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Meine Bewertungen

Eine italienische männliche Amelie

Kaffeeelse , am 26.05.2019

Domenico Dara hat hier einen ungemein warmherzigen und auch etwas märchenhaften Roman geschrieben, der nur so sprüht vor italienischem kleinstädtischem Flair der 60er Jahre. Die Sprache ist einfach gehalten, manchmal etwas gefühlsüberfrachtet, hat aber auch wunderschöne Passagen. Die Geschichte entwickelt sich etwas langsam, ein Lesesog ist aber definitiv vorhanden, er wäre in meinen Augen nur noch etwas ausbaufähig. Alles in allem ist dieses Buch eine nette und entspannende Unterhaltung, die zeigt, dass der Autor einen Blick für die Menschen und ihre Gefühle hat, und hier vor allem für die Liebe.


Zur Geschichte: Der Postbote von Girifalco, einem kleinen italienischem Ort, hat einen Blick und ein Herz für seine Mitmenschen. Der sehr empathische Mensch hat aber auch ein etwas merkwürdiges Hobby, er liest die Post seiner Mitbürger aus Girifalco, möchte alles über seine Nachbarn wissen und greift auch manchmal in deren Korrespondenz ein. Allerdings in helfender Mission. Eine Geschichte, die mich sehr an "Die fabelhafte Welt der Amelie" erinnert hat, nicht nur dadurch, dass der Hauptcharakter in die Leben seiner Mitmenschen eingreift, sondern auch durch die empathische und warmherzige Zeichnung der Charaktere.

Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall - Domenico Dara
Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall
von Domenico Dara
(34)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,00

Freundschaft oder Abhängigkeit ?

Kaffeeelse , am 24.05.2019

Mit diesem Buch von Friedemann Karig hatte ich in letzter Zeit so meine Probleme oder Befindlichkeiten, ich weiß nicht so recht. was mir einerseits etwas Probleme bereitet hat, war der Schreibstil, teilweise ist dieser fast nüchtern berichtend, in einer recht kalten Sprache gehalten und dann kommen wieder fast philosophisch anmutende Gedanken, die es in sich haben, die wirklich gut sind oder Satzteile, die zum Schmelzen schön sind. Aber gesamt betrachtet passt alles nicht so richtig zusammen. Für mich, mein Leseverhalten, für meine Lesevorlieben ergibt das Ganze kein stimmiges Bild. Dann kam für mich nicht so der Lesesog auf, es ist eigentlich eine spannende Geschichte, die der Roman beinhaltet, aber der Autor schafft es nicht mich zu begeistern. Schade. Und insgesamt wirkt die ganze Geschichte auf mich arg konstruiert, kommt recht wenig echt und glaubhaft rüber. Ich hatte auch meine Probleme die Handlungen der beiden Hauptakteure nachzuvollziehen, zu begreifen. Und gefallen haben mir die Aktionen der Beiden schon gar nicht. Müssen sie aber auch nicht.


Zur Geschichte: Es geht um eine Freundschaft, um die Freundschaft zwischen dem namenlosen Ich-Erzähler und Felix. Die zwei sind seit der Kindheit befreundet. Felix verschwindet und der Ich-Erzähler sucht ihn und fährt ihm hinterher, nach Kambodscha, in den Dschungel. In Rückblenden wird die Geschichte der Beiden erzählt, man gewinnt Einblicke in den Dschungel des Beziehungsgeflechtes der beiden Hauptcharaktere und irgendwie wirkt der Ich-Erzähler recht abhängig von Felix, merkwürdig abhängig, schon krankhaft anmutend. Auf der Suche nach dem Freund macht sich der Ich-Erzähler Gedanken über die Gefühle für den Freund, ein Selbstfindungstrip in Kambodscha, der mich merkwürdig kalt hinterlässt, der aber gespickt ist mit vielen interessanten Beobachtungen, die unsere Welt und Lebensweise betreffen und kritisieren und sehr zum Nachdenken anregen. Diese Gedanken fand ich sehr interessant, die Geschichte der beiden Freunde ist in meinen Augen in der Art des Erzählens noch ausbaufähig.

