, die Uninteressanten bekommen das Gas mit Luft vermischt in die Lungen.“ oder ein Fundholz kann sich beim Betteln denken, „Die Reichen hatten doch mehr Geld, als sie für ihre Leben brauchten. Die Armen rechneten mit jeder Mark. Aber eher bekam man von einem Armen fünfzig Pfennige geschenkt, als von einem Reichen zwei Mark.“


Der Sprachstil, ist klar authentisch, ist er ja schließlich dieser Zeit entsprungen, nichtsdestotrotz liest sich der Roman äußerst flüssig. Dem Autor gelingt es Bilder im Kopf entstehen zu lassen und einen so richtig mit vor Ort zu nehmen. Er beschreibt mit vielen tollen Vergleichen, „Menschen, die morden wollen, ähneln gespannten Bogensehnen. Sie sind aufs Höchste konzentriert und bei der Sache. Alles Menschliche tritt in ihnen zurück, nur eins hebt sich aus ihnen heraus: der beabsichtigte Mord.“ und spielt mit Sprache, „Sein doppeltes Doppelkinn zitterte vor Aufregung.“. Zudem sorgt er mit seinen pointierten Formulierungen wie, „Auch in den schlechtesten Zeiten hat man sich noch nicht abgewöhnen können zu essen.“ und auch mit der einen oder anderen amüsanten Szene für viel Lesevergnügen. Da kann von einem Tönnchen, dessen Leben nur das Essen bestimmt, schon mal bei einer Unterhaltung über Literaten ein, „Schiller dachte er, wie das wohl schmeckt? Er hatte noch den süßlichen Geschmack von Walter Schreibers Backpflaumen im Mund.“, zu lesen sein. Das hat mir sehr gefallen, ebenso wie die Tatsache, dass Boschwitz darstellt ohne zu verurteilen, auch nicht, wenn sich menschliche Abgründe auftun.
Fundholz mochte ich von Anfang an gern. Arbeitslos geworden, aber seine Moral nicht verloren, fand ich toll, dass er selbst das Wenige, das er hat, noch mit Tönnchen teilt, könnte der alleine sicher nicht überleben. Für den egoistischen Kleinkriminellen „Grissmann ärgerte sich bereits, ihm das Geld gegeben zu haben. Jetzt muss ich wieder zwanzig Pfennig billiger essen, dachte er erbittert. Immer die verdammte, weiche Birne. Dabei verpflegt doch Fundholz den Idioten.“, konnte ich keine Sympathien entwickeln. Richtig ans Herz ging mir aber die Kriegerwitwe, die ihre Augen vor der Realität so komplett verschließt. „Wilhelm konnte gar nicht von einem Tage zum anderen gestorben sein. Das war unmöglich. Das war nur eine Intrige gegen sie, gegen Frau Fliebusch, geborene Kernemann. Und dass aus den sechzigtausend Mark, ihrem eingebrachten Heiratsgut, der Bruchteil eines Pfennigs geworden war? Nein, auch das war eine Intrige gegen sie, und das hatte sie dem Bankdirektor auch so gesagt.“ In Minchen, die alles andere als glücklich mit ihrem arbeitslosen Vater und den Männern, die ihr ein reiches Leben ermöglichen, ist, konnte ich mich richtig gut hineinversetzen. Sie ist wie die anderen Nebendarsteller gelungen gezeichnet.

Alles in allem begeisterte fünf Sterne, wie schade, dass kein weiteres Werk dieses Autors erhalten ist.

Menschen neben dem Leben - Ulrich Alexander Boschwitz
Menschen neben dem Leben
von Ulrich Alexander Boschwitz
(31)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Wenn Steinböck und die Katz aufm Berg tiefe Abgründe ermitteln

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 04.10.2019

Ich bin ja eigentlich nicht der Fan davon, wenn Tiere mit Menschen reden und nicht nur über Gesten kommunizieren können, aber Kaspar Panizzas Reihe um Kommissar Steinböck und Frau Merkel bildet da eine Ausnahme. Der Katz und ihrem Dosenöffner bin ich regelrecht verfallen und muss daher bei einem neuen Fall sofort zum Buch greifen, selbst wenn Krimis gerade so gar nicht zu meinen Lesevorlieben zählen. Was soll ich sagen, völlige Begeisterung ist noch untertrieben.

