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ein Katz-und-Maus-Spiel auf mäßig hohem Niveau

Krimisofa[dot]com , am 04.03.2019

Andreas Gruber hat bis jetzt Geschichten in den Genres Horror, Science-Fiction-, Krimi und Thriller geschrieben – nun wagt er sich ins Jugendbuch-Genre. Als ich Ende letzten Jahres die Vorschau des cjb-Verlages durchblättert habe, bin ich plötzlich auf diesen Titel gestoßen und war überrascht – positiv überrascht. Tatsächlich lese ich gerne Jugendbücher, liebe beispielsweise die Bücher von Markus Zusak – wobei es bei ihm eher Coming of Age Geschichten sind. Aber manchmal ist beides das Selbe. Aber kann Andreas Gruber Jugendbuch? Das ist der Beginn einer Reihe und ich war zu Beginn danach positiv-skeptisch. Zu Beginn.

Terry ist vierzehn Jahre alt, auch wenn sie darauf besteht, vierzehneinhalb zu sein. Das ist wie bei Maarten Sneijder, der auf sein S zwischen seinen Namen besteht. Irgendwann wird diese Masche halt auch langweilig. Vor zehn Jahren verlor sie ihre Mutter, dessen Leiche nie gefunden wurde. Seitdem lebt sie mit ihrem Onkel Simon, der Meeresbiologe und Erfinder ist, auf dem U-Boot namens Kopernikus – ein durchaus interessanter Name, da Kopernikus Arzt und Astronome war und nichts mit dem Wasser oder Unterwasser am Hut hatte. Neben Terry und Simon leben noch ihr Cousin Ethan, der als Nerd ganze Nacht am PC sitzt und Simon unterstützt, und der ehemalige Hausarbeiter von Terrys Mutter, Johann auf dem Boot. Und dann ist da noch Charlie, Terrys Frettchen, das gut dressiert gerne auf Terrys Schulter sitzt und die Welt genießt. Terry bringt die Geschichte durch ihren nächtlichen Einstieg in das Haus der Goians, die nun im ehemaligen Haus von Terrys Mutter wohnen – oder auch nicht (siehe Einleitung). Hinter den Goians steht die mächtige Valerie De Boes – und bei der ist der Name Programm, denn sie ist die Antagonistin der Reihe. Ja, der Reihe, denn „Code Genesis“ ist nicht in sich geschlossen bzw. nur so halb.

Mich hat „Code Genesis“ frappant an die Zeichentrickserie „Wo ist Carmen Santiego“ erinnert, die in den 90ern im Fernsehen lief. Dort wurde (die böse) Carmen Santiego quer durch die Welt gejagt. Die Vorzeichen kehren sich bei „Code Genesis“ ins Gegenteil, denn da werden die Guten durch die Welt gejagt. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Serie „Wo steckt Carmen Santiego" besonders bekannt war – ich jedenfalls habe sie geliebt. „Code Genesis“ nimmt innerhalb weniger Seiten an Fahrt auf und man kommt eigentlich kaum davon los – das kennt man von Gruber. Bei seinen anderen Büchern ist es nicht anders.Und doch ist etwas anders bei dieser Reihe. Die Protagonistin wirkt nämlich, anders bei die bei Grubers anderen Reihen, anfangs wie ein Fremdkörper. Während Simon, Ethan und Johann klare Aufgaben auf dem Boot haben, erfährt man bis zuletzt nicht, welche Aufgabe – außer hin und wieder putzen. Frettchen Charlie hat da eine wesentlich größere Persönlichkeit. Auch markante weibliche Züge hat Terry bis fast zum Ende nicht. Da kommt kein „streicht sich eine lange Strähne hinters Ohr“, „bindet sich die Haare zu einem Zopf“ oder ähnliches. Terry könnte genau so gut ein Junge sein – vielleicht heißt sie auch genau deshalb Terry. Aber wenn vier (junge) Männer durch die Weltmeere düsen, wäre die Gefahr eines Aufschreis vermutlich zu groß. Generell kann man festhalten, dass sich Gruber bis zur Hälfte bezüglich der Charaktere ziemlich bedeckt hält. Die Geschichte kommt jetzt auch nicht mit den größten Innovationen daher, die Muster kennt man zumindest – ein Katz-und-Maus-Spiel auf mäßig hohem Niveau. Auch die Hintergründe dieser Jagd wurden meiner Meinung nach viel zu wenig erklärt. Vermutlich wird sich die Reihe damit über ein paar Teile halten können – ewig wird sich das Szenario aber auch nicht tragen können, ohne langweilig zu werden, wenn man nicht etwas mehr Backstory erfährt. Da fehlt mir persönlich der Anreiz, weiterzulesen.. Der Showdown ist zudem ziemlich vorhersehbar – aber klar, wenn man zu einer Schießerei mit dem sprichwörtlichen Messer auftaucht, muss man sich eben eine effektivere Alternative suchen

.Ich weiß nicht genau, wie alt die Zielgruppe dieses Buchs ist, aber aufgrund des Settings und der Tatsache, dass das Fluchen tunlichst vermieden wird, tippe ich mal, dass sie bei plusminus vierzehn Jahren liegt. Ob die Serie der frühen Kundenbindung für Grubers anderer Bücher dient, weiß ich nicht, kann man aber mutmaßen. Strategisch wäre es nicht unklug, da "Code Genesis" in eine ähnliche Kerbe wie Grubers andere Bücher schlägt. Man könnte dieses Buch durchaus als Jugendthriller bezeichnen – auch wenn Gruber eine andere Bezeichnung präferiert. Ob ich die Serie weiterverfolgen werde, weiß ich noch nicht  – man erkennt eben deutlich, dass die Zielgruppe (sehr) jung ist, was ja an sich nichts schlechtes ist.. Aber mal sehen. So richtig angekommen ist Andreas Gruber im Jugendbuch-Genre meiner Meinung nach noch nicht.Epilog:

„Code Genesis“ bildet den Auftakt zur Jugendbuch-Reihe von Andreas Gruber und nimmt recht schnell an Fahrt auf. Die vierzehnjährige Terry stürzt ihre Ersatzfamilie durch eine eigenwillige Aktion in ein nachhaltiges Chaos. Eben jene Terry wirkt anfangs wie ein Fremdkörper – ihr Frettchen Charlie hat eine wesentlich größere Persönlichkeit. Die Geschichte kommt jetzt auch nicht mit den größten Innovationen daher – ein Katz-und-Maus-Spiel auf mäßig hohem Niveau.