Dschungel - Friedemann Karig
Dschungel
von Friedemann Karig
(32)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Ein Blick auf eine junge Ehe Ende der 20er Jahre im mittleren Westen der USA

Kaffeeelse , am 14.05.2019

Betty Smith erzählt hier die Geschichte von Annie und Carl, ein junges Paar, welches in einer Kleinstadt im mittleren Westen der USA zusammentrifft. Beide hatten sich in New York kennengelernt, sind seit 4 Jahren ein Paar. Jetzt in dieser Kleinstadt, Annie ist 18 Jahre und Carl ist 20 Jahre alt, werden sie heiraten, gegen den Willen der Eltern. Wir sind im Jahr 1927. Das Heiraten gegen den Willen der Eltern empfinde ich als etwas nicht so Alltägliches in dieser Zeit.


Der Roman wurde 1963 von der 1896 geborenen Betty Smith geschrieben, die Handlung ist Ende der 20er Jahre angesiedelt. Es fließen also Einflüsse aus verschiedenen Zeiten in das Buch ein. Und genauso entdecke ich auch viele autobiographische Details in diesem Roman, wenn ich mir die biographischen Daten von Betty Smith ansehe. Und genauso interessant und mutig und sehr ehrlich empfinde ich da die Zeichnung der Figur Annie. Was könnte man da zur Person von Betty Smith vermuten? Noch ein Grund warum ich diesen Roman bemerkenswert finde.


Um auf die Geschichte zurückzukommen, es werden die Geschehnisse im Leben der beiden jungen und naiven Eheleute geschildert, die von zu Hause weg, sich jetzt selbst um die Realisierung ihrer Lebensbedürfnisse kümmern müssen. Dabei stoßen sie natürlich auf einige Probleme, die sie aber doch recht geschickt lösen und damit sicher auch wachsen, die auch durch ihre Liebe füreinander gemeistert werden können. Dabei ist es interessant, dass Betty Smith den beiden Figuren einen etwa gleichwertigen Rang gibt. Nun ist der Text recht einfach zu lesen, ist in einer recht einfachen und natürlich etwas antiquierten Art und Sprache verfasst. Aber der Text hat auch etwas sogartiges, intensives und starkes, denn die Geschichte der Beiden hat es auch in sich, zeugt von Veränderungen, ist aber trotzdem eine seichte Geschichte der 60er Jahre.


Genauso ist es ein Buch, welches die Liebe der Protagonistin zur Literatur/zum Schreiben beinhaltet. Etwas was mir natürlich sehr gefallen hat. Und was auch sehr deutlich zeigt, was eine Liebe zu Etwas/ein Brennen für Etwas einem Menschen geben kann.


Und wenn man bedenkt, dass die Figur Annie ja eine Frau ist, eine Frau die schreiben will und das in den 20er Jahren, zeigt das Buch auch die Möglichkeiten der Veränderung in der Rolle der Frau.

Glück am Morgen - Betty Smith
Glück am Morgen
von Betty Smith
(10)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

Mein Haar hat die Farbe von Milch

Kaffeeelse , am 06.05.2019

"Die Farbe von Milch" ist die Geschichte eines 14-jährigen Mädchens, die Geschichte von Mary, man schreibt das Jahr 1830, wir befinden uns auf dem Land, wahrscheinlich auf dem englischen Land. Die Geschichte ist in einer recht einfachen Sprache geschrieben, eine einfache Sprache, die der Leserin auch den Bildungsstand des Mädchens vermittelt. Aber genauso auch eine immense Nähe zwischen Leserin und Protagonistin erzeugt. Ebenso ist die Geschichte von einer bedrohlichen und düsteren Grundstimmung geprägt, man spürt es liegt etwas in der Luft und man wartet gespannt auf das Kommende. Diese Geschichte erzeugt einen deutlichen Sog bei mir und ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen. Und das Buch hat mir sehr gefallen.

Mary, eine Bauerstochter, hat kein einfaches Leben, muss viel schwere Arbeit auf dem Bauernhof erbringen, die Familie ist arm und hat fast keinen Besitz. Der Bauernhof wird von dem gewalttätigen Vater geleitet und die Bewohner des Hofes haben zu funktionieren. Wenn dies einmal nicht so klappt, wird nicht geredet, sondern geschlagen. Mary ist nicht nur optisch auffällig, sondern auch noch gehbehindert, dadurch erbringt sie auch nicht das erwünschte Arbeitspensum, steht in der Hierarchie des Bauernhofes recht weit unten.

Trotzdem hat sich die geistig recht gut aufgestellte Mary ihre positive Weltsicht bewahrt, sie sieht immer irgendwo das Gute, beobachtet ihre Umgebung recht genau, weiß diese mit ihren recht präzisen aber ungefilterten Meinungen aufzurütteln, zu verblüffen und schildert ihr Leben in einer einfachen, aber sehr positiven Form. Dies macht sie sehr sympathisch.