„Du ziagst mit deiner Zigarren mehr Dreck in deine Lungen, als ein Diesel-LKW Abgase ausstößt, aber du hupfst den Berg ´nauf wie a 15-Jähriger, der´s erste Mal Fenstern darf.“ Besonders begeistert von der Idee ein Klassentreffen als Wochenende in den Bergen zu veranstalten war Steinböck von Anfang an nicht. Dass ihn jetzt auch noch Obstler samt der Saukatz, die sich als blinder Passagier selbst eingeladen hat, beim Aufstieg schwer abhängen, ist zudem mehr als frustrierend. Aber irgendwann ist es geschafft und sowieso schnell vergessen, als ein Überraschungsgast die ehemalige 13c aufmischt. „Elias Stanzel bist du nicht seit 30 Jahren tot?“ – „Schau ich tot aus?“ Nein, so schaut der Narbengesichtige gar nicht aus, aber schon bald grüßen die ersten Toten.

Als Leser folgt man Steinböck und seiner Frau Merkel auf Schritt und Tritt, man weiß daher immer ganz genauso viel wie der Kommissar. Man darf mit ihm unheimlich viele Theorien zu Tätern und Motiven spinnen, muss diese durch überraschende Wendungen und neue Erkenntnisse ständig über den Haufen werfen und wieder neue finden. Sicher ist hier nichts, ein Verdacht drängt sich, wenn überhaupt, erst auf den letzten Seiten auf. Da sorgt der Autor mehr als gut für Stoff zum Grübeln. Immer wieder mal ein Rückblick, den man erst gar nicht einordnen kann und bei dem etwas Schreckliches passiert, schürt die Spannung zusätzlich an. Nicht zuletzt will man auch immer weiter lesen, weil die Katz ihre Erkenntnisse nicht verrät, sondern nur neugierig macht. Wer will schon, dass die mehr weiß als man selbst. Neben der perfekten Krimispannung mit dem ausgeklügelten Fall, bekommt man hier aber noch jede Menge Lachmuskeltraining. Viel Situationskomik, die von Frau Merkel immer bestens kommentiert wird, spitze Dialoge zwischen ihr und ihrem Dosenöffner und auch einige schräge Mitspieler, wie z.B. die „Rot-Grüne mit dem wirren Hirn“, wie Frau Merkel Hüttenbesitzerin Hanni deswegen tauft, sorgen dafür, dass man fast mit einem Dauergrinsen im Gesicht lesen darf. Der kurzweilige, mit viel Wortwitz ausgestattete Sprachstil liest sich leider fast schon viel zu locker, leicht, denn einmal angefangen, war mir das Vergnügen leider schon viel zu schnell wieder vorbei. Gut hat mir zudem gefallen, dass immer wieder auch einer in bayrischem Dialekt zu Wort kommen darf, aber keine Angst, alles zu verstehen.

Mit der ehemaligen Klassenkameradin Angelika ist eine ganz besonders Politisch-Korrekte mit an Bord. Für Emil heißt das jetzt er muss sich mit einem anderen Vorstellungsspruch abmühen, schade eigentlich hatte der doch so besonders viel Witz. Neg.., Schwarzer geht nicht mehr, Langnase trifft es nicht, und so wird ein „mittelstark pigmentierter Afro Bayer, der aufgrund einer körperlichen Verletzung auf ein Fahrzeug angewiesen ist.“, draus. Mit der Betonung der Mühen und auch mit dem Nachwort hat mir der Autor aus der Seele gesprochen, finde ich das übertrieben Politisch-Korrekt-Sein-Wollen auch mehr als daneben. Klasse finde ich auch die kleinen Rüffel, mit denen der Autor ganz nebenbei auf so manche Schieflage in unserer Gesellschaft aufmerksam macht, indem er Frau Merkel einen scharfen Kommentar in den Mund legt. „Dafür hast du Dieselmotoren getürkt. Zwar nicht besonders aufregend, aber auch deutlich am Rande der Legalität. Man beachte meine Doppeldeutigkeit meines Kommentars,“ kann da schon mal kommen, wenn sich ein Deniz über seinen langweiligen Job beim großen Autobauer beklagt.