Code Genesis - Sie werden dich finden - Andreas Gruber
Code Genesis - Sie werden dich finden
von Andreas Gruber
(26)
Buch (Paperback)
13,00

Ein solides Buch

Krimisofa[dot]com , am 13.02.2019

Claire Kendal hat zwei Releases im deutschsprachigen Raum. „Die zweite Schwester“ ist ihr aktueller. Für mich versprachen Cover als auch Klappentext psychologische Spannung, deshalb hat mich das Buch interessiert und deshalb hab ich es mir geholt. Dass ich von der Autorin noch nie etwas gehört hatte, war da nachrangig bzw. nur logisch bei lediglich zwei publizierten Büchern. Enttäuscht wurde ich jedenfalls nicht – richtig zufriedengestellt aber auch nicht.

Ella ist unsere Protagonistin in „Die zweite Schwester“. Sie hat Anlass dazu, nach ihrer Schwester zu suchen. Die wird seit zehn Jahren vermisst, oder ist seit zehn Jahren oder zumindest seit einer Zeit tot – so genau weiß das keiner. Zehn Jahre sind jedenfalls genug, denkt sich Ella, sie will endlich Gewissheit haben. Auch für Luke, der Sohn von Miranda, der seine Mutter nie kennengelernt hat, denn wenige Wochen nach seiner Geburt ist sie verschwunden. Also sucht Ella, auch weil sie neue Hinweise hat, wenngleich diese zunächst sehr vage sind und man als Leser oft das Gefühl hat, dass Ella einerseits im Nebel herumstochert und andererseits, irgendwann einen Hang zur Paranoia entwickelt. Und dann ist da noch Jason Thorne, der in der hiesigen Psychiatrie sitzt, weil er mehrere Frauen getötet hat – war Miranda darunter? Ella soll die Möglichkeit bekommen, es zu erfahren.

Ich habe mich tatsächlich auf dieses Buch gefreut, habe es sogar einem anderen vorgezogen und großteils hatte ich auch Freude daran. Anfangs wollte ich es gar nicht mehr aus der Hand legen, weil die Atmosphäre stimmig und Ella ein interessanter Charakter ist. Dazu noch Luke, dem Sohn der vermissten oder toten Miranda, der mit Ella so etwas wie eine Ersatzmutter hat. Das Buch geht von Anfang an auf die Psyche des Lesers, weil man sofort herumdenkt, was mit Miranda passiert sein mag und hinterfragt auch den Charakter von Ella und sämtliche andere Charaktere, denen man begegnet – so war es zumindest bei mir. Kendal schafft eine interessante Stimmung, die angenehm und gleichzeitig unangenehm ist. Den Spagat schafft sie gut. Und dazu bietet sie uns subtile Spannung, die rund um Ella und ihre Schwester aufgebaut ist. Ella steht ihrer Schwester nahe – so nahe, dass sie fast durchgehend mit ihr im Gedanken spricht. Also wenn wir nicht gerade die ohnehin dialoglastige Geschichte lesen, bekommen wir die – eher einseitige – Unterhaltung zwischen Ella und Miranda auch noch mit.

Bei Ich-Erzählungen wie bei „Die zweite Schwester“ fällt es mir ohnehin immer schwer, dem Protagonisten vollends zu vertrauen, weil man eben nur die eine, nämlich seine - oder in dem Fall ihre - Sicht hat. Und man hat hier nur eine, denn einen zweiten Erzählstrang gibt es nicht. Wir haben zwar mit Jason Thorne einen Antagonisten, aber der ist erstens schon verurteilt und zweitens ein verdammt schlecht gezeichneter Charakter, der so wenig Charisma hat, dass ihn sich Kendal auch sparen hätte können. Im späteren Verlauf hat er mich dann doch  etwas zu sehr an Hannibal Lecter erinnert; und das braucht es meiner Meinung nach nicht. Übrigens sind generell alle Charaktere außer Ella ziemlich blass – einzige Ausnahme bildet hier Luke, obwohl der irgendwann auch von der Bildfläche verschwindet, was ich sehr schade finde. Er haucht der Geschichte bis dahin einiges an Leben ein.

Auch wenn ich das Buch anfangs kaum aus der Hand legen konnte, tun sich im weiteren Verlauf doch ein paar Längen auf. Wobei ich mich ohnehin immer frage, ob es an mir oder nicht doch am Buch liegt, dass ich es gerade etwas zäh finde. Alles in allem ist „Die zweite Schwester“ ein solides Buch, dessen Titel mich aber doch des Öfteren zum Grübeln brachte, weil … es sind zwei Schwestern, aber … ach, macht euch am besten selbst ein Bild ;)

„Die zweite Schwester“ von Claire Kendal hat mich von Anfang an so gefesselt, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte zu lesen, das dann aber irgendwann seine Defizite nicht mehr verstecken kann. Beispielsweise sind alle Charaktere außer Ella ziemlich blass. Einzige Ausnahme bildet Luke, aber der taucht irgendwann nicht mehr auf. Außerdem bekommt die Geschichte mit der Zeit dann leider doch ein paar Längen, und der Antagonist ist höchstens ein Hannibal Lecter für ganz Arme.

Die zweite Schwester - Claire Kendal
Die zweite Schwester
von Claire Kendal
(7)
Buch (Taschenbuch)
10,00

Ein hübsch ausgeschmücktes Sachbuch, aber sicher kein Polit-Thriller

Krimisofa[dot]com , am 23.01.2019

Robert Harris steht für umfassendes historisches Wissen, egal ob es um das antike Rom unter Cicero geht, oder um Hitler, bei jedem von Harris Bücher hat man das Gefühl, dass Harris wirklich Ahnung hat. Es ist nicht nur ein Gefühl, der ehemalige Cambridge-Student hat Literatur studiert und danach bei der BBC und etlichen namhaften britischen Zeitungen gearbeitet. Sein erster Thriller war „Vaterland“ - und eben jenes Buch war auch mein erstes von ihm, das ich gelesen habe. Damals war er noch fiktiv unterwegs, denn das Buch beschreibt ein Deutschland im Jahr 1964 – ein Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat. „München“ spielt etliche Jahre davor und beschreibt die Geschichte des Münchner Abkommens.