Einen Freund hat sie auf dem Bauernhof, ihren Großvater, dieser sieht das Potenzial von Mary und die Beiden tun sich gut. Beide sind empathische Menschen, stehen damit aber allein auf dem Bauernhof.

Dann tobt das Leben …

Und Mary kommt ins Pfarrhaus, soll der kranken Pfarrersfrau helfen. Sie lernt eine neue Welt kennen, eine reichere Welt. eine auch vom Arbeitspensum deutlich einfachere Welt, durch ihr sympathisches Wesen lernt sie auch hier schnell menschliche Zuneigung kennen.

Dann tobt das Leben wieder ...

Die Farbe von Milch - Nell Leyshon
Die Farbe von Milch
von Nell Leyshon
(66)
Buch (gebundene Ausgabe)
18,00

Schuld

Kaffeeelse , am 05.05.2019

"Am Tag davor" ist ein wirklich schönes Buch, geschrieben von einem Autor, den ich noch nicht kannte. Der mich aber mit diesem Buch definitiv von seinem Können überzeugen konnte und der mich mit diesem Roman sehr neugierig macht auf weitere literarische Schätze aus seiner Feder. Denn genau diese literarischen Schätze produziert Sorj Chalandon. 4 Punkte gab es von mir, weil das letzte Quäntchen für mich gefehlt hat, aber das lag eher am Thema, weniger am Autor. Erwähnenswert ist in meinen Augen seine Sprache. Es sind in diesem Buch eher kurze und prägnante Sätze zu finden, aber in der Kürze werden soviel Tiefe und Gefühle transportiert, dass es den Leser schier umhaut. Da ist ein Autor, der sein Handwerk definitiv versteht, den Lesenden in einen Sog reißt und erst nach Beendigung des Buches wieder loslässt. Und Sorj Chalandon ist ein Autor, den ich unbedingt empfehlen möchte und von dem ich definitiv weitere Bücher lesen werde.

Mit dem Buch "Am Tag davor" setzt Chalandon dem Bergbau und seinen Arbeitern literarisch ein grandioses Denkmal. Dieses Buch macht betroffen über die Arbeitsbedingungen der Bergleute in den 70ern und informiert den Leser sehr detailliert, was eine reine Gewinnsucht und damit verbundene Sparmaßnahmen in gefährlichen Arbeitsbereichen herbeiführen können/herbeigeführt haben. Die Unfälle in den französischen Bergwerken und auch anderswo sind ja schließlich keine Fiktion, sondern leider Realität. Lebensgefährlich ist die Arbeit unter Tage ja schon durch die Örtlichkeit und die Arbeitsbedingungen, aber wenn reine Geldgier dies alles noch verschlimmert und Menschlichkeit verschwindet, steht man als Leser einfach tief schockiert da und ist empört über diese Geringschätzung menschlichen Lebens.

Ein weiteres großes Thema dieses Romans ist der Verlust von geliebten Menschen und was das mit den überlebenden Menschen macht/machen kann. Und auch hier weiß der Autor seine Charaktere mit einer ungeheuren Empathie zu zeichnen. Und den Leser tief zu beeindrucken und zu berühren.

Das letzte große Thema von "Der Tag davor" ist die Schuld und die Rache, die Moral und die Sühne. In einem wirklich fulminanten und großartigen Ende darf sich der Leser Gedanken zu diesen Punkten machen. Und am Ende ist man überrascht und tief beeindruckt. Ein wundervolles Buch! Lesen!

Der Autor hat mal gesagt: Jedes meiner Bücher entspricht einer Wunde. Eine wirklich wahre Beschreibung dieses Buches!