Frau Merkel ist einfach der Hit und ich liebe ihre Kommentare. Katzen haben Dosenöffner, besser hätte es der Autor nicht treffen können, denn diese, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt, zum Glück für den Leser muss man ja sagen, hat ihren Herr Steinböck fest im Griff. Ganz klar, dass sie sich nur den delphinfreundlichen Thunfisch servieren lässt und will Steinböck ein Pfund argentinisches T-Bone-Steak für sich in der Pfanne hauen, dann geht ohne Diskussion um den CO2- Fußabdruck oder eben 100 Gramm Rinderhack als Bestechung nix. Auch wenn die tierische Hauptperson bei Quizsendungen und auch den Ermittlungen immer alles früher weiß, ist Steinböck ein findiger Ermittler und gemeinsam mit dem tollen Team aus Rollifahrer Emil, den nicht nur Frau Merkel so klasse findet, sondern auch ich, und Ilona, die nicht nur mit Butterbrezeln und Kaffee immer für gute Stimmung sorgt, geht ihm auch kein Verbrecher durch die Lappen, es sei denn beabsichtigt. Das Stammpersonal ist mir ja schon längst ans Herz gewachsen, gefreut habe ich mich sehr über das Wiedersehen mit Klassenkamerad und Draht zur Unterwelt Obstler, Journalistin Sabine Husup, die kurz mittut, um für Ärger zu sorgen, und auch die Kantinenwirtin Tamara, die „ostpreußische Weißwurstdesignerin“, die allerdings Steinböcks Gaumen dieses Mal weniger Freuden bereiten kann. Aber auch alle neuen Nebendarsteller sind gelungen gezeichnet und haben zudem noch mehr als originelle Namen bekommen, etwas, was ich bei der Reihe ja auch so liebe.

Das hier ist der vierte Fall, man kann getrost lesen auch ohne die Vorgänger zu kennen, denn alle sind jeweils für sich abgeschlossen, Verständnisprobleme sollten daher keine entstehen. Aber da man eigentlich sowieso nichts anderes kann, als zum Fan werden, wird man sicher auch zu Band eins bis drei greifen, warum also nicht vorher lesen?

Alles in allem ein wieder einmal allerbeste Krimiunterhaltung. Spaß, Spannung und jede Menge Lesevergnügen, keine andere Alternative als begeisterte fünf Sterne.

Hüttenkatz - Kaspar Panizza
Hüttenkatz
von Kaspar Panizza
(17)
Buch (Taschenbuch)
12,00

Vielversprechender Saga Auftakt

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 01.10.2019

Das Leben kann so herrlich sein. 19. August 1892, tolles Wetter, von der Mutter zwanzig Pfennig zum Geburtstag bekommen und so kann Martha jetzt im Süßwarengeschäft nach Herzenslust zugreifen. Doch man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und als sie mit ihrer Zuckertüte nach Hause kommt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Ihre kleine Schwester Anna liegt mit schwerem Brechdurchfall nieder, weniger später ist sie tot. Cholera - und die macht auch vor Millis Mutter keinen Halt und das heißt für Martha, das Kindsein ist zu Ende. Von nun an muss sie mit für den Familienunterhalt sorgen, viel mehr noch, als ihr Vater versucht, seinen Kummer um die tote Ehefrau und Tochter im Alkohol zu ertränken.

Als Leser lernt man Martha und ihrer Familie kennen und muss dann auch schnell schon wieder Abschied von Mutter und Schwester nehmen. Man muss miterleben, wie der Vater dem Alkohol verfällt, der Kampf ums Überleben immer härter wird. „Ich wüsste da etwas. Im Allgemeinen Krankenhaus suchen sie wegen der Cholera händeringend Krankenwärterinnen. Mit vierzehn bist du gerade alt genug dafür.“ Da die Cholera Hamburgs Arbeiterviertel fest im Griff hat, wird in der Krankenversorgung jede Hand gebraucht und Martha kann als Krankenwärterin im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg ein paar Mark dazuverdienen. Man muss sich mit ihr der schweren Arbeit stellen und darf sich durch besonderes Engagement ins Herz eines engagierten Arztes schleichen. Dessen Empfehlung macht es ihr, dem armen Mädchen aus dem Hamburger Gängeviertel nach Abklingen der Cholera-Epidemie dann tatsächlich möglich, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen, die eigentlichen den vornehmen Töchtern vorbehalten ist. Dabei darf man sie in den folgenden Jahren ebenfalls begleiten, wie bei ihrem Weg zur Sozialdemokratie. Auch gilt es mit ihr den Streik der Hafenarbeiter mitzuerleben und ihr Herz zu verschenken, mehr soll aber gar nicht verraten werden.