Es gibt in „München“ etliche Auftritte von historischen Persönlichkeiten – Hitler zum Beispiel. Ein Mensch mit bleichem Gesicht, der ständig nach Schweiß riecht und dem man die Texte auf einer speziellen Schreibmaschine, die größere Buchstaben schreibt, schreiben muss, damit er sie leichter lesen kann. Oder der britische Premierminister Neville Chamberlain, ein sturer und gleichzeitig komplett uncharismatischer Mensch, der mich im Buch mit seiner Beschwichtigungspolitik und seinem „Herr Hitler" (ich hab noch nie jemanden gesehen, der dem „Hitler" ein „Herr" vorangestellt hat) fast wahnsinnig gemacht hat. Oder Benito Mussolini, Ernst von Weizäcker, Joachim von Ribbentrop, und etliche mehr. Eigentlich stehen die fiktiven Charaktere gefühlt klar in der Minderheit. Robert Harris zeichnet die Geschichte rund um die Ausfertigung und Unterzeichnung des Münchner Pakts 1938, wo es um den Einmarsch Hitler-Deutschlands in die Tschechoslowakei geht, genauer um die Eroberung des Sudetenlandes.

Und wir dürfen dies anhand zweier (fiktiver) Charaktere miterleben: Einerseits anhand des Privatsekretärs des britischen Premierministers Chamberlains, Hugh Legat, und andererseits an Paul von Hartmann, Beamter im deutschen Außenministeriums. Die zwei kennen sich, haben zwei Jahre gemeinsam studiert. Nun treffen sie nach sechs Jahren wieder aufeinander und wollen etwas Schwung in die Verhandlungen bringen, denn von Hartmann ist, obwohl er in der NSDAP ist, keineswegs ein Fanatiker von Hitler – das genaue Gegenteil ist der Fall. Generell erfahren wir über Paul von Hartmann aber ziemlich wenig. Von Legat ist es dann doch etwas mehr, wenngleich sich Harris auch bei ihm nicht gerade verausgabt.

Ich mag Harris' Art, wie er uns Geschichte näherbringt, es macht Spaß und ist auch noch lehrreich. Ich hätte Harris gerne als Geschichtslehrer gehabt, das merkte ich bereits bei „Intrige“, wenngleich man dessen Handlung auch auf Wikipedia nachlesen könnte. Bei „München“ gelingt ihm dann doch etwas, was mich fasziniert hat: Er zieht den Leser mit seinen ausführlichen Beschreibungen nicht nur zurück ins Jahr 1939, der dadurch nicht nur das Gefühl bekommt, live dabei zu sein - Harris gewährt dem Leser auch einen Blick hinter die Kulissen der Politik, er gewährt uns Einblick in die Verhandlungsräume der ganz großen Politik. Und das macht Spaß. Wenngleich…

...man bekommt nicht alles mit, bei Weitem nicht. Bis wir nach München an den Verhandlungstisch kommen, dauert es dazu auch noch seine gut 200 Seiten. Dazu kommt, dass das Buch zwar interessant ist, aber weit weg von einem Thriller – denn Spannung sucht man lange und findet sie doch nicht. Manchmal denkt man sich „Jetzt, JETZT passiert etwas Wichtiges, da kommt jetzt der Plot-Twist!“ - nope, Sir. Das ist immens schade, denn Harris baut sich mehrmals eine Rampe für den großen Höhepunkt, sprengt sie aber im selben Atemzug wieder in die Luft.

München - Robert Harris
München
von Robert Harris
(37)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Es wird privat

Krimisofa[dot]com , am 28.12.2018

Prolog: Mit „Die Rivalin“ hat Michael Robotham überrascht. Ein Standallone-Thriller abseits der O‘Loughlin/Ruiz-Reihe. Nun sind die beiden nach drei Jahren zurück. Etliches hat sich geändert, nur eines nicht: Meine Vorfreude auf das Buch. Denn sind wir ehrlich – Robotham geht einfach immer. Egal ob es um eine Frau geht, die eine andere Frau stalkt, oder um Joe O‘Loughlin, der gemeinsam mit seinem Buddy Vincent Ruiz auf Spurensuche geht und sich dabei mit den Cops anlegt. Völlig egal, Robotham macht immer Spaß, so auch „Die andere Frau“. Auch wenn es diesmal nicht um einen Serienmörder geht - diesmal wird es richtig privat.
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Joe ist mit Emma nach von Somerset nach North London gezogen, einer besseren Gegend der englischen Hauptstadt. Emma besucht eine Privatschule, Charlie studiert Psychologie in Oxford. Nie zuvor hat Robotham den Wohlstand der O‘Loughlins so hervorgekehrt – aber macht das Joseph O‘Loughlin unsympathischer? Mitnichten. Schließlich kann er nichts dafür, dass sein Vater eine Koryphäe auf dem Gebiet der Chirurgie ist und dass er in diesen Wohlstand hineingeboren wurde. Ohnehin war er ein Rebell und ist Psychologe geworden, anstatt die Familienära der Chirurgen fortzuführen. Sein Vater war Joe zeit seines Lebens fremd; nun, wo er zwischen Leben und Tod schwebt, lernt er ihn kennen und deckt seine Geschichte Stück für Stück auf.

Aber nicht nur das, denn auch seine jüngere Tochter, Emma, bereitet ihm Sorgen. Denn sie hat immer noch am Tod ihrer Mutter, der mittlerweile sechzehn Monate zurückliegt, zu kämpfen. Das äußert sich dahingehend, dass sie eine Mitschülerin die Treppe hinuntergestoßen hat. Ohnehin hat Joe einiges um die Ohren, jetzt, da er alleinerziehender Vater ist, muss Teile der Erziehung Charlie überlassen, die jetzt, da ihr Opa um sein Leben kämpft, von Oxford nach London kommt. Nicht nur, um ihren Vater moralisch zu unterstützen.

Es ist so einiges drin, im neuesten Buch von Michael Robotham, der nach dem „Whodunit"-Prinzip aufgebaut ist. Denn Joe schnüffelt und schnüffelt und schnüffelt, lernt Menschen kennen, die er lieber nicht kennengelernt hätte, lernt Dinge über seinen Vater kennen, die lieber im Verborgenen geblieben wären. Macht sich Freunde, aber auch Feinde. Aber nicht nur er lernt einiges kennen, sondern auch wir als Leser lernen die Familiengeschichte der O‘Loughlins kennen, denn einiges wusste ich tatsächlich noch nicht und einiges habe ich bestimmt schon fünfmal vergessen – aber das macht nichts, denn Robothams Schreibstil macht Spaß, egal worum es geht. Vor allem wenn Joe mit Vincent Ruiz unterwegs ist, lässt er immer wieder den knochentrockenen britischen Humor durchblitzen – genau nach meinem Geschmack.