Am Tag davor - Sorj Chalandon
Am Tag davor
von Sorj Chalandon
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,00

Familienbande

Kaffeeelse , am 27.04.2019

In diesem nicht chronologisch aufgebauten Roman von Frau Anne Tyler geht es um die Familie Whitshank aus Baltimore in Maryland. Die Eltern Abby und Red Whitshank bilden hier das Zentrum in der Familie. Dazu kommen dann noch die Kinder Amanda, Jeannie, Dennis und Douglas (Stem) samt ihren Angetrauten und Kindern. Ebenfalls mit einbezogen werden Reds Eltern Jurvis Roy (Junior) und seine Frau Linnie Mae und Reds Schwester Merrick. Das wären soweit die Hauptcharaktere der Familie Whitshank in diesem Roman. Tja, um was geht es hier in diesem Buch. Um nichts Aufregendes oder Spektakuläres. Es geht um das alltägliche Leben der Menschen, ihre alltäglichen Sorgen und Nöte eben. Es geht ums Altwerden und was das mit den Menschen macht, es geht um die Liebe zwischen den Menschen, ganz besonders bei den verheirateten Exemplaren und die Veränderung dieser Empfindung über die Jahre und ebenso geht es auch um Probleme zwischen den Ehepartnern, es geht um Probleme zwischen Eltern und Kindern, es geht um die positiven und negativen Seiten der Empathie, es geht um Geschwisterrivalität und Geschwistermachtkämpfe, es geht auch um die Abgrenzung von Personen innerhalb der Familie, es geht um die Geltungssucht des Menschen und ihre Auswirkungen auf nahestehende Personen, es geht um die Durchsetzungskraft des Menschen, es geht um das Kinderaufziehen und um das Kindererziehen, es geht um die Demenz und deren Auswirkungen auf den Betroffenen und das Umfeld (absolut wunderbar und sehr einfühlsam beschrieben), es geht ums Sterben und das darauffolgende Alleinsein für den Überlebenden. Es geht um die ganzen interfamiliären Beziehungen, wie bereichernd, aber auch anstrengend Familie sein kann. Dabei versucht die Autorin die Charaktere immer aus verschiedenen Sichten heraus und auch zu verschiedenen Thematiken zu beleuchten und schafft so bei mir öfters mal einen Meinungswechsel ihren Charakteren gegenüber, genau dies hat sie bei diesem Roman ganz besonders schön und überaus interessant hinbekommen, wie ich meine.


Und das von einer Autorin, die Menschen und ihre Beziehungen außergewöhnlich gut beobachten und erfassen, aber auch wiedergeben kann. Und das mit diesem ganz gewissen Sarkasmus, der dich schmunzeln lässt, der dir aber manchmal auch das Schmunzeln erstarren lässt. Und das Ganze geschieht über sehr komplexe Charakterzeichnungen, die auch überaus authentisch daherkommen. Ich liebe ihren Schreibstil! Ein schöner Stil mit genau dem richtigen Lesesog. Dies war das zweite Buch von ihr, welches ich gelesen habe, wird aber ganz gewiss nicht das Letzte gewesen sein.

Der leuchtend blaue Faden - Anne Tyler
Der leuchtend blaue Faden
von Anne Tyler
(12)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,90

Regen in Paris und ein Blick auf die Malegardes

Kaffeeelse , am 23.04.2019

Tatiana de Rosnay beschreibt hier in einer wundervollen und klangvollen Sprache und einem, mich sofort in seinen Bann ziehenden Schreibstil, vor einem erst tristen, bald bedrohlichen Bild eines verregneten Paris ein Treffen der Malegardes, einer amerikanisch-französischen Familie. Die Eltern, die 61-jährige Lauren Malegarde, die amerikanische Mutter und der bald 70-jährige Paul Malegarde, der französische Vater laden ihre 39-jährige Tochter Tilia und ihren 36-jährigen Sohn Linden nach Paris ein, es soll gefeiert werden, und zwar der 70. Geburtstag des Vaters Paul und der 40. Hochzeitstag der Eltern. Dazu reisen die Tochter Tilia, eine Malerin, aus London und der Sohn Linden, ein Fotograf, aus San Francisco an. Ein uns bekanntes Bild einer Familienzusammenkunft also.


Durch die sehr bedrückende und belastende Situation des nicht aufhörenden Regens in Paris und noch einige plötzliche Ereignisse bei den Malegardes wird eine sehr dysphorische Stimmung erzeugt, die Tatiana de Rosnay durch ihre Kunst mit der Sprache umzugehen, noch gut zu ergänzen weiß. Ein noch stärkerer Lesesog entsteht.