„Kranken- und Leichentransporte prägten das Stadtbild ebenso wie die zahlreichen Wasserwagen an den Sammelplätzen, von denen sich regelmäßig lange Schlangen bildeten. Auch die Desinfektionskolonnen zogen weiterhin durch die Straßen und versprühten ihre ätzenden Chemikalien. Tagtäglich sah man mehr Geschäfte mit vernagelten Schaufenstern, und niemand konnte mit Bestimmtheit sagen, ob die ehemaligen Besitzer nun aufs Land geflohen, erkrankt oder gar gestorben waren.“ Die Autorin nimmt einen mit auf eine Zeitreise und man darf Jahre wirklich miterleben. Die Probleme der Leute, die Atmosphäre unter der Bevölkerung, davon zeichnet sie gekonnt ein äußerst authentisches Bild. Besonders viel erfährt man über den Streik der Hafenarbeiter. Wenn man geschichtlich sehr interessiert ist, wird man sicher die gründliche Recherche der Autorin zu schätzen wissen, wenn Geschichte eher im Hintergrund steht, könnte sich da vielleicht für den einen oder andern Leser eine Länge einstellen, weil sich alles darauf konzentriert.

„Eine Erfindung des deutschen Arztes Julius Petri, die sich in der ganzen Welt durchgesetzt hat, obwohl er sie erst vor fünf Jahren entwickelt hat.“, ist nur ein kleines lesenswertes Detail. Besonders gut hat mir auch der tolle Einblick in die Medizin der Zeit gefallen und auch das Bild das von der Rolle der Frauen gezeichnet wird, die in dieser Zeit damit beginnen für ihre Rechte einzustehen, möchte ich lobend erwähnen. „Alles, was ein Mann nicht auf direktem Weg erreichen kann, funktioniert über die inoffiziellen Wege intelligenter Frauen. So ist das in der hohen Politik, und so ist es auch im Kleinen. Eine intelligente Frau muss ihr Licht heute leider immer noch unter den Scheffel stellen.“

Der flotte Sprachstil der Autorin liest dich locker, leicht und die Seiten fliegen nur so dahin. Ich habe die herrlich kurzen Kapitel, die zudem viel Fahrt verschaffen, denn eines geht immer noch, schnell verschlungen. Melanie Metzenthin beschreibt mit vielen Bildern, und atmosphärisch dicht, sodass man das Gefühl hat mit vor Ort sein und alles selbst miterleben zu dürfen.

Die Autorin hat ihre Darsteller geschickt gewählt und auch wirklich gelungen dargestellt. Martha mochte ich von Anfang richtig gerne und ich habe mit ihr die Jahre ihrer verlorenen Kindheit regelrecht miterlebt. Ganz besonders gut hat mir auch ihre Freundin Milli gefallen, deren 14. Geburtstag ebenfalls kein Anlass zur Freude ist, denn „Die ist seit dieser Woche mit ihrer Mutter zusammen im Rademachergang zum Anschaffen. Eine verlorene Seele, mir der solltest du dich nicht länger abgeben Martha.“ Sie hat mir ganz oft leid getan, ich habe mit ihr mitgelitten, habe sie aber auch oft für ihre Stärke bewundert. Mitleid oder Wut, da konnte ich mich schwer entscheiden, was ich mit Marthas Vater haben sollte. Dem Alkohol verfallen, lässt er die Familie immer wieder im Stich, leidet darunter aber wohl ganz genauso, „Ich weiß. Du hast ja recht, ich bin ein schlechter Vater. Ich bin euch nur eine Last. Es wäre besser gewesen, wenn die Cholera mich dahin gerafft hätte und nicht die Mama.“ Dass Martha sich entgegen der Richtlinien der Krankenschwester in einen Paul Studt verliebt, wunderte mich nicht, auch ich fand den charismatischen Mann mehr als liebenswürdig. Erwähnen könnte man noch einige, die Martha durch die Jahre begleiten, weil sie so toll gezeichnet sind, Auguste, die intrigante Mitkrankenschwester, die so stolz auf ihre bessere Herkunft ist und die so oft meinen Zorn geschürt hat, soll dafür vielleicht noch stellvertretend stehen. Ach ja, amüsante tierische Unterstützung bringt Marthas Bruder noch durch einen Papagei und ein Kapuzineräffchen ins Spiel.