Ein Subthema von vielen, das zumindest im erweiterten Umfeld der Story stattfindet, ist Tennis. Dabei wird immer wieder fachspezifisches Vokabular eingebaut – nichts, was storyrelevant wäre, aber würde ich mich nicht einigermaßen mit dem Sport auskennen, wäre ich wohl zeitweise verwirrt. Es ist aber auch nicht so, dass man mit Vokabeln erschlagen wird – ich wollte es aber auch nicht unerwähnt lassen.

Nicht so nach meinem Geschmack war der erste Teil des Showdowns, der eine Gewaltorgie sondergleichen ist – der zweite Teil ist dafür ein einziger Gänsehautmoment und ein Plädoyer für das Leben. Wunderschön. Auch nach dem Showdown erwartet uns noch eine emotionale Szene – Gänsehaut kann Robotham.

Robotham nimmt sich seine Freiheiten und macht es sich an manchen Stellen ziemlich einfach. Zum Beispiel ist Ruiz jetzt Unternehmensbetrugsermittler, was hervorragend in den Verlauf der Geschichte passt. Das ist aber tatsächlich auch der einzige richtige Kritikpunkt, den ich an „Die andere Frau“ habe. Der Rest hat mich begeistert, gepackt und berührt. Am Ende wissen wir wesentlich mehr über O‘Loughlin als am Anfang.
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Epilog: „Die andere Frau“ von Michael Robotham ist ein packender, berührender und hoch-emotionaler Thriller, in dem wir Joe O‘Loughlin und seine Familiengeschichte besser kennenlernen. Ein Thriller, an dem O‘Loughlin nicht nur herausfinden will, wer seinen Vater erschlagen hat, sondern sich auch mit seiner Tochter auseinandersetzen muss, die den Tod ihrer Mutter nach sechzehn Monate noch nicht überwunden hat.

Die andere Frau - Michael Robotham
Die andere Frau
von Michael Robotham
(63)
Buch (Paperback)
14,99

Das Setting ist höchstens Mittel zum Zweck

Krimisofa[dot]com , am 12.12.2018

„Verborgen“ bietet eigentlich ein durchaus interessantes Setting. Ein Gefängnis, eine Ärztin und ein undurchsichtiger Fall. Das hat der schurken.blog schon erkannt und eigentlich stimme ich dem sogar zu. Nun kommt hinzu, dass das Buch unter dem Pseudonym Anna Simons veröffentlicht wurde, hinter der sich laut der Biografie eine Autorin verbirgt, die schon viele verschiedene Genres bedient und schon einige Auszeichnungen erhalten hat. Die Frage, die sich mir während des Lesens gestellt hat, war: Trägt sich das Setting für eine ganze Serie, dessen zweiter Teil im Herbst 2019 erscheinen soll? Das wird im Verlauf dieser Rezension hinreichend beantwortet.

Dr. Eva Korell ist Ärztin, welche und ob sie eine Fachrichtung hat, weiß man nicht, sie dürfte aber Allgemeinmedizinerin sein, was für ein Gefängnis wohl ohnehin das idealste ist. Korell ist buchstäblich von Berlin nach München geflohen – vor der Arbeit im hiesigen Spital, vor ihrem Ex. Eva Korell hat Empathie und einen Gerechtigkeitssinn, so viel davon, dass man kotzen möchte. Denn ich habe schon zig (wirklich zig, fünfzig, sechzig, siebzig oder mehr) Ärzte kennengelernt, aber Empathie habe ich da selten entdeckt. Aber vielleicht gehört Korell zur Ausnahme, die die Regel bestätigt. Nun fällt ihr noch vor Arbeitsbeginn mit Nicole Arendt eine Frau in die Arme, bei der schon aus drei Kilometer Entfernung erkennbar ist, dass sie nicht das beste Leben hat – ein gefundenes Fressen für Korell.

Denn früher oder später erfährt Korell, dass Arendts Mann Robert in genau dem Gefängnis sitzt, in dem sie nun arbeitet. Zufall? Jep. Zu allem Überfluss fährt immer wieder ein mysteriöser blauer Mercedes in Korells Umfeld herum, der ihr deshalb auffällt, weil ihre Eltern genau so einen hatten und mit dem sie – und dafür muss man wahrlich kein Meisterdetektiv sein, obwohl man es erst spät erfährt – einen Unfall hatten. Zufall? Jep. Nun fängt Korell also einen neuen Job in einer neuen Stadt an und hat prompt auch noch einen unbezahlten Zweitjob als Detektivin, denn sie muss ja herausfinden, warum Arendt so durch den Wind ist und was das mit ihrem Mann zu tun hat. Und da frage ich mich schon: Entweder hat die Gute den falschen Job oder die Autorin das falsche Setting gewählt, denn ihre Tätigkeit als Ärztin spielt maximal eine untergeordnete Rolle. Vor allem wenn man eine neue Arbeitsstelle antritt, lässt man sich nicht gleich komplett von einem Fall ablenken, sondern würde sich erst einmal einarbeiten, sich den ungewöhnlichen Arbeitsalltag ansehen und sich daran gewöhnen, aber genau das fehlt dem Buch oder wird zumindest nicht hinreichend erzählt. Ich hätte mir vor allem mehr vom Gefängnisalltag erwartet, mehr Intrigen, mehr Unruhen. Solche Sachen. Aber der Großteil der Geschichte spielt nicht mal im Gefängnis.

Es ist aber nicht alles schlecht an dem Buch. Die Stimmung im Erzählstrang von Arendt, der sich mit dem von Korell abwechselt, ist zum Beispiel gut aufgefangen und wiedergegeben. Arendt findet diesen herrenlosen Schmuck in ihrer Wohnung und weiß nicht, was sie davon halten soll. Ist er ein Geschenk von ihrem Mann an sie oder gehört er Nadja, dem letzten Opfer des Serienvergewaltigers, der die Stadt seit einiger Zeit beunruhigt. Ist ihr Mann gar der Serienvergewaltiger? Arendt ist bei der Frage hin- und hergerissen und zerbricht fast daran. Das hat die Autorin sehr gut umgesetzt.