Wie bei vielen Familienzusammenkünften, kommen auch hier viele bisher unbesprochene Themen an die Oberfläche. Durch das Setting und die plötzlichen Ereignisse in der Familie Malegarde geraten alle Familienmitglieder an ihre Grenzen, bisher unterschwellige Probleme innerhalb der Familie treten an die Oberfläche und es wird endlich nach und nach gesprochen; einige Familienmitglieder wachsen ebenso durch ihr Handeln über sich hinaus und das Ganze, obwohl das Setting nicht absolut real ist, aber durchaus real sein könnte, wird dem Lesenden sehr authentisch erzählt. Die Familienmitglieder sind mir beim Lesen ans Herz gewachsen, ein sehr schönes Gefühl entstand in mir beim Erkunden der Malegardes.


Aber nicht nur über die jetzige familiäre Situation wird gesprochen, genauso ist es auch ein Trip in die Vergangenheit, in die Vergangenheit von Paul.


Und genauso werden noch andere wichtige Thematiken und Geschehnisse von Paris/Frankreich besprochen. Darunter sind auch viele Thematiken, die nicht nur für Franzosen wichtig sein könnten. Und trotz dieser Dichte und Fülle von Thematiken wirkt das Buch auf mich nicht überladen. Eher lädt es zum Nachdenken ein und regt an.


Und ich kann und muss nur sagen. Unbedingt Lesen!

Fünf Tage in Paris - Tatiana de Rosnay
Fünf Tage in Paris
von Tatiana de Rosnay
(17)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Ein Blick nach Ghana und zu den Gurma von einer ghanaischen Autorin

Kaffeeelse , am 17.04.2019

Ayesha Harruna Attah schreibt hier einen Roman, der für mich zur Unterhaltung zählt. Eine spannende Unterhaltung, eine spannende Geschichte. Aber kaum literarisches, ab und zu mal einen Satz, der ins Auge springt, aber eigentlich ist es eine recht einfache Literatur, eine einfache Sprache. Aber dieses Buch hat viel Informatives, gewährt Einblicke in das Ghana des späten 19. Jahrhunderts und in das Leben der Gurma, eines Volkes im heutigen Burkina Faso und in angrenzenden Gebieten, beschreibt Landschaften und ihre Völker, beschreibt Kulturlandschaften und deren Kommunikation untereinander, beschreibt von diesem kleinen Teil von Afrika die Vielfalt der Völkerschaften, die dort leben, und auch deren Unterschiede. Daraus könnte der interessierte Leser auch schließen, was für eine Vielfalt Gesamtafrika zu bieten hatte und hat. Ebenso beschreibt dieses Buch die Unterschiede von Mann und Frau, wer allzu eingeengt liest, wird darin auch oder nur die Unterdrückung der Frau feststellen, wer genauer liest, wird gewisse Feinheiten entdecken, weibliche muslimische Gelehrte etwa, wird von mächtigen afrikanischen Königinnen erfahren, jeder aber wird in einer einfachen Geschichte erfahren, was starke Frauen schaffen könnten. Aber man sollte ebenso wissen, dass das Matriarchat viele Inseln im ansonsten patriarchalen Afrika hatte. Aber Frauen trotzdem auch im Patriarchat nicht überall unterdrückt wurden. Dieses Buch geht auch auf politisch/wirtschaftlich geknüpfte Ehen ein, thematisiert deren Folgen, thematisiert die Polygamie, allerdings alles sehr einfach und anschneidend, in die Geschichte passend, nicht größer/stärker darauf eingehend. Leider. Ebenso wird der Sklaverei Platz geschenkt, auch über das Vergrößern dieses Handels und die Gründe dafür wird gesprochen, ebenso was es bedeutet Sklave zu sein, als Sklave zu leben. Auch der Islam im westlichen Afrika wird thematisiert, allerdings ebenso kurz. Ebenso wird über das Wirken der europäischen Kolonialherren in Afrika geschrieben. All diese genannten Informationen sind aber sehr vielfältig von ihrem Betrachtungsrahmen her gewählt, die Autorin versucht auf die verschiedenen Blickwinkel der verschiedenen Parteien einzugehen, alles unparteiisch zu formulieren, in dem sie jede Partei zu Wort kommen lässt. Das gelingt ihr recht gut. Ich hätte mir aber etwas mehr Vollständigkeit bei vielem gewünscht, aber bei all diesen genannten Thematiken Vollständigkeit zu erzielen ist ein heftiges Unterfangen, würde das Medium Buch sprengen, würde eher einen Fünf Teiler füllen. Und wer liest so etwas? Vielleicht schafft dieses alles ankratzende Buch Neugier beim geneigten Leser, und wer dieser Neugier nachgeht, schafft sich mehr Wissen zum Thema Afrika. Insgesamt ist dieses Buch eine einfache, aber spannende Geschichte, aber durch die Menge an Informationen zu westafrikanischen Themen definitiv herausragend. Und es ist ein Buch, in dem eine ghanaische Autorin einen Blick auf ihr Afrika in der Zeit der europäischen Kolonisatoren wirft. Interessant!