Alles in allem eine wirklich gelungener Auftakt zur Hafenschwestersaga, der gekonnt ins Hamburg der Zeit versetzt, ein authentisches Bild zeigt und noch dazu mit einnehmenden Charakteren überzeugen kann. Fünf Sterne sind da auch trotz der kleinen Gefahr zu einer Länge beim Streik noch drin.

Die Hafenschwester - Melanie Metzenthin
Die Hafenschwester
von Melanie Metzenthin
(28)
Buch (Paperback)
15,00

Das Leben lebenswert machen

Elke Seifried aus Gundelfingen , am 28.09.2019

Nick Martin hat bei drei Wochen Neuseeland Urlaub die große Reiselust gepackt und er hat seinen Traum wahrgemacht. Mit seinem Buch nimmt er den Leser mit auf eine Reise durch sechs Jahre seines Lebens, die er zu Recht als geilste Lücke in seinem Lebenslauf bezeichnen kann. Man erfährt, wie es zu der Entscheidung kam, kurz auch von den Vorbereitungen und darf dann auch schon in Richtung Cancun abheben. Dort darf man mit ihm erst einmal die Spanisch Kenntnisse aufmöbeln, muss Skorpione wegpupsen, die erste Lebensmittelvergiftung verdauen oder auch auf einem Katamaran durch einen Hurrikan segeln und dabei ums Leben bangen. Dann geht´s weiter in die USA, klar ist da auch ein Trip nach Vegas mit dabei. Am Roulettetisch bei sparsamen Einsätzen mit kostenlosen Drinks versorgen lassen, ein erster Nebenjob und wenig später ohne einen Cent in der Hosentasche in San Francisco am Flughafen stehen, weil der Geldtransfer von Zuhause nicht so wie geplant geklappt hat, bei einem Straßenfest gebodypainted so gut wie nackt durch Seattle radeln, menschenseelenallein in der Natur campen, mit 30 kg Reisegepäck durch die Wälder von Vancouver laufen, auf den Fidschis fast durch eine Harpune ums Leben kommen, da hilft auch kein „Bula“ mehr, das Wort, dass unser Dings ablöst und alles erklärt. Bevor es dann heißt, es geht weiter durch die Welt, werden erst einmal in Melbourne als Hilfskoch und Barista die leeren Kassen aufgefüllt, bei einem anschließenden Trip durch Australien ein Smiley in den Sand gepinkelt und auch nackt neben dem Auto gejoggt, und somit einige verrückte Ideen in die Tat umgesetzt, auf die man kommt, wenn man die endlos langen Straßen entlangfährt. Wieder Zuhause bleibt nach der Wiedersehensfreude mit der Familie der Frust nicht lange aus und die Hummeln in seinem Hintern melden sich schnell wieder, was heißt es geht wieder los. Dieses Mal geht´s nicht allein mit Nick auf Reisen, sondern Freundin Steffi ist meist mit dabei. Durch Havanna, das den Eindruck macht 1969 sei die Zeit stehen geblieben, Silvester ohne Strom und Feuerwerk mitten im Dschungel, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, Panama, … und dann werden tatsächlich beide vom Reiseblues ereilt. Aber nach ein paar Wochen mit geregeltem Tagesrythmus und Arbeit in einem Hostel sind die Kassen und auch die inneren Akkus wieder voll. Die abgelegene Insel Iquitos erkunden, mit dem Frachter auf der Hängematte hin, dort Faultiere beim Faulsein beobachten und an Tausendfüßlern riechen, die nach Vanille-Marzipan-Furz riechen und high machen, eine A Yakuasca Zeremonie durch Nicks Augen miterleben, und schließlich auch noch in der Salzwüste bei -25° Grad bibbern, sind nur einige der Highlights, die sich anschließen, bevor es weiter nach Miami und einen anschließenden Roadtrip durch die USA samt Nationalparks und dann nach einem kurzen Abstecher auf die Fidschis, dieses Mal ist es die Giftschlange, die es auf sein Leben abgesehen hat, erst einmal wieder Geld verdienen angesagt ist. Ein halbes Jahr 70 bis 80 Stunden pro Woche Schuften später in Neuseeland geht’s zur Geburt des Neffen nach Hause, so was darf man sich als Pate nicht entgehen lassen, auch wenn das Reisefieber brodelt. IHK-Vorträge zum Träume Leben vor Langzeitarbeitslosen, ein Jahr als Explorer für Swiss Airlines durch die Welt jetten, auch eine Möglichkeit, Brötchenverdienen und Leidenschaft ausleben. Bali, Manila, und auf den Philippinen durch den Behördendschungel, wenn man ausgeraubt wird, sind noch weitere Stationen, bevor man noch den aufgeschobenen Traum, mit dem Motorrad durch Vietnam, mit ihm erleben darf.