Man kommt auch flott durchs Buch. Es ist zwar nicht allzu spannend, aber die Handlung packt einen irgendwann doch ziemlich. Auch dass die Sicht des Antagonisten wiedergegeben wird, ist nicht uninteressant und generell, dass sich die Handlung - zumindest im Ansatz - nach wahren Begebenheiten richtet, verleiht dem Ganzen einen authentischen Anstrich – dennoch wirkt die Handlung wenig realistisch und fast minderwertig. So als wollte die Autorin alle Elemente, die ein guter Thriller ausmacht, hernehmen, zusammenstöpseln und dann schauen, wie es ankommt. In meinem Fall nicht allzu gut, sorry.

Tl;dr: „Verborgen“ von Anna Simons ist ein Thriller mit einem interessanten Setting – das aber eine untergeordnete Rolle spielt und maximal Mittel zum Zweck ist, denn der Großteil der Geschichte spielt nicht im Gefängnis, sondern außerhalb dessen. Dazu kommt, dass es der Geschichte an Realitätsnähe fehlt und insgesamt minderwertig wirkt. Ob sich das Setting für eine ganze Serie trägt wage ich deshalb stark zu bezweifeln.

Verborgen - Anna Simons
Verborgen
von Anna Simons
(19)
Buch (Taschenbuch)
10,00

Kein Plädoyer gegen den Kapitalismus, aber für mehr Gerechtigkeit

Krimisofa[dot]com , am 05.12.2018

Mitte Oktober erreichte mich eine Rezensionsanfrage des Verlages Krug & Schadenberg. Der Verlag Krug & Schadenberg besteht seit 25 Jahren und publiziert ausschließlich lesbische Literatur. Das kann alles sein, Sachbuch, Ratgeber oder Krimi; da ich mit den ersten zwei Kategorien nicht viel anfangen kann, handelte es sich bei der Anfrage natürlich um einen Krimi. Das ist der fünfte Teil einer Serie, bei der man – so wurde mir gesagt – auch mittendrin einsteigen kann. Wobei ich bei mir recht schnell erkannte, dass mich die vorherigen Teile ebenfalls interessieren würden, denn Ava Lee ist eine mehr als beeindruckende Heldin.

Ava Lee ist ausgebildete Wirtschaftsprüferin und leitet mit ihrem Geschäftspartner ein Unternehmen. Der Geschäftspartner wird durchgehend nur Onkel genannt, dürfte tatsächlich aber Avas Großvater sein. Die Bezeichnung „Onkel“ ist im Asiatischen  eine respektvolle Anrede, wie mir die Übersetzerin des Buches auf Nachfrage erklärte. Die Familienverhältnisse von Ava sind aber ohnehin nicht die einfachsten. Ihre Freundin ist Kolumbianerin und die Hälfte ihrer Familie lebt in China, während sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Kanada lebt. Ihr Vater hat nämlich gleich drei Familien auf drei Kontinenten – eine davon eben in Nordamerika. Ava ist zwar lesbisch, das Thema steht aber nicht im Zentrum, ja eigentlich spielt es generell nur eine untergeordnete Rolle, und das ist auch gut so – was interessiert mich, wer mit wem ins Bett geht.

Aber genau das spielt dann doch eine Hauptrolle in dem Buch, wenngleich komplett anders, als man anfangs erwartet. Es dauert nämlich tatsächlich eine Zeit lang, bis etwas Fahrt in die Handlung kommt; lange erkennt man auch keinen Krimi. Es ist zwar interessant, aber weit weg von spannend. Spätestens als Ava zu einer Sightseeing-Tour in Surabaya eingeladen wird, schlief die Handlung für mich komplett ein – das hat schon mehr von Reiseführer als Krimi. Und dann passiert die eine, die entscheidende Sache, und schlagartig haben wir nicht nur Spannung, sondern auch jede Menge Emotionalität – das ist definitiv der turning point im Buch. Aber auch bei Ava, denn diese agiert danach komplett anders als davor – wesentlich motivierter und brutaler. Ich habe selten solch eine (gerechtfertigte!) Brutalität erlebt. Der Showdown findet für mich deshalb bereits im zweiten Drittel des Buches statt.

Ian Hamilton baut auch immer wieder asiatische Kultur und Kulinarik ein – und obwohl Hamilton Kanadier ist, man nimmt ihm jede asia-spezifische Beschreibung unhinterfragt ab und merkt, dass er sich nicht nur mit der Kultur auseinandergesetzt hat, sondern sie liebt. Dass Ava Kanadierin ist und das Buch zu einem (sehr kleinen) Teil in Kanada stattfindet, ist eine Randnotiz.

Positiv hervorheben will ich noch das Genre. Ich hege normalerweise kein gesondertes Interesse für Wirtschaft – damit verbundene Zahlen sind ohnehin ein rotes Tuch für mich. Aber ich habe mich gut zurechtgefunden und hatte auch noch Spaß daran. Und auch wenn „Der schottische Bankier von Surabaya" nicht gerade ein flammendes Plädoyer gegen den Kapitalismus ist, dann doch eines für mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt. Was will man mehr?

Der nächste Teil der Reihe, „Die zwei Schwestern von Borneo", kommt im Herbst 2019, möglicherweise früher.

Tl;dr: „Der schottische Bankier von Surabaya“ von Ian Hamilton ist ein Wirtschaftskrimi, der sich Zeit nimmt, um die Handlung aufzubauen und bei der man lange den Krimi sucht – bis sie dann  explodiert und einen nicht mehr loslässt. Ava Lee ist eine beeindruckende Person, die lesbisch ist, deren sexuelle Präferenz aber eine untergeordnete Rolle spielt.

Der schottische Bankier von Surabaya - Ian Hamilton
Der schottische Bankier von Surabaya
von Ian Hamilton
(2)
Buch (Paperback)
19,90

Etwas überladen

Krimisofa[dot]com , am 27.11.2018

Als ich den Klappentext von „Die Suche“ zum ersten Mal gelesen habe, bin ich nicht gerade vor Euphorie in die Luft gegangen, denn Charlotte Link zeichnet sich für mich eher durch subtile Spannung aus, Spannung, die sich langsam aufbaut, psychische Spannung. Das alles passte für mich auf den ersten Blick nicht unbedingt zu einem Krimi, in dem primär ermittelt wird. Erst als ich die ersten Seiten las, stieß ich auf den Namen Kate Linville und da machte es dann klick. Denn ihre unnachahmliche Art und ihr Wesen sind mir im Kopf geblieben – Kate Linville war nämlich bereits die Protagonistin in „Die Betrogene“, was vor drei Jahren erschien und „Die Betrogene" war jenes Buch, das das Erste war, das ich fürs Krimisofa rezensierte. Und ab da war ich Feuer und Flamme für „Die Suche".