Zur Geschichte: Zwei Frauen sind hier die Hauptpersonen, einmal befinden wir uns bei den Gurma, einem Volk im heutigen Burkina Faso, wir haben hier Aminah, Tochter eines Lederhandwerkers, die einmal wie ihr Vater Schuhe herstellen will, nicht durch eine Heirat einen Versorger finden, sondern durch eigene Arbeit für ihren Lebensunterhalt sorgen möchte. Und auf der anderen Seite befinden wir uns Salaga in Zentralghana, bei den Gonja, hier begegnen wir Wurche, Tochter einer der drei königlichen Clans von Salaga, diese Frau ist an der politischen Macht und an einem selbst bestimmten Leben interessiert. Beide Frauen müssen erkennen, dass das Leben selten das bereit hält, was man sich wünscht. Auf die eine wartet die Sklaverei und auf die andere eine aus politischen Gründen eingefädelte Ehe. Und beide versuchen ihr Leben in ihnen angenehme Richtungen zu lenken.

Die Frauen von Salaga - Ayesha Harruna Attah
Die Frauen von Salaga
von Ayesha Harruna Attah
(16)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Völkermord ist ein schwarzer Sumpf, wer nicht darin untergeht, ist für sein Leben verseucht.

Kaffeeelse , am 12.04.2019

Gael Faye kann schreiben, trotz der Übersetzung ist dieses Spiel mit den Wörtern noch merkbar, zieht den Leser in seinen Bann. Dieser Tanz mit den Wörtern ist eine Wohltat, besonders nach dem vorigen Buch. Dieses Spiel mit der Sprache gefällt, füllt aus, trotz diesem furchtbaren Thema.


Gael Faye erzählt hier auch von seiner eigenen Kindheit in Burundi, er ist Sohn eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter. Er wurde 1982 in Bujumbura geboren, also nach den meisten Unruhen in seinem Land. Hier in diesem Buch erzählt er von Gabriel, Gaby, dessen Alter mit dem des Autors übereinstimmt, der mit seiner Schwester Ana und seinem französischen Vater Michel und seiner ruandischen Tutsi Mutter Yvonne in Bujumbura in Burundi lebt. Der Vater ist Bauunternehmer und die Mutter ist Tutsi-Flüchtling aus Ruanda, wird in Burundi geduldet, ist nach einem Pogrom Anfang der 60er Jahre nach Burundi geflohen. Der französische Vater wird hier als ignorant beschrieben, der sich mit den geschichtlichen Zusammenhängen im Zwischenseengebiet(Gebiet zwischen Victoriasee, Edwardsee, Kivusee und Tanganjikasee) nicht auskennt und auch keinen Willen dazu erkennen lässt. Auch die Kinder werden weder geschichtlich noch politisch aufgeklärt, weshalb sie den herrschenden Konflikt zwischen Tutsi und Hutu nicht verstehen, es etwas spielerisch/kindlich/naiv an der Größe der Nase festmachen. Die Eltern haben sich außerdem auseinandergelebt, dass voneinander Angezogensein/Verliebtsein ist verschwunden, die Konflikte fressen sie auf und die Kinder beobachten das angstvoll und hoffen auch auf einen wieder einkehrenden Frieden zwischen den Eltern. Dann bricht 1994/1995 von Ruanda ausgehend das Grauen auch über Burundi herein.


Geschichtlich sollte man dazu wissen, im Zwischenseengebiet kam es in historischer Zeit zu größeren Einwanderungswellen von Menschen des äthiopiden Typus (schlanker Wuchs,extreme Körpergröße), die dann im 13. und 14. Jahrhundert die Herrscherschicht in den verschiedenen Staaten (Ankole,Bunyoro,Ruanda,Burundi) der bisher hier lebenden Stämme des negriden Typus bildeten und auch deren Sprachen übernahmen. Die europäischen Eroberer haben sich teils mit der bestehenden Herrscherschicht gutgestellt und oftmals behielt diese Herrscherschicht später auch einen Teil der Macht. Wobei es in der langen Zeit des nebeneinander Wohnens der Bevölkerung mit negriden und äthiopiden Typen auch zur Vermischung untereinander kam, was es auch den Europäern schwer machte zu verstehen. Der Konflikt zwischen beiden Bevölkerungsgruppen war daher schon lange da und brach immer wieder in heftigen Massakern aus, wobei beide Bevölkerungsgruppen zu den Opfern zählten. Die Europäer zeichneten sich leider im Konflikt 1994/1995 meistens durch extremes Wegsehen aus, was Ihnen übelgenommen wurde.