Nick Martins Lebensfreude springt beim Lesen regelrecht über und wirkt mehr als ansteckend. Sehr gut haben mir auch die vielen kleinen Botschaften fürs Leben gefallen, wie „Klar du kannst sagen: Glück gehabt. Ich weiß aber, es ist eine Frage der Einstellung. Du kannst alles negativ betrachten, aber auch in jeder Schei.. positive Seiten sehen. Es kommt immer darauf an, was du willst und was du aus deinem Leben machst!“ oder auch „Ich erkenne heute Herausforderungen, wo ich früher nur Probleme gesehen habe.“ In unserer heute meist hektischen Zeit ist sicher auch der Tipp „Wenn du an einen neuen Ort gelangst, warte. Es braucht Zeit bis die Seele nachkommt.“, nicht verkehrt In sich ruhen, zufrieden und glücklich mit sich und seinem Leben sein, das sollte man wieder viel mehr kultivieren, der Autor lädt dazu ein.


„Dafür, dass ich bisher Wert darauf gelegt hatte, als echt cooler Typ rüberzukommen, hatte ich neuerdings ganz schön viel Pipi in den Augen.“, Abschiedstränen blieben nicht aus, und der Autor lässt einen nicht nur daran teilhaben. Es fühlte sich an, wie wenn mir ein guter Freund völlig offen von seinen Erlebnissen berichtet, ein vertrautes Gefühl ist schnell entstanden und ich habe jede Seite genossen. Immer flott und locker formuliert, wird es mal witzig, mal abenteuerlich, ab und an auch richtig gefährlich und nachdenklich, da hat Langeweile null Platz. „Es war, als ob mir jemand die Seele geöffnet und einfach mit einer Taschenlampe mitten hineingeleuchtet hätte. Und dieses Licht, das habe ich so was von aufgesaugt und in mir behalten.“ Nick Martin beschreibt unheimlich anschaulich und gepaart mit den vielen tollen Farbfotos hat man beim Lesen das Gefühl mit ihm auf Weltreise gehen zu dürfen.

Die knapp 300 Seiten sind in 14 Kapitel gegliedert, die jeweils noch einmal in einzelne Episoden unterteilt sind. Alle sind durch die übersichtliche Gestaltung, die unheimlich vielen tollen, eindrücklichen Farbfotos, die farbigen Hervorhebungen und nochmalige Erwähnung von Hauptaussagen aus dem umgebenden Text, wirklich ein Meisterwerk des Layouts. Da macht schon das einfache Blättern im Buch richtig Spaß, verbreitet gute Laune und weckt die Reiselust. Diese äußerst ansprechende Aufmachung alleine rechtfertigt in meinen Augen auch einen jeden einzelnen Cent des Buchpreises mehr als zu genüge, meiner Meinung nach sogar ein Schnäppchen, im Vergleich zu manch anderem Buch.

Alles in allem völlige Begeisterung und eine absolute Leseempfehlung für alle, die sich Tipps fürs (Welt-) Reisen holen, für die, die nur ein wenig davon träumen wollen, und auch für all die, denen der Mut fehlt, ihr Leben zu ändern, wenn es ihnen eigentlich so gar nicht mehr taugt. Aber Vorsicht, Fernweh ist vorprogrammiert!

Die geilste Lücke im Lebenslauf - Nick Martin, Anita Vetter
Die geilste Lücke im Lebenslauf
von Nick Martin
(15)
Buch (Paperback)
19,95

 
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