Kate Linville hat sich in den drei Jahren kaum geändert, eigentlich gar nicht. Ihr Selbstbewusstsein ist immer noch im suizidalem Bereich und die Selbstzweifel nehmen Sphären an, in denen man sich fragt, wie sie eigentlich eine Stelle bei Scotland Yard bekommen konnte (vermutlich durch Vitamin B) bzw. sich so lange dort halten konnte – vor allem, weil sie alles andere als glücklich damit ist und ohnehin von all ihren Kollegen geschnitten und ausgegrenzt wird. Kurz: Kate ist eigentlich ein Fall für einen Psychologen. Stattdessen sucht sie regelmäßig den Eskapismus und pfuscht in den Fällen des trockenen Alkoholikers Caleb Hale herum, der den Fall der verschwundenen Amelie untersucht. Schon in „Die Betrogene“ hat er sie gefragt, ob sie sich nicht bei der Polizei in Scarborough bewerben will, aber sie lehnte ab. Keiner weiß, wieso – am wenigsten sie selbst.

Es gibt tatsächlich noch eine Fülle an Charakteren und Erzählsträngen, die ich euch näherbringen könnte; Charlotte Link hat sich offenbar einiges vorgenommen. Neben Amelie und ihrer Familie nimmt noch Mandy und deren Familie und deren Sozialarbeiterin, der Täter, Hannah, deren Vater, das aktuelle Opfer, diverse Zeugen und Caleb Hale samt seinem Team jeweils breiten Raum in die Geschichte ein. Unübersichtlich wird es überraschenderweise dennoch nie, aber irgendwann habe ich mich dann schon gefragt, warum es ein solches Konvolut braucht – zumal es irgendwann doch auch der Geschichte schadet, die stellenweise wie ein Erstlingswerk wirkt. Vielleicht gerade deshalb, weil es normalerweise eben nicht Links Art ist, solche verworrenen Geschichten zu schreiben.

Auch der Fokus geht dadurch irgendwann verloren – wenn er überhaupt jemals da war –, man weiß nicht, was wichtig ist, weiß nicht, wer wichtig ist. Irgendwann kommt dann natürlich unweigerlich der Plot-Twist, der auch gut inszeniert und umgesetzt ist, aber das ist den Preis, den man als Leser bis dahin zahlt – nämlich primär Zeit – nur bedingt wert. Auch der Showdown, vor allem dessen Beginn, ließ mich ratlos zurück; so wirklich nachvollziehbar ist das Handeln mancher Personen da nicht.

Charlotte Link legt dennoch ein gewisses Maß an Niveau an den Tag, das wir von ihr gewohnt sind, und auch Kate tritt facettenreicher auf als in „Die Betrogene“, sie ist nicht mehr nur voller Selbstzweifel, sondern hat auch ihre schlagfertigen Momente. Dennoch hat sie primär Selbstzweifel, was dann doch irgendwann nervt. Genau wie bei Deborah, der Mutter von Amelie, die einfach von Anfang bis Ende durchheult. Da will man als Leser manchmal in die Geschichte greifen und beide mal kräftig schütteln. Link lässt sich auch einiges für einen etwaigen dritten Teil offen, den ich aller Voraussicht nach auch lesen werde – aber vermutlich weit weniger euphorisch. Insgesamt wollte Link diesmal zu viel.

Tl;dr: „Die Suche“ von Charlotte Link erzählt uns eine weitere Geschichte über Kate Linville, die sich abermals in einen Fall von Caleb Hale mischt. Diesmal will Link aber etwas zu viel. Zwar verliert man nie den Überblick, aber teilweise fragt man sich schon, ob das die Zeit wert war, die man als Leser investiert. In Teilen wirkt das Buch wie ein Erstlingswerk, weil diese Erzählweise normalerweise nicht Links präferierter Stil ist.

Die Suche - Charlotte Link
Die Suche
von Charlotte Link
(68)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

Packend von Anfang bis Ende

Krimisofa[dot]com , am 08.11.2018

Nordkorea strahlt etwas Düsteres, etwas Surreales aus. Ein Land, das in seiner eigenen Welt lebt, ein Land, in dem den Menschen erzählt wird, dass sie in Wohlstand leben und der Rest der Welt in Armut. Ein Land, das schon einige Hungersnöte durchstehen musste, ein Land, in dem Lügen auf der Tagesordnung stehen. Auf „Stern des Nordens“ habe ich mich lange gefreut, weil ich noch nie einen Thriller gelesen habe, der in Nordkorea spielt – und er hat mich schwer beeindruckt.

Es gibt anfangs drei Erzählstränge – den von Jenna, den von Cho und den von Frau Moon. Jenna ist die Zwillingsschwester von Soo-min, die vor zwölf Jahren – 1998, das Buch spielt größtenteils 2010 – entführt wurde. Dass sie entführt und nicht ertrunken ist, dessen ist sich Jenna recht schnell sicher. D.B. John beschreibt uns eindrucksvoll die Beziehung zwischen Jenna, die eigentliche Jee-min heißt, und Soo-min. Zwei Schwestern, die über tausende Kilometer ohne Telefon und Internet kommunizieren können – so eine Beziehung gibt es nur zwischen Zwillingen. Seit dem Verschwinden ihrer Schwester ist Jenna allerdings psychisch labil und hat immer wiederkehrende Albträume, gegen die sie zwar Medikamente nimmt, die ihr ihr Psychiater aber eigentlich nicht mehr geben will.

Cho gehört zu Nordkoreas Elite. Er ist Anfang dreißig und damit nur minimal älter als Jenna, die dreißig ist. Cho ist verheiratet und hat einen Sohn, der durchgehend Puzzle genannt wird. Sein Bruder und er wurden adoptiert, was gleich zu Beginn eine Rolle spielt, denn sein Bruder soll in naher Zukunft zu einem hochrangigen Posten befördert werden – vorher müssen aber die Ahnen der beiden ausgeforscht werden. Sollten diese der unteren von insgesamt drei Nordkoreanischen Kasten angehört haben, könnte es statt der Beförderung auch die Todesstrafe bedeuten.