Was dieses Buch hier anschaulich darstellt, ist wie schnell jeder Beteiligte in dieser Gewaltspirale und diesem Hass enden kann, erschreckend schnell. Und ebenso erschreckend ist, was dieses Grauen mit den Menschen macht, dazu muss man sich vor Augen führen, dass diese Hutu-Milizen mit Macheten bewaffnet durch die Tutsi-Gebiete zogen und die Menschen mit diesen zerstückelten. Grauenhaft!

Kleines Land - Gaël Faye
Kleines Land
von Gaël Faye
(16)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Drei Frauen gehen ihren Weg

Kaffeeelse , am 12.04.2019

Bei diesem Buch von Maria Duenas handelt es sich um die Geschichte einer spanischen Einwandererfamilie in New York. Die Familie Arenas wird im New York des Jahres 1936 von unvorhergesehenen Ereignissen überrollt. Der Vater Emilio Arenas stirbt überraschend bei einem Unglück im Hafen. Die gerade erst im Januar 1936 in New York angekommene restliche Familie ist komplett mit der jetzigen Situation überfordert, der englischen Sprache kaum mächtig, sind die Mutter Remedios Arenas und deren Töchter Victoria, Mona und Luz mit einer recht ausweglosen Lage konfrontiert. Die aus ärmlichen Verhältnissen aus Málaga in Südspanien stammende Familie ist recht mittellos und sieht sich jetzt einem gewissen Schuldenberg ausgeliefert, den der Vater auch aus deren Überfahrtskosten nach Amerika aufgebaut hat, durch den Tod der Mutter von Remedios und den darauffolgenden Rauswurf aus der Wohnung in Málaga bedingt. Die durch den Schuldenberg und die Sprachbarriere negative Lage der Familie bietet kaum Hoffnung, eigentlich wollen alle drei nur schnell zurück nach Spanien. Der Unfalltod des Vaters könnte allerdings gewisse Entschädigungszahlungen ermöglichen, eine resolute Nonne und ein windiger Anwalt tauchen auf und wecken Erwartungen, das Restaurant des Vaters hatte auch schon bessere Zeiten gesehen und die anderen Jobs der Töchter spülen nicht viel Geld in die Haushaltskasse. Doch die Schulden müssen bezahlt werden.


Und so baut sich eine doch recht spannungsvolle Geschichte mit vielen Wendungen auf. Das wäre das Positive an diesem Buch, ein wirklich recht großer Sog, recht informative Einblicke in das Leben der spanischen Einwanderer im New York des Jahres 1936, und eine recht abwechslungsreiche Geschichte. Die negativen Seiten des Buches beinhalten für mich die Charakterdarstellungen der drei jungen Frauen, erst kennzeichnet sie eine Dickköpfigkeit und Halsstarrigkeit, dann sind sie wieder gefühlüberfrachtet und temperamentvoll, dann wieder überbordend naiv und leichtgläubig, dann mutieren sie fast schon zu kämpferischen und starken Charakteren. Wenn man bedenkt aus welcher Zeit und welcher Gegend diese Frauen entstammen sollen, klingt das für mich nicht schlüssig. Auch der Umgang der drei jungen Frauen mit ihrem männlichen Umfeld ist für mich nicht immer schlüssig, einerseits sind sie die naiven Dummchen, andererseits laszive Gestalten. Ja was denn nun? Ich empfand das alles als zu seifig. Ein Charakter kann ja eine Wandlung im Laufe einer Geschichte mitmachen, aber für meine Begriffe erklärt nichts in der Handlung diese Veränderung. Also schlussfolgernd kann ich sagen, "Eine eigene Zukunft" ist ein Roman mit einem hohen Unterhaltungsfaktor, allerdings sollte man sich nicht so viele Gedanken über die Schlüssigkeit der Charaktere machen.

Eine eigene Zukunft - María Dueñas
Eine eigene Zukunft
von María Dueñas
(49)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,00

 
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