Frau Moons Erzählstrang konnte ich anfangs nicht wirklich einen Sinn abgewinnen, vielmehr scheint er den Alltag einer normalen Nordkoreanerin zu beschreiben; permanente Schikanen inklusive. Frau Moon arbeitet eigentlich in einer Fabrik – nachdem sie bei einem Überwachungsballon allerdings westliche Schokokekse findet, verhökert sie diese um viel Geld und eröffnet damit ein kleines Gewerbe am örtlichen Markt. Frau Moon ist ein grundsympathischer Charakter, der sich durchzusetzen weiß und sich von niemanden etwas sagen lässt.

„Stern des Nordens“ ist ein sehr faktenorientierter Thriller, der aber zu keiner Zeit auf die Geschichte vergisst und von Anfang an eine umfassende Atmosphäre schafft. Das Buch packt einen von Anfang an und zieht einen durch eine Welt, in der keiner richtig glücklich ist – obendrein ist es hochinteressant, wenn man sich für das Thema interessiert. Man merkt nicht nur am üppigen Anhang, dass sich D.B. John umfassend mit Nordkorea beschäftigt hat. Nicht zuletzt, weil er „Schwarze Magnolie: Wie ich aus Nordkorea entkam" geschrieben hat, verleiht er „Stern des Nordens“ auch  eine irrsinnige Authentizität.

Das Buch beinhaltet alle Farben, die ein Thriller haben kann: Schwarz, Weiß und alle Grautöne dazwischen. Wem welche Farbe zukommt, muss allerdings jeder selbst entscheiden. Gegen Ende setzt John auch ein mutiges Statement betreffend des Umgangs mit Nordkorea, über den man durchaus nachdenken könnte, der aber auch Risiken beherbergt. Ich kann jedenfalls nur sagen, dass mich „Stern des Nordens“ schwer beeindruckt hat und ich hoffe, dass es nicht der letzte Thriller von D.B. John bleibt.

Negativ sei noch angemerkt, dass nicht ganz ersichtlich ist, warum das CIA an Jenna herantritt und sie anwirbt. Dass sie den höchsten IQ Virginias hat, ist mir zu wenig – zumal Jennas psychische Instabilität erschwerend hinzukommt, die irgendwann allerdings gar keine Rolle mehr zu spielen scheint.

Auch die Action am Ende passt nicht wirklich zum sonst eher ruhigen Plot. Außerdem fand ich die teilweise Verherrlichung von Crystal Meth nicht so gut.

Tl;dr: „Stern des Nordens" ist ein sehr faktenorientierter und atmosphärischer Thriller, der großteils im düsteren Nordkorea spielt und einen von Anfang bis Ende packt. Der großteils ruhigen Thriller wartet mit einem sehr actionreichen Showdown auf, was nicht ganz zur restlichen Geschichte passt. Auch, dass teilweise härteste Drogen verherrlicht werden, fand ich nicht gut.

Stern des Nordens - D. B. John
Stern des Nordens
von D. B. John
(67)
Buch (Paperback)
16,99

Just another Abzählreim

Krimisofa[dot]com , am 31.10.2018

Jonas Winner habe ich seit einiger Zeit auf meinem to-read-Zettel. Mit „Die Zelle“, in dem ein Junge im Keller des Hauses seiner Eltern eine sonderbare Entdeckung macht, hat mich Winner überzeugt. Danach kam „Murder Park“, das auf einer fiktiven Insel in den USA spielt, auf der ein Serienmörder-Vergnügungspark entstehen soll. Vom Konzept ist „Die Party“ „Murder Park“ recht ähnlich – nur doch etwas anders.

In „Die Party“ sucht man lange nach einem Protagonisten, dem Charakter, der im Mittelpunkt steht – und findet ihn doch nicht. Lange dachte ich: „Wird wohl wie in ‚Glorreiche Ketzereien‘ sein, irgendwann wird er sich schon herauskristallisieren“ - nope. Und irgendwie dann doch, denn vor allem Brandon drückt der Geschichte durchaus seinen Stempel auf. Er lässt es zu Beginn gleich ordentlich krachen und begrüßt seine Gäste mit einem herzhaften Suizid. Kurze Zeit später will eine der Charaktere dann herausgefunden haben, dass Brandon an so etwas wie Rinderwahn bzw. Creutzfeldt-Jakob gelitten haben soll und ohnehin schon etwas gaga im Hirn war – egal, getrauert wird später. Wenn man dafür Zeit hat. Denn länger als vierundzwanzig Stunden soll der tödliche Spaß ohnehin nicht dauern. Danach hat man es hinter sich – tot oder lebendig.

Misstrauen wird hier jedenfalls groß geschrieben. Und irgendwann stößt man unweigerlich auf folgendes Zitat: „Was wissen wir denn über Kim? Über Donna, Nick?“ - ja, das habe ich mich allerdings auch die ganze Zeit über gefragt. Viel ist es jedenfalls nicht, was wir erfahren. Denn die Charaktere sind alle dermaßen blass, dass man genau so gut sagen könnte, dass Kim Donna ist und Nick Kim ist. Winner gibt einigen Charakter en zwar den Hauch einer Geschichte – Nick ist zum Beispiel Autor, Donna hat schwarze Eltern, ist aber selber weiß und Henry wurde früher gemobbt –, aber kein klares Profil. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, wer Kim ist oder was sie macht; das selbe bei Terry. So wirken die Charaktere einfach nur generisch.

Das Konzept ist ebenfalls alles andere als innovativ, denn so etwas hatten wir bereits bei Agatha Christie, David Morrell, Leonora Christina Skov, und wie gesagt, bei Winners „Murder Park" Und so ist „Die Party“ leider just another Abzählreim. So sehr ich solche Bücher auch mag, aber zwei mal innerhalb eines Jahres, noch dazu vom selben Autor, brauche ich so etwas eigentlich nicht. Auch wenn sich Winner in der zweiten Hälfte einige Kniffe und Twists ausgedacht hat, die mir durchaus gefallen haben, bleibt es am Ende ein Abzählreim. Apropos Ende, welches jener Teil von Winners Bücher sind, die immer eine besondere Überraschung bereithalten und die mich schon öfter zum grübeln gebracht haben: da ist diesmal leider gar nichts zum grübeln dabei.

Obwohl das Buch am 31. Oktober 2018 – also gewissermaßen in der Zukunft – spielt, atmet das Buch die 1980er, jene Zeit, in der sämtliche Charaktere junge Erwachsene waren – genau wie Winner sind sie heute der 50 näher als der 40, was ihr Alter betrifft. Das hat dann doch etwas, denn normalerweise tritt in solchen Horror-Geschichten (das „Thriller“ am Cover kann man getrost streichen) doch eher die jüngere Generation an. Doch hier haben wir Menschen, die mitten im Leben stehen – was ihr Verhalten und ihr Denken angeht, unterscheiden sie sich aber nicht von den Jungen.

Dennoch: Das war "Die Party" im Vergleich zu seinen Vorgängern eher ein Satz mit X. Schade.

Tl;dr: "Die Party" von Jonas Winner spielt zwar 2018, atmet aber durchgehend die 1980er. Sonst hat der neueste Thriller - der eigentlich mehr Horror ist - von Winner aber nicht allzu viel zu bieten. Blasse Charaktere, ein Schema, das uns schon öfter begegnet ist und eine Geschichte, die trotz aller Kniffe und Twists nicht allzu viel hergibt. Am enttäuschendsten ist aber das Ende, das normalerweise Winners Paradedisziplin ist - das ist diesmal einfach nur schwach. Schade.

Die Party - Jonas Winner
Die Party
von Jonas Winner
(77)
Buch (Paperback)
12,99

Besticht durch einen rasanten und klugen Plot

Krimisofa[dot]com , am 24.10.2018

Dieses Buch erscheint nicht zum ersten Mal – die Geschichte als solche hat JP Delaney schon einmal herausgebracht. Unter anderem Namen. Es wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und war doch ein Misserfolg. Grund genug, die Geschichte umzuschreiben und zu relaunchen, denn JP Delaney hat sich mit „The Girl Before“ einen Namen gemacht – der Erfolg ist also vorprogrammiert. Mich hat „The Girl Before“ beeindruckt, also hab ich mich auf den Nachfolger gefreut – und wurde nicht enttäuscht. Oder doch?

Claire Wright ist 25 und Vollwaise. Ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. Sie saß mit im Auto, überlebte, hat aber kaum eine Erinnerung daran. Danach wurde sie von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht und landete schließlich bei einer, bei der sie vom Vater sexuell belästigt wurde. Das alles klingt, als wäre es vom Reißbrett konstruiert, denn solchen Szenarien begegnet man in Büchern oft genug. Als Claire in die Schule kam, wurde sie gemobbt; und da begann Claires Schauspielerkarriere. Sie benahm sich fortan wie alle anderen und imitierte deren Dialekt. Damals war sie in England – heute ist sie in New York und nimmt Schauspielunterricht. Ihre Karriere in England hat sie sich bereits verbaut, weil sie eine Affäre mit einem Schauspielkollegen hatte; doch in New York läuft es nicht besser, weil ihr ihr Ruf nachhängt – die Chance auf ein Engagement sind gelinde gesagt miserabel. Nachdem sie auch noch den Job bei der Anwaltskanzlei verliert, für die sie Ehebrecher entlarvt hat, steht sie vor dem Aus. Also bietet sie sich der Polizei an, um eines ihrer Opfer des Mordes zu überführen.

„Believe Me“ ist etwas komplett anderes als „The Girl Before“, das merkt man sofort. In „The Girl Before“ stand ein hypermodernes Haus im Mittelpunkt – bei „Believe Me“ ist es der französische Schriftsteller und Lyriker Charles Baudelaire, der über allem schwebt. Seine Gedichte aus dem Sammelband „Les Fleurs du Mal“ werden immer wieder zitiert und dienen unter anderem als Handlungsanleitung für diverse Morde – vor allem für den an Stella, Patrick Foglers Frau. Fogler ist Baudelaire-Experte und Hauptverdächtiger in diesem Fall – Claire soll ihn mit ihren Schauspielkünsten einlullen und überführen. Das klingt anfangs ziemlich unglaubwürdig, weil Claire einerseits keine Ahnung von Polizeiarbeit, geschweige denn von Undercover-Einsätzen hat – andererseits ist die Idee dann doch nicht die schlechteste. Und wie sonst soll Claire ihre Mietschulden bezahlen? Also wirft man die Bedenken recht schnell über Board, weil der Plot dann doch einiges hergibt und sowohl Claire mit ihrem schauspielerischen Können – sie ist eine der besten in der Schauspielschule –, als auch Patrick mit seiner intellektuell Art zu gefallen wissen.

Zwischendurch begegnen uns immer wieder Passagen im Drehbuchstil – das ist einerseits eine gute Idee, weil es Claires Geschichte authentischer macht; andererseits habe ich nicht ganz durchblickt, was uns der Autor damit sagen will, denn so richtig konsequent wird der Stil nicht eingesetzt. Apropos Stil: Das Buch ist durchgehend im Ich-Erzählstil gehalten, also stets aus der Sicht Claires und die Geschichte ist in drei Teile unterteilt, die alle kurze bis sehr kurze Kapitel haben. Wobei der dritte Teil für mich dann leider doch einiges an Füllmaterial beinhaltet um die Geschichte zu strecken. Da benötigt man teilweise einen langen Atem.

Das Ende ließ mich etwas ratlos zurück. Nicht dass die Geschichte nicht abgeschlossen wäre, aber mir hat dann doch etwas Hintergrund bei der Auflösung gefehlt. Delaney hat es sich durch die Ich-Erzählung etwas einfach gemacht und entscheidende Dinge dem Leser einfach vorenthalten um die Spannung hochzuhalten.

Und um noch kurz über die Charaktere zu sprechen, mit denen Claire zusammenarbeitet – der Ermittler Frank Durban und die Psychologin Kathryn Latham: völlig farblos. Latham ist von dem Fall besessen und davon überzeugt, dass Patrick der Mörder ist, das war's aber. Und wozu Frank in der Geschichte ist? No idea.

Tl;dr: „Believe Me“ von JP Delaney ist ein komplett anderes Buch als „The Girl Before“, besticht aber durch einen rasanten und klugen – ja fast intellektuellen – Plot. Das Buch beschreibt die Geschichte einer talentierten Schauspielschülerin, die nun einen Undercover-Einsatz für die Polizei absolvieren soll. Das wirkt mangels Erfahrung etwas unglaubwürdig. Dazu kommt, dass das Ende etwas seltsam wirkt und die meisten Charaktere blass sind.

Believe Me - Spiel Dein Spiel. Ich spiel es besser. - J. P. Delaney
Believe Me - Spiel Dein Spiel. Ich spiel es besser.
von J. P. Delaney
(40)
Buch (Paperback)
15,00

 
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